Die Unfähigkeit wahrzunehmen

Ein italienischer Anthropologe reist zu Studienzwecken ins Amazonasgebiet. Zunächst landet er in Sao Paulo, um an der dortigen Universität an einer Tagung teilzunehmen. Während der Tagung wird der Vize-Rektor der philosophischen Fa­kultät (Prof. Rui Coelho) verhaftet und eine junge Soziologin der Universität (Yara Yavelberg) von der Polizei ver­schleppt und ermordet. Verantwortlich: Die polizeilich-militärische Organisation OBAN mit Sitz in der Rua Tutóia in Sao Paulo.
Der Italiener bricht sein Amazonas-Vor­haben ab. Er bleibt in Sao Paulo und be­ginnt, über Repressionen und Todes­schwadrone zu recherchieren. So gesche­hen 1971.
Das 350 Seiten starke Buch des Anthro­pologen Ettore Biocca über den Staatster­rorismus in Brasilien erschien 1974 unter dem Titel “Strategia del Terrore” bei dem angesehenen italienischen Verlag De Do­nato und beeindruckt noch heute durch die detaillierten Beschreibungen der Entste­hungsgeschichte von Todesschwadronen in Brasilien. Biocca verknüpft die Ge­schichte der staatlichen und halbstaatli­chen Repression mit einer Analyse des Systems der sozialen Ungerechtigkeit in Brasilien. Am 5.9.1972 berichtet amnesty international zum ersten Mal ausführlich über den systematischen Einsatz von Folter und Todesschwadronen in Brasi­lien. Das zweite Russel-Tribunal fand sich im Frühjahr 1974 in Rom zusammen, um die internationale Aufmerksamkeit auf den Staatsterrorismus in Lateinamerika zu lenken; auch über Brasilien wurde aus­führlich und dramatisch berichtet.
Die Anfang der 70er Jahre in Sao Paulo aufgebauten polizeilichen Killerkomman­dos bestehen noch heute. Zum Teil sind es dieselben Chefs, dieselben Namen, diesel­ben Waffen, die die staatliche Mordma­schine betreiben. Der einzige Unterschied: Ihre Anzahl hat sich ungefähr vervierfacht (von 250 auf über 1000 Mann), und ihre nach militärpolizeilicher Statistik jährlich begangenen Morde haben sich ebenfalls ungefähr vervierfacht. (1992 haben sie in der Stadt Sao Paulo 1470 Personen erschossen.)
Ein zweiter, allerdings gesellschaftspoliti­scher Unterschied springt ins Auge: Heut­zutage bricht kein Professor deswegen seine Forschungsreise ab. Kein internatio­nales Tribunal klagt an. Keine wissen­schaftlichen Bücher werden darüber ge­schrieben. Keine Schriften mit politisie­render Absicht dazu abgefaßt. Keine großen Kampagnen entfesselt.

Mörder machen Medien

Alle wissen, daß es in Brasilien Morde an Straßenkindern gibt und daß der brasilianischen Militärpolizei der Colt locker sitzt. Weltweit wird über Massaker berichtet – als Skandal. Es gibt sogar bra­silianische Radiosender und Tageszeitun­gen, die ausschließlich über Mord und Totschlag – auch von Todesschwadronen – berichten. Sie sind in der Hand der Hin­termänner der Todesschwadrone, die Re­pression organisiert die Information ge­wissermaßen selbst.
Aber über die Kontinuität des Apparats berichtet niemand. Liegt das daran, daß die Stadtguerilla, gegen die damals die Killerkommandos aufgebaut wurden, nicht mehr existiert? Daß die politische Opposition von heute nicht mehr von den Spezialeinheiten attackiert wird? Entsteht eine gesellschaftliche Unfähigkeit wahr­zunehmen, was an den Rändern der offi­ziellen Gesellschaft geschieht? Wächst die Welt der Ausgeschlossenen, der Armen, der Billiglohnverdienenden, der Woh­nungslosen – wird dieses soziale Univer­sum zu einer neuen terra incognita?

Altes Thema – Neue Verpackung

Gegen diese Annahme spricht, daß der in­vestigative Journalismus Brasiliens zu diesem Thema jüngst einen Bestseller landen konnte: Claudio (“Caco”) Barcel­los, ein Reporter des Medientrusts “Globo”, schrieb einen Kriminalroman unter dem Titel “ROTA 66. A história da polícia que mata”.(*) Der Titel spricht für sich: In Brasilien weiß jeder, daß die Ab­kürzung ROTA 66 für eine berüchtigte Killereinheit der Militärpolizei in Sao Paulo steht. Ihre Entstehungsgeschichte seit 1970, ihre Praktiken, statistische In­formationen über ihre Einsätze und Morde, ihre politischen Hintermänner, ihre Deckung und Einbindung in den ge­samten polizeilichen und militärischen Apparat finden sich – nicht in einer politi­schen Analyse, nicht in einer juristischen Anklageschrift, nicht in einer soziologi­schen Abhandlung über Repression und Armut – sondern in einem Kriminalroman. Dem Bestseller-Erfolg schloß sich keine Menschenrechtskampagne und keine staatsanwaltliche Ermittlung an. Für die sofortige Abschaffung dieser Spezialein­heit hat bisher keine Demonstration statt­gefunden.
Ein Kriminalroman: Zum einen bietet dem Autor dieses Genre Möglichkeiten, auch persönliche Geschichte aufzuarbeiten. Als Jugendlicher lebte Caco Barcellos Anfang der 70er Jahre in der Kultur der Gegen­bewegungen, die gerne nächtliche Auto­rennen in der Stadt veranstalteten, häufig kifften, die Rolling Stones hörten. ROTA 66 brachte den Tod auch in diese Gruppen mittelständischer Herkunft: So zieht sich das Band der Reportage von diesen frühen Erfahrungen bis zu dem Versuch einer journalistisch gefärbten Bestandsauf­nahme dessen, was aus dieser Killerein­heit heute geworden ist. Am gelungensten sind sicherlich die “politischen” Passagen: Dort verläßt Caco Barcellos die Krimi-Handlungsstränge und berichtet, resü­miert, klagt an. So festigt sich der Ein­druck, daß hier etwas erzählt wird, für das es im Grunde kein literarisches Genre mehr gibt. Ein Hintergrundaufsatz zum Thema würde keine Beachtung finden, eine große Aufmachung, eine Enthüllung wäre morgen vergessen. Also wird ver­packt in die Form des Krimis.
Und damit ist die andere Seite angedeutet: Ein Kriminalroman ist Lektüre aus einer anderen Welt, ähnlich wie Science Fic­tion. Ein Krimi entspricht der Schnelle­bigkeit unserer Zeit. Der Zugewinn an Er­kenntnis wird gesellschaftlich nicht umge­setzt. Der Bestseller, die kritisch-krimina­listische Aufarbeitung, gehört gleicherma­ßen zum Bestehenden wie “die Polizei, die tötet”.
Jeder weiß von den Todesschwadronen. Man weiß, welche Autos sie fahren. Man kennt die Namen der Veranwortlichen. Die Einsatzzentrale ist bekannt. Aber über die sozialpolitischen Gründe ihrer Konti­nuität, über die systemhaften Ziele ihrer Einsätze, über ihre gesellschaftliche Funktion wird nicht gesprochen, nicht ge­schrieben, dagegen wird nicht gehandelt.
Der Krimi von Claudio “Caco” Barcellos ist zu empfehlen. Dem Autor gebührt Re­spekt und Schutz – er hat Todesdrohungen erhalten. Der Zugewinn an kritischer Er­kenntnis ist beispielhaft.
Doch die Existenz dieses Buchs weist dar­auf hin, daß die herrschende Gesellschaft Grenzen im eigenen Lande aufzieht: Be­richtet wird über die andere Welt der Ausgeschlossenen, der bis aufs Blut Aus­gebeuteten, der Verhungernden, der von Killerkommandos Bedrohten nur noch in den Formen des schnellen Vergessens: Skandalblätter, Krimis und Massakermel­dungen werden zur Abschottung dieser neuen terra incognita beitragen.
Caco Barcellos berichtet, daß er sich oft als Reporter in lebensbedrohlichen Situa­tionen befunden hat: Er eilt zum Ort des Verbrechens in die Favelas und wird von einer aufgebrachten Menge empfangen. Er schreibt, die Favelabewohner würden die Reporter regelmäßig mit den Polizisten “verwechseln”, die dort als Killerkom­mandos gewütet haben, und es würde un­endliche Mühe kosten, sie zu überzeugen, auf welcher Seite die Reporter in Wirk­lichkeit stehen. Vielleicht ahnt Caco Bar­cellos aber auch, daß die Herumstehenden in der Regel richtig erkannt haben, aber in der Situation ohnmächtig sind, weil sie keine Stimme in der Medienwelt haben. Im Grunde arbeitet sich Barcellos an die­sem Widerspruch ab, und gerade das macht das Buch von ihm so lesenswert.

(*) Wörtlich: Sondereinsatzkommando (Rondas Ostensivas Tobias Aguiar) Nummer 66. Die Geschichte der Polizei, die tötet”. Sao Paulo 1992. Der deutsche Titel “Mord in Sao Paulo. Den Todesschwadronen auf der Spur”, Göttingen (Lamuv) 1994 erfaßt leider nicht die Brisanz des Originalstitels. An manchen Textstellen des Kriminalromans wäre eine freiere Übersetzung angebracht. Die assoziative Einbettung in das Großstadtleben Sao Paulos ist für das hiesige Lesepublikum ohne Erläuterungen teilweise schwer nachzuvollziehen.


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Editorial Ausgabe 238 – April 1994

Auf dem Redaktionstisch liegen sie re­gelmäßig: die Aufrufe und “Urgent Acti­ons” in Sachen Menschenrechtsverletzun­gen von politischen Aktionsgruppen aller Art. “A wurde verhaftet, B ist verschwun­den, bitte richten Sie höflich formulierte Briefe an den Präsidenten von …” – eine Fülle von Einzelschicksalen verlangt nach Öffentlichkeit. Sofort veröffentlichen? Der Zuspruch in der Redaktion hält sich in Grenzen, verdichten sich die vielen Ein­zelfälle doch immer wieder zur Kernaus­sage “es ist alles weiterhin so schlimm wie schon seit Jahren”. Und mit der Schlag­zeile “Nichts Neues” ist nun einmal keine Leserin zum Weiterlesen zu bewegen.
Ob­wohl die Fälle mit Namensnennung, Schilderung der persönlichen Geschichte des Betroffenen und mit konkreter Hand­lungsanweisung geliefert werden, bleiben sie merkwürdig anonym. Die Texte wirken oft, als seien gegenüber früheren Aufrufen nur das Land und der Name des Betroffe­nen geändert worden. Der Telegrammstil der Schilderungen läßt die Schicksale austauschbar erscheinen.
Nur wenige Fälle von Menschenrechts­verletzungen werden zum nachrichtenre­levanten Thema. So zum Beispiel in Fällen spektakulärer Grausamkeit: Ein Massaker mit 50 Toten in zehn Minuten ist eine Nachricht, 50 tote Straßenkinder im Ver­lauf mehrerer Monate bleiben im Hinter­grund. Oder ein Menschenrechtsfall führt zu politischen Konsequenzen wie jüngst in Peru. Die verkohlten Leichen eines Pro­fessors und von neun StudentInnen der Universität “La Cantuta” werden gefun­den; die Morde wurden offensichtlich 1992 von Militärs begangen. Spektakulär daran war nicht die Tatsache der Morde, sondern die Art und Weise, wie Präsident Fujimori den Fall der Militärgerichtsbar­keit zuschob und damit den Rücktritt sei­nes Premierministers provozierte.
Aufschlußreicher wird es, wenn Men­schenrechtsverletzungen zu gesellschaftli­chen Entwicklungen in Bezug gesetzt wer­den können. In Lateinamerika haben sich Art, Häufigkeit und Zielgruppe von Men­schenrechtsverletzungen verändert. Wa­ren es in den achtziger Jahren noch die politischen GegnerInnen der Diktaturen, die zu Opfern wurden, nimmt beispiels­weise Brasilien heute eine traurige Spitzenposi­tion bei Menschenrechtsverlet­zungen neuen Typs ein: “soziale Säube­rungen”, das Ausmerzen derer, deren Exi­stenz die Wohlhabenden stört: Straßen­kinder, Ob­dachlose etc..
Amnesty International hat am 15. März eine weltweite Kampagne gegen Men­schenrechtsverletzungen in Kolumbien eingeleitet. Eine Mappe mit Einzelfallbe­schreibungen gehört zu den Unterlagen, vor allem aber umfangreiches Material über die politische und gesellschaftliche Entwicklung des Landes. Sollte Amnesty es im Rahmen einer solchen Kampagne schaffen, gesellschaftliche Zusammen­hänge in bezug auf Menschenrechtsverlet­zungen auch in der täglichen Kleinarbeit zum Thema zu machen? Die Kampagne könnte zu einem Beispiel werden, wie mit dem Thema der individuellen Menschen­rechte jenseits von endlosen Einzelfall­Listen und von Sensationssuche umgegan­gen werden kann.
Vielleicht bliebe dann auch noch die Zeit, ein paar Briefe zum einen oder anderen Einzelfall abzuschicken. Auch wenn nicht gleich die ganze Welt rettet, wer einen Menschen rettet, wie Oskar Schindler (der mit der Liste) mit auf den Weg gegeben wird, bleibt doch der eine Mensch. Nicht mehr und nicht weniger.


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Anti – Lula verzweifelt gesucht

Die Nummer 1 der Bürgerlichen, Fer­nando Henrique Cardoso, allgemein als FHC ab­gekürzt, war bisher Wirt­schaftsminister und hat jetzt seine Kandi­datur offen ver­kündet. In einem anderen, längst vergan­genen Leben war FHC ein leibhaftiger Vordenker der Dependenz­theorie und scharfer Kriti­ker des brasilia­nischen Kapitalismus. Heute jedenfalls ist er die erste Wahl bei der Besetzung der Rolle des “Anti-Lulas”. Er kandidiert für die PSDB, die Partei in Brasilien, die sich am inten­sivsten um ein “modernes” und “sozialdemokratisches” Image bemüht und die für viele in der PT als der wichtigste potentielle Bündnispartner angesehen wird. Im Augenblick bahnt sich allerdings ein ganz anderes Bünd­nis an. Die PFL (“Partei der liberalen Front”) biedert sich recht unverblümt an. Ein problematischer Bündnispart­ner für das moderne Image der PSDB, denn das inhaltliche Profil der PFL ist schwer auszumachen. Als Ab­spaltung der Partei der Militärs wurde sie erst 1985 gegründet, so daß sie rechtzeitig den Absprung schaffte, um mit der dama­ligen Opposition 1985 die erste zivile Re­gierung zu übernehmen. Architekt des un­erwarteten Bündnisses ist der Gouverneur von Bahia, Antonio Carlos Magalhaes, ein wahrer Überlebenskünstler der brasiliani­schen Politik. Noch 1992 ge­hörte er zu den letzten, die den korrupten Collor im Amt halten wollten.
Die Avancen der PFL werfen ein Schlag­licht auf die politische Situation Brasi­liens. Sie sind Ausdruck dafür, wie schwierig es für das rechte Lager ist, einen populären Kandidaten ins Rennen zu schicken. Alle Umfragen deuten darauf hin, daß kein Kandidat, der klar dem kon­servativen Lager zuzuordnen ist, in einem wahr­scheinlich notwendi­gen zweiten Wahl­gang eine Chance gegen Lula hätte. Die PFL will an­scheinend auch eine Lehre aus dem Desaster von 1989 ziehen. Da­mals hatte die Zer­strittenheit des bürgerli­chen Lagers dazu geführt, daß sich nur noch der linke Lula und der “newcomer” Collor als Alternative stellten. Lula ist also nur mit ei­nem Kandi­daten zu schla­gen, der in den zweifelhaf­ten politischen Zuord­nungen zumindest imagemäßig das Mitte-Links Spektrum repräsentiert.
Dafür ist FHC ideal. Ein jovialer Intel­lektueller mit linker Vergan­genheit, ein erfahrener Politiker und be­sonnener Ver­mittler, eben ein “concilador” (“Ver­söh­ner”); beliebt bei der Presse, den Unter­nehmerInnen und weiten Teilen der Mit­telschicht. Das große Pro­blem FHCs ist, daß sich mit diesem Image zwar Sympa­thie, aber kein Wahl­kampf gewinnen läßt. Das war die deutliche Lehre von 1989 für die PSDB. Über die Aussichten FHCs wird letzlich nur eins entscheiden: der Er­folg des Wirtschaftsplanes (vgl. LN 237), der seinen Namen trägt. Gelingt es dem Nachfolger FHCs im Amt des Wirt­schaftsministers, mit Hilfe des Plans die Inflation zu senken, ohne das Land in eine schwere Wirtschaftskrise zu stür­zen und ohne allzu drastische Einkommensver-luste, dann hat FHC sehr gute Chancen, Lula zu schlagen. Doch sollte der Plan ins Schlingern geraten, ist der hoffnungs-vollste “Anti-Lula” erledigt und damit wohl auch die Chancen des bürgerlichen Lagers, den Wahlsieg Lulas zu ver­hindern.
Die entscheidende Phase des Wirt­schaftsplans beginnt im Mai, wenn aus der an den Dollar gebundenen Rech­nungseinheit URV die neue Währung Brasiliens werden soll. Im Grunde läuft der Plan auf eine abgefederte Dollari­sierung hinaus. Er wird, und das unter­scheidet ihn von der Situation in Argenti­nien, von einer Regierung durchgeführt, die sich in den letzten Monaten ihrer Amtszeit befindet, der ein schwacher und unentschlossener Präsident vorsteht, und deren wichtigste personelle Stütze nun in den Wahl­kampf zieht. Die Gefahren für den Plan sind also insbesondere politi­scher Natur. Gegenwind im Parlament würde der Plan nicht überleben. Die of­fene Unterstützung von Präsident Itamar Franco für Cardoso macht die Sache nicht einfacher: Die Regierung steht im Wahl­kampf und braucht gleichzeitig politische Unterstützung. Nun wird auch klar, warum die PSDB das Angebot der PFL kaum ablehnen kann: Ohne schlag­kräftige Unter­stützung aus dem rechten Lager hat der Wirtschaftsplan (und damit die Kandi­datur von Fernando Henrique Cardoso) wenig Chancen. Problema­tisch ist aller­dings für die PSDB, daß damit ihr “mo­dernes” Image erheblich angekratzt wird und ein Teil der Partei wohl diese Kehrt­wende nicht mit­macht. Immerhin, alle an­deren Kandi­daten haben große Chancen, über­haupt kein Risiko für Lula zu werden.

