„DIE FRAUEN LASSEN SICH NICHT MEHR ZUM SCHWEIGEN BRINGEN“

Mariana Yegros: Die argentinische Sängerin befindet sich gerade auf Europatournee // Foto: Guilhem Canal

Im März haben Sie Ihr neues Album Suelta herausgebracht. Können Sie uns etwas zu Ihrem neuen Album erzählen und zu dem Prozess, aus dem heraus es entstanden ist?
Ich habe zwei Jahre lang an dem Album gearbeitet, gemeinsam mit unserem gewohnten Produzenten King Coya. Unterstützt wurden wir dabei von Jori Collignon von der niederländischen Band Skip & Die sowie von Eduardo Cabra von Calle 13. Cabra ist ein großartiger Musiker, ich bewundere ihn sehr und hatte große Lust, mit ihm zusammenzuarbeiten. Die Lieder komponiere ich gemeinsam mit Daniel Martin und King Coya. Diesmal gibt es auch mehr von mir komponierte Lieder.

Ihr Stil ist als Digital Cumbia bekannt. Repräsentiert diese Bezeichnung die Vielfalt Ihrer Musik?
Digital Cumbia? Nein, überhaupt nicht! Das bringt mich immer zum Lachen. Ich werde auch die Königin des Nu Cumbia genannt. Ich erwidere darauf immer, dass es in meiner ganzen Discographie nur eine Cumbia gibt, nämlich „Viene de mi“. Meine Musik basiert auf anderen lateinamerikanischen Rhythmen, dem Chamamé, dem Carnavalito, der Saya, dem Rap. Es gibt gibt vielfältige Einflüsse in jedem Lied. Die Cumbia ist eine davon, aber nicht alles. Das neue Album enthält nicht eine Cumbia, es ist verrückt, dass mich die Leute darüber definieren. Wahrscheinlich, da „Viene de mi“ mein bekanntestes Lied ist. Nicht einmal „Linda la Cumbia“ ist eine Cumbia, ich habe es so genannt, um zu sehen, wer wirklich zuhört und wer Ahnung von Cumbia hat.

Manche bezeichnen Sie als Repräsentantin der weiblichen Cumbia und nennen Sie Königin der Cumbia, weil Sie eine Frau sind, der es gelang, in einer überwiegend von Männern dominierten Musikszene erfolgreich zu sein. Wie fühlen Sie sich in dieser Rolle? Glauben Sie, dass diese Betonung von Ihrer Musik ablenkt?
Nein, ich empfinde das nicht so. Es stimmt, dass vor allem in Argentinien, wo 2013 mein erstes Album erschien, nicht viele Sängerinnen bekannt waren. Dennoch habe ich das Gefühl, dass der Kern dieser Bezeichung eher mit der Cumbia selbst zu tun hat und weniger damit, dass ich eine Frau bin. Ich sage dazu, dass ich die Königin der NO Cumbia und nicht die der Nu Cumbia bin. Dass sie mich Königin nennen, finde ich ganz lustig.

Können Sie kurz erklären, woher die Idee kam, Folklore und elektronische Musik zu verbinden?
Meine Verbindung zur Folklore kommt von meinen Eltern. Mein Vater hörte viel Chamamé, meine Mutter Cumbia. Ich wuchs mit dieser Art von Musik auf, sie lief in den Barrios, wo die Arbeiter diese Lieder hörten. Meine Eltern kommen aus Misiones, an der Grenze zu Brasilien und Paraguay, und sind mit zwanzig Jahren auf der Suche nach Arbeit nach Buenos Aires gezogen. Dort wurde ich geboren, hatte also schon immer Kontakt mit den Traditionen, den Wurzeln meiner Eltern. In der Hauptstadt kam ich später in Kontakt zu modernen Klängen, daraus ergab sich die Frage, wie meine Wurzeln, die Folklore, mit diesen urbanen Klängen verknüpft werden können. King Coya ist da ein Spezialist und wichtiger Referent in Argentinien. Seit 30 Jahren mischt er elektronische Musik mit Folklore, er war einer der ersten, der das gemacht hat. Es ist ein großes Glück, mit ihm zusammenzuarbeiten. King Coya kümmert sich jetzt um die musikalische Produktion, er begleitet uns auch auf der Tour und hört von außen zu. Daraus entsteht eine Homogenität, eine natürliche Harmonie zwischen der Folklore und der elektronischen Musik.

Was möchten Sie mit dieser Mischung vermitteln?
Eine der wichtigsten Botschaften ist, unsere Musik zu unterstützen, sie aus unserem Land zu tragen, damit die Leute sie kennenlernen. Der Chamamé ist zum Beispiel ein wenig bekannter Rhythmus. Ich erkläre manchmal, wie man ihn tanzt, wie er klingt, wovon er handelt. Es ist sehr melancholische Musik, es geht um die verstorbene Mutter, um die verlorene Liebe, sehr traurig und gleichzeitig sehr tanzbar. Das hat auch mit meinen Wurzeln zu tun, mein Vater zum Beispiel ist sehr melancholisch. Wir haben diese Wesensart in Argentinien, der Tango zum Beispiel zeugt von totaler Zerrissenheit, damit identifizieren wir uns sehr. Mir ist wichtig, einen kleinen Beitrag dazu zu leisten, dass auch junge Leute ihren Zugang zur Folklore finden, sie tanzen und als etwas eigenes empfinden können. Wenn du nur einen Chamamé hörst, sagst du, ach nein, das ist Musik, die mein Großvater mag, aber wenn es mit für jungen Menschen vertrauten Klängen gemischt ist, führt es dazu, dass unsere Musik erhalten bleibt, und damit unsere Tradition.

Sie haben damit begonnen, musikalische Einflüsse aus dem Nordwesten Argentiniens und andiner Musik in der Provinz Buenos Aires zu singen. Jetzt tragen Sie diese musikalischen Traditionen auf andere Kontinente, wo das Publikum sie in einer vollkommen anderen Umgebung hört. Bemerken Sie einen unterschiedlichen Effekt, den Ihre Musik an den verschiedenen Orten, an denen Sie auftreten, auslöst?
Für mich ist sogar jede Stadt eine eigene Welt. Jedes Mal, wenn wir spielen, bemerken wir einen Unterschied. In Frankreich zum Beispiel, wo wir sehr oft auftreten, erkennen wir die Unterschiede im Publikum: In der Bretagne etwa sind die Leute sehr leidenschaftlich und wenn sie dich mögen, drehen sie durch. In Deutschland haben wir eines unserer ersten Konzerte 2013 in einem kleinen Ort gespielt. Wir waren das erste Mal in Europa, niemand kannte unsere Lieder, und Deutschland hat mit unserer Musik nicht viel zu tun. Aber die Leute sind durchgedreht und haben zu getanzt, und uns zum Tanzen aufgefordert. Es passieren manchmal so verrückte Dinge an unerwarteten Orten. Es sind immer wieder Überraschungen. Man kann nicht sagen, dass es dieses eine Land gibt, was dieses und jenes vermittelt, es hängt vom Moment ab, von der Situation.

In Ihrem Lied „Sube la presión“ singen Sie „Me enteré que el arte no sólo es belleza” („Ich habe gelernt, dass Kunst nicht nur Schönheit ist“). Was kann Kunst sonst noch alles sein?
Das Lied ist von Daniel Martín, er hat es geschrieben und dabei an mich gedacht. In allen Liedern, die er für mich macht, versetzt er sich in mich und in meine Geschichte hinein. Deswegen beginnt das Lied mit den Zeilen „Yo soy mujer, hijita de la calle“ („Ich bin eine Frau, eine Tochter der Straße“). Es handelt davon, aus einer Gegend zu sein, in der man Kinder barfuß die Straßen entlanglaufen sehen kann, die nichts zu essen haben. Und plötzlich fliegt man um die Welt und kann überall Sushi essen gehen. Ich hatte das Glück, zu reisen und viele unterschiedliche Orte kennenlernen zu dürfen. So bekommt man einen globalen Blick auf die Welt und merkt, dass einige Menschen Hunger haben, während es anderen gut geht. In dem Vers „Ich habe gemerkt, dass Kunst nicht nur Schönheit ist“ findet sich das wieder, einerseits das Glück, durch meine Musik reisen zu dürfen und Orte außerhalb Argentiniens kennenzulernen. Andererseits bedeutet es, seine Koffer zu verlieren, mal zu spät zu kommen, wenig zu schlafen… Man muss viel arbeiten und opfern, um eine Show von neunzig Minuten zu ermöglichen, selbst wenn man darauf mal keine Lust hat. Diese Seite des Künstlerseins ist eben nicht nur schön.

Auf deinem Album findet sich auch das Lied „Tenemos voz“, eine feministische Hymne, die von der Stärke der Frauen handelt. Die feministische Bewegung in Argentinien hat jüngst viel Sichtbarkeit erlangt, und immer mehr Fälle von sexuellem Missbrauch und sogar Vergewaltigungen durch zahlreiche argentinische Musiker kommen plötzlich ans Licht. Auch ein ehemaliger Musiker von Ihnen ist angeschuldigt worden, missbräuchlich und gewalttätig gewesen zu sein. Wir sind uns bewusst, dass Sie als Sängerin nicht die Verantwortung für die Taten der Männer tragen, die mit Ihnen zusammenarbeiten. Wie gehen Sie mit dieser Entwicklung um?
Dieses Thema ist für mich, so wie für die meisten anderen Frauen wahrscheinlich auch, sehr wichtig. In Argentinien und Lateinamerika insgesamt gab es in letzter Zeit plötzlich eine große Revolution, würde ich sagen. Die Frauen lassen sich jetzt nicht mehr zum Schweigen bringen. In Argentinien stirbt jeden Tag eine Frau durch Übergriffe, Missbrauch oder Vergewaltigung, und das macht mich sehr betroffen. Natürlich bin ich mit so etwas nicht einverstanden. Wenn ich zum Beispiel vom Ausland aus sehe, dass es am 8. März in Argentinien Demonstrationen gibt, wäre ich sehr gerne dabei. „Tenemos voz“ ist meine Art und Weise, zu der Bewegung aus der Distanz etwas beizutragen. Deswegen habe ich mit Soom T zusammengearbeitet, einer schottischen Sängerin mit indischem Ursprung, einer sehr starken Stimme, die außerdem politisch und sozial sehr aktiv ist. Es war mir wichtig, dass sie dabei ist. „Tenemos voz“ ist eine Hymne, die die Nachricht verbreiten soll, dass wir nicht mehr schweigen werden und eine Stimme haben. In Bezug auf die Anschuldigung gegen einen meiner ehemaligen Musiker: Leider kann man nicht mit Sicherheit feststellen, ob diese wahr sind oder nicht. Es wurde ein rechtliches Verfahren mit Anwälten begonnen, die sich dem Thema angenommen haben. Weil mein Name in diesem Zusammenhang gefallen ist, habe ich beschlossen, nicht weiter mit dem angeschuldigten Musiker zu arbeiten, bis der Fall geklärt ist und es Beweise für seine Unschuld gibt. Oft beschuldigen Menschen andere und können dann nicht beweisen, dass wahr ist, was sie sagen.

Es ist auch oft der Fall, dass Frauen nicht geglaubt wird, obwohl die Beweislage erdrückend ist, oder dass es eine Zumutung oder manchmal sogar unmöglich ist, Beweise vorzulegen.
Ja natürlich, das stimmt. Weil ich ja nicht dabei war, kann ich es nicht wissen und mir keine Meinung bilden. Er soll sein Problem lösen, und solange die Anschuldigung besteht, möchte ich nicht, dass er mit der Band in Verbindung gebracht wird. Wenn es wirklich stimmt, was gegen diesen Musiker gesagt wird, bin ich selbstverständlich nicht damit einverstanden. Sollte die Frau irgendwann aussagen, dass sie gelogen hat, ändere ich meine Meinung, aber sonst nicht.

 


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DEN SCHMERZ WEG TANZEN

Schon die ersten Takte des neuen Albums von La Yegros laden mit einem fetten, basslastigen Beat zum Tanzen ein. Beinahe 40 Minuten dauert dieses Fest namens Suelta, eine explosive Mischung aus südamerikanischer Folklore, angereichert mit Elementen elektronischer Musik. Suelta el dolor, den Schmerz loslassen, darum geht es.

La Yegros ist vor allem Mariana Yegros, aufgewachsen in Morón, einem Vorort von Buenos Aires und nun im südfranzösischen Montpellier wohnhaft. Ihre Eltern stammen aus der an Paraguay und Brasilien grenzenden argentinischen Provinz Misiones und brachten sie früh mit der dort typischen Folklore in Kontakt. Wohl auch deshalb ist die Sängerin, die gerne als Königin des digitalen Cumbias bezeichnet wird, nicht nur auf diesen Stil limitiert. Auch andere Varianten der nordargentinischen Folklore, wie Chamamé, Carnavalito, Huayno und Chacarera sind in ihrer Musik präsent. Der von treibender Percussion, Charango, Akkorden und andinden Flöten getragene Sound wird von den elektronischen Klängen gelungen ergänzt. Zwischendurch klingen auch rockige Töne durch, wie im kämpferischen Sube la Presión. Cuando, ein Lied, welches in zwei verschiedenen Arrangements vertreten ist, erinnert in der von Streichern dominierten, das Album abschließenden Version ein wenig an einen französischen Chanson.

