Ohne das Land sind wir keine Menschen mehr

Der Raum ist spärlich eingerichtet: Ein Tisch, die Stühle, ein Herd und der eiserne Holz–ofen mit einem Kessel, in dem immer heißes Wasser blubbert. Rosario, die Frau des Hauses, serviert frische sopaipillas – runde, frittierte Teigfladen aus gelbem Kürbisteig. Dazu reicht sie den Becher mit Mate-Tee in die Runde — wie schon ihre Vorfahren, die am Feuer bei Mate-Tee ihre Geschichten erzählten und ihre Probleme beratschlagten. In einer sauberen Plastikhülle über dem Herd hängt wie eine Mahnung der Brief, der seit Wochen das Gesprächsthema in diesem Haus ist. Rosario liest mit ernster Miene einige Passagen daraus vor. Er kündigt die zwangsmäßige Vermessung ihres Landes an, um eine Entschädigungssumme zur Enteignung festzusetzen.
Denn das Haus der Familie Huenteao und anderer Pehuenche-Familien liegt im Überflutungsgebiet eines gewaltigen Staudammprojekts am Oberlauf des Bío-Bío Flusses im Süden Chiles – dem traditionellen Territorium der Mapuche-Pehuenche. Zwei von insgesamt nur noch sieben verbleibenden Pehuenche-Gemeinden in Chile sind vom Bau des Ralco-Staudammes direkt betroffen, 630 Hektar dieser Gemeinden würden durch den Bau des Dammes überflutet, über 80 Familien wurden bereits umgesiedelt. Die Betreiberfirma Endesa plant, die Bauarbeiten bis Dezember 2003 abzuschließen und den Staudamm Mitte des darauf folgenden Jahres in Betrieb zu nehmen.

LKWs gegen Erinnerungen

Sieben Familien sind es, die sich noch im–mer gegen eine Stauung des Bío-Bío wehren und auf ihrem Land bleiben wollen – sieben Familien gegen ein 500-Millionen-Dollar-Projekt. Für Rosario Huenteao bleibt die Sache dennoch klar, sie wird weiter in ihrem Haus sopaipillas backen und um ihr Recht kämpfen. Das Land ihrer Vorfahren zu verlassen, steht für sie und für die anderen Familien nicht zur Debatte: „Ohne das Land sind wir keine Menschen mehr, wir werden nie gehen – niemals“. „Nur tot“, fügt sie bestimmt hinzu.
Einige Kilometer flussabwärts: Vorbeidonnernde LKWs, dröhnende Baumaschinen, Zementfabriken und Dutzende Blechhütten am Straßenrand für die Arbeiter und Zulieferfirmen. Die Konstruktionsarbeiten am Staudamm haben vor Jahren begonnen und sind schon weit fortgeschritten – die Staumauer wächst täglich um 30 Zentimeter. Das Tal des wilden Bío-Bío Flusses hat im Gebiet des geplanten Stausees seine Ursprünglichkeit gänzlich verloren – sieben Tage in der Woche wird hier gearbeitet.
„Realistisch betrachtet wird es schwierig sein, den Bau noch zu stoppen, aber nicht unmöglich“, sagt Sara Imilmaqui. Sie kämpft seit 1997 zusammen mit den betroffenen Familien in der Organisation „Mapu Domuche Newen“ – „Frauen mit der Kraft der Erde“ gegen das Megaprojekt.
Die Frauen sind Wortführerinnen bei diesem Widerstand. Weil sie ihre Herkunft und die Tradition im Herzen stärker spüren würden, als die Männer, wie Sara meint.

Was sagt Herr Lagos?

Die Tradition der Pehuenche, ihre Kultur und die Zeugnisse ihrer Geschichte sind durch den Staudamm akut bedroht. „Mit der Über flutung würden nicht nur die Friedhöfe verschwinden, sondern auch zeremonielle Orte für das Nguillatún-Ritual und heilige Symbole wie der Stein der Machi, die seit Jahrhunderten respektiert wurden“, erklärt Sara. „Dieser Kampf ist ein Kampf aus dem Innern – aus der Erinnerung und aus dem Herzen. Wir haben so viel verloren und müssen kämpfen, um das, was wir noch haben, nicht auch noch zu verlieren“. Für sie steht Ralco als ein Beispiel, wie Regierungen in Lateinamerika mit indianischer Bevölkerung umgehen: „Wenn die chilenische Regierung eine korrekte Regierung wäre, müsste der Bau gestoppt werden“.
Doch die Interessen hinter dem Bau sind knallhart. Chiles Präsident Ricardo Lagos lässt kaum Zweifel am Kurs der Regierung, für ihn bedeutet ein „Nein“ zu Ralco eine unpopuläre Steigerung des Elektrizitätspreises.
Die Betreiberfirma Endesa, in den letzten Jahren der Pinochet-Diktatur privatisiert und heute mehrheitlich von der gleichnamigen spanischen Elektrizitätsfirma Endesa kontrolliert, rechtfertigt Ralco durch den jährlich steigenden Strombedarf der Chilenen. Ralco ist der Zweite und der größte von insgesamt sieben geplanten Staudämmen im Oberlauf des Bío-Bío.
Der erste, Pangue, liegt 30 Kilometer weiter flussabwärts und wurde vor fünf Jahren in Betrieb genommen. Nach Aussagen Endesas sind diese Staudämme unerlässlich, um Chiles Autonomie im Energiesektor für die Zukunft weiterhin gewährleisten zu können.

Kampf um Gesetze

Der Widerstandswille der Mapu–che, der über 300 Jahre lang die Spanier aus ihrem Territorium fern gehalten hat, zeigt sich heute in einem neuen Kleid. Die Waffen sind andere als damals, als der Bío-Bío die anerkannte Grenze zwischen dem spanischen Kolonialreich und dem Gebiet der Mapu–che war. Die Schlacht, die heute am selben symbolträchtigen Fluss geschlagen wird, wird nicht mit Bola und Lanze ausgetragen, sondern mit der Berufung auf die Menschenrechte und mit der Unterstützung internationaler Organisationen. Doch der langjährige Kampf der Frauen und ihrer Familien gegen das täglich wachsende Megaprojekt geht in die letzte Runde, die Möglichkeiten des Widerstandes werden immer geringer.
Roberto Celedón, Rechtsanwalt in Santiago de Chile, setzt sich auf nationaler und internationaler Ebene für die Rechte der Familien von Ralco ein. Sein Ton bleibt diplomatisch zurückhaltend, aber an seiner Position läßt er keinen Zweifel. Den Streit um das Megaprojekt sieht er als einen Test für die Regierung: „Wenn Ralco realisiert würde, wäre das ein sehr schlechtes Signal für alle indigenen Völker in Chile“. Und das, obwohl sich der chilenische Staat zu einer neuen Haltung gegenüber den indigenen Gruppen verpflichtet habe. Das 1993 verabschiedete chilenische Ureinwohnergesetz besagt, dass indianische Ländereien unter keinen Umständen an Nicht-Indianer verkauft werden können und nur unter „spontaner Freiwilligkeit“ der Familien gegen andere eingetauscht werden können.Nach diesem Gesetzestext ist die Lage klar: Von einer solchen Freiwilligkeit kann bei den widerständigen Familien kaum die Rede sein, ihr Land steht daher de jure zum Tausch oder Verkauf nicht zur Verfügung. Die Strategie von Endesa ist daher eine andere. Die Firma beruft sich auf ihre definitive Konzession für die Energieerzeugung am Oberlauf des Bío-Bío. „Nach dem Stromgesetz kann Endesa durch diese definitive Konzession Nutzungsrechte zur Überflutung auf das Land der Familien erzwingen“, erklärt Celedón die Lage. Das Ureinwohnergesetz wird dadurch umgangen, ein Tausch des Landes findet nicht statt. „Das kann man nicht mehr Nutzungsrecht nennen, das ist eine eindeutige Enteignung“, befindet Celedón.
Er und seine Kollegen sind daher vor das Berufungsgericht in Santiago gezogen. Das Ergebnis wurde vom Obersten Gerichtshof bestätigt: Endesa muss alle Gesetzgebungen respektieren, also auch das Ureinwohnergesetz. Trotz allem wurde im April dieses Jahres vom Wirtschaftsministerium ein Ausschuss mit dem Namen „Comisión de Hombres Buenos“ (Kommission der guten Männer) ein berufen, der im Oktober die Länder der sieben verbliebenen Pe–huenche-Familien für eine Zwangsentschädigung vor Ort vermessen sollte. Das wurde von Indianerorganisationen und den Familien selbst verhindert, den „guten Männern“ wurde der Zugang verwehrt und die Vermessung musste aus der Luft vorgenommen werden.
„Ralco zeigt, dass in Chile noch immer die wirtschaftlichen Interessen vor den Interessen indigener Völkern Vorrang haben und das darf nicht angehen“, sagt Celedón. „Wir sind heute so weit, dass wir beschlossen haben, vor die interamerikanische Kommission der Menschenrechte zu ziehen, die Klage wird Ende November eingereicht.” Eine Entscheidung dieser autonomen Kommission der Organisation Amerikanischer Staaten zu Gunsten der Pehuenche-Familien würde die Regierung verpflichten, entsprechende Maßnahmen gegen das Megaprojekt am Bío-Bío einzuleiten.

Enttäuschte Hoffnungen

„Wir sind seit drei Jahren hier in El Huachi“. José Dolores Gallina stützt die ineinander gefalteten Hände auf dem Tisch ab. Er und seine Familie haben ihr Haus am Fluss verlassen. Das neue Haus ist größer, die wenigen Möbel der Familie reichen nicht aus, um es auszufüllen. Im Tausch gegen die alten Ländereien in der Über–flutungszone hat Endesa den ver–handlungswilligen Familien neue Häuser und größere Felder angeboten. „Endesa hat nicht alles gehalten, was versprochen wurde“, beklagt José. „Anfangs hieß es, dass wir Strom und Wasser nicht zu bezahlen brauchten und jetzt müssen wir alles zahlen“. Den genauen Inhalt dessen, was er in dem Vertrag mit Endesa unterschrieben hat, kennt er nicht. „Wir haben hier alle die Befürchtung, dass wir nicht die rechtmäßigen Eigentümer des Landes sind. Vielleicht setzen sie uns ja nach zehn Jahren auf die Straße“.
Es wird kritisiert, dass bei den Vertragsunterzeichnungen der Fa–milien nicht alles mit rechten Dingen zuging. Obwohl Verträge zum Tausch indigener Ländereien laut Gesetz auf der Basis von Freiwilligkeit unterschrieben werden müssen, war dies oft nicht der Fall. Celedón bestätigt das: „Es gab einen brutalen Druck auf die indianischen Familien, damit diese die Verträge für den Tausch unterschreiben würden“. José Dolores ist verzweifelt: „Uns geht es schlecht hier auf dem neuen Land und zurück können wir auch nicht. Da wo unser Haus stand, ist jetzt alles voller Baumaschinen“.
Berta Quintremán ist die Älteste in diesem Kampf der Frauen und ihrer Familien. Mit 72 Jahren lebt sie allein in ihren zwei Holzhütten. Dahinter bestellt sie die Felder, arbeitet auf ihren Beeten und kümmert sich um die Hühner. In ihrer bunten Tracht sitzt sie an der Feuerstelle im fogón, der Hütte, die nur zum Kochen und zum Tratsch am Feuer dient. Die Entschlossenheit steht ihr ins Gesicht geschrieben, was sie verteidigt ist ihr heilig – es ist die Tradition ihres Volkes und die Welt ihrer Vorfahren, die sie im Herzen trägt. Wie die meisten alten Leute ist sie ihrer Kultur noch viel stärker verbunden, als die junge Generation.
„Ich bin sehr stark“, verkündet sie mit lauten Worten und man glaubt es ihr allein durch ihre Gestik. „Mein Mapu Ñuke, der da oben ist, gibt mir Kraft und daher werde ich bis zum letzten Punkt kämpfen. Nicht die Spanier, sondern Er hat das Wasser geschaffen und Er hat uns das Land gegeben“. Sie schlägt die Faust in die offene Hand. „Wie können die Spanier, die aus einem anderen Land kommen, hier bei uns diesen Schaden anrichten? Warum richten sie ihn nicht dort an, wo sie herkommen?“, sagt sie mit erregter Stimme, „am liebsten hätte ich, dass sie alle sterben“.
Sie bleibt allein zurück an der Feuerstelle im fogón. Draußen rattern die Baumaschinen und ihre Besitzer scheren sich nicht um das Weltbild der Menschen, in deren Lebensraum sie eingedrungen sind.


