Der lange Schatten des 5. April

Keiko – das geht nicht!“ Demo gegen Perus zukünftige Präsidentin Keiko Fujimori (Foto: FotosDeLucha Kevin Puelles C)

Um den Fujimorismus als politisches Phänomen von historischer Tragweite zu verstehen, muss man über aktuelle Entwicklungen in Lateinamerika hinaus blicken, in der Akteure wie Javier Milei in Argentinien oder Abelardo de la Espriella in Kolumbien einen raschen Einzug in die Politik schaffen. Die anstehende Machtübernahme des Fujimorismus in Peru ist die jüngste Entwicklung eines politisch-wirtschaftlichen Projekts, das seinen Ursprung im Staatsstreich von 1992 hat. Dieser wurde von Alberto Fujimori angeführt – dem Vater der nun zur Präsidentin gewählten Keiko Fujimori (siehe LN 605).

Wenige Wochen, nachdem er 1990 gewählt worden war, setzte Alberto Fujimori mitten in einer Wirtschaftskrise und während eines internen bewaffneten Konflikts eine der radikalsten neoliberalen Reformserien durch. Diese Privatisierungs- und Sparmaßnahmen wurden später als „Fujischock“ bekannt. Die Kampagne, die der ehemalige Präsident der Agraruniversität (UNALM) damals im Wahlkampf geführt hatte, wird von vielen Politikwissenschaftler*innen als populistisch bezeichnet. So bezog er sich auf in der peruanischen Gesellschaft marginalisierte Bevölke­rungsgruppen und positionierte sich rhetorisch gegen seinen Kontrahenten, den berühmte Schriftsteller Mario Vargas Llosa, der für die traditionelle liberale Rechte kandidierte und den Fujimori als „den Kandidaten der Reichen“ bezeichnete.

Die Wirtschaftspolitik seiner Regierung wird nicht nur diejenigen überrascht haben, die für „El Chino“ gestimmt hatten, obwohl sie gegen diese Art von Reformen waren. Auch der Internationale Währungsfonds war überrascht. Fujimori sicherte sich so die Finanzkredite von internationalen Institutionen sowie ausländische Investitionen, mit denen er schließlich die hohe Inflation in der peruanischen Wirtschaft stabilisierte, gleichzeitig aber auch eine der dramatischsten sozialen Krisen in der Geschichte der Republik auslöste. Neben dieser neoliberalen Ausprägung auf wirtschaftlicher Ebene verfolgte der Fujimorismus auf politischer Ebene eine „harte Hand“ gegen Aufständische und etablierte seine Macht nachhaltig am 5. April 1992 mit der Auflösung des Kongresses und der Ausrufung des Ausnahmezustands.

Der Ausnahmezustand diente dazu, den staatlichen Sicherheitskräften Straffreiheit zu garantieren. Diese waren für zahlreiche Menschenrechtsverletzungen und Kriegsverbrechen verantwortlich, darunter Hunderttausende von Zwangssterilisationen, Verschleppungen und außergerichtliche Morde, für die sich Fujimori 17 Jahre später vor Gericht verantworten musste (siehe LN 408). Dass die Siegerpartei der Stichwahl am 7. Juni dieses Jahres, die Fujimoripartei Fuerza Popular (FP), die politischen Ideen des Fujimorismus vertritt, war von Anfang an klar. So berichtet die Tageszeitung La República, dass die Parteivorsitzende und Tochter des siebtkorruptesten Menschen der Geschichte, Keiko Fujimori, kurz nach dem ersten Wahlgang sagte, sie wolle Präsidentin werden, um „wie mein Vater zu regieren“. Aber wie ist es möglich, dass in Peru eine Partei zur größten politischen Kraft wird, die das Erbe einer blutigen Diktatur antritt?