La Yegros singt von klassischen Themen der Folklore, wie der Schönheit der Natur, von den Anden bis in die Selva, dem Tanzen oder der Liebe. Manchmal ist die Stimmung melancholisch, aber nie verzweifelt, eher kämpferisch. Dabei sticht besonders das feministische Tenemos Voz hervor, welches die schottische Musikerin Soom T. durch einen ungewöhnlichen, da englischsprachigen, Rap-Part bereichert. Unterstützt wird La Yegros von ihrem argentinischen Produzenten Gaby Kerpel, unter dem Namen King Coya als Urgestein der elektronischen Folklore bekannt. An Suelta wirken darüber hinaus Eduardo Cabra, besser bekannt als Visitante vom puerto-ricanischen Duo Calle 13, und Jori Collignon von der südafrikanisch-niederländischen Band Skip&Die als Gastproduzenten mit. Auch Daniel Martín, Komponist von La Yegros’ bekanntestem Lied Viene de mi, steuert wieder einige Songs bei. Das Album erscheint auf ihrem eigenen Label Canta la Selva. Sehenswert sind übrigens auch die aufwendig gestalteten Musikvideos, im Besonderen das zu Tenemos Voz, in dem ein reales Wandgemälde trickfilmmäßig zum Leben erweckt wird.

Vor allem aber ist La Yegros eine Liveband, die in den sechs Jahren ihres Bestehens bereits unzählige Konzerte in über zwanzig verschiedenen Ländern gespielt hat. Ihre ausgedehnte Tour, die sie erst quer durch Europa und dann Südkorea führt, hat bereits begonnen. In Deutschland gibt La Yegros drei Konzerte. Am 27. April in Kassel, am 7. Mai in Berlin und am 25. Juli in Würzburg. Wer ein bisschen loslassen möchte, dem sei ein Besuch empfohlen.

 

La Yegros´ Konzerte in Deutschland im Sommer 2019:

07.05. Berlin @ Gretchen, Support: Louie Prima, Event: https://www.facebook.com/events/313326652647004/

25.07. Würzburg @ Hafensommer Würzburg, Link: https://www.hafensommer-wuerzburg.de/programm/programm-details/latina-beatz-somos-guerreras-la-yegros.html

16.07. Stuttgart @ Sommerfestival der Kulturen, Link: https://sommerfestival-der-kulturen.de/

 


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MUSIKLEGENDE UND MEISTER DES VERSCHWINDENS

Suchend fährt die Kamera durch ein Hotel. Entlang an verwaisten Fluren, geschlossenen Türen . Lebt hinter einer von ihnen, vor der Öffentlichkeit verborgen, der Erfinder des Bossa Nova, João Gilberto? Oder bleibt die Suche wie so oft vergeblich? Der Regisseur Georges Gachot begibt sich in seinem Dokumentarfilm Wo bist du, João Gilberto? auf die Suche nach dieser brasilianischen Musiklegende.

Sein Film basiert auf dem Buch Hobálálá, geschrieben von Marc Fischer, einem deutschen Journalisten, dessen Leidenschaft für den Bossa Nova dieses literarische Kunstwerk hervorgebracht hat, betitelt nach dem gleichnamigen Song von Gilbertos erster Platte Chega de Saudade. Auch Fischer war ein Suchender, auch er von der Idee besessen, den Meister zu finden, der 1958 nur mit seiner Gitarre und seiner Stimme einen neuen Musikstil erschuf. Fischers Buch dient dem Filmemacher gewissermaßen als Drehbuch. Es beschreibt die vergebliche Suche nach João Gilberto, einem lebend Verschollenen, der sich allen Versuchen, ihm nahe zu kommen, mit Finesse entzieht. Diese Suche, von Fischer begonnen, nimmt Georges Gachot in seinem Film wieder auf. Dabei dienen ihm Aufzeichnungen, Tagebucheinträge, Fotos, sowie Bild- und Tonmaterial aus dessen Nachlass, denn Marc Fischer hat sich mit gerade 40 Jahren das Leben genommen. Unterstützung für sein Vorhaben findet er bei Rachel Balassiano, die seinerzeit schon Fischers Gehilfin bei der Suche nach João Gilberto war. Gemeinsam gehen sie den in Fischers Buch gelegten Spuren nach. Gachot kontaktiert einstige Weggefährten, Musiker und Komponisten, die ihn zwar zu den Ursprüngen und Wegbereitern des Bossa Nova führen, jedoch nicht zu João Gilberto, denn seine Gesprächspartner*innen haben ihn seit Jahrzehnten nicht mehr gesehen. Regisseur und Buchautor verbindet die Sehnsucht nach dem Erlebnis eines schwer zu fassenden, traurigen Verlangens, das in den sanften Klängen, dem schwebenden, fast geflüsterten, poetischen Gesang ihres Idols seinen Ausdruck findet und den Zauber des Bossa Nova ausmacht. Sehnsucht ist im Film ein Schlüsselbegriff, der die Suche nach jenem Unsichtbaren antreibt, der der Welt diese einfühlsame, melancholische Musik geschenkt hat.

Am Ende des Buches fragt Sherlock (das literarische Alter Ego Marc Fischers) seine Gehilfin Dr. Watson (Rachel Balassiano): „Warum haben wir ihn nicht gefasst, Watson? Wir haben doch alles versucht.“ Watson: „Weil die Sehnsucht nicht zu fassen ist. Von niemandem, Sherlock.“ Am Ende des Films ein letzter Versuch des Filmemachers ihn doch noch zu fassen und Gilberto wenigstens ein einziges Mal live spielen zu hören: Vermittelt durch dessen Agenten lauscht Georges Gachot in einer der letzten Einstellungen andächtig seiner Musik durch eine Tür. Bleibt Joao auch diesmal ein Phantom? Das Archivmaterial diverser Konzerte Gilbertos, filmische Streifzüge durch Rio de Janeiro und die allgegenwärtige Präsenz der Bossa Nova-Rhythmen, lassen die Zuschauer*innen die Schönheit dieser Musik erleben. Nebenbei erfährt man, dass der Bossa Nova in der Toilette entstand, da João Gilberto diesen fünf Quadratmeter großen Ort als idealen Resonanzraum erkannte, wo die Akustik am besten war. Der Film ist gleichzeitig eine Art Entdeckungsreise in die Welt der brasilianischen Musik und der brasilianischen Musikszene des Bossa Nova.


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ONDA VAGA, WAS NUN?

Das Ende vom Lied Für Onda Vaga hört es sich schlecht an (Foto: flickr.com, CC-BY-SA 2.0, Secretaría de Cultura de la Nación, no changes made)

Nun also Onda Vaga. Die Mitglieder der international bekannten Indie-Rock-Band sehen sich Vorwürfen ausgesetzt, die es in sich haben. Die Rede ist von sexuellen Übergriffen und Missbrauch, Vergewaltigung und Psychoterror. Kurz: von wiederholtem, abstoßendem Machogehabe.

Onda Vaga, das sind fünf Typen zwischen Mitte und Ende 30. Fünf Musiker, deren Lieder sich meistens darum drehen, dass sie doch nur liebe Jungs sind, die sich in schöne Frauen vergucken. Ihre tanzbaren Rumba-Rhythmen verhalfen der Gruppe in den vergangenen zehn Jahren zu relativem Erfolg. Sie haben fünf Alben veröffentlicht, und bereisten allein acht mal Europa.
Onda Vaga steht dabei für ein bestimmtes Lebensgefühl. Den Wunsch nach Freiheit, gepaart mit entspanntem Laissez-faire und Easy Going: buena onda, wie es in Argentinien einfach heißt. Das ist, was Menschen suchen, und auch finden, wenn sie zu den Konzerten kommen. So auch am 27. September im Festsaal Kreuzberg in Berlin. Die Stimmung ist ausgelassen, es wird getanzt. Ein Großteil des Publikums kennt die Songs auswendig und singt lauthals mit. Bald wird es schwitzig im Saal, klebrig vom wilden Herumspringen. Die Musiker auf der Bühne geben sich betont lässig, albern und turnen herum, kiffen, trinken und feiern sich selbst. Die Band hat auch in Deutschland eine feste Fancrowd. Teile der Berliner Latinx-Community sind darunter, genauso wie Menschen die mindestens einen Backpacking-Urlaub in Lateinamerika hinter sich haben. Der Sound ist hervorragend, das muss man den Männern lassen. Weder auf oder hinter der Bühne noch in der Organisation oder in der Technik findet sich eine einzige Frau.

Kurz vor dem Konzert trafen sich LN mit den beiden Bandmitgliedern Germán Cohen und Marcelo Blanco zum Interview. Wir sprachen über die aktuelle Tour, das neue Album. Ein bisschen Smalltalk darüber, wie wunderbar Berlin und wie schlecht die aktuelle ökonomische Situation in Argentinien doch sei. Auch der Feminismus als politische Kraft und die Kampagne für ein legales und kostenfreies Recht auf Abtreibung kamen dabei zur Sprache. Dinge, die sie, so Germán und Marcelo, im Herzen tragen. Insgesamt also nichts Brisantes, und doch etwas, woraus wir ein nettes Interview hätten basteln können.

Die Berichte lassen vermuten, dass sexuelle Übergriffe im Umfeld der Band zur Normalität gehörten

Nur wenige Tage später, Anfang Oktober geht die Seite Denuncias Onda Vaga online. Darauf zu finden sind zu Beginn zehn, bald darauf 20, und nach einigen Tagen bereits über 40 Berichte, in welchen Frauen von ihren unangenehmen Erfahrungen mit den verschiedenen Bandmitgliedern berichten. Die Erfahrungsberichte sind anonym, aber äußerst detailliert. Auch die beiden Musiker Germán Cohen und Marcelo Blanco werden explizit genannt. Es folgen Hunderte Tweets und Diskussionen in den sozialen Medien. Die ausstehenden Konzerte in Brüssel und Madrid werden von den Veranstalter*innen abgesagt, mit dem Verweis darauf dem Publikum keinen sicheren Raum gewährleisten zu können. Presseanfragen bleiben unbeantwortet. Verantwortlich für die Veröffentlichungen sind die Aktivist*innen des Kollektivs Ya no nos callamos más, welches Frauen ermutigt ihre Erfahrungen mit sexuellen Übergriffen zu teilen und versucht, das Mittel der escraches, also der öffentlichen Denunziation, auch auf den digitalen Raum auszuweiten.

Die Erfahrungsberichte lassen vermuten, dass sexuelle Übergriffe im Umfeld der Band eine gewisse Normalität hatten, über Jahre hinweg und unter verschiedensten Umständen. Ob nach Konzerten oder im Privatleben, ob unter Einfluss von Alkohol oder nüchtern: despektierliches Verhalten, Objektifizierung von Frauen und ein Verständnis von Sexualität, was nicht weitergeht als über die eigene Befriedigung hinaus, waren wohl mehr Normalzustand als Ausnahme. Es scheint, als hätten Onda Vaga ihre Position als Stars der Musikszene systematisch ausgenutzt, um ihre sexuellen Fantasien an jungen und manchmal sogar minderjährigen Frauen auszuleben.
Erste Konzerte wurden bereits abgesagt Die Vorwürfe gegen Onda Vaga sind leider nur ein weiterer Fall von sexuellen Übergriffen in der argentinischen Musikbranche. Ähnliche Vorwürfe gibt es gegen weitere Größen der alternativen Musikszene, wie etwa den Sänger von El Otro Yo, Christian Aldana, den ehemaligen Gitarristen von La Yegros, David Martínez oder Guillermo Ruiz Diaz, den Gitarristen der Band El mató a un policía motorizado. Wie nicht anders zu erwarten, wird die Anonymität der Berichte zum Einfallstor für Vorwürfe des Rufmords und Verschwörungsfantasien. So ließ beispielsweise Sänger Christian Aldana, gegen den seit Mai 2018 ein Prozess wegen sexuellem Missbrauch von Minderjährigen läuft, auf seiner Facebook-Seite verlauten, er sehe Onda Vaga als Opfer einer anonymen Verleumdungskampagne, hinter welcher er eine Verschwörung der kommerziellen/Mayor-Musikbranche gegen die Indie-Szene vermutet. Dass allerdings als erste Reaktion auf die Vorwürfe über die Anonymität der Berichte diskutiert wird, ist ein bekanntes Muster. Denn, wenn von Übergriffen berichtet wird, sind es meistens zuerst die Opfer, die sich Fragen gefallen lassen müssen und nicht die (vermeintlichen) Täter. Wie es mit der Band weitergehen wird, ist unklar. Anstatt die Vorwürfe zur Diskussion zu stellen und eine öffentliche Stellungnahme von Seiten der Bandmitglieder einzufordern, wird zuallererst die Glaubwürdigkeit der berichtenden Frauen angezweifelt. Onda Vaga schweigt. Wie es mit der Band in der nächsten Zukunft weitergehen wird, ist unklar. Erste Konzerte in Argentinien wurden bereits abgesagt. Dass sich weder die Band noch ihre einzelnen Mitglieder bisher zu den Vorwürfen geäußert haben, ist nicht nur schwach, sondern auch für die tausenden von Fans weltweit enttäuschend.
Ein entschiedenes Dementi sieht anders aus.


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“EINE ANDERE ENGERGUE KREIEREN”

Ihr kommt in diesem Jahr zum dritten Mal nach Berlin. Wie waren eure bisherigen Erlebnisse mit der Stadt und den Menschen?

Dolores: Auf jeden Fall haben wir hier bisher immer positive Erfahrungen gemacht.
Julia: Ja, unsere Erlebnisse in Berlin waren schon immer sehr prägend und vor allem sehr inspirierend. Wenn wir durch die Straßen laufen und die verschiedenen Leute beobachten, wie sie sich kleiden und bewegen, dann hat das etwas Anarchistisches. Und das unterscheidet sich sehr von Buenos Aires, wo wir herkommen. Als Band sind wir früher viel durch die Natur gereist oder an Orte, die eng mit ihr verbunden sind. Als wir dann nach Berlin kamen, haben wir eine urbane Seite unserer Band kennengelernt, die wir vorher nie so gesehen hatten. Auf einmal dachten wir: „Wir sind nicht nur Land, wir sind auch Stadt!“. Und die Stadt ist gut und voller Inspirationen.