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Eine weitere Chance verspielt

Am 12. Oktober waren in zahlreichen Städten Lateinamerikas tausende Menschen auf den Straßen und demonstrierten gegen die neoliberale Wirtschaftspolitik. Anlass für die Demonstrationen vom Rio Grande bis nach Santiago de Chile war die Landung der Spanier vor 510 Jahren in Amerika und die darauf folgende politische und kulturelle Unterdrückung und wirtschaftliche Ausbeutung bis hin zur physischen Vernichtung der indigenen Bevölkerung.
Die DemonstrantInnen stellten einen direkten Zusammenhang zwischen der kolonialen Ausbeutung und den neoliberalen Großprojekten wie dem Plan Puebla-Panama oder der gesamtamerikanische Freihandelszone ALCA her. In Santiago de Chile gingen die Mapuche auf die Straße und protestierten gegen die Besetzung ihres Landes seit mehr als 500 Jahren. In Kolumbien gedachte man der 500 indigenen Führer, die in den letzten 25 Jahren umgekommen sind. In den zentralamerikanischen Ländern Guatemala, Honduras, El Salvador, Costa Rica und Nicaragua schlossen sich verschiedene Gruppen für die Demonstrationen zusammen. GewerkschaftlerInnen, Bauern, Indígenas, Schwarze und GlobalisierungskritikerInnen brachten gemeinsam ihre Wut und Unzufriedenheit gegen die herrschende Politik zum Ausdruck. In der Hauptstadt von Chiapas im Süden Mexikos, Tuxtla Gutierrez, forderten die DemonstrantInnen die Erfüllung der Abkommen von San Andrés, dem Friedensabkommen zwischen der EZLN und der mexikanischen Regierung von 1996. Im Raum um San Cristobal besetzten AktivistInnen symbolisch verschiedene militärische Einrichtungen und blockierten die Panamerikana. In Chiahuahua tanzten und sangen die Indígenas aus der Sierra Tarahumara die ganze Nacht auf dem zentralen Platz der Landeshauptstadt und brachten auf diese Weise ihren Protest zum Ausdruck.

Worthülsen für ein gutes Image

An der Grenze zu den USA in Ciudad Juarez wurden internationale Grenzübergänge blockiert, um gegen die Nordamerikanische Freihandelszone zu protestieren. Diese regelt nur den Handel mit Gütern und legalisiert nicht die Arbeitsmigration aus dem Süden in die USA. Hier an der Grenze zwischen Mexiko und den USA war auch die Furcht vor einem bevorstehenden Krieg gegen den Irak ein zentrales Thema des Protests.
Der Präsident Mexikos Vi-cente Fox Quesada ließ es sich natürlich nicht nehmen, an diesem symbolischen Tag eine Erklärung abzugeben. Er sagte der indigenen Bevölkerung seine volle Unterstützung in ihrem Kampf um Gerechtigkeit zu. In seiner Ansprache betonte er, dass mit seiner Wahl zum Präsidenten und der Abwahl des PRI-Autoritarismus der Übergang zur Demokratie und der Wandel hin zur Gerechtigkeit bald für alle Mexikaner spürbar sein wird. Wann dieses „bald“ sein soll, ist unklar. Seit zwei Jahren ist er bereits im Amt.
Vor der Wahl hatte Fox noch großspurig getönt, er würde den Konflikt in Chiapas in einer Viertelstunde lösen, in einem Männergespräch unter vier Augen mit seinem Freund Marcos aus dem lakandonischen Urwald. Daraus ist nichts geworden. Glücklicherweise, muss man wohl sagen, denn das wäre nur wieder eine Wiederholung der altbekannten Politik gewesen: Große Männer lenken die Geschicke der Nationen und die Bevölkerung wird, wenn überhaupt, erst später darüber informiert.

Zapatisten fühlen sich betrogen

Aber Fox hatte bereits verschiedene Möglichkeiten, die indigene Bevölkerung in ihrem Anliegen nach Autonomie und Gerechtigkeit zu unterstützen. Er hat sie alle ungenutzt verstreichen lassen. Im letzten Jahr wurde das Gesetz zur indigenen Kultur und Autonomie von dem Kongress verabschiedet, nachdem die Zapatisten in einer Aufsehen erregenden Tour nach Mexiko-Stadt marschiert waren. Als die Zapatisten im Namen aller indigenen Völker Mexikos vor dem Kongress gesellschaftliche Gerechtigkeit einforderten, hatte der Präsident Wichtigeres vor und war bei seinem Nachbarn in Kalifornien. Das vom Kongress verabschiedete Gesetz zu den indigenen Rechten war vorher in zentralen Punkten verändert worden. In der vorliegenden Form widerspricht es aber dem Abkommen 169 der internationalen Arbeitsorganisation (ILO), das der mexikanische Staat längst ratifiziert hat. Die Zapatisten fühlten sich betrogen und haben daraufhin den Dialog mit der Regierung abgebrochen.
Seit Mai 2001 schweigen die Zapatisten. Die indigene Bewegung hat in dieser Zeit aber nicht geschwiegen. Über 300 indigene Gemeinden aus ganz Mexiko haben sich mit einer strittigen Frage an das oberste Gericht gewendet: Ist das Gesetz zur indigenen Kultur und Autonomie verfassungswidrig? Am 6. September diesen Jahres haben die elf Richter des Obersten Gerichts von Mexiko über die Streitfrage entschieden und sich für nicht zuständig erklärt. Es war das erste Mal, dass vom Obersten Gericht über eine Änderung der Verfassung ein Urteil verlangt wurde. Streng juristisch gesehen liegt es zwar nicht in seinen Aufgabenbereich, das Recht des Obersten Gerichts über Verfassungsänderungen zu urteilen, muss aber nicht explizit in der Verfassung aufgeführt sein. In der Rechtsgeschichte der USA, Vorbild für die Verfassung von Mexiko, hatte sich der Oberste Gerichtshof schon sehr früh für zuständig erklärt, Verfassungsänderungen zu bewerten, obwohl es nicht in der Verfassung verankert ist. In Mexiko haben sich acht der elf Richter für die strikte Einhaltung der Verfassung entschieden. Einer der drei Richter, die sich für zuständig erklärt hatten, sagte: „Das Urteil musste so ausfallen, ob es einem nun gefällt oder nicht, denn wir konnten uns nicht über die Verfassung stellen. Mit diesem Urteil bestätigt das Oberste Gericht seine Position als Garant der Verfassung.“ Der UNO-Beauftragte für die Rechte Indigener Völker und mexikanische Ethnologe Rodolfo Stavenhagen bezeichnete das Urteil als ein trauriges Resultat, „da der Oberste Gerichtshof zwar streng juristisch entschieden hat, aber nicht gerecht. Das juristische Argument, nicht-zuständig-zu-sein, wiegt natürlich schwer. Aber völlig vernachlässigt wurden die legitimen Beschwerden der indigenen Gemeinden, die sich durch die Verfassungsänderung vom letzten Jahr betrogen fühlen.“

Eine gute Nachricht?

Aber Stavenhagen weist auch auf positive Zeichen in Chiapas hin. Am 13. September wurden 25 Mitglieder der paramilitärischen Organisation Paz y Justicia festgenommen, die von Menschenrechtsorganisationen für verschiedene Massaker verantwortlich gemacht wird. Miguel Ángel de los Santos Cruz, Anwalt vom Netzwerk der gemeinschaftlichen Menschenrechtsverteidiger (Red de Defensores Comunitarios de los Derechos Humanos) ist hingegen nicht so optimistisch, denn die Paz y Justicia hat bereits eine Strategie entwickelt, um sich aus der Affäre zu ziehen. Nahezu tausend Mitglieder desertieren, um einer Verurteilung zu entkommen: „Die Generalstaatsanwaltschaft ermittelt zurzeit gegen Paz y Justicia, wenn die Organisation aber nicht mehr existiert, werden die Ermittlungen eingestellt.“, befürchtet er. Seit dem 13. September haben die Militärkontrollen stark zugenommen und unterschiedliche Polizeieinheiten bedrohen die Bevölkerung. Die Verhaftungen mutmaßlicher Mitglieder wurden dermaßen brutal vorgenommen, dass eine permanente Spannung im Norden Chiapas herrscht. Die Bevölkerung wird nun beschuldigt, Unterstützung für die Zapatisten zu leisten und die Verhafteten ungerechtfertigterweise angezeigt zu haben.

Kein gesellschaftlicher Dialog

Die Zapatisten haben den Dialog mit der Regierung unterbrochen, da sie sich mit dem verabschiedeten Gesetz betrogen sahen. Aber auch der Rest der Gesellschaft versucht nicht, über die unterschiedlichen Positionen einen Dialog zu führen. Ein Beschluss vom Obersten Gericht hätte ein neues Forum für unterschiedliche gesellschaftliche Akteure geschaffen, mit einer gewissen Ausdauer einen öffentlichen Diskurs anzustoßen. In Mexiko behindern mächtige Feinde die Anerkennung der indigenen Rechte. Auf der einen Seite fordern die indigenen Gemeinden, über die Bodenschätze ihres Territoriums frei zu verfügen.
Dem entgegen stehen transnationale, ökonomische Interessen, die das rohstoffreiche Chiapas zum Kerngebiet des Puebla-Panama-Plans erklären. In der mexikanischen Gesellschaft sehen rassistische Teile ihre „natürlichen“ Privilegien gefährdet, wenn Indígenas als gleichberechtigte Bevölkerungsteile anerkannt werden. Nationalisten fürchten um die Einheit der Nation, wenn man den Indígenas eine weit reichende Autonomie zugesteht und reaktionäre Kreise verstehen jegliche Zugeständnisse an eine Guerilla als eine Schwächung des Staates und des herrschenden Systems.

