Militärs im Wald

Amazonien hat in den letzten Monaten eine Aufwertung in der internationalen Politik und Aufmerksamkeit erfahren. Spätestens seit der Klimakonferenz in Bali im Dezember 2007 ist die Frage der Walderhaltung in die erste Reihe der Prioritäten für ein neues Klimaregime gerückt. Und Brasilien hat in Bali zumindest Verhandlungsbereitschaft signalisiert, eine Kehrtwende zu der bisherigen Politik, die keine internationalen Mechanismen zu Fragen der Entwaldung diskutieren wollte. Allerdings führt die Veröffentlichung von neuen Zahlen in diesem Jahr, die einen drastischen Anstieg der Entwaldung in Amazonien anzeigen, eine eigentlich altbekannte Tatsache vor Augen: Es gibt keine integrierte Amazonienpolitik Brasiliens, die auf Walderhaltung ausgerichtet ist.
Dies weist auf die höchst unterschiedlichen Interessen in Brasilien hin, die beim Thema Amazonien aufeinanderprallen. Denn der Kampf um Amazonien ist nicht nur ein Kampf um Bäume, es ist zunächst ein Kampf um die Definitionsmacht. Sehen die einen einen großen Wald mit Biodiversität und indigenem Kulturraum, sehen andere das große Potential für Wasserkraft. Brave WaldschützerInnen stehen Personen wie Blairo Maggi, Gouverneur des Bundesstaats Mato Grosso gegenüber, der auf den entwaldeten Flächen mit Sojaanbau glänzende Geschäfte macht. Die Holzlobby hingegen sieht in Amazonien eine „Berufung zur Holzwirtschaft” – nachhaltig natürlich.
In diesem Debattenfeld haben sich in letzter Zeit alte Bekannte wieder massiv zu Wort gemeldet: die Militärs. Für sie ist Amazonien zunächst ein riesiges, schwer kontrollierbares Grenzgebiet, das Unterschlupf für SchmugglerInnen und ausländische Guerillas – besonders der Bewaffneten Revolutionären Streitkräfte Kolumbiens FARC – bietet und Ort permanenter Landkonflikte ist. Finstere Mächte könnten gar Amazonien internationalisieren wollen. Kurz: Amazonien ist primär eine Frage der nationalen Sicherheit und Souveränität, und zwar die wichtigste für ein Land ohne feindliche Nachbarn.
Diese Sichtweise hat eine Geschichte, die weit in die Militärdiktatur (1964-1985) zurückreicht. Aber auch die erste zivile Regierung unter José Sarney (1985-1990) hat die Militarisierung Amazoniens durch das Projekt Calha Norte (PCN) weiter betrieben (siehe LN 174). Das Vorhaben definiert ein riesiges Gebiet entlang der 6.500 km langen Landesgrenzen im Amazonasgebiet als militärisches Entwicklungsgebiet. 14 Prozent der Fläche Brasiliens und 24 Prozent der Fläche Amazoniens sind betroffen. Wie viele Großvorhaben blieb PCN Stückwerk und geriet schließlich in Vergessenheit. Doch die wiederaufflammenden internationalen Debatten und neue Entwicklungen in der Region haben die Militärs dazu gebracht, sich wieder lautstark zu Wort zu melden.
Mit überraschender Deutlichkeit hat der oberste Kommandeur der Streitkräfte in Amazonien, General Augusto Heleno, die Indigenenpolitik der Regierung kritisiert: „Die brasilianische Indigenenpolitik ist völlig losgelöst vom historischen Prozess der Kolonialisierung unseres Landes. Sie muss dringend korrigiert werden.“ Ein anderer hoher Militär, General Mario Madureira, ließ im April dieses Jahres in der Tageszeitung O Globo keine Zweifel, warum die Militärs alarmiert sind: „Die Gefahr für die Souveränität besteht in den Gebieten, die vom brasilianischen Territorium abgetrennt werden können. Internationale Nichtregierungsorganisationen und indigene Gruppen können eine Aufteilung des Territoriums fordern. Es könnte dasselbe wie im Kosovo passieren.“
Amazonien – ein neues Kosovo? Das ist eine erstaunliche Sichtweise auf den Kosovokonflikt und die Situation in Amazonien. Die Äußerungen der Militärs haben durchaus politische Unterstützung bekommen. Im Regierungslager haben sich Verteidigungsminister Nelson Jobim und die Kommunistische Partei von Brasilien (PCdoB), ein treuer Bündnispartner der Regierung, zustimmend geäußert. Gerade vom linken Flügel, der stark linksnationalistisch geprägt ist, gab es viel Beifall für die Äußerungen der Militärs. Das Eingreifen der Militärs in Amazonien wird so auch von zwei neuen zivilen Ministern der Regierung Lula unterstützt, welche ihre Wurzeln im linken politischen Spektrum haben. Der neue Umweltminister Carlos Minc schlug bereits vor seinem Amtsantritt vor, Sonderkommandos innerhalb der Streitkräfte zu bilden, um in den großen (National-)Parks und Nutzreservaten Amazoniens zu operieren. Auch der Minister für Strategische Angelegenheiten und Koordinator des „Plans für ein Nachhaltiges Amazonien“, Mangabeira Unger, hält ein militärisches Eingreifen für notwendig, um die Landkonflikte in Amazonien zu lösen.
Anlass für die aktuelle Debatte ist die Auseinandersetzung um die Demarkierung des indigenen Gebietes Raposa/Serra do Sol im Bundesstaat Roraima, an der Grenze zu Venezuela. Raposa/Serra do Sol ist mit 1,7 Millionen Hektar das letzte große Indigenengebiet in Amazonien, dessen Demarkierung noch nicht abgeschlossen ist (siehe LN 373/374). Um dieses Gebiet hat sich in Roraima eine besonders heftige Debatte entfacht. GroßgrundbesitzerInnen, die sich dort angesiedelt haben, leisten militanten Widerstand und werden von der lokalen Politik unterstützt. Diese beklagt, dass mit der vorgesehenen Grenzziehung 46 Prozent des Territoriums des Bundesstaates indigenes Gebiet werden. Damit ist auch die Debatte „Viel Land für wenige Indigene“ wiederbelebt. „Der brasilianische Staat hat nicht die geringste Idee, was in den indigenen Gebieten passiert. Nie ist eine Erhebung gemacht worden, die Reichtümer sind unbekannt und unberührbar. Die Reservate bilden 12,5 Prozent des nationalen Territoriums. […] Die indigenen Gebiete in Roraima sind größer als Portugal.“ Dieses Zitat stammt aus der Titelreportage des auflagenstarken Magazins Istoé vom 28.Mai 2008. Unter der Überschrift „Amazonien gehört uns“ resümiert die Ausgabe die aktuelle Debatte um das Gebiet.
Neben der Bedrohung durch indigene Territorien werden die Nichtregierungsorganisationen (NRO) als Feinbild aufgebaut. Europäische und nordamerikanische NRO würden ein Horrorszenario von Ausrottungspolitik gegenüber der indigenen Bevölkerung an die Wand malen: „Unter diesem Vorwand verteidigen die (Pseudo-)NRO mit aller Kraft die aktuelle Indigenenpolitik, die einigen Stämmen Gebiete zuspricht, die größer sind als europäische Staaten.“ So könnten sie dann ihren nebulösen Geschäften nachgehen, darunter die Biopiraterie. Der Artikel resümiert: „Die aktuelle Indigenenpolitik führt dazu, dass Indios und NRO immer mehr nationales Territorium besetzen. So muss Brasilien, lange bevor es auf Invasoren von Außen trifft, einen Teil Brasiliens erobern, um die territoriale Integrität seines Landes wiederherzustellen.“ Laut Istoé soll die phantastische Zahl von 100.000 NRO in Amazonien tätig sein.
Rückenwind bekommen solche Szenarien durch Äußerungen internationaler Politiker, die immer wieder zitiert werden. So soll der US-amerikanische Politiker Al Gore 1989 gesagt haben: „Die Brasilianer denken, dass Amazonien ihnen gehört. Nein, es gehört uns allen.“ Nüchterner ist die Analyse, dass die natürlichen Ressourcen Amazoniens eine strategische Bedeutung haben, die in Zukunft auch Teil internationaler Konflikte werden könnten. So verfügt Amazonien über 21 Prozent der weltweiten Süßwasservorkommen.
Die Befürchtungen brasilianischer Militärs und PolitikerInnen, die auch von großen Teilen der Bevölkerung geteilt werden, müssen ernst genommen werden. Das Interesse Brasiliens, seine nationale Integrität und Souveränität zu bewahren, ist genauso legitim wie die Bekämpfung von Biopiraterie. Aber warum sollen die indigenen Völker eine Bedrohung für die nationale Souveränität darstellen? Gerade sie sind es, die den Wald schützen – und damit einen der größten Reichtümer Brasiliens. Eine Übersicht des Instituto Socioambiental zeigt, dass in fast allen indigenen Gebieten die Entwaldungsrate gering ist. In den größten Indigenengebieten Brasiliens, Yanomami und Vale do Javarí, sind lediglich 0,26 bzw. 0,27 Prozent der Fläche entwaldet. Und bisher gibt es keine indigene Bewegung, die Unabhängigkeit von Brasilien anstrebt.
Ein anderer Kontext der Debatte um indigene Gebiete ist wohl realistischer. Die auf Großprojekte ausgerichtete Entwicklungspolitik der brasilianischen Regierung wird zunehmend mit dem Schutz indigener Gebiete in Konflikt geraten. 20 Prozent Amazoniens sind indigene Gebiete. Es ist auch kein Zufall, dass die zitierte Reportage von Istoé unmittelbar nach einem Treffen von indigenen Völkern und sozialen Bewegungen gegen einen Staudamm am Xingu-Fluss veröffentlicht wurde (siehe LN 409/410). Auf diesem Treffen hatten Indigene einen Vertreter der staatlichen Energiefirma und Staudammbetreiber Eletronorte mit Messern angegriffen und verletzt. Die Bilder des blutenden Ingenieurs wurden zu besten Sendezeiten vom Fernsehen gezeigt und wiederholt. Sie sind ein drastisches Signal, dass Amazonien vor neuen sozio-ökologischen Konflikten steht, in denen indigene Völker immer mehr als Akteure sichtbar werden. Die brasilianische Regierung zeigt sich angesichts des internationalen Interesses an Amazonien zunehmend irritiert. Präsident Lula verglich Amazonien mit Weihwasser: Alle wollten ihre Finger reinstecken.
Der Friedensforscher Clóvis Brigagão erkennt in der aktuellen Debatte eine neue Rollenwahrnehmung der Militärs: „Sie handeln nicht nur wie strategische Akteure in Verteidigungsangelegenheiten, sondern werden auch zu bedeutenden strategischen Akteuren der Public Policies”. Militärische Interventionen in Amazonien würden so das Handlungsfeld der Streitkräfte auf zivile Bereiche der Politik, die eigentlich anderen Ministerien unterliegen, ausweiten. Den Grund für diese Machtausweitung und den erhöhten politischen Einfluss sieht Brigagão in einem Machtvakuum auf Seiten der zivilen Politik. Dieses Vakuum lasse zu, dass „die strategischen Fragen Amazoniens aus militärischer Perspektive betrachtet werden”. Das Militär werde somit die Formen nachhaltiger Entwicklung in Amazonien entscheidend mitprägen.
// Anne Schnieders/Thomas Fatheuer

Machetenschlag gegen Eletronorte

600 Indios – die meisten in traditioneller Bekleidung – verwandelten die nüchterne Turnhalle der Stadt Altamira in einen Festsaal. Mit den Indios hatten sich soziale Bewegungen der Amazonasregion versammelt, um gegen die Staudammpläne „Belo Monte” der brasilianischen Regierung zu protestieren. Das Treffen hatte einen Déjà-vu-Charakter: Schon 1989 hatten sich indigene Völker und soziale Bewegungen gegen erste Pläne eines Staudammes am Xingu-Fluss mobilisiert. Damals verschafften Persönlichkeiten wie Rockstar Sting dem Treffen internationale Aufmerksamkeit. Die Zeiten haben sich geändert und so war dieses Mal kaum nationale und wenig internationale Presse zu sehen – bis zu dem Moment, in dem Tuíra, Stammesführerin aus dem Volk der Kayapó, in Szene trat.
Selbige Tuíra hatte bereits 1989 den Präsidenten der für das Projekt verantwortlichen staatlichen Energiefirma Eletronorte, José Antônio Muniz Lopez, mit einem Messer bedroht – das Bild ging um die Welt (siehe LN 180). Diesmal waren die Bilder dramatischer. Nach der Rede von Eletronorte-Vertreter Paulo Fernando Rezende griffen ihn Kayapós, darunter Tuíra, mit einer Machete an und verletzten ihn schwer am Oberarm. Für die brasilianische Presse ein gefundenes Fressen – nun hatten sie sensationelle Bilder, um über die Gewalt der Indios polemisch zu berichten. Ausschlaggebend für die Tat war vor allem der Ton von Rezende, der alle Kritik am Staudamm als „schlecht informiert” vom Tisch wischte und den Protest der Indios damit nicht genügend ernst nahm.
Die Logik von Regierung, Eletronorte und Betreiberfirmen ist klar: Brasilien braucht mehr Energie, da Bevölkerung und Wirtschaft wachsen. Fast 80 Prozent der Stromerzeugung in Brasilien beruht auf Wasserkraft. Das Land rühmt sich mit dieser sauberen Energie in Zeiten des Klimawandels und will die Nutzung der Wasserkraft weiter ausbauen. Tatsächlich ist es der Regierung im Dezember letzten Jahres gelungen, wieder ein Staudammprojekt in Amazonien am Rio Madeira in die Umsetzungsphase zu bringen (siehe LN 403).
Der lukrativste Standort der geplanten Staudämme liegt jedoch am Xingu. Deshalb versucht Eletronorte nun bereits im dritten Anlauf das Belo-Monte-Projekt umzusetzen. Es ist offensichtlich, dass es diesmal ernst gemeint ist: Belo Monte soll 11.182 Megawatt (MW) produzieren, soviel wie neun „normale” Atomkraftwerke. Es ist damit viel größer als zwei bereits bewilligte Kraftwerke am Rio Madeira – und auch schwieriger umzusetzen.
Der Parque Nacional do Xingu ist eines der wichtigsten indigenen Gebiete Brasiliens, in dem der Regenwald fast unversehrt erhalten ist. Nicht nur der Xingu fließt hier, auch die Transamazônica-Route durchschneidet die Region, die eine für Amazonien vergleichsweise hohe Bevölkerung mit vielen aktiven sozialen Bewegungen aufweist. VerteidigerInnen und KritikerInnen des Staudammprojekts sind sich in einem Punkt einig: Am Xingu wird die Zukunft der Wasserkraft in Amazonien entschieden.
Wenn es nicht gelingt, diesen Staudamm zu verhindern, werden weitere Projekte mit schweren Konsequenzen folgen. Zwar entspricht das Projekt längst nicht mehr den Erstplänen von 1989, denn die Größe des Stausees konnte von über 1000 auf etwa 400 Quadratkilometer gesenkt werden. Dennoch bleiben große Zweifel. „Das geplante Wasserkraftwerk Belo Monte wird nur drei Monate im Jahr mit 11.182 MW operieren können. Für den Rest des Jahres garantiert der Wasserfluss nur etwa 4.670 MW. Um also Belo Monte überhaupt erst lohnend zu machen, müssten vier weitere Kraftwerke gebaut werden, mit Stauseen, die eine so große Fläche betreffen würden, dass sich Eletronorte scheut, die Pläne zu veröffentlichen”, so die Kritik des Energiespezialisten Célio Bermann. Es wird klar: Das aktuelle Projekt macht nur Sinn, sofern es die erste Stufe von etwas noch weit Größerem wird.
Aber allein das aktuelle Projekt ist gigantisch und die sozialen und ökologischen Folgen sind so komplex, dass sie sich nicht lediglich auf die Größe des Stausees reduzieren lassen. So werden etwa 20.000 Arbeitskräfte für den Bau benötigt. Altamira hat etwa 80.000 Einwohner. Die legendäre Transamazônica-Route müsste dazu endlich fertiggestellt werden, der Druck auf indigene Territorien und Schutzgebiete würde sich drastisch erhöhen.
Am 21. Mai dieses Jahres überreichten etwa 50 Häuptlinge der Region dem Bundesrichter Antonio Campelo eine Petition: „Wir akzeptieren den Bau von Staudämmen in unserem Fluss nicht. Wir werden nicht mehr den Verlust unseres Landes akzeptieren, denn wir wissen, dass Staudämme niemals Vorteile für unsere Gemeinschaften gebracht haben oder bringen werden. Falls wir dieses Projekt nicht verhindern können, dann werden wir bis zu den Baustellen gehen und das Projekt auf unsere Weise stoppen. Wir werden unser Leben und unser Land verteidigen. Wir sind es leid, zu hören und nicht gehört zu werden.”
Mit diesen Positionierungen der indianischen Völker können Regierung und Eletronorte nichts anfangen. Ihre Logik des Dialogs ist die Logik der Umsetzung des Projekts. Es geht um das „wie” und nicht um das „ob”. Eletronorte verspricht geringe Umweltschäden, ein viel besseres Projekt als vor 20 Jahren, großzügige Entschädigungen und dauerhafte Kompensationszahlungen. Die PlanerInnen können nicht verstehen, wenn ein Indio darauf erwidert: „Der Xingu ist mein Vater und meine Mutter. Ohne den Xingu, was wird aus uns?”
Es ist dieser Abgrund von Unverständnis, der die Messerstiche der Kayapós provozierte. War also das Treffen von Altamira der Auftakt zu einer neuen, militanten Phase indigenen Widerstands? Dies ist schwer einzuschätzen, deutlich aber wird, dass Konflikte mit indigenen Völker wieder ins Zentrum der brasilianischen Politik rücken. Etwa 20 Prozent des gesamten Territoriums Amazoniens ist indigenes Gebiet. Raposa Serra do Sol, das letzte große indigene Territorium, dessen Demarkierung nicht abgeschlossen ist, hat jetzt einen Streit provoziert, bei dem sich auch die Militärs einmischten. Da das Gebiet an der Grenze zu Venezuela und Guayana liegt, befürchten Militärs eine Gefahr für die nationale Sicherheit und greifen zum Teil offensiv die Indigenen­politik der Regierung an. Dies ist sicherlich auch der Reflex einer neuen Konjunktur in Amazonien. Die neue Welle von Großprojekten, die Ausbeutung der Bodenschätze, sowie das sich massiv ausdehnende Agrobusiness stoßen zunehmend an die Grenzen von Schutzgebieten und indigenen Territorien. Dort stehen den InvestorInnen dann die einheimische Bevölkerung und die Gesetze zum Erhalt des Naturraums im Wege.