 

Buenos Aires ist riesig, trotzdem reflektiert sich diese Urbanität, aus der ihr stammt, nie in eurer Musik. Wie kommt das?

Julia: Eigentlich kommen wir ja aus den Vororten von Buenos Aires.
Dolores: Aber ich weiß, was ihr meint. Wir kommen zwar aus dem städtischen Raum und sind irgendwie urbane Menschen, aber wir hatten schon immer eine starke Neigung zum Ländlichen. Wenn wir Urlaub machen, dann fahren wir nicht in die Stadt. Der Rhythmus dort zieht uns nicht so an wie jener der Natur. Trotzdem sind wir natürlich von der Stadt beeinflusst, schließlich sind wir dort aufgewachsen. Wir mögen die Reize und die Inspirationen, die das städtische Leben uns bietet und können viel vom kulturellen Angebot lernen. Dauerhaft so leben wollen wir aber nicht.

 

Macht es denn einen Unterschied, wo ihr spielt? Was verändert sich beispielsweise, wenn ihr in einer europäischen Stadt spielt statt in einer lateinamerikanischen?

Dolores: Heute beim Konzert habe ich gesehen, dass der Großteil des Publikums aus Lateinamerika kam oder einen starken Bezug dazu hatte. Das hat man sofort gespürt. Ich denke, unsere Konzerte sind für die Leute auch eine Art der Verbindung dorthin.
Julia: Genau. Es gibt sehr vieles hier, das lateinamerikanisch ist. Das ist von Ort zu Ort unterschiedlich. Heute haben mich die vielen europäischen Gesichter überrascht, denn vor ein paar Tagen standen wir in Amsterdam vor einem fast ausschließlich lateinamerikanischen Publikum. Heute habe ich zum Beispiel mehr Leute gesehen, die die Texte nicht konnten, die aber trotzdem eine starke Verbindung zu unserer Musik gezeigt haben. Genau das mag ich sehr: Auch für Leute zu spielen, die mich gar nicht verstehen. Besonders eindrücklich war das in Schweden. In Malmö waren fast nur Schweden bei unserem Konzert. Sie standen viel weiter weg von der Bühne und nur die wenigsten sprachen wahrscheinlich Spanisch. Trotzdem habe ich in ihren Gesichtern gesehen, dass sie etwas Grundlegendes an unserer Musik verstehen. Etwas, das über Sprache und Text hinausgeht. Das ist die Sprache der Musik, die Grenzen überschreiten kann.

 

Meint ihr, dass ihr auch ein Stückchen lateinamerikanischer Spiritualität hierherbringt?

Julia: Ich denke schon. Vor allem die Verbundenheit zur Erde und Natur und ihre Wertschätzung: Pachamama. Ich würde sagen, das haben wir im Blut. Das ist keine direkte Nachricht, die wir überbringen wollen, sondern etwas, das einfach da ist. Hier spüren wir das weniger.

 

In eurer Musik gibt es viele Elemente der lateinamerikanischen Folklore. Wie ist es dann, hier für Menschen zu spielen, die gar nicht mit so etwas aufgewachsen sind? Oft denken wir, dass es hier kaum noch Folklore gibt…

Dolores: Ich finde, es ist genau andersherum. Es gibt Orte, wo die Folklore herkommt, aber das heißt nicht, dass man sie an anderen Orten nicht spielen kann oder dass es sie dort nicht gibt. Du kannst zum Beispiel einen Samba spielen, ohne in Brasilien zu sein.

 

Eignet man sich damit nicht ein Stück weit die Tradition der Folklore an?

Dolores: Vielleicht. Aber letztendlich zählt nicht wirklich, ob beispielsweise ein Rhythmus aus der Folklore ist oder nicht, weil wir ohnehin damit arbeiten und ihn verändern. Wir sind keine echten folkloristas, wir brechen auch selbst oft mit der Folklore. Wir bedienen uns bei verschiedensten Musiktraditionen aus der ganzen Welt. Von der Folklore sagt man, sie sei etwas sehr Natürliches: Ein Kind wird geboren, es wächst mit einem Rhythmus auf, sieht sein Leben lang einen Tanz und wenn es groß ist, beginnt es selbst auf natürliche Weise, diesen Rhythmus zu spielen. Unsere Verwendung folkloristischer Elemente ist vielleicht nicht so natürlich, sondern eher spielerisch eingesetzt und bewusster auf den speziellen Rhythmus bedacht.

 

In den letzten Jahren hat Perotá Chingó als Band eine große Veränderung durchgemacht. Ihr spielt nicht mehr in Wohnzimmern, sondern in Konzerträumen. Eure Musik wird nicht mehr nur auf der Straße gefilmt, sondern im Studio aufgenommen. Habt ihr selbst Veränderungen in eurer Art und Weise, Musik zu machen, bemerkt?

Julia: Ja. Wir machen jetzt schon sieben Jahre zusammen Musik. So ein Projekt wächst und verändert sich und will sich weiterentwickeln. Wir sind aus einfacher root music entstanden: Lola und ich, die Gitarre und unsere Stimmen. Das hat sich zu etwas Professionellerem und Größerem entwickelt. Im neuen Album Aguas hört man mehr musikalische Anpassungen, mehr Stimmen und kleine elektronische Elemente. Also ja, es gibt einen Wandel in unserer Musik und der ist wichtig und gewollt. Weil wir immer weitermachen wollen.

 

Ihr seid als Duo unabhängiger Musikerinnen bekannt geworden und es gibt viele Frauen, die sich für eure Musik begeistern. Seht ihr euch als Feministinnen?

Dolores: Ich weiß nicht, ob wir uns unbedingt einen Namen geben oder eine bestimmte Flagge zeigen müssen. Wir sind Frauen, wir respektieren uns und wir lieben, was wir tun. Uns gefällt es, eine Inspiration für andere Frauen und Menschen zu sein, damit sie sich trauen, sie selbst zu sein und daraus Kraft zu schöpfen.
Julia: Wir sind Teil einer Generation, die viele Dinge aus einer femininen Perspektive verändert. Dem kann man sich nicht verweigern. Wir mögen es nicht, dass uns ein feministisches Label aufgedrückt wird, denn das beinhaltet auch viele Dinge, mit denen wir nicht unbedingt einverstanden sind. Aber es stimmt, dass wir Teil einer globalen Bewegung sind, allein dadurch, dass wir Frauen sind. Auf unseren Konzerten wird mir oft klar, dass wir der sichtbare Teil dieser Bewegung sind, die überall stattfindet, aber nicht immer sichtbar wird. Wir geben ihr ein Gesicht.

 

Das Element Wasser war eure Inspirationsquelle für euer neues Album Aguas. Heutzutage ist der freie Zugang zum Trinkwasser in vielen Regionen Lateinamerikas gefährdet. Wie nehmt ihr diesen Konflikt wahr?

Julia: Im Album geht es mehr um das Wasser als Element, aus dem wir alle geschaffen sind. Die verschiedenen Formen des Wassers symbolisieren die verschiedenen Emotionen, die wir als Menschen durchmachen. Wir nehmen das nicht so wortwörtlich, da wir nicht so sehr in ökologische Konflikte verwickelt sind. In unserem Album geht es mehr darum, sich wieder mit dem Wasser als Element zu verbinden, mit dem Fluss des Lebens, den sich verändernden Emotionen.

 

Es ist also nicht politisch? Pure Emotionen?

Dolores: Genau. In Argentinien und in Lateinamerika im Allgemeinen gibt es zurzeit so viele Krisensituationen, man weiß gar nicht, wo man anfangen soll… Es passieren tausend Dinge.
Julia: Wir versuchen, mit unserer Musik eine andere Energie zu kreieren und eine Botschaft zu übermitteln, die den Menschen hilft, ihre eigene Kraft zu finden und damit ihre Realität zu verändern, anstatt die Politiker um Erlaubnis zu fragen. Es geht um Empowerment: „Los, wir alle schaffen das!“. Natürlich wissen wir, dass diese Veränderung nicht von einem Tag auf den anderen stattfinden wird. Anstatt uns mit einer Flagge zu identifizieren, liegt unsere politische Haltung eher darin, die Kraft in uns selbst zu suchen und andere zu inspirieren, das auch zu tun.
Dolores: Dafür ist es notwendig, dass wir uns zusammentun, um Dinge zu verändern. Das generiert eine große Kraft, wie beim Feminismus zum Beispiel.

 

Das Internet war für euch von Anfang an ein wichtiges Medium. Das Video zu Rie Chinito hat inzwischen über 18 Millionen Klicks auf Youtube. Welche Möglichkeiten seht ihr für Musiker*innen im Internet und den sozialen Netzwerken?

Dolores: Wäre das Internet nicht, wären wir nie bekannt geworden. Das ist durch genau dieses Youtube-Video im Jahr 2011 passiert. Das Internet bietet uns eine Möglichkeit der Unabhängigkeit und der Freiheit, direkt mit den Menschen zu kommunizieren, die unsere Musik mögen. Dafür brauchen wir keine dritte Instanz. Wir haben so viele Möglichkeiten und immer erreichen wir mehr Menschen.

 

Bis hierhin nach Europa.

Julia: Ja, genau! Und wir freunden uns auch immer mehr damit an. Am Anfang war es eher eine lästige Pflicht für uns, ständig überall präsent zu sein. Aber es ist, wie es ist. Wir sind alle durch das Internet verbunden und ein Teil davon. Das Internet ist ein Medium und es ist uns selbst überlassen, wie wir es nutzen. Mittlerweile gefällt es uns, wie wir damit arbeiten können.
Dolores: Wir lernen auch stetig dazu, schließlich verändert sich alles so schnell. Als Menschen, die das Internet aufkommen gesehen haben, fühlt sich für uns alles immer noch so neu an und verändert sich ständig. Wohin das noch geht, weiß keiner.

 

Was sind eure Pläne für die Zukunft?

Julia: Wir machen gerade eine ziemlich starke Veränderung durch, einen Prozess der Beobachtung: Welche neuen Dinge fallen uns ein? Was möchten wir umsetzen? Wo wollen wir mit unserer Musik hin? Auch wenn wir das nicht genau wissen, wollen wir doch weiter versuchen, zu uns selbst zu finden und zu dem, was wir mit unserer Musik vermitteln möchten. Wir haben die Chingoneta (Name des Tour-Vans der Band, Anm. d. Red.) verkauft, die aus Europa und die aus Argentinien, es gab zwei. Unser Team ist größer geworden. Jetzt reisen wir mit Soundtechnikern, einer Lichttechnikerin, dazu kommt bald ein Coach, jemand, der uns in unserem kreativen Prozess begleitet. Wie eine Familie in einem Van zu reisen, ist eine romantische Idee. Das ist super, aber es ist für uns ein vergangener Lebensabschnitt. Jetzt fängt für uns eine neue Zeit an.


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MUSIKALISCHER DIALOG

Pfeifendes Tongefäß Traditionelles Instrument neu erfunden (Foto: Krzysztof Zielinski)

Ausgangspunkt für eure künstlerische Arbeit ist die Beschäftigung mit indigenen Klangvorstellungen und Musikpraxis. Wie kommt das?
Carlos: Wir wohnen in La Paz, in unserer Geschichte und unserem Leben kommen westliche und indigene Einflüsse zusammen. La Paz ist eine Stadt, deren Dynamik stark von der indigenen Welt beeinflusst ist. Meistens wird das aber vergessen oder geleugnet. Die Leute streben eher danach, das Westliche zu betonen, vor allem hinsichtlich des Weißseins und den damit verbundenen Privilegien.
In unserem Orchester geht es darum, einen Dialog zwischen den beiden Einflüssen zu schaffen und mehr noch, um die Akzeptanz, dass beide Einflüsse in uns zusammenleben, ohne dass der eine den anderen notwendigerweise entkräftet.

Ist indigene Musik Teil der zeitgenössischen Musikkultur Boliviens?
Carlos: Wenn indigene Musikgruppen in die Stadt kommen, hat es eher etwas Anekdotisches. Die Medien und Machtstrukturen haben sich mehr der Idee der Modernität verschrieben und zu Gesellschaften, Musik und Ästhetik der ersten Welt aufzuschauen. Andere Musik hat da keinen Platz.

Hat sich an dieser Akzeptanz in den letzten Jahren nichts verändert?
Tatiana: Es hat eine Öffnung stattgefunden, auch wenn Dinge der indigenen Welt von der Regierung genutzt werden, um Wählerstimmen in den Dörfern zu bekommen. Auf bestimmte Art und Weise wurde das Indigene präsenter. Manchmal ist es sogar eine Art Modeerscheinung, nicht nur in der Musik. Es gibt enorme Einflüsse auch in der Mode, bei den gewebten Stoffen. Und allein, dass ein Indigener an der Macht ist, hat dazu geführt, dass Städter auf einmal über bestimmte Praktiken und Rituale sagen: ‚Hey, das ist cool.’ Ich glaube, diese Präsenz des Indigenen hat sich mit der Regierung von Evo Morales verändert.
Carlos: Mit Evo Morales macht Bolivien einen politischen Prozess durch, in dem die Symbolik und das Narrativ des Indigenen angeeignet und dafür genutzt wird, Menschen für sich zu gewinnen. Man kann nicht abstreiten, dass sich viele Menschen mit dem Präsidenten identifizieren und er immer noch große Unterstützung genießt. Aber ich bin auch sehr kritisch gegenüber dieser Aneignung von Symbolen und Ideologien, in denen diese verfälscht und für politische Ziele genutzt werden. Ausgehend von dieser Entwicklung haben viele Künstler und Autoren begonnen, das Indigene in einer vielleicht kommerzielleren Weise zu nutzen.