KASTEN:
Anspruch und Wirklichkeit

Die indigenen Gemeinden werden in der Gesetzesvorlage der parlamentarischen Friedenskommission (COCOPA) als Subjekte öffentlichen Rechts betrachtet, also Rechtspersonen mit der Möglichkeit zu unabhängigen Handlungen. Das verabschiedete Gesetz versteht sie jedoch als Objekte öffentlichen Interesses, um die sich wie eh und je ein paternalistischer Staat kümmert. Im Gesetzesvorschlag der COCOPA können die indigenen Gemeinden sich nach ihren eigenen Normen und Werten eine Verfassung geben. Im Gesetz können sie sich aber nur dann eine eigene Verfassung geben, wenn diese von einem staatlichen Gericht abgesegnet wird. Und das angestrebte Recht auf Vereinigung mit anderen indigenen Gemeinden kommt im Gesetz gar nicht mehr vor.


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Weiß ist der Tod

Paula*, die Tochter von Don Manuel*, Mapuche und Kleinbauer am Lago Budi in der neunten Region Chiles, ist seit ihrem neunten Lebensjahr krank. Über zehn Jahre wurde die heutige Studentin im Krankenhaus von Puerto Saavedra behandelt: ohne spürbaren Erfolg. „Wenn sie einmal im Monat von der abgelegenen Insel ins Krankenhaus fuhr, haben sie Paula sowieso nur Schmerzmittel gegeben”, erzählt Don Manuel. Gleichzeitig räumt er ein: „Natürlich haben die Ärzte ihr Wissen, aber sie sind immer sehr fern gewesen und das nicht nur, weil sie kein Wort mapudungun sprechen.” Sie wüssten nichts über die Mapuchetraditionen und an die Kenntnisse einer meica, einer Heilerin aus der comunidad, reichten sie in keinem Fall heran. Wenn sie jemanden nicht leiden können, würden die Ärzte manchmal nur noch mehr Schaden anrichten. Don Manuel und seine Frau glauben deshalb nicht mehr an die Behandlung im Krankenhaus. Einige aus der comunidad gehen dort zwar hin, sie aber schicken ihre Tochter nur noch zu einer meica, durch deren Hilfe es ihr heute deutlich besser geht.
Die Mapuche in ländlichen Regionen wie der am Lago Budi haben die nicht ganz selbstbestimmte Qual der Wahl zwischen gleich drei verschiedenen Gesundheitssystemen. Unter den verschiedenen Akteuren steht die meica gewissermaßen zwischen der Mapuchetradition und der westlichen Schulmedizin, da sie sich sowohl der allgemeinen bäuerlichen Heilpraktiken als auch der traditionellen Methoden der Mapuche bedient. Im Gegensatz zu den meica folgen die meistens weiblichen machi einer Berufung und sind als Schamanen der Tradition der Mapuche und ausschließlich ihren Konzepten von Krankheit und Heilung verpflichtet. Ihre Fähigkeit, mit den Geistern der Vorfahren und anderen guten und bösen Kräften Kontakt aufzunehmen, verschafft den machi Respekt und Autorität, denn nach Auffassung der Mapuche hängt von ihnen das Wohl des Einzelnen sowie der Gemeinschaft ab. Wie viele indigene Völker glauben auch die Mapuche, dass Krankheit und Tod nicht durch natürliche Ursachen ausgelöst werden und nicht nur den Kranken selbst, sondern immer auch die Gemeinschaft und ihr Handeln betreffen.
Nachdem die traditionelle politische Organisation der Mapuche durch die Dominanz des chilenischen Staates weitgehend verloren gegangen ist, vertritt die machi heute oftmals ihre Dorfgemeinschaft nach außen und gehört damit zu den wichtigsten Personen in der Kultur der Mapuche. Die Einführung der westlichen Schulmedizin in die Mapuchekultur hat demnach nicht zwangsläufig zu einem Verschwinden der traditionellen Heilmethoden geführt. Die zahlreichen Versuche von Seiten der staatlichen Gesundheitspolitik, die Arbeit der machi zu verbieten und sie als Scharlatanerie zu diskreditieren, haben jedoch ihrem Image geschadet, so dass sie heute in starker Konkurrenz zu den Einrichtungen des öffentlichen chilenischen Gesundheitssystems steht.

Götter in weiß?

Abgesehen davon, dass viele Mapuche durch die anhaltende Diskriminierung in der chilenischen Gesellschaft mehr oder weniger freiwillig Abstand zur eigenen Kultur gewinnen wollen, bringen sie vor allem ökonomische Gründe und weniger der fehlende Glaube an die Mapuchetradition dazu, eher die Dienste des staatlichen Gesundheitswesens in Anspruch zu nehmen. Denn eine Behandlung bei der machi ist ungleich teurer. Nur wer es sich leisten kann, wählt je nach Beschwerden zwischen machi, meica und Arzt.
Allerdings zeigen sich, wie Don Manuel, immer mehr Mapuche unzufrieden über die Bedingungen, denen sie sich in lokalen Gesundheitsstationen und in den Krankenhäusern der Städte aussetzen müssen. Die Statistik beweist die gravierenden Qualitätsunterschiede der Gesundheitsversorgung zwischen Stadt und Land. In abgelegenen Orten wie Puerto Saavedra in der neunten Region liegt beispielsweise die Säuglingssterblichkeit bei 42,2 von tausend Neugeborenen, in der Kommune Vitacura in Santiago dagegen bei nur 2,6. Die Mapuche wie auch die anderen indigenen Gruppen Chiles, Aymara, Atacameños, Colla, Rapa Nui, Kawashkar und Yagana, gehören auf dem Land und in der Stadt zu den 25 Prozent der Armen innerhalb der chilenischen Gesellschaft. Als Einkommensschwache haben sie, wenn überhaupt, nur Zugang zur staatlichen Krankenversicherung FONASA, deren Leistungen mit langen Wartezeiten, mangelnder technischer und personeller Ausstattung und schlechter Erreichbarkeit verbunden sind.
Zu diesen miserablen Bedingungen der öffentlichen Gesundheitsversorgung kommt für die indigene Bevölkerung das Problem des kulturellen Verständnisses. Mapuchefrauen entbinden zunehmend im Krankenhaus, weil sie dies für weniger gefährlich halten, haben aber eine skeptische bis ablehnende Haltung, was die Art der Behandlung angeht. Dass die Räume kühl sind, sie mit kaltem Wasser gewaschen werden und die verwendeten Geräte und Instrumente kalt sind, hinterlässt bei den Frauen große Verunsicherung, denn all dies widerspricht ihren traditionellen Vorstellungen. Nach diesen ist die Entbindung ein warmer Vorgang und der Kontakt zu „kalten“ Dingen eine Gefahr für die Gesundheit von Mutter und Kind. Ebenso glauben sie, dass die Plazenta wertvolle Informationen über die Zukunft des Neugeborenen enthält und deshalb sorgfältig bewahrt und untersucht werden muss. Während sie im Krankenhaus gleich entsorgt wird. Außerdem ist weiß – die vorherrschende Farbe in den meisten Gesundheitseinrichtungen – bei den Mapuche im Zusammenhang mit Krankheit ein Symbol für bestimmte, in der Nacht aktive Geister, den wekufe, und wird deshalb negativ bewertet.

Interkulturalität als Alternative

Um diesen Widersprüchen etwas entgegenzusetzen und sie überhaupt erst einmal in die öffentliche Wahrnehmung zu bringen, gibt es neuerdings in Chile verschiedene Initiativen. Das Krankenhaus von Makewe in der Nähe von Temuko ist mit Sicherheit die berühmteste und gefeiertste unter diesen Alternativen, die aus einer interkulturellen Perspektive heraus das Angebot im Gesundheitsbereich für die lokale Bevölkerung verbessern wollen.
Interkulturalität ist ein Schlagwort vielfältiger Definitionen, das auch im Zusammenhang mit indigenen Grundbedürfnissen gegenwärtig eine hohe Konjunktur in Chile hat. In Makewe bestimmt seit März 1999 die Asociación Indígena para la Salud Makewe-Pelale (Indigene Vereinigung für Gesundheit Makewe-Pelale), was das konkret heißt. Das erste interkulturelle Krankenhaus Chiles ist ein Angebot an etwa 20.000 Menschen der umliegenden Gemeinden Padre Las Casas, Temuko, Freire und Imperial, von denen achtzig Prozent Mapuche sind. In den verschiedenen Programmen der Einrichtung, die an die üblichen Erwachsenen-, Frauen-, Drogen- und Kinderprogramme der durchschnittlichen Krankenhäuser des Landes anknüpfen, wird das Wissen der Mapuche und ihrer Spezialisten einbezogen und durch die westliche Schulmedizin ergänzt.
Die kulturelle Logik der Mapuche steht jedoch im Vordergrund. Greifbar wird dies im nielukuyfikekimün, dem Rat der Wissenden, in dem sich eine Reihe von Mapuche, die meisten über 65, zusammengefunden haben, um die „Indigene Vereinigung für Gesundheit” und die technische Leitung des Krankenhauses zu beraten. Außerdem wurde die innere Gestaltung des Krankenhauses an die Bedürfnisse der Mapuche angepasst, das heißt es wurden zweisprachige Hinweisschilder angebracht, Informationsmaterialien in Spanisch und Mapudungun erarbeitet. Weiße Kleidung ist bei den Angestellten Tabu und vor dem Beginn der Behandlung gibt es ein Gespräch zwischen Arzt/Ärztin und PatientIn, in dem es um allgemeine Themen geht. Nachdem ein erstes Vertrauen geschaffen ist, kann eine Anamnese durchgeführt werden. Bei dieser und allen anderen Vorgängen im Krankenhaus sind so genannte paramedizinische Hilfskräfte dabei, die als Mapuche sowohl Kenntnisse über die westliche als auch über die traditionelle Medizin haben und die unter anderem die Aufgabe haben, den PatientInnen jeden einzelnen Schritt ihrer Behandlung zu erklären. Auf Wunsch werden eine machi oder ein anderer Heiler ins Krankenhaus bestellt oder die PatientInnen zu ihnen gebracht.
Offen bleibt jedoch bei diesem wohlklingenden Beispiel für einen Wandel in der chilenischen Gesundheitspolitik zu Gunsten der indigenen Bevölkerung, ob auch langfristig Gelder von der regionalen Vertretung des Gesundheitsministeriums in das Projekt fließen werden.

