Tatbestand Tätowierung

Eine tätowierte Träne im Gesicht eines mareros steht für einen getöteten Freund. Dass ein befreundetes Gangmitglied umgebracht wird, ist nichts Außergewöhnliches. Nur drei Jahre beträgt nach Angaben von Ramón Romero, Sicherheitsberater des honduranischen Präsidenten, die durchschnittliche Zugehörigkeit eines Jugendlichen zu einer mara. Viel länger überlebt keiner die vida loca („verrücktes Leben“), wie die Bandenmitglieder ihr Dasein zwischen Gruppensolidarität, Drogenkonsum und Gewaltexzessen bezeichnen.
Tätowierungen sind eine der wichtigsten non-verbalen Ausdrucksformen der maras. Sie formen Teil der ausgeprägten Riten und Symbole der Subkultur der Jugendbanden. Zur typischen Identitätsmarkierung der mareros gehören außerdem Kleidung, Haartracht, Graffities und (Zeichen-)Sprache. Durch Wandmalereien mit dem Namen der mara wird das Revier der jeweiligen Jugendbande markiert. „Eindringlinge“ in das von den maras kontrollierte Gebiet müssen um ihr Leben fürchten. Denn zwischen den Angehörigen der Mara Salvatrucha und der Mara 18 (siehe Kasten), denen die meisten der zentralamerikanischen Jugendbanden angehören, herrscht ein mörderischer Krieg. Der Konflikt ist irrational, da sich die mareros nur durch die Zugehörigkeit zur gegnerischen Gruppe unterscheiden. Er legitimiert jedoch in den Augen der Bandenmitglieder die mara als solche und ist somit unverzichtbar. In den Jugendbanden herrscht ein strikt einzuhaltender Ehrenkodex. Die Solidarität in der mara und das Ansehen der Gang gehen über alles. Das Individuum muss im Endeffekt bereit sein, für die Ehre seines Kollektivs zu töten und zu sterben.
Zwei Drittel der mareros sind zwischen 16 und 21 Jahre alt, es gibt jedoch auch Neun- oder Siebenjährige unter ihnen. Mädchen und Frauen machen etwa ein Fünftel der Bandenmitglieder aus. Nach einer Studie der Universidad Tecnológica de El Salvador kommen fast 83 Prozent der Angehörigen einer Straßengang aus Familien, die in extremer Armut leben; fast 73 Prozent sind ohne Vater aufgewachsen. Für viele mareros stellt das soziale Netzwerk der Gang eine Art Familienersatz dar.
Obwohl die Solidarität in der Gruppe und nicht die Ausübung krimineller Handlungen der eigentliche Beweggrund für Kinder und Jugendliche ist, sich einer mara anzuschließen, verdienen sich die mareros ihren Lebensunterhalt häufig durch gesetzeswidrige Aktivitäten. Immer wieder begehen sie Verbrechen gegen die Bevölkerungsschichten, die sich am wenigsten dagegen wehren können, da sie etwa kein privates Schutzpersonal bezahlen können und auf die Benutzung der öffentlichen Verkehrsmittel angewiesen sind.
Die Medien tragen dazu bei, den Eindruck der Bedrohung zu verstärken. Tag für Tag gelangen brutale Gewaltverbrechen und andere Delikte, die Bandenmitgliedern zur Last gelegt werden, in die Schlagzeilen.
Für die PolitikerInnen bieten die mareros durch ihr auffälliges Äußeres und ihre soziale Ausgren-zung ideale Sündenböcke, die für die hohe Kriminalität in den Ländern verantwortlich gemacht werden können.

Freiheit, Harte Hand und Besen
Nach einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Iudop halten 42,7 Prozent der SalvadorianerInnen die Gewalt und die Delikte der maras für das größte Problem ihres Landes. Die meisten anderen MittelamerikanerInnen teilen offenbar diese Ansicht. Repressive Maßnahmen gegen die Jugendbanden genießen hohe Popularität und werden von den Regierungen in letzter Zeit verstärkt ergriffen.
Vorreiter bei der Bekämpfung der maras in Zentralamerika war der honduranische Präsident Ricardo Maduro. Schon in seinem Wahlkampf stellte er das Thema Sicherheit in den Mittelpunkt und bei seiner Amtsübernahme im Januar 2002 versprach er eine Null-Toleranz-Politik gegenüber Kriminellen. Jugendliche, die aussehen, als würden sie einer mara angehören, werden (zumindest vorläufig) festgenommen. Bei Straßenkontrollen werden von Militär und Polizei Autos und Busse, die in Richtung eines Elendsviertels fahren, angehalten. Alle männlichen Insassen müssen ihre Hemden ausziehen. Wer tätowiert ist, wird abgeführt. Diese rein repressiven Maßnahmen führt die Regierung Maduro seit August 2003 unter dem Motto „Operación Libertad“ (Operation Freiheit) durch.
Der Tatkraft seines honduranischen Kollegen wollte der salvadorianische Präsident Francisco Flores offenbar nicht nachstehen. Im Juli vergangenen Jahres kündigte er die „Operación Mano Dura“ (Operation Harte Hand) zur Bekämpfung der maras an.
Einen noch eingängigeren Namen wählte der am 14. Januar 2004 aus dem Amt geschiedene Ex-Präsident Guatemalas, Alfonso Portillo. Er ordnete Anfang August letzten Jahres den „Plan Escoba“ (Plan Besen) an, der ebenfalls massive Polizei- und Militäroperationen zur Ergreifung der mareros vorsieht. MenschenrechtsaktivistInnen und SicherheitsexpertInnen kritisieren diese Maßnahmen, die zu einer Militarisierung führten anstatt die zivilen Kräfte zu stärken. Der Einsatz der Streitkräfte bedeutet in Guatemala außerdem eine Verletzung der Friedensverträge, die eine Entmilitarisierung des Landes vorschreiben.

Anti-Mara-Gesetze
Der Aktivismus der zentralamerikanischen Regierungen beim Durchgreifen gegen die maras kam Umfragen entsprechend bei der Bevölkerung zwar gut an, besonders effektiv waren die Maßnahmen jedoch nicht. Militär und Polizei nahmen massenhaft mutmaßliche mareros fest. Auf Grund fehlender Tatbestände oder mangelnder Beweise musste die überwältigende Mehrheit jedoch kurz später wieder freigelassen werden. Die Regierungen ließen sich dadurch nicht entmutigen, sondern schafften kurzerhand die fehlenden Tatbestände.
Als erste in der Region brachte die Regierung Maduro ein so genanntes Anti-Mara-Gesetz auf den Weg. Am 7. August 2003 verabschiedete der Kongress einstimmig eine Änderung des Artikels 332 des Strafgesetzbuches, die maras zu kriminellen Vereinigungen erklärt. Schon allein die Zugehörigkeit zu einer Jugendbande kann in Zukunft mit bis zu drei Jahren Gefängnis bestraft werden. Für die AnführerInnen der maras sind sogar Strafen zwischen neun und zwölf Jahren vorgesehen.
El Salvador folgte kurz darauf dem Beispiel Honduras. Am 9. Oktober 2003 verabschiedete das Parlament ein Gesetz, das die maras zu „kriminellen Banden und unerlaubten Organisationen“ erklärt. Angehörige einer Straßengang können mit zwei bis fünf Jahren Gefängnis bestraft werden. Eine konkrete Straftat muss ihnen dafür nicht nachgewiesen werden. Diese Strafen liegen deutlich unter dem im honduranischen Gesetz vorgesehenen Maß. Das Anti-Mara-Gesetz in El Salvador schließt jedoch Regelungen ein, die in Honduras nicht einmal ernsthaft diskutiert wurden und die nach Ansicht vieler gegen mehrere Artikel der Verfassung sowie gegen internationale Abkommen, die El Salvador unterzeichnet hat, verstoßen.
Kriminelle Kinder und Jugendliche ab zwölf Jahren sollen strafrechtlich wie Erwachsene behandelt werden können. Dies missachtet die von El Salvador unterzeichnete internationale Konvention zum Schutz der Rechte des Kindes. „Sie ist in stabilen Demokratien sicher angebracht, nicht aber in El Salvador“, meint dazu Mauricio Sandoval, ehemaliger Direktor der Nationalen Zivilpolizei in El Salvador. Weiterhin sieht das Anti-Mara-Gesetz die Einrichtung von Sondergerichten vor, die Bandenmitglieder im Schnellverfahren aburteilen können. Zahlreiche Formen von öffentlicher Versammlung werden unter Strafe gestellt.

Hitzige Debatte
Die Verabschiedung des Anti-Mara-Gesetzes in El Salvador ging nicht so glatt wie in Honduras, wo ein breiter Konsens zwischen den Abgeordneten aller politischen Parteien und Strömungen herrschte. Vor allem die linke FMLN (Frente Farabundo Martí para la Liberación Nacional) lehnte das Anti-Mara-Gesetz als verfassungswidrig ab.
Zeitweise wurde in der aufgeheizten politischen Debatte sogar die Lüge verbreitet, die FMLN unterstütze aktiv die maras, indem sie diese beispielsweise mit Waffen versorge.
Erst nach einer zweimonatigen Debatte wurde das Anti-Mara-Gesetz mit knapper Mehrheit mit 43 Stimmen von ARENA (Alianza Republicana Nacionalista) und PCN (Partido de Conciliación Nacional) gegen 41 Stimmen verabschiedet. Durch eine große öffentlich finanzierte Werbekampagne hatte Präsident Flores eine Kehrtwende bei der rechten PCN erreicht, die dem Gesetz ursprünglich nicht zustimmen wollte. Die Fraktion, die gerne das Zünglein an der Waage spielt, erklärte, sie halte das Gesetz weiterhin für verfassungswidrig, stimme ihm jedoch zu, da die Öffentlichkeit dies so wolle. Auch wollten sie dem Präsidenten keine Entschuldigung dafür liefern, dass er die maras nicht bekämpfen könne.
Auch mit der Verabschiedung des Anti-Mara-Gesetzes war der Konflikt in El Salvador über das umstrittene Gesetz nicht zu Ende. Ein großer Teil der Richterschaft des Landes erklärte, das Gesetz sei unnötig und verfassungswidrig. Wenn, so die Argumentation, bestimmte mareros tatsächlich Straftaten begangen haben, könnten sie dafür auch schon nach den bestehenden Gesetzen belangt werden. Einem Jugendlichen auf Grund seines Aussehens die Mitgliedschaft in einer Jugendbande vorzuwerfen und dafür zu verurteilen, wie es das Anti-Mara-Gesetz vorsieht, lehnen viele RichterInnen als verfassungswidrig ab. Sie ordnen Haft weiterhin nur an, wenn Beweise für konkrete Straftaten vorliegen. Somit musste die Mehrheit von Hunderten von Jugendlichen, die monatlich von den Sicherheitskräften im Rahmen von Mano Dura verhaftet werden, auf Grund mangelnder Beweise kurze Zeit später wieder frei gelassen werden. Die geringe Zahl derer, die schließlich angeklagt und verurteilt werden, machen Flores offizielle Verlautbarungen zweifelhaft, die Jugendbanden seien für 70 Prozent der Straftaten und hundert Morde monatlich verantwortlich.
Der offene Widerspruch der Justiz brachte die Regierung El Salvadors in eine unangenehme Lage. Die Weigerung der RichterInnen, das Anti-Mara-Gesetz anzuwenden, stellt die Effektivität von Mano Dura grundsätzlich in Frage, wenn die Mehrzahl der verhafteten mareros nicht verurteilt werden. Flores und andere RegierungsvertreterInnen reagierten mit heftigen Beschimpfungen gegen die RichterInnen und versuchten diese mit moralischen Vorwürfen unter Druck zu setzen. Wie Flores erklärte, „verweigern die Opposition und einige Richter den ehrlichen und arbeitsamen Bürgern ihr Recht auf Frieden und Sicherheit und verteidigen stattdessen die Existenzberechtigung von kriminellen Gruppen“.

Stimmen für harte Männer
Bei den „ehrlichen und arbeitsamen Bürgern“ kommen die Maßnahmen der Regierung gut an. Die Mehrheit unterstützt die Operación Mano Dura und Francisco Flores gewann an Popularität. Umfragen verschiedener Universitäten ermittelten, dass er in der Bevölkerung als der Präsident bekannt ist, der „hart gegen das Verbrechen“ vorgehe. Auch bei den Präsidentschaftswahlen im März war die Angst der Bevölkerung ein wichtiger Grund für den Sieg der rechten ARENA. (Siehe Artikel Seite 38) Die Offensive gegen die maras war in einem internen Dokument von ARENA selbst als „Wahlstrategie“ bezeichnet worden.
Auch wenn das Thema Jugendbanden im guatemaltekischen Wahlkampf eine geringere Rolle gespielt hat als in den Nachbarländern, versprach der für das Parteienbündnis GANA (Gran Alianza Nacional) kandidierende Oscar Berger in seiner Kampagne, gegen kriminelle Gruppen hart vorzugehen. Mit seinem Amtsantritt am 14. Januar wurde die repressive Anti-Mara-Politik in Guatemala intensiviert.
Als eine seiner ersten Amtshandlungen unterzeichnete der frisch vereidigte Präsident Berger am 16. Januar das von El Salvador, Nicaragua und Honduras am Tag zuvor auf den Weg gebrachte Zentralamerikanische Abkommen zur Bekämpfung der Jugendbanden. Die „Gemeinsame Erklärung über die Pandillas Mara Salvatrucha und Mara 18“ soll die grenzüberschreitende Festnahme von mareros unabhängig von ihrer Staatsangehörigkeit ermöglichen. Das Abkommen sieht außerdem eine Angleichung der Anti-Mara-Gesetzgebung in den zentralamerikanischen Ländern vor.
Es beeinträchtigte die Popularität der Anti-Mara-Gesetze offenbar nicht, dass sich inzwischen die Interamerikanische Menschenrechtskommission mit ihnen befasst. Die Kommission möchte mit einer Delegation in El Salvador, Honduras und Guatemala die Gesetze und ihre Anwendung überprüfen, die verschiedene Menschenrechtsorganisationen als willkürlich, antidemokratisch und die Menschenrechte verletzend angeklagt hatten.

Kriegserklärung
Auf die vermehrten Streifzüge der Sicherheitskräfte und das harte Vorgehen gegen die maras nach Bergers Amtsantritt in Guatemala, reagierten ihre Mitglieder teils mit brutaler Gewalt gegen die einfache Bevölkerung. „Herr Präsident, wenn Sie uns weiter verfolgen, werden wir noch mehr Menschen umbringen“, stand auf einem Zettel, der in Guatemala-Stadt neben einer Leiche gefunden wurde. In Honduras haben mareros einige Male abgetrennte Köpfe an öffentlichen Plätzen hinterlassen als offene Herausforderung an den Präsidenten Maduro und seine Offensive gegen die Straßengangs. „Maduro, so viele Millionen, die du ausgibst, und es gibt keine Sicherheit … Hurensohn”, war auf einem Zettel zu lesen, der im Februar neben einem Kopf ohne Augen, Ohren und Nase gefunden wurde.
Offenbar geht der Konflikt zwischen Jugendbanden und Regierungen in Zentralamerika in eine neue Runde.

Täter und Opfer
Bei den Meldungen über die Gewaltverbrechen der mareros ist zu bedenken, dass die meisten Todesopfer unter den Jugendlichen elbst zu beklagen sind. In El Salvador und Honduras ist Mord die häufigste Todesursache unter Jugendlichen.
Seit Jahren schon klagt die Nichtregierungsorganisation Casa Alianza (www.casa-alianza.org) gewaltsame Übergriffe auf Kinder und Jugendliche an. Allein in Honduras hat die Organisation im Zeitraum von Januar 1998 bis Februar 2004 2.190 Morde an unter 23-Jährigen in Honduras dokumentiert, die bis heute unaufgeklärt sind. Auch in Guatemala wurden vergangenes Jahr 747 Kinder und Jugendliche umgebracht, 229 davon waren unter 18 Jahren alt.
Selbst von RegierungsvertreterInnen wird die Existenz von geheimen Gruppen, die im Sinne einer „sozialen Säuberung“ Mitglieder von Jugendbanden ermorden, eingestanden. Die Bereitschaft, die MörderInnen zu finden und zur Verantwortung zu ziehen ist indes begrenzt. In keinem der Länder hat es bislang nennenswerte Fahndungserfolge bei diesen Fällen von extra-legalen Hinrichtungen gegeben. Der Grund liegt zum einen wohl in Verbindungen von MitarbeiterInnen der staatlichen Sicherheitskräfte zu den Todesschwadronen. Zum anderen verhindert das „langsame und korrupte Justizsystem“, dass die „soziale Säuberung“ rechtliche Konsequenzen hat, wie der Landesbeauftragte für Menschenrechte in Honduras, Ramón Custodio, in einem Bericht für den Kongress feststellt.
Auch die Haltung eines Großteils der Bevölkerung ist beunruhigend. Diese hat sich anscheinend an die Gewalt gewöhnt und angesichts der ermordeten Kinder und Jugendlichen eine gleichgültige Haltung angenommen. Bis zu dem extremen Standpunkt hin, dass die Morde an Kindern und Jugendlichen gerechtfertig seien.
Der regionale Leiter von Casa Alianza in Lateinamerika, Bruce Harris, betont, dass nicht alle mareros gleich seien. Es gebe eine Minderheit von Bandenmitgliedern, die sehr gefährlich seien, aber auch viele, die gerne aussteigen würden. Nach Umfragen des Instituts Iudop würden 87 Prozent der mareros lieber ein ruhiges Leben führen und sich von der Bande trennen – vor allem sobald sie verheiratet sind und Kinder haben.
Nichtregierungsorganisationen und Kirchen sind schon lange im Bereich Rehabilitierung ehemaliger mareros aktiv. Homies Unidos (www.homiesunidos.org) beispielsweise ist eine Organisation, die sich seit 1996 um Jugendbanden in den USA und El Salvador durch Reintegrations- und Umerziehungsmaßnahmen bemüht.
In Honduras führt die katholische Kirche das Programm „Adiós tatuajes“ (Tschüss Tätowierungen) durch. Etwa 12.000 junge Menschen haben sich dabei seit 2000 ihre Tätowierungen entfernen lassen, was in der Praxis einen Rückzug aus der mara bedeutet.

Resozialisierung und Rekrutierung
Auch gut funktionierende staatliche Resozialisierungsprogramme, die von den Regierungen keinesfalls abgelehnt werden, würden das Übel der mara leider nicht aus der Welt schaffen. So lange an den tieferliegenden Ursachen des Phänomens nichts geändert wird, werden die Jugendbanden weiter Zulauf finden. Trotz aller repressiven Maßnahmen haben die maras nach wie vor keine Probleme, neue Mitglieder zu rekrutieren. Es werden wohl weiterhin Tränen tätowiert werden.