Wie geht ihr damit in eurer Arbeit um?
Carlos: Wir sagen nicht, dass wir die andine Welt repräsentieren. Wir sind Städter, Künstler. Wir präsentieren eine Soundinstallation, ausgehend von Prinzipien, die die Art, wie wir Musik verstehen, verändert hat. Das Wissen über indigene Musik hat diese Arbeit beeinflusst. Das ist unser ganz einfaches Angebot. Uns interessiert, dass die Arbeit auch ohne den ganzen Kontext erfahren werden kann. Es ist gut ihn zu kennen, aber die Installation soll genauso gesehen werden, wie die eines deutschen Künstlers zum Beispiel.
Was ist es, das sich an eurem Musikverständnis verändert hat?
Carlos: Ich habe Musik an der Uni studiert. Uns wird europäische Musikgeschichte und Komposition beigebracht, eine westliche Art, Musik zu machen. Mich über das Orchester der indigenen Musik zu nähern, hat mich dazu gebracht, zu verstehen, dass es andere Arten gibt, Musik zu machen, Musik zu hören, Musik zu komponieren und andere Arten der Beziehung zwischen den Musikern.

Welche sind diese „anderen Arten“?
Carlos: Es gibt ganz viele verschiedene Konzepte, zum Beispiel das waqui. Das ist nicht direkt ein musikalisches Konzept, sondern eines der Gemeinschaft. Die Gemeinden in Bolivien sind politisch über Logiken organisiert, in denen die ganze Gemeinschaft etwas zum Funktionieren und Fortbestehen beitragen muss: Du gibst die Erde, ich die Samen und sie die Arbeit. Und das Ergebnis ist ein Gemeinsames. Jeder gibt das, was er kann, und von dem Ergebnis profitieren alle gemeinsam, das ist waqui. Das gleiche Konzept wird in einem musikalischen Ensemble angewendet. Zum Beispiel spielen die Alten andere Instrumente, sie haben mehr Erfahrung, aber vielleicht nicht mehr die Lungenkraft, um die großen Instrumente zu spielen. Die werden von den Jüngeren gespielt, die die Energie haben, aber noch nicht die Technik. Es gibt eine soziale Ordnung in der tropa (musikalisches Ensemble, Anm. d. Red.), die der gleichen Logik folgt. Man spielt nicht die ganze Melodie, sondern nur Teile. Ganz wird sie erst über die einzelnen Fragmente.

Ist das nicht ein etwas ähnliches Konzept wie bei einem Orchester?
Carlos: Ja, aber es gibt einen großen Unterschied. In einer indigenen Kombo wird mit verschiedenen Instrumenten nur ein einziger Klang erzeugt, es gibt keinen Protagonismus. In einem Symphonieorchester gibt es zum Beispiel ein Konzert für Flöte von Mozart. Es gibt vorne einen Virtuosen und hinten ein Orchester, das ihn begleitet. Die Funktion des Orchesters ist es, ihm die Hauptbühne zu geben. Es gibt einen Dirigenten, der der Star ist.
Tatiana: In den indigenen Kombos gibt es einen Guide, der beibringt, der vielleicht mehr Erfahrung hat, der von der Gruppe anerkannt ist. Wir sind alle mit ihm einverstanden, er wird uns nicht aufgezwungen. Wir erkennen seine Erfahrung an, und damit bauen wir zusammen etwas auf.
Carlos: Diese musikalische Führung spielt aber keine größere Rolle, weil er genau wie die anderen spielt, nicht lauter, nicht länger. Er muss das gleiche beitragen, wie die anderen. Das ist so, als hättest du eine Einheit, die sich aus der Summe ergibt, aber eine einzige Stimme. Du hast keine verschiedenen Klänge, alle tragen zu dem einen Klang und ausgehend von diesem Klang bei.

Musikpraxis ist also mit der Ausübung von sozialen Konzepten verbunden.
Carlos: Die Musik ist sehr wichtig für die sozialen Interaktionen. Alle Feste, Rituale und Aktivitäten werden von Musik begleitet. Die Musik wird vom landwirtschaftlichen Kalender bestimmt – es gibt Musik, die in der Regenzeit gespielt wird und Musik für die Trockenzeit. Denn es gibt Klänge, die das Wetter beeinflussen. Es ist verboten, Instrumente der Trockenzeit in der Regenzeit zu spielen.
Der arka ira ist ein Konzept, das im siku (Panflöte) auftaucht. Dort gibt es eine einzige Melodie, die zwischen zwei Personen über verschiedene Töne gewebt wird. Wenn eine einzelne Person die siku spielt, ist das eine moderne, weiße Interpretation. Auf dem Dorf gibt es das nicht als einzelnes Instrument, das alle Töne hat. Das zeigt das Prinzip, dass man mindestens zwei Personen braucht, um die Melodie zu spielen. Und das wird auf die tropa übertragen.

Wie funktioniert das in eurem Orchester?
Carlos: Im Orchester machen wir mit dieser Musik musikalische Früherziehung. Sie hat ein enormes pädagogisches Potenzial. Du sagst dem Kind: ,Wir sprechen miteinander. Fang an zu spielen, ich folge dir und wir weben das Gespräch.’ Es ist wie ein Spiel.
Es ist nicht die Arbeit unseres Orchesters, eine indigene Ideologie vor uns herzutragen, sondern wir wollen Alternativen zum hegemonialen westlichen Modell finden: pädagogische, kreative und soziale.
Tatiana: Es ist sehr wichtig, dass die Kinder die anderen Gesichter der Musik kennenlernen. Wie lernen wir Dinge, die am Anfang vielleicht kompliziert klingen, aber ganz simpel sind und ganz wichtig? Nicht nur für die Musik, sondern auch für das Leben. Ich habe selbst in diesem Programm gelernt und dabei viel mehr als im Blockflötenunterricht in der Schule. Und nicht nur die Logiken, die mit den indigenen Instrumenten vermittelt werden. Das bedeutet auch zu lernen, zuzuhören. Wir machen auch Reisen in indigene Gemeinden. Dabei ist immer eines unserer wichtigsten Ziele, eine gegenwärtige Erinnerung zu erhalten.

Erzählt mal von diesen Reisen!
Carlos: Wir haben zu Musik der Kallawaya geforscht, die wandernde Ärzte sind. Dort haben wir eine besondere Musik gefunden, die tuaillu heißt. Die wurde schon mehr als 40 Jahre nicht mehr gespielt, aus verschiedenen Gründen, zum Beispiel die starke Präsenz evangelikaler Kirchen, die in die Region eingedrungen sind. Die waren sehr bemüht, jegliche bestehende heidnische Praxis zu deaktivieren, zu entwurzeln. Wir haben versucht, diese Musik zu finden. Es gab unter anderem einen französischen Ethnologen, der ein paar Aufnahmen von dieser Musik gemacht hatte. Aber diese Aufnahmen haben wir nicht in Bolivien gefunden, sondern in einem Archiv in Paris. Und wir konnten sie nicht mal bekommen, denn sie waren sehr teuer. Also haben wir Raubkopien gemacht. Wir sind reingegangen und haben sie aufgenommen. Nicht für uns, sondern für den Ort. Diese Aufnahmen müssen an dem Ort sein, wo die Musik gespielt wurde.

Konntet ihr die wiedergefundene Musik an diesem Ort spielen?
Carlos: Ja, die Leute konnten nicht glauben, woher wir diese – ihre – Erinnerungen hatten. Die Alten hatten versucht, sich zu erinnern, aber bis auf drei Melodien hatten sie alles vergessen. Es wurde ein Fest organisiert, einige Ältere haben dann mit uns zusammen Musik gemacht und angefangen, sich zu erinnern. Unglaublich.
Tatiana: Manche haben einfach dabeigesessen, überwältigt vom Hören. Dann haben sie gesagt: ‚Nein, ich glaube, das müsste anders sein.’ Sie haben angefangen, uns zu leiten, uns zu korrigieren. Diese Erfahrung hat auch uns sehr bewegt. Es war eine kleine Gemeinde, in der ein Teil der Erinnerung schon verschwunden ist. Es gibt so viele dieser Gemeinden, die zu vergessen zulassen.
Carlos: Es gibt immer noch sehr viele Transkripte und Aufnahmen, aber die Aufbewahrungsorte und Archive der Musik der ganzen Welt sind in den Museen Europas. Wir wollen versuchen, einen Dialog aufzubauen, um diese alte Musik zu reaktivieren, die aus verschiedenen Gründen verschwunden ist. Natürlich nur, wenn in den Gemeinden der Wille besteht. Vielleicht gibt es den nicht, dann können wir nichts tun.

Wie spiegelt sich nun all dies in eurer Installation wider?
Carlos: Wir haben uns entschieden, mit pfeifenden Tongefäßen zu arbeiten. Die finden sich in verschiedenen prähispanischen Kulturen in Peru, Ecuador, Mexiko und Zentralamerika. Zwei Tongefäße, verbunden mit einem Kanal, ergeben ein System von Pfeifen. Der Mechanismus arbeitet mit Wasser. Durch den Weg, den das Wasser von einem Gefäß zum nächsten nimmt, fangen sie an zu pfeifen. Das erzeugt zwei sehr ähnliche Pfeiffrequenzen, die im Gehör ein drittes, tiefes Geräusch erzeugen, einen Differenzton, der nur im Ohr gebildet wird. Dieses Konzept von zwei so nahen Frequenzen, die einen dritten Ton erzeugen, ist ein sehr charakteristisches Konzept der indigenen Welt, etwa der Aymara. Ihre Musik ist sehr stark mit diesen akustischen Konzepten verbunden. Mit dieser Art von Zusammenstoß von Geräuschen wollten wir arbeiten. Wir haben Gefäße mit bis zu zehn Tönen entwickelt, die einen ganzen Block von Klängen erzeugen, mit doppelten Köpfen und doppelten Pfeifen, die in beide Richtungen klingen. Die haben wir so aufgebaut, wie die choques in Bolivien. Das ist, wenn mehrere Ensembles zusammenkommen und ihre eigene Musik zur gleichen Zeit spielen. Es entsteht eine Musik mit einer unglaublichen Räumlichkeit. Du kannst entscheiden, welchen Klängen du folgen willst, von hier hinten nach vorne, hin und zurück. Das ist Wahnsinn.

Also könnten alle Besucher*innen ihre ganz eigene Erfahrung in der Ausstellung haben?
Carlos: Genau, je nachdem wann du durch die Galerie gehst und wie lange du bleibst. Mit anderen Künstlern aus Deutschland haben wir die Instrumente mit Motoren verbunden, die über verschiedene Reize aktiviert werden. Zu den Pfeifen haben wir noch ein neues Instrument aus Stacheln entwickelt, ein umgedachtes Konzept aus einem Resonanzsystem für Trommeln, das durch Stacheln zusätzlich zum Schlag auf der anderen Seite der Trommel nachhallt.
Tatiana: Wir haben also mit den Gefäßen und der Perkussion eine Tonweise erschaffen, die zugleich Teil zeitgenössischer Musik ist. Die Basis, ein grundlegender Pfeiler unserer Arbeit und des Orchesters, ist indigene Musik, also Konzepte von Räumlichkeit und dieses Ensemble von Klängen, aber wir machen daraus neue, experimentelle Musik.


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„DIE KUNST IN DIE STRAßEN TRAGEN”

Karla Lara auf der Anarche am Rande des Fusion-Festivals 2018 (Foto: Erika Harzer)

In Ihren Liedern nehmen Sie immer wieder Stellung zu politischen Problemen und positionieren sich damit klar gegen die derzeitigen Machthaber*innen in Honduras. Wie können wir uns die kritische Kunstszene in Ihrem Land vorstellen?

Um von der heutigen Kunstszene zu sprechen, muss ich beim Putsch 2009 (gegen den linksorientierten Präsidenten Manuel Zelaya, Anm. d. Red.) anfangen. Viele waren schon vorher künstlerisch aktiv, der Putsch hat allerdings viele neue Künstler*innen hervorgebracht. Nach dem Putsch haben wir das Kollektiv „Künstler*innen im Widerstand“ gegründet. Es war ein Kollektiv, das verschiedene künstlerische Ausdrucksformen vereinte: Es gab Poet*innen, Bildhauer*innen, Sprayer*innen, Sänger*innen. Es waren vor allem Künstler*innen aus den urbanen Zentren. Politisch war es wichtig, vor allem in der Hauptstadt die Präsenz des Widerstands zu zeigen. Wir haben es geschafft, die Kunst in die Straßen zu tragen, um damit einen weiteren Beitrag bei den Mobilisierungen zu leisten.

Was passierte dann?

Mit der Widerstandsbewegung passierte dasselbe, was mit vielen anderen Bewegungen passiert, wenn die Unmittelbarkeit des Anlasses nachlässt: Sie hat sich demobilisiert. Die Gründe: Der Putsch war nicht mehr rückgängig zu machen, der außer Landes gebrachte ehemalige Präsident Manuel Zelaya konnte nach Honduras zurückkehren, aus einem Teil der Widerstandsbewegung entstand eine Partei (Partei Freiheit und Neugründung – Libre). Das alles führte zur Demobilisierung. Auch die „Künstler*innen im Widerstand“ hörten auf, sich kollektiv zu artikulieren.

Der Wahlbetrug Ende 2017 bei den Präsidentschaftswahlen hat zu massiven Protesten geführt, den größten seit dem Putsch. Welche Bedeutung hatte das für die Kunstschaffenden?

Mit dem Wahlbetrug im November 2017 haben sich viele Künstler*innen, die bereits gegen den Putsch aktiv waren, wieder zusammengetan. Wir haben künstlerische und politische Aktionen in den Vierteln der großen Städten organisiert. Die Regierung hatte zu dem Zeitpunkt eine Ausgangssperre verhängt und wir haben uns dem mit unseren Konzerten widersetzt: Sie fanden zwar in geschlossenen Räumen statt, die Leute aus den Vierteln kamen aber zusammen und wir haben sie live über die sozialen Netzwerke verbreitet und damit deutlich zum Ausdruck gebracht, dass wir nicht still zu Hause sitzen, sondern sehr geräuschvoll sind. Wir versuchen nun, unsere Zusammenarbeit auch über den aktuellen Anlass hinaus weiterzuführen.