Machi in Santiago

Obwohl sich die staatliche Unterstützung der indigenen Bevölkerung zum großen Teil auf den ländlichen Raum beschränkt, gibt es seit 1996 im städtischen Krankenhaus von Temuko, einem riesigen, hässlichen Hochhaus an der Schnellstraße inmitten der Stadt, so genannte interkulturelle VermittlerInnen (facilitadores interculturales). Das sind Mapuche, die ihre Sprache beherrschen und ihre traditionelle Kultur kennen und so auf Kommunikationsprobleme direkt einwirken sollen, um ein ausgewogeneres Miteinander von PatientInnen und ÄrztInnen zu fördern. Es wurde bereits erreicht, dass die Betten der PatientInnen nicht mehr Richtung Westen ausgerichtet werden, denn daher kommt nach dem Glauben der Mapuche der Tod und die Krankheit.
Vor dieser Initiative war es für die Ärzte unerklärlich, wenn einige ihrer Patienten über Nacht ihre Lage verändert hatten. Ohne dass es ihnen auffiel, hatten sie sich immer gen Osten gebettet, der Richtung, mit der Leben und Gesundheit assoziiert wird.
Diese Einsicht sei zwar noch nicht der Durchbruch hinsichtlich der Akzeptanz der kulturellen Vielfalt im Gesundheitsbereich, aber zumindest ein Schritt in die richtige Richtung, meint Eliseo Cañulef, Mapuche und Akademiker am Institut für indigene Studien in Temuko. Er bezweifle jedoch, dass die Zusammenarbeit mit einer machi in diesem städtischen Krankenhaus möglich wäre und man so etwas wie in Makewe dort wiederholen könne.
Allerdings ist die Nachfrage nach den Heilmethoden der machi auch in Städten wie Temuko und Santiago groß. Und das nicht nur bei der großen Zahl der dort lebenden Mapuche, sondern zunehmend auch bei der chilenischen Bevölkerung. In beiden Städten praktizieren eine Reihe von machi, bisher eher im privaten Rahmen oder mit Unterstützung von Mapucheorganisationen. Seit 2000 wird in acht Stadtteilen Santiagos auf Initiative der Kommission für die städtischen Mapuche und des Gesundheitsministeriums ein interkulturelles Gesundheitsprogramm umgesetzt. In der ersten in El Bosque eröffneten Praxis, für die eigens eine ruka, ein traditionelles Haus der Mapuche errichtet wurde, arbeitet machi Manuel Lincovil, der auch schon einen katholischen Priester von seinem Krebsleiden heilen konnte. Das Beispiel ist kein Einzelfall.
Möglicherweise steckt gerade im Bereich der Gesundheit die Aussicht auf eine Annäherung zwischen der indigenen und der chilenischen Kultur. Bisher kann jedoch angesichts der immer noch sehr isolierten, oft von Einzelpersonen abhängenden Initiativen und der halbherzigen Finanzierungspolitik von Seiten des chilenischen Staates nicht von einer reellen Gleichberechtigung im Gesundheitsbereich die Rede sein.
So werden Don Manuel und seine Tochter weiterhin ausschließlich auf die traditionellen Methoden vertrauen und auf manche, möglicherweise Erfolg bringende westlichen Erkenntnisse verzichten.

* Namen von der Redaktion geändert.


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Terrorismus in Südchile ?

Eine Situation wie 1971 und ’72, als unter dem sozialistischen Präsidenten Allende Ländereien von Großgrundbesitzern besetzt wurden…“ Mit diesem Vergleich beginnt Hermógenes Pérez de Arce in der chilenischen Tageszeitung El Mercurio einen Artikel, in dem er massive Kritik an der seiner Ansicht nach laschen Haltung der Regierung gegenüber den Landbesetzungen durch die Mapuche übt.
Der Konflikt schwelt vor allem in der achten und neunten Region im Süden Chiles. Im Alto Biobío kämpft die indigene Bevölkerung seit Jahren gegen den Bau des Staudammes Ralco durch den multinationalen Energiekonzern ENDESA, der für sie den Verlust ihrer Ländereien mit sich bringt. Ralcovist der Zweite von insgesamt sechs Dämmen, der Erste Pangue wurde bereits 1997 in Betrieb genommen. Hervorgetan haben sich in diesem Kampf vor allem die Schwestern Quintreman, die den Konflikt auch über die Grenzen Chiles hinaus bekannt machten (s. LN 319). Die weiteren Landbesetzungen richten sich vor allem gegen die großen Forstwirtschaftsunternehmen, die einen Großteil des Landes, das einst den Mapuche gehörte, besitzen und wirtschaftlich ausbeuten. Organisationen wie der Rat aller Länder (Consejo de Todas las Tierras) und die Koordination Arauco-Malleco fordern einen Rückzug dieser Firmen zu Gunsten der indigenen Bevölkerung (s. LN 325/26).
Die Polizei geht immer wieder scharf gegen die Besetzer vor. Zugleich kauft die Regierung Ländereien, um sie an die Mapuche abzugeben und somit auf ihre Forderungen einzugehen. Diese Strategie wird allerdings von links wie von rechts als unzureichend angesehen, da die Unterstützung sich in der Vergabe der Länder erschöpft: Oft fehlen sowohl Kenntnisse als auch Geräte, um das Land richtig zu bebauen. Zudem empfinden die Mapuche diese Maßnahmen als heuchlerisch und unzureichend, da sie kein Konzept der politischen und kulturellen Autonomie ihres Volkes beinhalten.

Subversive Einflüsse?

Nun haben konservative Unternehmer und die chilenischen Medien, angeführt von der Tageszeitung El Mercurio, die Entführung des brasilianischen Unternehmers Olivetto durch Angehörige der linken chilenischen Organisationen Movimiento de Izquierda Revolucionario (MIR) und Frente Patriótico Manuel Rodriguez (FPMR) zum Anlass genommen, die Regierung massiv zu kritisieren und den Konflikt auf eine neue Ebene zu bringen. So sollen laut Mercurio, der sich auf „akademische Quellen der Universidad de Chile“ bezieht, einige Mitglieder der FPMR bei „paramilitärischen“ Aktionen der Indígenas dabei gewesen sein. Zudem interessiere sich die Organisation für den Konflikt, um sich politisch neu zu organisieren. Am 10. März veröffentlichte der Mercurio gemeinsam mit einer Hand voll Unternehmer, die an Investitionen in den beiden südlichen Regionen beteiligt sind, eine Anzeige, in der beklagt wurde, dass sich „der Terrorismus in den ländlichen Teilen der Neunten Region verbreitet“.
Die Vorwürfe sind nicht neu: Das neoliberale chilenische Forschungsinstitut Libertad y Desarrollo („Freiheit und Entwicklung“) hat bereits im Juli 2001 einen 36 Seiten starken Essay herausgegeben, der die Verbindungen der Mapuche sowohl zu MIR und „Rodriguisten“ als auch zu den Zapatisten, der MST und den baskischen ETA-Kämpfern beweisen will. Gemeinsam sei all diesen Organisationen, die ablehnende Haltung dem Neoliberalismus gegenüber und der Wille, das bestehende Staatssystem zu zerstören.
Auf ideologischer Ebene wird auch von Seiten der Mapuche bisweilen der Vergleich mit dem autonomen Baskenland oder palästinensischen Befreiungskämpfern gezogen. Das macht sie jedoch nicht, wie Libertad y Desarrollo es darstellt, zu Handlangern ausländischer Organisationen. Die Selbstdarstellung der Mapuche-Organisation Coordinadora Arauco-Malleco, die in dem Essay immer wieder als Beispiel herangezogen wird, bestätigt dies: Sie distanziert sich von jeglicher Vereinnahmung durch linke Organisationen und Parteien und wirft ihnen Rassismus und Ethnozentrismus vor. Im Allgemeinen legen die Mapuche-Organisationen großen Wert darauf, dass ihr Kampf ein unabhängiger ist, der allein zur Wiedererlangung der Rechte ihres Volkes dient.

Ausländische Unterstützung

In einer vom Mercurio zitierten Broschüre kritisiert Libertad y Desarrollo unter anderem die Unterstützung der Mapuche durch ausländische Nichtregierungsorganisationen. Nach Meinung des Instituts rechtfertigen diese Gewalt als legitimes Mittel und missachten das Recht auf Eigentum, indem sie die Indígenas beim „Raub“ von Land unterstützen.
Neben zahlreichen Organisationen aus der ganzen Welt wird das Institut für Theologie und Politik in Münster genannt. Laut Olaf Kaltmeyer, einem Mitarbeiter dieses Institutes, basiert die Studie von Libertad y Desarrollo nicht auf solider Information. Die einzige Quelle für die Verbindung zwischen dem Institut für Theologie und Politik und Mapuche-Organisationen sei eine Internetseite gewesen, die über die Deutschland-Rundreise des Mapuche-Dirigenten und derzeitigen Bürgermeisters von Tirúa in der achten Region, Adolfo Millabur, informierte. Die konkreten Vorwürfe von Libertad y Desarrollo weist er zurück mit dem Hinweis, dass schon der Begriff des Rechtes auf Eigentum fragwürdig ist. Es handele sich um Eigentum, dass die Forstwirtschaftsunternehmen während der Zeit der Diktatur durch von Pinochet erlassene Gesetze erworben hatten. Diese Gesetzgebung hatte zum Ziel, das den Mapuche gehörende Land zu parzellieren und der Forstwirtschaft zugänglich zu machen.

Die Regierung im Zugzwang

Die chilenische Regierung mag sich den Vorwürfen des Terrorismus bis jetzt noch nicht anschließen. Präsident Lagos wies die Terrorismus-Anschuldigungen gegen die Mapuche als ungerechtfertigt zurück und Innenminister Insulza beschwerte sich über die verzerrte Darstellung des Konfliktes in den Medien. Sein Groll richtete sich vor allem gegen den Fernsehsender TVN, der behauptet habe, Insulza habe eine Verstärkung der Polizeikräfte in der Region gefordert. Dies habe er so nie gesagt, so der Minister, die Äußerung sei ohne Zusammenhang dargestellt worden. Außerdem waren in dem Bericht Bilder von kämpfenden Indígenas gezeigt worden, die schon Wochen alt waren und nicht die aktuelle Situation wiedergaben.
Von Seiten der Mapuche wird der Vorwurf des Terrorismus nicht nur zurückgewiesen, sondern auch zurückgegeben: Diejenigen, die die Mapuche seit Jahrhunderten unterdrücken und gewaltsam ihren Widerstand brechen wollen, seien Terroristen. Und für die Schwestern sind die Terroristen jene, die den Konflikt zwischen Mapuche, Wirtschaft und Staat in diesen Kontext stellen. Auf der Internet-Nachrichtenseite Mapuexpress.net findet man unter der Überschrift „Das ist Terrorismus!“ Bilder von gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen Mapuche und Polizei, von Verletzten im Krankenhaus und von schwer bewaffneten Uniformierten, die den Staudammbau am Alto Biobío verteidigen.

Regierung droht “mit harter Hand”

Die Kritik der Mapuche richtet sich nicht nur gegen die Meinungsmacher im Mercurio, sondern auch gegen die Regierung Lagos. Die Ankündigung des Präsidenten im Zusammenhang mit dem Ralco-Konflikt, in der Region den Rechtsstaat „mit harter Hand“ zu verteidigen, bezeichnen sie als offensichtliche Drohung gegen das Volk der Mapuche. Auch Innenminister Insulza bekam das zu spüren. Er wurde bei seiner Eröffnungsrede des Semesters an der Universität Valdivia von DemonstrantInnen unterbrochen, die ein Plakat mit der Aufschrift „No a Ralco“ trugen.
Ende März betonte Insulza auf einem Treffen mit Mitgliedern der Produktions- und Handelskonföderation, dass die Regierung keine von Mapuche besetzten Ländereien kaufen und hart gegen die Gewalttäter vorgehen werde. Auf dem Treffen versammelten sich genau die Unternehmer, die am 10. März die Anzeige im Mercurio veröffentlicht hatten.
Ihnen kommt die seit dem 11. September verbreitete Angst vor dem Terrorismus sehr zu Gute. Die Entführung Olivettis diente für sie als Beweis dafür, dass auch in Chile die Sicherheit in Gefahr sei. Die Mapuche, die auch zuvor schon häufiger als Terroristen bezeichnet wurden, geben die perfekte Zielscheibe für eine populistische Angstkampagne ab. Durch die so geschürten Ängste steigen Ablehnung und Rassismus, was die Bereitschaft zum Kampf auf Seiten der Mapuche erhöht. Und darin sehen die Unternehmen wiederum einen Grund, von der Regierung harte Reaktionen zu fordern. Diese ist zunehmend im Zugzwang, da die Angst die WählerInnen eher in die Arme derer treiben wird, die „Null Toleranz“ gegenüber den „Terroristen“ versprechen.


