Deutschland braucht Migrant*innen für seinen Arbeitsmarkt, so bekräftigen Unternehmensverbände und Bundesregierung es immer wieder. In Lateinamerika rühren private Akteure, deutsche Medien und Ministerien die Werbetrommel. Besonders im Gesundheitssektor sollen lateinamerikanische Fachkräfte für die Besetzung dringend benötigter Stellen sorgen – doch die Aussage von Max Frisch aus dem Jahr 1965 ist weiter aktuell: „Wir riefen Arbeitskräfte, und es kamen Menschen.“
„Als Schwarze Person muss ich mich hier in Deutschland dreifach anstrengen, um genauso wahrgenommen zu werden, wie alle anderen”, sagt Hugo Mosquera. Der gebürtige Kolumbianer sitzt in einem Café in Berlin. Gerade ist seine Schicht als medizinischer Fachangestellter in der Praxis zu Ende, er wirkt glücklich. Nach sieben Jahren in Deutschland ist er endlich an einem Ort, an dem man ihn wertschätzt und hat eine Arbeit, von der er leben kann. Das war nicht immer so.
Mosquera, der in Kolumbien Architekturdesign studiert hatte, kam 2018 nach Deutschland. Hier schaffte er es nicht in diesem Beruf Fuß zu fassen. „Ich habe mich an vielen Orten beworben, eine Person sagte mir dann, ‚wenn bei gleicher Qualifikation zwischen einem blonden Deutschen und dir entschieden werden muss, dann fällt die Entscheidung auf den Blonden‘“, so Mosquera, der zunächst anfing bei McDonalds zu arbeiten. Schließlich entschied er sich für einen Neuanfang: Er wählte eine Ausbildung zum medizinischen Fachangestellten, da im Gesundheitssektor besonders viele Fachkräfte benötigt werden. So kam Mosquera über einen Umweg in den Sektor, der besonders um ausländische Fachkräfte wirbt
Knapp 50.000 Stellen blieben im Jahr 2024 im Gesundheitssektor in Deutschland unbesetzt. Diese Lücke sollen auch Fachkräfte aus Lateinamerika füllen. Im Juni 2023 war der damalige Bundesarbeitsminister Hubertus Heil selbst in Brasilien, um ein Anwerbeabkommen mit der dortigen Regierung zu schließen. Obwohl Brasiliens Regierung das Abkommen aufgrund von eigenem Fachkräftemangel im Juni 2025 wieder stoppte, zeigte es den dringenden Bedarf nach ausländischem Personal. Mosquera erinnert sich an Werbung, die ihm schon in Kolumbien auffiel. Darin beschrieben mutmaßliche zukünftige Arbeitgeber schnelle Jobeinstiege, hohe Lebensqualität und gute Löhne. Wenngleich mit kritischer Perspektive, veröffentlicht auch die spanischsprachige Version der Deutschen Welle regelmäßig Beiträge, die über Fachkräftemangel, Migrationsmöglichkeiten und nur bedingt über damit verbundene Probleme aufmerksam machen. Rückblickend sagt Mosquera, „sie haben einen ‚deutschen Traum‘ vermittelt, den es so nicht gibt“.
Nicht mangelnde Qualifikation, sondern mangelnde Anerkennung ist das Problem
Dies kritisiert auch Paula, die aus beruflichen Gründen lieber anonym bleiben will. Die Medizinerin wuchs in Kolumbien auf, studierte später Physiotherapie in Spanien, kam nach Deutschland und studierte an der Charité Medizin. Sie sagt, „viele Fachkräfte werden unter falschen Versprechen angeworben“. Paula baut derzeit ein Netzwerk aus Personen auf, die aus Kolumbien kommen und im deutschen Gesundheitssektor arbeiten. Immer wieder wenden sich Menschen an sie und ihre Kolleg*innen, denen höhere Löhne, der Nachzug von Familienangehörigen oder bessere Arbeitsbedingungen versprochen wurden. „Hier angekommen entledigen sich die Vermittler aus dem Ursprungsland ihrer Verantwortung“. Das harte Arbeitsklima führe bei vielen zu einem raschen Burnout, so Paula. „Unter den derzeitigen Bedingungen sind die Leute lediglich enttäuscht und wollen schnell wieder zurück“, resümiert die Medizinerin, die derzeit in einem Spital in Ostdeutschland arbeitet und ergänzt: „Das hilft niemanden“.