„Der Fujimorismus ist nichts anderes als die peruanische Ausprägung des Neoliberalismus“, meint Colcan*, Mitglied der Kommunistischen Partei Perus, im Gespräch mit den LN. „Fast mehr noch als politische Idee hat es der Fujimorismus aber geschafft, sich als kulturelles Phänomen zu etablieren. Wenn man jemandem auf der Straße sagt, man sei Anhänger Fujimoris, wird dieser nicht unbedingt an eine neoliberale Wirtschaftsauffassung oder an religiösen Konservatismus denken – es ist eher wie das Trikot einer Fußballmannschaft“, erklärt Colcan. Die Fujimori-Bewegung habe zwar ihre Schlagkraft, dahinter aber stünden jene, die seit Jahren Institutionen an sich gerissen und bestochen haben, die von großen internationalen Banken finanziert werden und die direkte Unterstützung der US-Botschaft genießen. „Trotzdem haben sie erst im vierten Anlauf und mit 50,1 Prozent der Stimmen einen Sieg in der Stichwahl erreicht. Das ist kein Zeichen von Macht oder echtem Rückhalt in der Bevölkerung“, so Colcans Überzeugung.

Der Fujimorismus ist wie ein 
Fußballtrikot

Die Verbindungen der Fujimori-Partei zum organisierten Verbrechen und ihre illegalen Finanzierungswege sind in der Tat kein Geheimnis; Keiko Fujimori selbst befand sich während einer gegen sie laufenden Ermittlung wegen Geldwäsche 10 Tage lang in Untersuchungshaft. Die FP hatte außerdem illegale Finanzmittel in Höhe von bis zu 1,2 Millionen Dollar vom brasilianischen Konzern Odebrecht sowie rund vier Millionen Dollar in bar von Credicorp, der größten Finanzholding Perus, erhalten. Das konnte die Antikorruptionsbeobachtungsstelle der Katholischen Universität von Peru (PUCP) im Rahmen des regionalen Korruptionsskandals um Odebrecht nachweisen.

Daher sind auch für Keiko Fujimoris Regierungszeit Maßnahmen zu erwarten, die sowohl den Interessen der Eliten dienen, die die politische Agenda unterstützen, sowie den Interessen der transnationalen kapitalistischen Klasse: Deregulierung des Marktes, Sparmaßnahmen und die Aushöhlung der wenigen noch verbliebenen Sozialprogramme. Dies wird jedoch unter der Führung einer politischen Gruppierung geschehen, die nur äußerst geringe Zustimmung und Unterstützung in der Bevölkerung genießt. Ohnehin herrscht in der peruanischen Gesellschaft vor allem allgemeine Unzufriedenheit, die sich zuletzt Ende 2025 auch in massiven Demonstrationen entlud.

Im Kontext der politischen Krise, die diese Unzufriedenheit ausgelöst hat, haben in den vergangenen sechs Jahren sechs Präsidenten den Regierungspalast bezogen. Drei von ihnen wurden von der Legislative ihres Amtes enthoben. Der peruanische Kongress hat gemäß Artikel 113 der Verfassung die Befugnis, einen Staatschef wegen „moralischer Unfähigkeit“ ohne vorheriges Gerichtsverfahren seines Amtes zu entheben. Ursprünglich für Fälle körperlicher oder geistiger Unfähigkeit des Staatsoberhauptes gedacht, hat diese Maßnahme in der jüngeren peruanischen Politik eine beispiellose Bedeutung erlangt. Die mit dieser Begründung eingereichten Misstrauensanträge konzentrierten sich vor allem auf die zwei vergangenen Legislaturperioden: Zwischen 2016 und 2026 wurden 20 dieser Initiativen eingereicht. Es ist bezeichnend, dass diese Entwicklung zeitlich damit zusammenfällt, dass die FP zusammen mit nicht eindeutig positionierten Kräften der Mitte und der Mitte-rechts-Parteien seit den Wahlen von 2016 über eine Mehrheit im Kongress verfügt.