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Bitte nicht so viel Kritik!

Berta Belmar, die Regierungsbeauftragte der 9. Region in Chile, ist in das Iberoamerikanische Institut Berlin gekommen, um die frohe Kunde der Indígena-freundlichen Politik Chiles zu verbreiten. Selbstbewusst, klar strukturiert und in gut verständlichem Spanisch trägt sie ihren Vortrag über die Mapuche in der 9. Region vor. Begleitet wird er von einer professionell gestalteten Powerpoint-Präsentation. Man habe Schulden beim Volk der Mapuche, beginnt sie, und die müsse man nun bezahlen. Gut gesagt. Klick, klick, klick – auf der Leinwand jagt ein buntes Bild das Nächste. Musizierende, spielende, lächelnde, rundum glückliche Indígenas sind da zu sehen. Eine überwältigende Menge von Prozentzahlen sollen einen Eindruck von Bevölkerungsdichte, Armut und Bildungsstand der Mapuche vermitteln, gefolgt von der Aufzählung zahlreicher Projekte, die die Situation der Indígenas ganz bestimmt verbessern: Mehr Partizipation, bessere Rechtsprechung, bessere Bildungschancen, Anerkennung ihrer Philosophie und Religion. Um konkret zu werden: Am Lago Budi wurde eine Versammlung von Mapuchevertretern gegründet, die demokratisch legitimiert ist und Einfluss auf die Regionalpolitik haben soll. Auch wurde ein Schutzprogramm für dort siedelnde Schwäne ins Leben gerufen. Schilder im öffentlichen Raum sollen auf Spanisch und mapudungún zu lesen sein, und es gibt jetzt ein Netzwerk von Frauen, die Früchte anbauen. Das hilft, die Arbeitslosigkeit zu bekämpfen. Bei den Frauen anzusetzen, so fügt Belmar augenzwinkernd hinzu, sei einfacher. Schließlich erschienen die Männer montags nie zur Arbeit. Außerdem soll eine „Kommission der historischen Wahrheit” untersuchen, was in den letzten dreihundert Jahren geschehen ist.
So weit, so glücklich. Noch Fragen? Siegessicher blickt Belmar in die Runde, offensichtlich davon überzeugt, das Publikum begeistert zu haben. Ein junges Mädchen meldet sich zu Wort. Sie sei Mapuche, sagt sie, und sie lebe in Deutschland, da sie in Chile nicht leben könne. Doch nach Belmars Vortrag müsse sie ernsthaft überlegen, ob sie nicht schnell in ihre Heimat zurückkehren solle. Wenn da jetzt alles so schön sei… Sie spricht vom Staudammprojekt Ralco und den damit verbundenen Umsiedlungen, von Straßensperren, von Verhaftungen. Die Regierungsvertreterin bleibt gelassen. Ja, vereinzelt gebe es natürlich Probleme. „Aber wo gibt es die nicht?“ Und ob die junge Dame vielleicht eine etwas konkretere Frage habe?
Schon die Gesetzgebung sei ungerecht, wirft ein junger Mann ein. Er habe gehört, dass in einzelnen Fällen gefoltert worden sei. Außerdem sei Rassismus in Chile noch immer ein weit verbreitetes Problem. So etwas, erwidert Belmar, noch immer die Ruhe in Person, werde sie nicht zulassen, solange sie im Amt ist. „Gibt es noch eine konkrete Frage?“
Jetzt ergreift ein Deutscher das Wort. Belmar lächelt. Das wird wohl weniger kritisch werden. Weit gefehlt. Er spricht das Problem der Kulturen an und beklagt die fehlende Anerkennung der Kosmovision der Mapuche. Auch er solle doch bitte eine konkrete Frage stellen. Etwas verwirrt fragt er, wieso nicht mehr Geld in all diese Projekte gesteckt wird. Belmar erwidert mit Verweis auf die vielen zuvor erwähnten Zahlen, es sei eben nicht einfach und außerdem sei ja schon sehr viel erreicht worden. Eine spanische Journalistin erinnert daran, dass der Staudamm Ralco viel mehr zerstört, als am Lago Budi durch Schutzmaßnahmen für Schwäne je erhalten werden kann. Sie sagt vorsichtshalber gleich dazu, dass es sich nicht um eine konkrete Frage, sondern um eine Anmerkung handelt. Daher enthält sich Belmar auch jeglichen Kommentars.
Nach einer Weile schaltet sich der chilenische Botschafter Skármeta ein und bittet mit Blick auf die „leider schon fortgeschrittene Zeit“, in den letzten zehn Minuten doch bitte das Thema noch zu wechseln. Und man möge doch bitte bedenken, dass Frau Belmar da sei, weil sie sich ganz besonders für die Belange der Mapuche einsetze.
Ein älterer Herr im Anzug hebt die Hand. Seine etwas umständlichen Sätze lassen die Anwesenden eine Weile im Unklaren, in welche Richtung sein Kommentar verweisen wird. Vielleicht diesmal etwas Positives? Doch mit jedem Wort nähert er sich seinem Hauptargument: In Chile existiere ein ernsthaftes Rassismus-Problem, das durch alle bisherigen Maßnahmen nicht gelöst werden konnte. Arme Belmar! Er spricht, bis die knapp bemessene Zeit zu Ende ist, und der Applaus, der nach einer sehr förmlichen Verabschiedung Skármetas einsetzt, gilt wohl eher ihm und den anderen RednerInnen als Berta Belmar.

KASTEN

Es gibt genug zu kritisieren

Mittagszeit in Temuko. Auf der Plaza de Armas im Zentrum der Hauptstadt der Araucanía scheint alles seinen gewohnten Gang zu gehen. Nur an der Kathedrale sind heute mehr Menschen versammelt als sonst um diese Zeit. Etwa fünfzig Mapuchestudenten warten hier auf die Ankunft ihrer Sprecher. Mit ihnen wartet an jeder Ecke der Plaza eine Formation von Spezialeinsatzkräften der Polizei, ein Wasserwerfer steht auch schon bereit. Die Straßen rund um die Plaza sind gesperrt.
Grund: Neun Studenten indigener Herkunftf besetzen bereits fünf Tage lang die Kathedrale. Seit 100 Stunden befinden sie sich dort im Hungerstreik, um so die Schließung des Studentenheims „La Ercilla“ zu verhindern.
Für die Mapuche, die vorwiegend aus ländlichen Regionen nach Temuko zum Studieren kommen, ist dieses Wohnheim nicht nur ein erschwingliches Dach über dem Kopf. Vielmehr ist „La Ercilla“ ein Treffpunkt, ein Ort der Bildung und des Austauschs zur Geschichte, Kultur, Sprache und Politik der Mapuche. Lokale Autoritäten sehen das Heim als ein „Mapucheghetto“, in dem Drogen und chaotische Verhältnisse herrschen und haben deshalb dessen Schließung beschlossen. Ein neues Heim steht schon zur Eröffnung bereit, weshalb der Protest als nicht gerechtfertigt abgestempelt wird.
Vor der Kathedrale finden sich unterdessen immer mehr Protestierende ein, Sprechchöre fordern lautstark Tierra, Hogar, Justicia y Libertad (Land, Heim, Gerechtigkeit und Freiheit). Plötzlich fliegt ein Stein in Richtung eines Polizisten und die Zuschauer des Geschehens weichen für einen Moment zurück.
Die vor vier Monaten begonnenen Proteste finden im gegenwärtigen Hungerstreik ihren Höhepunkt. Die Mapuchestudenten protestieren nicht nur für den Erhalt des Wohnheims, sondern fordern eine breitere Unterstützung der Regierung für ihre Ausbildung. Die aktuellen Proteste reihen sich in den umfassenden Kampf der Mapuches um die Anerkenung ihrer Rechte in Chile ein.
Mit Jubel werden schließlich die voceros, ihre Sprecher, empfangen, die erneut ihre Bereitschaft zum Dialog mit den verantwortlichen Instanzen bekunden. Die Vertreter der Regierung sind zu diesem nur bereit, wenn die Mapuchestudenten die Kathedrale verlassen. Pedro Sanchez, einer der Sprecher, erklärt, dass diese erst verlassen wird, wenn konkrete Lösungen für den Konflikt vorliegen, ebenso würde erst dann der Hungerstreik beendet.
In Lumako, nicht weit von Temuko mobilisieren sich dieser Tage ebenfalls Mapuche verschiedener Gemeinden: gegen das Forstunternehmen Minincu, deren Ländereien die Mapuche für sich beanspruchen. Wie bei den Studenten in Temuko geht es auch hier um die Eroberung oder Rückgewinnung lang geschuldeter Lebensräume. Auch hier steht drastischen Mitteln zur Durchsetzung der Forderungen nichts mehr im Wege. Wenn es notwendig ist, „sind wir bereit unser Leben zu opfern“, sagt Carlos Maril, Präsident der Kommission der Gemeinden, die sich im Konflikt befinden.

Tanja Rother


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“Die Forstwirtschaftsfirmen müssen gehen“

In einem Interview sagten Sie, dass der „Rat aller Länder“ nach traditionellen Richtlinien der Mapuche organisiert und immer mit der Geschichte Ihres Volkes verbunden sei. Was bedeutet diese traditionelle Bindung für die Struktur Ihrer Organisation?

Die Struktur richtet sich nach den philosophischen, religiösen und kulturellen Ideen der Mapuche. Wir haben eine andere Organisationsstruktur als die westliche Welt. Es gibt keinen Präsidenten, keinen Sekretär und keinen Schatzmeister, sondern einen Rat der Lonkos, der Ältesten, der die Mapuche-Bewegung leitet, der der Kern der Bewegung ist. Wir, die wir die Möglichkeit hatten, zur Schule zu gehen und Spanisch zu lernen, sind diejenigen, die auf die eine oder andere Weise der westlichen Welt eine Botschaft überbringen.

Eines Ihrer Ziele ist, ein unabhängiges Parlament zu gründen. Wie stellen Sie sich seine Zusammenarbeit mit den chilenischen Institutionen vor?

Das Parlament ist keine institutionelle Angelegenheit, die man mit dem chilenischen Staatsapparat vergleichen könnte. Was wir wollen, ist die Schaffung einer juristisch und politisch anerkannten Instanz, die als Vermittler zwischen dem chilenischen Staat und den Mapuche-Gemeinden fungiert. Wir wollen nicht den Staat unterstützen, sondern uns selbst.
Das heißt, wir wollen nicht in jeder staatlichen Institution Leute sitzen haben, sondern wir brauchen eine Gruppe von Personen, die uns gegenüber der staatlichen Politik repräsentiert und die eine beratende Funktion hat bei jedem Projekt und jeder Entscheidung, die uns betreffen könnte.