Tod am Fluss

Ein dichter weißer Schaumteppich bedeckt das Wasser des Flusses Santiago, der sich einer Skipiste ähnelnd an der Peripherie Guadalajaras entlang schlängelt. An manchen Tagen weht der Wind dicke Flocken in die nahe gelegenen Siedlungen. Früher galt der Santiago an jener Stelle zwischen El Salto und Juanacatlán als beliebter Touristenort – bekannt als die „Niagarafälle Mexikos“. Am 13. Februar 2008 waren die BürgerInnen Guadalajaras, der zweitgrößten Stadt Mexikos, in Aufruhr geraten, da der achtjährige Miguel Ángel López Rocha nach fast dreiwöchigem Koma an den Folgen einer Arsenvergiftung starb. Ursache war wahrscheinlich das hochgradig verschmutzte Wasser des Río Santiago, der die östlichen und südöstlichen Ränder der Stadt passiert. Das Haus seiner Familie liegt nur wenige Blocks vom Fluss entfernt. Vermutlich war er beim Spielen am 26. Januar mit dem trüben Flusswasser in Berührung gekommen und hatte etwas davon geschluckt, wie die Mutter des Kindes bekannt gab. Nach mehreren Stunden Erbrechen, Durchfall, Halluzinationen und Bewusstseinsstörungen fiel Miguel Ángel am Folgetag im örtlichen Krankenhaus ins Koma. Kurz vor seinem Tod stellten die ÄrztInnen einen Anteil von 51 Mikrogramm Arsen in Urinproben des Kindes fest, was er bis zu zehnmal über dem Normalwert lag.
Auch wenn der Gouverneur Jaliscos, Emilio González Márquez, ebenso wie die zuständigen Behörden, vehement einen Zusammenhang zwischen der Verschmutzung des Flusses und Miguel Ángels tödlicher Vergiftung herunterspielten oder gar dementierten, schien die Ursache für viele klar. Seit nunmehr fünf Jahren weisen die BewohnerInnen der südöstlich von Guadalajara gelegenen Gemeinden Juanacatlán und El Salto die lokale Regierung auf gesundheitliche Schädigungen an der Bevölkerung in Folge der hochgradigen Verschmutzung des Flusses hin. Der Río Santiago gilt als eines der am stärksten kontaminierten Gewässer Mexikos und gefährdet die Gesundheit von insgesamt 120.000 Menschen, die in der Nähe des Flusses wohnen. ÄrztInnen vor Ort sowie das Lateinamerikanische Wassertribunal bestätigten ein erhöhtes Auftreten von Atemwegs- und Hauterkrankungen, Kopfschmerzen, Müdigkeit und Schlaflosigkeit bei der Bevölkerung. Im Jahr 2005 waren Atemwegserkrankungen und verschiedene Krebsarten die Haupttodesursache in den beiden Gemeinden. Auch der Expertin und Gründerin des Toxikologischen Instituts in Jalisco, Luz María Cueto Sánchez, zufolge, ließe das Krankheitsbild des Jungen auf eine orale Einnahme von Arsen schließen. Das Gift werde heute vor allem in der verarbeitenden Industrie, zum Beispiel in Gerbereien und in der Glas- und Metallverarbeitung, verwendet.
Tatsächlich beginnt ganz in der Nähe der betroffenen Gemeinden einer der wichtigsten Industriekorridore Jaliscos und Mexikos. Die knapp 300 Unternehmen des Industrieparks in Guadalajara aus der chemisch-pharmazeutischen Industrie, der Lebensmittel- und Getränkeherstellung sowie der metallverarbeitenden und Elektroindustrie, darunter bekannte Namen wie IBM Mexico, Nestlé und Ciba, leiten ihre Abwässer – so wird vermutet – größtenteils ungereinigt in den Fluss. Sie vermischen sich dort mit den Abwässern der Fünf-Millionen-Metropole, die über den Ahogado-Kanal ungeklärt in den Fluss eingeleitet werden. Die Verschmutzung des Flusses hat die Einnahmequelle aus dem einst landwirtschaftlichen Zentrum und damit die Nahrungsgrundlagen der BewohnerInnen der an den Fluss angrenzenden Dörfer teilweise bis vollständig zerstört. Vereinzelte Studien haben eine Verschmutzung des Wassers mit diversen Schwermetallen, darunter Chrom, Blei, Kobalt, Quecksilber und Arsen festgestellt. Um jedoch einen konkreten Zusammenhang zwischen dem hochgradig verschmutzten Flusswasser und den Erkrankungen der BewohnerInnen sowie Miguel Ángels tödlicher Vergiftung nachzuweisen, fehlt es bislang an Langzeitstudien.

Der Río Santiago ist eines der am stärksten kontaminierten Gewässer Mexikos.

Und politischem Willen. Zwar bezeichnete die Wasserkommission Jaliscos CEA (Comisión Estatal del Agua; erst vor kurzem strich man das S für Saneamiento (Abwassersanierung) aus dem Namen) das Wasser des Santiago noch im Jahr 2003 als übermäßig verschmutzt und ungeeignet zur Trinkwasserversorgung. Nichtsdestotrotz hält diese gemeinsam mit der konservativen PAN-Regierung Jaliscos am Bau des umstrittenen Arcediano-Staudamms fest. Geplant ist das Flusswasser zunächst zu reinigen und anschließend zu stauen, um die Stadt mit Trinkwasser zu versorgen (siehe LN 399/400). So bestätigt die nationale Wasserkommission Conagua in einem Antwortschreiben auf eine Briefaktion der Nichtregierungsorganisation FIAN, diverse Aktivitäten hinsichtlich der Kontrolle und Reinigung der Abwässer geplant und begonnen zu haben. Anlässlich des Todes von Miguel Ángel stellte jedoch die Menschenrechtskommission Jaliscos fest, dass bisher keine der involvierten Behörden eine adäquate Antwort darauf gegeben hätte, wie das schwerwiegende Verschmutzungsproblem zu lösen wäre. Auch lokale Nichtregierungsorganisationen kritisierten in einem Maßnahmenkatalog Anfang März, das von CEA geplante Programm zur Abwasserreinigung sei unzureichend und berücksichtige lediglich Schmutzwasser der Stadt und einiger weniger Industrien. Sie verlangten neben der vollständigen Überwachung der Abwassereinleitung und Sanktionen für Unternehmen, die gegen die derzeitige Norm verstoßen, auch eine Novellierung bisheriger Umweltgesetze, die bis dato nicht alle kontaminierenden Stoffe berücksichtigen. Im Zusammenhang mit dem geplanten Arcediano-Staudamm forderte ein Zusammenschluss zivilgesellschaftlicher Organisationen mit dem in Guadalajara ansässigen Mexikanischen Institut für Gemeindeentwicklung (IMDEC) auf lokaler, regionaler nationaler und internationaler Ebene den sofortigen Baustopp des Projekts. Der Bau hat jedoch längst begonnen, während die Regierung verlautbaren ließ, noch in diesem Jahr mit dem ursprünglich für 2006 vorgesehenen Bau einer Kläranlage zu beginnen. Auch hat das Gesundheitsministerium Jaliscos nach mehreren Wochen Verzögerung begonnen, Urinproben von Kindern und nicht erwerbstätigen Müttern zu nehmen, um sie auf Schwermetalle zu prüfen. Dies ist zwar ein wichtiger Schritt, um gesundheitliche Folgen der Umweltverschmutzung der BewohnerInnen El Saltos und Juanacatláns zu untersuchen, allerdings unterliegt diese Untersuchung keiner unabhängigen Überprüfung, so dass über die Qualität der Ergebnisse keine Aussagen getroffen werden können. KritikerInnen des Staudammprojektes gehen davon aus, dass eine Manipulation der Ergebnisse auch dazu führen könne, gesundheitliche Risiken auszuschließen und damit schlussendlich den Bau des Staudamms zu legitimieren.
Immerhin hat die Kontamination des Santiago nun auch auf nationaler Ebene Aufmerksamkeit erregt. Eine Delegation von SenatorInnen bemerkte nach einem Besuch in den betroffenen Gemeinden Anfang März das Ausmaß der Verschmutzung und die Gefährdung der Bevölkerung und bemängelte die Versäumnisse der zuständigen Behörden. Vorgesehen ist nun eine Kommission der beiden Kongresskammern aufzustellen, um die Problematik der Flusskontamination durch die Industrie zu untersuchen.
Somit hat der tragische Tod des kleinen Miguel Ángel auch Prozesse angestoßen, die neue Hoffnungen wecken oder, wie man in Mexiko sagen würde, „no hay mal que por bien no venga“– es gibt kein Übel, das nicht auch zu etwas Gutem taugt. Den Kindern in Juanacatlán und El Salto, die noch immer den Gasen des Río Santiago ausgeliefert sind und den Müttern leukämiekranker Säuglinge wünscht man es. Ebenso all den neuen BewohnerInnen der Siedlung. Und zumindest das Immobiliengeschäft am Fluss floriert.