Die Mara 18 hat ihre eigene Internetseite: http://xv3gang.com

Die Geschichte der maras

Die Bürgerkriege in Nicaragua, El Salvador und Guatemala in den 80er und frühen 90er Jahren lösten große ImmigrantInnenströme in die US-amerikanischen Städte aus. In den Armenvierteln dieser Städte wie Los Angeles und New York bildeten die Einwanderer, die nach sozialem Halt und Schutz vor rivalisierenden Gangs anderer Ethnien suchten, bald eigene Banden.
Die Mara Salvatrucha (MS) wurde in den 80er Jahren in Los Angeles gegründet. Ihr Name ist wahrscheinlich eine Kombination aus trucho (klug) und salvadoreño, da die Gang ursprünglich rein salvadorianisch war. Später rekrutierte die MS aber auch hispanics anderer Nationalitäten.
Die Mara Dieciocho (M18) hat ihren Namen von der 18. Straße im Stadtteil Rampart von Los Angeles. Die M18 war ursprünglich eine ethnisch gemischte Gang, geriet aber bald unter mexikanische Führung.

Ausbreitung in Zentralamerika
Die mareros begannen verstärkt nach Mittelamerika zu gelangen, nachdem der US-Kongress 1996 eine Reform des Einwanderungsgesetzes verabschiedete und ein Gesetz beschloss, nach dem alle zu mehr als einem Jahr Gefängnis verurteilten AusländerInnen nach dem Absitzen ihrer Strafe ausgewiesen werden sollten. Mit Tausenden illegal in den Vereinigten Staaten lebenden SalvadorianerInnen wurden in der Folge auch einige Hundert Angehörige von Straßengangs abgeschoben. Allein in den letzten vier Jahren wurden außerdem nach Angaben des US-Ministeriums für Innere Sicherheit circa 20.000 ehemalige Verurteilte nach El Salvador, Honduras und Guatemala ausgewiesen, unter ihnen auch mareros.
Die Einwanderung von mareros aus den USA hatte im Zusammenspiel mit der Armut, der Arbeitslosigkeit und der sozialen Desintegration ehemaliger KämpferInnen aus den Bürgerkriegen eine rasche Ausbreitung der Mara Salvatrucha und Mara 18 in ganz Zentralamerika zur Folge. Mittlerweile bilden die freiwilligen oder unfreiwilligen RückkehrerInnen nur noch eine kleine Minderheit unter den mara-Mitgliedern, da in den Städten eine massenhafte Rekrutierung stattgefunden hat und stattfindet.
Während in Nicaragua noch eine Reihe eigenständiger, meist auf ein Armenviertel begrenzter Jugendbanden existieren, sind in El Salvador, Honduras und Guatemala heute praktisch alle clikas (Cliquen) mit der Mara Salvatrucha oder der Mara 18 vernetzt. Den einzelnen Cliquen, aus denen sich die Jugendbanden zusammensetzen, gehören je nach Schätzungen zehn bis sechzig Mitglieder an. Sie agieren in ihrem jeweiligen Revier fast völlig autonom.
Die Angaben über die aktuelle Zahl der pandilleros in Mittelamerika gehen weit auseinander, je nachdem ob man die Polizeibehörden befragt oder einer Untersuchung der Universidad Centroamericana und der Organización Panamericana de la Salud glaubt. Diese Zahlen liegen zwischen 70.000 und einer halben Million, wobei die meisten aus Honduras (36.000), El Salvador (zwischen 10.500 und 35.000) und Guatemala (14.000) kommen.

Der Wechsel scheint möglich

Das Rennen um die Präsidentschaftswahlen am 21. März in El Salvador scheint wieder offen. Lange Zeit lag Tony Saca, der Kandidat der seit 15 Jahren regierenden rechten ARENA-Partei, in den Umfragen mit teilweise mehr als zwanzig Prozentpunkten vorne. Schafik Handal, der für die ehemalige Befreiungsbewegung FMLN antritt, liegt an zweiter Stelle. Seit Dezember holt er in den Umfragen jedoch stetig auf und lag Mitte Februar nur mehr wenige Prozentpunkte hinter dem ARENA-Kandidaten. Die beiden anderen Präsidentschaftskandidaten sind chancenlos.

Blau-Weiß-Rot
im ganzen Land
Im ganzen Land ist kaum noch ein Strom- und Telefonmast zu finden, der nicht in den ARENA-Farben Blau-Weiß-Rot gestrichen ist. Der mit Regierungsgeldern und der Unterstützung des salvadorianischen Kapitals gut geschmierte Propagandaapparat der regierenden ARENA verfügt über ein Vielfaches mehr an Geldern als die anderen Parteien. Dennoch ist im Wahlkampfteam von Tony Saca zunehmende Nervosität zu verspüren. El Cambio es hoy („Der Wechsel steht an“), der Wahlkampfslogan der FMLN, trifft die Stimmung in immer größeren Teilen der Bevölkerung. Dazu beigetragen haben auch die Hausbesuche der FMLN. Aus der finanziellen Unterlegenheit gegenüber der Regierungspartei hat die FMLN eine Tugend gemacht und tausende ihrer AnhängerInnen mobilisiert, die hunderttausende Haushalte besucht und über das Wahlprogramm der FMLN informiert haben. Diesem basisnahen Wahlkampf steht die inhaltsleere Materialschlacht von ARENA gegenüber, die auf allen Radio- und Fernsehkanälen täglich mit hunderten Spots präsent ist und die Sinnesorgane der WählerInnen bombardiert.

9.000 Jugendliche verhaftet
Das vielleicht größte Problem für ARENA ist, dass ihre martialische Kampagne einer „harten Hand“ gegen die allgegenwärtigen Jugendgangs, die so genannten maras, ins Leere gelaufen ist. Seit vorigem Sommer wurden über 9.000 Jugendliche verhaftet. Mehr als 90 Prozent von ihnen kämmen allerdings nach drei Tagen wieder frei, da sich die meisten RichterInnen weigern, jemanden nur wegen seiner Kleidung oder szenetypischen Tätowierungen zu verurteilen.

ARENA schürt die Angst
Seit einigen Wochen beschränken die ARENA-Regierung und ihre UnterstützerInnen in den Medien ihre Angstkampagne nicht mehr nur auf die Gewalt von Jugendgangs. Täglich warnen die Leitartikler der beiden großen Zeitungen und die Kommentatoren einiger Fernsehsender vor den schädlichen Konsequenzen einer Machtübernahme des Kommunisten Schafik Handal für die Beziehungen zu den USA. Die für die salvadorianische Ökonomie enorm wichtigen remesas, die Überweisungen von Familienangehörigen aus den USA, würden ebenso versiegen wie die Arbeitsplätze in den Textilfabriken, den so genannten maquilas, verloren gingen.

Heiße Monate in El Salvador

Bei den internen Vorwahlen um die Präsidentschaftskandidatur wartete die regierende rechte ARENA-Partei in diesem Sommer mit einer Neuheit auf: Erstmals wurde der Kandidat nicht vom Vorstand per Fingerzeig bestimmt. Aus knapp zehn Personen traf der Vorstand eine Vorauswahl von drei Kandidaten. Neben dem ehemaligen Sportreporter und Vorsitzenden des Unternehmerverbands, Tony Saca, waren dies der derzeitige Vizepräsident Carlos Quintanilla Schmidt und der ehemalige Todesschwadronist, Geheimdienst- und Polizeichef Mauricio Sandoval.
Als Sandoval merkte, dass die Würfel bereits zu Gunsten von Saca gefallen waren, trat er ebenso schnell von seiner Kandidatur zurück, wie er sie lanciert hatte. Nur Quintanilla Schmidt spielte das Spiel weiter, damit es kein publizistisch und politisch negativer Sololauf für Saca wurde. Der jedoch gewann die interne Vorwahl schließlich erwartungsgemäß haushoch. Der noch nicht 40-jährige Saca ist als ehemaliger TV-Sportreporter bekannter denn als Vorsitzender des Unternehmerverbandes, Besitzer von diversen Radiostationen – die durchweg seichte Unterhaltung gewürzt mit reaktionären Kommentaren verbreiten – oder gar als Politiker.
Zur Vorwahl waren die von der ARENA-Führung bestimmten Parteivorstände auf Gemeinde- und Departementebene zugelassen, sowie BürgermeisterInnen, Parlamentsabgeordnete und sektorielle VertreterInnen. Alle Departements und Sektoren stimmten für Saca, der damit auf starken internen Rückhalt seiner nach kontinuierlichen Stimmenverlusten in den vergangenen Wahlen geschwächten Partei zählen kann.

Eine Symbolfigur für Linientreue

In der FMLN (Frente Farabundo Martí para la liberación nacional) schlugen die internen Wellen in der KandidatInnenkür um einiges höher. Noch in der Nacht des relativen FMLN-Sieges bei den Parlaments- und Kommunalwahlen vergangenen März „akzeptierte“ Schafik Handal die inszenierte Bitte, sich als Präsidentschaftskandidat zur Verfügung zu stellen. Der heute 73-jährige Handal kann auf eine über 50 Jahre dauernde politisch aktive Laufbahn zurückblicken, zu der Untergrund, politisch legale Tätigkeit, Guerillakrieg, Friedensverhandlungen und Parlamentssitz gehören.
Bereits einen Tag nach Handals Antritt erklärte Oscar Ortíz, Bürgermeister von Santa Tecla und amtierender Präsident des salvadorianischen Kommunalverbandes, seine Gegenkandidatur. Starke Sektoren der FMLN sprachen sich allerdings für eine externe Kandidatur, und damit gegen Handal und Ortíz, aus, um über die gut 30 Prozent sicheren Frente-Stimmen hinaus neue WählerInnenschichten zu erreichen. Ein aussichtsreicher externer Kandidat wäre der bekannte und sehr populäre politische Fernsehkommentator Mauricio Funes gewesen. Die FMLN-Führung entschied jedoch, dass die Kandidatur nur für Parteimitglieder offen stehe und empfahl der Mitgliedschaft, für Schafik Handal zu votieren. Mit ihm wurde eine Symbolfigur für Linientreue ausgewählt – ungeachtet der Meinungsumfragen, in denen Handal weit abgeschlagen hinter Mauricio Funes, aber auch hinter Tony Saca oder Oscar Ortíz, liegt.
Immerhin schaffte es die FMLN diesmal die internen Emotionen unter Kontrolle zu halten. Die rechten Medien lechzten vergebens nach Keifereien und Keilereien, wie bei der letzten KandidatInnenkür vor fünf Jahren. Auch die interne Abstimmung am 27. Juli verlief weitgehend reibungslos. Nicht überraschend, aber mit nur 51,86 Prozent der abgegebenen Stimmen überraschend knapp, machte Schafik Handal das Rennen. Während Oscar Ortíz wichtige historische Gebiete des Befreiungskampfes wie Chalatenango, Morazán, San Vicente und La Paz, sowie „sein“ Departement La Libertad gewann, konnte Handal die restlichen neun Departements des Landes für sich entscheiden. Anscheinend machte das knappe Ergebnis am Abstimmungsabend zwar eine Krisensitzung notwendig, mit knapp drei Stunden Verspätung traten dann aber alle zufrieden vor die Kameras. Ortíz gratulierte Handal zu seiner Kandidatur und sicherte ihm seine volle Unterstützung zu. Für das Amt des Vizepräsidenten wurde – ohne Gegenkandidaten, quasi per Akklamation – der ehemalige Präsident des Ärztegremiums Guillermo Matta bestätigt.
Immerhin: Die internen Wahlen der FMLN waren diesmal bedeutend sauberer als noch vor einem Jahr, jene für die Abgeordneten- und BürgermeisterInnenkandidaturen. Außerdem liefen sie ohne öffentliche Streitigkeiten ab. Dies lag zum einen wohl an der politischen Reife der Kandidaten, ist aber auch Zeugnis des gestärkten Willens, die Parteieinheit über interne und personelle Zwiste zu stellen. Die Gründe für die erneut enorm niedrige Wahlbeteiligung von nur knapp 37 Prozent der Parteimitglieder wurden allerdings auch diesmal nicht analysiert.

Feindbild Kommunismus

Ihre KandidatInnen noch nicht bestimmt haben die Zentrumsparteien. Die Mitte-Links-Partei CDU und die Christdemokraten (PDC) haben einen Wahlpakt formalisiert und liebäugeln nun mit einer Allianz mit der Rechtspartei PCN. Nur so hätten sie gegen die beiden Kandidaten von ARENA und FMLN eine Chance. Angesichts der ideologischen Unterschiedlichkeit der Parteien und der ebenso vielfältigen personellen Aspirationen der jeweiligen Parteispitzen ist jedoch noch unklar, ob solch ein Bündnis möglich wird.
Ebenso bleibt abzuwarten, inwieweit der parteiintern als Garant gesehene Linkskandidat Handal in der Lage sein wird, Stimmen über die harten 30 Prozent der FrentewählerInnen hinaus zu mobilisieren. Handals Figur als historischer Repräsentant des jahrzehntelang als Feindbild propagierten „Kommunismus“ scheint dafür denkbar ungeeignet. Andere Gegenargumente sind sein cholerischer Charakter und sein Alter. Setzt Handal darauf, dass die Ablehnung einer Rechtsregierung seitens der Bevölkerung genügt, um ihm die notwendigen Stimmen zu sichern? Oder entscheidet sich die FMLN doch noch dazu, Absprachen und Allianzen mit anderen Gruppierungen und Parteien zu treffen? Wird es Saca, wie dem jetzigen Präsidenten Flores vor fünf Jahren, gelingen, sich als Alternative in der derzeitigen Krise zu präsentieren und damit durchzukommen, oder lässt sich die WählerInnenschaft von den falschen Versprechungen der neoliberalen Apostel diesmal nicht täuschen? Oder wird es doch ein weiteres Mal die wahltaktisch nicht erbauliche Figur des Präsidentschaftskandidaten der FMLN sein, welche der Rechten eine weitere Amtsperiode in die Hände spielt?
El Salvador stehen auf alle Fälle heiße Monate bevor, und die Rechte scheint bereit, alle Register zu ziehen, um den laut Meinungsumfragen bestehenden soliden Stimmenvorteil der FMLN abzubauen. Zum Beispiel durch Repression und eine Politik der harten Hand: Soldaten sollen jetzt gegen die in El Salvador verbreiteten Jugendbanden eingesetzt werden – das verspricht Stimmen. Wie dies in imperialen Zeiten so üblich ist, hat auch die US-Botschafterin kurz vor ihrem Abtritt verlauten lassen, dass bestimmte Vorhaben der FMLN, wie zum Beispiel die angekündigte Aufnahme diplomatischer Beziehungen zu Kuba und China sowie eine eigenständigere Position in den Freihandelsverhandlungen mit den USA, gar nicht in das Konzept harmonischer Beziehungen mit den USA passen würden. Ob dieses rhetorische Knüppelschwingen eine ähnliche Trotzreaktion wie in Bolivien hervorruft, wo dem Linksaktivisten Ivo Morales die Stimmen nach ähnlichen US-“Ratschlägen“ ans Stimmvolk nur so zuflogen, ist im Falle El Salvadors, das den USA in Sachen Handel und Migration fast völlig ausgeliefert ist, allerdings sehr fraglich.

Das kolumbianische Drogenbusiness

Exakte Aussagen, wie viel Drogengelder in die kolumbianische Ökonomie fließen, sind kaum zu treffen. Die Tatsache, dass allein im Laufe des Jahres 1993 Bankkonten und Anlagen von Drogenunternehmern aus Medellín mit einem Gesamtwert von 1,4 Milliarden US-Dollar eingefroren wurden, gibt jedoch eine ungefähre Vorstellung über die Größenordnung. Die verschiedenen Schätzungen schwanken zwischen 1,5 und 7 Milliarden US-Dollar Deviseneinnahmen jährlich. Das macht einen wesentlich kleineren Anteil am Bruttoinlandsprodukt (BIP) aus, nämlich zwischen 3 und 14 Prozent, als etwa in Bolivien oder Peru. Die meisten Schätzungen gehen von etwa 6 Prozent des BIP und einem ebenso hohen Arbeitsplatzanteil aus. Und Drogen sind nicht – entgegen weit verbreiteten Vorstellungen – das wichtigste kolumbianische Exportprodukt. Dennoch wurden über die Jahre hinweg zweistellige Milliardensummen akkumuliert und größtenteils in Ländereien, Immobilien, Luxuskonsumgüter und Dienstleistungen investiert. Das Vermögen der Drogenbourgeoisie soll bereits Anfang der 1990er Jahre mehr als 30 Prozent des gesamten kolumbianischen Reichtums inner- und außerhalb der Landesgrenzen ausgemacht haben.
Für gewöhnlich werden die illegalen Strukturen der Drogenhändler als „Kartelle“, als große, weitverzweigte Organisationen, dargestellt. Dieser Begriff beschreibt das Phänomen allerdings nur unzureichend. Die illegalen Strukturen der Drogenhändler entsprechen eher Organisationsmustern, wie sie auch von postfordistischen, transnationalen Konzernen bekannt sind. So arbeitete das Cali-Kartell als modernes dezentralisiertes Unternehmen transnational, war mit modernsten Geräten und Techniken ausgestattet, unternahm Marktanalysen und entwickelte neue Verkaufsstrategien, Produkte sowie Produktionsabläufe. Die Personen, die im Drogensektor arbeiten, sind wie in der legalen Wirtschaft frei austauschbar. Daher führt ihre Verhaftung auch nicht zum Verschwinden des Drogengeschäfts. Ein FBI-Agent berichtete über den Kokainhandel Medellíns, die Managementhierarchie sei fließend gewesen, Positionen wie Organisationszugehörigkeit hätten häufig gewechselt, und auch eigenständige Nebengeschäfte wären vorgekommen.
Teilweise schließen sich mehrere Drogenunternehmen zusammen, um gemeinsame Großinvestitionen wie beispielsweise den Bau von Großlabors mit Kosten von 20 Millionen US-Dollar vorzunehmen. Die Vertriebsstrukturen der großen Drogenoligopole werden auch unabhängigen Produzenten – gegen Bezahlung – zur Verfügung gestellt. Infiltrierte Agenten der US-Drogenbehörde DEA (Drug Enforcement Administration) im Cali-Kartell haben feststellen können, dass an der Spitze des zellenartig organisierten Konglomerats ein „Rat der Unternehmer” stand. Jedes Mitglied des Rates war von diversen Beratern und Delegierten umgeben, die sich untereinander nicht kannten. Der Rat kümmerte sich um legale Investitionen des Clans, koordinierte die Geldwäsche, die Einrichtung von Laboratorien und den Vertrieb der Drogen. In einer Untersuchung stellte die Tageszeitung El Espectador 1994 fest: „Außer den Gebrüdern Rodriguez Orejuela sind alle anderen Unternehmer Akademiker: Anwälte, Ökonomen, Betriebswirte, welche sich gerne mit jungen Universitätsabsolventen umgeben, die neue Ideen in das Unternehmen einbringen können.“

Die Nachfolge der Kartelle

Nach der Zerschlagung des Medellín-Kartells in Folge der Ermordung Pablo Escobars im Dezember 1993 und des Cali-Kartells 1995 fächerte sich die Struktur des Kokainbusiness in Kolumbien weiter auf. Es traten zwar neue Kartelle auf, etwa das Cartel del Valle, doch bei genauer Betrachtung entspricht die heutige Struktur des Kokainbusiness in Kolumbien nach Angaben des Pariser Observatoire Geopolitique de Drogues (OGD) einem dichten Netz von etwa 2.500 kleinen und 40 mittleren Organisationen, die insgesamt über mindestens 700 geheime Landebahnen verfügen. Vielfach wird die Zerschlagung des Cali-Kartells als ein mit der kolumbianischen Regierung vereinbarter Rückzug interpretiert. Zuvor hatte das Cali-Kartell eine wesentliche Rolle beim Krieg gegen das Medellín-Kartell gespielt und sein Exportnetz in die USA in Verhandlungen teilweise an mexikanische Narcos abgegeben. Die kolumbianischen Narcos wuschen einen Großteil ihrer illegalen Gelder in legalen Unternehmen und treten heute diskreter als früher in Erscheinung. Sie behielten aber ihre Vormachtstellung in Produktion, Raffinierung und Handel.
Zur Sicherung der eigenen Straffreiheit sind umfassende Maßnahmen notwendig. Gewalt ist dabei nicht einmal die favorisierte Methode, da sie Aufmerksamkeit erregt. Die Kokainunternehmer des Medellín-Kartells scheiterten, weil sie die Gewalt als Mittel überstrapazierten und ihre strukturellen Grenzen zu spät erkannten. Die meisten Unternehmen bauen ihre Führung auf Verwandschaftsverhältnisse oder langjährige Freundschaften auf, um sich eine Vertrauensbasis zu schaffen. Zum Schutz vor Strafverfolgung versuchen sie sich mittels sozialer Maßnahmen auch die Loyalität in der Bevölkerung zu sichern. Oder sie bestechen Behörden und infiltrieren verschiedene Machtebenen.