Unterdrückung durch politische 
Institutionen statt exzessive Gewalt

Seit Beginn der politischen Krise wurden so Gesetzesentwürfe und -beschlüsse durchgebracht, die abweichende Meinungen unter Strafe stellen, Polizeibeamten Amnestie und Immunität verschaffen und eine Umstrukturierung verschiedener Institutionen vorantreiben. Das Verfassungsgericht, bei dessen Richterwahl der Kongress das Sagen hat, und der peruanische Justizrat, in dem strukturelle Reformen vorangetrieben wurden, die dessen Autonomie schwächten, sind die sichtbarsten Beispiele dafür. Der Kongress stützt sich auf die Verfassung von 1993 – ein Grundgesetz, das nur ein Jahr nach dem Staatsstreich von Fujimori verfasst wurde. Das Parlament hatte somit in den vergangenen zehn Jahren die Möglichkeit, ein sowohl politisches als auch wirtschaftliches Projekt zu etablieren, das zu Recht als Nachfolger des Regimes von Alberto Fujimori bezeichnet wird.

„Sie (die FP, Anm. d. Red.) wissen, dass sie jetzt, wo sie nach den Wahlen auch die Regierung übernehmen, keine exzessive Gewalt mehr brauchen, um abweichende Meinungen zu unterdrücken. Sie haben bereits alle Mittel, um diese Unterdrückung durch die Institutionen auszuüben“, meint Yaku. Sie gehört zur Brigade Yuyapuy, einer Gruppe von Aktivist*innen, die im Zuge der Protestbewegung von 2022/2023 als Netzwerk für solidarische Unterstützung und erste Hilfe bei Protesten entstanden ist. Sie und ihre Genoss*innen haben die Unterdrückung der Demonstrationen nach der Absetzung von Präsident Pedro Castillo (nachdem dieser die Auflösung des Kongresses angeordnet hatte, Anm. d. Red., siehe LN 587) im Dezember 2022 am eigenen Leib erlebt.

Fast 70 Menschen kamen dabei ums Leben (siehe LN 587). Es zeichnet sich die vollständige Machtübernahme einer Politik ab, die darauf abzielt, die wenigen positiven Maßnahmen für die Bevölkerung rückgängig zu machen, die soziale Bewegungen während einer Phase der Demokratisierung errungen haben. Diese Phase, die durch eine fragile und schlecht funktionierende Demokratie gekennzeichnet war, fand bereits vor zehn Jahren ein Ende: Das Jahr 2016 wird von verschiedenen Politikwissenschaftler*innen und internationalen Organisationen als Beginn der aktuellen politischen Krise angesehen. Doch der Widerstand gegen den antidemokratischen Trend hält an. Sowohl die breitere antifujimoristische Linke als auch die politische Gruppierung Gemeinsam für Peru, die bei den letzten Wahlen unter der Führung von Roberto Sánchez gegen die FP antrat, teilen die Sichtweise von Colcan und Yaku: Um ihr Leben und ihre Würde zu verteidigen, werden die Peruaner*innen gegen eine menschenfeindliche Ideologie kämpfen, die ihren eigenen Interessen unweigerlich zuwiderläuft.

„Mit der FP an der Spitze des Landes werden wir erleben, wie sich die Widersprüche des Systems verschärfen: Das Volk wird aus erster Hand erfahren, welche Bedingungen eine Regierung dieser Art mit sich bringt (…). Unsere Aufgabe wird es sein, deutlich zu machen, dass all dies eine Folge des Handelns der FP und der internationalen Rechten ist. Auf der Grundlage der Unzufriedenheit müssen wir in der Lage sein, die Menschen so zu organisieren und zu erreichen, wie es uns bisher noch nicht möglich war“, meint Colcan und behält den Optimismus des Willens bei: Der Widerstand gehe weiter, und wie im restlichen Abya Yala gebe es noch sehr viel zu tun.

*Aus Sicherheitsgründen werden die zitierten Personen nur mit Vornamen genannt.