Sternenspucke in der Rupununi

Tage später zieht ein Sturm auf über Lethem, von einer Art, wie ihn noch keiner der Dorfbewohner so knapp über dem Äquator erlebt hat: Terry* Melville sitzt unter seinem Palmdach, zwei der fingernagelgroßen Hagelkörner lutschend, die zu Millionen so plötzlich vom Himmel gekommen sind; die Kinder aber, die nicht wissen, was Eis ist, lauschen von den dunkelsten Ecken des Adobehauses aus Angst geschüttelt auf das anbrandende Trommeln der weißen Kristalle. Terry schnalzt mit der Zunge und isst zwei weitere Eisstücke.
Die Rupununi – das sind zwei in sich geschlossene Savannengebiete im Südwesten Guyanas, zusammen fast so groß wie Schleswig-Holstein, voneinander getrennt durch das abrupt aufsteigende, schroffe Bergmassiv der Kanukus. Dieser von dichtem Dschungel bedeckte Gebirgszug wird seinerseits durchschnitten vom Rupununi River. In den nördlichen Savannen leben die Makushi, in den Südsavannen die Wapishana – ein fast vergessener Stammeskrieg, so sagt man, hat die Völker irgendwann entzweit. Lethem, der einzige größere Ort der Region, benannt nach einem englischen Kolonialbeamten, liegt strategisch günstig westlich der Kanukus und östlich des an Brasilien grenzenden Flusses Río Takutu auf einem schmalen Savannenstreifen, der beide Hälften der Rupununi miteinander verbindet.
Bis auf den erst 1991 geöffneten „Trail“ zwischen Lethem und Georgetown, auf welchem die Fahrt in den ersten Jahren eine Woche dauerte und nur in Bedford Trucks gemeistert wurde, durchschneiden keine Straßen die Savanne, lediglich die Spuren weniger motorisierter Fahrzeuge, die – chronisch unterversorgt mit Benzin – Ranchs und Dörfer versorgen. Die zersiedelten Dörfer der Amerindians – allesamt wegen der saisonalen Überschwemmungen auf Anhöhen errichtet – haben klangvolle Namen, heißen Morurawanao (Hügel des Riesengürteltieres), Patarina (Hügel der Großen Farine-Pfanne) oder Shea (Geschwollener Rücken). Sämtliche Hütten bestehen aus verflochtenem, mit ockerfarbenem Lehm verkleidetem Astwerk oder Lehmziegeln und tragen steile Dächer aus Palmwedeln. Küche und Schlafgemach sind in separaten Hütten untergebracht. Wie Spinnweben führen schmale Trampelpfade von jeder Behausung sternförmig zu Wasserstelle, Plumpsklo, Gemüsegarten, Jagdgrund, dorfeigenem Fußball- und Cricketplatz.
Die 15.000 Rupununi-BewohnerInnen leben von Fischfang und Jagd, sammeln proteinreiche Insektenlarven aus faulenden Palmstämmen, bauen auf kleinen Waldlichtungen Maniok an, ernten Mangos, Cashews und Erdnüsse, halten Hühner und teilweise sogar Schweine und Rinder. Besonders zu schätzen wissen sie Farine (in der Pfanne geröstetes, stärkehaltiges Maniokmehl) und Tasso (pulverisiertes, sonnengetrocknetes Fleisch) – über Monate haltbarer Proviant, der – mit Zucker und Wasser gemixt – einen nahrhaften Brei ergibt. Auf ihren legendären Trinkorgien füllen die Amerindians sich mit Parakari – selbstgemachtem Maniokwein – ab.
Geld ist in der Rupununi fast so rar wie Hagel. Man kann es nur im Gebiet um Lethem verdienen, wo es ein Postbüro, eine Krankenstation, ein Schlachthaus, eine Sekundärschule und ein paar Läden gibt, als Goldgräber in den angrenzenden Bergregionen oder als vaqueiro einer der wenigen großen Rinderfarmen. Kein Wunder, dass es die meisten Jugendlichen nach Brasilien drängt: Dort gibt es modernes Leben, Elektrizität, Straßen, Diskos, in denen Forró gespielt wird, tolle Klamotten, käufliche Frauen, Drogen – doch wird Land nicht so einfach vergeben wie in Guyana, und so kehren viele geläutert zurück in ihr altes Heimatdorf.
Terry Melville geht nicht gern in Diskos. Überhaupt sind ihm Menschenansammlungen über fünf Personen zuwider. Nur einmal im Jahr, beim großen Oster-Rodeo von Lethem, mischt er sich unters Volk, um die ungezähmten Pferde von der Pirara-Ranch, die wilden Milchkühe von der Manari-Ranch und die vor Kraft strotzenden Stiere von der Dadanawa-Ranch zu sehen, Brahman-Mischlinge, Limousin, Short Horn, Charolais. Zu den wichtigsten von Preisrichtern überwachten Disziplinen des Rodeos gehören das Reiten auf Bullen und wilden Pferden, das Lasso-Werfen auf Stiere, das Fesseln von Pferden und Kälbern, das Melken wilder Kühe, das Fangen mit Fett eingeriebener Schweine.
„Lethems Rodeo ist nicht mehr, was es mal war“, seufzt Terry. In der Tat genießt es mittlerweile überregionale Bekanntheit und hat sogar Ölgesellschaften als Sponsoren, die ein Auge auf die unausgebeutete Region geworfen haben. Nicht nur die bannahs – die Kumpels – aus der Rupununi, sondern viele BrasilianerInnen und so genannte coastlanders, indisch- und afrikanischstämmige KüstenbewohnerInnen Guyanas, reisen eigens nach Lethem, um während der zwei, drei Tage des Rodeos bei bassschwerem Reggae zu feiern, zu saufen, Geschäfte zu schließen. Die plötzliche Anwesenheit so vieler Fremder verunsichert die zurückhaltenden Rupununi-BewohnerInnen, denen ihre Abgeschiedenheit vom Rest der Welt sehr am Herzen liegt. Während des Rodeos kommt es überall verstärkt zu cow rustling, einem von alters her praktizierten „Volkssport“: Rinder werden von den schlecht bewachten Naturweiden gestohlen und nach Brasilien geschmuggelt. Wer sich dabei erwischen lässt, braucht nicht mit Milde zu rechnen: Kuhdiebe kriegen eine Kugel durch die Brust.
„Früher“, erinnert sich Terry wehmütig, „versammelten sich alle vaqueiros der Rupununi zu den legendären Round-ups, mal in Imprenza, wo ich geboren wurde und aufwuchs, mal sonst wo auf einer Ranch, wann immer dort Rinder gezählt, gebrandmarkt, kastriert und Pferde zugeritten werden sollten. Das war stets ein Ereignis; alle bannahs halfen, dann wurde für sie eine Kuh geschlachtet, und es gab einen Festschmaus. Kaum ausgenüchtert ging es ab zur nächsten Ranch; die vaqueiros führten ein wildes, unbändiges, freies Leben.“
Die Rupununi – jahrtausendelang war sie nur von Amerindians bewohnt. Ab dem 16. Jahrhundert kursierte in Europa die Legende von El Dorado: Irgendwo im Innern Südamerikas liege ein riesiger See, der Parima oder Amuku, an dessen Ufern sich die goldene Stadt Manoa befinde. Ungezählte Expeditionen rüsteten sich daraufhin, dieses Goldland zu finden und auszubeuten – alle vergebens. Heute geht man davon aus, dass der geheimnisvolle See nichts anderes als die während der Regenzeit überschwemmte Rupununi gewesen sein könne. Und die goldene Stadt – ein Hirngespinst. Auch nach der Kolonisierung Guyanas durch Holländer und Briten blieb die Rupununi für Fremde beinahe unerreichbar: dichte Dschungel verwehrten potenziellen Eindringlingen aus der kultivierten Küstenregion den Durchgang. Und doch gelangten entflohene Sklaven, Gewaltverbrecher, Menschenjäger, Goldschürfer, Forschungsreisende und Missionare bis hierher. Aus Brasilien kamen regelmäßig Menschenhändler, raubten ganze Familien der Amerindians, um sie bei sich zu Hause zu verkaufen, und entvölkerten so ganze Landstriche.
Unter den ersten Weißen, die in der Rupununi siedelten, befand sich Terrys Großvater Harry Pradey Colan Melville, ein schottischer Abenteurer, der noch zu Lebzeiten zur Legende wurde und wie kein zweiter Mensch die Rupununi prägte. Alles begann damit, dass Wapishana-Amerindians ihn, einen todkranken jungen Mann, im Ufergebüsch eines Schwarzwasserbaches entdeckten. Er war dort von seinen Begleitern – Goldsuchern – zum Sterben zurückgelassen worden. Die Wapishana trugen ihn ins Dorf, pflegten ihn, integrierten ihn in ihre Gemeinschaft, gaben ihm sogar zwei Schwestern als Frauen, deren Namen er nicht auszusprechen lernte und die er darum Janet und Mary nannte. Die erste gebar vier, die zweite sechs Kinder, darunter Terrys Vater Charles. Nach missglückten Versuchen, über den reißenden Essequibo River Handelsbeziehungen mit Georgetown aufzubauen, ließ sich Melville erst in Wichabai, dann in Dadanawa nieder, begann ab 1892 mit der Rinderzucht – und gelangte als Fleischlieferant des im Kautschukrausch aufblühenden Manaus zu beträchtlichem Wohlstand. Reichtum bescherte ihm die Idee, in Guyanas Dschungeln Kautschuk zu gewinnen, sowie sein Einfluss auf die Amerindians und die britische Kolonialregierung, die ihn 1911 zum Commissioner und Magistrat der Rupununi ernannt hatte.
Mit seinem Schwiegersohn Ben L. Hart, einem geborenen US-Amerikaner, der die Pirara-Ranch bewirtschaftete, versuchte der alte Melville sein waghalsigstes Unternehmen: eine Bresche zu schlagen in die Urwaldmauer, die ihn von der dicht besiedelten Küste trennte, um auf diesem Weg Rinder in die Schlachthäuser der Kolonie zu treiben. Der oft überwachsene und unpassierbare so genannte Cattle Trail stellte über Jahrzehnte die einzige Überlandverbindung dar und wurde schließlich vom Dschungel zurückerobert.
Der alte Melville war Begründer einer Dynastie, eines Geschlechtes so zahlreich und lebenstüchtig, dass es keine Familie gab, die im Süden Guyanas mehr Macht besaß. Die etwa 5.000 Quadratkilometer große Dadanawa-Ranch übergab er nach dem ersten Weltkrieg den Kolonialbehörden. Sie existiert seitdem als Aktienunternehmen, anfangs noch mit bis zu 40.000 Rindern, heute mit höchstens 4.000. Melvilles Söhne und Töchter übernahmen fast sämtliche anderen Rupununi-Ranchs und sorgten für immensen Nachwuchs. Er selbst aber wurde im Alter von den Gespenstern seiner Vergangenheit eingeholt, brach mit allem, was ihn mit der Rupununi verband, reiste nach Schottland, heiratete eine Schottin und starb dort kurz darauf, im Jahre 1927.
Terrys Vater Charles Melville, der die Imprenza-Ranch führte, nahm sich zunächst Mamai Maria zur Frau, eine der letzten überlebenden Atorad-Amerindians, und zeugte mit ihr fünf Kinder. Dann heiratete er eine walisischstämmige Arawak, die ihm weitere Kinder schenkte – darunter: Terry, der seinen englischen Tee schlürft, der den Sternenhimmel jede Nacht nach Satelliten absucht, der es genießt, stundenlang den Blattschneiderameisen zuzuschauen, der Brahman-Rinder und Phoenix-101-Bullen liebt, der nichts, aber auch gar nichts hält von der „Giraffenbrut“ – das heißt den Kühen mit den langen Beinen: Die haben nämlich zu wenig Fleisch, und von der Unruhe, die die ungeliebten Coastlanders in die Rupununi tragen, seit der „Trail“ nach Georgetown eröffnet wurde: „Der hat die Rupununi auf ewig verdorben!“
Terrys Mutter Edwina verstand es, die Zukunft aus dem Teesatz zu lesen. Sie sagte voraus, ob ein Mann nicht vom Balata-Sammeln zurückkehren, das Vieh von Vampiren bedroht, der Regen ausbleiben, eine Frau Zwillinge gebären, deren zukünftiger Ehemann Trinker werden würde. Was sie nicht voraussagte, war die harte Zeit des Exils, die den Melvilles bevorstehen sollte.
Am 2. Januar 1969 – gerade haben Staatschef Forbes Burnham und seine afro-guyanisch dominierte sozialistische Partei dank dreister Manipulationen die politischen Wahlen im seit kurzen unabhängigen Guyana gewonnen – stürmen Gruppen schwer bewaffneter Männer in einer von Pirara ausgehenden Blitzattacke Lethems Polizeistation und die Außenposten Annai und Good Hope. Die Angreifer – später wird die Regierung sie „Terroristen“ nennen – sind sämtlich Mitglieder der Hart- und Melville-Familien beziehungsweise deren Angestellte. Sie haben Bazookas und Maschinengewehre bei sich, töten fünf der zwölf in Lethem anwesenden Polizisten, legen, noch bevor Nachricht nach Georgetown gegeben werden kann, die Funkstation lahm, jagen schließlich das Gebäude in die Luft. Der District Commissioner der Rupununi, seine Frau und andere Beamte werden ins Schlachthaus gesperrt. Vorsorglich blockieren die Rebellen sämtliche Landepisten der Umgebung – bis auf Manari. Dennoch gelingt es einem kleinen Flugzeug, nach Georgetown durchzubrechen und dort die Nachricht vom „Rupununi Uprising“ zu verbreiten. Sofort fliegt ein Armeesonderkommando, ausgerüstet mit Granaten und Flammenwerfern, in die Krisenregion, landet in Manari. Die Soldaten schlagen die Rebellen in die Flucht, verhaften achtundzwanzig von ihnen. Etwa siebzig Rebellen entkommen nach Brasilien und Venezuela, wo sie bereitwillig Asyl erhalten. Sieben Amerindians bleiben tot zurück. Tausende BewohnerInnen der Rupununi sind durch die Ereignisse so verstört, dass sie sich tagelang in den Kanuku-Bergen, den Pakaraimas oder in Brasilien versteckt halten.
Die genauen Hintergründe des Aufstandes sind bis heute nicht völlig geklärt. Sicher ist, dass die Harts und Melvilles ihren eigenen unabhängigen Staat ausrufen wollten. Den beteiligten Amerindians ging es um Landrechte. Sie befürchteten eine staatlich legalisierte Invasion ihrer Stammesgebiete durch die westindische Küstenbevölkerung. Kurz vor Weihnachten 1968 hatte es eine Lagebesprechung der Rancher gegeben. Über die Feiertage waren einige von ihnen in ihrer Privatmaschine von Pirara nach Venezuela geflogen, wo sie eine Woche im Gebrauch moderner Waffen ausgebildet wurden, bevor sie am Neujahrstag zurückkehrten – mit schwerem Gepäck. Unter den aktiv Beteiligten waren auch Söhne von Charles Melville und Mamai Maria.
Terry war damals 17 Jahre alt. Wie alle übrigen Familienmitglieder musste er seine Rupununi verlassen und ins brasilianische Exil gehen, und es sollten fünf Jahre verstreichen, bis er seine Heimat wieder sah. Viele Melvilles der älteren Generation sahen sie nie mehr. Die Glanzzeit der großen Rancher-Familien war vorüber.
Das Talglicht flackert. Terry schlürft seinen Tee, und in sein Schlürfen mischen sich die Schreie der Eulen und fernes Aufheulen eines Hundes. Terry ohne englischen Tee, das wäre fast so schlimm wie Terry ohne seine Rupununi.
„Vor einigen Jahren“, erzählt Terry, „ kamen ein paar Verwandte aus Georgetown auf Besuch, mit denen war ich bei Pirara fischen. Auf dem nächtlichen Weg zurück hatten wir mehrere Hügel zu überqueren, von denen man einen weiten Ausblick hat. Auf dem ersten Hügel sagten die bannahs zueinander: ‚Schau, die Lichter da hinten am Horizont – das ist Lethem!’ Ich daraufhin: ‚Entschuldigung, bannahs, das ist nicht Lethem, sondern Bonfim!’ Beim nächsten Hügel sahen sie wieder Lichter in der Ferne und riefen: ‚Schau, Lethem!’ Und ich: ‚Tut mir leid, bannahs, das ist nicht Lethem, sondern ein Savannenbrand!’ Sie sahen mich irritiert an. Ich: ‚Bannahs, seht ihr die dunkle Stelle zwischen dem Buschfeuer und Bonfim? Das ist Lethem!’“ So war es. In der ganzen Rupununi gab es bis 1999 keinen elektrischen Strom. Mit den Ranchern war auch die Chance auf Fortschritt jahrzehntelang verschwunden. Lethems benzinbetriebener Generator funktionierte nur wenige Stunden pro Tag. Erst der mit chinesischer Hilfe errichtete kleine Staudamm am Moco-Moco Creek erlaubte eine regelmäßige Energieversorgung Lethems und der umliegenden Siedlungen – doch schon seit Jahren sind die Generatoren mangels ausreichender Wartung nicht mehr in Betrieb.
Weitere Entwicklungsprojekte sind im Gange: Binnen kurzem soll eine Brücke über den Río Takutu, die Guyana und Brasilien miteinander verbindet, fertig gestellt werden. Dann wird Lethem endgültig aus seinem Dornröschenschlaf erwachen.
Sektenmissionare dringen inzwischen bis in entlegenste Teile der Savannen vor, WissenschaftlerInnen horchen im Auftrag der Pharmaindustrie die Amerindians aus. Wen wundert es da, dass manche Tuschaus (Häuptlinge) Fremde ohne Genehmigung nicht in ihren Dörfern dulden und sofort verjagen? Terry will umziehen, weg aus der Umgebung von Lethem, dem Fortschritt entgehen, ungestört sein in seiner Rupununi. Doch längst schon ist sie nicht mehr wirklich „seine“ Rupununi: Bereits 1998 erhielt Vannessa Ventures Ltd., ein kanadisches Bergbauunternehmen, vom guyanischen Staat Explorationsrechte für ein riesiges Gebiet, in dem Gold und Diamanten in großen Mengen vermutet werden. Teil dieses Gebietes ist die Rupununi. Die Suche nach El Dorado geht also weiter. Mittlerweile hat Vannessa Ventures mit der Ausbeutung der Bodenschätze begonnen.
Die Hunde heulen die ganze Nacht. Am nächsten Morgen perlt kühler Tau von den Gräsern der Savanne: Speichel der Sterne – so nennen ihn die Makushi in ihrer Sprache. „Sammle schon mal Feuerholz!“, ruft Terry seiner Frau Paulette* zu, um sich Mut zu machen, denn er möchte die Fischfalle kontrollieren, die er am Vorabend im Moco-Moco Creek gebaut hat. Er hofft auf einen reichen Fang: Ein Nachbar will gestern am Oberlauf des Baches Kutis und Yakatus gesehen haben. So eine Nachricht verbreitet sich schnell. Terry lacht Paulette an: „Hast du auch genug Salz für die Fische?“ Er spannt seine Brust und bahnt sich den Weg durch das Ufergebüsch am schwarzen Bach. Er weiß, seine Frau schaut ihm nach – stolz.
Doch die Fischfalle ist leer.

* Vornamen geändert

Viel Beton für Amazonien

Der Widerstand gegen das am Xingu Fluss geplante letzte große Staudammprojekt in Amazonien war 1990 aufgrund nationaler und internationaler Proteste noch erfolgreich. Damals gab Gordon Matthew Sumner alias Sting dem Protest noch seine Stimme. Jetzt jedoch dominieren die Stimmen der feiernden Staudammlobby. „Ich werde ’ne ganze Menge Champagnerflaschen köpfen, denn nun tritt Brasilien in eine neue Phase der wettbewerbsfähigen Energie ein”, jubelt Mauricio Tolmasquim, Chef der Energieplanungsbehörde EPE. Und Tolmasquim hat nicht Unrecht, wenn er feststellt: „Diese Versteigerung ist ein historisches Datum, weil sie ein Signal ist, dass Brasilien nicht die Tür für sein Wasserkraftpotenzial in Amazonien geschlossen hat.“
Soziale Bewegungen hatten es am Morgen des 10. Dezember noch geschafft durch Proteste und eine Gebäudebesetzung den Beginn der Versteigerung hinauszuzögern. Nach dem brutalen Einsatz und der Räumung durch eine Spezialeinheit der Polizei ging dann alles ganz schnell. Die Lizenz für Santo Antônio mit einer Leistung von 3.150 Megawatt (MW) ersteigerte das von dem staatlichen Energieversorger Furnas und der Baufirma Odebrecht angeführte Konsortium. Der angebotene günstigste Lieferpreis für die zu produzierende Energie garantierte den Erfolg. Damit sind zunächst alle Versuche das Staudammprojekt zu stoppen, gescheitert. Es gab zwar eine Reihe von regionalen Protesten und Aktionen – aber für eine große nationale oder gar internationale Kampagne hat es nicht gereicht. Zur sehr hat wohl das propagandistische Feuerwerk der Regierung gewirkt, dass der Bau neuer Großstaudämme unvermeidlich sei, um die Energiesicherheit des Landes zu garantieren. Das Comeback der Staudämme wird durch die Klimadebatte begünstigt, die Wasserkraft – ebenso wie Atomenergie – als saubere Energie einstuft, weil sie wenig Kohlendioxid freisetzt.
Die Kosten für den Staudammbau veranschlagt das ausführende Konsortium auf etwa sechs Milliarden US-Dollar. Im Mai 2008 soll der zweite Staudamm am Rio Madeira (Jirau), dem größten Zufluss des Amazonas, versteigert werden, mit einer etwas höheren Leistung von 3.300 MW. Damit kommt das Programm zur Beschleunigung des Wachstums (PAC) in Amazonien in Fahrt. Der Staudamm am Rio Madeira ist das bisher größte Einzelprojekt des PAC und repräsentiert perfekt die Philosophie des Programms: 49 Prozent beträgt die Beteiligung staatlicher Firmen (Furnas und Cemig) am Konsortium, der größte Teil der Finanzierung wird durch die staatliche Entwicklungsbank BNDES garantiert, den Rest besorgt die am Konsortium beteiligte spanische Banco Santander. Diese enge Verbindung zwischen Privat- und öffentlichem Sektor zugunsten einer offensiven Wachstumspolitik soll das Markenzeichen der zweiten Regierung Lula werden.
Zwar versuchen Betreiber und Regierung die Staudämme am Rio Madeira als eine neue Generation mit geringeren Umweltschäden zu verkaufen, aber die Probleme sind doch die altbekannten: Umsiedlung von Menschen, Überschwemmung von Regenwald, Einfluss auf Gebiete indigener Bevölkerung, schwerwiegende Schädigung des Flussökosystems und ein unkontrollierbarer Siedlungs- und Wachstumsschub für die Region. Erste Zahlen für die Saison 2007/08 zeigen bereits jetzt ein exorbitantes Ansteigen der Entwaldungsraten im Bundesstaat Rondonia. Die landwirtschaftliche „Entwicklung“ der Region zählt zu den ausdrücklichen Zielen des Staudammprojekts. Alle bisherigen Erfahrungen lehren, dass dies vor allem die Ausweitung des Anbaus von Monokulturen wie Soja sowie der Viehzucht bedeutet.
Diese Konsequenzen sind von UmweltschützerInnen und sozialen Bewegungen dargestellt worden. Der Erfolg blieb bescheiden. Zu stark ist ein großer „Wachstumsblock“, der fast schon wie eine Einheitsfront für Wachstum fungiert und aus einem Bündnis von UnternehmerInnen, Regierung, Mehrheit der Gewerkschaften und vielen linken Kräften besteht, die in der wachstumsorientierten Regierungspolitik die Überwindung des „neoliberalen Modells“ sehen.
Dennoch geben sich die KritikerInnen noch nicht ganz geschlagen. Die Versteigerung erfolgte (wie üblich) auf der Basis einer „vorläufigen Umweltlizenz“. Damit können noch neue Aspekte in das Genehmigungsverfahren eingebracht werden, und es besteht auch weiterhin die Möglichkeit, juristisch gegen das Projekt vorzugehen. Aber angesichts der Macht des Faktischen werden diese Handlungsspielräume wohl allenfalls das Vorhaben verzögern. Es besteht auch noch die Hoffnung, dass Bolivien auf die brasilianische Regierung Druck ausüben könnte, denn die Auswirkungen auf das Nachbarland sind im bisherigen Genehmigungsverfahren systematisch unterschlagen worden. Proteste der Regierung und der sozialen Bewegungen Boliviens waren die Folge, die bisher allerdings von brasilianischer Seite ignoriert wurden.
Die brasilianische Regierung hat wiederum Recht, wenn sie die erfolgreiche Versteigerung als Epochenwende für Amazonien bezeichnet. Denn Santo Antônio ist nur der Anfang. Jetzt werden mit neuem Schwung auch andere Staudammprojekte angegangen, allen voran Belo Monte am Xingu Fluss, das mit einer Leistung von 11.000 MW das mit Abstand größte der geplanten Wasserkraftwerke ist. Belo Monte soll 2010 versteigert werden ebenso wie Marabá (Rio Tocantins, 2.160 MW) und São Luis (Rio Tapajós, 9.000 MW). In den nächsten drei Jahren werden zudem weitere Projekte für Amazonien vorbereitet, die 43.360 MW produzieren sollen, was der Leistung von etwa 56 Atomkraftwerken vom Typus des zusätzlich geplanten Meilers Angra 3 entspricht. Dieser schier unvorstellbare Gigantismus hat durch die Versteigerung von Santo Antônio die Dimension einer realen Drohung erhalten.
Die Regierung Lula zeigt aber nicht nur in der Staudammfrage einen fatalen Hang zu „big is beautiful“. Die Ausweitung der Monokulturen für Agrar­treibstoffe, grünes Licht für das Atomkraftwerk Angra 3, der Beginn der Arbeiten zur Umleitung des Rio São Francisco – alles folgt derselben Logik einer bedingungslosen Wachstumspolitik, die auf Großprojekte setzt und lokale Ansätze genauso ignoriert wie Umweltaspekte. Ironischerweise nutzt aber die Regierung die globale Klimafrage als Rechtfertigung für diese Ansätze. Das Beispiel Brasilien zeigt, dass die Reduzierung der globalen Umweltkrise auf die Minderung von CO2-Emissionen fatale Konsequenzen haben kann.