Die Todesindustrie

Dennoch bleibt Gewalt aus unternehmerischer Sicht ein notwendiges Mittel zur Regulierung des Handels. In Medellín bildete sich als Folge der Aufträge aus der Drogenbranche mit der Zeit eine regelrechte Todesindustrie heraus. Die kolumbianische Regierung geht davon aus, dass etwa 10.000 Personen in diesem Bereich tätig sind, 25 Prozent davon als Vermittler. Nach offiziellen Angaben operierten Anfang der 1990er Jahre in Medellín 300 Jugendbanden und mindestens 5.000 sicarios, wie die Killer in Kolumbien genannt werden. Sie bekommen ihre Jobs bei spezialisierten Vermittlungsagenturen, von denen es Mitte der 1990er Jahre im Stadtgebiet von Medellín mindestens 45 gegeben haben soll. Solche Agenturen bieten den Kunden höchstmögliche Anonymität, ersparen ihnen die direkte Kontaktaufnahme mit den sicarios und interessieren sich nicht für die Motive. Die billigsten erledigen Morde für 75 bis 400 Euro, für etwas kompliziertere Aufträge werden zwischen 1.000 und 13.000 Euro verlangt. Die angeseheneren Vermittlungsagenturen sind um ein Vielfaches teurer.

Ein Mord für 75 Euro

Die Jugendlichen, die die Morde letztendlich durchführen, sind das letzte Glied in der „Outsorcing-Kette“ und bekommen – ebenso wie die Produzenten in der legalen Wirtschaft – nur ein Trinkgeld im Vergleich zum Auftragsvolumen. So erhielt beispielsweise der 15-jährige sicario, der am 22. März 1990 den Präsidentschaftskandidaten Bernardo Jaramillo ermordete, nur etwas über 800 Euro von den insgesamt 420.000 Euro, die das Attentat gekostet haben soll.
Die Kokaingeschäfte laufen nach wie vor gut. Die weltweiten Anbauflächen, fast ausnahmslos in Bolivien, Peru und Kolumbien gelegen, wurden allerdings im vergangenen Jahrzehnt leicht reduziert, während sich die Anbaugebiete verschoben haben. Die ausgefeilteren Methoden zur Raffinierung und die verbesserte Pflanzenqualität sorgten jedoch für eine leichte Erhöhung der potenziellen Kokanettoproduktion.
Während Kolumbien schon immer Exportführer beim Kokain war, spielte der Anbau der Kokasträucher dort keine besondere Rolle. Erst in den letzten Jahren ist auf Grund drastischer Verringerungen in Peru ein starker Anstieg der Kokaanbauflächen in Kolumbien zu verzeichnen: um 18 Prozent im Jahr 1997 und um 28 Prozent im Jahr 1998. Auf Grund der niedrigeren Qualität der kolumbianischen Koka resultiert daraus aber dennoch weniger Kokain als in Peru. Laut offiziellen Angaben des US-State-Departments und der Drogenbekämpfungspolizei Kolumbiens betrug 1999 die Kokaanbaufläche in Peru etwa 51.000 ha, in Bolivien um die 60.000 ha und in Kolumbien 102.000 ha. Die Angaben unterscheiden sich jedoch von Quelle zu Quelle stark: Mitunter liegt auch Peru vorn und Kolumbien hinten. Hinzu kommen in Kolumbien 20.000 Hektar Schlafmohn und 5.000 Hektar Marihuana. Der Schlafmohnanbau zur Produktion von Heroin für den US-amerikanischen Markt befindet sich in Kolumbien seit Anfang der 90er Jahre im rapiden Anstieg. Mit einer geschätzten Produktion von über 20 Tonnen Heroin jährlich hat sich Kolumbien zum weltweit viertgrößten Heroinproduzenten nach Burma, Afghanistan und Laos gemausert.

KASTEN:
Vom Koka zum Kokain
Die Kokapflanze stammt ursprünglich aus dem Amazonasgebiet und wird seit Jahrtausenden in Peru, Bolivien, Brasilien und Kolumbien angebaut. Allerdings sind Anbau und Konsum in Kolumbien nicht so verbreitet und verwurzelt wie in den historischen Kokaländern Peru und Bolivien. Die Blätter des ein bis vier Meter hohen Strauchs werden traditionell von indianischen Gemeinschaften bei religiösen Ritualen eingesetzt. Sie dienen als Medizin für verschiedene Leiden, vertreiben den Hunger und stärken das Durchhaltevermögen: Kokablätter stellen ein leichtes Aufputschmittel dar.
Kokain ist ein mit einem chemischen Prozess aus Koka gewonnenes Alkaloid. Es wurde erstmals 1855 in einem deutschen Labor als eigene Substanz herausgetrennt. Die stimulierende Wirkung der Kokablätter stieß auch in Europa und den USA auf Interesse: Ab 1863 wurden Kokablätter in Wein eingeweicht und als Getränk vermarktet. 1885 entstand mit einer ähnlichen Rezeptur Coca-Cola. In Coca-Cola sind bis heute Kokablätter enthalten, doch die Coca-Cola Company trennt das Alkaloid Kokain zuvor heraus.
Gegen Ende des 19. Jahrhunderts war Kokain – das auch in Europa und den USA zunehmend die Kokablätter ablöste – als Medikament gegen Herzrythmusstörungen, Heuschnupfen und Depressionen weit verbreitet. Zur Kostenersparnis wurde die Verarbeitung der Kokablätter in die Anbauländer verlegt und bereits 1891 produzierten die meisten Pharmaunternehmen ihr Kokain direkt in Peru oder Bolivien. Kokain war schon vor einem Jahrhundert sowohl in seiner Herstellung wie in seinem Konsum eine transnationale Ware.
Kokablätter und Kokain wurden zu Anfang des 20. Jahrhunderts immer populärer, bis die USA 1915 beides als Droge deklarierten, gleichsetzten und verboten. Der Preis des Kokains stieg schlagartig und ein umfassendes Netz von illegalen Händlern bildete sich. Bereits kurze Zeit danach begannen die USA eine Antidrogenpolitik in den Herkunftsländern des Kokain zu fordern.
Der rasante Aufstieg des Kokains setzte aber erst in der zweiten Hälfte der 1970er Jahre ein. Die Meinungen über den Grund gehen auseinander, doch wird allgemein angenommen, dass Kokain als Leistungsdroge gut in die durch Individualismus und allgemeinen Wettbewerb geprägte neoliberale Gesellschaft passt. Hinzu kommt das elitäre Image, das der Droge, die immer wieder mit Filmstars, Sportlern und Musikern in Verbindung gebracht wird, anhaftet, und ihr Ruf, eine ungefährliche, harmlose Droge zu sein.
Mit dem Auftauchen von Crack ab Mitte der 1980er Jahre konnten Absatz und Gewinnspanne für die Händler in den Konsumentenstaaten vergrößert werden. Crack wird aus pulverförmigem Kokain durch Vermischung mit Backpulver und Erhitzung hergestellt und in Form kleiner „Steine“ (rocks) verkauft. Die Menge des Kokains konnte so vervielfacht und in kleineren und billigeren Dosen angeboten werden, was einkommensschwächere Käuferkreise erschloss. In der Drogenszene gilt Crack als verheerendste Droge überhaupt. Schon drei stecknadelgroße Brocken können zur ständigen Abhängigkeit führen. Die USA gelten als das größte Drogenkonsumland der Erde. Laut Zahlen des National Institute on Drugabuse (NIDA) waren in den USA noch 1974 etwa 6,5 Millionen Personen Kokainkonsumenten, 1977 sollen es bereits 11,5 Millionen gewesen sein. Seit Anfang der 1980er Jahre pendelte sich die Anzahl der Kokain- oder Crackkonsumenten zwischen 35 und 40 Millionen ein. Die Zahlen erscheinen jedoch stark aufgebläht, um die Gefahr durch Drogen möglichst bedrohlich darzustellen. Dario Azzellini

Vom Anbau zum Verkauf: Die transnationale Handelsware Kokain

Kokain ist eine typische transnationale Handelsware, deren Zyklus sich grob in fünf Etappen aufteilen läßt: Kokaanbau, Herstellung der Kokapaste, Veredelung der Paste zu Kokain, Export in die Konsumentenmärkte und Vertrieb in den Importmärkten.
Die meisten Bauern verlegen sich auf den illegalen Anbau von Drogengrundstoffen, weil der Anbau anderer Agrarprodukte aufgrund der niedrigen Preise kaum reicht, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Daher sind auch staatliche Umstellungsprogramme, die eine einmalige Zahlung an die Bauern vorsehen, ungeeignet, um den Anbau einzudämmen. Denn bei der Kokapflanze sind die Kapitalinvestitionen niedriger und die Erträge höher. Hinzu kommt, dass der Transport anderer landwirtschaftlicher Erzeugnisse zu den Verbrauchermärkten wesentlich kostspieliger und umständlicher ist. Die Kokapflanze gilt allgemein als sehr robust, sie bedarf faktisch kaum der Pflege und kann auch ohne Dünger oder spezielle landwirtschaftliche Maschinen angebaut werden. Sie kann zehn Monate nach der Aussaat zum ersten Mal geerntet werden und bringt danach etwa 20 Jahre lang drei bis sechs Ernten jährlich.
Nach der Ernte werden die Blätter entweder in der Sonne getrocknet oder in Art eines Gärungsprozesses immer wieder angefeuchtet und unter Zuhilfenahme von Decken mit den Füßen trocken gestampft. Zur Extraktion des Alkaloides Kokain werden die getrockneten Kokablätter mit Wasser und Schwefelsäure in großen Holz- oder Betonbehältern eingeweicht und nach 12 bis 24 Stunden, in denen die so genannten pisacocas (Kokatreter) die breiige Masse stampfen, Kerosin, Kalziumkarbonat, Natriumkarbonat und andere lösende Chemikalien beigemischt. An der Wasseroberfläche entsteht so eine gelbliche bis weißliche „rohe“ Kokapaste. Dieser Prozeß ist sehr arbeitsintensiv, verlangt aber keine besonderen Geräte oder Laborausrüstung, sondern nur Kenntnis über die chemischen Substanzen und ihr Mischungsverhältnis. Anfang der 1980er Jahre versuchten die Zwischenhändler noch, diese Informationen geheim zu halten. Erfolglos, denn heute stellen viele Kokabauern die Paste selbst her.
Die Kokapaste wird von Zwischenhändlern aufgekauft und in die Kokainlabors zur Herstellung des Kokains transportiert. Die Labors befinden sich in schwer zugänglichen Gebieten, um sie so besser vor staatlicher Verfolgung zu schützen. Solche Labors gibt es auch in Bolivien und Peru, die meisten stehen jedoch in Kolumbien. Ebenso wurden, zumindest bis Mitte der 1990er Jahre, auch die Labors in den anderen Andenstaaten durch Kolumbianer kontrolliert. Aus der Kokapaste wird in einem Reinigungsprozess, der Raffinierung, unter Beimischung von Ether, Azeton, Ammoniak und Pottasche sowie unter der Verwendung von Filtern eine Veredelung zu der grauen bis bräunlichen Kokainbase erreicht. Durch weiteres Filtrieren, etwa zu dem noch leicht verklumpten Rocks-Kokain, kann eine Alkaloidreinheit von 70 bis 85 Prozent erreicht werden. Aus der Base entsteht unter Beimischung von Salzsäure, eventuell Ether und Azeton, das weiße, feinflockige Kokainhydrochlorid mit einem Reinheitsgrad von 95 bis 99 Prozent. Für ein Kilogramm Kokain braucht man je nach Qualität in Kolumbien etwa 550 kg, in Peru 300 kg und in Bolivien 250 kg Kokablätter.
Beim Drogentransport in die Abnehmerländer konnten die kolumbianischen Händler ihre Vormachtstellung auf dem Drogenmarkt ausbauen und lange Zeit halten. Im Laufe der Jahre wurden ausgefeilte Routen unter Kombination von Luft-, See- und Landwegen entwickelt. Der Vertrieb der Drogen in den Zielländern, bei dem letztendlich der Großteil der Gewinne realisiert wird, befindet sich nur zum kleinen Teil in den Händen kolumbianischer Händler. Dario Azzellini

Der gewalttätige Frieden

Zwei Hauptgründe werden gemeinhin als Ursachen für den Krieg in El Salvador genannt: Erstens die extreme soziale Ungleichheit, insbesondere auf dem Land. Obwohl die salvadorianische Ökonomie zwischen 1960 und 1978 eine durchschnittliche jährliche Wachstumsrate von 5,4 Prozent erzielte, lebten 1979 83 Prozent der ländlichen Bevölkerung in Armut. Zweitens das Verschwinden jeglicher politischer Freiräume für eine zivile politische Opposition. Zweimal wurde den Oppositionsparteien in den 70er Jahren durch Wahlfälschung der Sieg an den Urnen geraubt, auf die wachsenden Proteste reagierten die regierenden Militärs immer repressiver.
Der Mord an Erzbischof Oscar Arnulfo Romero im März 1980 markierte das Ende einer Epoche. Wenn Militär, Polizei und Todesschwadrone nicht einmal mehr vor dem Mord am Oberhaupt der salvadorianischen Kirche zurückschreckten, dann war gar kein ziviler Protest mehr möglich. Der Trauerzug für den ermordeten Erzbischof war mit mehr als 100.000 Menschen die letzte große Mobilisierung der zu dieser Zeit wohl stärksten Volksbewegung des Kontinents – und endete in einem Massaker der Polizei, die auf die Trauernden das Feuer eröffnete und mindestens 50 Menschen ermordete.
Im Laufe des Jahres 1980 wurde der Krieg unvermeidbar. Alle Versuche einer gesellschaftlichen Veränderung auf legalem und friedlichem Weg waren gescheitert. Um die bestehenden Machtstrukturen zu verändern, blieb der Opposition nur noch der bewaffnete Kampf. Die verschiedenen seit 1970 entstandenen Guerillagruppen hatten immer mehr Zulauf. Nachdem sie sich im Oktober 1980 zur FMLN (Frente Farabundo Martí para la Liberación Nacional) zusammengeschlossen hatten, wagten sie Anfang 1981 eine „Endoffensive“, die zum Beginn von zwölf Jahren Bürgerkrieg wurde.

Der unvermeidbare Krieg
Das Regime erhielt 1984 als demokratische Fassade einen gewählten Präsidenten und überlebte durch vier Milliarden US-Dollar Militär- und Wirtschaftshilfe der USA. Washington machte El Salvador zum Experimentierfeld für seine Strategie eines „Krieges niedriger Intensität“, dem bis 1992 rund 80.000 Menschen zum Opfer fielen, und duldete oder unterstützte unzählige Menschenrechtsverletzungen.
Spätestens die groß angelegte FMLN-Offensive im November 1989 machte allerdings deutlich, dass zwar ein militärischer Sieg der Guerilla verhindert, diese aber auch nicht besiegt werden kann. Zudem wuchs nach der Ermordung von sechs Jesuiten während der Offensive durch eine von den USA ausgebildete Eliteeinheit der Druck im US-Kongress, die Unterstützung der salvadorianischen Streitkräfte einzustellen.
Umgekehrt musste auch die FMLN erkennen, dass der bewaffnete Kampf in absehbarer Zeit zu keiner grundlegenden Veränderung der Kräfteverhältnisse führen würde. Und die Kriegsmüdigkeit der Bevölkerung wuchs. Neue Zeiten brachen an, das Ende des Kalten Krieges zeichnete sich ab. Auf beiden Seiten wuchs der Pragmatismus. Unter Vermittlung der Vereinten Nationen begann ein Verhandlungsprozess, der nach einigen Rückschlägen in das am 16. Januar 1992 unterzeichnete Abkommen von Chapultepec mündete. Die größten Schwierigkeiten im Verhandlungsprozess bereiteten die Streitkräfte, jahrzehntelang fast uneingeschränkte Herrscher im Land. Lange Zeit blockierten sie die Verhandlungen und trotzten der FMLN ein ums andere Mal Zugeständnisse ab. Erst als die Guerilla zuerst auf die Auflösung beider Armeen (von Regierung und Guerilla) und später selbst auf die Integration ihrer Einheiten in die Regierungsarmee verzichtete, gelang der Durchbruch.