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ALLE UNTER EINEM DACH

Eine schrecklich nette Familie Das Drama der Fujimoris geht in die nächste Runde (Illustration: Joan Farías Luan)

Fast dreißig Jahre lang spielte die Familie Fujimori eine dominierende Rolle in der peruanischen Politik. Alberto Fujimori regierte das Land von 1990 bis 2000 mit eiserner Hand, seine Tochter Keiko verlor zweimal nur um Haaresbreite die Stichwahl um das Präsidentenamt. 2016 erreichte Keiko mit ihrer Partei Fuerza Popular (FP) sogar die absolute Mehrheit der Stimmen im peruanischen Kongress und war damit de facto die mächtigste Person im Land. Es schien nur eine Frage der Zeit zu sein, bis sie selbst zur Präsidentin aufsteigen würde. Und Keikos Bruder Kenji errang bei den Kongresswahlen 2016 die meisten Stimmen aller Abgeordneten. Nun hat die Erfolgsgeschichte der Fujimoris ein vorläufiges Ende gefunden.

Zunächst kam es zum Bruch zwischen den Geschwistern: Ende letzten Jahres brachte Kenji Fujimori mit zehn weiteren Abtrünnigen aus der FP ein Misstrauensvotum seiner Schwester gegen den damaligen Präsidenten Pedro Pablo Kuczynski zu Fall. Kuczynski unterschrieb im Gegenzug die Begnadigung des inhaftierten Familienpatrons Alberto Fujimori (s. LN 525 und LN 526). Anschließend versuchte Kenji ein Bündnis mit Kuczynski zu schmieden und weitere Abgeordnete aus der Partei seiner Schwester abzuwerben. Beide Operationen gingen gründlich daneben: Kuczynski wurde durch das nächste Misstrauensvotum gestürzt, und Kenji ließ sich bei seinen Abwerbeversuchen filmen. Anschließend stimmte die Mehrheit der Abgeordneten auf Betreiben Keikos für den Ausschluss Kenjis aus dem Kongress.

Doch für Keiko kam es noch dicker, denn sie sitzt seit Ende Oktober im Gefängnis. Der Staatsanwalt José Domingo Pérez verdächtigt sie, als Drahtzieherin einer kriminellen Vereinigung illegale Wahlkampfspenden des brasilianischen Baukonzerns Odebrecht in Höhe von 1,2 Millionen US-Dollar umdeklariert zu haben. Als Gegenleistung für die Spende sollte Keiko laut der Ermittlungsakte dem Konzern als gewählte Präsidentin überteuerte Aufträge zukommen lassen. Staatsanwalt Pérez beschuldigt Keiko Fujimori außerdem, seine Ermittlungen massiv zu behindern. Aus diesem Grund und wegen akuter Fluchtgefahr verhängte der Richter Richard Concepción die maximal mögliche Untersuchungshaft von drei Jahren gegen die Parteichefin der FP. Ohne eine Rücknahme des Urteils wird Keiko Fujimori die nächsten Präsidentschaftswahlen im April 2021 verpassen.

Die Ermittlungen gegen Keiko Fujimori wurden Richter Concepción zufolge durch Absprachen zwischen der FP und einer kriminellen Vereinigung hochrangiger Richter, Staatsanwälte und Unternehmer*innen mit dem harmlosen Namen „Weiße Kragen vom Hafen“ behindert. Vermeintliche Köpfe der „Weißen Kragen“ waren César Hinostroza, Richter am obersten peruanischen Gerichtshof, und Walter Rios, oberster Richter in Limas Hafenbezirk Callao. Die Organisation flog im Juni 2018 auf, weil die zuständige Staatsanwaltschaft Telefongespräche verdächtiger Mitglieder abgehört hatte. Dabei kam heraus, dass die „Weißen Kragen“ Bestechungsgelder für die Vergabe von Justizposten erpressten und durch Absprachen Urteile manipulierten. Außerdem offenbarten sich durch Callao Kontakte der „Weißen Kragen“ zur Drogenmafia und weitere Verbindungen zur FP.

In einer der mitgeschnittenen Aufnahmen, die auf Youtube gehört werden kann, fordert Richter Rios für die Besetzung einer Stelle „diez verdecitos“, „zehn kleine Grüne“, von einer Bewerberin ein. Damit gemeint sind zehn Tausenddollarscheine. Rios sitzt inzwischen hinter Gittern, Hinostroza flüchtete und wurde in Spanien verhaftet.