Nr. 2 und 3: Die Problemkinder

Die PMDB, hervorgegangen aus der MDB, der legalen und offiziösen Opposi­tionspartei zu Zeiten der Mili­tärdiktatur, ist nach wie vor die größte politische Par­tei Brasiliens. Aber aus einer Bewegung, die einst auch große Teile der linken Op­position vereinte, ist inzwischen ein kon­turloser Wahl­verein geworden, der aber noch in vielen Teilen des Landes die lo­kalen Eliten organisiert. Es ist nur na­türlich, daß die größte Partei Brasiliens einen eigenen Kandidaten präsentiert. Und sie hat einen Politiker, der mit aller Macht Kandidat der Partei sein will: Orestes Quercia, Ex-Gouverneur von Sao Paulo. Und Quercia ist das große Problem der PMDB. Er ist vielleicht der geschickteste Politiker Brasiliens, sicherlich aber einer der skrupellose­sten und korruptesten. Galt er nach seiner recht populären Amtszeit in Sao Paulo als absolutes Schwergewicht in der brasilianischen Politik, so machen ihm seit zwei Jahren nachträgliche Enthüllun­gen der Presse das Leben schwer. Insbe­sondere hängt ihm ein Waffengeschäft mit Israel nach, bei dem für hunderte von Millionen US-Dollar überteuerte Waffen für die Polizei von Sao Paulo gekauft wurden.
Aber Quercia ist zäh und beherrscht große Teile des Apparates der PMDB. Nur ist seine Kandidatur in Zeiten, in denen nach den traumatischen Erfah­rungen mit Collor Politiker gefragt sind, die nicht korrupt sind, äußerst verwundbar. Alle Anzeichen deuten darauf hin, daß die PMDB sich wieder einmal selbst im Wege steht: Der Machiavellist Quercia hat große Chancen, sich in der Partei durchzusetzen, aber nicht beim Wahl­volk. Außer­dem ist klar, daß eine Kandidatur Quercias die Partei spalten würde, da der “progressive” Flügel wohl eher FHC als Quercia unterstützen würde.
Dabei könnte gerade dieser Flügel der Partei den idealen “Anti-Lula” auf­bieten: Antonio Britto, der als Arbeitsminister der jetzigen Regierung einen ausgezeichneten Eindruck machte, liegt bei den meisten Umfra­gen schon auf Platz zwei hinter Lula. Viele halten eine Liste FHC/Britto für unschlagbar. Und Britto hätte den Vorteil, ungefähr das gleiche Image zu verkörpern wie FHC, ohne aber so stark von dem Erfolg des Planes ab­hängig zu sein. Einziger Haken: Er ist nicht Kandi­dat und hätte es wohl auch schwer, sich in der PMDB gegen Quercia durchzusetzen. Der schießt auch schon mit hartem Kali­ber ge­gen Britto, bezeichnet ihn als Gau­ner und ließ ermitteln, Britto sei als fünfzehnjähri­ger(!) wegen eines angebli­chen Dieb­stahls von der Schule geflogen. Britto selbst will anscheinend lieber Gouver­neur in einem Bundesstaat werden, als sich auf das Abenteuer Präsident­schaftswahlkampf einzulassen. Geriete aber FHC frühzeitig ins Schlingern, könnte er doch noch als Joker des “Mitte-Links Lagers” ins Ren­nen ge­schickt wer­den.
Ein anderer hingegen zweifelt nicht und ist Kandidat. Paulo Maluf, Bür­germeister von Sao Paulo und starker Mann der PPR, die aus der Partei der Militärs hervorge­gangen ist. Er reprä­sentiert den rechten Flügel des bürger­lichen Lagers und profi­liert sich durch einen lautstarken “law and order”-Dis­kurs. Er ist sicherlich die unerfreulich­ste Erscheinung im Wahl­kampf, und glücklicherweise reicht seine Populari­tät kaum über Sao Paulo hinaus. Aber wenn es ihm gelingt, die Wahlen mit Hilfe des Themas “Innere Sicherheit” zu polarisieren, könnten seine Wahlchancen doch noch steigen. Die Strategen im bür­gerlichen Lager befürchten allerdings, daß Maluf im zweiten Wahlgang die allerwe­nigsten Chancen gegen Lula hätte.

Die PT: Streits und Hetze

Es kann nicht verwundern, daß das bür­gerliche Lager mit schweren Ge­schützen auf Lula schießt. Ein Gewerkschafter, Ar­beiterführer und Chef einer Partei, die sich zum Sozia­lismus bekennt, als künfti­ger Präsident Brasiliens?! Nachdem eine Schmutz­kampagne gegen den der PT naheste­henden Gewerkschaftsverband CUT – ein Mord wegen persönlicher Aus­einandersetzungen sollte der PT in die Schuhe geschoben werden – nicht recht greifen wollte, schwenkt die Presse auf eine andere Linie ein. Lula, der als Super­star dargestellt wird (Luis Ignacio “Sinatra” da Silva), ist zwar po­litisch un­erfahren (kein administratives Amt bis­her), aber eigentlich ein guter Kerl. Böse hingegen sind die Radika­len in der PT, die “Schiiten”, welche die Partei beherrschen und Lula dominie­ren wollen. Die inner­parteilichen Aus­einandersetzungen, die es in der PT zweifelsohne gibt, werden von der Presse gnadenlos ausgeschlachtet.
Dem hat die PT auch durch nutzlose Streitigkeiten Vorschub gelei­stet. Zuerst ging es um die Frage der Bündnisse, vor allem mit der PSDB. Der “rechte” Flügel der Partei wollte unbedingt schon im er­sten Wahlgang eine Allianz mit dem bür­gerlichen La­ger eingehen, die aber schon aus man­gelndem Interesse der anderen Seite gar nicht zur Debatte stand. Zum an­deren wollte die Parlamentsfraktion der PT unbedingt an der Verfassungsre­form mitwirken, die die Partei boykot­tiert. Re­sultat: ein endloses Gezerre zwischen Fraktion und Parteivorstand, ein gefun­denes Fressen für die Presse.
Die Hauptlinie aber zeichnet sich schon ab: Die PT soll als Partei eines archai­schen und gescheiterten Sozia­lismus er­scheinen, deren Machtergrei­fung ein Abenteuer wäre, das Brasilien auf jeden Fall erspart werden müßte. Und die PT reagiert da bisher eher negativ: Insbeson­dere Lula (“Lula 94”) versucht sich als se­riös und moderat zu verkaufen: Die Suche nach der Mehr­hit bestimmt die Politik.

Auf der Suche nach den verlorenen Inhalten

Bisher war mehr von Image- und Design­fragen die Rede als von Inhal­ten. Nicht ohne Grund. Tatsächlich sind inhaltliche Differenzen im bürger­lichen Lager in den großen Fragen kaum noch auszumachen. Der Präsi­dent der PFL, Jorge Bornhausen (Ex-Minister unter den Militärs und Col­lor) beschreibt die programmatischen Grundlagen seiner Partei folgender­maßen: “Wir wollen die Verkleinerung des Staa­tes. Wir wollen die Privatisie­rung. Wir wollen einen modernen Staat, in dem der Bürger respektiert wird, und der sich um Erziehung, Ge­sundheit und Sicherheit kümmert.” Hinter diesem Mainstream­motto steht wohl das gesamte bür­gerliche Lager. Die relativ beliebi­gen Bündnisse zeigen schon die fehlenden inhaltlichen Konturen. Zerstritten bleibt das bürgerli­che Lager, aber dabei geht es eben darum, Macht und Einfluß zu sichern, und nicht um gesellschaftliche Grundkon­zepte.
Aus diesem Schema bricht – trotz al­lem – die PT deutlich heraus. Sie be­müht sich um eine breite programma­tische Diskus­sion innerhalb der Partei und sucht ernst­haft nach ein Konzept für linke Politik heute in Brasilien. Sie hat deshalb mehr verdient als süffisante Randbemerkungen. Zum 1. Mai wird auf einem Parteitag der PT das Regie­rungsprogramm des Kandi­daten Lula diskutiert und verabschiedet werden.


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Sleeping with the enemy?

Im November 1993 lud die PT zu ei­nem “Nationalen Seminar” ein, um das Pro­gramm einer Regierung Lula zu diskutie­ren. Ein Thema lautete “Die Streitkräfte in den neunziger Jahren”. Am Tisch saßen zwei Militärs von der ESG (Escola Su­perior de Guerra), dem “think-tank” der Streitkräfte, ein Ex-Militär, der nun an der angesehenen Universität von Campinas Vordenker für strategische Fragen ist (Geraldo Cavagnari) und Marco Aurelio Garcia, verantwortlich in der PT für Interna­tionales.

Nationalismus = Antiimperialismus?

Die Thesen der Militärs, dem staunenden PT-Publikum vorgetragen, lassen sich stichwortartig folgender­maßen zusam­menfassen:
* Der konstituierende Grund für die Exi­stenz von Streitkräften ist die Bedro­hung durch einen äußeren Feind.
* Die Gewährleistung “Innerer Sicher­heit” ist Aufgabe anderer (bewaffneter) Seg­mente des Staatsapparates, vor al­lem der Polizei. Die Streitkräfte kön­nen diese höchstens unterstützen. Gäbe es keinen äußeren Feind, wären die Streit­kräfte letztendlich überflüssig.
* Ist Brasilien aber durch einen äußeren Feind bedroht? Die klare Ant­wort lau­tet: Ja. Und wer ist es? Die An­maßung der reichen Länder, überall zu inter­venieren, stellt eine Bedrohung für Bra­silien dar. Der “pax boreal”, der nörd­liche Friede, ist eine Gefahr für die Ent­wicklung im Süden.
* Ist diese Gefahr aber für Brasilien real? Auch hier lautet die Antwort “ja” und die angeblich bedrohte Souverä­nität Amazo­niens muß als Illustration her­halten.
* Um ein nationales Projekt gegen den “borealen Frieden” entwickeln zu kön­nen, brauchen die Streitkräfte natürlich zum Beispiel atomgetrie­bene U-Boote und vor allem Geld…
Cavagnari setzte noch einen drauf: “Das Projekt ‘Brasilien – große Na­tion’ der Miltärs war ein Schwindel. Eine große Nation erbaut man nicht über Deklaratio­nen und nationalisti­sche Propaganda, son­dern über eine Vereinigung des Volkes, die auf Gleichheit und sozialer Gerechtig­keit beruht.” Lula als Führer von “Brasil- grande nacao” mit antiimperalistischer Ausrichtung – ist das kein Lockange­bot? Die anwesenden PTlerInnen je­denfalls waren sichtlich beeindruckt.


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Editorial Ausgabe 237 – März 1994

Kaum will der Regierende Bürgermeister einmal seine rhetorischen Fähigkeiten und seinen politischen Überblick unter Beweis stellen, geht es auch schon in die Hose. Neben einem besoffenen Innenminister schwang sich Eberhard Diepgen anläßlich der Eröffnung der 44. Berliner Filmfestspiele dazu auf, dem erstaunten Publikum zu verkünden: “Der Film ist keine Banane!” Vordergründig betrachtet eine triviale Aussage. Eigentlich wäre daran nichts als pure Unsinnigkeit auszusetzen, hätte der Regierende sie nicht gezielt auf die soeben abgeschlossenen GATT-Verhandlungen über den internationalen Handel bezogen. Ein Irrtum, wie auf der diesjährigen Berlinale deutlich wurde.
Die Filmfestspiele bieten Jahr für Jahr dem interessierten Publikum eine einzigartige Gelegenheit, Filme aus allen Teilen dieser Welt zu sehen. Die internationale Journaille scheint allerdings weniger an den dramaturgischen oder ästhetischen Vorstellungen der RegisseurInnen aus Afrika, Asien und Lateinamerika interessiert zu sein, ihre Fragen zielen teilweise penetrant auf die ökonomischen Rahmenbedingungen ab. Während Hollywood für jeden Streifen etliche Millionen Dollar ausgeben kann, sind die Filmproduktionen aus den armen Ländern durch ständige Geldknappheit gekennzeichnet. Umso beachtlicher das Niveau beispielsweise der Filmemacher aus Kuba, die aufgrund der Wirtschaftskrise jährlich nur drei oder vier Filme drehen können und für ihr hervorragendes Werk “Erdbeer und Schokolade” einen Silbernen Bären bekamen. Gerade dieser Film zeigt jedoch gleichzeitig die Abhängigkeit des lateinamerikanischen Films von GeldgeberInnen in den reichen Ländern dieser Welt. Erst ein Preis im Umfang von 100.000 $, vergeben vom spanischen Fernsehen, machte die Dreharbeiten möglich. Da im vergangenen Jahr auf der Karibikinsel wegen des Ersatzteilmangels kein Filmlabor funktionierte, mußte die technische Fertigstellung in Mexiko erfolgen, wofür die Mexikaner nun mitkassieren wollen.
Ähnlich erging es dem brasilianischen Regisseur Nelson Pereira dos Santos mit seinem Wettbewerbsbeitrag “A terceira margem do rio” (Das dritte Ufer des Flusses). Der Film konnte nur mit finanzieller Unterstützung des französischen Fernsehens realisiert werden. Die Kosten für den kolumbianischen Film “La Estrategia del Caracol” (Die Strategie der Schnecke) brachten im wesentlichen in- und ausländische Nicht-Regierungsorganisationen auf. Ohne diese Art von “Ent-wicklungshilfe” sähe es ganz anders aus.
Auf der anderen Seite überbieten sich die sog. Dritte-Welt-Länder mit günstigen Bedingungen für ausländische Filmproduktionen. So wurde der Film “Tirano Banderas” (Tyrann Banderas) des spanischen Regisseurs José Luis García Sánchez überwiegend in Kuba gedreht. Als Bühnenbild dient die malerische Altstadt von Havanna, produziert wurde der Film überwiegend mit kubanischem Personal – was die Kosten erheblich senken dürfte. Doch der Preis für derartige Deviseneinnahmen ist nicht ohne: Tagelang zogen hunderte von Komparsen durch Alt-Havanna und skandierten “¡Abajo el tirano!” (Nieder mit dem Tyrannen!). Die Obrigkeit ließ sie ohne Probleme gewähren.
Der brasilianische Regisseur Pereira dos Santos nutzte die Pressekonferenz im Anschluß an die Vorführung seines Wettbewerbsfilms, die Standortvorteile seines Heimatlandes hervorzuheben: In Brasilien, das seine eigenen cineastischen Kapazitäten derzeit gar nicht ausnutzt, könnten Filme etwa um ein Drittel billiger produziert werden als anderswo. Und spätestens da wurde klar, daß die Banane und der Film doch wesentlich mehr miteinander zu tun haben, als uns Herr Diepgen glauben machen wollte.


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Brasilien 1994 oder die alte Unübersichtlichkeit

1993: Die Katastrophe

Je nach politischem Standort oder Temperament kann eine völlig unterschiedliche Bilanz des Jahres gezogen werden. Die Regierung Itamar Franco hat jedenfalls bei dem Ziel Inflationsbekämfung – und das heißt eben auch gesamtwirtschaftliche Stabilisierung – völlig versagt. 2567,46% betrug die Inflation im letzten Jahr nach dem meist verbreiteten Index, dem IGP-M der Stiftung Getulio Vargas. Es ist damit die höchste Inflationsrate seit deren statistischer Erfassung, das heißt seit 1829. Es ist auch eine der höchsten der Welt im Jahre 1993, weit über der Rate in lateinamerikanischen Ländern, ebenso wie etwa in Rußland (590%) oder Kroatien (1027%). Lediglich Restjugoslawien steht mit 30.000% erheblich schlechter da.
Die hohe Inflation ist seit etwa 1985 das makroökonomische Problem Brasiliens, und eine ganze Serie von gescheiterten Plänen hat es nicht gelöst. Nach einer Welle heterodoxer Schocks war nun seit 1992 Orthodoxie angesagt. Die wechselnden Regierungen (von Collor zu Itamar) und Wirtschaftsminister verkündeten unisono, daß nur über eine Eliminierung des Haushaltsdefizits die Voraussetzungen für eine nachhaltige Inflationsbekämpfung geschaffen werden könnten. Die Grundformel lautet also: Solide Haushalts-(sprich: Spar-)politik und Vertrauen in die Berechenbarkeit der Regierung (also keine über Nacht verhängten Preisstopps) schaffen ein Klima für eine graduelle Senkung der Inflationsrate. Der jetzige Wirtschaftsminister Fernando Henrique Cardoso – FHC, in den siebziger Jahren bekannt als linker Theoretiker und Verfechter der Dependenztheorie – verfolgt nun konsequent den orthodoxen Gradualismus. Ergebnis: die höchste Inflationsrate der Geschichte trotz praktischer Eliminierung des Haushaltsdefizits. Die brasilianische Inflation ist jedenfalls eine harte Nuß für alle traditionellen Wirtschaftstheorien. Die klassischen Inflationstheorien hatten eins nicht vorhergesehen: daß nicht zuletzt dank modernster Computertechnik die Wirtschaft auch eine Inflation von 40% ganz gut managen kann, und daß es wichtige Inflationsgewinner gibt (den Finanzsektor), daß es also trotz eines gesamtgesellschaftlichen Konsenses, der eine solche Inflation für untragbar hält, wirksame Widerstände gegen die Erbringung von “Opfern” zu ihrer Überwindung gibt. Dazu gehört jetzt sogar die untere Mittelschicht, die plötzlich mit einem simplen Sparbuch unglaubliche Gewinne erzielen kann. Das heißt, Teile der Bevölkerung und der Wirtschaft haben sehr gut gelernt, mit der Inflation zu leben oder gar von ihr zu profitieren.

Auf dem Weg zur Dollarisierung?

Was will nun Fernando Henrique Cardoso (FHC) angesichts dieser dramatischen Situation tun? Ohne unmittelbaren Erfolg hat der Wirtschaftsminister Ende letzten Jahres seinen “Plan FHC” lanciert. Der sieht eben an erster Stelle die Eliminierung des Haushaltsdefizits vor. Der neue Haushalt enthält folglich wichtige Kürzungen (vor allem im sozialen Bereich). Dennoch wird er gegenüber 1993 an Umfang zunehmen, in erster Linie wegen der Kosten der internen und externen Verschuldung. Also tritt nun die im letzten Jahr von der Justiz kassierte Steuer auf finanzielle Transaktionen (auf jede Überweisung oder Abhebung vom Bankkonto wird eine Steuer von 0,25% des Betrages erhoben) in Kraft und einige wichtige Steuern werden um 5% erhöht – eine Maßnahme, die zu erbittertem Widerstand von Seiten der Industrie geführt hat. Die Steuererhöhungen müssen noch vom Parlament bewilligt werden, danach kommt die zweite und entscheidende Phase des “Plan FHC”. Wenn die Regierung ihren Zeitplan durchhalten kann (bei Redaktionsschluß fehlte noch die Zustimmung des Senates), wird am 1.März ein neuer einheitlicher Index (URV) geschaffen, der sich nach der Entwicklung des Wechselkurses des Dollars richtet. Dieser Index soll alle anderen Anpassungsmechanismen ersetzen und nach und nach freiwillig von der Wirtschaft angewendet werden, etwa auch für die Festsetzung der Löhne. Praktisch soll dies folgendermaßen funktionieren: Zur Einführung des URV ist dieser zum Beispiel 500 Cruzeiros wert, der Preis für ein Bier. Einen Monat später würde (bei einer Inflation von 40%) das Bier zwar 700 Cruzeiros kosten, aber immer noch etwa 1 URV. So sollen die BrasilianerInnen wieder an stabile Preise gewöhnt werden. Der Cruzeiro wäre bald nur noch eine Kleingeldwährung, während alle größeren Transaktionen und die Festsetzung von Mieten und Preisen in URV liefe.
Der Markt hat auf die Ankündigung des Planes mit Unsicherheit reagiert, wie das Ansteigen der Inflationsrate im Januar zeigt. Niemand weiß genau, wie die Anwendung des URV im einzelnen funktionieren wird und ob die Regierung nicht versucht sein wird, den URV zu weitgehenden Preiseinfrierungen zu nutzen und die Variation des Wechselkurses unter der Inflationsrate festzusetzen, um so die Inflation nach unten zu indexieren – mit entsprechenden Auswirkungen für die Exportwirtschaft. Die Zweifel am “Plan FHC” sind aber auch politisch motiviert. Itamar Franco hat sich bisher als eher schwacher und unberechenbarer Präsident erwiesen und FHC verheimlicht seit dem 12. Januar nicht mehr seine Ambitionen auf das Präsidentenamt. Wenn er wirklich kandidieren will, müßte er bald die Regierung verlassen. Zweifel werden auch angemeldet, ob der URV nicht im juristischen Gestrüpp verenden wird.