Das Friedensabkommen
Das Friedensabkommen umfasst auf rund 100 Seiten drei Hauptbereiche: Reformen des Militärs, der Polizeieinheiten und der zivil-militärischen Beziehungen, politische und sozio-ökonomische Reformen. Der mit Abstand detaillierteste Bereich betrifft das Miltär und die Polizei. Immerhin: Die Streitkräfte wurden offiziell der zivilen Gewalt untergeordnet, ihre Aufgaben auf den Schutz der „nationalen Souveränität und territorialen Integrität“ beschränkt und ihr Einsatz bei internen Konflikten fortan untersagt. Die fünf Elitebataillone, die für eine Vielzahl an Massakern und Verbrechen verantwortlich waren, wurden aufgelöst. Eine „Wahrheitskommission“ untersuchte die schwersten Menschenrechtsverletzungen von Armee und FMLN. Auf deren Ergebnisse antwortete die Regierung 1993 allerdings umgehend mit einer Generalamnestie. Besonders wichtig war die Auflösung der drei berüchtigten Polizeieinheiten (Nationalpolizei, Finanzpolizei und Nationalgarde) sowie der Aufbau einer neuen „Zivilen Nationalpolizei“ (PNC).
Vager und unverbindlicher formuliert waren hingegen die Kapitel über die politischen Reformen. Die FMLN wurde legalisiert und ihre Teilnahme an Wahlen ermöglicht. Die Reform des unzulänglichen Wahlgesetzes steht in wichtigen Punkten jedoch bis heute aus. Und auch die Justizreform schleppte sich hin. Korrupte und zwielichtige Richter und Staatsanwälte, die für die Verschleierung zahlreicher Menschenrechtsverletzungen der Vergangenheit verantwortlich waren, konnten über Jahre hinweg im Amt bleiben.
Der eindeutige Schwachpunkt des Friedensabkommens ist allerdings der sozio-ökonomische Bereich. Die seit 1989 regierende ARENA konnte ihre neoliberale Transformation der Ökonomie unbehindert fortführen, die bestehenden Eigentumsverhältnisse wurden nicht angetastet (mit Ausnahme einiger allerdings unzureichender Bestimmungen im Agrarbereich; vgl. hierzu den Artikel von Martin Wolpold auf den Seiten 28 bis 31). Fast schon lächerlich mutet die Vereinbarung an, ein „Forum zur Ökonomischen und Sozialen Konzertierung“ unter der Beteiligung von Regierung, Unternehmern und Gewerkschaften einzurichten. Die Sozialpartnerschaft scheiterte schon mit der Weigerung des Unternehmerverbandes zu den Treffen zu erscheinen. Nach nur wenigen Monaten war das Forum sanft entschlafen.

Der lästige Frieden
Der neue UN-Generalsekretär Boutros Ghali bezeichnete 1992 das Friedensabkommen als „Revolution auf dem Verhandlungsweg“. Vielleicht hatte er noch die Bilder des roten Fahnenmeeres vor der Kathedrale der Hauptstadt und die feiernden AnhängerInnen der FMLN nach Abschluss des Friedensabkommens vor Augen. Wahrscheinlicher ist, dass er der FMLN schmeicheln wollte. Es war nämlich vor allem die FMLN, die immer wieder Zugeständnisse machte, zuerst im Verhandlungsprozess und später bei der Umsetzung der Friedensabkommen. Spätestens mit der Demobilisierung der letzten FMLN-Einheiten im Dezember 1992 hatte die Ex-Guerilla kein Druckmittel mehr, um die Regierung dazu zu bringen, ihre Verpflichtungen einzuhalten. Diese waren für die Regierung nicht mehr als eine lästige Pflicht, die nur so weit wie notwendig erfüllt wurden.

Die Rückkehr der Vergangenheit
Neben den im Abkommen vereinbarten zaghaften Schritten zur Fortführung der Agrarreform von 1980 und zur Übertragung von Land an demobilisierte FMLN-KämpferInnen und Regierungssoldaten ging es dabei vor allem um die Auflösung der alten Polizeieinheiten und den Aufbau der „Zivilen Nationalpolizei“ (PNC).
Präsident Cristiani und seit 1994 sein Amtsnachfolger Calderón Sol verzögerten zunächst den Aufbau der PNC, in die immerhin zu einem Fünftel auch ehemalige KämpferInnen der FMLN integriert werden sollten. Später setzten sie die Integration ganzer Einheiten der alten Nationalpolizei (PN) in die neue PNC durch. Dies hatte folgenschwere Auswirkungen auf das Ansehen und vor allem das Handeln der neuen Polizei. Zunächst von der Bevölkerung wegen ihres deutlich zivileren Auftretens weithin akzeptiert, näherte sich die PNC bald schon ihren Vorgängereinheiten an.
Allein im Jahr 1995 wurden über 2.000 Menschenrechtsverletzungen durch PNC-Angehörige festgestellt. In viele dieser Taten waren waren die Einheiten der alten PN verwickelt, die gar nicht als ganzes in die neue PNC aufgenommen hätten werden dürfen. So zum Beispiel die Abteilung zur Verbrechensuntersuchung, die von Oberst Carea geleitet wurde. Dieser wurde im Sommer 1994 zufällig bei einem Banküberfall gefilmt, von seinen Vorgesetzten aber gedeckt und ging straffrei aus.
Die Regierung hatte allen Grund, die PNC auf Linie zu bringen. Zahlreichen Regierungsfunktionären und Militärs wurde die Verwicklung in teils schwerste Verbrechen bis hin zu Kinderhandel zur Last gelegt. Mit einer unabhängig agierenden PNC hätte sich die Vertuschung dieser Taten deutlich komplizierter gestaltet.
Es war auch die autoritäre Grundeinstellung von Präsident Calderón Sol und seinen Gefolgsleuten, die einer wirklich „zivilen“ Polizei entgegen stand. Eine Rückkehr zum Autoritarismus der Vergangenheit drohte. Viel zu selten wurde der Kompromiss mit dem politischen Gegner gesucht, im Zweifel wurde auf Repression gesetzt. So zeigte die Polizei zum Beispiel große Härte bei Streiks im öffentlichen Dienst oder bei Protesten von Kriegsversehrten (von FMLN und Regierungsarmee) gegen die verzögerte Auszahlung längst zugesagter Hilfsleistungen. Bei den manchmal äußerst gewalttätigen Aktionen demobilisierter Regierungssoldaten hielt sie sich hingegen enorm zurück.

Law and Order
Trotz hoher wirtschaftlicher Wachstumsraten in den ersten Jahren nach Kriegsende verbesserte sich die Situation für die breite Bevölkerungsmehrheit nur wenig. Konnte Präsident Cristiani noch damit werben, Frieden geschaffen zu haben (die Übermacht der rechten Medien ließ keine andere Deutung zu), so hatte sein Parteifreund Calderón Sol kaum noch Erfolge anzubieten. Armut und Arbeitslosigkeit, Privatisierung von Staatsbetrieben und Preissteigerungen für Grundnahrungsmittel und öffentliche Dienste – die neoliberale Transformation der Gesellschaft kannte nur wenige Gewinner. Neben dem Handels- und Finanzkapital waren dies immer wieder auch Regierungsfunktionäre, die immer neue Wege der Korruption und Bereicherung fanden.
Doch die Schrecken des Neoliberalismus verblassten angesichts der grassierenden Gewalt im Lande, die die Menschen auf unterschiedlichste Art bedrohte. Neben den bereits erwähnten Übergriffen der Polizei und der organisierten Kriminalität war in den Jahren nach 1992 ein enormer Zuwachs an teils höchst brutaler Alltagskriminalität zu verzeichnen. Seit Jahren führt El Salvador die Gewaltstatistik in Lateinamerika an, im Vergleich zur Bevölkerungszahl werden in keinem Land des Kontinents so viele Menschen Opfer eines Verbrechens mit tödlichem Ausgang.
Neben der wirtschaftlichen Misere sind die Gründe auch in der langen Gewalterfahrung des Krieges zu suchen: Das Regime hat lange genug gezeigt, dass ein Menschenleben nichts wert ist. Und Viele hatten nichts anderes als den Umgang mit Waffen gelernt. Für die aktuelle Regierung war die Gewalt jedoch auch ein Segen: sie setzte auf law and order und profilierte sich als Partei der harten Hand. Die Wiedereinführung der Todesstrafe wurde nur knapp verhindert, Todesschwadrone wie der „Sombra Negra“ (Schwarzer Schatten) konnten lange Zeit ungehindert gegen (angebliche) Delinquenten und Angehörige von Jugendbanden vorgehen.
Bis heute ist die Gewalt eines der wichtigsten Themen für die salvadorianische Gesellschaft. Tatsächlich findet man vor allem in den Städten heute kaum jemanden, der nicht selbst einmal Opfer eines Verbrechens wurde. Auch wenn, wie häufig übersehen wird, die Gewaltwelle bereits 1995 ihren Höhepunkt hatte und die Zahlen seither stagnieren beziehungsweise leicht rückläufig sind, befindet sich die Gesellschaft fest im Griff der Gewalt. Die Angst wächst weiter und wirkt traumatisierend.
Die FMLN hat den Übergang von einer politisch-militärischen hin zu einer politischen Organisation vergleichsweise gut geschafft.
Bis zum Ende der Demobilisierungsphase im Dezember 1992 waren in fast allen Landkreisen Parteistrukturen aufgebaut. Aber es sollte sich auch das bewahrheiten, was einige vorsichtigere comandantes bereits zum Ende des Krieges erahnten: „Nicht jeder gute Guerillero, ist auch ein guter Politiker“. Abgesehen von der Vernachlässigung der eigenen Basis in den früheren Guerillahochburgen, die häufig beklagt wurde, zielt diese Feststellung auch auf die ideologische Verunsicherung, wie und wo sich die neue Partei gesellschaftlich und politisch verorten sollte.

Die verunsicherte Opposition
Am deutlichsten wurde dies bei der Führung der beiden Mitgliedsorganisationen ERP und RN um Joaquín Villalobos, die ihr Heil in einer fast vollständigen Verleugnung ihrer eigenen Vergangenheit suchte und bald nach ihrer Abspaltung von der FMLN Ende 1994 nicht einmal mehr davor zurückschreckte mit der regierenden ARENA 1995 einen Pakt zu schließen, der neben ein wenig Anerkennung durch die Eliten des Landes vor allem eine Erhöhung der Mehrwertsteuer brachte, die vor allem die armen Bevölkerungsschichten belastet. Aber auch die verbleibende Mehrheit der FMLN-Abgeordneten wirkte angesichts der neoliberalen Regierungspolitik manchmal merkwürdig defensiv: so wurde die Privatisierung von Staatsbetrieben zunächst nicht abgelehnt und auch kein alternatives Konzept vorgelegt, sondern lediglich eine „transparente Privatisierung“ gefordert.
Auch zeigte die FMLN zu große Distanz gegenüber den ohnehin schwächer werdenden sozialen Bewegungen, ganz als ob sie Angst gehabt hätte, von der Rechten der Destabilisierung des Landes oder der Behinderung des Friedensprozesses bezichtigt zu werden. So hatten die sozialen Organisationen, bis zum Kriegsende fast alle fest in die Strategie der FMLN eingebunden, seit 1992 enorme Probleme ihren eigenen Platz in der salvadorianischen Nachkriegsgesellschaft zu finden. Eine Verunsicherung, die lange Zeit nicht überwunden werden konnte, zumal einige der fähigsten Kader in die Partei abberufen wurden.

Verschenkte Chancen
Immerhin: Von Wahl zu Wahl legt die FMLN zu und regiert auf kommunaler Ebene inzwischen – oft erfolgreich – in fast allen großen Städten und über die Mehrheit der Bevölkerung. Auch überflügelte sie bei den letzten Abgeordnetenwahlen erstmals ARENA und ist nun stärkste Partei im Parlament. Den möglichen Sieg bei den letzten Präsidentschaftswahlen 1999 hat sie allerdings verspielt, als sie sich Monate lang lähmte und auf keinen Kandidaten beziehungsweise keine Kandidatin einigen konnte. Nicht die aussichtsreichste Person erhielt am Schluss den Vorzug, sondern derjenige Kandidat, der kurz zuvor die Kontrolle über den Parteiapparat errungen hatte.
Die unterlegene Fraktion hielt sich im Gegenzug im Wahlkampf zurück, und so hatte der Anführer der Parteitendenz der so genannten „Erneuerer“, Facundo Guardado, keine Chance gegen den eher blassen ARENA-Kandidaten Francisco Flores. Inzwischen ist eine erneute Spaltung der FMLN nicht auszuschließen (vgl. den Artikel von Franco Weiss auf den Seiten 13 bis 16), und so scheint es, als ob ihr gefährlichster Gegner die eigene Zerstrittenheit und fehlende politische Reife ist.
Dabei ist die einst stärkste Guerilla Lateinamerikas zehn Jahre nach Kriegsende die einzige politische Kraft, die der Vorherrschaft der alten Machteliten ein Ende bereiten könnte. Und die Menschen dieses geschundenen Landes, das nach Jahren des Krieges nun von Hurrikanen und Erdbeben, Dengue-Epidemien und Dürrekatastrophen heimgesucht wird, haben wahrlich etwas besseres verdient als die immergleiche Rezeptur aus neoliberaler Ausbeutung und autoritärer Entmündigung.

Zwischen Gewalt und der Sehnsucht nach Gerechtigkeit

Für 1999 wird die Zahl der maras in El Salvador auf 47 geschätzt, denen 20.000 bis 30.000 Jugendliche angehören. Dominiert werden die maras von aus den USA ausgewiesenen SalvadorianerInnen: Illegale ImmigrantInnen oder Kriegsflüchtlinge, die sich in den Ghettos von Los Angeles zu Latino-Jugendbanden zusammenschlossen und dort das Heft fest in der Hand haben. Fast zeitgleich mit dem Friedensabkommen wurden in den USA 1992 die Migrationsgesetze verschärft und in den folgenden Jahren tausende von Jugendlichen nach El Salvador deportiert, die sich in Gangs organisiert hatten oder auf andere Weise mit den Gesetzen in Konflikt geraten waren.
Zurück in El Salvador haben sie dort ganz schnell ihre Vorstellung von Straßenbanden durchgesetzt, in der Art ihres Auftretens – in ihrer Kleidung, ihren Symbolen, vor allem aber in der Dynamik der gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen verschiedenen Gangs, wie der Soziologe Miguel Cruz von der Jesuitenuniversität UCA in San Salvador feststellt.
Die maras, in denen Jugendliche aus den USA den Ton angeben, zeichnen sich dadurch aus, dass sie besonders groß und straff organisiert sind und mit Schusswaffen agieren. Die beiden bekanntesten unter ihnen sind die Mara Salvatrucha (MS) und die Mara Dieciocho (M18). Ihre aktivsten Mitglieder und Führer gehörten zuvor gleichnamigen Gangs von Latino-Jugendlichen in Los Angeles an. In El Salvador umfassen sie jeweils einige tausend Mitglieder und ihr Handlungsfeld ist nicht mehr auf einzelne Stadtviertel, die barrios, begrenzt. Sie unterhalten Verbindungen zu teils gleichnamigen maras in Guatemala und Honduras, in denen sich ebenfalls aus den USA ausgewiesene Jugendliche zusammengefunden haben.
Doch in den neuen maras nach 1992 fanden sich nicht nur Zwangsrückkehrer und Jugendliche aus den Stadtteilen zusammen, sondern auch viele demobilisierte ehemalige Guerillakämpfer und Soldaten, die sich in ihren Hoffnungen auf ein besseres Leben und soziale Anerkennung enttäuscht sahen. Cheno, ein 24-jähriger marero, kommentiert: „Als der Krieg zu Ende war, gab es für uns keine kostenlosen Schulen, keine Werkstätten, keine Möglichkeit weiterzukommen. Dann kam die Kultur der Gringos, die wir kopiert haben.“
Im Zentrum der maras steht, was die Jugendlichen das „verrückte Leben“ (vida loca) nennen: der Nervenkitzel, den die Kämpfe der eigenen Bande mit rivalisierenden Banden anderer barrios, mit besser sich dünkenden Jugendlichen (burgueses) oder der Polizei mit sich bringen. Zu leiten scheint sie die Lust an der Provokation und am (nicht immer kalkulierten) Risiko, Dinge zu tun, die bei „normalen“ Bürgern als anstößig gelten oder die ausdrücklich verboten sind. Am Bandenleben gefällt ihnen am meisten, was sie los vaciles nennen. Dies kann alles Mögliche bedeuten: von den herzlichen Beziehungen in der Bande und dem Zusammenhalt bis zu ihren Aktivitäten am Rande des Gesetzes oder jenseits davon und der action. Es umschreibt zugleich ihre Lebenswelt mit ihren – auch von ihnen oft so verstandenen – guten und schlechten Seiten.
Bei der Suche nach den Ursachen für den großen Zulauf der maras stoßen Untersuchungen immer wieder auf die verbreitete Perspektivlosigkeit. Für die Jugendlichen scheint es selbst unter gewalttätigen Bedingungen und unter großen Gefahren besser zu sein, angenommen und wertgeschätzt zu werden, als ein Nichts zu sein.
„Mit Gewalt entstand Respekt. Vorher respektierte mich keiner, weil ich arm war. Aber ich verschaffte mir Respekt, und es ist sehr wichtig, Respekt zu erlangen,“ begründet ein marero seine Mitgliedschaft.

Gewalt als Folge
Physische Gewalt bis hin zu bewaffneten Auseinandersetzungen spielen in den maras heute eine zentrale Rolle. Aber obwohl viele mareros sich nicht um Gesetze scheren, ist es falsch, sie nur als Teil einer kriminellen Subkultur zu verstehen. Man kann sie als eine Variante der Überlebenskultur der Armen und Ausgegrenzten begreifen. Die Gewalt der maras ist nicht einfach eine Folge der Armut, sondern geht eher auf die wachsende soziale Ungleichheit zurück, die vielen Menschen das Gefühl vermittelt, ungerecht und menschenunwürdig behandelt zu werden und deshalb Wut und Verzweiflung erzeugt.
Gewalt und Ungerechtigkeit erleben die Jugendlichen Tag für Tag, auf der Straße, in der Schule, bei der Arbeitssuche, im Umgang mit den staatlichen Autoritäten. Die Arbeitssuche kommt für sie einem Spießrutenlauf gleich, und wenn sie ausnahmsweise mal eine bezahlte Arbeit finden, werden sie wie eine Zitrone ausgepresst und müssen sich mit einem Hungerlohn begnügen, der nicht annähernd für die Befriedigung ihrer Lebensbedürfnisse ausreicht. Allein auf Grund von Tätowierungen und ungewöhnlicher Kleidung oder auch nur auf Grund ihres Wohnortes werden sie von staatlichen Autoritäten und selbst ernannten Saubermännern („Todesschwadronen“ und anderen paramilitärischen Gruppen) als potenzielle oder tatsächliche Kriminelle betrachtet, schikaniert, bedroht und häufig sogar umgebracht. Bei geringsten Anlässen werden sie von der Polizei eingesperrt und misshandelt, Mädchen nicht selten auch vergewaltigt.