Der Revisionsrichter war anscheindend einer der Köpfe der kriminellen „Weißen Kragen“

Ausgerechnet Richter Hinostroza, vermeintlicher Chef der „Weißen Kragen“, leitete vor seiner Suspendierung im obersten Gerichtshof die Berufungsverfahren in wichtigen Korruptionsfällen. Eine Verurteilung des FP-Genaralsekretärs Joaquín Ramírez wegen illegaler Geldwäsche hatte er bereits kassiert. Als zuständiger Revisionsrichter hätte Hinostroza auch die Anklage gegen Keiko Fujimori wegen der Gründung einer kriminellen Vereinigung zurückweisen und ihr die dreijährige Untersuchungshaft ersparen können. Keiko Fujimori ging sogar in „Vorleistung“. So stimmte eine Mehrheit um die FP im zuständigen Parlamentsausschuss zweimal gegen die Aufhebung der Immunität Hinostrozas. Unterstützung erhielt sie dabei ausgerechnet von der Partei APRA (Alianza Popular Revolucionaria Americana), aus deren Reihen der ebenfalls in den Odebrecht-Skandal verwickelte Ex-Präsident Alan García stammt. Eine Anklage gegen Hinostroza konnte damit vorerst abgewendet werden. Doch der öffentliche Druck wurde am Ende so groß, dass Hinostroza nicht zu halten war und auch nicht mehr in das Verfahren gegen Keiko Fujimori eingreifen konnte. Für seine anschließende Flucht über Ecuador nach Spanien benötigte Hinostroza indes noch einmal Hilfe, da er Peru auf richterliche Anordnung nicht verlassen durfte. Er bekam einen Ausreisestempel, wurde aber entgegen den sonstigen Gepflogenheiten nicht als Ausreisender registriert. Die zuständige Sachbearbeiterin bei seinem Grenzübertritt war zufällig die Gattin eines Kongressabgeordneten der FP.

Als weiteres mutmaßliches Mitglied der „Weißen Kragen“ wird kein Geringerer als der Staatsanwalt der Nation Pedro Chávarry gehandelt, der schon in der gleichgeschalteten Justiz des Fujimori-Regimes zum Generalsekretär der Staatsanwaltschaft aufgestiegen war. Damals gehörte es noch zu den Aufgaben der Justiz, Menschenrechtsverbrechen und Korruptionsfälle der Regierung zu vertuschen. Genau wie im Falle Hinostrozas weigert sich die Kongressmehrheit um die FP und die APRA, Chávarrys Immunität aufzuheben. Der neue peruanische Präsident Martín Vizcarra forderte Chávarry bereits mehrfach zum freiwilligen Rücktritt auf. Dieser tut stattdessen alles, um die Ermittlungen gegen Keiko Fujimori zu torpedieren, und suspendierte ohne Absprachen die mit dem Fall betraute Chefermittlerin seines Kollegen Pérez.

Durch Indiskretionen gerieten ferner Chats des engeren Führungszirkels der FP an die Öffentlichkeit, in denen Abgeordnete der Partei aufgefordert wurden, Hinostroza und Cháverry mit allen Mitteln zu unterstützen, den Staatsanwalt Pérez dagegen zu bekämpfen und zu diskreditieren. Anonyme Drohungen gegen Pérez und ein Einbruch in sein Haus während der Anwesenheit seiner Familie wertete Richter Concepción folglich ebenso als eine Behinderung der Ermittlungen wie die mutmaßlichen Absprachen und gegenseitigen Gefälligkeiten der „Weißen Kragen“ und der FP.