1993: der Boom

Auf der Seite der Inflationsbekämpfung bleiben also bisher eine negative Bilanz und ungewisse Aussichten. Dennoch kann Brasilien Erfolge vorweisen. Nach drei Jahren Rezession (1990 und 1991) und Stagnation (1992) ist das Bruttoinlandsprodukt 1993 wieder kräftig gewachsen: 4,5%. Und angesichts des Wachstums der Industrie um 8,5% sieht mancheR Brasilien schon in die Reihe der ostasiatischen Tiger vorrücken (Die Zahlen sind noch nicht endgültig, sondern Projektionen des Regierungsinstituts IPEA aufgrund der Daten bis November 1993). Beispielhaft für die Erfolge ist die Autoindustrie: Sie wuchs 1993 um 29,5% und erreichte mit der Produktion von 1.390.000 Fahrzeugen einen neuen Rekord. Diese Zahlen sind besonders beeindruckend, da sie in einer Phase des weltweiten Einbruchs der Automobilindustrie und trotz Rückgangs der Exporte (- 3,3%) und Steigerung der Importe (+ 125%, was aber nur etwas über 100000 Fahrzeugen entspricht) erzielt wurden. Die Entwicklung dieses Sektors wird nun von vielen als ein Beispiel für eine gelungene Alternative zu neoliberalen Strategien gesehen. Brasilien hatte einen gegen Importe abgeschotteten Binnenmarkt. Statt brutaler Marktöffnung werden die Steuern auf Importe allmählich gesenkt, was den Konkurrenz- und Modernisierungsdruck auf die Industrie erhöht, ihr aber Zeit gibt für Anpassungen. Gleichzeitig kam es 1992 zu einem Sektorabkommen zwischen Industrie und Gewerkschaften, bei dem Beschäftigung und Lohnsteigerungen garantiert sowie von der Regierung Steuererleichterungen gewährt wurden. Die brasilianische Autoindustrie (das heißt natürlich: die Multis, die in Brasilien produzieren) versprühen jedenfalls Optimismus und sehen ein weiteres Wachstum um 10% für dieses Jahr vor.
Durchweg Positives auch bei der Handelsbilanz. 1993 hatte Brasilien für 38,8 Milliarden US$ exportiert, was einen Außenhandelsüberschuß von etwa 13 Milliarden Dollar bedeutet. Das Ergebnis ist um so bemerkenswerter, als die Importe (wenn auch langsam) ansteigen. 75% der Exporterlöse werden durch Verkauf von Industrieprodukten erzielt (Zahlen nach Jornal do Brasil, 21.12.93).
Die Situation Brasiliens ist also überaus widersprüchlich. Insbesondere das Wachstum der Industrie und der Exporte industrieller Produkte lassen Brasilien zumindest für 1993 im Vergleich zu neoliberalen “Erfolgen” wie Argentinien und Mexico überaus gut dastehen. Und diese Erfolge wurden eben gerade ohne drastische makroökonomische Strukturanpassung erzielt. Dennoch kann auch in Brasilien der Preis dieser Erfolge nicht übersehen werden. Das Wachstum in der Industrie vollzog sich ohne nennenswerte Effekte für die Beschäftigung. Trotz Wachstum ging die Arbeitslosenquote nur gering zurück und in der Industrie sank die Zahl der Beschäftigten 1993 gar um 5% gegenüber 1992 (Nach Jornal do Brasil vom 1.2.1994; Zahlen bis September 1993). Das heißt auch, Brasilien lernt nun das Symptom Wachstum ohne Beschäftigung kennen, zumindest in den fortgeschrittensten Bereichen der Produktion. Wichtige Sektoren haben die Krise 1990 bis 1992 dazu genutzt, ihre Belegschaften zu reduzieren. Die Erfolge in der Automobilindustrie wurden ohne Neueinstellungen realsiert, lediglich mit Produktivitätssteigerungen und Überstunden. Die positiven Beschäftigungsentwicklungen vollzogen sich praktisch ausschließlich im informellen Sektor oder im Handel und in den Randbereichen der Industrie, also dort, wo Löhne und Sozialleistungen geringer sind.
Auch ist die Regierung offensichtlich bereit, viele Grundforderungen einer neoliberalen Strukturanpassung zu erfüllen: Haushaltsdisziplin steht im Vordergund, auch auf Kosten der Sozialausgaben. Die Politik der Privatisierung wird fortgesetzt, auch wenn ihre Ausdehnug auf die Ölgesellschaft Petrobras und die Telekommunikation nach wie vor umstritten ist und wohl von dieser Regierung nicht mehr in Angriff genommen werden kann. Und die hohe Inflation trifft am härtesten die, die sich am wenigsten dagegen schützen können: 2/3 der Bevölkerung, die kein Bankkonto haben und ausschließlich von ihren Löhnen und Einkommen leben. Die Inflation ist eine tägliche Umverteilung von unten nach oben. So kann es auch nicht verwundern, daß die fabelhaften Wachstumsraten von der Mehrheit der Bevölkerung kaum wahrgenommen werden: Nach Umfragen zu Jahresbeginn schätzen 84 % der Bevölkerung die Lage des Landes als schlecht oder sehr schlecht ein, während nur 2% sie für gut erachten. Und die Aussichten für 1994 sind kaum besser.


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Mädchenprostitution und Sextourismus

Brasilien entwickelt sich immer mehr zum beliebten Reiseziel von Sextouristen. Da die bekannten Touristenstädte wie Rio de Janeiro und Recife wegen der Medienbe­richte über ur­bane Gewalt an Attraktivität verlieren, eroberte die Touris­musindustrie in den letzten drei Jahren die ruhigen Strände im Nordosten des Landes: Natal, Fortaleza, Joao Pessoa. Seit einem Jahr gibt es wöchentlich einen Charterflug von Recife nach Natal. Seitdem wird die Stadt in der Hochsaison von 20.000 Touristen, vor allem von Deutschen, Ita­lienern und Argentiniern besucht. In Natal gibt es proportional zur Größe der Stadt (600.000 EinwohnerInnen) die meisten Reise­büros in ganz Brasilien.
Tourismus – eine vom IWF empfohlene Entwicklungsstrategie – wird als Lösung sozialer Probleme propagiert, soll das Steueraufkommen erhöhen und Devisen zur Schuldenrück­zahlung einbringen. Ein gut organisiertes Kartell hat in Brasilien eine Tourismus-Infrastruktur geschaffen und zieht dabei auch hohe Gewinne aus dem Prostitutionsgeschäft mit Minderjäh­rigen. Brasilien hat nach Thailand welt­weit den höchsten Anteil an minderjähri­gen Prostituierten und ist da­bei, Thailand den ersten Rang streitig zu machen. Denn dort, so wird befürchtet, ist AIDS stärker verbrei­tet, und zum anderen ist der Prostitu­tionsmarkt teurer. (Die Ent­jungferung ei­nes Mädchens kostet in Bra­silien 200, in Thai­land 400 US-Dollar.) Nach Angaben des Sozial­ministeriums werden 500.000 Min­derjährige in Brasi­lien prostituiert.

Das Kartell der Mädchen­prostitution

Wie das Imperium des Sextourismus funktioniert, wird in einem Dossier darge­stellt, das CEBRAIOS für die Untersu­chungskommission über die Prostitution Minderjähriger er­stellt hat. Verwickelt in dieses lukrative Geschäft sind die Besitzer von Hotels, Reiseagenturen, Unternehmer und Politi­ker. Während diese kleine Gruppe ihren Reichtum vermehren kann, bietet das Tourismusgeschäft dem Rest der Bevölke­rung allenfalls schlecht be­zahlte Arbeit. Für Frauen und Mädchen ist die Prostitution oft die einzige Arbeits­möglichkeit. Es wird damit gerechnet, daß inzwischen mehr Minderjährige in der Prostitution arbeiten als erwachsene Frauen. In dem Touristenort Mossoró, so das Dossier, ver­dient die Hälfte der weib­lichen Bevölkerung ihr Einkommen in der Prostitution.
Das Coletivo Mulher Vida, eine Frauen­organisation in Olinda/Recife, beschreibt, daß in der Regel schwarze Mäd­chen zwi­schen 14 und 18 Jahren in die Prostitution einstei­gen. Sie kommen aus der unteren sozialen Schicht, verdie­nen 50 bis 100 US-Dollar an einem Touristen und werden über Luxushotels vermittelt. Die Hoffnung der Mädchen besteht darin, über die Prosti­tution einen reichen, weißen Aus­länder zu heiraten.
In Natal sind einflußreiche Personen wie Unternehmer und Politiker daran beteiligt, den Ring der organisierten Kinderprosti­tution auszubauen, so z.B. der Besitzer des Mo­tels “De Ville”, Antonio Melo, Bruder des Ex-Gouverneurs von Rio Grande do Norte. Neben Touristen gehö­ren Politiker und Parlamentsabgeordnete zu den Klienten verschiedener “Agen­turen”, die Minderjährige als Pro­stituierte für sich ar­beiten lassen.
Bekannt wurde dieser Skandal, nachdem eine 15-jährige massiv von ihrer Zuhälte­rin bedroht worden war und sich mit ihren Eltern an eine Zeitung wandte. Nachdem sie sich geweigert hatte, dem Abgeordne­ten Cipriano Correia (PMDB) zu sexuel­len Diensten zur Verfügung zu stehen, wurde sie unter Druck gesetzt.
Die Anwerbung von Mädchen beginnt oftmals direkt vor der Schule. Dort suchen sich die ZuhälterInnen (in Brasilien sind traditionell auch viele Frauen in diesem Metier tätig) die Mädchen aus, unterbrei­ten ihnen Vorschläge, mit Män­nern aus­zugehen und stellen ihnen in Aussicht, je­derzeit wieder aufhören zu können. Falls sich tatsächlich eine für den Ausstieg ent­scheidet, beginnen jedoch die Drohungen. Mädchen, die oft ohne Wissen der Eltern dieser Arbeit nachgehen, wird z.B. ange­droht, daß ihre Eltern informiert werden.
In Natal verfügen Zuhälter über Fotoka­taloge mit jungen Mädchen (“ninfetas”), die Abgeordneten und Unternehmern für “Programme” angeboten werden. Nach­forschungen erga­ben, daß der Prostituti­onshandel direkt vom Büro des Parla­mentsabgeordneten Manoel do Carmo aus organisiert wird. Seine Angestellte be­treibt von dort aus ihre Agentur als Zu­hälterin. Berichten der Mädchen zufolge gehören vor allem verheiratete Männer zwischen 40 und 50 Jahren aus der geho­benen Schicht zu ihren Klienten.
Das Schweigen über dieses Thema zu bre­chen, ist gefähr­lich. Der Journalist, der diese Informationen veröffentlichte, wurde derart bedroht, daß er Natal verlas­sen mußte und jetzt an einem unbekannten Ort lebt. Dilma Felizardo, die von jungen Prostituierten und Angestellten der Hotels und Bars darüber informiert wurde, wer sich in Natal am Pro­stitutionsgeschäft be­reichert, war als einzige bereit, am 15. September dieses Jahres vor der Untersu­chungskommission auszusagen. Am dar­auffolgenden Tag begannen telefonische Morddrohungen, ihre Tage seien gezählt, und sie solle die jungen Prostituierten in Ruhe lassen. Schutz von der örtli­chen Po­lizeistelle bekam sie erst nach elf Tagen – erst nachdem die Kampagne gegen Kin­derprostitution und das Dritte-Welt-Haus Bielefeld Protestbriefe an Justiz- und Re­gierungsstellen geschickt und ihre Be­sorgnis in der lokalen Presse bekanntge­geben hatten.
Von Sicherheitssenator Manoel de Brito wird das Problem der organisierten sexu­ellen Ausbeutung von Minderjährigen al­lerdings bestritten. Er kritisierte diejeni­gen, die es wagen, “die Namen ehrwürdi­ger Personen in den Schmutz zu zie­hen”. Solche Leugnungen und die Gewißheit, nicht bestraft zu werden, sind die beste Garantie für die Ausbreitung des Sexge­schäfts.
“Jene, die die Mädchen benutzen und zur Prostitution zwin­gen, kommen ungestraft davon. Über sie wagt man nicht zu spre­chen, ja man will nicht einmal die Vor­würfe nachprüfen, die ihnen zur Last ge­legt werden, weil sie diejenigen sind, die zahlen. Den Mädchen und Frauen verwei­gert man jedes Recht – sogar die minimal­sten Bedingungen, um ihren Kör­per schützen zu können,” schreibt Dilma Feli­zardo in dem Dossier.
Festgenommen wurden bisher nur zwei Personen, die weni­ger prominent sind, ein Fotograf und ein illegal dort leben­der Schweizer, der Kinder für die Prostitution angeworben hat, sie mit Drogen versorgte und mit Fotos von ihnen handelte.

Prostitution – der einzige offene Ar­beitsmarkt

Die Hälfte der Bevölkerung in Rio Grande do Norte lebt in absoluter Armut. Hunger, Elend und das Fehlen anderer Arbeits­möglichkeiten sind die Gründe dafür, daß viele Mäd­chen in der Prostitution arbeiten. Oft sind sie Kinder von armen Familien aus dem Landesinneren, die auf der Suche nach einer Überlebensmöglichkeit in die Städte gekommen sind. Mehrheitlich ge­hören sie zur schwarzen Bevölkerung Brasiliens. Die Prostitution der Mädchen beginnt früh. Nach einer Studie der Uni­versität in Natal prostituieren sich 13 Prozent bereits im Alter von 8 bis 11 Jahren und 61 Prozent im Alter von 12 bis 14 Jahren. 72 Prozent der Mädchen unter­stützen mit ihrem Verdienst ihre Familie. Die Hälfte der befragten Mädchen weiß nichts über die gesund­heitlichen Gefah­ren.
Der Eintritt in die Prostitution verläuft über unterschiedli­che Wege. Viele Mäd­chen versuchen zunächst mit “anstän­diger” Arbeit, Geld zu verdienen, sie ver­kaufen Früchte oder Süßigkeiten oder ver­suchen es mit Bettelei. Sie mer­ken aber schnell, daß sie mit diesen Ar­beiten kaum überleben können und kom­men so zur Prostitution. Andere Mädchen kommen vom Landesinnern in die Städte, wo sie sich als Hausangestellte bei reiche­ren Fa­milien verdingen. Abgesehen von der schlechten Bezahlung werden sie häu­fig Opfer sexueller Gewalt der Familien­väter oder ihrer Söhne – ein Weg, sie auf die Straße zu treiben.
Zum Teil werden die Mädchen mit falschen Versprechungen in die Städte gelockt und finden sich dann in einem Bor­dell wieder. In anderen Fällen wird be­richtet, daß es die Eltern selbst sind, die aufgrund ihrer elenden Situation ihre Töchter in Bars und Bordellen abgeben.
Aber nicht nur Mädchen aus den ärmsten Schichten arbeiten als Prostitutierte, son­dern auch Mädchen der Mittelschicht. Im Unterschied zu den Mädchen der armen Schichten, die sich prostituieren, um zu überleben, die Familie zu unter­stützen und/oder ihren Drogenkonsum zahlen zu können, benötigen sie das Geld eher, um sich einen besseren Le­bensstandard leisten zu können – wie Markenkleidung und teure Parfums.
Häufig haben die Mädchen, die in der Prostitution arbeiten, sexuelle Gewalt be­reits in der Familie erlitten. Laut einer Studie eines Zentrums für Jugendliche (CBIA) in Fortaleza wurden 80 Prozent der minderjährigen Mädchen, die sich prostituieren, von Familienmitgliedern wie Vater, Stiefvater, Schwager, Onkel, Bruder, Großvater mißbraucht. Sexuelle Ge­walt ist das Kontroll- und Disziplinie­rungsmittel, das den Mädchen die typische Frauenrolle zuweist und sie zur Anpas­sung zwingt.
Die Mädchen fliehen aus den gewalttäti­gen Familien und hoffen auf ein selbstbe­stimmtes Leben. Auf der Straße ler­nen sie die Gewalt, vor der sie geflüchtet sind, in noch stärkerem Maße kennen. Was als Rebellion begann, endet in noch mehr Mißhandlung und Verletzung. Der Handel mit dem eigenen Körper erscheint dann vielleicht als einzige Möglich­keit, über ihn selbst zu bestimmen, ihn selbst zu be­sitzen.
Dilma Felizardo erklärt: “Vor dem Hin­tergrund mangelnder Arbeitsmöglichkei­ten öffnet sich plötzlich eine Tür: Die Welt der Prostitution, die sich anfangs noch als eine große Ver­suchung darstellt. Eine faszinierende Welt voller Abenteuer, Geld, Musik, Männer, Autos, luxuriöser Motels und Drogen. Käuflicher Sex wird als ein Ausweg und eine Lösung für die sozialen Probleme gesehen. Auch die fa­miliäre Moral trägt zum Eintritt der Mäd­chen in die Prostitution bei. All­gemeinhin gibt man einem Mädchen, wenn es die Jungfräu­lichkeit “verliert”, einen neuen Namen: den einer “Verlorenen”. Wird es schwanger, verlangt die Familie eine schnelle Heirat, oder es wird aus dem Haus getrieben. Der Schritt in die Prosti­tution ist dann oft nicht mehr weit.”
Die Mädchen selbst verdienen am wenig­sten an der Prosti­tution. In der Regel blei­ben ihnen nur 20 Prozent der Ein­nahmen, den größten Teil des Gewinns (60 Prozent) kassiert die Zuhälterin oder der Zuhälter, 20 Prozent die Vermittler wie Touristenführer oder Hotelportiers. Mit 20 Jahren haben die Mädchen von ih­rem Traum – verheiratet, Kinder und ein eigenes Haus – nichts erreicht, und in der Prostitution gelten sie schon als alt. Die meisten sind dann drogenab­hängig, AIDS­infiziert, depressiv, und viele begehen Selbst­mord.

Casa Renascer – der Wunsch nach einem anderen Leben

Seit zehn Jahren arbeitet Dilma Felizardo mit Straßenkin­dern. In Recife hat sie die besondere Situation der Mäd­chen, die auf der Straße leben, gesehen. Zusätzlich zu allen Problemen, die sie mit den Straßen­jungen teilen, erleben die Mädchen wei­tere Gewalt. “Sie menstruieren auf der Straße und bekommen dort ihre Kinder, sie treiben auf der Straße unter lebensge­fährlichen Bedingungen ab und werden auf der Straße vergewaltigt. Ein achtjähri­ger Junge wird als Kind betrachtet. Wenn aber ein Mädchen acht Jahre alt ist, wird sie schon als Frau angesehen – d.h. die Männer bean­spruchen das Recht, sie se­xuell zu gebrauchen”, erklärt Dilma Feli­zardo. Wegen dieser Erfahrung gründete sie 1989 in Recife zusammen mit Ana Vasconcelos die “Casa de Pas­sagem”, ein Haus, das Straßenmädchen, die als Pro­stituierte arbeiten, Unterstützung, Bera­tung und Unterkunft anbietet.
Seit ein paar Jahren widmet sich Dilma der Arbeit mit Straßenmädchen in Natal und hat dort eine Zufluchtsstätte für Mäd­chen, die auf der Straße leben, gegründet – die “Casa Renascer” (Haus der Wiederge­burt). Dort gibt es Platz für 30 Mädchen im Alter von acht bis achtzehn Jahren. Ih­nen wird eine Umgebung der Zuflucht und Unterstützung angeboten und die Mög­lichkeit gegeben, einen neuen Alltag zu planen. Sie lernen nicht nur in, sondern auch mit der Gemeinschaft zu leben.
Die Mädchen sind selbstverantwortlich, sie sorgen für ihre Verpflegung, achten auf die Einhaltung der Regeln und disku­tieren gemeinsam, was passiert, wenn ein Mädchen ge­gen sie verstößt. Aufgrund der knappen finanziellen Mittel gibt es nur re­duzierte Betreuungsmöglichkeiten. Ver­bindungen zur Verwandschaft werden ge­sucht, Mädchen, die keinerlei Beziehun­gen zur Familie haben, können anschlie­ßend in einer Kleingruppe in einem ande­ren Haus leben.
Tagsüber besuchen die Mädchen die al­ternative Schule im oberen Stockwerk des Hauses und lernen lesen und schrei­ben nach der Methode von Paolo Freire. Nachmittags gibt es drei verschiedene Ar­beitsgruppen: eine Theatergruppe, ein Schneidereiprojekt und eine Werkstatt, in der Hängematten hergestellt werden. Eine Erfahrung, die Dilma in ihrer langjährigen Tätigkeit machen mußte, nämlich “daß man Ar­men immer nur etwas Armes an­bietet”, versucht sie durch ein wettbe­werbsfähiges Projekt zu durchbrechen. Mit Unter­stützung der kanadischen Regie­rung wurden Nähmaschinen angeschafft. Jetzt beabsichtigen die Mitarbeiterinnen von CEBRAIOS, eine Kooperative zu bil­den und mit den Einkünf­ten sowohl einen Teil der Kosten für das Haus zu decken, als auch den Mädchen und ihren Müttern Verdienstmöglich­keit zu geben. Ziel ist es, den Mädchen zu zeigen, wie die Arbeit in einer Kooperative organisiert sein kann, damit sie zukünftig selbst ihre Arbeit be­stimmen können.
Die Mitarbeiterinnen der Casa Renascer fordern von der brasilianischen Regierung vergeblich Geld für ihre Arbeit. Ihre Ar­beit wird genauso diffamiert wie die Mäd­chen, die aufgenommen werden – und dies sowohl von offizieller staatlicher Seite, als auch von der unmittelbaren Nachbar­schaft. Dort existiert seit der Eröffnung im Oktober 1992 eine Unterschriftenliste ge­gen das “Haus der Prostituierten”.
Dilma Felizardo weiß, daß die Unterstüt­zung für so wenige Mädchen angesichts des Ausmaßes ihrer Probleme ein Trop­fen auf den heißen Stein ist. Sie begreift Casa Renascer jedoch als ein Modell, das zum einen der brasilianischen Regierung zei­gen soll, daß eine Unterstützungsarbeit für Straßenmächen sehr wohl möglich ist, und das sie damit unter Druck setzen soll. Zum anderen soll die brasilianische Gesell­schaft auf das Tabuthema aufmerksam gemacht und dazu gebracht werden, ihrer Verantwortung gerecht zu wer­den – so wer­den auch Vorträge an Schulen und Uni­versitäten gehalten und studentische Prak­tikantinnen zur Mitarbeit im Mäd­chenhaus aufgenommen.
Ende Januar läuft der Mietvertrag für die Casa Renascer aus. Noch ist unklar, wie das Haus weiterfunktionieren kann, woher ausreichende Unterstützung kommt.