Paula macht zusätzlich auf einen kulturellen Faktor aufmerksam. „In Deutschland gibt es keine Willkommenskultur, niemanden der dich am ersten Arbeitstag an die Hand nimmt und sagt, ‚komm mit uns Mittagessen“, sagt sie. Dies sei nicht aus Boshaftigkeit so, sondern weil die Menschen es nicht anders gelernt hätten. Als Migrant*in müsse man sich zudem immer doppelt beweisen, „es bleibt der misstrauische Blick“, so Paula, „der beim ersten Fehler sagt, die Migrantin weiß es halt eben doch nicht so gut“. Es sei deshalb wichtig, mit guten Deutschkenntnissen hier anzukommen, alles andere würde die Kommunikation erschweren und Ausbeutung vereinfachen.
Mosquera ist in dieser Beschreibung direkter. „Was wir erleben, ist Rassismus“, sagt er. Dies beginne bei der geringeren Wertschätzung der Titel und komme im Alltag durch scheinbar harmlose Mechanismen des Auschlusses zum Vorschein. „In der ersten Praxis, in der ich arbeitete, wurde ich trotz meiner Qualifikation von einem Teil des Teams nicht wahrgenommen und als unwissend behandelt“, erinnert sich Mosquera. Während seiner Ausbildung arbeitete er als billige Arbeitskraft in der Praxis, erhielt zu Beginn lediglich einen Ausbildungslohn von 600€.
Nach der Ausbildung, versuchte er das Miteinander in der Praxis zu verbessern. Schließlich war er nun als Fachkraft angestellt. Doch er wurde weiterhin nicht ernst genommen. Es habe lang gedauert dieses Mobbing klar zu erkennen und sich bewusst zu werden, dass er daran nichts ändern kann. „Ich bin nicht Nelson Mandela, ich kann so etwas nicht“. Mosquera suchte sich deshalb eine neue Praxis.
Strukturelle Diskriminierung prägt den weiteren Berufsweg
Laut einer Studie des Deutschen Berufsverbands für Pflegeberufe erlebten rund 53 Prozent der befragten Fachkräfte aus dem Ausland rassistische Beleidigungen. Darüber hinaus erzählte die Mehrzahl von körperlichen Angriffen, Diskriminierung und ganze 79% davon, dass ihre Kompetenz regelmäßig in Frage gestellt wird. Das ist nicht nur kritisch, sondern auch unangemessen. Viele Pflegeberufe, die in Deutschland eine Ausbildung sind, werden in anderen Ländern an der Universität gelehrt. Wie Physiotherapie, die Paula in Spanien studierte. „In Deutschland habe ich schnell bemerkt, dass ich als Physiotherapeutin viel weniger Spielraum habe“, erzählt die Ärztin. Sie musste Erfahrungen und Weiterbildungen aus ihrem Lebenslauf streichen, um ernst genommen zu werden. „Die Praxen achten mehr darauf, nicht zu viel Geld auszugeben, als die Fähigkeiten ihrer ausländischen Fachkräfte für sich zu nutzen“. Sowohl Paula als Mosquera arbeiten nun mit deutschen Titeln. Mosquera meint abschließend, dass es viel schwieriger war, als er es sich zu Beginn vorstellte. „Ich würde den Weg noch einmal gehen“, erklärt Mosquera, aber er wünschte sich, dass besser über die Probleme kommuniziert wird und ausländische Kräfte nicht nur als billige Arbeitskraft ausgenutzt werden