Die Mehrheit der Bevölkerung schaut den Manövern der FP verständnislos bis entsetzt zu

Die Kongressmehrheit beschränkt sich aber nicht nur darauf, vermeintlich korrupten Richtern und Staatsanwälten den Job zu retten. Sie wird sogar gesetzgeberisch aktiv, wenn es sein muss. Und es musste wohl sein, denn nachdem der Interamerikanische Gerichtshof für Menschenrechte die Begnadigung des Ex-Diktators Alberto Fujimori als unrechtmäßig beurteilt hatte, ordnete ein peruanischer Richter Anfang Oktober die erneute Inhaftierung des inzwischen 80-Jährigen an, der bislang nicht einmal die Hälfte seiner 25-jährigen Gefängnisstrafe abgesessen hat. Also drückte der Kongress postwendend ein Gesetz durch, das eine Begnadigung für Gefangene vorsieht, die ein Drittel ihrer Strafe verbüßt haben und älter als 78 Jahre sind. Diese Gefangenen sollen mit einer elektronischen Fußfessel unter Hausarrest gestellt werden. Präsident Vizcarra weigerte sich zwar, das Gesetz zu unterschreiben, aber es wird noch geprüft, ob seine Unterschrift überhaupt erforderlich ist.

Vorerst befindet sich Alberto Fujimori noch in einer Klinik. Fragen zu seinem Gesundheitszustand werden von den zuständigen Ärzten nicht beantwortet. Der Ex-Diktator behauptet aber, eine Rückkehr ins Gefängnis wäre sein sicheres Todesurteil. Sein Strafregister umfasst Verbrechen gegen die Menschlichkeit, die Gründung einer Todesschwadron, Mord, Entführung, Folter, Unterschlagung, Amtsanmaßung und Bestechung. Von dem neuen Gesetz würde aber nicht nur Alberto Fujimori, sondern auch sein ehemals allmächtiger und brutaler Geheimdienstchef Vladimiro Montesinos profitieren, der in bislang 34 Verfahren zu insgesamt mehr als 250 Jahren Haft verurteilt wurde. Kritiker*innen sprechen daher schon ironisch von einem Montesinos-Gesetz.

Die Fuerza Popular wurzelt ideologisch und personell in der früheren Regierungspartei Alberto Fujimoris. Im inneren Führungszirkel der FP halten sich bis heute zahlreiche ehemalige Helfershelfer*innen und Minister*innen des Ex-Diktators, die zum Teil in dessen Verbrechen verstrickt waren. Nur drei Beispiele: Fujimoris ehemaliger Wirtschaftsminister Jaime Yoshiyama, sein früherer Transportminister Augusto Bedoya und sein letzter Agrarminister José Chlimper sind laut Staatsanwaltschaft allesamt maßgebliche Strippenzieher der Geldwäscheoperationen in der aktuellen Odebrecht-Affäre. Chlimper war vor kurzem sogar noch Generalsekretär der FP und Keiko Fujimoris letzter Vizepräsidentschaftskandidat.

Die Mehrheit der Bevölkerung schaut den Manövern der FP verständnislos bis entsetzt zu. Laut aktuellen Meinungsumfragen unterstützen nur noch 14 Prozent der Bevölkerung Keiko Fujimori, knapp 80 Prozent lehnen ihre Politik ab. Bei den Regional- und Kommunalwahlen Anfang Oktober gewann die FP keinen einzigen Gouverneursposten und stellt seitdem nur noch wenige Provinz- und Bezirksbürgermeister. In Lima kam Keiko Fujimoris Bürgermeisterkandidat Diethell Columbus auf ganze zwei Prozent der Stimmen. Trotzdem wird das Land der Willkür, der Korruption und den Machenschaften der FP und der APRA vermutlich noch länger ausgeliefert sein, denn die nächsten Kongresswahlen finden erst 2021 statt. Daher werden die Appelle an Präsident Vizcarra, diesen Kongress aufzulösen, immer lauter. Doch Vizcarra, der ansonsten durchaus entschieden gegen die Korruption vorgeht, hält sich in diesem Punkt bedeckt. So bleibt vorerst offen, ob die Festnahme Keikos tatsächlich das Ende der Ära Fujimori markiert.


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GESUNDHEIT VOR GERECHTIGKEIT?