Wie reagieren der Staat und die nationale Medien auf die kritischen Künstler*innen?

Künstler*innen gegenüber, die anspruchsvolle Kunst mit Inhalt machen, wird die Devise vertreten: Wenn man dich nicht sieht, existierst du nicht. Du kannst an anderen Orten der Welt bekannt sein, aber in Honduras wirst du ignoriert. In den nationalen Medien wirst du nicht auftauchen. Es herrscht regelrecht Zensur. Einige wichtige Medien weigern sich, Werbung für meine Auftritte zu machen, kommerzielle Radios spielen meine Musik nicht. Die Regierung subventioniert hingegen die Musik-Unterhaltungsindustrie. Damit versucht sich das Regime, ein gutes Image zu geben. Zum Beispiel gibt es große kommerzielle Festivals. Da werden Millionen reingesteckt. Die Qualität der Musik ist aber schrecklich, ohne künstlerischen Anspruch. Sie veranstalten Wettbewerbe, aber es geht nicht um Kreativität, sondern lediglich um Cover. Hier wird die Illusion kreiert, dass die Menschen tatsächlich teilhaben können. Doch es geht nur darum, das Geld auf verschiedene Taschen zu verteilen.

Was passiert in der jungen Generation von Künstler*innen?

Es gibt eine bunte Szene. Viele sind in der Studierendenbewegung politisiert worden. Ihre Musik ist vor allem von Ska, Cumbia oder Rock geprägt. Auch literarisch gibt es viel Interessantes. Sie sind die Generation, die noch sehr jung war, als der Putsch stattgefunden hat. Sie sind die Töchter und Söhne des Putsches und sie machen viele radikale und wichtige Dinge. Gerade junge Frauen sind dort sehr aktiv. Sie singen nicht nur, sondern spielen auch Instrumente, schreiben, machen Graffiti und Straßenkunst.

Welchen Herausforderungen müssen sich weibliche Künstlerinnen im Gegensatz zu ihren männlichen Kollegen stellen?

Ich habe die Band „Puras Mujeres“ mitgegründet, die vor allem aus jungen Frauen besteht. Hier habe ich die Erfahrung gemacht, dass es uns Frauen oft schwer fällt, an uns selbst zu glauben – sogar untereinander. Das ist eine schreckliche Altlast des Patriarchats, die wir verinnertlicht haben. Die Realität für die jungen Frauen in Honduras sieht oft so aus, dass sie, auch wenn sie erwachsen sind, noch zu Hause leben. Dort werden sie kontrolliert und die Eltern wollen nicht, dass sie nachts außer Haus sind oder reisen. Es gibt einen großen Unterschied in der Zusammenarbeit mit jungen Männern, sie haben alle Freiheiten. Ich musste noch nie mit den Eltern der Musiker sprechen, aber eigentlich immer mit den Eltern der Musikerinnen. Das sind zwar Anekdoten, zeigt für mich aber, was es in unserer Gesellschaft bedeutet Frau zu sein.

Viele der aktuellen Kämpfe finden auf dem Land statt. Gemeinden sind im Widerstand gegen Wasserkraftwerke, Bergbauprojekte oder Palmölplantagen. Gibt es eine Zusammenarbeit mit Künstler*innen aus den ländlichen und indigenen Gemeinden?

Eines der Probleme ist, dass wir, die wir in der Hauptstadt leben, eine sehr eingeschränkte Sicht auf unser Land haben. Wir denken, Honduras beginnt und endet in Tegucigalpa. Kulturell passiert eine Menge auf dem Land und wir bekommen es nicht mit. In allen Gemeinden gibt es eine lebendige Musik-Szene und landesweit eine Vielzahl verschiedener Musikstile. Die traditionelle Musik der Garífuna, der Nachfahr*innen afrikanischer Versklavter zum Beispiel, Cuerda-Gruppen, interessante Sängerinnen der indigenen Pech und Lenca. Wir Künstler*innen aus der Hauptstadt sollten uns klar darüber werden, dass wir nicht die einzigen sind, die Kunst machen. Wenn ich so darüber spreche fällt mir auf, wie viele wichtige Projekte noch auf mich warten und wie viel es noch zu tun gibt.


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„DIE KLEINEN RÄUME DER FREIHEIT“


Sie werden international oft dafür gefeiert, als weibliche Rapperin in der männerdominierten Hiphop-Szene mitzuhalten. Doch eigentlich geht es in Ihrer Musik und Ihrem Aktivismus um viel mehr. Was sind die Themen, die Sie aktuell beschäftigen?
Feminismus und der Kampf um Frauenrechte sind für mich die zentralen Themen, einfach weil Frausein in Zentralamerika bedeutet, in einem permanenten Krieg zu leben. Ein wichtiges Thema ist aber auch die Aufarbeitung der Vergangenheit in Guatemala und ganz Zentralamerika. Nach all den Kriegen, die stattgefunden haben und immer noch stattfinden, muss immer wieder die Frage nach Gerechtigkeit gestellt werden. Noch immer existieren Diktaturen in Zentralamerika. Letztes Jahr kam in Honduras eine illegitime Regierung durch Wahlbetrug an die Macht und militarisiert weiterhin die Gesellschaft. In Guatemala weiß ich nicht mal, welche Bezeichnung ich für die Regierung wählen möchte. Auch hier handelt es sich um eine illegitime Regierung. Als junger Mensch in El Salvador zu leben, ist praktisch ein Todesurteil, vor allem wenn man zur Hiphop-Szene gehört. Allein in den ersten vier Monaten dieses Jahres wurden in El Salvador fünf compañeros aus der Hiphop-Szene ermordet. Mein Aktivismus hat viel damit zu tun, über diese Dinge zu sprechen. Über die Situation in Zentralamerika. Und auch über das Überleben. Wir müssen nämlich Tag für Tag sehen, wie wir überleben.

Am 1. April verstarb Ríos Montt, der guatemaltekische Ex-Diktator. Seine Verbrechen blieben damit ungestraft. Was bedeutet das für die guatemaltekische Gesellschaft?
Ich denke nicht, dass sich mit dem Tod von Ríos Montt viel verändert. Momentan stirbt jene politische Klasse, die die Korruption etabliert hat. In Guatemala gibt es ein Sprichwort, das besagt: „Wie traurig, dass der Tod vor der Gerechtigkeit kommt.“ Doch immer noch halten viele Menschen an der Vorstellung fest, dass diese Männer unsere Retter gewesen seien, weil sie Guatemala vor dem Kommunismus bewahrt hätten. Es gibt vor allem wegen des vergangenen Bürgerkrieges (1960-1996 zwischen der guatemaltekischen Regierung und vier linken Guerillaorganisationen, Anm.d.Red.) starke rechte, militärische und antikommunistische Kräfte in Guatemala. Und es ist besorgniserregend, dass wir nur eine kleine Minderheit sind, die sich für die Aufarbeitung der Vergangenheit, für Wahrheitsfindung und Gerechtigkeit einsetzt.

Was sind in diesem Kontext die konkreten Herausforderungen der feministischen Bewegungen?
Die größte Herausforderung sind die Feminizide. Uns Frauen wird konstant und systematisch das Leben genommen. Außerdem ist es schockierend, wie viele Mädchen sexuellen Missbrauch erleben. Im Durchschnitt sind die Mädchen zwischen sieben und zwölf Jahre alt, wenn sie zum ersten Mal sexuell missbraucht werden. Und das Schlimmste daran ist, dass die meisten Vergewaltigungen im eigenen Zuhause stattfinden. Es ist der Vater, der Bruder, der Cousin, der Großvater und nicht irgendein Verrückter auf der Straße. Mädchen erleben mit sieben die ersten sexuellen Übergriffe und werden mit zehn schwanger. Alle diese Schwangerschaften sind das Resultat von Vergewaltigungen. Guatemala ist ein Land, in dem es keine Sexualerziehung gibt. Wenn man in Guatemala versucht, Aufklärungsmaterial zu verbreiten, hat man direkt mit juristischen Konsequenzen zu rechnen. So Selbstverständliches ist verboten, wie unsere Körper kennenzulernen und uns zu informieren, wie wir uns schützen können. Hier wird uns Frauen das Recht genommen, selbst über unsere Körper zu bestimmen. In El Salvador, Honduras und Nicaragua ist die Situation noch schlechter, es herrscht ein absolutes Abtreibungsverbot. Als Frau ist es schwierig, in einem solchen Umfeld zu überleben, weil ein Krieg gegen uns und unsere Körper geführt wird, von klein auf. In unserer Region Feministin zu sein, bedeutet, sich vielen Gefahren auszusetzen. Und für all diese strukturellen Probleme sind die Staaten verantwortlich.

Trotzdem setzen Sie dieser Gewalt etwas entgegen, indem Sie zum Beispiel Hiphop-Workshops für Frauen geben. Wie kann Hiphop zum Empowerment von Mädchen und Frauen beitragen?
Das Empowerment beginnt in dem Moment, wo du einer Frau einen Zettel und einen Stift in die Hand drückst und sagst: „Erzähl mir von dir.“ Dann entstehen diese kleinen Räume der Freiheit. Die Mädchen und Frauen erzählen ihre Geschichten, teilen ihre Trauer, aber auch ihre Kämpfe und Stärken. Ich gebe in meinen Workshops keinen „Feminismus-Unterricht“, sondern die Frauen empowern sich gegenseitig. Das ist ein Schlüssel des Hiphop. Viele Rapperinnen haben so angefangen, ihre Geschichten zu erzählen, aufzustehen und die Stimme zu erheben.

In Ihrem neuen Album Obsidiana setzen Sie sich unter anderem mit dem feminismo comunitario, dem kommunitären Feminismus, auseinander – ein Konzept, das hier in Europa kaum bekannt ist. Im Song Tzk’at sind Passagen von Lorena Cabnal, der bekannten indigene Feministin aus Guatemala, zu hören. Warum ist es Ihnen wichtig, mit diesem Konzept zu arbeiten?
Das Besondere am feminismo comunitario hier in Zentralamerika ist, dass die bestehenden Kämpfe um Territorien mit der Verteidigung des weiblichen Körpers verbunden werden. Dies ist indigenen Frauen zu verdanken, die seit Langem gemeinsam mit ihren männlichen compañeros im Kampf um Territorien, Land und Flüsse organisiert sind. Sie stießen eine Diskussion darüber an, dass auch die Körper von Frauen einer ständigen Gefahr ausgesetzt sind und ebenso als Territorium des Kampfes angesehen werden müssen. Und sie setzten sich mit der Rolle der Frau in den verschiedenen indigenen Kosmovisionen Zentralamerikas, der Maya, Lenca und Xinca auseinander.
Es wird oft so dargestellt, als sei der Machismo erst durch die Kolonialisierung nach Lateinamerika gebracht worden. Es stimmt zwar, dass Frauen vor der Kolonialisierung nicht das gleiche Ausmaß an Ausbeutung und Unterdrückung erlebten wie danach. Aber dennoch gab es auch in den früheren Gesellschaftsformen Ungleichheit und patriarchale Strukturen. Es ist unglaublich mutig und schwierig, diese Fragen aufzuwerfen, denn es bedeutet, jene Überzeugungen und Traditionen herauszufordern, um deren Erhalt gleichzeitig gekämpft wird. Der feminismo comunitario ist damit ganz anderen Fragen und Realitäten ausgesetzt als westliche Feminismen. Es geht nicht um individuelle Rechte und die gleiche Bezahlung von Männern und Frauen, sondern ganz grundsätzlich um die Ablehnung kapitalistischer Ausbeutung und des Zwangs zur Entwicklung nach europäischem Vorbild. Die Gemeinden sind ständig mit dem strukturellen Rassismus von Seiten des Staates konfrontiert. Wie können Frauen in diesem Kontext Kritik üben und feministische Forderungen stellen, ohne dass es zur Spaltung der Gemeinschaft führt? Auch darin unterscheidet sich der feminismo comunitario von westlichen Feminismen, die Ziele können nämlich nur gemeinsam mit der ganzen Gemeinschaft erreicht werden.

Welche Verbindung haben Sie zu den Kämpfen dieser indigenen Frauen?
Ich bin selbst nicht Teil der Kämpfe des feminismo comunitario, da ich nicht auf indigenem Territorium lebe. Ich bin Ladina, so bezeichnet man Menschen, die nicht indigen sind, und komme aus der Stadt, wo ich mit vielen Privilegien aufgewachsen bin. Zum Beispiel hatte ich Zugang zur höheren Bildung und wurde in meinem eigenen Land nie diskriminiert. Meine Verbindung zu den indigenen Aktivistinnen ist, dass ich unglaublich viel von ihnen lernen kann. Es ist eine Herausforderung für uns Ladinas, die Kämpfe indigener Frauen sichtbar zu machen und sie zu unterstützen, ohne dabei das Wort an uns zu reißen, ohne unsere Bedürfnisse über ihre zu stellen. Die indigenen Frauen Guatemalas sind die Gruppe, die am stärksten diskriminiert wird. Daher versuche ich, die Plattformen zu nutzen, zu denen ich Zugang habe, um ihre Themen aufzugreifen.