Waffen in den Händen von Zivilisten
Im Falle El Salvadors lassen sich zusätzliche Faktoren benennen, die eng mit der jüngeren Geschichte des Landes verbunden sind: mit der gewaltsamen Phase des zwölfjährigen Bürgerkrieges und seinen Folgen nach Friedensschluss. Zu den Vereinbarungen des Friedensvertrages vom Januar 1992 zählten unter anderem eine drastische Reduzierung der Armee und die Auflösung sämtlicher Sicherheitskräfte (bei Aufbau der neuen zivilen Nationalpolizei). Allein 30.000 Armeeangehörige, die ihren Lebensunterhalt bislang mit der Waffe in der Hand verdienten, wurden entlassen. Die vorgesehenen Wiedereingliederungsprogramme waren wenig effektiv, so dass viele ehemalige Soldaten den Weg in eine neue Selbstständigkeit suchten. Sie raubten und mordeten fortan als kriminelle Banden, zum Teil gar in Waffenbrüderschaft mit dem vormaligen Feind, den demobilisierten FMLN-Guerilleros. Miguel Cruz kommentiert: “Wir haben zwölf Jahre damit verbracht, uns gegenseitig umzubringen, und als der Krieg endete, entdeckten viele, dass sie nichts anderes gelernt hatten.”
Ein weiterer Faktor ist die große Zahl an Waffen, die in den Händen von Zivilisten verblieben, einschließlich von Kindern und Jugendlichen.
Wenn die Jugendlichen sich in einer mara zusammenschließen, sind sie meist davon überzeugt, dass sie in einer ungerechten Welt leben und dass ihnen Unrecht widerfahren ist. Sie verstehen ihre mara und das, was sie treibt, als eine Art Rache an dieser Welt, die sie verletzt. Aber sie sind nicht politisch radikal in dem Sinne, dass sie die als feindselig und ungerecht empfundene Gesellschaft ändern wollen. Sie verteidigen in erster Linie sich selbst und wollen sich den Teil des Kuchens sichern, der ihnen zusteht, und sei es mit Gewalt.
Unter anderen politisch-gesellschaftlichen Umständen hätten viele Jugendliche, die sich seit den 90er Jahren in maras zusammenfinden, vermutlich andere, weniger destruktive und gewalttätige Ausdrucksformen gefunden oder sie hätten sich sozialen Bewegungen angeschlossen, die auf eine Veränderung der Lebensumstände zielen. Aber gegenwärtig ist nicht die Zeit für soziale Bewegungen und politische Alternativen existieren kaum.

Wahlen ohne Auswahl

Am 7. Februar wird Jean-Bertrand Aristide zum zweiten Mal den Amtseid ablegen. Sein Wahlsieg überraschte niemanden. Überraschend war höchstens das Ausmaß des Triumphs. 91,7 Prozent der gültigen Stimmen, so der Oberste Wahlrat, entfielen auf den Ex-Präsidenten. Sein engster Konkurrent, der Pastor Arnold Dumas, kam gerade auf 2,04 Prozent. Die 15 wichtigsten Oppositionsparteien hatten wegen der nicht ausgeräumten Manipulationen bei den Kongresswahlen vom vergangenen Mai zum Boykott aufgerufen. Sie sprechen auch jetzt dem gewählten Präsidenten die Legitimität ab, da nur drei Prozent der Wahlberechtigten von ihrer Stimme Gebraucht gemacht hätten. Aristide und der wiederholt der Parteilichkeit überführte Wahlrat, der im Übrigen noch keine zuverlässigen Daten vorgelegt hat, sprechen hingegen von 50 Prozent Wahlbeteiligung.
Für Senatspräsident und Lavalas-Sprecher Yvon Neptune ist der Erdrutschsieg ein Zeichen, dass die haitianische Bevölkerung Aristide zutraue, sie in eine bessere Zukunft zu führen: „Aristide ist nach wie vor ein Symbol für das Volk. Die Leute wissen, dass alles, was er tut, in ihrem Interesse geschieht.“ Dass die Herausforderung übergroß ist, gab der designierte Präsident selber in einem Pressegespräch zu. Acht Millionen Haitianer erwarten Lösungen für die drückende Armut, die verdreckten Städte, die heruntergekommene Umwelt und vor allem die Wirtschaft. Mehr als drei Viertel der Bevölkerung haben keine geregelte Arbeit. Von der internationalen Gemeinschaft, die ihr letztes Hilfspaket wegen Korruption und mangelnder Reformen gar nicht zur Gänze ausbezahlt hat, sind auch keine Wunder zu erwarten.

Demokratie ohne Chance

Die Präsenz der UNO-Mission, die bisher für eine gewisse politische Stabilität gesorgt hatte, wird ausgerechnet am Tag von Aristides Angelobung zu Ende gehen. Ein Bericht von Generalsekretär Kofi Annan empfiehlt, das Mandat der Mission International Civile a Haiti (MICAH) nicht zu verlängern. Der Ende November veröffentlichte Bericht spricht von einer beunruhigenden Polarisierung und teilt die Sorge der Opposition, dass „die Partei ein diktatorisches und repressives Regime errichten“ könnte.
„Eine Opposition ist unentbehrlich“, erklärte der Sieger noch vor Bekanntgabe des offiziellen Ergebnisses und sandte damit ein Signal an die Staatengemeinschaft, die die weitgehende Ausschaltung der Opposition aus dem Kongress als besorgniserregendes Zeichen interpretiert. Bis zum letzten Moment hatte die Organisation Amerikanischer Staaten (OAS) versucht, einen Aufschub der Wahlen und eine Verständigung der wichtigsten politischen Kräfte zu erreichen. Doch vergeblich. Luigi Einaudi, der stellvertretende Generalsekretär der OAS, war mehrmals nach Port-au-Prince gereist, um im ungelösten Disput über die Parlamentswahlen vom vergangenen Mai zu vermitteln. Der Wahlrat hatte eine Anzahl von Abgeordneten und Senatoren von Aristides Partei Lafanmi Lavalas mit einfacher Mehrheit für gewählt erklärt, obwohl das Wahlgesetz eine Stichwahl vorsieht. Denn gezählt wurden nur die Stimmen der jeweils stärksten vier KandidatInnen. In manchen Wahlkreisen waren aber um die 20 Kandidaten angetreten. Hätte man alle Stimmen gezählt, dann hätten sich zehn von 18 Bewerbern um Senatssitze einer Stichwahl stellen müssen. Durch den Trick des ihm gewogenen Wahlrates sicherte sich Aristide eine bequeme Mehrheit in beiden Kammern. Das bedeutet fast absolute Macht, wenn er wieder Präsident ist. Gegen die Proteste der Opposition wurde der neue Kongress, der seit den Unruhen vom Januar 1999 und der faktischen Auflösung des Parlaments durch den Präsidenten mehr als anderthalb Jahre inaktiv gewesen war, im August angelobt. Die wichtigste Oppositionspartei Organisation Politique Lavalas (OPL) ist ein Sammelbecken ehemaliger Weggefährten Aristides, die sich vom Hoffnungsträger der Demokratiebewegung enttäuscht abgewandt haben. Rezepte für die Bewältigung der Misere, die durch zunehmende Gesetzlosigkeit noch verschärft wird, haben sie genauso wenig wie Aristide selbst. Doch fürchten sie, dass die wenigen demokratischen Errungenschaften der letzten Jahre unter der neuerlichen Herrschaft des einstigen Volkslieblings degenerieren werden.

Vom Armenpriester zum Machtpolitiker

Dass er sich am Stadtrand im eleganten Tabarre eine prächtige Villa bauen ließ, zu der die beste Straße des Landes führt, wird ihm von seinen ehemaligen Anhängern ebenso angekreidet wie die Eheschließung mit einer Tochter der Mulattenoligarchie in der New Yorker Diaspora. Das kommt einem Verrat an seiner sozialen Klasse gleich. Undurchschaubar sind die Verbindungen des einst von der Duvalier-Diktatur Verfolgten zu finsteren Gestalten des gestürzten Regimes, denen er zu Parlamentssitzen verhalf. Jugendbanden, von denen er sich nie distanziert hat, säen Terror in den Armenvierteln, und Teile der Polizei, die sich gerne der alten Methoden bedienen, reprimieren politische Gegner. Zuletzt gab es Anfang November sieben Verletzte, als bewaffnete Anhänger von Aristide mit Oppositionellen zusammenkrachten.
Präsident René Préval und Aristide wurden von UNO, OAS, EU, der Karibischen Gemeinschaft, den USA und anderen „Freunden Haitis“ gewarnt, ohne innenpolitische Versöhnung in die Wahlen zu gehen. Der Wahlboykott der Opposition würde die zukünftige Regierung international isolieren und ihr ökonomisch schaden. Präsident Clinton ließ wissen, er würde weder die Wahlen noch eine Beobachtermission finanziell unterstützen. Alle künftige Wirtschaftshilfe würde über private NROs kanalisiert werden und gegen Kredite und Finanzspritzen internationaler Finanzinstitutionen könnten sich die USA quer legen. Aristide, den Bill Clinton vor sechs Jahren mit einer Interventionsmacht gegen das Putschregime von Raoul Cedras zurück an die Macht beförderte, hat seinen internationalen Kredit weitgehend verspielt. Nicht nur in Washington, wo er die Jahre des Exils hauptsächlich verbrachte.

Korruption und Kokain

Wer Haiti in regelmäßigen Intervallen besucht, wird wenig Anlass zur Hoffnung feststellen. Armut, Arbeitslosigkeit, Kriminalität und Drogenkonsum breiten sich ungehindert aus. Der Rechnungshof der USA hat 70 Millionen US-Dollar für den Aufbau einer neuen, 6000 Mann starken Polizeitruppe und die Einrichtung einer Polizeiakademie sowie weitere 27 Millionen für die Stärkung der Justiz in Haiti als Fehlinvestitionen abgeschrieben. Die Polizei wird in einem Bericht des General Accounting Office als ineffizient, korrupt und politisiert bezeichnet, das Justizsystem werde durch Korruption, Interventionen der Regierung, schlechte Infrastruktur und veraltete Gesetze daran gehindert, den Berg an aufgestauten Fällen abzubauen. Dazu kommt, dass die Prozesse und Verfahren immer noch auf Französisch abgewickelt werden, obwohl die überwältigende Mehrheit der Bevölkerung nur Créole spricht. Der Klassenjustiz wird daher immer noch Vorschub geleistet.
Wo Polizei und Rechtsprechung nicht funktionieren, findet der internationale Drogenhandel ein freies Feld. Unter dem Putschregime erlebte das Land bereits eine erste Blüte als Umschlagplatz für Kokain. Haiti ist eine willkommene Zwischenstation für die Transportflugzeuge aus Kolumbien auf dem Weg in die USA. Auf 65 Tonnen jährlich wird die Kokainmenge geschätzt, die über den Karibikstaat geschleust wird. Nicht weniger als 50 Kolumbianer sitzen wegen Drogendelikten ein. Die meisten ohne je einen Richter gesehen zu haben. Man kann sich vorstellen, wie viele nicht erwischt werden. Im März 1998 wurde ein haitianischer Polizeioffizier erwischt, der am Flughafen fast 450 Kilogramm Kokain durch den Zoll schmuggeln wollte.
Dass ein Teil der heißen Ware im Land bleibt, ist nicht überraschend. Manche aus der Luft abgeworfenen Pakete gehen verloren und werden von Unbeteiligten aufgefischt. In Port-au-Prince werden Kokain und das gefährlichere Crack zu einem Zehntel des Straßenpreises in den USA gehandelt. Etwa fünf Prozent der Bevölkerung nehmen regelmäßig Drogen.

Nacht über Haiti

Wer von den Parlaments- und Kommunalwahlen in Haiti erwartet hat, dass sie die seit drei Jahren schwelende Regierungskrise beenden, der hat sich gründlich getäuscht. Immer wieder verschoben, überschattet von organisatorischen Defiziten und Schiebungsvorwürfen, fanden die Wahlen am 21. Mai schließlich statt. Sogar die Beteiligung war für haitianische Verhältnisse überdurchschnittlich hoch. Doch die Welle der Gewalt – im Vorfeld 18 Morde mit politischem Hintergrund, eine Serie von Bombenanschlägen, Kidnapping und systematische Einschüchterung durch die Gefolgsleute von Jean-Bertrand Aristide – ließ Düsteres ahnen. Dem überwältigenden Sieg, den Aristides Partei Lafanmi Lavalas für sich beansprucht, folgte eine neue Welle der Repression gegen Oppositionspolitiker.
Zur Erinnerung: Der Salesianerpater Aristide, bekannt geworden durch seinen Einsatz für Waisenkinder und sein unerschrockenes Auftreten gegen die Familiendiktatur der Duvaliers, gewann im Dezember 1990 mit großer Mehrheit die ersten freien Wahlen des Karibikstaats. Bevor sein Reformprogramm greifen konnte, wurde Aristide im September 1991 von der Armee gestürzt und floh ins Exil.
Nach zahlreichen vergeblichen Versuchen, die Putschisten unter General Raoul Cedras zum freiwilligen Abtritt zu bewegen, beschloss die UNO schließlich eine Intervention, angeführt von den USA. Mit den Invasionstruppen kehrte auch Aristide drei Jahre nach seiner Vertreibung nach Haiti zurück. Seine Versuche, die drei verlorenen Jahre nachzuholen, scheiterten nicht zuletzt am Widerstand der internationalen Gemeinschaft. Der kurze Rest seiner Amtszeit war – abgesehen von der verdienstvollen Auflösung der Armee – kein Ruhmesblatt in der kurzen Geschichte der haitianischen Demokratie.
Um die Kontrolle nicht aus der Hand zu geben, schickte Aristide im Dezember 1995 seinen ehemaligen Premier René Preval ins Rennen. Obwohl der ehemalige Befreiungstheologe hinter den Kulissen mitregierte, opponierte er gegen die Wirtschaftspolitik Prevals. Premier Rony Smarth warf im April 1997 das Handtuch, nachdem seine Forderung nach transparenten Wahlen nicht erfüllt wurde.
Mehr als ein Jahr sollte es dauern, bis ein Nachfolger gefunden war, der dem von der Opposition kontrollierten Parlament passte. Denn Aristides Lavalas-Bewegung hatte sich inzwischen gespalten. Ein Teil, der jetzt in der „Familie Lavalas“ vereinigt ist, blieb dem Gründer treu; ein anderer, der die Organisation Populaire Lavalas (OPL) gründete, suchte einen weniger vom charismatischen Anführer bestimmten Kurs. Vor allem die Intellektuellen, aber auch Anführer von Volksbewegungen finden sich dort. Schließlich entließ Preval im Januar des Vorjahres zwei Drittel des Senats und einen Großteil der Parlamentarier. Zwar war deren Amtszeit abgelaufen, doch waren auch noch keine Nachfolger gewählt.

Vegetieren statt Entwicklung

Angesichts der offensichtlichen Unregierbarkeit des Landes haben die Geberländer mehr als 500 Millionen bereits fest zugesagter Wirtschaftshilfe eingefroren. Für den ärmsten Staat der westlichen Hemisphäre heißt das: Vegetieren statt Entwicklung. Den Menschen geht es heute schlechter als zu Zeiten der brutalen Militärherrschaft. Erst im Mai wurden die längst fälligen Legislativwahlen nachgeholt: 83 Abgeordnete und 19 Senatoren galt es in den Kongress zu entsenden. Daneben wurden auch noch die 564 Territorialversammlungen und 133 Gemeinderäte gewählt.
Aristide, der inzwischen in eine feudale Villa außerhalb der verwahrlosten Hauptstadt gezogen ist und ausgerechnet in eine in New York residierende Familie der Mulattenoligarchie eingeheiratet hat, wird sich in den für Dezember angesetzten Wahlen erneut um die Präsidentschaft bewerben. Obwohl seine Beliebtheit deutlich nachgelassen hat, gilt seine Wahl als gesichert. Denn ernst zu nehmende Gegner haben sich bis jetzt nicht gefunden. Für ihn ist es wichtig, auch im Kongress eine Mehrheit vorzufinden. Er regiert lieber mit den Massen als mit den Institutionen.

Relative absolute Mehrheit

Jugendbanden, die sich Chimères nennen, belagerten tagelang den Wahlrat, um schnelle Entscheidungen zu Gunsten der Aristide-Kandidaten zu erzwingen. Die Chimères vertreten vor allem in den bevölkerungsreichen Armenvierteln die Interessen ihres charismatischen Idols mit Terrormethoden. Aristide hat sich von den Schlägerbanden nie distanziert und macht sich damit der massiven Einschüchterung mitschuldig. Zuletzt errichteten Aristide-Anhänger Barrikaden vor der US-Botschaft und setzten alte Reifen in Brand. Darauf beeilte sich der Wahlrat, am 20. Juni das Endergebnis bekannt zu geben. Nach seinen Erkenntnissen konnte die „Familie Lavalas“ schon im ersten Wahlgang 16 der 17 zur Disposition stehenden Sitze im Senat erobern. Der 17. muss sich einer Stichwahl stellen. Im Unterhaus gewann Aristides Partei immerhin 26 von insgesamt 83 Mandaten. Elf weitere waren ungeklärt, 46 mussten in die Stichwahl.
Schiebung, rief die Opposition. Denn bei der Stimmenauszählung wurden nur die vier stärksten Parteien berücksichtigt. Zählte man alle abgegebenen Stimmen zusammen, dann hätten nur acht Kandidaten den Sprung in den Senat auf Anhieb geschafft. In manchen Wahlkreisen waren aber bis zu 26 Kandidaten angetreten. Zwar blieb der Stimmenanteil der meisten marginal, doch in der Summe lassen sie das Ergebnis anders aussehen. Der französische Botschafter Yves Gaudeul, eine Schlüsselfigur für die Wirtschaftshilfe der EU, machte in einem Radio-Interview kein Hehl aus der Position Europas: „Das Gesetz spricht von absoluter Mehrheit. In jedem Land der Welt heißt das 50 Prozent plus eine Stimme. Darüber gibt es nichts zu diskutieren.“ Dieser Meinung waren auch drei Mitglieder des neunköpfigen Wahlrates. Sein Vorsitzender, Léon Manus, floh in die USA. Zwei weitere Mitglieder traten aus Protest zurück.
Nicht genug mit den offensichtlichen Wahlmanipulationen: In den Wochen nach dem Urnengang wurden über 30 Oppositionelle ohne Haftbefehl oder unter nichtigen Vorwänden festgenommen, viele von ihnen Kandidaten für den Kongress oder ein Bürgermeisteramt. Senator Paul Denis aus Les Cayes, der sich um Wiederwahl bewarb, wurde sogar von einer Einheit der Präsidentengarde aus Port-au-Prince verhaftet. Les Cayes liegt mühsame vier Stunden westlich der Hauptstadt. Für Gérard Pierre-Charles, einen der Gründerväter von Lavalas und OPL, der von einem „Putsch durch Wahlen“ sprach, haben die Ereignisse ihre Logik: „Auf einen Staatsstreich folgt immer eine Repressionswelle.“ Die meisten der Festgenommenen sind Leute, die in den Augen einer autokratischen Regierung Schwierigkeiten machen könnten.