Es wirkte fast schon verzweifelt. Ein weiterer Versuch in der Reihe der unermüdlichen Anstrengungen, endlich das lang gewünschte Ziel zu erreichen: Alberto Fujimori, der wegen Mord, schwerer Körperverletzung und Entführung zu 25 Jahren Haft verurteilt worden war, aus dem Gefängnis zu holen. Im April wurde zuletzt ein Gesetzesvorhaben vor dem peruanischen Kongress vorgestellt. Der 78-Jährige ehemalige Politiker sei schwerkrank, was einen Arrest im eigenen Haus nötig mache, hieß es. Fujimori zählt zu den kontroversesten Politikern der peruanischen Geschichte. Die Auseinandersetzung zwischen den Anhänger*innen des „Fujimorismo“ und seinen Gegner*innen zeigte sich auch beim Präsidentschaftswahlkampf im vergangenen Jahr. Keiko Fujimori, die älteste Tochter des Inhaftierten, kam mit ihrer rechtskonservativen Partei Fuerza Popular als stärkste Kraft in die Stichwahl. In der zweiten Runde musste sie sich nur knapp Pedro Pablo Kuczynski von der neoliberalen Partei Peruanos por el Kambio (PPK) geschlagen geben. Dass es am Ende für Keiko an einem Prozentpunkt scheiterte, war größtenteils der Anti-Fujimori-Bewegung zu verdanken. Mit Slogans wie „Fujimori nunca más“ (Nie wieder Fujimori), demonstrierte die Bewegung in den großen Städten gegen eine erneute Machtübernahme eines Fujimoris (siehe LN 503). Auch eine mögliche Haftentlassung von Alberto Fujimori trieb viele Demonstrant*innen auf die Straße.

Trotz der Wahlschlappe sind die Bestrebungen zur Entlassung Fujimoris nicht abgeklungen, sondern haben lediglich ein neues Gesicht erhalten. So stellte der fraktionslose Kongressabgeordnete Roberto Vieira am 24. April den Gesetzentwurf Nr. 1295 zur „Regelung der Strafe für Senioren ab 75 Jahren“ vor. Mit dem Entwurf sollte eine besondere Bedingung in das Strafgesetzbuch integriert werden. Schwerkranke, alte Gefangene sollten demnach den Rest ihrer Strafe zu Hause absitzen können. Obwohl das Gesetzesvorhaben keinen konkreten Namen nannte, bestätigte Vieira, dass er das Projekt unter Berücksichtigung des ehemaligen Präsidenten entworfen habe. Vieira bestand allerdings darauf, dass der Entwurf nicht mit einer Entlassung gleichzusetzen sei: „Es ist keine Begnadigung. Es wird nichts verziehen. Stattdessen können 820 Menschen, die die Anforderungen erfüllen, die Vorteile nutzen.“

Diese Anforderungen waren, dass der Gefangene ein Drittel der auferlegten Haftstrafe abgesessen hat, älter als 75 Jahre ist und an einer schweren Krankheit leidet und sich so in einer heiklen Gesundheitslage befindet. Im Falle Fujimoris, der 78 Jahre alt ist, wären die ersten beiden Bedingungen erfüllt gewesen. Der ehemalige Diktator hatte im vergangenen Jahr das erste Drittel seiner Haftzeit beendet. Bezüglich seines Gesundheitszustandes wurden verschiedene Beschwerden festgestellt. Im Februar musste Fujimori ins Krankenhaus eingeliefert werden, da ein Bandscheibenvorfall an seiner Wirbelsäule ihm am Laufen gehindert hatte. Der Neurochirurg Carlos Álvarez erklärte, dass dies ein typisches Anzeichen des Alterungsprozesses sei, was den Patienten in seiner Beweglichkeit einschränken würde. Zusätzlich wurden beim ehemaligen Diktator weitere Leiden wie Bluthochdruck, Herzrasen, Mundkrebs und eine Magenschleimhautentzündung diagnostiziert. Fujimoris Arzt, Alejandro Aguinaga, erklärte, dass sein Patient jedoch keinen Herzinfarkt gehabt hätte: „Ein Fehler der Mitralkappe verursacht sein Herzrasen, aber kein Infarkt.“ Inwieweit diese Beschwerden ausreichend sind, den Ex-Diktator aus humanitären Gründen zu begnadigen, ist unklar. Jedoch hätte die Verabschiedung des Gesetzentwurfes Fujimori eine Möglichkeit eröffnet, seine Haft legal zu umgehen.