Mehr Informationen unter www.irn.org

Wasser für Guadalajara – Zu welchem Preis?

Am Morgen des 20. Juni stürmen Angestellte der Regierung Jaliscos das Grundstück von Guadalupe Lara. Es ist das einzig verbliebene Haus eines ehemaligen Dorfes inmitten eines sattgrünen Flusstals am Rande der Metropole Guadalajaras. Als letzte Bewohnerin im unter Naturschutz stehenden Oblatos-Huentitlán-Canyon wurde Guadalupe Lara – kurz Lupita – zum Symbol des lokalen Widerstandes gegen ein gigantisches Staudammprojekt der Regierung. Jahrelang verteidigte sie das Recht auf Gesundheit und sauberes Trinkwasser für die mehr als vier Millionen EinwohnerInnen Guadalajaras. Jene illegale Enteignung von Lupitas Grundstück, das eigentlich unter dem Schutz zweier Dekrete des Bundesgerichtshofs steht, soll den Weg frei machen für den Bau des Arcediano-Staudamms.
Das seit 2003 geplante und höchst umstrittene Megaprojekt soll allen Kritiken und fehlenden Studien zum Trotz die Versorgung der BewohnerInnen Guadalajaras mit Trinkwasser für die nächsten 30 Jahre sichern. Der 125 Meter hohe Damm wird das Wasser des Santiago stauen, um mit einem hohen Energieaufwand 10,4 Kubikmeter Wasser pro Sekunde aus dem Tal des Canyon in die 580 Meter höher gelegene Kläranlage und von dort in das Versorgungsnetz der Stadt zu pumpen.
Dabei ist das Vorhaben, das bereits die früheren BewohnerInnen des Tals zur Umsiedlung zwang, nicht nur von ökologischer Seite höchst umstritten. Hauptsorge sind die gesundheitlichen Risiken, die auf die VerbraucherInnen des hochgradig verschmutzten Flusswassers zukommen könnten. Der Santiago passiert auf den circa 50 Kilometern von seinem Ursprung im Chapalasee bis zur Stadt zahlreiche Industriegebiete und Siedlungen an der Peripherie, deren Abwässer ungeklärt in den Fluss geleitet werden. Bisherige Wasseranalysen, wie beispielsweise von der Environmental Law Alliance (ELAW), bestätigen die Verschmutzung mit hochgiftigen Substanzen und Schwermetallen wie Chrom, Kobalt, Quecksilber, Blei und Arsen, die unter anderem zu Störungen des Nerven- und Reproduktionssystems und Krebs führen können. Ein Film der in Guadalajara ansässigen Nichtregierungsorganisation Instituto Mexicano para el Desarrollo Comunitario (IMDEC) dokumentiert die Auswirkungen in Juanacatlán, einem unmittelbar an den Fluss grenzenden Dorf. Dort liegt die Zahl der an Leukämie erkrankten BewohnerInnen und mit Missbildungen geborenen Säuglingen erschreckend höher als der nationale Durchschnitt.
Noch fehlen technische Studien und Pläne darüber, wie und zu welchem Preis die Qualität des Trinkwassers zur Versorgung der Bevölkerung gesichert und die Ausfilterung sämtlicher Giftstoffe und Schwermetalle durch das Klärwerk über der Schlucht realisiert werden könnte. Öffentlichen Schätzungen zufolge würde das Projekt aber mindestens 300 Mio. US-Dollar kosten.
Ebenso wenig löst das Arcediano-Projekt die Übernutzung des Chapalasees im Süden des Bundesstaates, derweil noch Mexikos größtes Süßwasserreservoir und drittgrößter See Lateinamerikas. Der Chapalasee bildet gemäß Angaben des lokalen Wasserversorgers SIAPA mit einem Anteil von 60 Prozent die Hauptquelle für die Trinkwasserversorgung der tapatíos/as, wie die BewohnerInnen Guadalajaras auch genannt werden. Der stetig sinkende Wasserpegel ist Ursache zahlreicher politischer Konflikte zwischen den insgesamt fünf an den See und das Flusstal Lerma-Chapala angrenzenden Bundesstaaten. Die Vielzahl der Nutzer und die nötige Menge zur Versorgung Guadalajaras sei, laut Salvador Peniche von der Universität Guadalajaras, angesichts der Größe des Sees nicht Ursache des Problems. Allein durch leckende Rohre einer veralteten Infrastruktur gehen schätzungsweise 40 Prozent des Wassers auf dem Weg in die Stadt verloren. Solange diese nicht saniert sind, kann es keine nachhaltige Trinkwasserversorgung geben. Neben der infrastrukturellen Sanierung fordern ExpertInnen wie Arturo Gleason ebenso die Nutzung des Regenwassers. Zwar ist die Regenzeit auf drei Monate im Jahr beschränkt, in dieser kurzen Zeit fällt jedoch eine Wassermenge, die jedes Jahr zahlreiche Überschwemmungen im urbanen Raum verursacht. Das Regenwasser in Guadalajara wird nicht für die weitere Nutzung aufgefangen sondern mit den von der Stadt produzierten Abwässern vermischt.
Auch der Bau des Arcediano-Staudammes wird weder die nachhaltige Trinkwasserversorgung der Stadt sichern, noch das derzeitige Missmanagement im Wassersektor lösen können. Es gibt bereits Kampagnen, die zum Wassersparen aufrufen. Fakt ist jedoch, dass der durchschnittliche Wasserverbrauch in Stadtteilen mit hohem Einkommen bei 250 Liter pro Tag und EinwohnerIn liegt, während in der kontinuierlich wachsenden Peripherie Guadalajaras die Versorgung mit privaten, teilweise auch kommunalen Tanklastern nur unzureichend gewährleistet wird. Die BewohnerInnen dort zahlen einen sehr viel höheren Preis für eine ungleich geringere Menge und fragwürdige Qualität als im Zentrum der Metropole.

Trinkwasser ist knapp – davon betroffen ist nicht nur Guadalajara im Zentrum Mexikos, sondern viele andere Städte in wasserarmen Regionen einkommensschwacher Bundesstaaten, vor allem des Südens. Doch liegt die Ursache dafür nur bedingt an mangelnden Ressourcen, als vielmehr an einem ineffizienten bis korrupten Wassermanagement, wie das Beispiel Guadalajaras zeigt. Die UN-Millenniumsentwicklungsziele sehen die Halbierung der Zahl der Menschen ohne Wasserversorgung und Abwasserentsorgung bis 2015 vor. Ein Ziel, das nur gemeinsam mit AkteurInnen aus Politik, Wissenschaft und Zivilgesellschaft erreicht werden kann. Einige Schritte in diese Richtung sind bereits getan. So wurde das Projekt 2006 als Fall des lateinamerikanischen Wassertribunals, einer Parallelveranstaltung zum vierten Weltwasserforum in Mexiko-Stadt, aufgenommen. Dort wurden auch Forderungen nach einem sofortigen Planungsstopp laut, solange keine Studie zu gesundheitlichen Risiken vorliege. Der Baubeginn wurde mittlerweile auf Anfang 2008 verschoben. Aktuell schaltete sich das Tribunal im Juli als Vermittlungsinstanz der Gespräche zwischen Nichtregierungsorganisationen und der lokalen Regierung ein. Ende August schließlich hat sich die Wasserkommission hinsichtlich einiger Forderungen von Seiten der Panamerikanischen Gesundheitsbehörde – darunter eine Studie über kontaminierende Substanzen im Santiagofluss und deren Kontrolle sowie eine entsprechend technische Planung des Klärwerks – kooperationsbereit gezeigt. Mit der illegalen Enteignung von Lupitas Grundstück im für den Staudamm vorgesehenen Baugebiet scheint das von lokaler Regierung und CEA favorisierte Megaprojekt noch nicht die letzte Hürde genommen.

Wer gegen den Arcediano-Damm aktiv werden möchte, schreibt auf englisch oder spanisch an agua@imdec.org

Wasser statt Gold

Die Trauben sind süß und aromatisch, aber ein bisschen staubig. German Jofré, 78, spült sie in dem kleinen Bewässerungskanal ab, der über sein Grundstück fließt. Das Wasser kommt aus den Gletschern in den nordchilenischen Anden und fließt durch eine der schmalsten Stellen des Landes nach etwa 100 Kilometern ins Meer. Dabei durchquert es die Atacamawüste und macht aus dem Huascotal, in dem German Jofré in dem kleinen Ort Alto del Carmen Obst und Gemüse anbaut, eine Oase. Doch Jofré macht sich Sorgen, dass auf seinem Grundstück bald keine Trauben mehr wachsen und das Wasser vergiftet sein wird. Denn oberhalb des Tals, in dem Jofré lebt, will das transnationale kanadische Bergbauunternehmen Barrick ab 2010 im großen Stil Gold abbauen (siehe LN 390).
„Keine Sorge“, sagt trotz alledem die Direktorin der Umweltbehörde CONAMA, Ana Lya Uriarte. „Barrick ist gesetzlich verpflichtet, kein Wasser zu verschmutzen. Und die CONAMA wird dafür sorgen, dass die Auflagen eingehalten werden.“
Keine Sorge, sagen auch Vertreter von Barrick und der Bergbaulobby. Weil die chilenische Umweltbehörde ihr Okay gegeben hat, könne man sich darauf verlassen, dass strengste Sicherheitsvorkehrungen eingehalten werden. Barrick werde sich an diese Auflagen halten, versichert Unternehmenssprecher Vincent Borg. Es sei auch nicht zu befürchten, dass das Flusswasser verseucht werde, da man jeden Tropfen in einem geschlossenen System wiederverwenden wolle.
Das hält Cristian Andrade, Biologe mit Spezialgebiet Wasser, allerdings für Unsinn. Er hat schon zahlreiche Bergbauunternehmen in Umweltfragen beraten. „Es ist unmöglich, das Wasser im Pascua Lama-Projekt zu recyceln“, meint er. Denn Pascua Lama liege auf 5.000 Meter Höhe und die Flüsse stürzten in nur 100 Kilometern bis auf Meereshöhe. Eine Kraft, die nicht zu kontrollieren sei. „Da müsste man schon die ganzen Anden mit Plastik auskleiden“, so Andrade. Seiner Ansicht nach hat die Umweltbehörde weder die Kapazitäten noch den politischen Willen, die Umweltschäden zu beurteilen.

Verteidigung des Tals

Auch viele BewohnerInnen des Huascotals wollen sich nicht auf den Schutz des Staates verlassen. Unterstützung bekommen sie von UmweltaktivistInnen aus der Hauptstadt Santiago de Chile. Drei Stunden flussaufwärts von German Jofrés kleinem Bewässerungskanal haben sie sich für ein Wochenende in dem Dörfchen Conay getroffen, um Aktionen gegen den Goldtagebau zu planen. Neben ihrem Zeltlager plätschert der Fluss, am Ufer wächst Schilf. Etwa zehn Meter dahinter erheben sich die steinigen Berge. Um zu baden, bauen die AktivistInnen einen kleinen Staudamm. Eine von ihnen ist die 25-jährige Carolina Sandóval. Sie studiert in der Hauptstadt und arbeitet in einer Initiative, die Mikroökonomie im Tal stärken will: Ökotourismus, Tauschhandel, Export von biologisch angebauten Früchten. „Wir wollen den Menschen im Tal Mut machen“, sagt sie. Denn viele BewohnerInnen wüssten noch gar nicht, was die Mine für Konsequenzen haben kann. Oder sie seien Opfer der Propaganda von der Firma Barrick, die Arbeit und Wohlstand verspricht.
Das Umweltcamp in Conay endete mit 48 Festnahmen. Die AktivistInnen hatten eine Straße blockiert. Die Polizei löste das Lager gewaltsam auf und nahm die AnführerInnen der Protestierenden fest. Von drei Uhr nachmittags bis ein Uhr nachts saßen sie im Gefängnis, dann ließ man sie frei.

Wasser von „woanders“

Von einem „Haufen Vorteile gegenüber einigen kleinen Nachteilen“ spricht Javier Cox von der Bergbauvereinigung Chiles, die 17 Bergbaufirmen repräsentiert. Auch er ist aus Santiago. In dem gediegenen Bezirk Las Condes sitzt er im siebten Stock eines silbernen Hochhauses in einem mit schwarzen Ledersofas eingerichteten Konferenzraum und lässt Tee servieren. Die Mehrheit sei für das Bergbauprojekt, davon ist Cox überzeugt. Nur habe das Thema der Gletscher die Aufmerksamkeit von Medien und Öffentlichkeit auf die Minderheit gelenkt, die dagegen ist. Die Gründe dieser Minderheit kann er sich schon denken: Sorge um die Wasserversorgung. „Dabei wird die Mine sogar Wasser produzieren!“, meint er. Denn Barrick habe versprochen, in die Bewässerungssysteme der landwirtschaftlichen Betriebe zu investieren, um sie effizienter zu machen. So werde jeglicher Schaden kompensiert, so Cox. Und falls doch Wasser vergiftet werde, dann nehme man es eben „anderswoher“. Wo dieses anderswoher in einer Wüstenlandschaft, deren einzige Wasserquelle eben jene Flüsse sind, die Barrick bedroht, und in der es seit vier Jahren nicht geregnet hat, liegen soll, kann er auch nicht sagen. Statt dessen betont er, dass die Mine das Tal schließlich in jeder Hinsicht entwickeln und so Arbeitsplätze in Tourismus und Landwirtschaft schaffen werde.
Diese Entwicklung und die Jobs, die das Projekt mit sich bringt, seien unbedingt notwendig, meint auch Juan Santana. Er ist Bürgermeister von Vallenar, etwa eine Stunde flussabwärts von Jofrés Feld. In Vallenar ist der Fluss ein schmales Rinnsal in einem breiten Bett, über das die Autobahnbrücke führt. Die Stadt ist bedeckt vom Staub der sie umgebenden Berge.
Barrick habe sich verpflichtet, durch eine Stiftung soziale Projekte zu finanzieren. Was das Wasser angeht, seien ihm die Hände gebunden, so Santana, denn in Chile sei das Wasser privatisiert. Dabei erwähnt er jedoch nicht, dass die Kommunen gesetzlich dazu verpflichtet – und damit auch befähigt – sind, wirtschaftliche Aktivitäten auf Umweltverträglichkeit hin zu überprüfen. Das ist im Kommunalgesetz festgelegt und bildet auch die Grundlage für die Umweltstandards, die Chile und Kanada in ihrem Freihandelsvertrag festgelegt haben.
Santana sieht vor allem Sachzwänge: „Die Arbeitslosigkeit ist hier mit 18 Prozent viel höher als im Landesdurchschnitt.“, erklärt er, „deswegen sind wir für jede Investition dankbar.“ Die Landwirtschaft im Huascotal bringe zwar Arbeit, jedoch sei sie schlecht bezahlt und unattraktiv. In der Region arbeitet schon jetzt 60 Prozent der Bevölkerung im Bergbau. Mit gutem Grund, findet Santana: „Die Jugendlichen ziehen es vor, für eine Mine zu arbeiten“, ist er sich sicher, „sie wollen ein Auto haben und vielleicht ein Haus am Meer.“
Ein Auto und ein Haus am Meer sind allerdings für Elba Contreras, 16, völlig unattraktiv. Die Schülerin arbeitet in Alto del Carmen in einem der zwei Restaurants, die der Ort zu bieten hat. Sie kennt sich gut aus mit Gletschern und Flüssen. In der Schule habe sie gelernt, woher das Wasser in ihrem Tal kommt. Und Barrick habe sie und ihre MitschülerInnen eingeladen, den Gletscher und den Ort zu besichtigen, wo das Gold abgebaut werden soll. Sie sollten ihren Eltern die Vorteile der Mine erklären. „Außerdem versprachen sie jeder Familie ein Haus außerhalb des Tals, falls das Wasser verseucht würde“, erzählt sie. Doch in ihrer Klasse seien alle gegen das Pascua Lama-Projekt. „Wir Jugendlichen müssen um unsere Zukunft kämpfen“, ist sie überzeugt. „Vielleicht wird das Projekt für ein paar Jahre Arbeitsplätze schaffen, aber die Verschmutzung ist für immer.“

Besessen vom Wachstumsfetisch

In einer Resulution des Vorstands der regierenden Arbeiterpartei PT nach den Wahlen heißt es: „Wir haben eine linken Wahlkamf gemacht, in Einklang mit unseren Mitgliedern und unser kämpferischen Tradition.“ Maria do Rosario vom linken PT Flügel ist ebenfalls begeistert: „Mit dieser PT, die mit den sozialen Bewegungen verbündet ist, hat Lula die Wahlen gewonnen. Die negativen Handlungen einiger PTistas hatte fast zu seiner Niederlage geführt. Die Parteibasis war stärker, und sie muss nun der PT einen neuen Weg weisen.“
Die sozialen Bewegungen selbst sind nicht ganz so euphorisch, freuen sich aber über den Sieg über die Rechten: „Lula wird nicht unsere Probleme lösen, aber wir besiegen die Rechte. Lula zu wählen bereitet das Vergnügen, den Rechten eine Niederlage zuzufügen, die Bourgeoisie am Boden zu sehen, das hat schon den symbolischen Wert eines Sieges“, versichert João Paulo Rodriguez vom MST.