Hoffnung auf Unterstützung und Zusammenarbeit

Von ihrem Aufenthalt erwartet Dilma Fe­lizardo mehr Zusam­menarbeit und Aus­tausch im Kampf gegen Mädchenprostitu­tion und Sextourismus. Mit ihren Berich­ten darüber, wie Sextourismus in Brasilien organisiert ist und wie das Leben der Mädchen zerstört wird, hofft sie auf mehr Aktivitäten gegen Prostitutionstourismus “auf der anderen Seite der Welt”.
Seit 1990 läuft, initiiert in ostasiatischen Ländern, eine in­ternationale Kampagne gegen Kinderprostitution. In der BRD ist im September 1993 eine Gesetzesände­rung in Kraft ge­treten, die sexuellen Mißbrauch nun auch im Ausland unter Strafe stellt. Die Kampagne gegen Kinderpro­stitution fordert jetzt, daß die Bundesre­gierung mit den Zielländern des Sextou­rismus Rechtshilfeabkommen abschließt, damit die Ge­setzesänderung praktische Wirkung zeigt. Dilma Felizardo hofft, daß es zum Abschluß eines entsprechenden Abkommens mit Brasilien kommt.

Weitere Informationen:
Straßenkinderkomitee
c/o FDCL
Gneisenaustr. 2
10961 Berlin
Finanzielle Unterstützungsmöglichkeit:
Postgirokonto Berlin (BLZ 100 100 10)
Kto.Nr. 176966-104
Stichwort: Casa Renascer

Kasten 1:

CPI – Comissao Parlamentar de Inquérito

Die parlamentarische Untersuchungskommission (CPI) zu Kinderprostitution wurde in diesem Jahr vom brasilianischen Bun­desparlament einberufen. Sie wird die angeklag­ten Politiker nach Brasília vorladen, damit sie über ihre Verwicklung in den sexuellen Mißbrauch von Mädchen aussagen.
Nach den bisherigen Untersuchungen, so die Vorsitzende des CPI, Marilu Guimaraes, gibt es landesweit Unterschiede in der Form sexueller Gewalt gegen Kinder:
Im Amazonasgebiet und im Zentralwesten profitieren vor allem Goldgräber und Lastwagenfahrer von der Versklavung und sexuellen Ausbeutung der Mädchen. Folte­rungen und brutalste Gewalt sind in diesem Terrain der absoluten Rechtlosigkeit an der Tagesordnung, wie der Journalist Gilberto Dimenstein recherchierte. Mädchen, die nicht länger bereit sind, endlos viele Kunden täglich zu bedienen, werden getötet, sichtbar und als Abschreckung für andere Mädchen. Wer sich eine Geschlechtskrank­heit zugezogen hat, wird nicht behandelt, sondern in den Fluß geworfen.
Im Nordosten herrscht der Prostitutionstourismus vor. Es gibt einen regelrechten Austausch von minderjährigen Prostitu­ierten zwischen den verschiedenen Städten des Nordostens. Die von der Regierung ausgebaute “Rota do Sol” ist die ge­winnbringende “Route der Mädchenprostitution”.
In Rio und Sao Paulo ist die Kinderprostitution vor allem über “Agenturen für Foto­modelle” organisiert. Besonders brutal üben in Sao Paulo Militär- und Zivilpolizei Gewalt gegen Mädchen aus, die auf der Straße leben. Julio Lancelotti von der Pasto­rale für Minderjährige in Sao Paulo spricht von einer Symbiose zwischen Kinderpro­stitution, Drogenhandel (vor allem Crack) und Polizeigewalt.
Im Februar wird der Bericht der CPI veröffentlicht. Es besteht allerdings die Gefahr, daß Namen verschwiegen werden, ebenso wie erst kürzlich im Bericht der Untersu­chungskommission zu Gewalt gegen Frauen. Trotz Protesten wurde der Be­richt noch immer nicht vollständig freigegeben, da dort eine einflußreiche Person beim Namen genannt wurde.

Kasten 2:

Das Frauen/Mädchen/Gesundheits-Projekt CEBRAIOS in Natal

Casa Renascer ist ein Projekt von CEBRAIOS (Centro Brasileiro de Informacao e Orientacao de Saude Social), einem Aufklä­rungszentrum für soziale Gesundheit, das 1990 auf Initiative von Dilma Felizardo entstand. Ziel des Zentrums ist es, Fortbil­dungen zu Themen wie Sexualität, AIDS, sexueller Gewalt für Eltern, Schulen und Gewerkschaften durchzuführen und Studien zu einzelnen Problembereichen zu er­stellen. Neben der Casa Renascer sind weitere Projekte des Zentrums ein Frauenge­sundheitsprojekt und ein Projekt über Frauenrechte. CEBRAIOS hat insgesamt neun feste Angestellte (u.a. eine Lehrerin für Alphabetisierung, eine Sozialarbeiterin, zwei Straßenerzieherinnen, die Bars und Bordelle besuchen und Kon­takt zu jungen Prosti­tuierten aufnehmen, eine Lehrerin für Schneiderei und einen Lehrer für die Theater­gruppe, eine Be­raterin für Frauengesundheit) und weitere freiwillige Mitarbeiterinnen. CEBRAIOS ist eine nichtstaatliche Organisation, die, angewiesen auf finanzielle Hilfe aus dem Ausland, Unterstützung erhält vom Dritte-Welt-Haus Bielefeld, Campo Limpo und Arche Nova in München.


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Es bleibt nur eine Alternative: Lula

ALAI: Wieder wird Brasi­lien von Korruptionsge­schichten erschüttert, diesmal sind Parlamenta­rier darin ver­wickelt. Wo­hin kann all dies füh­ren?
L.E. Greenhalgh: Die Lage im Land ist sehr ernst, wir sind in einer Sackgasse. Die Korruption hat mit der Absetzung von Collor nicht aufgehört, sondern ist noch schlimmer geworden, nachdem nun auch Parlamentarier und Richter in Verdacht gekommen sind.
Das Land ist gelähmt, und alle Blicke sind nur auf die Korruptionsskandale gerichtet. Die Regierung regiert schon nicht mehr, die Streitkräfte tun so, als sei nichts, das Parlament verabschiedet keine Gesetze, seit es die Überarbeitung der Verfassung unterbrochen hat, die Justiz erfüllt ihre Funktion nicht mehr, und das Volk ist empört. Das alles hat eine politische Si­tuation geschaffen, die den Zeitplan für die Verfassungsreform durcheinanderge­bracht hat. Es gibt möglicherweise vorge­zogene Wahlen, und man kann auch Putschpläne nicht mehr ganz ausschlies­sen.

Präsident Itamar Franco persönlich hat geklagt, auf ihn werde Druck aus­geübt, einen Staatsstreich nach Fujimori-Art durch­zuführen. Wie wahrscheinlich er­scheint Ihnen eine solche Entwick­lung?
Hätte Itamar die politische Macht, hätte er bereits den Kongress geschlossen und einen Staatsstreich wie Fujimori gemacht, aber er hat keine Macht. Er wurde Präsi­dent, weil Collor abgesetzt wurde, er­nannte Männer mit guten Absichten zu Ministern, aber die Regierung bewegt nichts, diese Leute treten auf, reden viel, aber sie tun nichts. Zum Beispiel der Fi­nanzminister ist ein angesehener Mann, der sich hier verausgabt, denn das brasi­lianische Volk möchte, daß die Inflation von monatlich 40 Prozent gestoppt wird, aber das schafft er nicht. Hätte er die In­flation eingedämmt, wäre die Regierung Itamars aus dem Skandal im Parlament gestärkt hervorgegangen, aber da er es nicht konnte, haben sie keine politische Kraft und können keinen Putsch à la Fu­jimori wagen.
Meiner Ansicht nach gibt es in Brasilien nur eine Alternative: die von Lula, die im Aufbau eines demokratischen Gemeinwe­sens besteht, mit dem Wirtschaft und Po­litik gesunden können. Es wird keine linke Regierung, keine sozialistisch-revolutio­näre, aber es wird eine revolutionäre Re­gierung in Bezug auf die Lage, in der Bra­silien sich befindet. Eine Regierung, die die Agrarreform im Griff hat, den Reich­sten Steuern auferlegen kann, die Straflo­sigkeit beendet, Ausbildung und Gesund­heitsversorgung verbessert und ein wenig die Inflation kontrollieren kann. Wenn das alles in Brasilien geschieht, können wir schon von einer Revolution sprechen: Für Brasilien gibt es keine an­dere Möglich­keit, es gibt nur eine, und das ist Lula.

Seit einiger Zeit scheint es, als ob in einigen Staaten separatistische Be­wegungen an Bedeutung gewinnen…
Meiner Meinung nach ist diese Welle von separatistischen Bewegungen in der Welt eine der Folgen des Endes des Kalten Krieges. Die Erde war lange in zwei Lager gespalten mit dem Ost-West-Konflikt. Aber nachdem diese Polarisierung ver­schwunden ist, verlagern sich die Ge­wichte auf die Regionen, und nun sehen wir die separatistischen Bewegungen mitten in Europa aufkommen und ebenso in Südamerika, in Brasilien, in Argenti­nien, in Chile. Ich glaube, daß das Ende der Bipolarität der Welt die regionale Bi­polarität hervorgebracht hat.
Darüber hinaus gibt es in Brasilien wirt­schaftliche Bedingungen, die die separati­stischen Bewegungen besonders im Süden des Landes fördern, denn die brasiliani­sche Wirtschaft spielt sich größtenteils im Süden ab. Und da entsteht ein Gefühl, daß der Süden dafür arbeitet, die Last des gan­zen Landes zu tragen und daß das nicht gerecht ist; sie denken, daß sie weiter entwickelt sein könnten, wenn es nicht die große Asymmetrie zwischen dem Norden und besonders dem Nordwesten und dem Süden gäbe.
Die Situation verschärft sich, denn die Regierung kann nicht damit umgehen. Sie möchte das Gesetz über die Nationale Si­cherheit umarbeiten, um es auf die Führer der Separatistenbewegungen anwenden zu können. Wenn sie dieses Gesetz anwen­den können, kann die Regierung solche Gruppen politisch verfolgen. Die Regie­rung von Itamar ist eine dumme Regie­rung. Ich glaube, wenn Brasilien seine “finanzielle Gesundheit” verbessert, dann werden diese Bewegungen wieder an Be­deutung verlieren.
So unglaublich es klingt, aber Lula ist eine der ganz wenigen Personen, die die mora­lische Autorität besitzen, das Land zu einen auf der Basis einer Zukunftspla­nung, und damit wird er die nationale Einheit fördern.

In Bezug auf Amazonien hört man, daß es einen Plan geben soll, die bra­silianische Armee zurück­zuziehen, um eine interna­tionale Kontrolle dieser Re­gion einzurich­ten. Wie steht die PT dazu?
Ein Hauptpunkt in den Gesprächen der PT mit den Militärs wird Amazonien sein und besonders das Projekt Calha Norte [Calha Norte war ursprünglich ein militärisches Projekt zur Sicherung der Grenze Amazo­niens; s. LN 180.], nicht, um etwas mit den Militärs auszuhandeln, sondern um einen Dialog über ihre mögliche Rolle in einer demokratischen, an den Interessen des Volkes orientierten Regierung zu be­ginnen.
Die PT und die Militärs haben seit jeher sehr verschiedene Grundauffassungen. Die PT wurde während der Militärregie­rung verfolgt. Im Demokratisierungspro­zeß haben die Militärs nie das Gespräch mit der PT gesucht. Jetzt wollen die Mili­tärs mit der PT sprechen, denn es besteht eine reale Möglichkeit, daß wir die Regie­rung stellen. Die Militärs erkennen an, daß die PT die einzige Partei mit einem Pro­gramm ist, das einen Ausweg für Brasilien aufzeigt. Deshalb versuchen beide Seiten, sich gegenseitig ernstzunehmen.
Außerdem reden wir mit den Militärs, um zu wissen, was ihre Vorstellungen und Schwerpunkte sind. Ihr erster Schwer­punkt, so sagen sie, ist die Professionali­sierung der Armee, die nie stattgefunden hat, da die Regierungen dafür keinen Etat hatten. Sie sagen, daß jedenfalls theore­tisch die Streitkräfte umso weiter von der Politik entfernt sind, je professionalisierter sie sind.
Ihre zweite Aufgabe ist die Verteidigung des nationalen Territoriums und der Gren­zen. Die Doktrin der Nationalen Sicher­heit, die einen äußeren und einen natürli­chen inneren Feind voraussetzt, ist über­holt. Deshalb sind die Militärs anderer Meinung wie Brizola, der möchte, daß die Militärs den Drogenhandel bekämpfen. Nach Ansicht der Militärs ist das Sache der Polizei, der Militärpolizei und der Mi­lizen, und nicht der Armee. Sie wollen keine Außenstelle des Pentagons oder des US-Heeres sein.
Außerdem ist ihnen die Notwendigkeit bewußt, das nationale Territorium in Amazonien zu erhalten. In diesem Sinne wollen sie das Projekt Calha Norte disku­tieren. Die Gespräche laufen gut, wir re­spektieren uns gegenseitig, wir reden frei, klar und ohne Angst, damit sie wissen, was wir von ihnen erwarten, und sie von uns.
Vom Standpunkt der nationalistischen In­teressen Brasiliens aus werden wir das Projekt Calha Norte unterstützen, soweit es die Erhaltung Amazoniens beinhaltet, jedoch mit einigen Einschränkungen.

Welche sind die Einschrän­kungen? Was zum Beispiel sagen Sie zu der Kon­trolle der Bevölkerung, die die­ser Plan enthält?
Unsere Einwände betreffen die sozialen Auswirkungen. Wir haben uns schon aus­gesprochen gegen ACISO (Acción Civica Social), mit deren Hilfe ganze Gemein­schaften unterdrückt und kontrolliert wur­den. Wir wollen die Verteidigung der Grenzen, die Verteidigung der territorialen Integrität Amazoniens als Teil Brasiliens.

Heißt das, Sie würden die Freizü­gigkeit der indigenen Bevölkerung re­spektieren, denn es gibt ja Völker wie die Ya­nomami, deren Gebiet bis nach Venezuela reicht…
Das Territorium der Indígenas gehört ih­nen, in dieser Hinsicht ist die Staatsgrenze eine Fiktion. Eine Regierung Lula würde die Grenzen im indigenen Territorium nicht festlegen, im Interesse der Einheit der indigenen Nation. Es entsteht auch ein Dialog zwischen den Indígenas und den Militärs, denn die Militärs beklagen sich, daß sie keinen Zugang zur Staatsgrenze haben, die zu schützen ihre Aufgabe ist, weil sie auf Stammesterritorium liegt. Wir ermöglichen Verhandlungen, ziehen auch CIMI und CNBB hinzu und das Justizmi­nisterium, damit die Militärs das Gebiet nicht besetzen, sondern das Gebiet nur betreten und durchqueren im Interesse der Verteidigung, ohne die Lebensweise und die Bräuche der Indígenas zu stören.

Sprechen wir von den an­stehenden Wahlen. Wie ste­hen Sie diesem Pro­zeß des Bündnisses gegenüber?
Es gibt eine Meinungsverschiedenheit in­nerhalb der PT darüber, ob das Bündnis die PSDB (Partido Social Democrático de Brasil) miteinbeziehen soll oder nicht: 40 Prozent unserer Partei ist der Meinung, daß die PSDB nicht Teil des Bündnisses sein darf. 60 Prozent dagegen meint, daß das Bündnis auch die PSDB umfassen sollte und einige Teile der PMDB. Das ist die offizielle Position unserer Partei.
Das Problem ist, daß die PSDB “eine schwierige Liebe” ist. Sie erklären sich, zeigen Ihre Absichten, möchten mit ihr reden, verhandeln und sie bei der Hand nehmen, und die PSDB will nicht, ist Jungfrau und Puritanerin und sträubt sich. Also wäre es sehr kompliziert, müßte Lula als potentieller Wahlsieger weiterhin die PSDB umwerben, die sich ihrerseits nicht entscheidet. Die Haltung der PT ist fol­gende: Wir bleiben weiterhin mit der PSDB im Bündnis, wenn es jedoch nicht hält, ist das nicht die Schuld der PT son­dern der PSDB.
Die PSDB hat keine Massenbasis aber sie hat Führungskräfte. Die PT hat eine Mas­senbasis, jedoch nur wenige Kader; also könnten wir uns zusammentun, was einen Machtwechsel in Brasilien garantieren würde. Mit Lula an der Spitze und einem der PSDB als Stellvertreter können wir im ersten Wahlgang diese Wahlen gewinnen, aber die PSDB macht alles kompliziert.

Worauf ist es zurückzufüh­ren, daß sich die Glaub­würdigkeit nun im Bereich der Zivilgesellschaft be­findet?
Es ist in Brasilien nichts Neues, daß die Zivilgesellschaft glaubwürdig ist, das war schon immer so. In der Zeit der Militär­diktatur gab es zwei politische Parteien, die eine war Instrument der Diktatur und hieß ARENA, die andere, die MDB, war in der Oppositon, d.h. die Diktatur ließ sie Opposition sein.
Wir sagten im Scherz, der Unterschied zwischen den beiden Parteien bestehe darin, daß die ARENA “Ja, mein Herr” und die MDB nur “Ja” sage. Aber wer das Land aus der Diktatur herausholte, das war das Volk, die Zivilgesellschaft, die StudentInnen, die Menschenrechtsorgani­sationen, etc..
Der erste große Kampf, der gegen die Diktatur geführt wurde, war der Kampf für die Amnestie. Und der wurde nicht von den Parteien ausgelöst, sondern von Persönlichkeiten und von der organisier­ten Zivilgesellschaft. Danach, mit Einset­zen der Amnestie, betreten die politischen Parteien die Szenerie und fangen dort wieder an, wo sie vor dem Militärregime aufgehört hatten. Die einzige Neuerschei­nung ist die PT.
Nachdem sich die Parteien rekonstruiert hatten, waren Direktwahlen für die Prä­sidentschaft notwendig. Wer macht die Wahlkampagne für die Direktwahlen? Die Parteien und die Zivilgesellschaft. Danach kommt die verfassungsgebende Ver­sammlung, die Parteien wählten ihre Ab­geordneten, aber es war die Zivilgesell­schaft, die die Anträge für die Verfassung einreichte. Anschließend fand die Kampa­gne gegen Collor statt. Wer die Kampagne zu seiner Entlassung veranlaßte, war die Zivilgesellschaft. Und erst danach stiegen die Parteien mit ein.
Also hat die Zivilgesellschaft in Brasilien eine herausragende Position. Heutzutage, da sich das Land in einem Zustand der Auflösung befindet ist die Kampagne ge­gen den Hunger das einzige, was sich be­wegt. Sie wird zwar von der Regierung unterstützt, aber von der Zivilgesellschaft getragen. Diese Kampagne, die von Be­tinho angeführt wird, bezieht den Bürger und die Bürgerin als politisches Wesen mit ein. Sie ist die einzige zur Zeit ernst­zunehmende Bewegung in Brasilien.
Es gibt Komitees gegen den Hunger in Stadtvierteln, Gemeinden und Regionen. In einer gemeinsamen Organisation wäre dies die größte Volksmacht, die es in un­serem Land je gegeben hat. Betinho ist ein guter Drahtzieher für die Kampagne, aber ein schlechter Organisator. Wenn er ein guter Organisator wäre, würde er als Er­gebnis der Kampage gegen den Hunger die größte Volksmacht in Brasilien auf­bauen.
Aber außerdem existieren noch andere Komitees, für Ethik, StaatsbürgerInnen, BürgerInnenrechte … wir arbeiten am Konzept des Staatsbürgers und der Staats­bürgerin. Gegen Ende der Diktatur in Bra­silien setzten wir uns für Menschenrechte ein. Aber die Charta der Vereinten Natio­nen spricht nur von individuellen Men­schenrechten. Wir müssen damit begin­nen, die kollektiven, kommunalen und Gruppenmenschenrechte einzufordern, wie zum Beispiel das Recht auf Wohnung, auf Erziehung und Gesundheit. Bald wer­den wir erreichen, daß diese Rechte in der Bundesverfassung verankert sind. Dann muß die Bevölkerung die Verfassung in die Hand nehmen und sagen: Wir sind brasilianische StaatsbürgerInnen, und hier haben wir unsere Rechte. Dieses ist der beste Abwehrmechnanismus gegen einen Putschversuch und die beste Garantie für den Demokratisierungsprozeß.


