
Seit wann existiert Criterio und warum habt ihr euch entschlossen, das Medium zu gründen?
Ich habe Criterio gemeinsam mit meinem Kollegen Jorge Burgos 2015 gegründet. Uns war von Anfang an klar: In Honduras braucht es ein Projekt für unabhängigen Journalismus. In einer Bestandsaufnahme haben wir festgestellt, dass 95 Prozent der honduranischen Medien von Unternehmen beherrscht werden, die Geschäfte mit dem Staat machen, die Verbindungen zur traditionellen politischen Klasse haben und von dort aus Einfluss nehmen. Wir haben beide früher für Medienkonzerne gearbeitet, deshalb wissen wir, wie man sie von innen heraus manipuliert.
Was unterscheidet eure Arbeit von den traditionellen Medien des Landes?
Wir betreiben Journalismus direkt aus den Territorien, aus der Perspektive der indigenen und afro-stämmigen Gemeinschaften. Wir geben Gruppen, die in der traditionellen Presse kein Gehör finden, eine Stimme und Beteiligungsmöglichkeiten. Wir arbeiten investigativ, unser Auftrag ist es, all das aufzudecken, was in anderen Medien verschwiegen wird.
Zu welchen Themen recherchiert ihr?
Wir recherchieren unter anderem Korruptionsfälle, die in allen politischen Lagern stattfinden. Aber immer wieder haben wir Korruptionsfälle im Umfeld von Nasry Asfura, dem aktuellen Präsidenten, aufgedeckt, wir hatten ihn schon lange im Blick, denn er ist ein korrupter Mann. Allerdings sind nach unserer Kenntnis alle Ermittlungen, die daraufhin aufgenommen wurden, immer zu den Akten gelegt worden, sobald Staatsanwälte den Fall übernahmen, die Asfura nahestehen.
Wir beleuchten auch Ursachen und Folgen des Klimawandels, nicht nur oberflächlich sondern hinter den Kulissen: Welche Rolle spielen die extraktivistischen Industrien oder Wasserkraftprojekte? Inwiefern werden dadurch die natürlichen Ressourcen der Bevölkerung geplündert, um eine privilegierte ökonomische und politische Klasse zu bereichern?
Und dann ist da noch der symbolträchtige Fall der ZEDEs (Zonas Especiales de Desarrollo Económico, auch als Privatstadt-Initiative bekannt, Anm. d. Red.), zu denen wir immer wieder arbeiten. Ich sage „symbolträchtig“, weil sich kein Medienunternehmen in Honduras traut, hier genauer hinzuschauen, denn es handelt sich um eine imperiale Macht, die diese Sonderzonen vorantreibt.
Honduras befindet sich laut Reporter ohne Grenzen von insgesamt 180 erfassten Ländern aktuell auf Platz 132 der Rangliste für Pressefreiheit. Was bedeutet das für eure praktische Arbeit?
In Honduras wurden seit 2003 mehr als 100 Medienschaffende ermordet, die Straflosigkeit liegt bei über 90 Prozent, das heißt, fast alle der Verbrechen bleiben ungestraft.
Seit unserer Gründung werden wir von verschiedenen Seiten konstant attackiert. Die Attacken kommen aus politischen, ökonomischen, religiösen und militärischen Kreisen. Sie können auch aus Richtung des organisierten Verbrechens, von Drogenkartellen oder den Maras kommen.
Unsere Webseite wurde zum Beispiel 2016 lahmgelegt und wir als Online-Medium waren mehr als einen Monat nicht über unsere Webseite erreichbar. Wir haben das bei der Staatsanwaltschaft (Ministerio Público) zur Anzeige gebracht, aber bis heute wurde der Fall nicht aufgeklärt. Unsere Social Media Konten wurden gehackt oder gesperrt. Viele Posts wurden gelöscht. Seit diesem Jahr beobachten wir einen Anstieg dieser Attacken. Deshalb haben wir beschlossen, unseren Fall bei der Menschenrechtskommission der Organisation Amerikanischer Staaten zu melden.
Welche Erklärung habt ihr dafür, dass die Angriffe in der letzten Zeit zugenommen haben?
Auch unter der vorherigen Präsidentschaft von Xiomara Castro haben Regierungsvertreter immer wieder versucht, unsere Arbeit in Verruf zu bringen, wenn ihre Interessen von unseren Recherchen betroffen waren. Sie nutzten dafür ihre eigenen sozialen Netzwerke, um uns zu diffamieren.
Aktuell beobachten wir aber eine Zunahme von Cyberattacken, die laut Experten in Cybersicherheit sehr ausgefeilte und gut orchestrierte Kampagnen sind, hinter denen viel Geld steckt. Wichtig ist zu erwähnen, dass Fernando Cerimedo auch Berater von dem aktuellen Präsidenten Nasry Asfura war. Bei ihm wurden Bot-Farmen entdeckt. In den Videos und Audioaufnahmen von „Hondurasgate“ (siehe LN 624), deren Echtheit zwar nicht zweifelsfrei geklärt werden konnte, wurde aber genau über solche Strategien gegen die Linke in Lateinamerika gesprochen, die wir bei uns beobachten.
Wir können das nicht beweisen, aber wir vermuten, dass die Angriffe vor allem aus sehr konservativen und rechtsextremen Kreisen kommen, aus einem Umfeld von Donald Trump und seinen Beratern und hier in Honduras speziell aus dem Umfeld der Regierungspartei Partido Nacional.
Und wir gehen davon aus, dass auch das Umfeld der Privatstadt „Próspera“ eine Rolle spielt. Die Investoren sind Vertraute von Donald Trump, es gibt also konkrete Interessen der globalen Rechten in Honduras.
Trotzdem lasst ihr euch nicht davon abhalten, weiter unabhängig zu berichten. Warum ist das gerade momentan so wichtig?
Journalisten wie wir werden von der traditionellen Presse zu Feinden erklärt, denn wir decken auch Missstände innerhalb unseres eigenen Berufsstandes auf. In Honduras ist ein Teil der Presse korrumpiert, innerhalb des Journalistenverbandes kommen Korruptionsfälle vor, es gibt eine Reihe von Belegen dafür, dass Journalisten für ihre Arbeit Bestechungsgelder angenommen haben. Daher sind Journalisten wie wir selbst für die traditionelle Presse ein Dorn im Auge. Auch von dieser Seite wurden wir bedroht und diskreditiert.
Unter diesen Umständen ist es also nicht einfach, Journalismus zu betreiben. Dennoch setzen wir unsere Arbeit fort, ungeachtet aller Konsequenzen, die wir dafür tragen müssen. Wir sollten dies ohne Angst tun, aber wir haben große Angst, denn wir haben auch unsere Familie, und wenn zum Beispiel einem unserer Kinder etwas zustoßen würde, wäre das sehr schmerzhaft. Wir wollen keine Opfer und Märtyrer sein, wir wollen einfach nur Journalismus machen und wie in jeder demokratischen Gesellschaft frei berichten können.