Mehr vom Alten

Aber nun ist die Begeisterung oder wenigstens Erleichterung der Tage unmittelbar nach den Wahlen verflogen, und schon zeichnet sich ein anderes Bild ab, als es die Linken wünschen können. Lula sieht sich und seinen Kurs bestätigt, es waren nur einige unglücklichen Handlungen von irregeleiteten Genossen, die ihm Schwierigkeiten bereitet haben, meint er. In der Bilanz der Regierung hat sich die Wirtschaftspolitik genauso bewährt wie die Sozialpolitik. Damit wird eher die Perspektive „mehr vom Selben“ als ein Kurswechsel wahrscheinlich. Nur in einem Punkt signalisieren die Erklärungen Lulas und des „harten Kerns“ der Regierungs – PT eine reale Änderung. Die Kritik, dass die Wachstumsraten Brasiliens im internationalen Vergleich lächerlich seien – 2005 wuchs nur Haiti in Lateinamerika weniger als Brasilien! – war eines der wenigen Felder, in der die Opposition punkten konnte. Hier verspricht nun die Regierung tatsächlich einen Kurswechsel.

Wachstum statt Umwelt

Tatsächlich geistert der Wachstumsfetisch durch alle politischen Diskurse. Während die erste Amtzeit Lulas eher durch Stabilitätspolitik plus Sozialprogramme geprägt war, soll nun endlich das „Wachstumsspektakel“, das Lula bereits 2004 versprochen hatte, Wirklichkeit werden. Die Regierung versichert zwar, dass eine wachstumsorientierte Wirtschaftspolitik keineswegs zu Lasten der Stabilitätspolitik gehen soll, aber was das genau heißt, ist unklar. Zweifelsohne hat die Regierung einen gewissen Spielraum, die Hochzinspolitik zu lockern. Den wird sie wohl auch nutzen, aber ob dies reicht, um einen neuen Wachstumsschub zu provozieren, ist fraglich. Denn neben der Hochzinspolitik ist die geringe Anteil der staatlichen Investitionen ein weiteres Entwicklungshemmnis. Der Bundeshaushalt lässt aber wenig Spielraum zu, da fast alle Einnahmen durch Schuldendienst, Erhaltung des Staatsapparates und gesetzlich vorgeschrieben Ausgaben kompromittiert sind. Da die Steuerlast im letzten Jahrzehnt kontinuierlich gestiegen ist, sind weitere Steuererhöhungen politisch nicht durchsetzbar. Die Regierung müsste also irgendwo massiv einsparen, um die staatlichen Investitionen deutlich zu erhöhen. Aber auch dies ist politisch kaum möglich. So spricht alles für die Fortsetzung einer gradualistischen Politik, die die Zinsen vorsichtig senkt und die staatlichen Investitionen leicht anhebt – kaum ein Szenarium für ein Wachstumsspektakel, aber auch nicht für Katastrophen.
Präsidentalamtsministerin Dilma Rouseff hat in der Woche vor den Wahlen angekündigt, die brasilianische Regierung werde unmittelbar nach den Wahlen die Entscheidung treffen,das umstrittene Atomkraftwerk Angra 3 fertig zustellen und sechs (!) weitere kleinere Atomkraftwerke in Auftrag zu geben. Dies sei, so Dilma, ein Zeichen, für die „Wachstumsbesessenheit“ der neuen Regierung. Für ökologische Komponenten der Politik ist jedenfalls nichts Gutes zu erwarten. Die Regierung steht unter Druck, Großprojekte, die bisher in der Planungsphase stecken geblieben sind, nun ernsthaft anzugehen. Dazu gehören in erster Linie der Staudamm am Rio Madeira im Amazonasgebiet und die Umleitung des Rio São Francisco, zwei Mammutprojekte, die von brasilianischen und internationalen Umweltschützern massiv kritisiert werden. Auch wenn viele angekündigte Investitionsvorhaben, die Umweltschützer in den letzten Jahren in Alarmbereitschaft gesetzt haben, wegen Geldmangel nicht umgesetzt wurden lässt die Wachstumsbesessenheit der Lula Regierung für die Umwelt nichts Gutes erwarten.

Schreiben von den ZapatistInnen

Wären wir Politiker, dann würden wir in Hubschraubern herumfliegen und hätten eine gute Presse“, sagte Subcommandante Marcos im Januar in Yucatan. Da hatte er seine Rundreise durch Mexiko im Rahmen der „Anderen Kampagne“ gerade begonnen. Wie der junge Che Guevara hatte er sich auf einem Motorrad am 1. Januar 2006 aus der Autonomen Gemeinde La Garrucha in Chiapas aufgemacht. Bis Juni wird er noch unterwegs sein und in allen Bundesstaaten anhören, was für Probleme die Bevölkerung mit Korruption, Armut und Menschenrechtsverletzungen hat. 20 mexikanische Bundesstaaten hat er auf seiner dreieinhalb Monate andauernden Reise nun schon besucht. Mit Hunderten VertreterInnen von indigenen Organisationen, Bauernverbänden, mit SchülerInnen, StudentInnen und Frauenaktivistinnen hat er gesprochen.

Hofberichterstattung

Die mexikanische Presse verfolgt Marcos Reise durchaus. Immer dabei ist die linke Tageszeitung Jornada, die dazu jeden Tag eine Seite veröffentlicht. Detailliert beschreibt Reporter Hermann Bellinghausen, der schon seit Jahren über den Kampf der ZapatistInnen schreibt, jeden Schritt des Abgesandten, dokumentiert lange Passagen seiner Reden, erwähnt auch, wie viele Kilometer er an einem Tag gereist ist.
Bellinghausen beschränkt seine Berichterstattung auf die Perspektive der ZapatistInnen. „Nur ein Krieg im Südosten Mexikos kann den Staudamm La Parola durchsetzen“, zitierte er Marcos am 17. April. AktivistInnen aus Guerrero berichteten dem Sub von ihrem schwierigen Kampf gegen den ökonomisch wie ökologisch sinnlosen Staudamm, und vom Druck der Regierung, die damit droht, die Armee zu schicken. Am nächsten Tag reagierte Xochil Galvez, Direktorin des Instituts für indigene Angelegenheiten, auf Marcos’ Engagement gegen den Staudamm: Die Mehrheit der BewohnerInnen Guerreros seien für die Umsetzung des Projektes. Diese BefürworterInnen tauchen in Bellinghausens Artikel nicht auf. Zurecht, würde Marcos wohl sagen, denn seiner Ansicht nach spielen die Medien die Probleme um den Staudammbau normalerweise herunter.
Bellinghausens Artikel lesen sich wie zapatistische Hofberichterstattung. Doch sie wirken als Verstärker des wichtigsten Anliegens der „Anderen Kampagne“: Denen, die keiner hört, eine Stimme zu geben. Zugleich findet in der Jornada die lebendigste Debatte um die „Andere Kampagne“ statt. Dabei geht es weniger um ein für und wieder, ein ja oder nein zur Reise der ZapatistInnen, sondern eher um ein: „Ja, das ist nötig” und „Ja, aber.”
Die „Ja, aber”-VertreterInnen beziehen ihre Kritik meist auf den Umgang der Zapatistischen Armee zur Befreiung Mexikos (EZLN) mit der politisch organisierten Linken, also der PRD (Partei der Demokratischen Revolution) und deren Kandidat Andres Manuel Lopez Obrador (AMLO).
Nach dem Prinzip „Die Feinde meiner Feinde sind meine Freunde” entwickelte der argentinisch-mexikanische Philosoph Enrique Dussel, alter Verbündeter der ZapatistInnen, Anfang Januar die Theorie, dass eine Spaltung der Linken in „Andere Kampagne“ auf der einen und „Lopez Obradors Kampagne“ auf der anderen nur der Regierungspartei PAN zu Gute käme. Die beiden linken Bewegungen sollten jedoch zusammenarbeiten, so Dussel: Auf kurze Sicht muss AMLO die Wahlen gewinnen, auf lange Sicht können dann, mit dem PRD-Mann als Präsident, die ZapatistInnen ein besseres Mexiko schaffen. Diese Meinung vertritt auch der Philosoph Luis Villoro, der seinen Artikel Anfang April in der Jornada und auch im konservativen Diario de Yucatan veröffentlichte. In dem Regionalblatt erscheinen neben Debattenbeiträgen regelmäßig Fotokästen, die über Marcos Route und seine Treffen informieren.

Ja, aber

Für Villoro ist eine direkte Demokratie mit rotierenden Ämtern und Volksversammlungen, die auf Konsens basieren, ein Weg, aus Mexiko ein lebenswerteres Land zu machen. Doch wie kommt man dorthin? Laut dem Autor nur über den Weg der repräsentativen Demokratie, sprich, indem AMLO gewählt wird, um dann den ZapatistInnen einen Rahmen zu geben, in dem sie ihre Forderungen durchsetzen können. Die EZLN, so Villoro, rufe jedoch dazu auf, die Wahlen zu verweigern, was nur kontraproduktiv sei.
Marcos betonte dagegen immer wieder, dass die „Andere Kampagne“ mit den Wahlen schlicht nichts zu tun habe, dass jeder wählen könne, was er wolle und alle, die sich der anderen Kampagne angeschlossen haben, würden sowieso so weitermachen, wie bisher.
Diese Haltung findet der Historiker Leonardo Curzio „autistisch.” Ende Februar veröffentlichte er in der großen Tageszeitung Universal einen pessimistischen Kommentar. Keiner der drei Präsidentschaftskandidaten habe den MexikanerInnen Visionen oder Ideen zu bieten. Und die „Andere Kampagne“ sei autistisch, denn „letztlich ist Marcos’ Diskurs reine Bestandsaufnahme und politisch steril, weil er die Willensbildung der PAN und der PRI nicht beeinflusst, und noch viel weniger die der PRD.“ Das klingt nach: „Ja, aber“ – bitte gründet eine neue Partei.

Die Welle bricht

Auf der anderen Seite setzen AutorInnen Hoffnungen in die „Andere Kampagne“, sehen sie als etwas Unvermeidliches. „Die Welle bricht“ betitelte Luis Hernández de Navarro seinen Artikel Mitte Februar in der Jornada. Die Welle ist die „Andere Kampagne“, die immer mehr AnhängerInnen findet und sich Gehör verschafft. Hernández belegt das Interesse an der Reise der ZapatistInnen mit einem Blick auf die Homepage der Jornada:
Der Link zur Aktion der EZLN erhält mehr als doppelt so viele Anfragen wie der zu den offiziellen Präsidentschaftskandidaten. Das Wichtige an der Kampagne der ZapatistInnen und der zahllosen MitstreiterInnen ist für ihn, dass sie denen „von unten“ eine Stimme gibt, sie zu Subjekten macht: „Die Wahlkampagnen fragen sich: Was machen wir mit den Armen? Die „Andere Kampagne“ fragt sich: „Was machen wir mit den Reichen?“

Nixda PRD!

Die „Andere Kampagne“ kann nicht mit der PRD zusammenarbeiten, weil es keine Gemeinsamkeiten gibt, findet Gilberto Lopez y Rivas. Er antwortete damit eine Woche später in der Jornada auf Enrique Dussels „Ja, aber nur mit der PRD.“ In den vergangenen Jahren haben sich PRD und ZapatistInnen immer weiter distanziert, so López. Der völlige Bruch ging mit dem Scheitern des Autonomieabkommens von San Andres 2001 einher. PRD-Angeordnete stimmten damals für eine verwässerte Umsetzung, die den indigenen Gemeinden nicht den Status eines Subjekts öffentlichen Rechts einräumt.
Außerdem, so López weiter, sei die PRD in den letzten Jahren einem „ethischen Verfall“ anheim gefallen, während sich die ZapatistInnen treu blieben und in den autonomen Gemeinden mit ihren „guten Regierungsversammlungen“ ihre Visionen in die Realität umsetzten.
Noch bis Ende Juni wird Marcos – ohne Hubschrauber, mittlerweile aber mit Auto – durch Mexiko reisen und seinen GastgeberInnen zuhören. Was sie ihm erzählen, wird zumindest in der Jornada immer zu lesen sein.

„Es gibt noch Leute, die kämpfen“

1999 sprach man in Chile im Zusammenhang mit den Auseinandersetzungen mit den Mapuche im Süden bei dem Ralco Staudammprojekt (s. LN 342) von „unserem kleinen Chiapas“. Inwieweit kann man diesen Vergleich heute noch anstellen?

Sofía: Damals hat man nichts erreicht. Jetzt ist der Staudamm da und einmal gebaut kann man nichts mehr dagegen machen. Es war eine Demonstration des Widerstands, aber letztendlich haben zwei der fünf Mapuchefrauen, denen das Land gehörte, verkauft und die Front bröckelte.
Ivan: Heute hat jeder Einzelne seinen Besitz oder die Familie ist als Landbesitzer eingetragen. Aber es gibt keinen gemeinschaftlichen Boden mehr.
Raúl: Um es im größeren Zusammenhang zu sehen: Die neue indigene Bewegung begann sich 1997/98 herauszubilden. Es fing im Süden Chiles an, wo man versuchte, Land zurück zu gewinnen. Aufgrund des Vorgehens der Forstfirmen hatten sich die dortigen sozioökonomischen Bedingungen verschlechtert. Und wegen des Aufstandes war die Regierung gezwungen, ihre Politik gegenüber den Indigenen zu überprüfen. Daraufhin wurden verschiedene Kommissionen gegründet, von denen die letzte und wichtigste die „Kommission für Wahrheit und neuen Umgang“ von Präsident Lagos ist.

Gab es eine Fortsetzung des Widerstandes?
Sofía: Es gibt noch Leute, die kämpfen: um die Wälder und gegen Kiefern- und Eukalyptusmonokukturen. Diese schaden dem ökologischen Gleichgewicht, weil der Boden verödet. Das alles ist die Schuld dieser famosen Forstunternehmen, die den Mapuche ihr Land wegnehmen. Die Mapuche kämpfen dafür das Land zurückzubekommen, indem sie ungenutztes Land besetzen. Und dann kommt die Polizei und provoziert. Sie kommen mit Waffen und sogar mit Panzern und fangen an zu schießen. Die Mapuche dagegen haben nur Steine. Sie werden festgenommen und eingesperrt. Selbst das Obersten Gericht Chiles nennt uns Terroristen.

Wann war das?
Sofía: Das war 2002/03. Sie haben uns als Terroristen bezeichnet, die ihr Land wieder haben wollen (s. LN 335). Noch heute gibt es Mapuche, die im Gefängnis oder auf der Flucht sind (s. Kasten).

Wie hat sich die Situation der Indigenen in den letzten Jahrzehnten verändert?
Sofía: Auch unter Allende gab es Marginalisierung, aber man konnte Fortschritte für den Landbesitz der Mapuche sehen. Es gab Besetzungen. Unter Pinochet wurde uns dann wieder Land weggenommen. Seit dem Ende der Diktatur gibt es wieder ein wenig mehr Freiheiten und eine Wiederbelebung der Mapuche-Kultur. Sie suchen Räume – ihre Identität.
Raúl: Um die Diktatur zu überwinden haben die Indigenen damals dem Mitte-Links Regierungsbündnis die Hand gereicht. Man hat dem Demokratisierungsprozess den Rücken gestärkt und versucht, über die institutionellen Wege die Forderungen zu kanalisieren. Am 1.Dezember 1989 – als die Demokratie wiedererlangt war – kam es dann zum „Acto de Nueva Imperial“ (Abkommen von Nueca Imperial) [Stadt im Süden Chiles] unter Präsident Alwyin. In diesem ist das Verhältnis der Regierung mit den Indigenen geregelt und es wurden konkrete Maßnahmen geplant, wie beispielsweise das neue Indigenengesetz.

Heute sprechen die Mapuche von „Ahuincanación“ (Kulturverlust). Damit meinen sie, dass die Indigenen sich immer mehr der nicht ursprünglichen Bevölkerungsmehrheit anpassen….
Sofía: Ich sehe das ganz klar genauso – die Mehrheit ist „ahuincada“!

Woran kann man das im Alltag sehen?
Sofía: Bei einer kulturellen Zeremonie zum Beispiel. Im Stadion laden sie die Politiker ein, sie haben Mikrofone, es sprechen verschiedene Direktoren – man praktiziert die Spiritualität nicht richtig. Es ist nicht so, dass der Bürgermeister nicht zusehen kann, aber er braucht keine Rede zu halten, die überhaupt nichts damit zu tun hat. Ein anderes Beispiel sind Seminare. Dort reden alle Politiker spanisch, alle kommen in westlicher Kleidung, das Ambiente ist falsch. Die Sprache wird marginalisiert – die Kinder sprechen nicht mehr ihre eigene Sprache.

Es gibt also keine Förderung der indigenen Sprache in Chile?
Sofía: Doch, es gibt regionale Programme im Fernsehen und im Radio. Aber die haben keine große Reichweite. Und außerdem werden diese Programme vielleicht eine halbe Stunde am Tag gesendet – mit einem bisschen Kultur und etwas Information.

Die Tradition der Mapuche verliert sich demnach ebenso wie ihre Sprache?
Sofía: Ich muss zugeben, dass die Tradition sich verliert. Die Mapuche, die in den staatlichen Schulen erzogen werden, werden zu Chilenen herangezogen und nicht zu Mapuche. Sie verlieren ihr Wissen um die Kultur und die Traditionen – denn es gibt keine Erziehung, die dieses Wissen vermittelt.
Raúl: Auf der Grundlage des „Ley Indígena“ (Indigenengesetz) hat das Ministerium 1994 wenigstens zentrale Agenturen geschaffen: für Land und Wasser, für Entwicklung und viele Dinge. Dadurch konnten die Gemeinden zu juristischen Personen werden, sie bekamen einklagbare Rechte.