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Von der Psychosekte zum Folterlager

“Von der Banalität des Bösen” könnte man das neue Buch über die Colonia Dignidad in Chile auch nennen. Das wievielte Buch über diese verschrobene deutsche Sekte, die zur Helferin des chilenischen Geheimdiestes DINA und zur Folter- und Mordassistentin wurde, ist es eigentlich?
Seitdem die etwa 300 Köpfe zählende Sekte unter ihrem Führer Paul Schäfer 1961 Hals über Kopf von Deutschland nach Chile ausreiste, weil Schäfer von der Staatsanwaltschaft wegen sexuellen Miß­brauchs von Sektenkindern gesucht wur-de, stand die Gruppe in Chile mehrfach im Mittelpunkt von Skanda­len. Flucht, Prü-gel, Freiheitsberau­bung, psychische und physische Ab­hängigkeit der Sekten-mitglieder, Folter und Mord gemeinsam mit dem Pino­chet-Geheim­dienst DINA waren die Stichworte.
Allein in Chile sind min­destens zwei Ro-mane und vier Sach­bücher über die Psy-chosekte erschie­nen. Neben den Ver­öf-fentlichungen von Amnesty Internatio­nal 1977 und der Lateinamerika-Nachrichten 1980, 1988 und 1989 ist hier in Deut-schland vor allem das etwas zu schnell ge­schriebene und deshalb mit Detailfeh­lern behaftete Buch “Colonia Dignidad – ein deutsches Lager”, Reinbeck 1988, von Gero Gemballa zu nennen. Die Zahl der Fernsehberichte und längerer Zei­tungs-artikel geht in die Dutzende. Auch ein Spielfilm (“Die Kolonie” von Orlando Lübbert, BRD 1985) ist ent­standen.
F. Paul Heller geht die Sache jetzt auf 306 eng beschriebenen Seiten gründlich an, mit Personenregister und Chronik und vielleicht etwas zu gründ­lich. Er sucht Antworten auf die Frage: Wie kommt es, daß eine ursprünglich christlich orientierte Gruppe – der Großteil der Mitglieder stammt aus ei­nigen Baptisten-Gemeinden in Nord­deutschland – zur Terrortruppe nach innen und außen wird? Die Kapitel “Theologie des Terrors”, “Christentum und Folter” und “Gott und Teufel” machen Erklärungsversuche. “Arbeit ist Gottes­dienst” ist eines der wichtigsten “Glaubensbekenntnisse” von Paul Schäfer. Schweigen gegenüber anderen Sektenmit­gliedern und gegenüber Au­ßenstehenden bei gleichzeitiger voll­ständiger Offen­legung aller Gedanken und Gefühle ge­genüber dem Sekten­führer sind die Herrschafts-instrumente, mit denen die Gruppe auf Gedeih und Verderb zusam­mengeschweißt worden ist.
Es wird ein Psychogramm der Gruppe ge­zeichnet, und es werden auch Verbin­dungen zwischen der ver­steckten ideolo­gischen und theologi­schen Basis der Gruppe und einem “esoterischen Hitlerismus” einiger Freunde der Colonia Dignidad herge­stellt. Das ist schwer ver­daulich. Was den Wert des Buchs aus­macht, ist zum einen die Darstellung der Colonia Dignidad als Ort der Folter von politischen Gefangenen und als Ausbil­dungslager für den chilenischen Geheim­dienst. Zum anderen sind die zahlreichen bisher unveröffentlichten Dokumente spannend, weil sich die LeserInnen mit ihnen ein eigenes Bild vom Innenleben der Psychosekte und von der Terror-ideologie des Geheimdienstes machen kann.
Während des Putsches 1973 und in den Monaten danach sind in Chile einige tausend Gegner der Pinochet-Diktatur verhaf­tet worden und danach spurlos ver­schwunden. Der Autor präsentiert nun im Kapitel “Das Massaker” und “Das Arbeitslager” konkrete Zeugenaussagen über die Ermordung von etwa 100 so­genannten Verschwundenen in der Nähe der Colonia Dignidad an einem Berg mit dem Namen Monte Mara­villa. Monte Ma-ravilla war ein Ar­beitslager, das die Colonia Dignidad mit einem Teil der chilenischen Streit­kräfte (höchstwahr-scheinlich war dies die DINA) unterhielt. Nachden im Buch zusammengetragenen Aussagen bestand das Arbeitslager aus Fertig­baracken und Zelten. Dieses Lager, in dem bis zu 100 Gefangene unterge­bracht gewesen sein sollen, soll noch bis 1978, also 5 Jahre nach dem Mili­tärputsch bestanden haben. Die Arbeit, die auch nachts geleistet werden mußte, bestand in Steineschleppen und Graben. Soweit der Autor recherchie­ren konnte, sind alle, die dort gefangen gehalten wurden, bis heute “verschwunden”.
Zu den dort Ermor­deten zählt wahrscheinlich auch der 1974 verhaftete und verschwundene Chileno-Franzose Alfonso Chanfreau, dessen Schicksal ausführlich dargestellt wird. Erschreckend die Geschichte der ehemaligen Freundin Chanfreaus, die wie er zum linksre-volutionären MIR gehörte und nach Ver-haftung und Folter DINA-Agentin wurde. Jetzt führen die aus dem französischen Exil zurückgekehrten Eltern Chanfreaus einen Prozeß, um die Mörder ihres Sohnes dingfest zu machen. Einer der Folterer Chanfreaus, Osvaldo Romo, wurde in-zwischen von Brasilien ausge­liefert und sitzt nun in Chile in Un­tersuchungshaft. Das Buch bietet eine Fülle von Einzel-heiten, die es manchmal schwer machen, den Über­blick zu bewahren. Grausame Doku­mente sind abgedruckt, so z.B. die Empfehlungen eines Militärarztes 1973, wie mit den Anhängern der Unidad-Popular-Regierung umzugehen sei. Sie wurden in heilbare und unheilbare Ex­tremisten eingeteilt, die Unheilbaren soll-ten deportiert und schließlich “neutra-lisiert”, also ermordet werden. Betroffen macht auch die Lebens­beichte des DINA-Agenten Rene Mu­ñoz Alarcón, der kurz nach dem Mili­tärputsch im National-stadion alte Par­teifreunde der Sozia-listischen Partei identifizierte und der nach eigener Aussage in der Colonia Dignidad an Verhör- und Folterkursen teilnahm.
Grausig und dunkel sind auch die di­rekten Dokumente aus der Colonia Dignidad, die von einem krankhaften Verfolgungswahn zeugen. Häufig ver­fahren sie nach der Methode, die Beschuldigungen schlicht umzudrehen und die Verfolgten zu Verfolgern zu machen. Projektion nennen die Psy­chologen so etwas. Das “Protokoll der Außerordentlichen Generalversamm­lung” vom 26.10.1985 ist ein beredtes Dokument über die Denkweise der Sekte. Nach der Flucht dreier wichtiger Gruppenmitglieder, u.a. von Hugo Baar, der jahrelang der Leiter des zu­rückgebliebenen Außenpostens der Gruppe in Siegburg war, wurde dieses Protokoll verfaßt, um mit den Flüchti­gen abzurechnen. Baar wird als gel­tungssüchtiger hysterischer Psychopath bezeichnet. Psychoterror, Bespitzelung, Post- und Telefonkontrolle werden ihm vorgeworfen. Praktiken, die für Baars damaliges Verhalten treffend ge­wesen sein mögen, die aber wahr­scheinlich in noch größerem Ausmaß auch für die Colonia Dignidad in Chile zugetroffen haben.
Am Ende des Buchs stellt sich die Frage, was jetzt aus der Colonia Dignidad wird. Immer wieder in neue rechtliche Formen mu­tiert, existiert die Gruppe unter Sek­tenführer Paul Schäfer seit Mitte der 50er Jahre. Zwei große Skandale mit zwei parlamentarischen Untersuchun­gen (Chile 1967 und Deutschland 1988) hat die Gruppe unbeschadet überstanden. Als Helferin der Pino­chet-Diktatur jahrelang gut geschützt, dann aber auch in Chile in die öffent­liche Kritik geraten und im Februar 1991 formell aufgelöst, besteht die verschrobene Sekte weiter, weil sie ihr Eigentum rechtzeitig in neue Gesell­schaften von Sektenmitgliedern über­führt hat.
Wird es eines Tages eine Befreiung der von ihrer Führung un­terdrückten Sekten mitglieder geben? Wird eines Tages die ganze Wahrheit über die Kollaboration der Colonia Dignidad mit dem Geheimdienst ans Licht kommen? Werden die Mörder und Helfer gerichtlich zur Verantwor­tung gezogen werden können? Gewisse Chancen bestehen jetzt. Die chileni­sche Justiz hat inzwischen den frühe­ren Geheimdienstchef und Freund der Colonia Dignidad, Manuel Contreras, zu 7 Jahren Haft verurteilt. Dies geschah jedoch nicht für die Straftaten, die er zu­sammen mit der Colonia Di­gnidad began­gen hat, sondern wegen der Ermordung des ehemaligen Außenministers Or­lando Letelier, der 1976 einem Bom­benattentat in Washington zum Opfer fiel. Ob die gegen die Colonia Digni­dad angestrengten Prozesse jemals ein Ende finden werden, bleibt zweifelhaft. Der Autor jedenfalls wagt keine Pro­gnose.

Friedrich Paul Heller, Von der Psy­chosekte zum Folterlager, ISBN 3-926369-99-X, DM 29.80 Schmetterling Verlag, Stuttgart 1993


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Grenzenlose Zukunft -begrenzte Inhalte

Die Entdeckung des spanischsprachigen Publikums

Die Show ist das Zugpferd von Univision. 24 Stunden täglich sendet das Fernsehnetz, das sich selbst als “Vision Lateinamerikas” beschreibt -nach eigenen An-gaben erreicht es 90 Prozent aller Latino/a-TV-Haushalte von Chicago bis E1 Paso, von Miami bis Los Angeles. Die große Konkurrentin Telemundo hat mittlerweile eine ähnlich hohe technische Reichweite. Galavisión, die dritte im Bunde, konzentriert sich vor allem auf Latinos/as an der Westküste, die ihren Ursprung in Mexiko oder Zentralamerika haben. Alle drei stehen im Wettbewerb um die Gunst einer Zielgruppe, die erst vor einigen Jahren als solche entdeckt wurde und seither von einem kommerziellen Medienangebot geradezu über-schwemmt wird. “Effektive Strategien für den hispanischen Markt”, “die Entdeckung des hispanischen Zuschauers”-Artikel, Broschüren, Bücher mit solchen Titeln gehören mittlerweile zur Grundlagenlektüre jeder US-Werbeagentur.
Als Kommunikationswiese ethnischer Enklaven haben spanischsprachige Medien in den USA, wie viele andere fremdsprachige ImmigrantInnenmedien, eine lange Historie. Hier ein Blättchen, dort ein Blättchen, ein Kommen und Gehen. Als überlebensfähig hatten sich nur einige wenige Zeitungen erwiesen (siehe Kasten). Mit der Entdeckung der Latinos/as als Zielgruppe der Werbeindustrie begann jedoch eine ganz neue Geschichte: Der Boom der kommerziellen spanischsprachigen Medien in den USA. in den 70er und vor allem in den 80er Jahren schossen spanischsprachige Hörfunkstationen wie Pilze aus dem Boden, in immer mehr Regionen wurden Femsehprogramme auf spanisch über neue UHF-Stationen ausgestrahlt oder in Kabelsysteme eingespeist. Seit 1988 streiten sich zwei, seit 1990 drei Fernsehnetze um den Werbegelderkuchen.

Aufgewärmtes aus Mexiko und frisches Selbstgemachtes

Auch wenn Univisión, Telemundo und Galavisión immer wieder versuchen, sich voneinander abzugrenzen und sich ein unverwechselbares Image aufzubauen, kochen alle drei mit demselben Wasser. Das alltägliche Menü aus Werbeblöcken wird marktgerecht mit importierten Telenovelas, Komödien und Spielfilmen zusammengebracht und zur Not in den Nachtstunden als Resteesssen einfach noch einmal aufgewärmt. Ein Großteil dieser Sendungen stammt aus den Töpfen des mexikanischen Medienriesen Televisa, der einen Anteil von 25 Prozent an Univisión hält und Galavisión selbst zum Strahlen erweckt hat. Das Programm trifft aber nicht unbedingt den Geschmack aller Latinos/as in den USA. Vor allem jüngere schauen lieber den Musikkanal MTV oder Spielfilme auf einem der zahlreichen englischsprachigen Kanäle (manche von ihnen fallen schon von vornherein heraus: sie sprechen drei Generationen nach der Immigration schlecht oder überhaupt kein Spanisch mehr). So wollen sich die Fernehnetze seit einigen Jahren nicht mehr allein auf Programmimporte -vor allem aus Mexiko -verlassen, sondern vergleichsweise kostenintensiv in den USA selbst zu produzieren. Riesige Studio-Areale sind in den letzten Jahren in Miarni entstanden, wo sowohl Univisión als auch Telemundo produzieren. Anfangs waren es nur die nationalen Nachrichten, die von Florida aus in die spanischsprachigen Haushalte der USA verbreitet wurden. Sie sind sauber recherchiert und mit Berichten eigener KorrespondentInnen in Lateinamerika und dem “Rest der Welt” gefüttert. Telemundo kooperiert mit dem englischsprachigen Nachrichtensender CNN. Univisións “Sábado Gigante” wird seit nunmehr sechs Jahren in Miami produziert, genauso wie die erst wenige Jahre laufende “Christina”, eine täglich ausgestrahlte, außerordentlich erfolgreiche Diskussionssendung über Themen wie “zweisprachige Erziehung”, “Diskriminierung am Arbeitsplatz”, “Fit ins Alter” oder “rnachismo”. Sogar die erste jemals in den USA produzierte spanischsprachige Komödie “Corte Tropical” ist in den Studios in Florida entstanden. Ort der banalen Komödie ist ein Friseursalon, in dem sich die Wege von Latinos/as verschiedenster Generationen und Herkunft kreuzen: Mexikano-Amerikaneruinen, Kubano-Amerikanerinnen, Puerto-Ricanerinnen oder Immigrantinnen aus Zentralamerika.

Die normative Kraft des Kommerziellen

Mittlerweile leben über 17 Millionen Menschen in den USA, die vorzugsweise in Spanisch kommunizieren -und ihre Zahl steigt durch Immigration kontinuierlich. Weitere 5 Millionen Latinos/as beherrschen das Spanische zumindest passiv
-ein riesiger Markt für nationale und werbefinanzierte Programme. Wurden vor wenigen Jahren englische Werbespots spanisch synchronisiert, gibt es heute Spots, die exklusiv für die Zielgruppe der US-Latinos/as konzipiert und produziert werden. Spanischsprachiges Fernsehen in den USA ist vor aliem ein Geschäft -zudem eines mit rosigen Zukunftsaussichten. “Money makes the world go round.” Dieses Lied wird in den englischsprachigen Chefetagen der spanischsprachigen Fernsehnetze gerne gesungen. Besonders dann, wenn Latino/a-LobbyistInnen fordern, die Inhalte und Botschaften der Programme mehr an der sozialen und politischen Ausgrenzung vieler lateinamerikanischer ImmigrantInnen auszurichten. Cubano, Mexicano or whan
Doch politisch-emanzipatorische Programme für Latinos/as sind Mangelware; von den Programmchefs der Fernsehnetze ist oft zu hören, daß es Versuche gegeben habe, Dokumentationen und Diskussionssendungen ins Programm aufzunehmen. Massenhaft hätten die ZuschauerInnen zu Hause daraufhin das Programm mittels Fernbedienung ins elektronische Jenseits befördert.

Kein Minderheitenmedium

Die halbstündigen lokalen Nachrichten konzentrieren sich auf das Neueste aus den barrios in den Latino/a-Metropolen. Wenn überhaupt, dann sind sie es, die durch ihre engagierte, mitunter auch sozialkritische Haltung in die Schublade passen, in die spanischsprachiges Fernsehen in den USA von vielen immer noch gesteckt wird: Minderheitenmedium. Das hat Konsequenzen. Von KritikerInnen aus Latino/a-Kreisen wird ihm immer wieder vorgeworfen, es käme seiner eigentlichen Funktion, Anwalt für ImmigrantInnen zu sein, nicht nach. Andere wiederum, vorzugsweise WissenschaftlerInnen, sehen es als Orientierungsforurn für Neuankömmlinge in den USA. Sie nennen es in einem Atemzug mit deutschen oder russischen EinwanderInnenzeitungen des 19. Jahrhunderts und warten nur darauf, den Grabgesang auf ein weiteres fremdsprachiges Medium in den USA anzustimmen.
Doch spanischsprachiges Fernsehen in den USA ist kein Minderheitenrnedium. Ein Zielpublikum von 17 Millionen ist in einer Medienwelt, die sich in immer kleinere’ Zielgruppen segmentiert, keine Minderheit. Im Gegenteil. Viel wahrscheinlicher ist eine weitere Segmentierung des spanischsprachigen Fernsehmarktes. So wie im Fall von MTV Latino, der seit kurzem verfügbaren Version von MTV auf Spanisch. Sie wird auch in US-amerikanische Kabelnetze eingespeist.

Elektronischer Schmelztiegel ?

Egal, ob Fernsehen, Hörfunk oder Printmedium, vom Image eines kämpferischen Minderheitenrnediums haben sich die kommerziellen, spanischsprachigen Me-dien schon lange verabschiedet. So richtet sich die Kritik einiger Latinos/as im-mer mehr auf die Bilder, die das Fernsehen in den Köpfen ihrer ZuschauerInnen produziere. Earl Shorris, Biograph der Latinos/as in den USA, drückt das Mißfallen vieler aus, wenn er schreibt, spanischsprachiges Fernsehen sei ein “elektronischer melting pot, in dem Wörter, Bräuche, Gesten und Geschichten verschwinden”. Spanischsprachiges Fernsehen ist eines der wenigen Bindeglieder zwischen den verschiedenen ethnischen Gruppen, die unter dem Dach der “Superethnie” Latinos versammelt sind. Entsprechend hoch wird von manchen Beteiligten die potentielle Wirkung der Fernsehbilder auf das Selbstbild der US- Latinos/as eingeschätzt. Seit einigen Jahren diskutieren in-tellektuelle Latino/a-Zirkel, was der idealtypische Latino oder “die” Latina sei. Für viele Latinos/as stellt sich diese Frage nicht. Ihr Selbstbild kommt direkt aus dem Bauch und ist in den meisten Fällen in ihren Nationalfarben gezeichnet. “Mexicano”, “Cubano”, “Salvadoreno” sind die Antworten auf die Frage nach der ethnischen Identität. “Yo soy Latino -Ich bin Latino/a” ist eine eher selten verbreitete Selbsteinschätzung. Die Zielgruppe spanischsprachigen Fernsehens in den USA jedoch sind Latinos/as -anders als die lokal oder regional kommunizierenden Hörfunkstationen oder Tageszeitungen, flimmert über drei Zeitzonen und alle Ethnien und Nationalgefühle hinweg dasselbe Programm. Telenovelas, Nachrichten und in den USA produzierte Programme wie “Christina” oder “Sábado Gigante” sollen Mexikano-Amerikanerinnen vom Südwesten der USA gleichermaßen anziehen wie die große kubanische Gemeinde in Florida oder die karibische in New York. Manche glauben, daß in den USA eine Chance vertan wird, den typischen Latino oder “die” Latina nicht nur als Nachfahren spanischer Eroberer zu zeichnen.
Denn die täglichen Sendungen ignorieren die Existenz indianischer oder afrokaribischer Geschichte. Es blondelt und blauäugelt unproportional viel im spanischsprachigen Fernsehen. Das Phänomen des elektronischen Rassismus allerdings ist lateinamerikanische Tradition und nicht erst unter den Latinos/as in den USA kreiert worden.