Ungewisse Zukunft

Mindestens drei der künftigen Senatoren sollen in den florierenden Kokainschmuggel verwickelt sein. Aber auch so illustre Persönlichkeiten wie der ehemalige Polizeichef Dany Toussaint finden sich auf Aristides Liste. Ihm werden politisch motivierte Morde vorgeworfen. Dass die Stichwahl, die eigentlich am 25. Juni hätte stattfinden sollen, auf unbestimmte Zeit verschoben wurde, überraschte niemanden. Der Rumpf-Wahlrat erklärte, die „technischen Voraussetzungen“ seien momentan nicht gegeben.
Wenn der nächste Präsident am 7. Januar 2001 vereidigt wird, zieht auch der letzte Rest der internationalen Beratermission aus Haiti ab. Die Menschenrechtsgruppe und die Polizei-Beratungstruppe, die nach der Invasion im Land blieben, wurden zu Jahresbeginn von einer rein zivilen Mission von etwas über 100 Beratern für die Bereiche Justiz, Polizei und Menschenrechte abgelöst. Angesichts der Entwicklung wäre es naiv, von der künftigen Regierung zu erhoffen, dass sie die demokratischen Reformen in den Institutionen fortsetzt.

Das “Weiß-Machen” geht weiter

Nach offiziellen Zahlen gibt es in Kolumbien 10,5 Millionen Menschen afrokolumbianischer Abstammung (26 Prozent der Bevölkerung), die über das ganze Land verteilt sind. Obwohl sie an der Pazifikküste die absolute Mehrheit stellen (90 Prozent der Bevölkerung, etwa eine Million Menschen), leben die meisten Afro-KolumbianerInnen in den Städten.
Die Nachfahren der AfrikanerInnen, die von den Europäern entführt wurden, um als Sklaven in Bergwerken und auf Plantagen zu arbeiten, waren seit ihrer Ankunft Opfer von Ausbeutung und Unterdrückung – eine Situation, die sich mit der Unabhängigkeit nur geringfügig änderte. Trotz des beständigen Kampfes eines Teils der schwarzen Gemeinschaften, ihre Autonomie zu bewahren und als Ethnie anerkannt zu werden, besteht in der Gesellschaft eine ethnozentristische Sichtweise fort, die die schwarze Geschichte wie die anderer “Minderheiten” unsichtbar macht, den schwarzen Beitrag zur Herausbildung des Landes leugnet und ihre Rechte ignoriert.
Das “Weiß-Machen” (blanqueamiento) der Beziehungen und Gebräuche, das vor allem die Sklaverei rechtfertigen sollte, ist bis heute Zeichen des Fortschritts, der Anerkennung und der Ordnung. Indígena oder schwarz zu sein wird immer noch als Pseudonym für Faulheit, Unfähigkeit, Gefährlichkeit oder Dummheit verwendet. Das real existierende Kolumbien wehrt sich, seine Diversität zu akzeptieren, insbesondere weil dies tiefschürfende soziale Veränderungen nach sich ziehen würde. In letzter Zeit wurden zwar Gesetze verabschiedet und man sprach viel von den ethnischen Gruppen, aber in der Praxis unternahmen die sozialen Akteure, darunter auch die ethnischen Gruppen selbst, nur wenig, um das “multi-ethnische und -kulturelle Kolumbien” aufzubauen, von dem in Erklärungen und Gesetzen so viel die Rede ist. Selbst in der Linken und den revolutionären Organisationen, die die kulturelle Autonomie von Schwarzen und Indígenas mit politischen Kampagnen zu unterstützen versuchten, fehlt es immer wieder an Verständnis für die Diskriminierung, die die Angehörigen von Minderheiten täglich erleben. Der weiße Blick macht auch vor den Linken nicht Halt.

Krasse Armut

In Anbetracht dieser Situation überrascht es wohl kaum, daß die von den ethnischen Gruppen bewohnten Regionen die höchsten Armutsraten besitzen. Die Statistiken verweisen darauf, daß die Lebensverhältnisse der AfrokolumbianerInnen deutlich unter dem Bevölkerungsdurchschnitt liegen und weit von jenen Parametern entfernt sind, die im internationalen Rahmen als Bedingungen für ein menschenwürdiges Leben gelten.
So können 80 Prozent der Schwarzen ihre Grundbedürfnisse nicht befriedigen und leben in absoluter Armut. Ihr durchschnittliches Pro-Kopf-Einkommen beträgt nur ein Drittel jener 1.500 US-Dollar jährlich, die den nationalen Durchschnitt darstellen. 75 Prozent der Schwarzen beziehen Einkommen unterhalb des gesetzlich festgelegten Mindestlohns. Ihre Lebenserwartung beträgt nur 55 Jahre (der Landesdurchschnitt liegt bei 65 Jahren). Die Kindersterblichkeit in einigen Pazifikregionen erreicht 191 Todesfälle auf 1.000 Lebendgeburten, was deutlich über dem Landesdurchschnitt von 39 Todesfällen liegt. Aufgrund der schlechten Gesundheitsversorgung und fehlender Trinkwasseranschlüsse, Kanalisationen und Müllentsorgung werden die schwarzen Gemeinden besonders stark von Cholera, Malaria, Typhus, Hepathitis und Durchfall- und Atemwegserkrankungen heimgesucht. Verschärft wird diese Situation durch die schwere Krise des Gesundheitssystems, das als Folge der neoliberalen Regierungspolitik immer geringere Mittel zur Verfügung gestellt bekommt. Zudem hat nur ein kleiner Teil der schwarzen Bevölkerung überhaupt Zugang zum Sozialsystem. An der Pazifikküste existiert nur in drei von 42 Gemeinden ein öffentliches Gesundheitswesen.
Auch der Analphabetismus der afrokolumbianischen Bevölkerung ist mit 43 Prozent auf dem Land und 20 Prozent in den Städten höher als sonst in der Gesellschaft. In den ländlichen Regionen der Pazifikküste erreicht die Grundschulerziehung nicht einmal die Hälfte der Bevölkerung, ein sekundäres Erziehungssystem funktioniert fast gar nicht. Nur zwei von 100 schwarzen Jugendlichen, die an der Paziffikküste das höhere Schulwesen beenden, gehen auch auf die Universität.

Arbeit auf unterstem Niveau

Und schließlich ist auch die Art der Erziehung in Frage zu stellen. Das Erziehungswesen in Kolumbien ist homogenisierend, es ignoriert die Beiträge und die Realität der ethnischen Gruppen. Nicht einmal in den Regionen, in denen diese die Mehrheit darstellen, gibt es Programme, die die soziokulturellen Eigenheiten und Interessen der schwarzen Gemeinschaften berücksichtigen.
Ein hoher Prozentsatz der schwarzen Bevölkerung verdingt sich als unqualifizierte Arbeitskraft in ungeschützten und extrem schlecht bezahlten Beschäftigungsverhältnissen. An der Pazifikküste, wo die Bevölkerung noch nicht von Paramilitärs vertrieben wurde, leben die Schwarzen auf Subsistenzniveau und arbeiten als Goldsucher, Kleinbauern, Fischer oder Holzfäller. Dort, wo die Bevölkerung nicht mehr über das eigene Land verfügt, wo der Grundbesitz in den Händen weniger konzentriert ist, verdienen die meisten ihr Geld als Landarbeiter in der Agroindustrie – Bananen, Zuckerrohr – oder in Bergwerken.
In den Städten hingegen finden Schwarze meist nur auf dem Bau, als Müllentsorger, Straßenfeger oder in der informellen Wirtschaft (Müllrecycling, Straßenverkäufer, Glücksspiel etc.) eine Arbeit. AfrokolumbianerInnen mit höherer Bildung werden meist nur vom Staat angestellt. Besonders ausgeprägt ist dies an der Pazifikküste. Dort jedoch setzt die staatliche Verwaltung ihre Lohn- und Pensionszahlungen oft jahrelang aus.
In der Privatwirtschaft ist die Präsenz von AfrokolumbianerInnen sehr gering. Das hat dazu geführt, daß es in einigen Einkaufszentren von Cali, Medellín und Bogotá Protestaktionen gegen Rassismus gab. Auch transnationale Unternehmen in der Kohle- und Ölförderung wurden erst durch Proteste dazu gezwungen, Schwarze zu beschäftigen.

Auswirkungen des Neoliberalismus

Der Einbruch der nationalen Wirtschaft hat auch die Lebensverhältnisse der schwarzen Bevölkerung deutlich verschlechtert. Während zur Lösung der Armutsprobleme eigentlich soziale Investitionen notwendig wären, haben die IWF-Rezepte eine Verringerung der öffentlichen Ausgaben, die Privatisierung der Sozialversorgung und die Schließung von Staatsbetrieben nach sich gezogen. Die Tendenz, daß sich der kolumbianische Staat immer stärker darauf beschränkt, Infrastruktur für das Kapital bereitzustellen sowie Sicherheit und Rentabilität von Investitionen zu gewährleisten, hat die soziale Last für die schwarzen Communities vergrößert.
Inzwischen dürfte etwa die Hälfte der AfrokolumbianerInnen keine Arbeit mehr haben. Diejenigen, die vom Staat abhängig sind, sind von den Haushaltssperren betroffen, die zahlreiche Behörden verhängt haben. Eine derartige Situation findet man sowohl im Chocó, als auch in Cauca, Nariño und an der Atlantikküste. Wenn man weiß, daß selbst in Buenaventura, wo 60 Prozent des kolumbianischen Außenhandels abgewickelt werden, wegen der Regierungskorruption und falscher Steuerpolitik seit Monaten keine Löhne mehr gezahlt werden, kann man sich vorstellen, wie die Lage in den ärmeren Regionen aussieht.
Die durch das neoliberale Modell erzeugte Konkurrenz hat die wirtschaftlichen Eliten des Landes dazu bewogen, sich auf jene Sektoren des Weltmarkts zu konzentrieren, wo man aufgrund komparativer Vorteile eine Chance zu besitzen glaubt. Sie setzen dabei weder auf den industriellen Bereich, der aufgrund technologischer Rückständigkeit und fehlender Infrastruktur keine echten Entwicklungschancen bietet, noch auf den traditionellen agroindustriellen Sektor, wo die internationale Konkurrenz zu groß ist. Man konzentriert sich auf die Ausbeutung von Ressourcen, den Bau von Großprojekten, die die internationale Warenzirkulation garantieren (Verkehrsprojekte etc.) und den Drogenhandel.

Globalisierung und Gewalt

Früher beruhte das Wirtschaftsmodell auf der Importsubstituierung und der Stärkung interner Märkte. Die Entwicklungszentren waren hierbei die zentrale Andenregion zwischen Cali, Medellín und Bogotá sowie einige Küstenstädte, die über Überseehäfen verfügten. Der Rest des Landes, der fast ausschließlich von den ethnischen “Minderheiten”, Kleinbauern und Kolonisatoren bewohnt wurde, fand kaum Berücksichtigung. Heute, wo die Eliten verzweifelt nach einer Lücke auf dem Weltmarkt suchen, stellt man fest, daß die natürlichen Ressourcen – Artenvielfalt, fossile Brennstoffe, wertvolle Metalle – hauptsächlich in den bisher marginalisierten Regionen zu finden sind. Auch der Drogenhandel sowie die möglichen infrastrukturellen Großprojekte (interozeanische Verkehrsverbindung, Panamericana-Straße) verleihen nun den Randgebieten enorme strategische Bedeutung.
In dieser neuen Situation werden die bisher marginalisierten ethnischen “Minderheiten” und Kleinbauern zu Opfern brutaler Offensiven. Zynischerweise zielt die paramilitärische Gewalt in manchen Regionen auf die massive Vertreibung der Bevölkerung, in anderen “nur” auf die Zerschlagung sozialer Organisationen ab. Dort, wo man das Know-How der Schwarzen und Indígenas braucht, also in jenen Regionen, deren Biodiversität für gentechnologische Zwecke genutzt werden soll, ist das Vorgehen des Paramilitarismus selektiver. Man setzt nicht auf Massenvertreibungen, sondern auf Beseitigung widerständischer Gruppen.
Die Gewichtung der Gewalt in Kolumbien zeigt die eindeutige Verbindung von strategischen Großprojekten sowie natürlichen Ressourcen einerseits und paramilitärischer Gewalt und Zerschlagung von Communities andererseits.
In allen Gebieten, die für das Kapital von Interesse scheinen, wird Terror angewandt, um Vertreibungen durchzusetzen, und überall können die gewalttätigen Aktionen auf Unterstützung aus dem Staatsapparat zählen. Das neoliberale Modell, das in Kolumbien mit Hilfe der Paramilitärs durchgesetzt wird, hat eine Verarmung der Bevölkerung, ökologische Zerstörung und den Ethnozid an den “Minderheiten” zur Folge. Damit wird jede Perspektive auf Veränderung, wie sie die sozialen Organisationen und Communities hegten, als in Gesetzestexten erstmals die afrokolumbianischen Gemeinden als selbständige Entscheidungsinstanzen anerkannt wurden, zunichte gemacht. Das “Gesetz 70”, das die Autonomie der schwarzen Gemeinden regelt, ist in Anbetracht der realen Vorgehensweise von Staat und Oligarchie in den Territorien der Communities nichts als Augenwischerei. Verfassungsrechtlich sind die Besitzansprüche der schwarzen Gemeinden festgehalten worden, aber in der Praxis werden die BewohnerInnen vertrieben, das soziale Geflecht zerstört und autonome Organisierungsformen angegriffen, um jede Opposition im Keim zu ersticken.
So scheint es, als sollte die systematische Marginalisierung durch den Staat das erreichen, was die Gewalt allein nicht bewirken kann: die Abwanderung der AfrokolumbianerInnen in die Elendsviertel der Großstädte. Das multiethnische und -kulturelle Kolumbien, das Ende des 20. Jahrhunderts in der neuen Verfassung festgehalten worden ist, ist nichts als ein leeres Versprechen. Die Rechte der Communities werden beständig verletzt, der Staat setzt seine ethnozentristische Politik fort. Widersprüche zwischen der Globalisierung und den Rechten der “Minderheiten” werden weiterhin mit Gewalt “gelöst”. Aus diesem Grund sind Ziele wie der Neuaufbau der Gesellschaft und ein Frieden mit sozialer Gerechtigkeit noch weit entfernt. Durchgesetzt werden können sie nur durch die Organisierung und die Aktionen der Communities selbst.

Übersetzung: Raul Zelik

(Der Autor kommt aus der Community-Arbeit und ist einer der Sprecher der ELN in Europa)

KASTEN

Querschnitt einer Existenz als Schwarzer in Kolumbien

Yonis Perea

Seitdem er im Alter von 10 Jahren Waise wurde und vor der Gewalt floh, ist er “Mann im Haus”. Die vielen Erniedrigungen, die er als Straßenverkäufer erlitt, haben ihn dazu bewegt, sich einer der vielen Jugendbanden Cali anzuschließen. Heute, 15 Jahre alt, lebt er zwischen Gewalt und Tod und weiß, daß sein Leben jederzeit vorbei sein kann. Seine Situation ähnelt der von Tausenden von Jugendlichen im Armenviertel Aguablanca. Man fürchtet sie, verfolgt sie, tötet sie.

Domingo Córdoba

aus dem Departement Chocó. Arbeitete 30 Jahre lang als Staatsangestellter. Zuerst im Unternehmen für Straßenbau, danach in einer Alkoholfabrik. Als der Betrieb zugemacht wurde, ging er in Frührente. Hat seit 46 Monaten und einigen Tagen seine Pension nicht erhalten. Zuerst verkaufte er die Haushaltsgeräte, danach das Haus selbst. Inzwischen hat er nichts mehr und leidet Hunger mit seiner Familie, die bei Verwandten untergekommen ist. Für ihn gibt es keine Perspektiven in dieser Gesellschaft mehr, die ihn zu einer überflüssigen Existenz gemacht hat.

Enrique Murillo

lebt seit 2 Jahren in einer der zahlreichen, aus Plastik und Karton gebauten Hütten auf den Hügeln von Medellín, die so vielen Vertriebenen als Zufluchtsort dienen. Nostalgisch erinnert er sich an die kleine Finca in Urabá, die ihm früher genug zum Leben bot. Er mußte fliehen, als Armee und Paramilitärs die Region überfielen. Heute hat er keine Hoffnung mehr, jemals zurückzukehren. Den Berichten derjenigen zufolge, die als letzte geflohen sind, hat seine Finca heute neue Besitzer. Das Land, das einmal ihm gehörte, dient heute dem Anbau von Exportbananen und der Viehzucht. Das ist das Gesetz der Gewalt, es sind die Zeiten des Paramilitarismus.