Welche Projekte wurden aufgrund dieser neuen Initiativen umgesetzt?
Raúl: Es wurden Lehrer ausgebildet und zweisprachige Texte wurden herausgegeben. In den öffentlichen Schulen ist man dabei, mit diesen Texten zu arbeiten und eine interkulturelle Ausbildung anzubieten. Aber es ist ein Finanz-Problem: Oft gibt es kein festes Ausbildungsprogramm, an den Schulen fehlt es an vielem.
Ivan: Wir als Gemeinde haben ein 30.000qm großes Grundstück für eine Schule gekauft. Wir wollen eine weiterführende Schule für Weiße und Indígenas gründen: eine polytechnische Schule für die ganze Küstenprovinz, an der die Sprache Mapuche, traditionelle Heilmethoden und verschiedene Kunsthandwerke sowie Gastronomie gelehrt werden.
Raúl: Die Effekte des Programms werden gerade erst deutlich. Es werden 635 indigene Gemeinden in fünf Regionen des Landes, mit Aymara, Atacameña und Mapuche Bevölkerung gefördert. Das staatliche Programm unterstützt die Produktion, das Gesundheitswesen, die Kultur sowie die Ausbildung von Führungskräften dort.
Ivan: Seit vier Jahren haben wir auf einem freien Gelände mit einem Ökotourismusprojekt begonnen: Es ist autochthon und sehr bescheiden: zehn Hütten, in denen echtes Mapucheessen gekocht wird – alles ist frisch und kommt aus der Gemeinde. Sonntags machen wir eine Führung, verkaufen lokales Kunsthandwerk, führen Volkstänze auf und vieles mehr.

Sind solch positive Beispiele auch auf nationaler Ebene zu beobachten?
Raúl: Der Präsident hat erst im April diesen Jahres in einer Verlautbarung auf die Verfassung und die Ratifikation von 1989 hingewiesen sowie auf deren Einhaltung bestanden. Es soll ein Sekretariat für indigene Angelegenheiten innerhalb des Ministeriums geben. Aber das muss durch das Parlament, was sehr schwierig werden wird. Denn dort gibt es keine Mehrheit, sondern eine Patt-Situation, die es sehr schwierig macht, das Gesetz zu verabschieden. Die Rechte ist sehr konservativ und hat bisher alle derartigen Initiativen abgelehnt.

Welche Perspektiven haben die indigenen Gemeinschaften?
Sofía: Sie müssen das chilenische Volk erreichen und ein Bewusstsein für die Probleme schaffen. Es gibt einige, die denken, wir wären generell schlecht und man sollte uns alle töten. Aber andere analysieren auch für sich selbst und sagen: Das sind keine Terroristen, die wollen nur ihr Land zurück.
Ivan: Ich bin nicht negativ eingestellt, man übersieht sonst das Positive. Wir haben an der Bildung, dem Kunsthandwerk und der Kultur gearbeitet. Wir haben einen kulturellen Reichtum, der viele Möglichkeiten bietet und uns viele Türen öffnet. Davon kann man in Zukunft profitieren.

Kasten:

Freispruch in Terror-Prozess
Die chilenische Justiz sprach eine Gruppe von Mapuche frei, die von der Regierung wegen “verbotener, terroristischer Vereinigung” angeklagt war, weil sie Felder in der Ortschaft Temuco abgebrannt haben soll. Die ihnen vorgeworfenen Delikte ließ man unter das Antiterrorgesetz fallen. Das Gericht von Temuco wies nun die Anklage gegen die sechs Mapuche aus der Region sowie die zwei SympathisantInnen ab. Es bemängelte, dass die Staatsanwaltschaft es nicht geschafft habe, “beweiskräftig zu belegen”, dass die Indígenas am Abbrennen der Felder beteiligt waren. Da der Fall Symbolcharakter bei der Anwendung des Antiterrorgesetzes hatte, wurden während des Verfahrens in Temuco die ZeugInnen der Staatsanwaltschaft gegen die Indígenas mit verhülltem Gesicht vernommen.
Die Amerikanische Juristenvereinigung (Asociación Americana de Juristas), die Organisation Internationale Verteidigung der Rechte der Völker (Defensoría Internacional de los Derechos de los Pueblos) sowie die Internationale Menschenrechtsvereinigung (Federación Internacional de Derechos Humanos) kritisierten die Anwendung des Antiterrorgesetzes – ein Vermächtnis der Pinochet-Diktatur – gegen die Mapuches. Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch hat erst kürzlich einen ausführlichen Bericht über die Unrechtmäßigkeit der Prozesse gegen die Mapuche veröffentlicht.

“Das Vergessen ist immer auch intentional“

Wie kam es zu dem Film Geschichten aus Javé (Narradores de Javé)?

Irgendwann habe ich von Pedro Cordeiro Braga gehört, der im Dörfchen Vau in Minas Gerais lebte und in einem Postamt arbeitete, das geschlossen werden sollte. Da es die einzige Verbindung der Dorfbewohner zur Welt war, machte Senhor Pedro aus seiner Freude am Schreiben eine Tugend. Aus Angst, das Postamt könne schließen, schrieb er allen ihm bekannten Menschen Briefe. Für mich ist diese Geschichte unglaublich. Der Gedanke an die Initiative dieses Mannes, der diesen anonymen Briefwechsel führte, mit dem Ziel das dortige Postamt zu retten, ließ mich nicht mehr los.

Und wie entstand die Idee mit dem Staudamm?

Wir überlegten also, wie es wäre, wenn ein Dorf seine eigene Geschichte schreiben wollte. Dafür müsste es natürlich einen Grund geben. Ich erinnere mich, dass Luiz Abel Abreu hier insistierte und immer wieder fragte: „Was bringt ein Dörfchen dazu, seine Geschichte zu schreiben? Wenn die orale Kultur so verbreitet ist, muss es einen Anlass geben“. Da hatten wir die Idee mit dem Staudamm. Solch ein Schicksalsschlag rechtfertigt, die Erinnerung des Dorfes entsprechend dem Kanon zu bewahren. Um geschützt zu werden, braucht man eine große Geschichte. Dafür muss alles geschrieben und dokumentiert sein.

Ist der Film an den Ort Canudos, in dem Anfang des 20. Jahrhunderts der Aufstand des Wanderpredigers Antonio Conselheiro niedergeschlagen wurde, angelehnt?

Heute liegt die Stadt Canudos unter Wasser. Wenn es eine Geschichte gewesen wäre, an die erinnert werden sollte, dann hätten diese Ruinen, die vom Krieg übriggeblieben waren, geschützt werden können. Es wäre dann eine Gedenkstätte, die besucht werden könnte, um der Toten zu gedenken. Aber die Ruinen wurden nicht geschützt, sondern unter Wasser gesetzt. Dieses Vergessen ist provoziertes Vergessen. Wozu? Damit eine Version der Geschichte von Canudos zu Ende geht. Wenn sie vergessen wird, existiert sie nicht mehr. Und das Vergessen von Geschichte, von anderen Sichtweisen, hat meinen Film inspiriert. Neben der Hommage an die Geschichtenerzähler haben wir versucht zu untersuchen, wie ein historischer Text aufgebaut wird. Wenn ich heute die Geschichte Brasiliens lese, stelle ich mir vor, was alles geschehen ist, bis sie in dieser Form in den Schulen erzählt werden konnte. Wieviele Kriege hat es gegeben? Wie viele Interessen die untergegangen sind? Das Vergessen ist immer auch intentional.

Ungewöhnliche Wörter und Redensarten werden im Film eingesetzt, die in der Alltagssprache nicht immer üblich sind. Woher kommt diese besondere Art mit der Sprache zu arbeiten?

Der Gebrauch eines Wortes im Film muss Handlung beinhalten. Wir hatten bei diesem Projekt immer Angst. Es steht an einer sehr gefährlichen Grenze, da der Film in Wirklichkeit eine Arbeit mit dem Bild voraussetzt. Wir machten jedoch das Gegenteil und stellten das gesprochene Wort, die Rede, in den Vordergrund. Zum Glück schafften wir es, die Kraft und den Reichtum der Kunst der Geschichtenerzähler zum Ausdruck zu bringen. Nämlich dadurch, dass das Wort selbst das Bild generiert. Wie das geht? Wenn Antonio Biá sagt: „Das ist ein Mückensilvester“, dann liegen Witz und Komik in der Vorstellung, von einem Silvesterabend, an dem viele Mücken mit einem Glas auf das Neue Jahr anstoßen, wobei alle zur gleichen Zeit reden, ein riesiger Tumult also. Oder ein anderes Beispiel: „Exú eines Hühnerstalls“. Exú ist in der afrikanischen Tradition eine Gestalt, die manchmal ein Teufel sein und das Leben der Menschen provozieren, beunruhigen und verändern kann Wenn er von einem Exú aus dem Hühnerstall spricht, dann ist dieser so dekadent, dass er die Hühner in Aufregung versetzt, auf Menschen aber schon gar keine Wirkung mehr hat. Diese Worte suggerieren die Bilder in unseren Köpfen und in diesem Sinn ist das Wort aktiv.

Der Film ist ja insgesamt sehr ironisch. Dazu trägt auch der Balken über der Haustür des Protagonisten bei, auf dem geschrieben steht: „Eintritt für Analphabeten verboten.“ Das zeigt auch eine Überheblichkeit von Antonio Biá, nicht wahr?

Der Balken war eine Erfindung von José Dumont selbst, der ein ausgezeichneter und wunderbarer Schauspieler ist. Er ist ein Koautor dieses Films. Warum? Er hat in die dramatische Struktur der Geschichte selbst eingegriffen. Zum Beispiel hat er diese konfliktive Beziehung zwischen ihm und Maria Dalva Ladeia aus unserem Drehort Gameleira da Lapa geprägt. Sie spielte die Dona Maria in unserem Film. Er hat schnell gemerkt, wie sie ist, denn er ist ein guter Schauspieler, der scharf beobachtet. Er hatte mich zuvor gefragt, ob er sie im Film von Zeit zu Zeit provozieren könne. Ich war einverstanden, habe mir aber niemals vorstellen können, dass diese Provokation eine solche Dimension erreichen würde. Denn jedes Mal, wenn sie mit ihm zusammentrifft, beleidigt er sie. Das war allein Zé Dumonts Erfindung, ebenso wie die Inschrift des Türbalkens. Dieser Satz: „Eintritt für Analphabeten verboten“ stand nicht im Drehbuch. Ich habe ihn erst gesehen, als ich mit den Dreharbeiten anfing. Ebenso wie viele Dinge im Film seine oder die Erfindungen der übrigen Schauspieler und Bewohner von Gameleira sind. Anfangs habe ich mich nämlich in der Regie stark am Drehbuch orientiert und das Ergebnis war verheerend. Ich glaubte schon, der Film würde nichts werden, weil alles so theatralisch wirkte. Es machte alles keinen richtigen Spaß. Der kam erst, als die Schauspieler lockerer wurden, aus sich herausgingen und mir klar wurde, dass ich bei diesem Film offen sein musste für Improvisationen. So kamen viele Dinge hinzu und schließlich hat der Film eindeutig gewonnen.

Die alte Dame am Kiosk zu Beginn des Films möchte trotz des fortgeschrittenen Alters noch lesen lernen. War der Aspekt Analphabetismus bei der Enstehung des Films von großer Bedeutung?

Das ist wirklich unglaublich. Ich denke, dass Menschen, die nicht schreiben oder lesen können, sich dies besonders wünschen. Antonio Biá bringt jeden zum Schweigen, wenn er sagt: „Gut, sag erstmal deinen Namen, Nachnamen und Namenszusatz.“ Das ist der Augenblick, in dem Menschen klar wird, dass sie in das Buch kommen. Vicentino sagt dann: Vicentino Indalécio da Rocha. Da Rocha ist sein Familienname, der für ihn nicht so wichtig ist. Deshalb betont er vor allem Indalécio, um sich auf den Gründer von Javé zu beziehen. Seinen eigenen Namen geschrieben zu sehen, lässt die Faszination für die Schrift und für das Lesen sehr groß werden.

In Ihren Filmen Kenoma und Geschichten aus Javé spielt Brasilien immer eine wichtige Rolle. Könntest du dir auch vorstellen, einen Film im Ausland zu drehen?

Doch, ich hätte große Lust, bei einem Film Regie zu führen, der außerhalb Brasiliens entsteht. Entscheidend sind Thema, Geschichte und der Ort, an dem er spielt, und natürlich, was er über den Menschen und über menschliche Grundsatzfragen aussagen kann. Wenn dies in irgendeiner Form bei mir etwas auslöst, wäre ich dazu in der Lage. Es ist allerdings sehr schwer, nach langen Jahren der Berufserfahrung in denen man seine Richtung selbst gewählt hat, plötzlich Projekte zu bearbeiten, die einen überhaupt nicht ansprechen und die man nur macht um Geld zu verdienen. Ich stelle fest, dass meine Hemmschwelle immer höher liegt. Natürlich geht das, denn der Regie liegt eine Technik zu Grunde, die auf jeden Film anwendbar ist. Aber ich hätte schon Lust, einmal außerhalb von Brasilien zu arbeiten, wenn das Thema stimmt.

Ohne das Land sind wir keine Menschen mehr

Der Raum ist spärlich eingerichtet: Ein Tisch, die Stühle, ein Herd und der eiserne Holz–ofen mit einem Kessel, in dem immer heißes Wasser blubbert. Rosario, die Frau des Hauses, serviert frische sopaipillas – runde, frittierte Teigfladen aus gelbem Kürbisteig. Dazu reicht sie den Becher mit Mate-Tee in die Runde — wie schon ihre Vorfahren, die am Feuer bei Mate-Tee ihre Geschichten erzählten und ihre Probleme beratschlagten. In einer sauberen Plastikhülle über dem Herd hängt wie eine Mahnung der Brief, der seit Wochen das Gesprächsthema in diesem Haus ist. Rosario liest mit ernster Miene einige Passagen daraus vor. Er kündigt die zwangsmäßige Vermessung ihres Landes an, um eine Entschädigungssumme zur Enteignung festzusetzen.
Denn das Haus der Familie Huenteao und anderer Pehuenche-Familien liegt im Überflutungsgebiet eines gewaltigen Staudammprojekts am Oberlauf des Bío-Bío Flusses im Süden Chiles – dem traditionellen Territorium der Mapuche-Pehuenche. Zwei von insgesamt nur noch sieben verbleibenden Pehuenche-Gemeinden in Chile sind vom Bau des Ralco-Staudammes direkt betroffen, 630 Hektar dieser Gemeinden würden durch den Bau des Dammes überflutet, über 80 Familien wurden bereits umgesiedelt. Die Betreiberfirma Endesa plant, die Bauarbeiten bis Dezember 2003 abzuschließen und den Staudamm Mitte des darauf folgenden Jahres in Betrieb zu nehmen.

LKWs gegen Erinnerungen

Sieben Familien sind es, die sich noch im–mer gegen eine Stauung des Bío-Bío wehren und auf ihrem Land bleiben wollen – sieben Familien gegen ein 500-Millionen-Dollar-Projekt. Für Rosario Huenteao bleibt die Sache dennoch klar, sie wird weiter in ihrem Haus sopaipillas backen und um ihr Recht kämpfen. Das Land ihrer Vorfahren zu verlassen, steht für sie und für die anderen Familien nicht zur Debatte: „Ohne das Land sind wir keine Menschen mehr, wir werden nie gehen – niemals“. „Nur tot“, fügt sie bestimmt hinzu.
Einige Kilometer flussabwärts: Vorbeidonnernde LKWs, dröhnende Baumaschinen, Zementfabriken und Dutzende Blechhütten am Straßenrand für die Arbeiter und Zulieferfirmen. Die Konstruktionsarbeiten am Staudamm haben vor Jahren begonnen und sind schon weit fortgeschritten – die Staumauer wächst täglich um 30 Zentimeter. Das Tal des wilden Bío-Bío Flusses hat im Gebiet des geplanten Stausees seine Ursprünglichkeit gänzlich verloren – sieben Tage in der Woche wird hier gearbeitet.
„Realistisch betrachtet wird es schwierig sein, den Bau noch zu stoppen, aber nicht unmöglich“, sagt Sara Imilmaqui. Sie kämpft seit 1997 zusammen mit den betroffenen Familien in der Organisation „Mapu Domuche Newen“ – „Frauen mit der Kraft der Erde“ gegen das Megaprojekt.
Die Frauen sind Wortführerinnen bei diesem Widerstand. Weil sie ihre Herkunft und die Tradition im Herzen stärker spüren würden, als die Männer, wie Sara meint.

Was sagt Herr Lagos?

Die Tradition der Pehuenche, ihre Kultur und die Zeugnisse ihrer Geschichte sind durch den Staudamm akut bedroht. „Mit der Über flutung würden nicht nur die Friedhöfe verschwinden, sondern auch zeremonielle Orte für das Nguillatún-Ritual und heilige Symbole wie der Stein der Machi, die seit Jahrhunderten respektiert wurden“, erklärt Sara. „Dieser Kampf ist ein Kampf aus dem Innern – aus der Erinnerung und aus dem Herzen. Wir haben so viel verloren und müssen kämpfen, um das, was wir noch haben, nicht auch noch zu verlieren“. Für sie steht Ralco als ein Beispiel, wie Regierungen in Lateinamerika mit indianischer Bevölkerung umgehen: „Wenn die chilenische Regierung eine korrekte Regierung wäre, müsste der Bau gestoppt werden“.
Doch die Interessen hinter dem Bau sind knallhart. Chiles Präsident Ricardo Lagos lässt kaum Zweifel am Kurs der Regierung, für ihn bedeutet ein „Nein“ zu Ralco eine unpopuläre Steigerung des Elektrizitätspreises.
Die Betreiberfirma Endesa, in den letzten Jahren der Pinochet-Diktatur privatisiert und heute mehrheitlich von der gleichnamigen spanischen Elektrizitätsfirma Endesa kontrolliert, rechtfertigt Ralco durch den jährlich steigenden Strombedarf der Chilenen. Ralco ist der Zweite und der größte von insgesamt sieben geplanten Staudämmen im Oberlauf des Bío-Bío.
Der erste, Pangue, liegt 30 Kilometer weiter flussabwärts und wurde vor fünf Jahren in Betrieb genommen. Nach Aussagen Endesas sind diese Staudämme unerlässlich, um Chiles Autonomie im Energiesektor für die Zukunft weiterhin gewährleisten zu können.