Gibt es für Sie auch eine Verbindung zwischen den Kämpfen hier in Europa und Ihrem Aktivismus in Zentralamerika?
Nicht wirklich. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass unsere Realitäten sehr unterschiedlich sind. Hier in Europa geht es viel um Begriffe und politische Korrektheit und das erschwert manchmal das Verständnis für den Kontext, aus dem ich komme, der komplex und sehr konfliktiv ist. Ich erinnere mich an einen Vortrag, den ich in Spanien gehalten habe. In dem Moment, als es darum ging, dass der weiße Feminismus nicht den Bedürfnissen aller Frauen auf der Welt gerecht wird, rasteten die weißen Frauen total aus. Sie konnten sich nicht vorstellen, dass alle Bücher, die sie gelesen hatten, nichts wert sein sollten. Aber darum geht es gar nicht. Natürlich haben diese Bücher ihren Wert in dem Kontext, in dem sie geschrieben wurden. Aber nicht alles steht in Büchern. Es ist sehr europäisch, dem rationalen Wissen mehr Bedeutung zuzuschreiben als den Alltagserfahrungen der Frauen um uns herum. Manchmal bringt es mehr, sich zusammenzusetzen, einander zuzuhören und Erfahrungen zu teilen. Auch das ist sehr feministisch.


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KEINE POSTKARTE FÜR TOURIS


Als Rebeca Lane (siehe Interview) Anfang Mai in Berlin die Bühne der Kantine am Berghain betritt, jubelt die Menge. Fast alle sprechen Spanisch, sind textsicher und feiern die guatemaltekische Rapperin. Diesmal stellt Rebeca ihr neues Album Obsidiana vor, bereits ihr viertes als Solokünstlerin. Ihre Messages kommen auch in Deutschland an.

„Der Rap ist für mich ein Werkzeug, um über Dinge zu sprechen, die ‚man nicht sagt‘. Ich möchte die Dinge ans Licht bringen, über die meiner Meinung nach in der guatemaltekischen Gesellschaft gesprochen werden müsste.“ Rebeca Lane ist bekannt als Rapperin, politische Aktivistin und Feministin. Dies spiegelt sich in den Texten ihres neuen Albums wider, genauso wie in ihrer Auseinandersetzung mit den indigenen Traditionen Guatemalas: Der Obsidian, wie der titelgebende Song auf deutsch übersetzt heißt, ist ein Vulkangestein, das in der Kosmovision der Maya eine vielschichtige Bedeutung hat – als Werkzeug und in spiritueller Hinsicht. Der Obsidian hilft, verborgene Dinge ans Licht zu bringen.

Das Element Wasser taucht innerhalb des neuen Albums wiederholt auf – im Wortsinn, musikalisch und metaphorisch. Wasser ist für Lane die Verbindung zu vielen Kämpfen, „die aktuell in Zentralamerika geführt werden.“ In Llora el cielo („Der Himmel weint“) prangert die Rapperin die alltägliche Gewalt und den Machismo in ihrer Heimat Guatemala-Stadt an. Es fließen Tränen der Trauer und der Wut. Tzk’at thematisiert den Feminismo Comunitario (dt. komunitärer Feminismus, siehe Interview), wie er in den indigenen Gemeinden im guatemaltekischen Hochland entwickelt und praktiziert wird. Entstanden ist er nicht nur aus dem Kampf gegen den Machismo, er steht auch immer in Verbindung mit der Verteidigung des Territoriums und der Flüsse.

In Soy Centroamérica („Ich bin Zentralamerika“) dominieren Klänge der Karibik, es klingt nach dem Plätschern des türkisblauen Meeres, Palmen und Postkartenidyll. Unterstützt vom salvadorianischen Musiker Zaki rappt sie über diese existierenden Klischees, um ihnen gleichzeitig die andere Realität Zentralamerikas gegenüberzustellen. So heißt es im Song: „Unser Territorium ist umstritten // Unsere Gemeinden befinden sich im Kampf // Wir sind nicht passiv, wie in den Tourismusprospekten // Wir sind keine Postkarte, um in euren Zeitschriften zu erscheinen.“

Das neue Album verzichtet auf die für den Hiphop üblichen Samples, Musiker*innen spielten die Musik ein. Damit emanzipiert sich die Künstlerin von dem gängigen US-amerikanischen Sound des Rap und gibt ihren Songs einen eigenen Klang. Viele Lieder sind von traditioneller lateinamerikanischer Musik inspiriert, die Marimba aus Zentralamerika ist ebenso zu hören wie Rhythmen aus dem andinen Raum, die Produzent*innen des Albums kommen aus verschiedenen zentral- und südamerikanischen Ländern: Ihr Rap klingt nach Lateinamerika.
Daraus ist eine eklektische Mischung entstanden, die nicht nur durch ihre gelungene Verbindung von lateinamerikanischen Musikstilen und Hiphop überzeugt. Ihre politischen und feministischen Texte legen dort den Finger in die Wunde, wo die Regierungen Guatemalas und Zentralamerikas die Dinge lieber in den Mantel des Schweigens gehüllt lassen.


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POLITISCHES MARMELADENBROT


Ihr habt euer neues Album Bordeliko genannt. Was heißt das für euch?
Saïdou: Bordeliko steht für das Durcheinander. Wir als Band verstehen uns als kleines Chaos: Unser Alltag, unsere Art zu arbeiten und zu leben, all das ist manchmal ziemlich verrückt und durcheinander. Wenn wir das Chaos nennen, ist das nicht negativ gemeint. In dem Begriff steckt Ironie, aber vor allem Liebe für das, was wir tun. Schließlich ist auch unsere Band ein wunderbares Durcheinander.

Ist das Durcheinander manchmal kompliziert?
Saïdou: Ja, aber nur für die Leute, die von außen auf unsere Musik gucken. Im modernen Musik-Business wollen sie dir ein Etikett geben und dich in eine Schublade stecken, damit sie deine Musik groß verkaufen können. Mit uns geht das nicht, das ist manchmal auch schwer.
Benjamin: Genau. Wenn Leute zum Beispiel fragen: Was für Musik macht ihr eigentlich?
Saïdou: Dann wissen wir am Ende selbst nicht wirklich, was wir machen.

Ihr kommt teilweise von verschiedenen Kontinenten, eure Musik passt aber überraschend gut zusammen. Wie schafft ihr das?
Benjamin: Das ist viel Arbeit. Aber Arbeit, die Spaß macht und die wir gern machen. Durch unsere unterschiedlichen Identitäten und Lebenswege ergeben sich unglaublich viele Möglich­keiten für die Musik. Ich bin in Chile mit Cumbia aufgewachsen. Die anderen spielen Akkordeon und Trompete, waren z.B. auf dem Balkan unterwegs. In unseren Rhythmen finden sich aber auch Salsa, Guaguancó und Timba wieder. Und das alles mischt sich dann mit der modernen Musik, die vor allem Saïdou mitbringt und die auch in manchen Beats zu hören ist. Unsere Musik ist nicht nur international, sie mischt auch Traditionelles mit Modernem.
Saïdou: Unser Stil basiert auf der Ausdrucksfreiheit jedes Einzelnen von uns. Das ist eine der Identitäten von Sidi Wacho. Ich sage immer, wenn wir untereinander gerecht sein wollen, müssen wir vor allem ehrlich sein. Wir lernen beim Zusammenarbeiten, miteinander und unseren verschiedenen Stilen umzugehen. Als Band sind wir ein kleiner Spiegel dieser Erde, die sich genauso ausbalancieren muss.

Versteht ihr euch als politische Band?
Saïdou: Nein. Und es stört mich, wenn Leute das sagen. Wir machen keine politische Musik, es ist nur so, dass der Großteil der modernen Musik so bedeutungsleer ist. Aber ich fühle mich im Kontrast nicht politisch, sondern ganz normal. Denn ein normaler Musiker sollte von seinem Leben und den Ungerechtigkeiten darin erzählen. Deswegen muss man nicht extra betonen, dass Musik politisch ist. Jede Musik sollte es sein.
Benjamin: Das finde ich auch. Im Großteil der Musik, die wir hören, wird nichts gesagt. Für die Musikproduktion bedeutet das, dass alles schnell und einfach geht. Natürlich gibt es Ausnahmen, aber der Großteil der modernen Musik wird produziert wie Fastfood. Wir sagen dazu Wegwerfmusik. Das ist genau das, was wir nicht machen wollen. Wir als Musiker sehen uns als Angestellte der Kunst. Und solche wie wir werden nie große Stars. Abgesehen davon finde ich aber, dass wir über alles Musik machen können: Das fängt bei ganz banalen Dingen wie einem Marmeladenbrot an.

Kann ein Lied über ein Marmeladenbrot auch politisch sein?
Saïdou: Theoretisch ja. Manchmal ist es politisch, das Licht auf ein neues Thema zu werfen. Genauso politisch kann es aber sein, ein Licht wieder auszuknipsen.

Wie entscheidet ihr, welches Licht ihr an- oder ausschaltet?
Saïdou: Wir sind eine sehr internationale Band: Benjamin ist Chilene, unser Percussionist kommt aus Peru. Ich bin als Sohn algerischer Eltern in Frankreich aufgewachsen. Unser Akkordeonist und unser Trompeter haben Eltern aus Italien, Frankreich und Katalonien. Trotzdem habe ich das Gefühl, dass es eine gemeinsame Grundausrichtung innerhalb der Band gibt. Wir teilen eine Perspektive des geografischen und politischen Südens und denken aus klar antikolonialer und antiimperialistischer Perspektive. Wenn das einmal geklärt ist, ist es sehr leicht, auch zusammen Musik zu machen. Das Album haben wir in weniger als drei Monaten produziert.
Benjamin: Meistens fällt es uns sehr leicht, uns für ein Thema zu entscheiden und loszutexten. Vor der Produktion waren wir ein Jahr lang unterwegs. Wenn wir dann produzieren, schließen wir uns ein und lassen alles aus uns raus, was wir in der Zeit gesammelt und verarbeitet haben.

Ihr spielt den Sommer über auf Festivals in ganz Europa. Spielt der Ort für euch eine Rolle?
Benjamin: Überall auf der Welt gibt es Unterdrücker und Unterdrückte. Wir wollen an jedem Ort für die spielen, denen es nicht so gut geht. Deswegen ist das neue Album auch so fröhlich. Wenn wir unterwegs sind wird mir immer wieder klar, dass Menschen weltweit leiden oder irgendwann einmal gelitten haben. Wie beispielsweise die Menschen in Chile unter Pinochet. Momente des Leids verbinden, Momente der Freude aber auch.
Saïdou: Wir alle brauchen Spaß, um unseren Kopf freizumachen. Und wie geht das? Mit wem? Bestimmt nicht, indem wir den erstbesten kommerziellen Fernsehsender anschalten.

Wie dann?
Saïdou: Als Künstler können wir das anderen und uns selbst ermöglichen. Musik ist ein Teil der populären Bildung. Mit Musik können wir uns von der Arbeit, der Routine und dem Stress erholen, den Kopf freimachen und den Körper entspannen. Die Kunst im Allgemeinen hat diese Kraft. Gleichzeitig müssen wir aufpassen, dass wir auch ohne Konsum Spaß haben und Kunst genießen können. Wir leben in einer Konsum- und Klassengesellschaft. Nachdem wir gegen diese Strukturen protestiert haben, gehen wir zusammen tanzen und feiern.

Saïdou: Ja. Der neoliberale Prozess, der in Frankreich wie in so vielen Ländern stattfindet, nimmt immer mehr Bereiche unseres Lebens ein. Viele ärmere Menschen glauben zum Beispiel, dass Uber ihnen eine gute Möglichkeit bieten kann, Geld zu verdienen. Genauso funktioniert der Liberalismus. Am Ende ist es genau umgekehrt: Die Armut bleibt erhalten. Viele junge Menschen haben in Frankreich Macron gewählt, weil er ihnen Freiheit versprochen hat. Hier geht es aber nicht um Freiheit (libertad), hier geht es um Liberalismus (liberalismo). Diese beiden Dinge kann man nicht gleichsetzen.
Benjamin: Ich finde vor allem die Denkweisen besorgniserregend, die hinter diesen Wahlergebnissen stecken. In Chile, aber auch in Frankreich, kehren viele Menschen in bestimmte Denkmuster zurück. Es geht nur um das Haben, um das Besitzen, um den Gewinn. Das ist ein globales Problem, wir sehen es in Lateinamerika genauso wie in Europa. Das macht mich traurig. Gleichzeitig sehe ich viele Dinge, die mir Freude bereiten: Optimismus und gemeinsamer Widerstand gegen kapitalistische und neoliberale Positionen, der sich beispielsweise in Form von Graffitis und Demonstrationen äußert. Daran sehe ich, dass auch andere Menschen anders denken. Genau die möchten wir unterstützen. Und sei es, indem wir nur nach einer Demonstration unsere Musik spielen.


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JEDE MENGE BUENA ONDA


In Santiago de Chile trafen sieben Musiker aus unterschiedlichen Teilen der Welt vor drei Jahren aufeinander und gründeten mit Sidi Wacho ein Musik-Kollektiv, in dem sie ihre ganz verschiedenen Musikstile vereinen. Bereits Anfang 2016 veröffentlichten Sidi Wacho ihre erste Platte Libre. Seitdem hat sich die Konstellation des heute fünfköpfigen Kollektivs verändert und der Cumbiero Benjamin Rodriguez ersetzt den ehemaligen Sänger Juanito Ayala. Auch deswegen lassen sich auf Bordeliko kleine musikalische Veränderungen erkennen, so zum Beispiel die stärkere elektronische Basis mancher Lieder. Die Band schafft es jedoch, dabei nichts von ihrem einzigartigen Stil einzubüßen. Dieser entsteht vor allem durch ein Zusammenspiel von Elementen, die man so noch nicht zusammen gehört hat: Zu den Cumbia-Rhythmen und dem Gesang von Benjamin Rodriguez gesellt sich französischer Rap von Saïdou, der als Sohn algerischer Eltern in Frankreich aufgewachsen ist, peruanische Percussions mit teils karibischen Rhythmen sowie Akkordeon und Trompete mit Einflüssen vom Balkan.