Unterstützt die staatliche Indígena-Behörde CONADI Ihre Arbeit?

Die CONADI ist eine Instanz der Regierung, eingesetzt zur Kontrolle des Themas „Indígenas“. Sie ist nicht geschaffen worden, um Probleme zu lösen, sondern, um sie einzudämmen. Deshalb hat die CONADI dieselbe Beziehung zu den Mapuche wie das Bürgermeisteramt.

Was halten Sie von staatlichen Projekten, wie der zweisprachigen Erziehung, die an einigen wenigen Schulen eingeführt wurde?

In Chile gibt es noch keine zweisprachige Erziehung, es ist ein Projekt. Man entwirft gerade Methoden, wie man Interkulturalität vermitteln kann. Ich glaube allerdings, dass diese einzig darauf abzielen, auf der Basis der Mapuche-Kultur ein Erziehungskonzept zu etablieren, das, anstatt unsere Kultur zu stärken, ihren kulturellen Reichtum der westlichen Welt vorführen will.
Ich denke, dass ein interkulturelles Konzept andersherum funktionieren muss: Es muss speziell die Kultur der Mapuche festigen und davon ausgehend einen Raum schaffen, um diese auch kennen zu lernen.

Von den Forstwirtschaftsfirmen, die zu einem großen Teil auf dem von den Mapuche beanspruchten Territorium ansässig sind, fordern Sie dreißig Prozent des wirtschaftlichen Gewinns. Wie würde sich denn die Situation Ihres Volkes verbessern, wenn es über diese dreißig Prozent verfügen könnte, aber immer noch nicht über das Land?

Unser Ziel ist es, dreißig Prozent vom Ertrag des Waldes zu bekommen. Wenn die Bäume gefällt werden, bleibt die Erde, und wir wollen, dass sie uns überlassen wird. Das Geld, das wir von der Forstwirtschaftsfirma erhalten würden, würde sofort für die Wiederaufbereitung des Bodens genutzt werden, damit die Gemeinden in Zukunft von der Landwirtschaft leben könnten. Die Holzfirma muss endgültig gehen, sie kann nicht zurückkommen.

Als Gegenargument werden negative wirtschaftliche Folgen für die Region vorgebracht…

Uns nützt die Anwesenheit der Holzfirma überhaupt nichts. Arbeitsplätze hat sie nicht für Leute aus der Region geschaffen. Von denen arbeitet da keiner. Wir ziehen keinen Gewinn aus der ganzen Sache, die können uns also nicht mit ökonomischen Aspekten kommen. Die Mapuche sind die Ärmsten der Welt und Chiles. Dann kann doch niemand sagen, dass der Rückzug der Firmen die Ökonomie schädigt. Ich habe nämlich noch nicht herausgefunden, wie die Präsenz der Forstwirtschaftsfirmen die wirtschaftliche Situation der Mapuche verbessert haben soll.

Wäre es schwierig, die Ländereien nach der Rückgabe zu bebauen, nachdem sie so lange nur mit Eukalyptus und Kiefer bepflanzt waren?

Ja, sehr schwierig. Deswegen ist es notwendig, dass die Firmen uns Mittel überlassen, um ökologische Schäden beheben zu können. Die Wahrscheinlichkeit, dass sie es tun werden, ist zwar nicht sehr hoch, aber ich galube, dass sie sich auf jeden Fall aus den Gebieten Mapuche zurückziehen werden.

Wie können Sie da so sicher sein?

Ich bin sicher, weil alle Mapuche sich gerade mobilisieren. Einer von beiden muss gehen, und das werden nicht wir, sondern die Forstwirtschaft sein. Ich weiß nicht wie, aber sie werden gehen.

Im Mai reisten Sie nach Europa und sprachen unter anderem bei der Gesellschaft für bedrohte Völker in Göttingen und beim europäischen Parlament vor. Was erhoffen Sie sich von diesen Kontakten?

Ich hoffe auf Verständnis, Akzeptanz und Solidarität für die Mapuche. Ich denke, die Zivilgesellschaft in Europa, die sich ökologisch, demokratisch und politisch für so fortschrittlich hält, will sich kaum zu einem Mitschuldigen für die Diskriminierung, das Sterben, das Verschwinden der indigenen Kulturen Amerikas machen. Sie müssen entscheiden, ob sie damit einverstanden sind, dass unsere Kultur verschwindet, oder ob sie etwas dazu beitragen wollen, dass wir nicht verschwinden. Das sind die Optionen, die sie haben.

Interview: Dinah Stratenwerth


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Die Stimme der Mapuche

Der Redaktionsraum von „La Voz de Arauco“ („Die Stimme Araucos“) ist mit etwa 20 Quadratmetern gerade mal so groß wie in anderen Büros das Vorzimmer. Dennoch bezeichnen die Journalistin und die Layouterin ihren Arbeitsplatz scherzhaft als „Redaktionszimmer“, bzw. „Grafikdesign-Studio“. Dass zwei Personen für die Zeitschrift arbeiten, ist schon ein enormer Fortschritt, denn die ersten sieben Jahre ihres Bestehens, von 1991 bis 1998, wurde sie von einem einzigen Menschen gemacht, und der war und ist noch nicht einmal Journalist: César Correa Díaz, Chef von „La Voz de Arauco“ kehrte nach einem abgebrochenen Topografiestudium in seine Geburtsstadt Cañete in der Provinz Arauco zurück und verdiente mit den verschiedensten Jobs sein Geld. Heute arbeitet er für seinen Lebensunterhalt halbtags als Aufseher in einer Schule, der Nachmittag gehört seiner Zeitschrift.

Ein Medium für die Mapuche

Die Provinz in der achten Region ist eine der ärmsten Gegenden Chiles, mit einer Arbeitslosigkeit von 10,4 Prozent bei 170.000 EinwohnerInnen. Die wichtigsten Einkommensquellen sind die Forst wirtschaft, Agrarwirtschaft und ein sich zögerlich entwickelnder Tourismus. Laut der letzten Erhebung im Jahre 1992 leben in den sechs Kommunen der 18. Provinz 9832 Mapuche, die meisten von ihnen in der Kommune Cañete. Konfrontiert mit dieser Realität entschied Díaz, dass die Provinz ein Medium brauche, über das sie sich identifizieren und informieren könne, und so entstand „La Voz de Arauco“. Obwohl er in den ersten sieben Jahren alleine recherchierte, fotografierte, schrieb und layoutete, umfasste die Zeitschrift seit ihren Anfängen zehn bis fünfzehn Seiten und informierte detailliert über die Geschehnisse in der Provinz. Doch das reichte dem ehrgeizigen Zeitungsmacher nicht: Er wollte nicht nur Nachrichten, sondern auch die Kultur der Mapuche verbreiten. Also konzipierte er eine Beilage, die dies auf unkonventionelle Art tun sollte – das KülKül. Das Wort beschreibt den Ton, den der Lonko, der Anführer einer Mapuche-Gemeinschaft, mit einem Horn erzeugt, um die Gruppe zusammenzurufen.
Zunächst fehlte es an Geld, um außer der Zeitschrift noch eine Beilage zu publizieren. Durch die Geistliche Teresa Bull, die Projekte mit Mapuche- Gemeinschaften organisierte, lernte Díaz schließlich die Deutsche Stiftung für Internationale Entwicklung (DSE) kennen, welche die Arbeit Bulls finanzierte und auch an seiner Idee Interesse zeigte. Dennoch lagen zwischen dem Antrag auf Unterstützung für das KülKül im Jahre 1995 und der Zusage der Stiftung ganze drei Jahre. Der Zuschuss, der nun für zwei Jahre gesichert war, schuf auch andere Bedingungen für „La Voz de Arauco“: Es konnten zwei weitere Mitarbeiterinnen angestellt, sowie Material und Computer gekauft werden. Das KülKül erschien als Beilage und fiel schon durch sein Layout auf: Ein kindlicher Schriftsatz und viele Fotos ließen es äußerlich wie ein illustriertes Kinderbuch erscheinen. Dazu kam, dass jede Ausgabe ein Schwerpunktthema hatte wie zum Beispiel die Rolle der Frau, Musik, religiöse Rituale, oder Kinder und Jugendliche, so dass alle erschienenen Ausgaben zusammen wirklich ein Buch ergeben könnten.
Die Erste, im Dezember 1998 publizierte Beilage stellte das damals neue Projekt der zweisprachigen Erziehung auf Mapudungun ( die Sprache der Mapuche) und Spanisch vor und ließ Schüler aus ihrem Alltag erzählen. Um zur Verständigung beizutragen, beinhaltete jedes KülKül ein kleines Wörterbuch. Der Großteil der Artikel wurde von einer Chilenin geschrieben, die jedoch eng mit den Mapuche zusammenarbeitete, sie immer wieder besuchte und an ihren Ritualen teilnahm. Der Mapuche César Ancalaf, der in der Nähe von Cañete an einem Forschungsprojekt arbeitet, unterstützte die Redaktion als Berater. Díaz erzählt, dass oft Leute aus den Gemeinschaften in sein Büro kamen, um zu fragen, ob die neue Ausgabe der Zeitung schon da sei und ob ihr Interview erschienen sei. Es habe sie mit großer Zufriedenheit erfüllt, dass ihre Worte und Fotos wirklich veröffentlicht wurden.

Külkül im Unterricht

Nach den zwei Jahren lief die finanzielle Unterstützung der DSE aus, das KülKül musste nach zwanzig Ausgaben eingestellt werden und die Zeitschrift hielt sich mehr schlecht als recht durch Werbeeinnahmen über Wasser. Doch Cesar Correa Díaz hatte schon wieder neue Ideen entwickelt: Da er von Lehrern erfahren hatte, dass sie das KülKül im Unterricht verwendeten, wollte er seine Beilage in einem kleineren Format und farbig als Unterrichtsmaterial an Grundschulen in drei Regionen verteilen. Dieses Projekt sollte im Rahmen der Schulreform des Erziehungsministeriums finanziert werden. Nach langem Warten kam im März diesen Jahres endlich der positive Bescheid aus Santiago. Das KülKül ist in ein Programm der zweisprachigen Erziehung eingebunden, das seit 1998 in einigen Schulen praktiziert wird. Es soll „eine Annäherung zwischen Mapuche und Nicht-Mapuche hestellen“ und erreichen, dass „die Kinder die Existenz einer multikulturellen Gesellschaft anerkennen können“, so César Ancalaf.
Die inhaltlichen Schwerpunkte Religion, politische Organisation und Soziologie sollen durch Gespräche mit Politikern, Experten, Lonkos und Machis (Mapuche-Wunderheilerinnen) sowie durch Literaturrecherche vermittelt werden. Durch die webpage von „La Voz de Arauco“ (www.lavozdearauco.cl) und das Programm „Enlaces“ des chilenischen Erziehungsministeriums (www.enlaces.cl), das die Vernetzung von Bildungseinrichtungen vorantreibt, soll „die Zusammenarbeit zwischen SchülerInnen von verschiedenen Institutionen in Chile und im Ausland möglich gemacht werden“, wie Ancalaf erklärt. Armando Marileo, Leiter des Mapuche- Museums in Cañete, freut sich über die „Wiederauferstehung“ des KülKül, nach dem ihn immer wieder MuseumsbesucherInnen gefragt hatten.
Doch es gibt sicher nicht nur positive Reaktionen auf das neue KülKül. Das alte Projekt beschränkte sich darauf, in einer hübschen Verpackung die Kultur der Mapuche als Bereicherung für die chilenische Gesellschaft darzustellen. Der Kampf, den sie im täglichen Leben gegen Diskriminierung und Armut auszutragen haben, wird nicht beachtet. Zudem gibt es Lehrer, die die zweisprachige Erziehung für sinnlos halten, da sie den jungen Mapuche nur eine Chance einräumen, wenn sie sich vollständig in die chilenische Gesellschaft integrieren. Das Mapudungun ist ihrer Meinung nach dabei eher hinderlich als hilfreich und wird als Teil einer aussterbenden Kultur angesehen. Wie das KülKül letztendlich bei LehrerInnen und SchülerInnen ankommt, wird wohl erst die Erfahrung zeigen können.
Mitte April wurde „La Voz de Arauco“ zehn Jahre alt und ihr nimmermüder Chef hat wieder neue Pläne: Er will einen Radiosender eröffnen, der die Provinz 24 Stunden am Tag mit Musik und Informationen unterhält.