Kampf um Gesetze

Der Widerstandswille der Mapu–che, der über 300 Jahre lang die Spanier aus ihrem Territorium fern gehalten hat, zeigt sich heute in einem neuen Kleid. Die Waffen sind andere als damals, als der Bío-Bío die anerkannte Grenze zwischen dem spanischen Kolonialreich und dem Gebiet der Mapu–che war. Die Schlacht, die heute am selben symbolträchtigen Fluss geschlagen wird, wird nicht mit Bola und Lanze ausgetragen, sondern mit der Berufung auf die Menschenrechte und mit der Unterstützung internationaler Organisationen. Doch der langjährige Kampf der Frauen und ihrer Familien gegen das täglich wachsende Megaprojekt geht in die letzte Runde, die Möglichkeiten des Widerstandes werden immer geringer.
Roberto Celedón, Rechtsanwalt in Santiago de Chile, setzt sich auf nationaler und internationaler Ebene für die Rechte der Familien von Ralco ein. Sein Ton bleibt diplomatisch zurückhaltend, aber an seiner Position läßt er keinen Zweifel. Den Streit um das Megaprojekt sieht er als einen Test für die Regierung: „Wenn Ralco realisiert würde, wäre das ein sehr schlechtes Signal für alle indigenen Völker in Chile“. Und das, obwohl sich der chilenische Staat zu einer neuen Haltung gegenüber den indigenen Gruppen verpflichtet habe. Das 1993 verabschiedete chilenische Ureinwohnergesetz besagt, dass indianische Ländereien unter keinen Umständen an Nicht-Indianer verkauft werden können und nur unter „spontaner Freiwilligkeit“ der Familien gegen andere eingetauscht werden können.Nach diesem Gesetzestext ist die Lage klar: Von einer solchen Freiwilligkeit kann bei den widerständigen Familien kaum die Rede sein, ihr Land steht daher de jure zum Tausch oder Verkauf nicht zur Verfügung. Die Strategie von Endesa ist daher eine andere. Die Firma beruft sich auf ihre definitive Konzession für die Energieerzeugung am Oberlauf des Bío-Bío. „Nach dem Stromgesetz kann Endesa durch diese definitive Konzession Nutzungsrechte zur Überflutung auf das Land der Familien erzwingen“, erklärt Celedón die Lage. Das Ureinwohnergesetz wird dadurch umgangen, ein Tausch des Landes findet nicht statt. „Das kann man nicht mehr Nutzungsrecht nennen, das ist eine eindeutige Enteignung“, befindet Celedón.
Er und seine Kollegen sind daher vor das Berufungsgericht in Santiago gezogen. Das Ergebnis wurde vom Obersten Gerichtshof bestätigt: Endesa muss alle Gesetzgebungen respektieren, also auch das Ureinwohnergesetz. Trotz allem wurde im April dieses Jahres vom Wirtschaftsministerium ein Ausschuss mit dem Namen „Comisión de Hombres Buenos“ (Kommission der guten Männer) ein berufen, der im Oktober die Länder der sieben verbliebenen Pe–huenche-Familien für eine Zwangsentschädigung vor Ort vermessen sollte. Das wurde von Indianerorganisationen und den Familien selbst verhindert, den „guten Männern“ wurde der Zugang verwehrt und die Vermessung musste aus der Luft vorgenommen werden.
„Ralco zeigt, dass in Chile noch immer die wirtschaftlichen Interessen vor den Interessen indigener Völkern Vorrang haben und das darf nicht angehen“, sagt Celedón. „Wir sind heute so weit, dass wir beschlossen haben, vor die interamerikanische Kommission der Menschenrechte zu ziehen, die Klage wird Ende November eingereicht.” Eine Entscheidung dieser autonomen Kommission der Organisation Amerikanischer Staaten zu Gunsten der Pehuenche-Familien würde die Regierung verpflichten, entsprechende Maßnahmen gegen das Megaprojekt am Bío-Bío einzuleiten.

Enttäuschte Hoffnungen

„Wir sind seit drei Jahren hier in El Huachi“. José Dolores Gallina stützt die ineinander gefalteten Hände auf dem Tisch ab. Er und seine Familie haben ihr Haus am Fluss verlassen. Das neue Haus ist größer, die wenigen Möbel der Familie reichen nicht aus, um es auszufüllen. Im Tausch gegen die alten Ländereien in der Über–flutungszone hat Endesa den ver–handlungswilligen Familien neue Häuser und größere Felder angeboten. „Endesa hat nicht alles gehalten, was versprochen wurde“, beklagt José. „Anfangs hieß es, dass wir Strom und Wasser nicht zu bezahlen brauchten und jetzt müssen wir alles zahlen“. Den genauen Inhalt dessen, was er in dem Vertrag mit Endesa unterschrieben hat, kennt er nicht. „Wir haben hier alle die Befürchtung, dass wir nicht die rechtmäßigen Eigentümer des Landes sind. Vielleicht setzen sie uns ja nach zehn Jahren auf die Straße“.
Es wird kritisiert, dass bei den Vertragsunterzeichnungen der Fa–milien nicht alles mit rechten Dingen zuging. Obwohl Verträge zum Tausch indigener Ländereien laut Gesetz auf der Basis von Freiwilligkeit unterschrieben werden müssen, war dies oft nicht der Fall. Celedón bestätigt das: „Es gab einen brutalen Druck auf die indianischen Familien, damit diese die Verträge für den Tausch unterschreiben würden“. José Dolores ist verzweifelt: „Uns geht es schlecht hier auf dem neuen Land und zurück können wir auch nicht. Da wo unser Haus stand, ist jetzt alles voller Baumaschinen“.
Berta Quintremán ist die Älteste in diesem Kampf der Frauen und ihrer Familien. Mit 72 Jahren lebt sie allein in ihren zwei Holzhütten. Dahinter bestellt sie die Felder, arbeitet auf ihren Beeten und kümmert sich um die Hühner. In ihrer bunten Tracht sitzt sie an der Feuerstelle im fogón, der Hütte, die nur zum Kochen und zum Tratsch am Feuer dient. Die Entschlossenheit steht ihr ins Gesicht geschrieben, was sie verteidigt ist ihr heilig – es ist die Tradition ihres Volkes und die Welt ihrer Vorfahren, die sie im Herzen trägt. Wie die meisten alten Leute ist sie ihrer Kultur noch viel stärker verbunden, als die junge Generation.
„Ich bin sehr stark“, verkündet sie mit lauten Worten und man glaubt es ihr allein durch ihre Gestik. „Mein Mapu Ñuke, der da oben ist, gibt mir Kraft und daher werde ich bis zum letzten Punkt kämpfen. Nicht die Spanier, sondern Er hat das Wasser geschaffen und Er hat uns das Land gegeben“. Sie schlägt die Faust in die offene Hand. „Wie können die Spanier, die aus einem anderen Land kommen, hier bei uns diesen Schaden anrichten? Warum richten sie ihn nicht dort an, wo sie herkommen?“, sagt sie mit erregter Stimme, „am liebsten hätte ich, dass sie alle sterben“.
Sie bleibt allein zurück an der Feuerstelle im fogón. Draußen rattern die Baumaschinen und ihre Besitzer scheren sich nicht um das Weltbild der Menschen, in deren Lebensraum sie eingedrungen sind.

Gegen Staudämme und Biopiraterie

Im Rahmen des Plan Puebla Panamá (PPP/siehe Kasten) sollen in der Region vom Süden Mexikos bis nach Panamá insgesamt 70 Staudämme gebaut werden, davon 32 in Chiapas. Der Strom, der mittels der Staudämme produziert wird, ist hauptsächlich für den Export in die USA und für Projekte im Rahmen des PPP bestimmt, zum Beispiel für die in dieser Region entstehenden Maquiladoras. Vom 21. bis 24. März 2002 fand dazu in Guatemala das mesoamerikanische Foro por la Vida (Forum für das Leben) statt.
Das Forum sollte Öffentlichkeit über diese Pläne und deren katastrophale Auswirkungen für die betroffene Bevölkerung herstellen. Zwischen den Menschen, die mit den Auswirkungen bereits existierender Staudämme leben müssen, und den Betroffenen der geplanten Projekte wurden Informationen und Erfahrungen ausgetauscht. Die Organisierung von überregionalem Widerstand gegen diese Bauvorhaben und die damit verbundene Vertreibung der Bevölkerung war ein Schwerpunkt des Forums.

Das Forum für das Leben

Ort des Treffens war die Bauernkooperative Unión Maya Itzá im Regenwald El Petén. Diese Region ist durch fünf geplante Staudämme des Grenzflusses Usumasinta bedroht. Ungefähr 350 Menschen aus verschiedenen mittelamerikanischen Ländern, aus Kolumbien und der Dominikanischen Republik, sowie einige Nichtlatinos nahmen am Forum teil und wurden bei den Familien der Kooperative untergebracht. Während des Krieges in Guatemala flüchteten diese Familien nach Mexiko, dessen Regierung sie 1993/94 wieder zurück nach Guatemala schickte. Seither haben sie sich dort ein neues Leben aufgebaut. Es gibt eine Schule, Versammlungsräume und einen Krankenraum in dem ein kubanischer Arzt arbeitet, da Kuba Guatemala auf medizinischem Gebiet unterstützt. In der Kooperative wohnen ungefähr 100 Familien in weit auseinander liegenden, meist aus Wellblech gebauten Hütten. Es gibt keinen Strom, das Wasser wird von Frauen und Mädchen an einer Zisterne oder am nahe gelegenen Fluss geholt. Die BewohnerInnen halten Hühner, Truthähne, Ziegen und Schweine.

Der Staudamm von Rio Chixoy

Am ersten Tag des Forums berichteten mehrere Organisationen aus verschiedenen Ländern von ihren Protesten und Kämpfen gegen die Staudammprojekte. In den Jahren 1976-83 wurde beispielsweise in Guatemala der Staudamm von Rio Chixoy gebaut. Damals wurden mehr als 20 Gemeinden überflutet. In dieser Zeit herrschte in Guatemala ein Krieg, in dem 140.000 Menschen von den Militärs ermordet wurden, darunter viele, die sich gegen den Bau des Staudamms organisierten.
Die Regierung versprach den vom Bau des Staudamms betroffenen BewohnerInnen neue Häuser, fruchtbares Land, Lastwagen und Boote um den Staudamm überqueren zu können. Nichts davon wurde eingehalten. Das Land, das ihnen zugewiesen wurde, war so klein, dass es nicht einmal genügend Platz für die Tierhaltung gab. Die Lebensbedingungen haben sich grundlegend verschlechtert und durch die Enge haben Nachbarschaftskonflikte stark zugenommen.
Drei Männer aus der betroffenen Comunidad Río Negro berichteten auf dem Forum, dass in diesem Zusammenhang über 400 Menschen ermordet wurden. Nüchtern zählten sie auf: Am 30. Februar 1982 wurden 70 Campesinos ermordet, am 3. März 1982 wurden 70 Frauen und 107 Kinder ermordet.
Die Männer erzählten, dass sie damals keine Vorstellung davon hatten, was ein Staudamm ist. Sie befragten die Ältesten im Dorf, deren Meinung war, dass von Menschen Hand kein Fluss so vergrößert werden könne, die Macht dazu hätte nur Gott alleine. So gab es hier nur relativ wenige, die sich gegen den Bau des Staudamms aussprachen. Der Tag an dem das Tal überflutet wurde, brachte den Menschen eine soziale und ökologische Katastrophe.
Die ihnen versprochenen Boote haben sie nie erhalten, so dass es bis zum heutigen Tag für die Menschen der jeweils anderen Seite des Stausees keine Möglichkeit mehr gibt, sich zu treffen und so auch der Handel mit Waren nicht mehr stattfinden kann. Vor dem Bau wurde ihnen erzählt, dass der See acht Kilometer lang werden wird, heute hat er eine Länge von 52 Kilometern. Auf dem Forum beinhalteten alle Berichte die übereinstimmende Erfahrung, dass die zuvor gegebenen Versprechungen der Regierungen aus Ländern wie Costa Rica, Belize, Kolumbien und der Dominikanischen Republik nach Fertigstellung der Staudämme so gut wie nie eingehalten wurden.

Geplante Zwangsumsiedlungen in Montes Azules

Zwangsumsiedlungen werden nicht nur vor dem Hintergrund von Staudammprojekten durchgesetzt. Im Rahmen des Forums wurde auch die Bedrohung der Gemeinden von Montes Azules thematisiert.
An diesem Gebiet im Südosten von Chiapas besteht auf Grund der dort vorkommenden reichhaltigen Ressourcen großes internationales Interesse. 35 Gemeinden sollen angeblich aus Naturschutzgründen zwangsumgesiedelt werden. Diese Gemeinden bestehen zum Teil schon seit den fünfziger Jahren, andere entstanden später durch Kriegsflüchtlinge aus anderen Regionen Chiapas. Das Gebiet wurde erst viel später, in den siebziger Jahren, zum Naturreservat erklärt. Die damals zugesagten Landtitel haben die BewohnerInnen nie erhalten.
Die EinwohnerInnen mancher Dörfer sind zapatistisch, andere Gemeinden sind von Anhängern der Partido Revolucionario Institucional (PRI) oder der indigenen Bauernorganisation ARIC bewohnt. Weil die PRI, die jahrzehntelang an der Macht war, vor zwei Jahren die Wahl verloren hatte, fand eine bereits geplante Vertreibung zunächst nicht statt.
Aber Montes Azules ist einer der „Hotspots“ der Biodiversität in Chiapas, es gibt Erdölvorkommen und große Mengen sauberen Wassers. Zwei der weltweit größten Biotech- und Pharmakonzerne, Monsanto und Novartis, haben sich „großzügig“ bereit erklärt, nach der Räumung des Gebietes den Naturschutz zu gewährleisten. Drei der Gemeinden werden nicht geräumt, sie sollen vermutlich Teil eines ökotouristischen Projektes werden. Solche Projekte sind auch Teil des PPP.
Eingebettet in wunderschöne Natur sollen von großen Tourismuskonzernen Hotel- und Freizeitanlagen für den exklusiven Geldbeutel errichtet werden. Schöne Flüsse, Seen und Höhlen werden dann auf Privatgelände liegen und nicht mehr für die Allgemeinheit zugänglich sein. Die verbleibende Bevölkerung dient dann als billige Arbeitskraft und sorgt für eine folkloristische Kulisse.

Biopiraterie im Regenwald

Die geplanten Zwangsumsiedelungen in Montes Azules sind aber auch auf andere Weise Bestandteil des Plan Puebla Panamá, da die große biologische Artenvielfalt für die Biotech- und Pharmakonzerne sowie für die Agrarindustrie von großer Bedeutung ist. Die noch vor kurzem getrennten Bereiche der Pharma- und Agrarindustrie verschmelzen zunehmend zu großen Biotechnologiekonzernen.
Geplant sind mehrere Bioprospektionsprojekte, die gezielte Suche nach Pflanzen und Tieren, die nützliche und verwertbare Substanzen enthalten. Die DNA vieler Pflanzen soll entschlüsselt und patentiert werden. Die Konzerne wollen sich die Exklusivrechte auf Heilpflanzen und deren Wirkung, sowie auf wichtige Grundnahrungsmittel wie Mais und Bohnen sichern. Alleine die Pharmaindustrie verdient jährlich rund 40 Milliarden US-Dollar an Medikamenten, die auf der Grundlage von Pflanzen und traditionellem Heilwissen entwickelt wurden. Indigene Rechte auf „ihre“ Pflanzen werden dabei ignoriert.
Schon 1996 wurde für die Koordinierung der verschiedenen Projekte in diesem Bereich ein Plan entworfen, der sich Coridor Biológico Mesoamerica nennt und heute zum Kern des PPP gehört. Aus Veröffentlichungen der Weltbank, die einen Großteil der Finanzierung der Projekte sicherstellt, geht hervor, dass die Kommerzialisierung der biologischen und genetischen Vielfalt ein wichtiges zu erreichendes Ziel ist. Durch die Kommerzialisierung der Biodiversität wird der davon betroffenen indigenen Bevölkerung die Lebensgrundlage entzogen, da sie beispielsweise ihre Heilpflanzen nur noch nach Genehmigung des Patent innehabenden Konzerns nutzen darf.

Die Widerstandsperspektiven

Wie aber soll der Widerstand gegen die Vorhaben organisiert werden? Bei den fertig gestellten und geplanten Staudammprojekten sind es vor allem indigene Bauern, die von den verheerenden Auswirkungen dieser Projekte betroffen sind. Hunderttausende verlieren ihr Land, ihre Häuser und nicht zuletzt ihre Kultur. Die Beteiligten des Forums waren sich darüber einig, wie wichtig es sein wird, in Zukunft stärker, auch Länder übergreifend zusammenzuarbeiten und dass die verschiedenen Organisationen aus den einzelnen Ländern ihre Zwistigkeiten begraben müssen, wenn es eine Chance auf erfolgreichen Widerstand geben soll. „Wenn diese Pläne uns allen aufgezwungen werden, müssen wir uns auch zusammen wehren“, so ein Forumsteilnehmer.
Das Abschlusskommuniqué wurde von 98 Organisationen aus 21 Ländern unterzeichnet: „Agua, Luz y Tierra para el Pueblo“, Wasser, Strom und Land für das Volk. Die TeilnehmerInnen des Forums sprachen sich gegen den Bau von Staudämmen, gegen den Plan Puebla Panamá, das geplante Freihandelsabkommen für Amerika (ALCA) und gegen Biopiraterie aus.
Alle Institutionen, die diese Projekte finanzieren, wurden verurteilt und aufgefordert, diese Vorhaben zu stoppen. Die lateinamerikanische Bevölkerung wurde aufgerufen, sich am Widerstand zu beteiligen, und die Regierungen aufgefordert, diese Art von Projekten sofort einzustellen, weil sie gegen die Interessen der Gemeinden und Dörfer gerichtet sind. Mit allen lateinamerikanischen Bewegungen, die gegen Staudämme kämpfen, erklärte man sich solidarisch.