Exporte nach Lateinamerika -Ziel Nummer eins

Damit sich die Investitionen für die in den USA produzierten Programme wieder amortisieren, greifen die spanischsprachigen US-Networks zu dem, was im Mediengeschäft ohnehin schon länger Standard ist: Sie exportieren Programme, die ursprünglich für den Latino/a-Markt der USA produziert wurden, nach Lateinamerika. So strahlt Don Francisco mittlerweile auf nahezu allen Bildröhren Lateinamerikas (über Don Franciscos Einfluß in Chile auch der Artikel “Mit anderen Augen gesehen” in diesem Heft), “Christina” hat sich auch zu einem Exportschlager Univisions entwickelt.
Mauricio Gerson, Programmchef bei Telemundo, nennt die Ausbreitung des Fernsehnetzes nach Lateinamerika das “wichtigste Ziel für die kommenden Jahre, es wird über unsere Zukunft entscheiden”. So soll der Verkauf spanischsprachiger Fernsehprogramme von den USA nach Lateinamerika das dringend benötigte Geld beschaffen, um weiterhin zu Hause -in den USA -teure, spanischsprachige Programme zu produzieren. Das alles, um nicht zu abhängig von aus Lateinamerika importierten Billigproduktionen zu werden. Medien kennen keine Grenzen mehr. Seit spanischsprachiges Fernsehen die Aufmerksamkeit der Werbeindustrie geweckt hat und selbst ausschließlich den Gesetzen der Profitmaximierung verpflichtet ist, ist es als Werbeträger zu einem wichtigen Bestandteil der globalen Konsumanimation geworden.Der Latino/a-Medienmarkt in den USA mausert sich mehr und mehr zum Experimentierfeld multinationaler Konzerne.

Wie in einem gigantischen Versuchslabor wird hier getestet, wie der lateinamerikanische Konsummarkt optimal animiert werden kann.Der Gedanke ist so simpel wie fragwürdig: Was von der multikulturellen Latino/a-Gemeinde in den USA angenommen werde, werde sich auch auf dem ebenso multikulturellen lateinamerikanischen Markt durchsetzen. Den spanischsprachigen Fernsehproduktionen käme dabei zugute, was für einige das Erfolgsrezept US-amerikanischer Medienindustrie überhaupt ist: Fernsehprogramme für ein kulturell, ethnisch und regional sehr unterschiedliches Publikum in den USA entwickeln zu müssen.
Doch nach diesem Rezept wird heute in allen Produktionsküchen von weltweit agierenden ProgrammanbieterInnen gekocht. Televisa in Mexiko, Radio Carácas in Venezuela oder Rede Globo in Brasilien sind Beispiele in Lateinamerika, die schon lange nicht mehr nur für ein nationales Publikum planen und produzieren. Don Francisco ist’s ohnehin egal, für wen er nächsten Samstag arbeitet -Hauptsache, die Einschaltquote stimmt.


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Kreative Unruhe inmitten des ökonomischen Desasters

Es ist eine seltsame Sturmnacht. Wind und Regen peitschen von der Karibik her gegen das kolumbianische Festland. Krebse krabbeln aus der Gischt und retten sich an Land. Ein Baby wird unruhig. In Windeseile bedeckt das glitschige Getier den Boden der Strohhütte. Das Baby schreit. Draußen hat das Unwetter ein anderes verstörtes Wesen an den Bootssteg gespült: “Un señor muy viejo con unas alas enormes” – einen sehr alten Herrn mit enormen Flügeln. Ein Geschenk des Himmels?
Fernando Birri, Kuba, 1989

Wie jeden Tag sitzt sie in der Küche und weint beim Zwiebelschneiden, als sie spürt, daß es soweit ist: Der gewölbte Unterleib krampft sich zusammen, die Fruchtblase platzt, und ein Meer von Tränen ergißt sich über die Holzdielen, schwappt bis zur Türschwelle. Das Mädchen, das in diesem Moment das Licht der Küchenfunzel erblickt, wird den Großteil seines Lebens in diesem Raum verbringen und als Köchin kleine Wunder vollbringen. Tief im Inneren wird sie sich nach den samtigen Schlafzimmeraugen ihres Geliebten und späteren Schwagers verzehren. Sie gehören zueinander “como agua para chocolate” – wie das Wasser und die Schokolade, die sie ihm täglich in emsiger Fürsorge zubereitet…
Alfonso Arau, Mexiko, 1992

Mexikanische Knäste sind nicht besonders angenehm, dieser ist keine Ausnahme: Die Mittagshitze brennt aufs Wellblechdach, apathisch hängt die Wärterin hinterm Schreibtisch und zählt Schmiergeld. Auch der einzige Insasse langweilt sich – und sinnt auf Rache: Er weiß, wessen Verrat er diesen Aufenthalt verdankt. Da ist das Schlagen einer Autotür zu hören. Breitbeinig, die Knarre im Anschlag, betreten sie die Baracke. Damit der Chef die neue Freiheit auch genießen kann, haben sie ihm gleich was mitgebracht: einen schwarzen Gitarrenkoffer – drinnen eine kleine Waffensammlung. Der Weg ist frei für die Revanche – wenn da nicht ein unschuldiger “Mariachi”-Sänger mit einem ähnlichen Koffer wäre…
Roberto Rodriguez, Mexiko, 1992

Von einem Tag auf den anderen beschließt er, das wenige zu verkaufen, was er sich in all’ den Jahren als Sargtischler erarbeitet hat. In La Paz begreift niemand, warum er zurück will in sein Aymara-Dorf. Vor Jahren hatte ihn die Gemeinschaft verstoßen: Er hatte Geld unterschlagen. Eine rituelle Tanzmaske auf den Rücken geschnallt, macht er sich zu Fuß auf den Weg, um dort zu sterben, wo er hingehört: zur “nación clandestina” – der geheimen Nation.
Jorge Sanjinés, Bolivien, 1991

Bloß raus aus dem feuerländischen Winter, weg vom spießigen Stiefvater, der resignierten Mutter, den Schikanen in der Schule und der verwickelten Liebesaffäre. – Wohin? Mal sehen: erst mal mit dem Rad durch Patagonien, dann weiter nach Norden… Quer durch den unbekannten lateinamerikanischen Kontinent, auf den Spuren des Vaters, der vor Jahren das Weite suchte: “El viaje” – die Reise – vielleicht ist der Weg schon das Ziel?
Fernando Solanas, Argentinien, 1992

Eingangsquenzen von fünf lateinamerikanischen Filmen, die in den letzten Jahren entstanden: Ein Panoptikum unterschiedlicher Geschichten und Bildsprachen. Nicht alle haben eine klare “mensaje”, eine politische Botschaft. Im Gegenteil: “El Mariachi” und “Como agua para chocolate” stehen eher in der Tradition populärer Unterhaltungsgenres, treiben sie auf die Spitze, lavieren zwischen parodistischer Brillianz und schnöder Trivialität hin und her.
Ganz anders dagegen Filme wie “La nación clandestina” und “El viaje”. Auf sehr unterschiedliche Art und Weise befassen sie sich mit der Suche nach einer persönlichen und kollektiven Identität: “La nación clandestina” des Bolivianers Sanjinés hält sich als künstlerisches Werk zurück. Der Film, der mit Aymara-Indígenas in ihrer Sprache gedreht wurde, paßt sich in Tempo und Schnittfolge der Lebensphilosophie dieses Volkes an. Ganz anders dagegen der abenteuerliche Trip von Solanas Protagonisten, einem Jungen aus dem weißen Mittelstand: “El viaje” ist vom ständigen Wechsel der Verkehrsmittel, der Umgebung, der Eindrücke geprägt: Ein surreal-dekadentes Argentinien, von Wassermassen überschwemmt und in seiner eigenen Scheiße erstickend. Ein postkartenschönes Machu Picchu, das inmitten des touristischen Rummels Ahnungen von der präkolumbianischen Vergangenheit aufsteigen läßt. Ein von grotesken Gegensätzen zerrissenes Brasilien, in dem es futuristische High-Tech-Metropolen gibt, während gleichzeitig im Amazonasgebiet Minenarbeiter sich zu Tode schuften müssen wie schon zu den Zeiten der Conquista. – Zwei Filme, der eine von stoischer äußerer Ruhe und Verschlossenheit, der andere opulent, teilweise überladen mit Eindrücken und Metaphern – Porträts der widersprüchlichen Gesichter eines Kontinents.

Filme zur Conquista: Jubiläumsspektakel oder kultureller Dialog?

Pünktlich zum Jahr 1992 entstanden auch einige Filme, die sich direkt mit der Geschichte der Eroberung Amerikas auseinandersetzen: Im Gegensatz zu den US-amerikanischen Mammutschinken “1492” und “Columbus”, die sich auf die Heldengestalt des “Entdeckers” bezogen, erzählen “Jericó” (Luis Alberto Lamata, Venezuela, 1991) und “Cabeza de vaca” (Nicolás Echevarría, Mexiko, 1991) andere Versionen vom “Aufeinandertreffen zweier Welten”, die ebenfalls auf historische Quellen zurückgehen: In beiden Fällen sind die Protagonisten spanische
Conquistadoren, die von ihrer Armee getrennt werden, nach und nach immer mehr vom alten Ich abstreifen, in die fremde Umgebung und Kultur eintauchen – bis sie gegen ihren Willen von den Spaniern “gerettet” und in die “Alte Welt” zurückgeholt werden.
Das Paradoxe ist, daß die meisten dieser “500 Jahre”-Filme nur mit Hilfe von Geldern aus Europa realisiert werden konnten. Besonders der staatliche spanische Fernsehsender TVE ließ sich das historische Gedenken schon einiges kosten und trat als Koproduzent bei der Finanzierung einiger Filme auf – unter anderem bei “La nación clandestina” von Sanjinés und “Un señor muy viejo con unas alas enormes”, den Fernando Birri nach einer Kurzgeschichte von Gabriel García Márquez verfilmte.

Allgemein konnte im letzten Jahr durchaus der Eindruck enstehen, als ob die europäische Medienöffentlichkeit ganz wild darauf sei, die koloniale Vergangenheit durch eine hohe Durchlaufzahl von lateinamerikanischen Filmproduktionen aufzuarbeiten. Sowohl auf den Leinwänden der Filmfestivals als auch in der ersten Reihe bei ARD und ZDF waren so viele amazonische Ureinwohner und großstädtische Straßenkinder zu sehen wie nie zuvor. Jetzt, wo der Jahrestag der Betroffenheit abgefeiert worden ist, scheinen sich die Bedürfnisse des Marktes und das Angebot in den Massenmedien erst mal wieder in andere Weltregionen verlagert zu haben.

Zwischen “Ästhetik des Hungers” und Happy End für “Juliana”

Und wie sieht es in Lateinamerika selbst aus? Mehr als 30 Jahre sind seit der Entstehung des Neuen Lateinamerikanischen Films vergangen. Beeinflußt von der kubanischen Revolution und linken Bewegungen anderswo auf dem Kontinent, versuchten in verschiedenen Ländern FilmemacherInnen, neue Wege zu gehen. Stilistisch waren sie unter anderem vom italienischen Neorealismus oder vom Surrealismus Luis Buñuels beeinflußt, der damals im mexikanischen Exil lebte. Das Kino sollte keine illusionistische Traumfabrik sein, sondern Spiegel gesellschaftlicher Verhältnisse und gleichzeitig Motor politischer Veränderungen. Entsprechend programmatisch waren die Namen: “Cine Imperfecto”, “Cine de Liberación”, “Ästhetik des Hungers”. Regisseure wie Fernando Solanas und Octavio Getino (Argentinien) propagierten ein “Drittes Kino” in Abgrenzung sowohl von der kommerziellen Filmindustrie als auch vom individualistischen Autorenkino.
Ziel war die “Entkolonialisierung der Köpfe” – Film als politisches und pädagogisches Instrument: Entsprechend groß war auch die Bedeutung, die dem Kino in Kuba und auch im sandinistischen Nicaragua beigemessen wurde. Einige dieser Filme beeindrucken nicht nur durch die “Botschaft”, sondern auch durch die expressive Bildsprache: Zum Beispiel “Lucía” von Humberto Solás (Kuba, 1968), der die Geschichte Kubas anhand dreier Frauen aus unterschiedlichen Epochen dieses Jahrhunderts zeigt. Andere Filme arbeiteten dagegen vorwiegend mit dem didaktischen Zeigefinger: Die Charakterisierung der Personen wurde dem vereinfachenden Pinselstrich des “sozialistischen Realismus” untergeordnet.
Einige RegisseurInnen oder Filmkollektive versuchten, nicht nur die Inhalte zu “revolutionieren”, sondern auch die Entstehung eines Films zu einem Gemeinschaftsprojekt zu machen: In den achtziger Jahren arbeitete Grupo Chaski in Peru fast ausschließlich mit LaiendarstellerInnen, die aus ähnlichen Lebensverhältnissen stammten wie die Personen des Films. Ihre Erfahrungen sollten in die Handlung einfließen. Dieser Anspruch wurde allerdings nur begrenzt realisiert – unter anderem, da es nicht gelang, mit gruppeninternen Hierarchie- und Machismo-Konflikten fertigzuwerden. Bei den Filmen von Grupo Chaski flossen Realität und Fiktion ineinander. Und auch Wunschträume hatten ihren Platz, beispielsweise bei dem Film über das Straßenmädchen “Juliana” (Peru 1989), der auf Wunsch der Kinder, die mitspielten, ein Happy End bekam. – Dies löste übrigens bei der Präsentation des Films in Europa bei vielen BetrachterInnen Befremden aus, wurde angesichts der Situation in Peru als unpolitisch und naiv angesehen…

Vor dreißig Jahren: Aufbruch trotz wirtschaftlicher und politischer Zwangsjacken

Das Neue Lateinamerikanische Kino sah sich natürlich von Anfang an mit großen ökonomischen Problemen konfrontiert. Nur in wenigen Ländern, wie etwa Argentinien, Brasilien und Mexiko, gab es eine funktionierende Infrastruktur im Filmbereich, die in erster Linie der Herstellung kommerzieller Unterhaltungsspektakel diente. In den siebziger Jahren begannen Länder wie Argentinien, Brasilien, Chile, Kolumbien, Mexiko, Peru und Venezuela, Gesetze zur Förderung der nationalen Filmindustrie zu verabschieden. So schreibt beispielsweise seit 1972 ein Gesetz in Peru vor, daß in den Kinos vor jedem ausländischen Spielfilm ein peruanischer Kurzfilm gezeigt werden muß und ein Teil der Kinoeinnahmen seinen ProduzentInnen zufließt. Dies führte immerhin dazu, daß zwischen 1972 und 1990 mehr als 800 Kurzfilme entstanden.
Während der Zeit der Militärdiktaturen in Argentinien, Chile, Bolivien und anderen Ländern waren viele FilmemacherInnen gezwungen, ins Exil zu gehen. Erst die Rückkehr der Länder zur formalen Demokratie brachte wieder Impulse für den Film, der zum Sprachrohr der progressiven Bewegungen wurde: In Argentinien entstanden ab Mitte der achtziger Jahre eine Reihe von Werken, die sich mit der Zeit der Diktatur auseinandersetzten, so etwa “La historia oficial” von Luis Puenzo (“Die offizielle Geschichte”, 1985), “La noche de los lápices” (“Die Nacht der Bleistifte” 1986) von Héctor Oliveira und “Sur” (Süden, 1987) von Fernando Solanas.

Ökonomische Krise und Videoboom: schlechte Zeiten fürs Kino

Die neunziger Jahre sind für das lateinamerikanische Kino nicht gerade die Zeit der großen Hoffnungen, und das hat in erster Linie ökonomische Ursachen: Die in den meisten Ländern ohnehin nicht sehr stabile Filmindustrie leidet zum einen unter der immer größeren Konkurrenz durch Fernsehen und Video. Die ökonomische Krise der letzten Jahre und vor allem die neoliberale Wirtschaftspolitik haben gleichzeitig die Kaufkraft so weit geschwächt, daß ein Kinobesuch auch für Leute aus der Mittelschicht zum Luxus geworden ist.
Als Konsequenz des Publikumsschwundes mußten in den vergangenen sechs Jahren mehr als die Hälfte der Kinosäle in Lateinamerika schließen. Die übrig gebliebenen Lichtspielhäuser setzen vorwiegend auf US-amerikanische Massenware. Oft werden sie auch von den Verleihfirmen dazu verpflichtet, mehrere Streifen en bloc einzukaufen, was es schwer macht, unabhängig produzierte in- oder ausländische Filme ins Programm zu nehmen.
Anders als in der Fernsehindustrie gibt es im Filmbereich kaum Strukturen für den Vertrieb und Austausch lateinamerikanischer Produktionen. Mit paradoxen Folgen: Die Wahrscheinlichkeit, einen kolumbianischen Film in einem Programmkino in Köln oder einem Dritte Welt Zentrum in Münster zu sehen, ist weitaus größer als die Möglichkeit, das Werk im Nachbarland Ecuador zu Gesicht zu bekommen. Das gilt auch für viele Filme, die internationale Preise erhalten haben.
Insbesondere die brasilianische Filmindustrie wurde von den Privatisierungen unter Collor de Mello stark getroffen. Dieser löste nach seinem Amtsantritt die staatliche Filmförderungsbehörde Embrafilm auf und schaffte das Gesetz ab, das den brasilianischen Filmen eine Abspielmöglichkeit garantierte. – Mit dem Ergebnis, daß das Land, das zeitweise bis zu 90 Filme pro Jahr produzierte, seit Anfang der neunziger Jahre nur noch durchschnittlich 3 Filme herstellt. Die Programmlücken, die so im Kinoangebot entstanden, wurden rasch mit US-Produktionen gefüllt.
Lediglich Mexiko gelingt es nach wie vor, seine – größtenteils recht kommerziell orientierte – Filmproduktion relativ stabil zu halten. Dies liegt zum einen an der vergleichsweise sicheren politischen und ökonomischen Situation des Landes. Wichtig für die künstlerische Filmproduktion sind die Aktivitäten des staatlichen “Instituto Mexicano de Cinematografía” (IMCINE), das unter anderem gezielt junge FilmemacherInnen fördert. Einige Filme wurden sogar kommerzielle Erfolge im Ausland, zum Beispiel “Como agua para chocolate”: In den USA wurde das Küchendrama überraschend zum Kassenschlager und spielte allein in den ersten 16 Wochen 8,5 Millionen Dollar ein.
Und wie steht es mit Kuba? In den drei Jahrzehnten nach der Revolution entstand auf der Insel unter Federführung des nationalen Filminstitutes ICAIC eine Filmindustrie, die zwischen 1984 und 1990 ungefähr 10 Spielfilme pro Jahr sowie zahlreiche Kurz- und Dokumentarfilme produzierte. Entscheidend ist allerdings nicht die Anzahl der Filme, sondern die politischen Impulse, die vom kubanischen Film ausgingen, sowie die Infrastruktur, die der kubanische Staat aufbaute und auch Filmschaffenden anderer Länder zur Verfügung stellte.
So wurde 1986 auf Kuba die “Filmschule der drei Welten” gegründet – ein weltweit einmaliges Projekt, das jungen Leuten aus Lateinamerika, Asien und Afrika die Möglichkeit bietet, gemeinsam zu studieren und sich auszutauschen. Das Internationale Filmfestival von Havanna, das seit 1980 jährlich stattfindet, entwickelte sich schnell zum wichtigsten Forum des lateinamerikanischen Films.
Die ökonomische Krise, unter der Kuba seit dem Zusammenbruch der Länder des Warschauer Paktes leidet, hat natürlich auch Auswirkungen auf die Filmindustrie: So konnten im vergangenen Jahr nur zwei Spielfilme fertiggestellt werden. Folglich fand das Filmfestival in Havanna in den letzten beiden Jahren in einer Atmosphäre der Widersprüche statt: Inmitten des immer größer werdenden Mangels gelang den OrganisatorInnen zwar das Kunststück, einen reibungslosen Ablauf des Festivals zu organisieren. Gleichzeitig sorgte 1992 die de-facto-Zensur des kubanischen Films “Alicia en el pueblo de las maravillas” (“Alice im Wunderland”), einer systemkritischen Satire von Daniel Díaz Torres, für einen Skandal.