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„Wir arbeiten wie ein Ameisenkollektiv“

Edmundo Lebrecht ist Sohn eines deutschen Juden, der 1937 Ulm verlassen hatte, um in Chile Zuflucht zu suchen. Er studierte an der Schauspielschule der Universität in Santiago de Chile und arbeitete später als Dozent für Theaterwissenschaft.
Am 29. September 1974, etwas mehr als ein Jahr nach dem Militärputsch unter General Augusto Pinochet, wurde Lebrecht wegen seiner Tätigkeit im Widerstand von der chilenischen Geheimpolizei DINA festgenommen. In einem geheimen Folterzentrum in Santiago wurde er zunächst zwei Wochen lang physisch und psychologisch gefoltert, in den folgenden sieben Monaten in verschiedene Haftanstalten und Konzentrationslager gebracht. Hilferufe seiner Frau Gilda erreichten einen jüdischen Schulfreund des Vaters von Lebrecht, der mit der Hilfe von amnesty international die Einbürgerung der Familie Lebrecht durch das baden-württembergische Innenministerium und schließlich die Ausreisegenehmigung aus Chile erwirkte.
Im Anschluß an die Festnahme Pinochets in London im Oktober 1998, stellte Lebrechts Rechtsanwältin Petra Schlagenhauf Strafanzeige gegen den chilenischen Exdiktator beim Bundesgerichtshof in Karlsruhe wegen Straftaten im Sinne der UN-Folterkonvention. Das Verfahren wurde an die Staatsanwaltschaft Düsseldorf übergeben.

Welche Bedeutung hat für Sie persönlich die Suche nach Wahrheit und Gerechtigkeit?

Für mich sind Wahrheit und Gerechtigkeit vielleicht die wichtigsten Prinzipien des Lebens. Alles, wofür ich mich engagiert habe, in der Politik, in der Theaterarbeit und in anderen gesellschaftlichen Gruppierungen, war immer mit der Suche nach Gerechtigkeit und Wahrheit verbunden. Das sind Prinzipien, die man geerbt hat, von Leuten, deren Bücher man gelesen hat oder von den Eltern. Wichtig ist, dass man diesen Prinzipien, so allgemein sie auch sind, im Alltag gerecht wird: man muss sie wie ein Versprechen halten.

Und was bedeuten die Prinzipien von Wahrheit und Gerechtigkeit im Zusammenhang mit ihrer Strafanzeige gegen Augusto Pinochet hier in Deutschland?

Ich kann das sehr einfach formulieren: ich bin auch ein deutscher Bürger und man hat mich physischer und psychischer Folter unterworfen. Wenn hier jemand auf der Straße oder hinter einer Ecke einen anderen verprügelt, fesselt, misshandelt, dann wird er wegen dieses Verbrechens verhaftet. Und das, was man mit mir gemacht hat – wenn man vom politischen Rahmen abstrahiert – war eine solche Art von Verbrechen. Nachdem Pinochet am 14. Oktober 1998 in England festgenommen worden war, habe ich mir gedacht, dass Deutschland, seine Gesellschaft und seine Institutionen sich engagieren sollten bei der Suche nach Gerechtigkeit für all das, was man einem deutschen Bürger angetan hatte.

Hugo Gutiérrez, einer der sieben Klägeranwälte im Fall der „Todeskarawane“, in dem nun Anfang Februar Anklage gegen Pinochet erhoben wurde, sagte, dass erst jetzt mit der Anklageerhebung die Diktatur Pinochets wirklich beendet sei. Sehen Sie das ähnlich?

Ich sehe das etwas anders, vor allem sehe ich die noch andauernden Probleme der Diktatur nicht nur in der Gegenüberstellung von Vertretern derselben und der Justiz, sondern begreife das viel allgemeiner. Was in Chile stattgefunden hat, war eine richtige konservative Revolution, die die gesamte Gesellschaft geprägt hat, weshalb sie wohl auch so lange gedauert hat. Es hat sich ein neues wirtschaftliches – sehr ungerechtes – System entwickelt und mit ihm eine Ideologie des Konsumismus und Individualismus. Insbesondere aber hat man die Organisationen des Volkes und schlimmer noch die Gewohnheit der Menschen, sich zu organisieren und zu kämpfen, zerstört. Das sind die großen Erben der Diktatur.
Heutzutage hat man in Chile die Freiheit zurückerobert: Ich kann mich in einem Café mit Freunden über Politik unterhalten ohne Angst haben zu müssen, dass der Mann hinter mir vielleicht ein Spitzel ist. Wir haben auch die Möglichkeit zurückerobert, eine gewählte Regierung zu haben, deren Möglichkeiten allerdings sehr beschränkt sind: Es ist eine Regierung mit der Aufgabe, dieses wirtschaftliche Modell, das sich unter Pinochet entwickelt hat, zu verwalten. Deshalb leben wir jetzt in Chile in einer formalen Demokratie, die sehr viele Züge von der Diktatur trägt, insbesondere ideologischer Art.

Welche Gefühle haben die juristischen Erfolge im Fall Pinochet zunächst in England und danach vor der chilenischen Justiz in Ihnen hervorgerufen?

Ich habe damals, als Pinochet in London festgenommen worden war, sehr viel darüber nachgedacht, ob ich Rachegefühle empfinde oder nicht. Eigentlich habe ich überhaupt keine Rachegefühle. Ich habe mich gefragt, was es für einen Menschen, der so viel Macht durch Gewalt hatte, bedeutet, seine Freiheit zu verlieren. Und ich dachte vor allem an diese kleinen, und doch so wichtigen Dinge, etwa dass Pinochet vielleicht einen englischen Wächter um Erlaubnis bitten müsste, um pinkeln zu gehen. Solche Kleinigkeiten haben mir eine Art Genugtuung und Freude beschert.
Ich glaube schon, dass wir Opfer der Diktatur sehr viel projizieren. Wir projizieren das, was man uns genommen und was man uns angetan hat, auf diese juristischen Fälle von Pinochet und einigen anderen wichtigen Generälen der Diktatur, die heute vor Gericht stehen. Es ist ja so, dass außer den Menschenrechtsorganisationen und besonders den Angehörigen der Verschwundenen die Menschen in Chile diese Verfahren nur vor dem Fernseher in den Nachrichten sehen. Sie sehen es mit großem Interesse, aber sie mobilisieren sich nicht, auch nicht diejenigen, die Pinochet verteidigen würden.
Aber ich würde sagen, dass diese engagierten Rechtsanwälte und auch die Richter, die sich so wunderbar für die Menschenrechte in Chile einsetzen, einen großen Teil der chilenischen Gesellschaft vertreten. Denn für sehr viele ChilenInnen geht es in den Prozessen nicht nur um historische Gerechtigkeit, sondern eben auch um eine ganz persönliche Gerechtigkeit. Was verhandelt wird, sind eher repräsentative Fälle, nicht aber der Fall des einfachen Mannes, der auch sehr viel gelitten hat während der Diktatur. Deshalb projizieren die Menschen die juristischen Erfolge gegen Pinochet auf ihr persönliches Schicksal.

Sie sprachen von Rachegefühlen. Im Rahmen der Foltertherapie heißt eine Art Grundregel: „Ohne Hass keine Versöhnung“ – ein allzu schneller Verzicht auf Gefühle wie Hass und Rache sei ein großes Problem bei Folteropfern. Wie sind ihre Erfahrungen mit Rache und dem Verzicht auf Rache?

Praktisch gesehen wäre es ja gar nicht so schwer für uns Opfer gewesen, sich ein Gewehr zu besorgen und ein paar Schüsse auf die abzugeben, von denen wir glauben, dass sie verantwortlich sind für das, was uns geschehen ist. Aber für uns, die wir damals zum Widerstand gehörten, war es nicht nur ein vernünftigerer, sondern auch viel sinnvollerer Umgang mit den Verbrechen, überall in der Welt Druck auszuüben. Die Erfolge, die jetzt – gerade im Verlauf des letzten Jahres vor der chilenischen Justiz – erreicht worden sind, sind das Ergebnis der Arbeit von Ameisen. Wir alle, so viele Menschen und Organisationen in der ganzen Welt – auch ihr von den Lateinamerikanachrichten und das FDCL (Forschungs- und Dokumentationszentrum für Chile und Lateinamerika, d. Red.) – haben wie ein großes Kollektiv von Ameisen über so viele Jahre tagtäglich Druck gemacht. Jetzt zeigt sich, dass nichts von dem umsonst war.

Wissen sie, wie die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Düsseldorf in Ihrem Fall bisher vorangekommen sind?

Darüber bin ich nicht sehr gut informiert. Ich habe jedenfalls in einem Schreiben an die Staatsanwaltschaft geschildert, was man mit mir nach meiner Festnahme am 29. September 1974 gemacht hat. Die Staatsanwaltschaft benötigt ja diese Tatsachen. Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich die gegen mich begangenen Verbrechen in Einzelheiten beschrieben.

Es gibt bei strafrechtlichen Ermittlungen und Prozessen im Ausland ja regelmäßig ein Beweisproblem. Wie groß schätzen Sie die Chancen ein, dass es in Ihrem Fall zum Erlass eines Haftbefehls kommt?

Wissen sie, ich bin ja viel mehr ein politischer Mensch als einer der Justiz. Wie ich schon am Anfang sagte, habe ich mit der Strafanzeige bei der deutschen Justiz vor allem das Ziel verfolgt, dass die Gesellschaft und die Institutionen in Deutschland sich mit den Verbrechen gegen deutsche Staatsbürger während der chilenischen Militärdiktatur auseinandersetzen. Außerdem habe ich die Strafanzeige zu einem Zeitpunkt gestellt, als Pinochet in London festgenommen war, so dass die Möglichkeit bestand, dass sich die Bundesrepublik für seine Auslieferung nach Deutschland einsetzen würde. Diese Aufgabe der deutschen Justiz hat sich dann erledigt, als Pinochet wieder nach Chile reisen durfte. Und natürlich finde ich es viel wichtiger, dass statt einem deutschen Gericht nun die chilenische Strafjustiz über seine Verbrechen urteilt.