KASTEN:
Der Plan Puebla Panamá (siehe auch LN 336)

Guatemala, Belize, El Salvador, Honduras, Nicaragua, Costa Rica, Panama sowie die neun südlichsten Bundesstaaten Mexikos sind vom Megaprojekt PPP betroffen. Internationale Konzerne und die USA verplanen diese Länder auf mehreren Ebenen. Ziel ist es, die dort vorhandenen billigen Arbeitskräfte und die vielfältigen natürlichen Ressourcen (Tiere, Pflanzen, fruchtbarer Boden, Wasser und Rohstoffe) vor allem transnationalen Unternehmen zugängiglich zu machen.
Die Arbeitskraft im Süden Mexikos gilt als 40 Prozent billiger als in den freien Produktionsstätten, den so genannten Maquiladoras, im Norden Mexikos. Es gibt hier ein großes „Potenzial“ armer und ungebildeter Menschen in nächster Nähe zu den USA. Dies soll bald auch im Süden Mexikos und in Mittelamerika in einer ganzen Reihe von geplanten Maquiladoras eingesetzt werden, um so billig und ohne soziale Absicherung für den Weltmarkt produzieren zu können.

Monokulturen

Großflächige Plantagenpflanzungen von beispielsweise Eukalyptus oder der Palma Africana sind ein weiterer Bestandteil des PPP. Diese zur industriellen Papier- und Ölherstellung verwendeten Pflanzen sind in subtropischem Klima schon nach sechs Jahren ausgewachsen, in Skandinavien zum Beispiel benötigen sie 80 Jahre. Der für die Plantagenpflanzungen benutzte Boden ist nach diesen sechs Jahren allerdings komplett ausgelaugt und für einen längeren Zeitraum unbrauchbar. Aus diesem Grund wird geplant, den Indígenas das entsprechende Land nicht abzukaufen, sondern es lediglich zu pachten. Die Erträge dieser mit Pestiziden und Dünger gezüchteten Monokulturen sind für den Export bestimmt, die entsprechenden Gebiete fehlen den Menschen zum Anbau ihrer eigenen Grundnahrungsmittel.

Die geostrategische Bedeutung des PPP

Als Alternative zum Panamakanal sollen zwischen dem Pazifik und dem Golf von Mexiko eine Verbindungsstraße und neue Häfen gebaut werden. Am Istmus von Tehuantepec, zwischen Oaxaca, Veracruz und Chiapas, kann somit über eine nur 240 Kilometer lange Straße der Gütertransportweg zwischen den Produktionsstätten der Ostküste der USA und Asien enorm verkürzt werden. Es existieren Gerüchte, wonach entlang dieser Linie eine neue, innerstaatliche Grenze Mexikos errichtet werden soll. Im Gegensatz zu der 3000 Kilometer langen Grenze zwischen den USA und Mexiko könnten hier MigrantInnen noch effektiver zurückgehalten werden.

Kanzlers Kurztrip

Er ist wohlbehalten von seinem Lateinamerikatrip zurückgekommen, der Kanzler aller Deutschen.
Eine knappe Woche hat sich Schröder von Mexiko bis Buenos Aires, mit Zwischenstopp in São Paulo und Brasilia, um – wie er es nannte – „mehr internationale Solidarität“ bemüht. Damit wollte er wohl einerseits feststellen, dass es zu wenig davon gäbe, und andererseits, dass auch die Solidarität ein relatives Gut ist, wenn sie nicht gerade uneingeschränkt versprochen wird.
In Aufenthaltszeiten lässt sich wohl des Kanzlers Gunst für das jeweilige Land messen. Nicht einmal 24 Stunden verweilte er in Argentinien – unter anderem, heißt es, weil ihn Horst Köhler, derzeitiger Chef des Internationalen Währungsfonds (IWF), dazu gedrängt habe.
In Mexiko hielt es ihn ganze zwei Tage, in denen er von Freundschaft und deutsch-mexikanischem Kulturaustausch sprach. Den Worten folgten Taten: mit dem Ex-Nationalspieler Jürgen Klinsmann wurde nett gegen die Mexikaner gebolzt. An seiner übrigen Begleitmannschaft war abzulesen, in welcher Liga sonst gespielt wurde: In seiner 140-köpfigen Delegation waren mit Wirtschaftsminister Werner Müller, Siemensvorstand Heinrich von Pierer, VW-Chef Ferdinand Piech noch dreißig weitere Wirtschaftspotentaten vertreten.
Aus gutem Grund. Der lateinamerikanische Anteil am deutschen Außenhandel dümpelt bei etwa 2,5 Prozent. Als Exportnation müsse Deutschland die Chancen auf diesen Märkten wahren, betonte Schröder. Natürlich ohne dabei im Vorgarten der USA zu wildern, politisch korrekt lautet das in Schröders Worten: Lateinamerika brauche nicht weniger USA, sondern mehr Europa. Ob Brasilien außer mehr Europa auch mehr Atomkraft braucht, blieb ungeklärt. Das lag weniger an Schröders Skrupel, eine Exportbürgschaft für das geplante Siemens-Atomkraftwerk Angra III zu bewilligen, als vielmehr daran ,dass Brasilia den Bau noch nicht definitiv beschlossen hat. Dass Schröder wenn’s um die deutsche Wirtschaft geht, keine Skrupel kennt, hatte er bei seinem Indien-Trip mit der Zusage einer Bürgschaft für den Staudamm Tehri bereits unter Beweis gestellt – obwohl selbst der innerministerielle Rat der rot-grünen Regierung wegen menschenrechtlicher und Umweltschutzbedenken sich zu einer solchen Zusage nicht durchringen konnte.
In Mexiko und Brasilien pries Schröder die neoliberalen Reformen der letzten Jahre – in Argentinien nicht, obgleich das Land bis vor kurzem noch als Vorbild und neoliberaler Musterschüler galt. Immerhin will sich der Kanzler für eine stufenweise Wiederaufnahme der internationalen finanziellen Hilfe für den Pampastaat einsetzen. Doch des Konsenskanzlers rhetorische Einsätze sind Legion, ob in Sachen weltweiter Armutsbekämpfung oder Argentinien – selbst die Schatulle aufmachen, verhindert Eichels Sparkurs. Im Gegenteil: Er überbrachte im Verein mit dem Siemensvertreter eine schlechte Nachricht zu einem ungünstigen Zeitpunkt. Weil der Staat am Rio de la Plata einen Vertrag über die Herstellung von Personalausweisen in Milliardenhöhe hatte platzen lassen, fand sich im Reisegepäck eine Forderung samt Klagedrohung von 600 Millionen US-Dollar, die Deutschlands eifrigster Exporteur als Schadensersatz verlangt.
Schröders letzte Delegationsreise – für diese Legislaturperiode – bot keine Überraschungen. Auffällig nur die Schnelligkeit, mit der die Ansichten über Wirtschaftskonzepte gewechselt werden, wie die Sommer- und Winteranzüge auf der Reise über den Kontinent. Ob in Bezug auf die vergangenen Jahre, in denen Argentinien immer der Musterknabe des IWF war, oder ob in Bezug auf das jeweilige Gastland: in Mexiko seien „Transformationsprozesse, die schmerzhaft für weite Teile der Bevölkerung sind und deshalb gelegentlichen Widerstand auslösen“ erforderlich und durch die Globalisierung bedingt.
Der von seinen lateinamerikanischen Kollegen gern als „Amigo“ betitelte Schröder ist kein Freund, zumindest kein guter. Er ist einer, der mit dir feiert, solange du selbst dein Bier bezahlst.

„Straflosigkeit bedeutet Terror”

Bei den Wahlen am 25. November hat in Honduras der Kandidat der Opposition, Ricardo Maduro von der Nationalen Partei die Wahlen gewonnen. Was bedeutet dieser Wahlsieg?

Bei den Wahlen in Honduras hat nicht eine inhaltliche Opposition gewonnen, sondern die Nationale Partei. Es gibt in Honduras seit je her nur zwei Parteien, die Chancen haben, die Wahlen zu gewinnen. Die bis jetzt regierende Liberale Partei und die Nationalen. Kleine Oppositionsparteien haben keine Chance. Es ist ein kleiner Fortschritt, dass den Wahlergebnissen zufolge dieses Mal zumindest vier bis fünf Abgeordnete von kleinen Parteien gestellt werden, bis jetzt war es nur einer. Man kann nicht zufrieden sein, jetzt von den Nationalen regiert zu werden, aber es war wichtig, dass eine andere Partei an die Macht kommt.

Bringt der Wechsel Hoffnungen mit sich, was Straflosigkeit und Menschenrechtsverletzungen betrifft?

Ich glaube nicht, dass es substantielle Veränderungen geben wird, denn die Nationale Partei hat ihren Anteil an der langen Geschichte von Terror, Straflosigkeit und Korruption in Honduras.

Wie würden Sie die Situation der Menschenrechte heute in Honduras beschreiben?

In einem Land der offizialisierten Straflosigkeit gibt es alle Arten von Menschenrechtsverletzungen. Straflosigkeit bedeutet Terror. Dass sie offizialisiert ist, heißt, dass der Staat die Menschenrechtsverbrechen nicht unbedingt leugnet, aber absolut untätig bleibt, sie zu ahnden und die terroristischen Strukturen aufzubrechen. In den letzten zweieinhalb Jahren gab es insgesamt 606 außergerichtliche Hinrichtungen. Die meisten davon waren arme Leute, zwei Drittel der Opfer Jugendliche. Keiner der Fälle wurde von den Behörden aufgeklärt. Damit ist die Regierung verantwortlich für die Verbrechen. In Honduras gibt es keinen Respekt vor dem Leben. Ich glaube, dass Honduras in Mittelamerika das Land mit den schlimmsten Menschenrechtsverletzungen und mit der prekärsten öffentlichen Sicherheit ist.

Weiß man, wer hinter den Hinrichtungen steckt?

Wir glauben, dass es wieder Todesschwadronen in Honduras gibt. Aber wir wissen nicht genau, wie sie zusammengesetzt sind. Auf jeden Fall werden sie von der Regierung gedeckt. Dieses Jahr wurde unserer Organisation zum ersten Mal seit acht Jahren wieder ein Fall von politisch motiviertem Verschwindenlassen gemeldet. Das ist sehr beängstigend. Es handelt sich um den 39-jährigen Ex-Guerillero Rigoberto Martínez Lagos. Er verschwand am 9. Juni und wurde bis heute nicht gefunden. Ende Dezember werden wir diesen Fall vor der internationalen Kommission der Verschwundenen in Genf offiziell machen. Denn wir haben in Honduras alle legalen Mittel und Instanzen ausgeschöpft. Weder die Justiz noch die Exekutive haben Ermittlungen eingeleitet.

Das Ende der Straflosigkeit hat die Regierung im Jahre 2000 in der von ihr verabschiedeten „Acta de Compromisos“ versprochen. Es wurde auch ein Programm zur Aufklärung von Morden speziell an Indígenas und Schwarzen unterzeichnet. Kann dieses Programm irgendwelche Ergebnisse vorweisen?

Nein, bis heute ist kein Mord an einem Indígena untersucht worden. Im Gegenteil, die Indígenas sind heute die Bevölkerungsgruppe, die offiziell verfolgt wird. Vor zwei Wochen erst ist ein Indígena auf einer Demonstration erschossen worden, weil er für die Rückgabe seiner Landrechte kämpfte. Diese „Acta de Compromisos“ sind leere Worte. Das sieht man schon allein daran, dass die wenigsten Fälle von Verschwundenen bis heute aufgeklärt wurden und es keine ernsthaften Ermittlungen gibt. Inzwischen hat der Staat zwar die 184 legal dokumentierten Fälle von politisch motiviertem Verschwindenlassen von Personen anerkannt. Wir schätzen aber, dass insgesamt 2000 Menschen verschwunden sind, deren Schicksal noch nicht aufgeklärt wurde.

Wie sieht Ihre Arbeit zur Aufarbeitung der Vergangenheit neben den juristischen Versuchen der Verbrechensaufklärung aus?

Unsere Organisation hat heute ein Radioprogramm, in dem über Menschenrechte informiert und debattiert wird. Da viele honduranischen Medien vom Staat kooptiert sind, sind solche unabhängigen Foren sehr wichtig – und auch sehr beliebt. Durch das Radioprogramm haben wir in einzelnen Fällen auch Hinweise erhalten, die uns bei unseren Nachforschungen über die Lage von geheimen Massengräbern geholfen haben. Außerdem konnten wir im Bildungsministerium durchsetzen, dass das Thema der Menschenrechte heute in dem Schulfach behandelt wird, das früher „Moralische und Bürgererziehung“ hieß. Zusammen mit dem Bildungsministerium geben wir dazu Fortbildungen für DirektorInnen und LehrerInnen. Zurzeit arbeiten wir an dem Aufbau eines Dokumentations- und Kulturzentrums gegen das Vergessen.

Im Sommer gab es massive Proteste gegen den 4,4 Megawatt Staudamm im Bundesstaat Olancho. Auch Ihre Organisation hat sich den Protesten angeschlossen. Welches sind Ihre Kritikpunkte?

Das Staudammprojekt des privaten Versorgungsunternehmen ENERGISA ist in mehreren Punkten verfassungswidrig. Zunächst aus dem einfachen Grund, dass sich das Parlament über das Veto der betroffenen Gemeinden hinwegsetzt. Alle elf Gemeinden hatten gegen den Bau gestimmt und nach honduranischem Recht ist ein Bau damit nicht erlaubt. Zum anderen handelt es sich bei der Region um den Nationalpark Sierra de Agalta und um einen Teil des „Biologischen Korridors von Mesoamerika“, den sich die honduranische Regierung vor internationalen Organisation zu schützen verpflichtet hat. Eine der schönsten Landschaft des Landes, die Babilonia-Wasserfälle, werden zerstört. Der Fluss verliert 90 Prozent seiner Wassermenge. Die Umweltschäden werden als sehr groß eingeschätzt. Es sind mindestens 20.000 Personen, die ihre Lebensgrundlage verlieren. Hinzu kommt, dass das Parlament den Bau genehmigt hat, ohne dass eine seriöse Studie zu den ökologischen Folgen des Projekts gemacht worden wäre. Wir fordern den sofortigen Stopp des Dammbaus. Neben den Umweltschäden kritisieren wir die massive Repression und Verfolgung bis hin zum Mord von Umwelt- und MenschenrechtsaktivistInnen.

Wie sieht diese Repression gegen die Protestierenden vor Ort genauer aus?

Der Sicherheitsdienst der Firma und die Polizei schüchtern die EinwohnerInnen der Gemeinden ein und terrorisieren die, die gegen den Bau protestieren. Bauern werden gehindert, auf ihre Felder zu gehen. 100 Bauern wurden gewaltsam von ihrem Land vertrieben. Auf den Bürgermeister von Gualaco wurde im Juli ein Attentat verübt und seine Tochter bedroht. Auch mehrere Priester und Umweltaktivisten wurden Opfer von Übergriffen oder Einschüchterungen. 280 Familien haben daraufhin eine Protesterklärung unterschrieben. Am 30. Juni wurde einer der führenden Umweltschutzaktivisten, Carlos Roberto Flores, von Angestellten des Sicherheitsdienstes erschossen. Es gibt Zeugen, die sechs Angestellte des Sicherheitsdienstes identifiziert haben, aber die Polizei hat weder eine Obduktion der Leiche gemacht, noch Spuren gesichert, noch Ermittlungen aufgenommen. Aus Protest gegen die Ermordung von Carlos Roberto Flores hat eine Gruppe von Gemeindemitgliedern und Menschenrechtlern Anfang Juli eine Mahnwache vor dem Nationalkongress in Tegucigalpa begonnen. Am 18. Juli gab es eine Demonstration, die unter Anwendung massiver Gewalt aufgelöst wurde. Es gab zahlreiche Verletzte und 22 Verhaftungen. Die schwangere Witwe von Carlos Roberto Flores hat bei der brutalen Räumung der Mahnwache aus Schock ihr Kind verloren.

Hatte das Ganze ein Nachspiel?

Gegen 24 angebliche Anstifter der Proteste, zu denen drei Priester und mehrere Bürgermeister zählen, wurde Anklage wegen „Widerstand gegen die Staatsgewalt“ und „Körperverletzung“ erhoben. Unter anderem auch gegen mich. Auch gegen die seit Jahren in Honduras lebende irische Entwicklungshelferin Sally O`Neal wurde Anzeige erhoben, obwohl sie zum Zeitpunkt der Demonstration nicht in Honduras war. Vom Sicherheitsministerium wird ihr jetzt vorgeworfen, Mitglied der IRA zu sein.

Werden Sie auch bedroht?

Ja, es gibt immer wieder massive Drohungen. Die Arbeit ist psychisch sehr belastend, weil man ständig in Gefahr lebt. In diesem Fall haben wir eine Verfassungsklage gegen das Dekret der Regierung eingereicht. Weiter haben wir Strafanzeige erhoben gegen die Umweltministerin, die das Dekret autorisiert hat, gegen die Besitzer von ENERGISA und deren Sicherheitskräfte, die den Mord an Carlos Roberto Flores zu verantworten haben. Bis heute gibt es keinerlei Ergebnisse. Wie man sich vorstellen kann, haben wir viele Feinde.