Es ist ein sonniger Nachmittag im brasilianischen Bundesstaat Paraná im Dezember 1984, als die damals 47-jährige Katharina Hech in der „volksdeutschen“ Siedlerkolonie in Entre Rios über ihren Vater spricht. Dieser, Stefan Hech, war im April 1941 der Freiwilligen Waffen-SS-Division „Prinz Eugen“ beigetreten „um serbische Partisanen zu bekämpfen“, wie sie ihrem Interviewpartner, dem ehemaligen Hauptsturmführer der Waffen-SS, Jakob Lichtenberger, berichtet.
Schweizer Bundesrat und Parlament ermöglichten nach dem Zweiten Weltkrieg die Umsiedlung sogenannter Donauschwaben aus Österreich und ab 1951/1952 die Errichtung einer deutsch-völkisch geprägten Siedlerkolonie in Brasilien, finanziell wie organisatorisch. Katharina Hech und ihre Familie waren Teil eines rund 2.500 Personen umfassenden Siedlungssprojekts, das von drei der vier damaligen schweizerischen NGOs – namentlich der Caritas, dem sozialdemokratisch orientierten Schweizerischen Arbeiterhilfswerk und dem Schweizerischen Roten Kreuz – vorangetrieben und schließlich von der Schweizer Regierung mit einem Gegenwert von über 98 Millionen Euro finanziert wurde.
Es war das bisher teuerste Projekt in der Schweizer Entwicklungshilfe, wie sie damals noch hieß.
Es sollte sich explizit um ein völkisches, ethnisch „rein deutsches“ Siedlerprojekt auf der Grundlage industrieller Landwirtschaft handeln. Mindestens 16 donauschwäbische Waffen-SS-Mitglieder konnten sich so in Brasilien ein neues Leben aufbauen. In 25 mit Fakten dichtbepackten Kapiteln und einem umfangreichen Anhang, der auch den Werdegang der genannten Waffen-SS-Männer nachzeichnet, hat der Berner Historiker Peter Hug detailliert dargelegt, wie es unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg zu dieser Begünstigung ausgerechnet von bekennenden Nazis und für ihre Brutalität berüchtigten Waffen-SS-Leuten kommen konnte.
Im Zentrum standen dabei drei Männer: Der kroatische Pater Josef Stefan; Michael Moor, der ehemalige Leiter der landwirtschaftlichen Zentralgenossenschaft Agraria, der im Unabhängigen Staat Kroatien zwischen 1941 und 1944 als Nazikollaborateur zu Reichtum gelangt war; und János Vajda, der Schweizer Caritas-Delegierte in Rio de Janeiro. Hinter diesen Dreien stand ein Netzwerk, das zum einen über den Direktor der Schweizer Caritas-Zentrale in Luzern und den glühenden Vertreter eines „christlich-germanischen Kulturideals“ (S. 67 im Buch), Giuseppe Crivelli, und den Fürsterzbischof in Salzburg, Andreas Rohracher, bis in den Vatikan reichte. Dieser auch offen antisemitisch auftretende „Religionstrupp“ traf auf das „Alte Kameraden“-Netzwerk, nahezu allesamt Waffen-SS-Freiwillige, um Michael Moor, der die Kolonie zunächst führte.
In der von diesem Netzwerk aufgebauten, noch heute bestehenden Kolonie herrschten – neben Korruption und Misswirtschaft – offener Führerkult und Rassismus. Die brasilianische Regierung begrüßte das Projekt gleichwohl: Sie strebte eine Ansiedlung von „Landwirten der deutschen Rasse“ (S. 25 im Buch) an, um ihre Bevölkerung „aufzuhellen“ (ebd.). Dabei wurde die Indigene Bevölkerung vertrieben und ausgebeutet. Dieser Aspekt eines postnationalsozialistischen Kolonialprojekts Schweizer Prägung ist bislang kaum untersucht. Seit dem 19. Juni liegt dem Parlament eine Interpellation der Sozialdemokratischen Partei vor, die nach der Bereitschaft zur Aufarbeitung und Wiedergutmachung fragt. Die Regierung hat bisher nicht darauf reagiert.