Erstaunlich leicht fügen sich diese Elemente zusammen und sind plötzlich nicht mehr voneinander zu trennen. Es wird darauf geachtet, dass jeder Musiker mit seinem Stil mal mehr, mal weniger Raum bekommt. Während Bordeliko, das erste Lied der gleichnamigen Platte, und Sidi Wah wie eine Vorstellung der neuen Band als neues Ganzes funktionieren, werden in La Esquina, Te Gusta La Cumbia, Flores und Sigue vor allem die Percussions und Rodriguez Gesang betont. Aber auch der Rapper Saïdou hat überall seine Anteile. In Ya Janubi fügen sich in Zusammenarbeit mit dem algerischen Sänger Amazigh Kateb arabische Einflüsse nahtlos in das Album ein.

Trotz der guten Laune, die die fröhlichen Lieder verbreiten, schafft es Sidi Wacho auf Bordeliko gleichzeitig auch gesellschaftspolitische Themen anzusprechen. Grita Justicia und Saludo Revolucionario sind Beweise dafür, dass die Band sich in ihrer Musik solidarisch mit politischen Kämpfen weltweit zeigt und dazu motiviert, sich für eigene Rechte einzusetzen. Warum sich Sidi Wacho trotzdem nicht als politische Band bezeichnen will und was Bordeliko für sie bedeutet, erklären die beiden Sänger Saïdou und Benjamin Rodriguez im Interview in diesem Heft.

Das neue Album ist sowohl musikalisch als auch thematisch unglaublich vielfältig. Die meisten Fans hat Sidi Wacho aktuell in Frankreich und Chile, mittlerweile sind sie aber auch in Deutschland sehr beliebt. Live ist das vor allem eines: tanzbar. Zwischen kurzen politischen Statements und Zitaten (z.B. Emma Goldman: „If I can’t dance, I don’t want to be part of your revolution“) verstehen es die fünf, für einen politisch aussagekräftigen und gleichzeitig spaßigen Abend mit viel buena onda zu sorgen. Die Band spielt im Konzert mit ihren unterschiedlichen Identitäten, sodass die Reise durch ihre Musik gleichzeitig zu einer Reise durch verschiedene Orte wird, die trotzdem immer wieder zueinander finden und ein wunderbares Ganzes bilden. Dabei überzeugen nach wie vor auch die Songs vom alten Album. Den ganzen Sommer über sind Sidi Wacho noch auf Tour in Europa. Wer die Chance hat, sie live zu erleben, sollte sie auf jeden Fall ergreifen.


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ANDINE MYTHOLOGIE IN METALROCK VERPACKT


Die Band Curare // Fotos: Curare

Was genau ist CURARE und wie entstand die Idee, ein musikalisches Projekt zu starten, das so unterschiedliche Klänge vermischt?
Juan Pablo Rosales: Mit CURARE versuchen wir, eine Untergattung des weltweit verbreiteten Folk-Metals zu entwerfen, die wir Andinen Folk-Metal nennen. Traditionell werden im Rock oder Metal folkloristische Elemente aus Europa mit Bezug zu den westeuropäischen Kelten oder anderen alten osteuropäischen Kulturen verwendet. Wir jedoch setzen dem unsere eigenen kulturellen und musikalischen Referenzen entgegen. Wir tragen unsere Mythologien in die heutige Zeit und verpacken sie in einen Musikstil, der uns gefällt – den Metal.

Was sind eure musikalischen Einflüsse?
David Rosales: Mein Bruder und ich kommen aus einer Musikerfamilie, in der viel traditionelle Musik wie etwa sanjuanitos, pasacalles, valses oder pasillos gespielt wurde. Wir fühlten, dass wir diese musikalische Prägung ausdrücken mussten, aber eben über Rockmusik. Grundsätzlich gibt es zwei Ereignisse, die unser musikalisches Leben bereits in der frühen Kindheit beeinflusst haben: Zum einen, dass uns unsere Mutter auf ein Konzert von Inti Illimani mitnahm, den großen Vorbildern der lateinamerikanischen Folklore. Erst durch Bands wie Inti Illimani widmete man sich in den sechziger Jahren wieder der lateinamerikanischen Musik und nutzte sie als Ausdrucksmittel linker Sozialkritik. Das zweite Ereignis war dann, als wir mit 10 Jahren The Wall von Pink Floyd sahen. Auf der einen Seite ist unser Einfluss also der Rock aus Europa und auf der anderen die Fülle traditioneller Musik aus den Anden. Augen öffnend war dann Bands wie Sepultura aus Brasilien zu hören: Es gab also auch Latino Metal! Das inspirierte auch uns dazu, eine Musik mit eigener Identität zu machen.

Bevor ihr eure Musik Andinen Folk-Metal nanntet, bezeichnetet ihr euch als ecuadorianische Longo Metal Band. Was ist Longo Metal und woher kommt das Wort Longo?
Eduardo Cando: Wir wurden sehr oft gefragt, was das eigentlich für eine Musik ist, die wir da machen. Es war gar nicht so sehr unser eigener Anspruch, dem einen Namen zu geben, sondern vielmehr das ständige Nachfragen der Leute. In einem Gespräch, halb ernst, halb im Scherz, kamen wir dann auf longo weil dieses Konzept im Kichwa die Zeit der Jugend und des Aufwachsens definiert. Unsere Musik richtete sich an die die Jugend, also nannten wir sie Longo Metal. Gleichzeitig hatten wir den Wunsch, die Nutzung des Wortes longo, das in der offiziellen Kultur der weißen Mestizo-Gesellschaft einen verächtlichen Beigeschmack hat, umzudeuten. Und zwar mit genau dieser Idee, das Andine wieder sichtbar zu machen, das in unserer eigenen sozialen, personellen und individuellen Überzeugung als Mestizen steckt. Daher also Longo Metal. Mittlerweile nutzen wir aber mehr den breiteren Begriff des ecuadorianischen Anden-Metals, denn das Konzept des Longo Metal ist lokal begrenzt.

Was hat es mit dem Titel eurer letzten CD Revive Esperanza (Die Hoffnung wiederbeleben) auf sich?
Juan Pablo Rosales: Revive Esperanza ist der letzte Teil unseres Erstlingswerkes, einer Trilogie: Comando Urbano, Radical Acción, Revive Esperanza. Zusammen ergeben die Anfangs­buchstaben CURARE. Das haben wir uns damals 2001, 2002 so ausgedacht und es war mehr oder weniger unser Plan. Comando Urbano (in etwa Stadtkommando, Anm. d. Übers.) ist sozusagen eine hippere Art uns selbst zu bezeichnen, denn gemeinsam sind wir wie ein kleines Komitee, das versucht etwas irgendwie Aufständisches zu machen. Heutzutage geben alle ihren Bands Namen in Awa oder Shuar [indigene Sprachen der Region, Anm. d. Übers.] oder mixen Samples ecuadorianischer Musik in ihre Lieder. Das ist eine super Entwicklung, denn als wir 2001 mit dieser Art der Musik anfingen, wurden wir dafür schief angeguckt. Viele Künstler betrachteten den Rückbezug auf die indigenen Klänge und Kultur eher mit Verachtung. Angesagt waren Jazz oder klassische Musik. In der zeitgenössischen Musik orientierte man sich generell sehr an allem Ausländischen, der Reichtum der lateinamerikanischen Symbole musste erst wieder entdeckt werden. Mittlerweile ist es normal, auf diese Symbole zurückzugreifen, alle machen das. In unserer Generation, vor 16 Jahren, war es noch eine Radical Acción, solche Musik zu machen. Und der Begriff „radikal“ geht auf das Wort Wurzel zurück, auf das Verwurzelt-Sein, die eigenen Wurzeln zu sehen und Wurzeln zu schlagen. Revive Esperanza ist nun der letzte Teil davon. Es ist eine grüne CD mit grünem Cover und Rücken. Wir wollten damit die Bedeutung des Urwalds hervorheben und betonen, dass in der Natur unsere Hoffnung fürs Überleben liegt. Wie können wir uns respektvoll nachhaltigeren Weltsichten annähern, wie sie die indigenen Völker Amerikas haben? Wie können wir lernen, weniger zu konsumieren? Ich glaube, dass es glücklicherweise immer mehr Leute gibt, die sich darum bemühen, weniger materielle und mehr spirituelle Reichtümer anzuhäufen. Das ist auch unser Anspruch.


Bandmitglieder: Juan Pablo Rosales (Guitarre und Gesang), David Rosales (Schlagzeug und Gesang), Eduardo Cando (andine Blasinstrumente), Federico Rossi (Bass)

Momentan stellt der Bergbau in Ecuador und auf dem ganzen Kontinent ein großes ökologisches, soziales und politisches Problem dar. Von der Regierung wird dies aber immer noch unter dem Deckmantel des Fortschritts schöngeredet. Glaubt ihr, dass die Musik helfen kann, in diesem Kontext ein soziales Bewusstsein zu schaffen?
Juan Pablo Rosales: Mit Musik erreicht man die intimsten Seiten des Menschen, den Geist und damit den Ort der Ideen und Gedanken. Musik ist grundlegend für jede Art des sozialen Wandels. Oft sind visionäre Künstler die Vordenkenden einer neuen Gesellschaft und Realität. Erst danach kommt es zu sozialen oder strukturellen Veränderungen. Wir versuchen mit unserer Musik solch ein utopisches Denken zu ermöglichen. Ich glaube, dass es Rockmusik deshalb nie in den Mainstream geschafft hat. Es ist nicht im Interesse der Musikindustrie, einen Bewusstseinswandel zu unterstützen, denn sie sind auf Konsumenten angewiesen. Wir hoffen jedoch darauf, dass das Unrecht und die Gier, die auch hinter extraktivistischen Projekten steckt, irgendwann ein Ende haben. Und dass wir dann in einer Welt leben, in der es nicht mehr eine solch große Kluft zwischen jenen gibt, die alles haben und jenen, die an Hunger leiden. Nebst der menschlichen Erfahrung bedarf es dafür auch eines spirituellen Bewusstseins.

David Rosales: Es gibt eine Geschichte über die Aufstände der Indigenen im Amazonas: Als sie eine spanische Siedlung einnahmen, erhitzten sie Gold und sagten zum Ranghöchsten in der Kolonie: „Hier, trink und sieh, wie gut du davon leben kannst“, und sie gaben ihm das geschmolzene Gold. Und als wir uns mit der Band mit dem Pfeilgift Curare beschäftigten, stellten wir fest, dass die erste Person, die an den Wirkungen starb, einer der Geographen von Christoph Columbus war.


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BOTSCHAFTER DER GARIFUNA-MUSIK

„Best of“-Alben stehen unter dem Verdacht, zwecks schneller Geldscheffelei Altbekanntes nur lauwarm aufzuwärmen. Aurelio Martinez, bekanntester Botschafter der Garifuna-Musik, ist vor solchen Versuchungen gefeit: Sein Wirken und Einsatz für die Garifuna sind ein grandioses Beispiel für politische Musik. Mit dieser hat er vermutlich mehr erreicht als mit seiner Arbeit als einer der ersten afro-honduranischen Abgeordneten. Auch wenn Martinez den Staatsstreich in Honduras von 2009 klar verurteilt, so kritisiert er doch die Indigenen-Politik des geputschten Präsidenten Manuel Zelaya. „Ich war niemals Teil der wichtigen Kreise derjenigen, deren Entscheidungen etwas bewegen können“, berichtete Martinez vor zwei Jahren im LN-Interview (LN 486). „Als Präsident der nationalen Kommission für Ethnien wurde ich nicht ein einziges Mal vom Präsidenten empfangen, um über die Probleme der indigenen Völker zu sprechen.“

Wenn auch nicht beim Präsidenten, so verschafft Martinez der Sache der Garifuna mit seiner Musik Gehör. Als politisch-kultureller Botschafter hat er die Garifuna-Musik Paranda international weiter bekannt gemacht, ohne die Probleme um Landvertreibungen und Migration, Rassismus und Armut zu verschweigen. Gleichzeitig ist Paranda zum kulturellen Kitt der migrantischen Garifuna-Community zwischen Bronx und La Ceiba geworden, als Ausdrucksform und Mittel zum Spracherhalt. „Ich möchte, dass die jungen Garifuna hören, dass sich ihre Probleme in meinen Songs reflektieren, und zu diesen gleichen Problemen tanzen.“

Und so ist Darandi (Dreißig) alles andere als ein Best-of-Album zur schnellen Geldscheffelei, keine lieblose Playlist bekannter Songs, sondern eine Hommage und Neuinterpretation von Paranda-Klassikern wie von Aurelios eigenen Hits. Das musikalische Ergebnis ist ausgesprochen abwechslungsreich. Trotzdem zieht sich ein stilistischer Faden durch die Songs, wurde die CD doch in einem Take aufgenommen. Besonders die E-Gitarre von Guayo Cedeño fällt im Vergleich mit den Originalen auf. In Live-Manier lässt dieser sich immer wieder zu kleinen Soli hinreißen, ohne jedoch zu aufdringlich zu werden.

Das Album eröffnet mit dem Stück Dondo von Junie Aranda. Der Musiker aus Belize hat mit seiner Gitarre Aurelios Stil genauso inspiriert wie die Band Sielpa, denen der gleichnamige Song auf der Platte gewidmet ist. Von Garifuna Soul, dem ersten Studioalbum, mit dem Aurelio Martinez 2004 der internationale Durchbruch gelang, haben es immerhin drei Songs in die Favoritenliste geschafft. Neben Yalifu werden Fans vor allem Dügü wiedererkennen. Auch wenn die Drums in dieser Version etwas mehr in den Hintergrund treten, kann man dabei immer noch nicht ruhig sitzen bleiben. Lumalali Lumaniga hatte Aurelio im Original noch zusammen mit seinem großen Mentor Andy Palacio gesungen, der 2008 verstarb. Nun kommt der Song fast ohne Percussion aus und wird damit auch zu einem ruhigen Gedenken an Palacio, auch wenn der Song eigentlich von jenen ohne politische Stimme handelt. In ähnlich ruhigem Ton endet das Album mit einer zur Hymne gewandelten Interpretation von Naguya Nei, einem der bekanntesten Songs des 2014 verstorbenen Paul Narbor.