So etwas wie Heimat

Dominiert werden die maras von jungen Salvadorianern, die in den USA gelebt haben und dann ausgewiesen wurden. In der verängstigten, vom Bürgerkrieg traumatisierten Gesellschaft El Salvadors wecken die Zwangsheimgekehrten („homies“) Angst und Schrecken. Die beiden größten Banden, die Mara Salvatrucha („MS“) und die Mara 18 üben seit 1992 eine enorme Sogwirkung auf Tausende von Jugendlichen aus. Man erkennt die MS oder die Mara 18 an ihren Tätowierungen, ihrer Kleidung in Übergrößen und ihrer Sprache: sie mischen Englisch und Spanisch zu einer Art „Spanglish“. Das Durchschnittsalter der maras liegt bei achtzehn, die aus den USA ausgewiesenen „leader“ sind rund vier Jahre älter. Sie stellen etwa ein Zehntel der Mitglieder. Einst waren sie in den USA illegale Einwanderer oder geduldete Kriegsflüchtlinge. Sie schlossen sich in den Ghettos von Los Angeles mit anderen Latinos zu Jugendbanden zusammen und hatten dort das Heft fest in der Hand.
Bei jungen Einwanderern, die kriminell werden, machen die US-Behörden kurzen Prozeß: Umwandlung von Gefängnisstrafen in Abschiebung – oder gleich Ausweisung, ohne jeden Gerichtsentscheid. Die Ausgewiesenen kamen nach El Salvador zurück und standen dort wieder vor dem Nichts. Wie schon nach der Einwanderung in die USA sind es Straßenbanden, die Identität und so etwas wie Heimat vermitteln können.
Untersuchungen der Universidad Centroamericana legen nahe, daß die allgemeine Aussichtslosigkeit Hauptursache für die Attraktivität der maras bei Jugendlichen ist. Mit den maras hat sich die Jugendkultur in El Salvador grundlegend geändert. Bis vor einigen Jahren waren es Jugendliche aus den Armenvierteln San Salvadors, die sich in Straßenbanden zusammenfanden, lokal zersplittert – ein Teil der Jugendkultur der Nachkriegszeit.
Doch durch die Fusion mit den Zwangsheimgekehrten mutierten die Strukturen und Ziele der Gangs: „Die Bandenmitglieder aus den USA haben hier ganz schnell ihre Vorstellung von Straßenbande durchgesetzt, in ihrem Auftreten, ihrer Kleidung, ihren Symbolen, vor allem aber in der Dynamik der gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen verschiedenen Gangs“, stellt Miguel Cruz von der Universidad Centroamericana fest.
Die Mara Salvatrucha und Mara 18 liefern sich bewaffnete Machtkämpfe, die allein 1997 24 Tote und über 600 Verletzte unter ihnen forderten. Abgesehen von diesen Bandenkämpfen und den Auseinandersetzungen mit der Polizei gibt es für die maras eine weitere tödliche Bedrohung: die Verfolgung durch paramilitärische Kommandos „für gesellschaftliche Säuberung“. Ihr erklärtes Ziel ist, diese Jugendbanden auszurotten. Eines der Kommandos mit Namen Sombra Negra – „Schwarzer Schatten“ – konnte vor zwei Jahren nach der Verhaftung von sechzehn Mitgliedern, darunter drei Polizisten, aufgelöst werden.

Ursache Armut und die Folgen des Krieges

Die MeinungsforscherInnen der Universidad Centroamericana fordern, endlich die Ursachen für die hohe Gewaltkriminalität im Land zu erforschen, statt konzeptlos einen hilflosen Vorschlag nach dem anderen zu propagieren, wie vor einiger Zeit die Wiedereinführung der Todesstrafe. In der Tat wird die Frage nach den Hintergründen und Motiven in der öffentlichen Diskussion bislang völlig vernachlässigt. Durch den Kaufkraftverlust der Mehrheit der Bevölkerung in den letzten Jahren stellt sich die Zukunft als existenziell unsicher und perspektivlos dar. Doch läßt sich daraus noch nicht ableiten, weshalb die Gewaltkriminalität in El Salvador weitaus höher liegt als in den mittelamerikanischen Nachbarländern. Offensichtlich kann Kriminalität nicht allein auf das weitverbreitete Elend zurückgeführt werden. Im Falle El Salvadors lassen sich zusätzliche Faktoren benennen, die eng mit der jüngeren Geschichte des Landes verbunden sind: dem zwölfjährigen Bürgerkrieg und seinen Folgen nach Friedensschluß. Zu den Vereinbarungen des Friedensvertrages vom Januar 1992 zählen unter anderem eine drastische Armeereduzierung und die Auflösung sämtlicher Sicherheitskräfte bis auf die neue Zivile Nationalpolizei. Allein 30.000 Armeeangehörige, die ihren Lebensunterhalt bislang mit der Waffe in der Hand verdient hatten, sind entlassen worden. Die vorgesehene Wiedereingliederung war wenig effektiv, so daß viele ehemalige Soldaten den Weg in eine „neue Selbständigkeit“ gesucht haben. Sie haben fortan als kriminelle Banden geraubt und gemordet, zum Teil gar in Waffenbrüderschaft mit dem vormaligen Feind, den demobilisierten FMLN-Guerilleros.
Miguel Cruz kommentiert: „Wir haben zwölf Jahre damit verbracht, uns gegenseitig umzubringen, und als der Krieg endete, entdeckten viele, daß sie nichts anderes gelernt hatten. Eine große Zahl an Waffen ist in den Händen von Zivilisten verblieben, einschließlich von Kindern und Jugendlichen. Und die neue Zivilpolizei war nicht in der Lage, ihre Aufgaben im Land zu erfüllen. Ganze Regionen sind ohne jeden staatlichen Schutz.“
Ein weiteres Problem besteht in einer verbreiteten Straflosigkeit in El Salvador, die bewußt die politisch motivierten Menschenrechtsverbrecher schützt. Teilweise trägt auch der ineffiziente Polizei- und Justizapparat Schuld an der mangelhaften Strafverfolgung von Gewaltverbrechen. Ein Zustand, der nicht nur jeden Abschreckungseffekt vereitelt, sondern zudem gerade bei Jugendlichen nicht dazu geeignet ist, ein positives Rechtsempfinden auszubilden. Es herrscht eine Kultur der Gewalt. Elvio Sisto von der Universidad Centroamericana erläutert den Zusammenhang der Gewaltphänomene: „Es ist erwiesen, daß die Gewalt als Symptom, das die ganze Gesellschaft betrifft, in all ihren Ausdrucksformen insgesamt zunimmt, so daß die kriminelle Gewalt immer nur oberflächlich, aber nicht in ihren Wurzeln von der institutionellen Gewalt getrennt werden kann: Die Gewalt in der Familie von jener der Autofahrer, die Gewalt gegen die Umwelt von der Kindesmißhandlung, die politische Gewalt von der Gewalt in der Arbeitswelt und so weiter.“
Eine vor einiger Zeit von der Interamerikanischen Entwicklungsbank veranstaltete Konferenz zum Thema „öffentliche Sicherheit in Zentralamerika und der Karibik“ ging der Frage nach, warum diese Kultur der Gewalt in Mittelamerika auch in Friedenszeiten fortlebt. Klare Worte fand hier der Vertreter Costa Ricas, der das Problem der Gewalt in einen überregionalen, wirtschaftspolitischen Kontext stellte: „Die wirtschaftliche Struktur, die sich in den letzten Jahren auf der Basis des Neoliberalismus entwickelt hat, ist einer der Hauptfaktoren, die Gewalt erzeugen. Als wirtschaftspolitische Maxime der meisten Regierungen der Halbkugel hat der Neoliberalismus mehr soziale Ausgrenzung, Individualismus, Konsumismus, soziale Ungerechtigkeit und die weitere Konzentration von Reichtum hervorgebracht. Solange sich diese Strukturen nicht verändern, wird es Armut, Ungerechtigkeit, Ausgrenzung und damit Gewalt geben.“

Jugend in Lateinamerika

Was bedeutet dieser Titel überhaupt: Jugend in Lateinamerika? Von der Begrifflichkeit her erschließt sich der Gegenstand quasi von selbst: Was wir unter Jugend zu verstehen haben, wissen wir ja, fehlt uns nur noch, die regionalen Besonderheiten herauszustellen. Daß dieser Ansatz zu kurz greift, hat der Soziologe Manfred Liebel bereits zu Beginn der 90er Jahre herausgestellt. Analog zur generellen Eurozentrismuskritik hat er darauf hingewiesen, daß sich der Jugendbegriff selbst in den europäisch geprägten Industriestaaten herauskristallisiert hat, dann aber für allgemeingültig erklärt wurde und mit dem Vehikel der Modernisierung verbreitet wurde. Innerhalb dieses Begriffes wird Jugend als autonomes gesellschaftliches Teilsystem verstanden, dem ein sogenanntes „soziales Moratorium“ zugestanden wird. Obwohl die Jugendlichen eigentlich körperlich und geistig dazu in der Lage wären werden sie von der Übernahme der vollen gesellschaftlichen, aber auch persönlichen und familiären Verantwortung entbunden. Jugendliche sollen mit 15 eben noch keine Familie gründen und noch kein Geld verdienen, sondern sich zuerst persönlich bilden und entwickeln. Die Konflikte, die dabei entstehen sind in erster Linie zukunftsbezogene Orientierungskonflikte: Was will ich und wie kann ich das, was ich will, erreichen?

Einem Großteil ihrer lateinamerikanischen AltersgenossInnen geht es jedoch ganz anders. Sie müssen für ihren Lebensunterhalt selbst sorgen und manchmal sogar zu dem der restlichen Familie beitragen. Für einen geregelten Schulbesuch ist da kaum Zeit und statt der Orientierungskonflikte ist ihre Welt geprägt von gegenwartsbezogenen Existenzkonflikten: Ich weiß zwar, was ich will, aber nicht, wie ich es erreichen soll. Vor diesem Hintergrund stellt der moderne Jugendbegriff, ungeachtet seiner Attraktivität, in erster Linie ein negatives Abziehbild der eigenen Lebenswirklichkeit dar. Wer ums tägliche Überleben kämpfen muß, hat zur Persönlichkeitsbildung andere Voraussetzungen. Die lateinamerikanische Jugend kann mit diesen Kategorien lediglich als defizitär begriffen werden.

Diese Erkenntnis bedeutet freilich nicht, daß sich in Lateinamerika keine spezifische Jugendkultur herausgebildet hätte. Sie bedeutet vielmehr, sich der Begrenztheit von Wahrnehmungs- und Interpretationsmustern auch im Zusammenhang mit Jugend bewußt zu werden und einen anderen Blick zu wagen.

Glaubst du den Politikern etwa?“ fragen chilenische Jugendliche in einem Graffito in Santiago de Chile. Die Erkenntnis, daß das Vertrauen großer Teile der lateinamerikanischen Jugendlichen in das politische Establishment auf einen Nullpunkt gesunken ist, zieht sich wie ein roter Faden durch diesen Schwerpunkt. Dabei wird jedoch auch deutlich, daß Jugendliche deswegen nicht einfach als unpolitisch und hedonistisch abgetan werden dürfen. Sie formulieren nämlich, sei es innerhalb von Studentenbewegungen, sei es als rebellierende und gewaltbereite Jugendbanden, durchaus politische Ansprüche Ebenfalls haben wir uns darum bemüht, eine lateinamerikanische Jugendkultur zu zeigen, die nicht den Klischees von Salsa und Samba entspricht. Subkulturen wie HipHop in Medellín und Ska-Salsa in Mexiko bieten dabei gewiß nur einen kleinen Einblick. So gar nicht dem Klischee entspricht das Bild der Jugendlichen aus den höheren Schichten, das Ulrich Goedeking nachzeichnet. Trotz aller Versuche, die soviel geschmähten Klischees außen vor zu lassen, wird das Phänomen der Jugendgewalt in vielen Artikeln des Schwerpunkts thematisiert.

Der gewalttätige Däumling

Die Welt dreht ihre Runden, darin besteht kein Zweifel. Und sie dreht ihre Runden nicht nur als bläulicher Ball, sondern als lebendige, als soziale Welt. Sie dreht sich um sich selbst und sucht, wonach auch immer. Innerhalb dieser Welt existieren weitere Welten und eine davon, klein, kompliziert und widersprüchlich, heißt El Salvador: Das kleinste Land Zentralamerikas und eines der gewalttätigsten der ganzen Welt. In dieser kleinen und gewalttätigen Welt, die Gabriela Mistral den „Däumling Amerikas“ nannte, sterben tagtäglich Dutzende von Menschen – Opfer von Gewalt, Entführungen, Racheakten. Die Gefängnisse sind übervoll mit Gefangenen; Tausende von Anzeigen wegen sexuellen, emotionalen und psychologischen Mißbrauchs harren ihrer Bearbeitung.

Rock auf der Straße

In diese kleine Welt der Gewalt wurden wir geboren: Lorena Cuerno y los del Bajo Mundo. Unsere Band hat zur Zeit vier Mitglieder: Lorena singt, Juan Cruz spielt Bass, Octavio Salman Schlagzeug und ich, Gerardo Cotto, Gitarre. Jeden Morgen ziehen wir los in den Rauch und die Hitze des Asphalts, um in den Straßen der Elendsviertel Rockmusik zu machen, wo die Gewalt so alltäglich ist wie das Atmen. Warum? Um gegen die Gewalt anzukämpfen.
Unser Projekt heißt „Rock auf der Straße“, und unser Ziel sind eben jene Jugendliche aus den maras, die sich tagtäglich in den Straßen San Salvadors an den Kragen gehen. Wir machen in den ärmsten Vierteln des Landes und in Gefängnissen Musik, um die Jugendlichen dazu zu bringen, ihre Energie und Lernbereitschaft in künstlerische Tätigkeiten zu investieren, anstatt sie in ausweglosen Kriegen zu verpulvern.
Den Erlös aus den Konzerten steuern wir dem Bau von populären Kulturzentren bei, wo dann künstlerische und sportliche Aktivitäten angeboten werden. Das Geld reicht bei weitem nicht aus, und so veranstalten wir häufig mehrere Konzerte an verschiedenen Tagen. Es liegt dann bei der Gemeinde, mit Arbeit, Geld und Anstrengung zum Aufbau des Kulturzentrums beizutragen.
Mehrere Male mußten wir vor sechs oder sieben verfeindeten maras spielen, wobei die Gewalt jederzeit hätte ausbrechen können. Aber Lorena gelang es stets, die Jugendlichen zu beruhigen und sie davon zu überzeugen, daß es möglich ist, ein Rockkonzert gemeinsam zu hören und dann in das eigene Territorium zurückzukehren, ohne Probleme, ohne Tote und Verletzte.
Lorena veranstaltet außerdem Literaturworkshops in den Gefängnissen, um die Gefangenen zum Lesen und Schreiben zu bringen, damit andere Lebensformen kennenlernen. Lebensformen, von denen sie sich nicht einmal vorstellen können, daß sie überhaupt existieren: wie wäre es, durch die Straßen zu gehen, ohne die Angst, gleich rücklings von dem Mitglied einer verfeindeten Gang ermordet zu werden.

Parkfestivals

Mittlerweile haben einige Jugendliche aus den maras beschlossen, sich aus der Gewalt zurückzuziehen und in Fabriken, Werkstätten oder Maquillas zu arbeiten. Manche haben sogar ihre eigene Rock- oder Rapgruppe gegründet. Mit ihren Texten verfolgen sie meist das Ziel, den Jugendlichen bewußtzumachen, daß es noch andere Möglichkeiten gibt, das Leben zu leben und daß Veränderungen möglich sind.
Unsere „Kulturfestivals im Park“ veranstalten wir vor allem für Menschen, die es sich sonst nicht leisten können, an kulturellen Ereignissen teilzunehmen. Die Festivals dauern einen ganzen Nachmittag an. Ausstellungsgalerien mit Bildern, Skulpturen und Kunsthandwerk werden aufgebaut, in deren Mitte eine improvisierte Bühne steht: dort tragen Theatergruppen ihre Stücke vor, es werden Gedichte vorgelesen und Musik gespielt, von Salsa bis Heavy Metal. Das Publikum folgt dem Treiben regungslos: keine Gesten, kein Applaus, niemand geht. Die Feste laufen friedlich ab, ihre Aggressionen können die Jugendlichen hier beim Tanzen abreagieren.
Für die Stadtverwaltungen sind Rockmusik und populäre Kunst nur das Hobby einiger langhaariger Verrückter, die man mit Unterhaltung versorgt, damit sie keinen Streß machen und nicht gewalttätig werden. Auch die salvadorianische Regierung hat keine Ahnung davon, zu welchen künstlerischen Leistungen ihre Landsleute fähig sind. „Rock auf der Straße“ und die Parkfestivals können nur Dank ausländischer Hilfe verwirklicht werden.
Wir, Lorena Cuerno und die aus der Unterwelt, sind der Meinung, daß es nichts Schlimmeres gibt, als stillzuhalten und diese Welt einfach nur beschissen zu finden, sitzen zu bleiben und zu warten, bis sich die Dinge von selbst ändern.
Unsere Arbeit ist langsam, das ist uns bewußt. Jugendliche von der Gewalt abzubringen, die seit 15 oder 20 Jahren Teil von ihnen ist, ist kein Kinderspiel. Aber das rechtfertigt nicht das Nichtstun. Die physische und die ökonomische Gewalt machen aus El Salvador langsam aber sicher eine Irrenanstalt, denn El Salvador, ebenso wie der Rest der Welt, dreht sich um sich selbst und sucht, wonach auch immer.

Übersetzung: Markus Müller

Mehr Informationen über Lorena Cuerno y Los del Bajo Mundo gibt es auf der exzellenten Website: www.angelfire.com/ok/bajomundo

Auge um Auge

Eigentlich ist er ein umgänglicher Zeitgenosse. Nur wenn es um Fußball geht, dann hakt irgendetwas aus in der Gedankenwelt des fanatischen Anhängers des legendären argentinischen Arbeiterklubs Boca Juniors. Jiménez meint es ernst mit den politischen Gefangenen. Politische Gefangene?
1995 hat die argentinische Justiz ein bemerkenswertes Urteil gefällt: Insgesamt neun Anhänger („hinchas“) von Boca aus dem gleichnamigen Bezirk von Buenos Aires wurden wegen Mordes und krimineller Machenschaften zu langjährigen Gefängnisstrafen verurteilt. Der Prozeß ging zurück auf Vorfälle im Jahre 1994, als nach dem 2:0-Sieg des Erzrivalen River Plate im Boca-Stadion zwei Fans der Gäste ermordet wurden. Das Urteil war insofern neu, weil erstmals die „barrabravas“, die militanten Fans, vom Gericht als kriminelle Organisation eingestuft wurden.
Die zynische Aussage von Jiménez über die „politischen Gefangenen“ wirft ein bezeichnendes Licht auf die Situation im argentinischen Fußball. Was vor Jahren noch als heißblütig, fußballbesessen, südländisch eben, aber ansonsten eher harmlos abgetan wurde, eskaliert mittlerweile von Jahr zu Jahr. Mit der zunehmenden Armut gerade auch in Buenos Aires, mit wachsender Arbeitslosigkeit und ausufernden sozialen Konflikten sowie mit der Explosion der Jugendbanden-Entwicklung stieg auch die Kriminalität in und um die Stadien in rasantem Tempo an. Die politisch Verantwortlichen haben keine Lösung.