Lateinamerikanische Filmkooperation – erste zaghafte Schritte

Was ist aus der kontinentalen Vision der Väter – und wenigen Mütter – des Neuen Lateinamerikanischen Films geworden, die sich 1967 im chilenischen Badeort Viña del Mar zum ersten lateinamerikaweiten Treffen versammelten?
1986 wurde von Filmschaffenden aus verschiedenen Ländern die “Fundación del Nuevo Cine Latinoamericano” (“Stiftung des neuen lateinamerikanischen Kinos”) ins Leben gerufen, die sich zum Ziel gesetzt hat, “die nationalen und kulturellen Werte Lateinamerikas wiederzubeleben” und die bereits bestehenden Bewegungen auf kontinentaler Ebene zu verknüpfen. Auf Initiative der Stiftung, die ihren Sitz in Havanna hat, wurde beispielsweise 1989 die “Conferencia Iberoamericana de Autoridades Cinematográficas” CACI (“Iberoamerikanische Konferenz der Filmbehörden”) gegründet. Ziel ist, die Zusammenarbeit staatlicher Institutionen und der Filmindustrien auf dem Kontinent zu verbessern und verstärkt Koproduktionen herzustellen. Mittlerweile haben 13 Länder eine “Ibero-amerikanische Film-Vereinbarung” unterzeichnet, die unter anderem die Einrichtung einer jährlichen internationalen Filmkonferenz vorsieht. Auch soll ein Exekutivorgan geschaffen werden, das die gesetzliche und praktische Umsetzung der Vereinbarung in den verschiedenen Ländern überprüft. – Ein gemeinsamer lateinamerikanischer Filmmarkt – die Patentlösung gegen die erdrückende Dominanz der US-amerikanischen Medienindustrie? Gabriel García Márquez, einer der Gründer der “Stiftung des neuen lateinamerikanischen Films”, betont, das Ziel sei nicht, die US-Konzerne aus dem Geschäft zu drängen, sondern lateinamerikanischen Filmen die gleichen Vertriebs- und Präsentationschancen zu verschaffen.
Der lateinamerikanische Film, ein schillernder Vogel, zur Zeit ziemlich gerupft, versucht, ökonomisch fliegen zu lernen. Ein schweres Unterfangen in einer Zeit, in der die wirtschaftliche Krise eine solch beklemmende Schwerkraft entwickelt wie in den neunziger Jahren.


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Korruptionsskandale ohne Ende

Das Brasilia der sieben Zwerge

Alles begann damit, daß die Polizei im Oktober einen Mann mit dem gut brasilianischen Namen José Carlos dos Santos unter dem Verdacht verhaftete, er habe seine Frau umgebracht, mit Kokain gedealt und Falschgeld unter die Leute gebracht. Nur, der Mann war nicht irgendwer. Der Ökonom José Carlos hatte es in der Bürokratie Brasilias bis zum Assesor des Haushaltsausschusses gebracht, er war bis 1992 einer der entscheidenden Drahtzieher bei der Erstellung des brasilianischen Staatshaushaltes. Seit einem Jahr ist seine Frau verschwunden, er steht unter Mordverdacht. In seiner Wohnung fanden Polizei und der Untersuchungsauschuß drei Millionen US-Dollar, teilweise gefälscht, sowie Videos und Utensilien, die zeigten, daß die Wohnung von José Carlos für Sexorgien – unter Beteiligung von Abgeordneten – diente. Aber diese üble Räuberpistole, die einem billigen Film entliehen scheint, war nur der Auftakt zu einer noch unüberschaubareren Korruptionsaffaire. Im Gefängnis beschloß José Castro auszupacken. Er nannte Namen und Details, wie über Jahre hinweg der Staatshaushalt von einer Gruppe von Abgeordneten manipuliert worden war. Die Gruppe war schon vor diesen Aussagen als die Hintermänner des Haushaltsausschusses identifiziert worden, und die Presse hatte sie als die “sieben Zwerge” bezeichnet. Zunächst hielten viele die Beschuldigungen José Carlos für den Versuch eines in die Enge getriebenen Übeltäters, Dreck in den Ventilator zu schmeißen. Aber immerhin wurde ein parlamentarischer Untersuchungssausschuß (CPI) eingerichtet und der Erste der vernommen wurde, war Joao Alves. Als dieser dann von Gott und Lotto erzählte, war allen klar: die Beschuldigungen von José Carlos haben Hand und Fuß, die Beweise gegen Joao Alves gelten inzwischen als hinreichend, um sein Mandat zu kassieren.

Der Staatshaushalt als Selbstbedienungsladen

Wie aber funktionierte die Haushaltsmafia? Entscheidendes Instrument ist eine Besonderheit des brasilianischen Haushaltrechtes: Einzelne Abgeordnete können Änderungsvorschläge beziehungsweise Ergänzungen (bis zu 50 “emendas”) einreichen. Diese beziehen sich in der Regel auf ein konkretes Projekt: die Straße in der Gemeinde X oder der Kindergarten in der Gemeinde Y. Nur gingen diese Gelder dann in vielen Fällen in Projekte, die viel teurer angesetzt waren als die realen Kosten, oder in Tarnorganisationen, die von Freunden oder Verwandten der Abgeordneten geleitet wurden. Nach Ermittlungen des Untersuchungsausschusses und der Presse sind von 150 Millionen DM, die in den letzten drei Jahren vom Sozialministerium als zusätzliche Mittel bewilligt worden waren, 130 Milionen (etwa 90 Prozent also) zur Finanzierung von Wahlkampagnen mißbraucht worden – oder sie flossen direkt in die Taschen der Abgeordneten und deren Verwandte.
Die Skandale im Einzelnen sind eigentlich keine Neuigkeit, der Mißbrauch von Staatsgeldern für private Zwecke wird immer wieder von Opposition und Presse angeklagt. Neu sind Ausmaß und Systematik dieser Haushaltsmafia. Nur ein Beispiel: einer der “sieben Zwerge” ist Feres Nader, der Tycoon einer Provinzstadt im Staate Rio de Janeiro. Ihm gehören fünf Fernsehsender und mehrere private Schulen und Fachschulen. Sein Jahresumsatz belief sich 1990 auf 2,7 Milliarden (!) US-Dollar, eifrig unterstützt durch Zuwendungen aus dem Staasthaushalt. Joao Alves veranstalte in Bahia ein Ausgabenfestival, um seine Wiederwahl als Abgeordneter zu garantieren. Ohne Nachweise über die Verwendung bringen zu müssen, erhielten Bürgermeister etwa 4 Milionen US-Dollar für das Versprechen, ihm Stimmen zu garantieren (alle Angaben nach Jornal do Brasil vom 31.10.93). Die Enthüllungen des Ausschusses sind auch ein Lehrstück in praktizierter Demokratie in Brasilien.

Linke und Militärs profitieren von der Krise

Jeden Tag werden nun durch Fernsehen und Presse alle Vorurteile gegen die politische Kaste in Brasilia bestätigt. Natürlich erinnert dies alles an den Skandal, der Collor letztes Jahr zu Fall brachte. Aber damals erhofften viele BrasilianerInnen von der Aufdeckung des Skandals, daß dies den Weg für eine neue Ethik in der Politik freimachen könnte. Jetzt werden eher pessimistische Verallgemeinerungen und Politikverdrossenheit verstärkt. In jüngsten Umfragen wächst die Zahl derer, die nicht wählen wollen, gewaltig. Aber der Skandal hat auch konkrete politische Auswirkungen.
Zunächst ist das Projekt der Verfassungsreform, die jetzt anlaufen soll (vgl.LN 233) gefährdet. Die eh schon umstrittene Legitimität des Parlaments für ein solches Werk ist mehr als angeschlagen. Die Verfassungsreform ist das große Anliegen des Mitte-Rechts Blockes, um das geltende Gesetzeswerk von nationalistischen Überbleibseln zu bereinigen und damit den Weg für den Marktliberalismus zu ebnen. Geschwächt durch den Skandal wird also genau dieser Block, und damit auch die Kräfte, die die Regierung Itamar Franco stützen. Ein Jahr vor neuen Präsidenschaftswahlen scheint die Regierung nun kaum den politischen Spielraum zu haben, um noch offensiv zu agieren.
Die vom Wirtschaftsminister Fernando Henrique Cardoso eingeforderte Steuerreform als Voraussetzung für ein Stabilisierungsprogramm ist in weite Ferne gerückt. Brasilien geht damit in einer unstabilen Situation in das Superwahljahr 1994. Gestärkt wird natürlich bisher die Linke, deren Abgeordnete nicht in den Skandal verwickelt sind. In Umfragen führt der Präsidentschaftskandidat der PT (Arbeiterpartei), Lula da Silva, mit so großem Abstand, daß einige “PTistas” schon von einem Wahlsieg im ersten Durchgang träumen. Aber kurioserweise gibt es auch einen anderen Gewinner. Der Vorsitzende des Untersuchungsausschusses heißt Jarbas Passarinho. Dies ist eine tragische Ironie. Passarinho gehört zu den typischen Überlebenskünstlern der brasilianischen Politik. Schon Collor diente er zu dessen Endzeiten als Minister und zu Hochzeiten der Militärdikatatur war er für das Justizressort verantwortlich. Er war es, der das berüchtigte Dekret AI-5 unterschrieb, das die harte Phase der Diktatur einleitete und durch das Mandate von Abgeordneten kassiert werden konnten. Heute posiert Passarinho von neuem als Kreuzritter gegen die Korruption – und schon steigt seine Popularität in den Wahlumfragen, obwohl er erklärt, kein Kandidat zu sein. Aber er ist zumindest wieder eine Schlüsselfigur im politischen Establishment. In den Augen vieler BrasilianerInnen ist die Verbindung zum Militärregime kein Makel mehr. Die Diskreditierung der bürgerlichen Demokratie durch die Korruptionsskandale führt zu einer gewissen nachträglichen Relegitimierung der Miltärdiktatur nach neunjähriger ernüchternder Erfahrung mit zivilen Regierungen. In ein solches Bild passt auch die Diskussion über den Einsatz des Militärs zur Bekämpfung der Drogenbanden in Rio. Nach Umfragen, denen allerdings nicht immer zu trauen ist, befürwortet die Mehrheit der BewohnerInnen Rios einen solchen Einsatz. Die Streitkräfte feiern ein come-back als Ordnungsmacht. Es ist absurd: eine Aufdeckung von Korruption erweckt mehr Befürchtungen als Hoffnungen. Von der Aufbruchstimmung und dem Optimismus, der die Amtsenthebung Collors begleitete, ist zur Zeit – im brasilianischen Frühling – wenig zu spüren.


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Gefangen im Goldbergbau

“Wenn ich vier Stunden am Stück unter Wasser bin, dann denke ich nur an die schönen Dinge des Lebens – an gutes Essen oder, daß ich den großen Goldklumpen finde”. So der Garimpero – der Goldgräber -, der auf einem Tauchfloß arbeitet. Während des vierstündigen Tauchgangs wacht ein anderer Garimpero über die Luftzufuhr. Trotzdem gibt es sehr viele Unfälle. Die Suche nach Schwemmgold in den Sandbänken ist aufreibend. Rheumatismus, Herzstörungen und Atembeschwerden sind fast schon normal. Das Saugbaggerfloß arbeitet im Gegensatz zum Tauchfloß mit höherem technischem Aufwand. Die Motoren laufen zwanzig Stunden pro Tag und machen einen ohrenbetäubenden Lärm. Sechs Menschen leben fast ständig auf dieser schwimmenden Maschine. Essen, schlafen, arbeiten auf dem Floß. Andere Garimperos arbeiten im Primärgoldabbau. Felsen werden mit Wasserhochdruckspritzen und schwerem Räumgerät bearbeitet. “Man sucht Gold und bekommt es nie zu Gesicht, es ist das Leben eines Gefangenen” sagt einer der Arbeiter.
Szenen aus dem Dokumentarfilm “Goldbergbau am Oberlauf des Tapajós”, dessen deutsche Fassung im November in Berlin uraufgeführt wurde. Zwischen einer halben und einer Million Menschen arbeiten im Amazonasraum von Brasilien in der Goldgewinnung, um damit ein Auskommen für fünf Millionen Menschen zu sichern. Was üblicherweise wegen der extremen Umweltbelastung und den oft tödlichen Auseinandersetzungen mit IndianerInnen im Kreuzfeuer der internationalen Kritik steht, wird in diesem Film von einer ganz anderen Seite beleuchtet. Die Lebens- und Arbeitsbedingungen der Goldgräber stehen im Mittelpunkt. Und die sind denen der Kautschukzapfer, die vor einhundert Jahren das flüssige Gold im Amazonas suchten, nicht unähnlich. Ohne gesetzliche oder soziale Absicherung arbeiten sie für einen Minenbesitzer oder auf eigenes Risiko sechs, manchmal auch sieben Tage in der Woche. Malaria ist die häufigste Krankheit. Lepra, Tuberkulose, Quecksilbervergiftungen und Geschlechtskrankheiten machen den schlecht ernährten Menschen zu schaffen. Eine Krankenversicherung gibt es nicht, genausowenig wie Schulen oder eine funktionierende Justiz. Bei Nichtanwesenheit des Staates gelten eigene Gesetze. Ein in den Film eingeblendeter Ausschnitt einer brasilianischen Fernsehsendung verdeutlicht die Blauäugigkeit und/oder den Zynismus der brasilianischen Gesundheitsbehörden: ein japanisches Wundermittel entgiftet einen an Quecksilbervergiftung leidenden Goldgräber angeblich binnen weniger Tage.
Etwas schwer verständlich für die deutschen ZuschauerInnen ist der Schluß des Videos. Hier sollen Handlungsperspektiven für eine bessere (gewerkschaftliche) Organisation der Garimperos aufgezeigt werden. Daß diese nur unter erheblicher Beteiligung der Minenbesitzer möglich sein soll, ließ unter den in Berlin anwesenden ZuschauerInnen eine lebhafte Diskusssion entstehen.
“Goldbergbau am Oberlauf des Tapajós” beeindruckt durch seine seltenen und nahen Aufnahmen und ist eine sehr gute Einführung in die Problematik des Goldbergbaus im Amazonas. Er entstand als ein brasilianisch-deutsches Kooperationsprojekt (CEPEPO, ABONG, Buntstift und KATALYSE) im Anschluß an das Seminar “Auswirkungen des Goldbergbaus auf Sozialgefüge und Umwelt im Amazonasraum”, das im Dezember 1992 in Belém stattfand. Bei weitergehendem Interesse sei das gleichnamige Buch zum Seminar empfohlen, das jetzt beim Volksblattverlag in Köln erschienen ist. Die deutsche Videoversion in VHS PAL oder Beta SP PAL kann ausgeliehen werden über KATALYSE, Institut für angewandte Umweltforschung, z.Hd. Regine Rehaag, Mauritiuswall 24-26, 50676 Köln. Tel. 0221-235964.


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Der “Telenovela-Streit”

Märchen ohne Konkurrenz

In Mexiko produziert der Medienriese Televisa (bzw. sein Vorläufer “Telesistema Mexicano”) seit Ende der fünfziger Jahre Telenovelas und verkauft sie seit Anfang der Sechziger auch in die übrigen Länder Lateinamerikas und in die USA. Televisa konnte durch aggressive Strategien die Medienkonkurrenz in Mexiko ausschalten oder zur Bedeutungslosigkeit verurteilen und hat damit weitgehend eine Monopolstellung. Aus dieser Position heraus konnte die Unternehmensleitung krasse Zensurmaßnahmen vornehmen, durch die die Beschäftigten unter hohen Druck gesetzt werden, die Programme strikt nach den Interessen der Unternehmensleitung zu gestalten. Diese Unternehmenspolitik rief in Mexiko viele KritikerInnen des Fernsehens und seiner Programme auf den Plan.
Anders als in Brasilien hielten die professionellen Kulturschaffenden, die Autor-Innen, RegisseurInnen und SchauspielerInnen jahrzehntelang Abstand von dem kommerziellen Fernsehgiganten, da es als “imageschädigend” galt, bei Televisa zu arbeiten. Erst seit in den achtziger Jahren die Arbeitsmöglichkeiten für KünstlerInnen in Mexiko immer schlechter wurden, gingen mehr und mehr SchauspielerInnen, aber auch einige AutorInnen und RegisseurInnen zu Televisa. Dadurch gab es über viele Jahre hinweg gar nicht erst den Versuch, in Programmen wie den Telenovelas anspruchsvolle Innovationen vorzunehmen. Die Konsequenz war, daß die mexikanischen Telenovelas bis in die achtziger Jahre “immer die gleichen rosaroten Märchen” blieben.

Linke Kritik seit den siebziger Jahren

Ausgehend von den Diskussionen der Siebziger wurden in ganz Lateinamerika die Massenmedien als Agenten des Kulturimperialismus gebrandmarkt, die die kulturelle Autonomie der lateinamerikanischen Völker durch fremde kulturelle Werte zerstören wollten. Daneben wurde in Anlehnung an einige Vertreter der Kritischen Theorie deren negative Bewertung der Massenmedien übernommen. Die Medien, so das gängige Urteil, prägten den schlechten Geschmack und entfremdeten das Bewußtsein der Menschen.
Als Prototyp dafür galten die Telenovelas. Allein die Tatsache, daß sie zusammen mit den ähnlich konzipierten Radio- und Fotonovelas ein Massenpublikum ansprechen und in ihren Bann ziehen können, wurde als Maßstab für den Grad der Entfremdung genommen, dem das Publikum bereits unterlegen war. Ideologiekritische Produktanalysen wurden vorgenommen und die Mechanismen der Bewußtseinsentfremdung hervorgehoben. Zwar gab es Ansätze, über neue Wege kritisches Bewußtsein zu schaffen, doch für viele der KritikerInnen gilt bis heute als Alternative, die “schlechten”, als zu konservativ, zu realitätsfern, zu konsumistisch oder zu liberal bezeichneten Inhalte durch “gute” zu ersetzen, das aber unter Beibehaltung derselben Art der Beeinflussung.

Imagepflege Televisas

In Mexiko fanden die kritischen Positionen ein so großes Echo, daß Televisa reagierte. Das Ergebnis waren einige Telenovelas, die sich um Ereignisse der mexikanischen Geschichte rankten oder in denen aufgefordert wurde, an Alphabetisierungsmaßnahmen teilzunehmen oder Verhütungsmittel zu benutzen. Mit solchen “unterweisenden Inhalten” konnten dazu gewinnträchtige Geschäfte gemacht werden. Für die Propagierung regierungsfreundlicher Geschichtsschreibung und die Unterstützung der Bevölkerungspolitik erließen die jeweiligen Regierungen Steuern und Gebühren. Insgesamt gab es kaum zwanzig Telenovelas diesen Typs, aber Televisa stellt sie bis heute zur Imagepflege in den Vordergrund.
Neben der Produktion von explizit als “bildend” bezeichneten Telenovelas ging Televisa zunehmend dazu über, die schon immer präsentierten Inhalte als “gute Botschaften” zu verkaufen. Das Publikum bekäme Beispiele für “gutes” Verhalten, wie z.B. das Waschen der Hände vor dem Essen. Schlechte Gewohnheiten, wie Alkohol- und Drogengenuß, würden in der Telenovela bestraft und hätten daher abschreckende Wirkung. Das Zurschaustellen von luxuriösen Konsumartikeln würde in den armen Menschen nicht den Wunsch wecken, ebensolche zu begehren, weil sie mit ihren traditionellen Lebensformen zufrieden seien.
Gleichzeitig betonte Televisa immer wieder, daß die Telenovelas nur zur Unterhaltung seien und das Publikum dem Fernsehen lange nicht so stark ausgesetzt sei wie z.B. einem Film im dunklen Kinosaal. Seit Anfang der neunziger Jahre strahlte der Fernsehsender außerdem Spots aus, in denen das Telenovela-Schauen in scherzhafter Form als aufregendes Ereignis in allen Lebensbereichen dargestellt wird. Außerdem wurde seit Ende der achtziger Jahre immer wieder auf die hohe Qualifikation der bei Televisa Arbeitenden verwiesen und die gute Qualität der Telenovelas beteuert.