Trotz der Beteuerungen Vieiras, dass dieses Vorhaben rein aus humanitären Gründen ins Leben gerufen wurde, blieb die politische Motivation unverkennbar und sorgte für viel Aufsehen.

Trotz der Beteuerungen Vieiras, dass dieses Vorhaben rein aus humanitären Gründen ins Leben gerufen wurde, blieb die politische Motivation unverkennbar und sorgte für viel Aufsehen. Das Gesetz wäre nämlich nicht nur dem Ex-Diktator zu Gute gekommen. Eine Reihe weiterer Gefangener, unter denen sich auch Vladimiro Montesinos, der brutale und korrupte Geheimdienstbeauftragte der Regierung Fujimori, befindet, hätten auf diese Weise die Chance gehabt, ihre Haftstrafe in Hausarrest umzuwandeln. Laut dem Anwalt Alonso Gurmendi hätte dieses Gesetz sogar Abimael Guzmán, Anführer der maoistischen Terrororganisation „Leuchtender Pfad“, zu partieller Freiheit verhelfen können. Ein Schreckensszenario für viele Peruaner*innen, die die Grauen des bewaffneten Konfliktes zwischen der Terrororganisation und der peruanischen Armee in den 1980er und 1990er Jahren miterlebt haben.

Kritik an dem Gesetzesvorhaben äußerte auch die Fuerza Popular, die Partei des „Fujimorismo“. Die Kongresspräsidentin und Abgeordnete, Luz Salgado, erklärte im Interview mit dem Sender RPP Noticias, dass sie mit dem Hausarrest nicht einverstanden sei: „Ich möchte Alberto Fujimori frei sehen, nicht in einem Haus eingesperrt. Ich denke, dass es eine Begnadigung geben muss, und das liegt in der Macht von Präsident Kuczynski“.

Laut einer Studie des Meinungsforschungsinstituts Ipsos Perú befürwortet mehr als die Hälfte der peruanischen Bevölkerung eine Begnadigung Fujimoris aus humanitären Gründen. Diese kann allerdings nur vom Präsidenten Pedro Pablo Kuczynski erteilt werden. Außerdem wird von 54 Prozent der Befragten die auferlegte Strafe von 25 Jahren Haft als zu streng empfunden. Diese Daten sind sinnbildhaft für die weiterhin starke Unterstützung, die Fujimori in der peruanischen Bevölkerung genießt. Dass er nach seiner Wahl den peruanischen Kongress im Jahr 1992 auflöste, alle oppositionellen Kräfte im Land durch den sogenannten autogolpe (Selbstputsch) zum Schweigen brachte, die Medien zensierte und mit Hilfe von Todesschwadronen unschuldige Menschen des Terrorismus beschuldigte und ermorden ließ, scheint aus der Erinnerung vieler Menschen verschwunden zu sein.

Am 10. Mai wurde das Gesetzesvorhaben Vieiras zur Haftentlassung Fujimoris vom peruanischen Kongress abgelehnt und archiviert. Der Versuch, Fujimori aus dem Gefängnis zu holen, scheiterte damit erneut. Ausschlaggebend war ausgerechnet der Widerstand der Fuerza Popular, die sich gegen den Hausarrest und für eine komplette Begnadigung aussprach. Ob die gesundheitlichen Beschwerden des Gefangenen ausreichend sind, um eine Entlassung aus der Haft zu erreichen, bleibt also weiterhin ein strittiges Thema. Das Land ist in zwei gegensätzliche Lager gespalten. Fraglich ist auch, ob bei den vielen Verbrechen Alberto Fujimoris überhaupt eine frühzeitige Entlassung gerechtfertigt werden kann. Sind seine körperlichen Beschwerden wirklich schwerwiegender zu gewichten als die Erpressungen, Ermordungen und Entführungen, die während seiner 10-jährigen Regierungszeit stattgefunden haben? Eine Frage, die eine gründliche Reflexion benötigt – besonders von Seiten der peruanischen Regierung.


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