Spielverbote nach Gewaltexessen

Vor kurzem eskalierte die Lage vollends. Argentinien erlebte in diesem Mai erneut ein schwarzes Fußballwochenende. „Die Gewalt wird zur Gewohnheit“ titelte die Sportzeitung „Olé“. Für die Zeitung „Clarín“ war es eine „Viaje Bravo“, eine brutale Reise. Mit Riesenlettern und einem Bild marodierender „barrabravas“ reagierte sie auf die traurigen Geschehnisse und warnte vor den Fanatikern bei der WM in Frankreich. Selbst für die seriöse Tageszeitung „La Nación“ war die Fußball-Landkarte Argentiniens eine Karte der „Schande“.
Auseinandersetzungen zwischen randalierenden „barrabravas“ bei Spielen der ersten und zweiten Liga sorgten für eine erschreckende Bilanz: Ein Toter in Mar del Plata sowie zwei durch Schußwunden verletzte Fans und zahlreiche Festnahmen in Buenos Aires. Vor dem Klassiker Independiente gegen River Plate schossen Fans der Heim-Mannschaft aus einem fahrenden Wagen gezielt auf River-Anhänger. Zwei Männer mußten mit Schußverletzungen ins Krankenhaus eingeliefert werden. Die Medien gingen von einem Racheakt aus, da River-Fans vor zwei Jahren einen Independiente-Anhänger erschossen hatten.

Appelle und Verbote sind wirkungslos

Nach den Ausschreitungen forderte Staatspräsident Carlos Menem „endlich wirksame Schritte gegen die Gewalt“. Er unterstützte die Entscheidung von Richter Victor Perrota in Buenos Aires, Meisterschaftsspiele der Profiligen für unbestimmte Zeit zu untersagen. Ein Novum im argentinischen Fußball. Die Fans reagierten mit Massenprotesten auf die Verbote. Das Aus betraf alle Begegnungen der ersten bis vierten Liga. Nur auf die Nationalelf, die in Cordoba ein Testspiel für die Weltmeisterschaft gegen Bosnien-Herzegowina austrug, hatte der Spruch des Richters keine Auswirkungen.
Doch ein Verbot der Spiele kann kaum die Gewaltbereitschaft der Fans bekämpfen. Die ganze Hilflosigkeit der Verantwortlichen wurde in einem Zeitungsinterview mit Julio Grondona, dem Präsidenten des argentinischen Fußball-Verbandes, deutlich: Er wisse nicht, wie er dem Problem Herr werden könnte, gab Grondona zu. Tatsächlich handelt es sich eben nicht nur um rivalisierende Fans, sondern, wie auch das Gericht im oben beschriebenen Fall erklärte, um kriminelle Vereinigungen, die beispielsweise in anderen Ländern wie Brasilien längst etabliert sind. Hinzu kommt, daß das Geflecht aus sozialen Spannungen, Fußballfanatismus und krimineller Organisation kaum noch zu durchschauen ist. Sowohl Trainer als auch Spieler heizen die Stimmung zusätzlich durch ihre Wortwahl an. Sie machen aus einem Fußballspiel einen Krieg. Es geht stets um „ganar o morir“, gewinnen oder sterben.

Spiegelbild der Gesellschaft

Ähnlich geht es auch im „richtigen Leben“ zu. Überleben oder sterben lautet die Losung. Die linke Tageszeitung „Página 12“ vermutet, daß das Gewaltproblem kaum gelöst werden könne, solange die neoliberale Wirtschaftspolitik die Menschen in die Armut treibt. Tatsächlich belegt die Statistik, daß mit zunehmender Armut auch die Kriminalitätsrate steigt. Nach Veröffentlichungen des Statistikamtes Indec leben 41 Prozent der Bevölkerung unter der Armutsgrenze. Über 17 Prozent der 33 Millionen Argentinier sind arbeitslos. Gleichzeitig ist seit 1994 in Buenos Aires die Kriminalitätsrate um 41 Prozent gestiegen. Die zunehmende Gewaltbereitschaft spiegelt sich im Fußballstadion wider. Überleben ist im Alltag schon schwierig genug. Im Fußballstadion „überlebt“ aber nur, wer dem Gegner, den gegnerischen Fans zeigt, wer stärker ist, notfalls mit Gewalt.
Der Fanatismus schreibt harmlose und tödliche Geschichten. Da ist zum Beispiel die eher lustige von der Korrespondentin der Süddeutschen Zeitung in Buenos Aires, die ausgerechnet im Reichenviertel von Palermo ihr Haus blau streichen lassen wollte. Palermo aber ist das Zuhause von River Plate, dem erfolgreichsten argentinischen Klub, dem Klub der Reichen und Schönen. Blau wiederum ist die Farbe Bocas, des verhaßten Gegners aus dem Elendsviertel an den Hafendocks. Der Postbote weigerte sich, die Post vor das Haus zu werfen, er sei River-Fan. Als schließlich auf dem frischgestrichenen Haus ein derber Spruch gegen die angebliche Boca-Anhängerin Gefahr signalisierte, wurde das Haus dann doch in eine andere Farbe getaucht.
Die harmlosen Geschichten des argentinischen Fußball-Fanatismus aber werden seltener, die bitteren häufen sich: Als nach dem eingangs erwähnten 2:0-Sieg von River Plate im Boca Stadion 1994 die zwei River-Fans ermordet worden waren, stand am nächsten Tag mit blauer Farbe an eine Wand gesprüht: „Empatamos: 2:2“, wir haben ausgeglichen.

Die Privatisierung des Terrors

Terrorregime regieren mit den Mitteln der Einschüchterung, der Bedrohung und der Angst. Sie entstehen, wenn sich ein Staat oder die Machthaber bedroht fühlen und zur Sicherung ihrer Privilegien – des status quo – zur Gewalt und systematischen und geplanten Verletzung der Menschenrechte greifen. Sie benutzen dann das Leiden als Mittel der Politik.
Seit Mitte der 70er und insbesondere Anfang der 80er Jahre errichtete der guatemaltekische Staat im Schutze der Straflosigkeit eine Struktur, die zur Grundlage eines der wirksamsten und gefürchtetsten Terrorapparate in der lateinamerikanischen Geschichte wurde. In speziellen Ausbildungszentren im In- und Ausland erhielten tausende militärische wie zivile Sicherheitskräfte Unterricht in den Methoden der Verfolgung, Entführung, Folter und des Mordens, in der Ausübung des Terrorismus und der geheimen wie offenen Repression.
Der Terror hat auf Individuen, gesellschaftliche Gruppen und auf die ganze Gesellschaft unmittelbare und langfristige Auswirkungen: Zu den deutlichsten unmittelbaren Auswirkungen zählten in Guatemala die Vertreibung, der Tod und die Zerstörung von hunderttausenden von Menschenleben und hunderten von Dorfgemeinschaften. Die langfristigen Auswirkungen sind weniger sichtbar, aber keineswegs weniger dramatisch.
Ein wesentlicher Faktor, der dazu beiträgt, daß sich der Terror in einer Gesellschaft fortsetzt und vertieft, ist die Straflosigkeit. Diese ist, gestützt auf die Abwesenheit von Wahrheit und Gerechtigkeit, immer untrennbar mit der Ausübung des Terrors verbunden. Sobald ein Staat die Repression als Machtmechanismus nutzt, bietet er „…jenen, die sie ersinnen und ausüben die volle Garantie dafür, daß ihre Taten ungestraft bleiben … denn eine Bestrafung kann natürlich nicht als Anreiz dienen.“ (Matutes) Nach 36 Jahren bewaffnetem Konflikt und 15 Monate nach der Friedensunterzeichnung versucht die guatemaltekische Gesellschaft heute, eine wirkliche Demokratie zu errichten. Dabei stößt sie auf das überaus heikle Problem, daß der Schaden, den die politische Repression der Diktaturen der vergangenen Jahrzehnte angerichtet hat, behoben werden muß. Nicht nur die Opfer, ihre Angehörigen und Freunde sondern die ganze Bevölkerung sind von der Repression gezeichnet. Sie hinterlässt in den Einstellungen und Verhaltensweisen der Einzelnen ebenso ihre Spuren wie in der Vorstellungswelt der ganzen Gesellschaft.
Eines der Phänomene, welches die GuatemaltekInnen heute am meisten bewegt und ihren stärksten Protest hervorruft, ist die fehlende öffentliche Sicherheit. Die offiziellen Verlautbarungen, die Menschen auf der Straße und auch die Mehrzahl der Medien führen das einfach darauf zurück, daß nicht genügend Strafmaßnahmen ergriffen würden. So gut wie nie wird jedoch darauf hingewiesen, daß dies eine Folge des Terrors ist und in einem viel komplexeren Zusammenhang steht. Neben der staatlichen Verantwortung für die Verbrechensbekämpfung tragen eine Reihe von Faktoren zu der gegenwärtigen Situation der öffentlichen Unsicherheit bei. Dazu gehören die allgemein verbreitete Armut und das (unrechtmäßige) Fortbestehen der Terrorstrukturen, der paramilitärischen Zivilpatrouillen PAC, der zivilen Militärkommissare aus der Zeit der Aufstandsbekämpfung etc. Eine wichtige Rolle spielen schließlich die psychosozialen Folgeerscheinungen der Repression und der Straflosigkeit selbst.
Wichtig ist hier zunächst die Tatsache, daß die große Mehrheit der Gewaltakte und der Verbrechen nicht mehr unter der Kontrolle des Staates ausgeführt werden, sonden auf private Initiative. Vor dem Hintergrund der Tendenz, die staatlichen Aufgaben und Geschäfte zunehmend der Privatinitiative und den Großunternehmen zu überlassen, sind die Überreste der staatlichen Terrorstruktur den zahlreichen und gut ausgestatteten Gruppen des organisierten Verbrechens gewichen. Diese stellen nun diejenigen in ihre Dienste, die nach der Beendigung des bewaffneten Konfliktes „ihre Arbeit verloren“ haben. Gemeine Verbrechen, Diebstahl, Erpressungen, Schmuggel, Drogengeschäfte sowie schwerwiegende Verbrechen wie Vergewaltigungen, Entführungen, Folter und Mord werden weiterhin zu einem großen Teil von jenen „Experten“ verübt, die in der Mehrzahl ehemals oder weiterhin in den zivilen wie militärischen Sicherheitsapparaten tätig sind. Pressemeldungen bestätigen Tag für Tag, in welchem bedeutenden Maße in relativen wie absoluten Zahlen Menschen, die zu diesem Zwecke ausgebildet wurden, an den Verbrechen beteiligt sind. Es ist ein trauriges Paradox, daß auch die Bevölkerungsschichten, die in der Vergangenheit dem Getriebe des staatlichen Terrors beipflichteten oder es sogar tatkräftig unterstützten, heute zu einer Angriffsfläche dieses verwandelten und privatisierten Terrors geworden sind, der seinerseits wiederum zum Geschäft wird.
Auf Grundlage einer Studie, die ein Team argentinischer Psychiater zu Argentinien erstellt hat (EATIP:1998) will ich hier – eingedenk der Differenzen zwischen Argentinien und Guatemala – an einigen konkreten Punkten darstellen, wie sich die Spuren des staatlichen Terrors der 80er Jahre in der heutigen guatemaltekischen Gesellschaft wiederfinden.

Auswirkungen des staatlichen Terros

1. Es herrscht ein Gefühl der Angst, der Verunsicherung und der Schutzlosigkeit. Weite Bevölkerungsschichten leben konstant unter dem Druck dieser Gefühle, die dadurch verstärkt werden, daß die Straflosigkeit die Möglichkeit für erneute Gewaltakte eröffnet. Solange die verantwortlichen Gruppen oder Individuen für ihre Verbrechen nicht bestraft werden – und auch nicht für die Verbrechen gegen die Menschlichkeit, die am schwerwiegendsten sind – können sie oder andere weiterhin alle Art von Verbrechen verüben.
2. Die Straflosigkeit wird zum „Gesellschaftsmodell“. Das „Modell“ der Straflosigkeit ist das einer absoluten Omnipotenz – „alles ist erlaubt, für nichts wird zur Rechenschaft gezogen“. Besonders gefährlich ist das für Jugendliche, die sich in einer Entwicklungsphase befinden, in der sie sich in das gesellschaftliche Leben integrieren und klare Werte und Normen darüber aneignen, wie weit man/frau gehen kann, was für ein respektvolles Zusammenleben mit anderen erlaubt, und was verboten ist. Die Straflosigkeit lehrt, daß alles geht: Egal was eineR tut, niemand muß sich um die Konsequenzen kümmern.
3. Der Zuwachs agressiven Verhaltens im sozialen Alltag: In einem quantitativ wie qualitativ unbekannten Ausmaß tritt eine indiskriminierte Gewalt zutage. Beispielhaft dafür stehen die Jugendbanden („maras“), für die Gewalt häufig zur bloßen „Beschäftigung“ wird. Die ausgeübte Gewalt steht dabei in keiner Relation mit dem Tatziel: für einen einfachen Handtaschendiebstahl beispielsweise wird das Opfer schwerverletzt, für eine Taschenuhr oder Sonnenbrille wird getötet, oder das Opfer wird nach Überfällen vergewaltigt.
4. Justiz und „Gerechtigkeit“ werden zunehmend in die eigene Hand genommen. Die Straflosigkeit und der damit verbundene Vertrauensverlust in den Staat führt zum Auftauchen selbsternannter „Vollstrecker des Gesetzes“, die als Einzelne, als Gruppe oder auch in Form aufgebrachter Menschenmengen vermutliche Verbrecher bestrafen wollen. Dies kann sowohl aus eigener Motivation heraus erfolgen, als auch auf Befehl oder Veranlassung durch andere oder durch Gesellschaftsgruppen, deren Ziel es ist, eine gesellschaftliche Stimmung zu schaffen, die eine gewisse Art der „Selbstverteidigung“ befürwortet. Am schlimmsten zeigt sich dieses Phänomen in der „Lynchjustiz“. (1) Hierbei muß man sich vor Augen halten, daß bislang in keinem registrierten Fall irgendeine dieser Taten gegen politische Repressoren verübt wurde.
5. Die Verherrlichung der „Politik der starken Hand“ und der alten Repressoren. Die Straflosigkeit selbst provoziert eine gewisse Sympathie gegenüber dem „harten Durchgreifen“. In einer Situation, in der der Staat seinen Aufgaben als gesellschaftlicher „Gewährsmann“ nicht nachkommt, werden anerkannte Repressoren als Schutzfigur idealisiert: Sie verkörpern den eigenmächtigen und allumfassenden „Vater“, der sich um „Gemeinwohl“ und „Gerechtigkeit“ sorgt.
6. Die Befürwortung der Todesstrafe. Immer wieder werden die Gefühle der Unsicherheit, Verletzlichkeit und des persönlichen Ausgeliefertseins von bestimmten Gesellschaftsgruppen und vom Staat selbst dazu benutzt, die Anwendung der Todesstrafe zu verlangen und zu rechtfertigen. Anders als bei der Verherrlichung der Repressoren stützt sich eine solche Maßnahme auf die Vollstreckung eines Gesetzes, welches an Stelle der einzelnen Person treten soll, die ansonsten eine beispielgebende Bestrafung vorgenommen hätte. (2) Interessant an dem Ruf nach der Todesstrafe ist die Tatsache, daß er noch größere Verwirrung darüber stiftet, was auf dem Gebiet der Tötung eines Menschen erlaubt ist und was nicht. Denn schließlich geht er vom Staat und denjenigen Bevölkerungsgruppen aus, die sich selbst mit Straflosigkeit schützen und in der Vergangenheit für Amnestievorhaben eingetreten sind. Die Auswirkungen der Straflosigkeit dienen hier also als Mittel, um einen Konsens über die Anwendung einer neuerlichen repressiven Maßnahme zu schaffen.
7. Allgemein herrscht ein Gefühl der Aussichtslosigkeit vor. Vor allem Jugendliche stehen einem System gegenüber, in dem jede Anstrengung, eine widrige Situation zu lösen, „zwecklos“ ist. Die Geisteshaltung der Gesellschaft wird von einer generalisierten Skepsis bestimmt. Das Desinteresse am öffentlichen Geschehen und an der Politik fördert zudem die Ausgangsbedingungen für die Straflosigkeit.
Die Auswirkungen des Terrors und der Straflosigkeit werden sich langfristig immer deutlicher zeigen und reproduzieren. Solange eine Gesellschaft die historische Wahrheit ebensowenig erfährt wie Gerechtigkeit – und damit verbunden eine Wiedergutmachung einiger der von der Gewalt angerichteten Schäden – hängt die Gefahr, daß sich die Schreckensgeschichte wiederholt, weiterhin drohend über dem Bau einer tatsächlichen Demokratie. Daher zum Schluß noch einmal Ignacio Martín Baró: „Man muß sich das quantitative und qualitative Ausmaß des Schadens, den die Aufstandsbekämpfungskampagnen und die staatliche Repression angerichtet haben, immer vor Augen führen um zu verstehen, wie falsch es ist, einen Schlußstrich unter diese Geschichte ziehen zu wollen. Die Vergangenheit, die manche hier so überstürzt vergessen wollen, ist nicht nur für einzelne Menschen – seien es Opfer oder Täter – weiterhin präsent. Sie wirkt auch in den Strukturen einer Gesellschaft fort.“

Übersetzung: Helgi Kaissling, Informationsstelle Guatemala

Anmerkungen der Übersetzerin:
(1) In den vergangenen Jahren ist in der Hauptstadt und seit dem letzten Jahr zunehmend auf dem Land Guatemalas die Zahl der sogenannten „gemeinen Verbrechen“ enorm angestiegen. Seit der Unterzeichnung des Friedensabkommens im Dezember 1996 sind neben der weiterhin hohen Zahl von Auftragsmorden zudem Dutzende von Fällen bekanntgeworden, in denen aufgestachelte Bevölkerungsgruppen an vermuteten Verbrechern „Lynchjustiz“ verüben.
(2) Die Todesstrafe ist in Guatemala erlaubt. Im September 1996 wurde sie zum ersten Mal in der Amtszeit von Präsident Arzú vollstreckt: Er ließ zwei Männer, denen die Vergewaltigung und Ermordung eines vierjährigen Mädchens vorgewurfen wurde, trotz zahlreicher Proteste spektakulär vor laufenden Fernsehkameras erschiessen.

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