Telenovelas entfremden die Frauen

Zwischen den Fronten der Telenovela-KritikerInnen, die überwiegend aus intellektuellen Kreisen stammten, und den VerteidigerInnen Televisas verbreitete sich die Diskussion um die Telenovela in den Auseinandersetzungen der Volksmassen. Die Argumente für und wider die Telenovela wurden “popularisiert”. Aus dem Argument der kulturellen Homogenisierung wurde in Mexiko der konservative Vorwurf, daß die traditionellen mexikanischen Sitten ausgehöhlt würden, wie z.B. die Priorität der Familie. Dies galt unter anderem als Kritik an den Frauen, welche durch die Telenovela-Inhalte motiviert würden, die Autorität des Mannes in Frage zu stellen.
Eines der in Mexiko am häufigsten benutzten Wörter bei der Kritik an den Telenovelas ist der Begriff der Entfremdung. Darunter wird in den meisten Fällen eine zeitliche Fremdbestimmung verstanden. Es heißt z.B., die Frauen kümmerten sich nicht genug um Mann und Kinder, weil sie an die Telenovelas gefesselt seien. Dies führe unter anderem zur Verwahrlosung der Kinder. Darüberhinaus kämen ZuschauerInnen nicht mehr in kirchliche und soziale Einrichtungen, weil sie lieber vorm Fernseher blieben. Anstelle des Fernsehkonsums sei das Lesen eines guten Buches, die Beschäftigung mit den Kindern usw. vorzuziehen. Die inhaltliche Interpretation des Entfremdungsbegriffes richtet sich darauf, daß vor allem Jugendliche und Kinder durch Telenovelas zu Delinquenz, Drogensucht und sexuellen Ausschweifungen verleitet würden.
Die harsche Kritik an den Telenovelas wurde vor allem von den Männern gegenüber den Frauen geübt. Besonders für Männer galt es als peinlich, Telenovelas gut zu finden. Seit Anfang der achtziger Jahre versuchte Televisa daher, deren Aufmerksamkeit durch die Hinzufügung von mehr Aktions- und Krimimomenten und durch Erotisierung und Sexualisierung der Liebesbeziehungen zu gewinnen.
Die Geringschätzung eines Fernsehgenres, das zunächst vorwiegend Frauen anzog, ist nicht auf Mexiko beschränkt, sondern findet sich ebenso in den USA und anderen Ländern gegenüber Fernsehserien und anderen vor allem bei Frauen populären Medien.

Niemand schaut Telenovelas

Die Telenovela-Fans mußten angesichts der harschen Kritik an ihrem Fernsehverhalten auf die Angriffe reagieren. Glaubt mensch den Äußerungen, die in Mexiko über den eigenen Telenovela-Konsum gemacht werden, scheint es oft, als würde kaum jemand diese Programme schauen. Andere ZuschauerInnen greifen die Argumente Televisas auf und betonen, sie würden die Serien nur zur reinen Unterhaltung und Zerstreuung und nur für ein Weilchen anschauen, wenn sie ohnehin nichts anderes zu tun hätten. Wieder andere beteuern, sie selber, ihre Kinder oder ihre Eltern würden eine Menge Gutes von den Telenovelas lernen.
Sie würden beispielsweise motiviert, sozial “besser” zu handeln oder Konflikte anders zu verarbeiten. Gleichzeitig betonen alle, nicht von den Telenovelas beeinflußt zu werden. Schließlich taucht oft das Argument auf, die mexikanischen Telenovelas seien von hoher Qualität. So sei es nur recht und billig, sie zu konsumieren.

Anpassung und Subversion

Die hier skizzierte Art der Auseinandersetzung mit Telenovelas ist bis heute in Mexiko häufig anzutreffen, befindet sich allerdings seit den achtziger Jahren in einem Prozeß der Veränderung. Zum einen führte das verstärkte Aufgreifen der Lebensrealität ärmerer Bevölkerungsschichten und Jugendlicher in der Telenovela dazu, daß neue Publikumsgruppen hinzugewonnen und deren Akzeptanz erhöht werden konnte. Zum anderen ist international eine Umbewertung in den Urteilen über Fernsehserien und populäre Geschmäcker festzustellen: Es wird stärker aus der Sicht der Einzelnen über deren Umgangsweisen mit populären Genres im jeweiligen alltagsweltlichen Kontext nachgedacht. In den USA gibt es darüber hinaus zahlreiche Annäherungen an die Frage, welche Bedeutung die Fernsehserien gerade für Frauen haben.
In Lateinamerika führte die Auseinandersetzung mit den sozialen Bewegungen jenseits der traditionellen Formen von kritischen Aktionsformen dazu, daß auch im Bereich der “cultura popular” ein Umdenken stattfand. Populäre Lebensstile werden nicht mehr nur als die Frucht interpretiert, die äußere Mächte gesät haben, sondern als die jeweiligen Aneignungsformen des Vorgegebenen zwischen äußeren Zwängen und eigenen Bedürfnissen und Wünschen. Dadurch sei es nach Meinung des Mexikaners García Canclini ganz und gar nicht zu einer Homogenisierung der verschiedenen lateinamerikanischen Kulturen gekommen, sondern es gäbe eine Vielzahl von traditionellen und modernen Lebensformen und -stilen, die nebeneinander ständen. Lateinamerika sei in die Postmoderne eingetreten, ohne die Moderne voll entwickelt zu haben.
Sowohl bei den spezifisch weiblichen Umgangsformen mit Fernsehserien, als auch bei den populären Herangehensweisen an Massenkultur wird eine neue Position vertreten. Danach übernehmen die Einzelnen zum Teil die von außen an sie herangetragenen Weltbilder. Auf der anderen Seite ist die eigene Alltagsrealität so bestimmend, daß Fernsehinhalte, die nicht mit den eigenen Werturteilen übereinstimmen, ignoriert werden. In Anlehnung an den Nutzenansatz in der Medienwirkungsforschung fragen seit Mitte der achtziger Jahre viele ForscherInnen in Lateinamerika danach, “was das Publikum mit den Medien macht”. Die Tatsache, daß die Fernsehproduzenten auf eine massenhafte Akzeptanz ihrer Produkte angewiesen sind, führe außerdem dazu, daß die Lebensrealität der Massen in den Telenovelas aufgegriffen und damit wiedergespiegelt und sichtbar gemacht würde.
In diesem Zusammenhang findet der in den letzten Jahren in Lateinamerika häufig aufgegriffene Begriff der “Mediación” von Martín Barbero aus Kolumbien seine Anwendung: die Telenovela ist Vermittlung. Sie ist der Ort, an dem sich Produktion und Rezeption, Rentabilität und kulturelle Heterogenität treffen und an dem diese verständlich werden.
Eine weitere Lesart von Telenovelas, die vor allem aus den feministischen Arbeiten über Soap Operas im englischsprachigen Raum angeregt wurde, betont, daß die scheinbar eindeutigen Botschaften in den Fernsehserien auf vielerlei Weise gedeutet werden können. Ein anderer Impuls kommt aus Brasilien, wo die Zurückdrängung US-amerikanischer Programme durch die Expansion nationaler Fernsehproduktion und der weltweite Export der Telenovelas hervorgehoben wird. Die Schwellenländer seien nun in die Lage gekommen, dem US-Kulturimperialismus etwas entgegenzusetzen.
Die Diskussion über Telenovelas im besonderen und Massenmedien im allgemeinen verläuft nicht in allen Ländern Lateinamerikas gleich, sondern bewegt sich mit unterschiedlicher Gewichtung der hier skizzierten Positionen: zwischen Ablehnung, dem Feiern der Telenovela als Spiegel gesellschaftlicher Realität und der Betonung der Ambivalenzen im Umgang damit. Während die Akzeptanz der Telenovelas in Brasilien in den letzten Jahren erheblich zunahm, gibt es in Mexiko weiterhin sehr viel Skepsis ihr gegenüber. Überall bleibt die Diskussion über sie jedoch in Bewegung.


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Ich glotz TV

Das Leben, wie es wirklich ist

“A vida como ela ” dieses Motto hämmern Moderator und Moderatorin immer wieder denen ein, die den Abend nicht mit einer Telenovela beginnen wollen, sondern sich bei der Globo-Konkurrenz SBT einschalten, der abgeschlagenen Nr.2. “Aqui e agora” – “Hier und Jetzt” heißt die allabendliche Magazinsendung, die verspricht zu zeigen, wie das Leben wirklich ist. Leider ist es so, wie viele es gerne sehen wollen: Eine Mischung aus Blut und Tränen. “Aqui e agora” setzt die ZuschauerInnen nicht in die erste Reihe, sondern direkt in den Polizeiwagen. In einem Teil der Sendung begleiten ReporterInnen die Polizei beim Einsatz, sind beim Bankraub dabei und verfolgen mit der Polizei die Täter. Wenns dann langsam reicht, kommt die Rührstory: Frau mit Vierlingen, vom Mann verlassen – erst nachdem lange genug im Privatleben des Spendenopfers gerührt worden ist, werden die ZuschauerInnen um Hilfe gebeten.
Der Star von “Aqui e agora” ist Gil Gomes. Wer ihn zum erstenmal hört, glaubt der Ton des Fernsehers sei kaputt. Eine verzerrte Gruftstimme schallt ihm entgegen: “In dieser Stadt, in dieser Straße, in diesem ruhigen Ort, hier, wo sich noch die Nachbarn kennen, hier wo die Welt noch in Ordnung scheint, hier geschah, hier geeschaaah es…” Gil Gomes Stimme hat sich inzwischen schon fast überschlagen und sein Gesicht ist zur Fratze verzerrt, bis er das unerhörte verkündigt. Wo ein Kind zerstückelt wird, wo eine Leiche in Beton gegossen wird, wo die Geliebte die Ehefrau und den Papagei umbringt, da taucht bald Gil Gomes auf und inszeniert den Schrecken neu. In der Regel sind es ordentliche Schrecken. Böse Menschen begehen grausame Taten und werden von der Polizei erwischt.
Immer wieder lobpreist Gomes die Polizei, läßt erst smarte Polizisten erzählen, wie sie das Monster überführt haben, um dieses dann zu präsentieren. Als SBT ein Jahr “Aqui agora” feierte, präsentierte der Sender eine “Best of Gil Gomes”. Höhepunkt war, wie der Höllenreporter zwei Mörder zur Tatortsbesichtigung begleitet. Die beiden hatten einen achtjährigen Jungen sexuell mißbraucht und dann umgebracht. Am Tatort läßt sich Gomes ausführlich den Hergang erzählen. Als sie zum Polizeiauto zurückgehen, will eine aufgeregte Menge die Mörder lynchen. Gil Gomes wendet sich an die Menge und fordert sie in pathetischen Worten auf, ihr Vertrauen in Gott und die Justiz zu setzen – und verhindert die Lynchjustiz.
So ist also das Leben wirklich. SBT rühmt sich, den Nachrichtenjournalismus revolutioniert zu haben. Eins stimmt: Die Welt von “Aqui e agora” ist nicht die glitzernde Scheinwelt der Reklame, es ist ein gewalttätiges Brasilien. Gomes’ Szenarien sind meist im einfachem Mittelschichtsniveau oder in Favelas angesiedelt. Natürlich zeigt die Inszenierung des Immergleichen Abnutzungserscheinungen und pro-voziert damit die Tendenz zur Radikalisierung. Bei Geiselnahmen fordern die Täter immer öfter die Präsenz von SBT und die ReporterInnen stellen sich dann gerne als Ersatzgeisel zur Verfügung. Aber in einem Fall scheint SBT selbst für die hartgesottenen brasilianische Öffentlickeit zu weit gegangen zu sein: “Aqui agora” zeigte live den Selbstmord einer Jugendlichen (sie stürzte sich vom Dach eines Hochhauses) in Sao Paulo.
Mit diesem Programm, das von sieben bis neun Uhr abends “Aqui e agora” mit einer Nachrichtensendung mischt, konnte SBT einen guten zweiten Platz reservieren. Danach kommt dann Billiges, weil man Globo eh keine Konkurrenz machen kann: mexika-nische Telenovelas.
Aber zum Ausklang des Abends überrascht der Sender dann mit einer der besten Sendungen, die das brasilianische Fernsehen zu bieten hat: Jo Soares, der Dicke (er ist unglaublich dick), interviewt mit Witz und Geist (mehr oder weniger) Prominente aller Couleur. Unterhaltsame und intelligente Plaudereien, nicht ohne (tendenziell progressives) Engagement. Die Werbung für die Sendung “geh’ nicht ohne ihn ins Bett” befolgt man/frau jedenfalls recht häufig.

Eine Nation sieht Globo

SBT zeigt, wie eine Strategie gegen die Übermacht Globo aussehen kann. Nicht frontal angreifen, sondern punktuell und nicht an den stärksten Stellen, den Telenovelas am Abend. Denn spätestens ab 8.30 gehört der Abend Globo. Globo-time ist zehn Minuten vor acht und beginnt mit der regionalen Nachrichtensendung. Um 8.00 beginnt dann das Jornal Nacional, die erste und immer noch dominierende Nachrichtensendung des brasilianischen Fersehens. Jetzt sind wir also wie 70 – 90 Prozent aller brasilianischen FernsehzuschauerInnen in den Fängen von Globo. Es gab Telenovelas, die Einschaltquoten von fast 100 Prozent erreichten. TV Globo ist einer der zentralen Institutionen der brasilianischen Gesellschaft. Es erreicht 99,2 Prozent des brasilianischen Territoriums und 99,5 Prozent aller Haushalte. Der Erfolg von Globo ist ein Phänomen, das nicht leicht zu erklären ist. Wieso hängt ein Mittelschichtspublikum in Sao Paulo allabendlich vor der gleichen Telenovela wie eine arme Bauernfamilie im Nordosten. Warum gucken das Hochhaus und die Favela nebenan allabendlich dasselbe? Warum himmeln Kinder von deutschen Einwanderern in Rio Grande de Sul die gleichen Stars an wie Nachfahren der Indios in den Städten Amazoniens? Erklärungen neigen dazu, die Ungeheuerlichkeit dieser Tatsache zu relativieren.
Globo ist bestürzend erfolgreich, es ist zusammen mit Karneval und Fußball die große nationale Instanz, die eine kulturelle Identität Brasiliens sichert. Eine Instanz mit Geschichte. Globo ist ein Kind der Diktatur. Ein Jahr nach dem Putsch von 1964 wurde es gegründet, der inzwischen fast neunzigjährige Besitzer Roberto Marinho war Unterstützer und Günstling der Diktatur. Die mediale Modernisierung, die sich auf US-amerikanische Technologie stützte, ist vielleicht eine der tiefgreifendsten Entwicklungen der siebziger Jahre. Globo hat die Diktatur glänzend überlebt, zumindest im letzten Augenblick hat auch Roberto Marinho die Demokratisierungsbewegung unterstützt. In jüngster Zeit waren es drei Entwicklungen und Ereignisse, die die Bedeutung von Globo markieren. Fernando Collor war der erste Fernsehpräsident Brasiliens. Ein smartes politisches Nichts wird 1989 innerhalb kürzester Zeit zu einer Alternative gegen einen drohenden Sieg der Linken aufgebaut. Sein Image: der Jäger der Korrupten. Im letzten Moment entscheidet eine Fernsehdebatte die Wahl. 1992 konnte die Nation dann erfahren, daß der Jäger der Korrupten ein selbst für brasilianische Verhältnisse übler und neurotischer Spitzbube war, der schließlich aus dem Amt gejagt wird. Der Fall Collor zeigt die Macht von Globo und deren Grenzen: die Realität wehrt sich noch bisweilen gegen die totale Medialisierung. 1992 zeigt Globo vier Wochen lang eine Miniserie über die Zeit von ’68 mit dem Titel “rebellische Jahre”. Sie trifft genau in die Zeit des Beginns des impeachment-Verfahrens gegen Collor und ist so schlecht nicht. Die StudentInnen gehen auf die Straße mit der Parole “Rebellische Jahre Teil 2”. Der Medienpräsident wird durch eine medieninspirierte Jugendbewegung in Bedrängnis gebracht. Die Mediatisierung der Realität schließt also die Opposition ein und Ironie nicht aus. An dem Tag, als Collor zurücktritt gibt es nur ein Thema: den Mord am Globo-Jungstar Daniela Perez, begangen von deren Partner in der Novela und dessen Frau. Merke: Überschätze Präsidenten und unterschätze SchauspielerInnen nicht.

Die Feinde des Imperiums

Natürlich hat Globo Feinde. Die Intellektuellen kritisieren es und schalten es immer wieder ein, schließlich muß man ja seine Feinde kennen. Aber der hartnäckigste und erbitterste Gegner von TV Globo und seinem Chef Roberto Marinho ist Leonel Brizola, der “linkspopulistische” Gouverneur von Rio. Er beglückt die brasilianischen ZeitungsleserInnen fast allwöchentlich mit seinen Botschaften, die als bezahlte Anzeigen veröffentlicht werden und wegen ihrer Form “Ziegelsteine” genannt werden. Für Brizola ist Roberto Marinho an allem schuld. Gewalt in Rio: das Fernsehen und Marinhos Zeitung (die auch Globo heißt) bauschen alles auf, um Brizola zu schaden. Außerdem ist das Fernsehen schuld an der Gewalt, weil es so gewalttätige Filme zeigt. Genüßlich zitiert es dann aus einer Untersuchung, die gezählt hat, wieviele Morde Globo durchschnittlich pro Tag in die Haushalte sendet. In seinem Haß gegen Globo hat sich Brizola im letzten Jahr schwer vergallopiert. Er hat die Kampagne gegen Collor zunächst kritisiert, weil sie sich gegen Hühnerdiebe richte, während der große korrupte Roberto Marinho… Das Argument ist immer dasselbe, Brizola kann mit irgendeinem Problem anfangen, mit Sicherheit endet er bei Globo, sein Weltbild ist völlig globozentristisch geworden. Auch in seinen Verbalinjurien geht Brizola weit. Für ihn ist Marinho der “Stalin der Medien”.

Die Auslöschung des Sozialen

Vordenker der intellektuellen Kritik am Fernsehen ist Muniz Sodr. Der Titel seines jüngsten Buches ist Programm: “Das ausgelöschte Soziale – städtische Gewalt, das Neugroteske und die Medien”. Für Sodr konstituieren die Medien eine neue Form der Soziabilität, die bestimmt ist durch unpersönliche Beziehungen. Dabei werden die dominanten Orientierungen von maximal 30 Prozent der Bevölkerung gnadenlos verbreitet und popularisiert. Die FavelabewohnerInnen sehen jeden Abend die Reklame von American Express. Die asoziale Konsum-, Vergnügungs- und Machtorientierung der Fernsehprogramme lassen andere Sozialitäten (Familie, traditionelle Kultur) verblassen. Das Fernsehen führt so zu Erosion einer personal vermittelten Sozialität. Nicht Armut an sich produziert Gewalt (sowenig wie Arbeitslosigkeit), sondern die Kombination aus Armut, sozialer Erosion und urbaner anonymer Nähe ergeben das explosive Gemisch. Im Ergebnis treffen sich Brizola und Sodr: das Fernsehen ist zumindest mitverantwortlich für die Gewalt, die das Leben in den Städten immer mehr prägt.
Dies scheint der vorher getroffenen Feststellung zu widersprechen daß Globo einer der großen Instanzen der Versicherung einer na-tionalen Identität in Brasilien ist. Ich denke, es weist eher auf den Charakter dieser Identität hin. Sie ist in dem Sinne falsch (der viel weiter ist als das Konzept der Manipulation) als sie nicht auf ein sozialisierbares Projekt hinzielt und Glücks-versprechen personali-siert.
Das große Thema der Novelas ist Liebe und an zweiter Stelle Geld. Liebe und Reichtum – wer findet das schon auf einer Gewerkschaftsversammlung. Die Radikalisierung der romantischen Liebe als das große Glücksversprechen, das auch den Armen winken mag, und die kriminelle Individualisierung der Reichtumsaneignung im Drogenhandel oder Raub sind Ausdruck desselben Prozesses der Entsozialisierung.
Die Linke hat es schwer, dagegen eine andere Lesart der Wirklichkeit zu stellen. Die immerselben Parolen (die heute noch auf T-shirts ihre Urstände feiern), wie “gemeinsam sind wir stark”, bleiben machtlos, weil unattraktiv. In der Mediatisierung des Sozialen ist Brasilien alles andere als ein Entwicklungsland, es hypertrophiert geradezu. Dies sollte für eine Perspektive des sozialeln Wandels nicht unterschätzt werden. Zumindest läßt Brasilien an einen alten Verdacht Adornos erinnern. Daß die Gefahr einer totalitären Macht weniger von einem perfekten Repressionsapparat ausgeht, als von dem Einschreiben der Herrschaft in die Bedürfnisse und das Begehren.
Nachsatz: Bei meinem letzten Besuch in Deutschland fiel mir auf, daß das Fernsehen dort dem brasilianischen immer ähnlicher wird. Vielleicht ist Brasilien doch das “Land der Zukunft”, aber in einem ganz anderen Sinn als es es sich die EntwicklungsoptimistInnen in den siebziger Jahren dachten.


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