Mit Darandi streift Aurelio nicht nur durch die Geschichte der Paranda-Musik und haucht ihren Größen neues Leben ein. Er verbeugt sich vor den Personen und der Musik, die ihn bis heute inspirieren. Darandi ist deshalb auch für alle, die Aurelio Martinez’ Songs schon kennen, ein ausgesprochen spannendes Album.

 


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MIT MUSIK BEWUSSTSEIN SCHAFFEN

Was hat euch dazu motiviert, zu eurem fünfzehnjährigen Jubiläum ein Best-Of Album aufzunehmen?
Unser Hauptmotiv ist, dass heute kaum noch Alben erscheinen. Alle veröffentlichen nur noch Singles. Deshalb haben wir uns entschieden, alle unsere Klassiker neu aufzunehmen, denn viele kennen diese gar nicht mehr. Wir wollten die Klassiker mit Gastmusiker aufnehmen, die für uns sehr wichtig sind, und drei neue Lieder auf dieser CD veröffentlichen. Das ist unsere Art und Weise, wie wir die Romantik der Veröffentlichung von Alben beibehalten. Heute werden ja kaum noch komplette CDs gehört werden. So haben wir einen Mix aus der alten und neuen Schule gemacht. Wir sind super zufrieden mit diesem Projekt. Die neuen Versionen unserer Klassiker haben die Lieder wirklich auf ein anderes Niveau gehoben.

Ihr habt euren Stil in den letzten Jahren deutlich weiterentwickelt. Welche musikalischen Einflüsse haben euch zu den neuen Liedern und den neuen Versionen eurer Klassiker inspiriert?
Einflüsse … Also, zuerst einmal war das Che Sudaka selbst. Denn wir haben eigentlich ganz viele Coverversionen unserer eigenen Lieder gemacht, die wir mit unsere „Mákina Punk” dem aktuellen Stil der Band angepasst haben. Dabei zählten wir auf die Zusammenarbeit mit den Leuten von Massilia Sound System aus Frankreich, auf die Zusammenarbeit mit Grupo Chontaduro aus Barcelona. Das sind Kolumbianer, die Trommeln spielen. Es war also ein Mix aus Folk, Elektronik und Rock. Alle Leute, die mitgearbeitet haben, waren eine Inspiration: Manu Chao, Dr. Ring Ding, Amparo, BNegão aus Brasilien – sie alle waren große Einflüsse für dieses Album. Auch Facundo Cabral, der auf der CD mit ein paar Wortbeiträgen erscheint, ist so etwas wie unsere spirituelle Referenz, wenn wir Musik machen. All die, die uns hierher gebracht haben, sind eigentlich auch unsere heutige Referenz.

Wie habt ihr mit den anderen Künstler*innen zusammengearbeitet?
Wir kennen die schon seit vielen Jahren und wir hatten Glück, dass sie gerade Zeit hatten, mitzuarbeiten. Das Resultat ist dann sehr schön geworden. Die meiste Zusammenarbeit ist aus einer räumlichen Distanz entstanden – moderne Technik machts möglich – BNegão und Amparo sind in unser Studio gekommen, und es war toll, sie dort zu empfangen. Die CD wurde komplett in unserem eigenen Studio Cavernícola Records aufgenommen und gemischt. Sergio, unser Akkordeonspieler, hat sie produziert. Mit Manu, Dr. Ring Ding, Hugo Lobo und anderen war es eine Zusammenarbeit aus der Ferne. Sie waren zwar nicht hier, aber trotzdem waren wir uns nahe und bestimmt werden wir uns bald treffen und diese Dinge persönlich teilen.

Welchen Beitrag kann die Musik deiner Meinung nach leisten, um ein Bewusstsein für politischen Themen zu schaffen?
Wir glauben, dass die Musik eine unglaubliche Kraft hat, und darauf setzen wir. Die Musik hatte für uns schon immer die Aufgabe, Bewusstsein zu schaffen. Unser ganzes Leben lang, seit wir angefangen haben, Musik zu hören, hat sie uns geprägt. Wenn du größer wirst, verstehst du auch ein bisschen besser, was dir die Musik eigentlich sagen will. Aber sie war schon immer eine Schulung des Bewusstseins. Zum Beispiel im Fall von Bob Marley hat uns seine Musik schon immer gefallen, aber wir kannten seine Aussagen nicht, da wir kein Englisch sprachen. Als wir seine Texte dann verstehen konnten, sagten wir: Klar, dass sie uns gefallen hat! Darauf beziehen wir uns ein bisschen, um zu sagen, was wir sagen und zu singen, was wir singen, und zum Beispiel in Deutschland zu spielen. Uns ist klar, dass die Menschen vielleicht nicht verstehen, was wir sagen. Aber sie werden es vielleicht in einem anderen Moment verstehen. Sie bekommen das Gefühl, dass gerade etwas passiert.

In den vergangenen Jahren hattet ihr die Möglichkeit, nach Lateinamerika zurückzukehren und dort Musik zu machen. Wie war diese Erfahrung für dich?
Das war wirklich aufregend. Vor allem die Tatsache, dass die Leute nicht nur das verstehen, was das deutsche oder französische Publikum zum Beispiel versteht, sondern auch die Nachricht dahinter. Vielleicht verstehen sie diese Nachricht nicht einmal in Spanien, obwohl sie die gleiche Sprache sprechen wie wir. In Lateinamerika dagegen wissen alle, was wir sagen wollen. Denn wir kommen von dort und unsere Worte sprechen die Sprache Lateinamerikas. Von Mexiko bis Ushuaya in Argentinien, nicht wahr? In Lateinamerika werden wir verstanden, wir teilen alle eine Geschichte. Wenn man mal darüber nachdenkt, dann ist die Geschichte Lateinamerika doch eins. Abgesehen von ein paar Unterschieden haben wir alle das Gleiche erlebt. Unsere Nachricht kommt dort also ungefiltert an. Und das kam auch zu uns zurück, denn wenn du auf einer Bühne stehst und etwas kreierst, kommt das wie eine Welle wieder zu dir. Und es war sehr gewaltig, was uns da erreichte. Das hat uns viel Kraft gegeben, nach Europa zurückzukehren und zu versuchen, so etwas auch hier zu erreichen. In jüngster Zeit entsteht so eine Stimmung auch hier immer mehr, und das haben wir unserer Rückkehr nach Lateinamerika zu verdanken.

Vor fünfzehn Jahren habt ihr als Band angefangen, auf der Straße zu spielen. Heute reist ihr um die ganze Welt und gebt Konzerte – wie haben euch diese Anfänge als Straßenmusiker geprägt? Was ist davon übrig geblieben?
Um darauf zurückzukommen, was uns beeinflusst hat: Es gab ein Lied von Facundo Cabral, in dem er sagt „Kein Genie geht verloren, ich trage alles bei mir”. Wir haben nichts verloren, alles begleitet uns. Was sich vielleicht etwas verändert hat, ist die Gegenwart von Che Sudaka, denn wir sind an immer mehr verschiedenen Orten und unsere Nachricht erreicht immer mehr Menschen, die kommen, um uns zu sehe, und die etwas von uns erwarten. Aber der Geist der Straße hält uns als unabhängige Band auf den Beinen, obwohl es manchmal schwierig ist, weil du ein bisschen mehr arbeiten musst als wenn dir jemand sagt, was zu tun ist. Aber das erlaubt dir erstens, zu sagen, was dir in den Sinn kommt und was du fühlst, und zweitens ist da der Stolz, die Dinge auf eine – naja- sagen wir, natürliche Art zu machen. Man wird so etwas wie der Bauer der Musik, der früh aufsteht, um die Samen zu einzupflanzen und der aufsteht, um sie zu ernten. Alles braucht seine Zeit. Wenn wir also nie auf der Straße gespielt hätten, dann hätten wir dieses Bewusstsein nicht. Glücklicherweise begann es alles genau so.

Wie erlebst du, vor allem in deinem persönlichen Kontext als argentinischer Migrant in Barcelona, den Unabhängigkeitsprozess in Katalonien?
Ehrlich gesagt, ist uns die Unabhängigkeit des Individuums wichtiger als die Unabhängigkeit eines Landes, egal von welchem. Denn wenn das Individuum nicht unabhängig ist, kann es auch wenig für den Rest machen. Wenn die Unabhängigkeit eines Landes eine positive Veränderung zur Selbstverwaltung beitragen kann, ist sie herzlich willkommen. Ich weiß aber nicht, wie es wäre, wenn das hier passiert. Deshalb kann man in diesem Fall nicht von außen urteilen, denn wir leben zwar hier, aber mit kühlem Kopf. Wir ergreifen nicht Partei – wir können gar nicht Partei ergreifen! Denn du hast einen Freund, der hat die eine Meinung, und ein anderer hat eine andere. Was machst du da also? Kämpfst du den einen Tag mit einem und den anderen Tag mit dem anderen? Oder du versuchst, einfach menschlich zu sein und die Kompromisse zwischen den Menschen zu fördern.

Und was meinst du, was in Zukunft mit Menschen passieren könnte, deren Aufenthaltstitel unsicher ist und die keine Dokumente haben?
Die Leute ohne Papiere werden weiterhin ohne Papiere sein. Denn die Veränderungen, die auf Regierungsebene passieren, passieren nicht auf der Straße. Da wird dann einfach eine Verfügung in Brüssel erlassen, oft auch im Auftrag großer, multinationaler Unternehmen. Deshalb glaube ich, dass wir da gar nicht viel machen können. Wenn wir da etwas beitragen könnten, würden wir das ohne zu zweifeln tun. Aber im Moment glauben wir, dass wir nur positives Denken zum Geist der Einheit aller Menschen beitragen können. Egal, welche Flagge sie tragen. Aber, ehrlich gesagt, glauben wir nicht an Flaggen.


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DER REBELLION NICHT MÜDE

Als „punk reggae party“ bezeichnen die Musiker von Che Sudaka ihren eigenen Stil. Und unter diesem Motto steht auch das neue Album der Band aus Barcelona (siehe LN Interview). Die meisten Stücke darin sind nicht neu: Es enthält viele bekannte Klassiker wie „Mentira Polítika“, „La risa bonita“ oder den Titelsong „Almas Rebeldes“. Jedoch ist das Album weit ab von einem schnell zusammengewürfelten Best-of Album, für das sich Künstler*innen entscheiden, wenn sie plötzlich knapp bei Kasse sind. Almas Rebeldes verfolgt mit viel Aufmerksamkeit für jedes Detail ein Gesamtkonzept: In neuen Versionen eingespielte, alte Stücke sind mit neuen Liedern bewusst aufeinander abgestimmt. Jeder Song geht flüssig in den nächsten über, sodass Übergänge manchmal gar nicht zu merken sind.

Bei vielen Liedern sind andere Musiker*innen zu Gast: So etwa der deutsche Ska- und Reggae-Künstler Dr. Ring Ding, die ehemalige Frontfrau der Band Amparanoia Amparo Sánchez oder Manu Chao. Mit manchen der Künstler*innen haben Che Sudaka schon häufiger zusammengearbeitet und wurden von ihnen in ihrem musikalischen Werdegang beeinflusst. Viele der Features sind aber auch zum ersten Mal dabei und geben den Liedern einen ganz neuen Charakter.

Almas Rebeldes ist, sowie auch die bisherigen CDs von Che Sudaka, ein politisches Album. Es handelt von sozialen Bewegungen und Protest, Polizeigewalt und Repression, sozialer Ungleichheit und fehlendem Vertrauen in Politik und Staat. Vor allem die Themen Saatgut und bäuerliche Autonomie stehen im Mittelpunkt und werden von Anfang bis Ende des Albums immer wieder angesprochen. Der Aufruf zum Widerstand („almas rebeldes levántense“) zieht sich wie ein roter Faden durch das gesamte Album. Sogar das CD-Cover, das von dem Künstler Pablo Kalaka entworfen wurde, spiegelt diese Nachricht wider und ist Aussagen der Band zufolge eine Hommage an alle Bäuerinnen und Bauern, welche für sie die Hoffnung auf eine bessere Welt repräsentieren.

Dieser ernsthafte Charakter wird aufgelockert von Stücken, die die Freude am Leben feiern, wie etwa „La risa bonita“ oder „El libro de los abrazos“. Mal haben die Songs mehr Cumbia- oder Rumba-Rhythmen, mal geht es rockiger zu, öfters sind Hip-Hop Elemente dabei. Das ganze Album wirkt sehr energisch, die neuen Auflagen der Klassiker sind meist schneller und werden durch elektronische Komponenten dem neueren Stil der Band angepasst. Die Musik von Che Sudaka lässt sich noch immer schwer in feste Genres einordnen und hat sich über die Jahre zu einem ganz eigenen Stil mit verschiedenen Einflüssen entwickelt. Gesungen wird auf fünf Sprachen, überwiegend auf Spanisch, aber auch Portugiesisch, Französisch, Englisch und Kibunda.

Almas Rebeldes reißt einen beim Hören mit und regt zum Tanzen, zum Abschalten, aber auch zum Nachdenken an. Es ist ein rundes und sehr gelungenes Album einer Band, die sich seit ihrer Gründung immer weiterentwickelt hat und sich kontinuierlich neu ausprobiert. Diesen Prozess mit zu verfolgen und sein vorläufiges Ergebnis auf diesem Album zu erleben macht Spaß – und vor allem bekommt man Lust auf mehr von dieser Band, die auch nach 15 Jahren nicht müde wird, sich und die Welt immer wieder neu erfinden zu wollen.

 


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