Haben sie auch in Chile vor dem zuständigen Ermittlungsrichter Guzmán Klage gegen Pinochet eingereicht?

Ja, es gibt ein solches Verfahren, und zwar als Kollektivverfahren: 500 ehemalige Verhaftete, die gefoltert worden sind, wir haben zusammen Klage gegen Pinochet eingereicht. Auch hieran sieht man, dass der Kampf gegen die Straflosigkeit von Menschenrechtsverbrechen eine kollektive Sache ist. Man könnte sagen: Jeder einzelne Fall für sich ist vielleicht zu schwach, aber die Vielzahl der Fälle schafft den erforderlichen Druck.

Sie haben mir erzählt, dass sie bei Ihrer neuen Tätigkeit an der Universität Temuco ein Projekt mit dem Mapuche-Volk ins Leben gerufen haben. Um was für ein Projekt handelt es sich dabei?

Ich arbeite dort in Temuco in zwei Richtungen: Einmal gebe ich sowohl an der privaten, als auch an der öffentlichen Universität Theaterunterricht. Außerdem bin ich an der privaten Universität, der Universidad Mayor, Koordinator eines Programms für die Beziehungen mit dem Mapuche-Volk. Hauptsächlich wenden wir uns mit dem Programm an die älteren Mapuche, die sich mit ihrem Wissen organisieren sollen. Und das machen wir mit großem Erfolg – es bestand da eine richtige Lücke. Denn die alten Menschen, die noch das Wissen ihrer Vorfahren haben, merken, dass sie dieses heutzutage nicht an die Kinder und Enkel weitergeben können, weil die ganz woanders in die Schule gehen und auch nicht so daran interessiert sind. Wir sammeln also jetzt im Rahmen des Programms dieses Wissen der Mapuche und wollen es vor allem in Schulbüchern an die neue Generation weitervermitteln. Ich habe auch die Gelegenheit meines Deutschlandaufenthaltes dazu genutzt, Kontakte zu knüpfen, damit wir mit dem Programm weitermachen können.

Soll es auch einen Austausch mit deutschen und anderen europäischen Universitäten geben?

Ja, wir arbeiten daran, dass in zwei oder drei Jahren Studenten europäischer Universitäten nach Temuco kommen können, um dort Praktika zu machen oder Magisterarbeiten zu schreiben.


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Millionen für den Bío Bío

Die Bagger schaufeln schon eifrig, Techniker laufen geschäftig umher und Männer in feinen Anzügen geben Anweisungen. An einem zweiten einer Reihe geplanter Megastaudämme am Bío Bío wird gebaut. Der Staudamm Ralco soll helfen, der steigenden Nachfrage nach Elektrizität gerecht zu werden. Rund 500 Millionen US-Dollar soll er kosten.
Die wirklichen Kosten dieses Projekts im Namen der Entwicklung sind jedoch in Zahlen nicht auszudrücken. Denn das Tal des Bío Bío und seiner hinauf in die Andenkordillere führenden Terrassen ist, 550 km südlich der Hauptstadt Santiago, der traditionelle Lebensraum der zum Volk der Mapuche gehörenden Pehuenche, die sich seit Jahrhunderten auf außergewöhnliche Weise an die schwierigen natürlichen Verhältnisse der Region angepasst haben. Die Überflutung von 3400 Hektar Land am Oberlauf des Bío Bío würde ein einzigartiges Ökosystem zerstören und die Vertreibung von insgesamt sechshundert Menschen bedeuten, darunter vierhundert Pehuenche, die damit nicht nur ihre natürliche Lebensgrundlage, sondern auch ihre kulturelle und religiöse Basis auf unwiderrufliche Weise verlieren würden.Für die Planung, Durchführung und das Geschäft des Staudammbaus sind die private Firma Endesa (Empresa Nacional de Electricidad, S. A.), Spanien bzw. die chilenische Tochterfirma Enersis verantwortlich. Der transnationale Energiekonzern besitzt 90 Prozent der Wasserrechte Chiles, kontrolliert 80 Prozent der chilenischen und weite Teile der lateinamerikanischen Energiewirtschaft und ist auf dem besten Wege, allen Fragen um Nachhaltigkeit und Wirtschaftlichkeit seiner Großvorhaben zum Trotz, dieses Monopol weiter auszubauen. Unterstützt wurde Endesa dabei bisher von zahlreichen europäischen Geldgebern, u.a. der Dresdner Bank, dem BMZ und der schwedischen Regierung sowie bis vor kurzem von der Weltbank. Das politische O.K. für die Durchführung des Geschäftes gab der chilenische Präsident Frei unter Missachtung des geltenden Rechts noch kurz vor der Amtsübergabe an Ricardo Lagos im März letzten Jahres.

Der Widerstand steht auf wackligen Beinen

Viele Pehuenche haben durch den Staudammbau, wenn auch nur vorübergehend, Arbeit gefunden. Armut und fehlende Alternativen in der durch den Staat vernachlässigten Region haben sie dazu gezwungen. Stoff für Konflikte in den indigenen Gemeinschaften und innerhalb der Familien gibt es seit dem Auftreten von Endesa deshalb ständig. Kein Wunder also, dass es derzeit nur fünf Pehuenchefrauen sind, die sich aktiv gegen Ralco zur Wehr setzen und die zu der Minderheit gehören, die der Umsiedlung mit ihrer Unterschrift noch nicht zugestimmt haben. Die meisten Pehuenche haben dem Druck von Endesa nicht Stand gehalten, deren erpresserische Methoden zu Angst und Resignation geführt haben. Die mangelnde Aufklärung über ihre Rechte, der fehlende Beistand für die zum Teil analphabetischen Familien durch die staatlichen Behörden und nicht zuletzt die Entschädigungsangebote von Endesa spielten dabei eine Rolle. Einige Familien haben die mit allen westlichen Standards ausgestatteten Blockhäuser bereits bezogen, die Waschmaschine und auch die Fahrräder für die Kinder freudig entgegengenommen. Doch der Unmut über die künstlich von Endesa geschaffene Siedlung El Barco und die dazugehörenden Ländereien griff schnell um sich, liegt sie doch auf der Höhe der Sommerweiden, was bedeutet, dass im Winter hier alles im Schnee versinkt, und so Tiere und Menschen nicht überleben können. Der traditionelle Wechsel zwischen den niedrigeren Winter- und den höher in den Bergen gelegenen Sommerplätzen, der zentraler Bestandteil der Pehuenchekultur ist, wurde schlicht ignoriert. Und so handelt es sich wohl bei El Barco um ein sinkendes Schiff. Endesa begann damit nicht nur, das innere Funktionieren der indigenen Gemeinschaften zu zerstören, sondern spaltet durch die persönliche Druckausübung, besonders auf die bei Ralco angestellten Pehuenchemänner, ganze Familien.

Prinzip Hoffnung

Aussichtslos scheint der Kampf gegen den Energiekonzern dennoch nicht zu sein. Einerseits stehen hinter den fünf Frauen, die von der Organisation Mapu Domo Che Nehuen (Frauen mit der Kraft der Erde) noch übrig geblieben sind, zahlreiche in- und ausländische Menschenrechts- und Umweltgruppen wie die chilenische Nichtregierungsorganisation GABB (Aktionsgruppe für den Bío Bío) mit dem Ökologen Juan Pablo Orego an der Spitze oder auch die chilenische grüne Partei unter dem Vorsitz von Sara Larrain. Außerdem gibt es, im Gegensatz zur Situation von vor acht Jahren während des Baus von Pangue, heute sowohl festgeschriebene indigene Rechte (Ley indígena, 1993) als auch ein Umweltrecht (Ley del medio ambiente, 1994) in Chile, die einforderbar sind und konkrete Schritte möglich machen. Jedoch liegen in der noch jungen Demokratie des Landes genau hier die Schwierigkeiten. Einmal mehr spiegeln die Ereignisse am Bío Bío den anhaltenden Einfluss der Militärs wider, wurde doch Endesa während der Militärdiktatur privatisiert und die Planung der Staudämme im Territorium der Pehuenche vorangetrieben.
Für Ende Dezember erwarten die StaudammgegnerInnen die Entscheidung der chilenischen Justiz zum Indigenen- und Energiegesetz und deren widersprüchlichen Gesetzestexten. Letzteres wurde noch unter der Militärdiktatur formuliert und sieht für die indigene Bevölkerung keine „Sonderregelungen“ vor, da diese gemäß Pinochets Ausspruch „Wir sind alle Chilenen. Es gibt keine Indianer“ ja auch gar nicht relevant gewesen wären. Allerdings will die aktuelle ley indígena die indigenen Kulturen schützen und fördern und verbietet den Kauf und Verkauf indigener Ländereien sowie deren wirtschaftliche Ausbeutung.
Ricardo Lagos ließ zu Beginn seiner Amtszeit im März letzten Jahres verlauten, dass er die Bedeutung von Ralco für Chile zwar anerkenne, den Rechten der Indígenas aber Rechnung zu tragen sei. Leider scheint der Präsident damit ziemlich allein innerhalb der Regierung zu stehen. Heute, ein halbes Jahr später, wurde der Bau des Staudamms zwar mehrmals durch richterliche Verfügungen gestoppt, eine endgültige Absage an das Projekt, das in der chilenischen Gesellschaft und auf internationaler Ebene auf zunehmende Ablehnung stößt, jedoch nicht erteilt.
Da im eigenen Land bereits fast alle rechtlichen Mittel erschöpft sind, um Ralco noch zu stoppen, möchte Orego (GABB) den Konflikt über Chile hinaus publik machen und zusammen mit zwei der Betroffenen, Nicolasa und Berta Quintreman Calpán, den Fall in Spanien zur Anzeige gegen Endesa bringen. Der Versuch des Genozids am Volk der Pehuenche wird dabei Hauptbestandteil der Begründung bilden.
Die Schwestern Quintreman, die z. Zt. in Europa um Unterstützung für ihr Volk werben, wurden während der vergangenen zehn Jahre zum Symbol der Widerstandsbewegung gegen den Bau der Staudämme am Bío Bío. Anfang Dezember nahmen sie in Berlin für ihren gewaltfreien Einsatz gegen die Zerstörung ihrer Lebensgrundlagen den mit 20.000 DM dotierten Petra Kelly Preis der Heinrich Böll Stiftung (Bündnis 90/DIE GRÜNEN) entgegen. In der Begründung der internationalen Jury hieß es, dass die beiden Frauen und ihre Organisation Mapu Domo Che Nehuen (Frauen mit der Kraft der Erde) für ihr couragiertes Handeln gewürdigt werden sollen, durch das sie auf die Nichteinhaltung indigener Rechte weltweit und die kritische Situation der chilenischen Demokratie aufmerksam machen.


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„Lebendig holen sie mich nicht weg“

Heute wird Ihnen, zusammen mit Ihrer Schwester Berta Quintreman C. der Petra Kelly Preis der Heinrich Böll Stiftung übergeben. Was bedeutet dieser Preis für Sie persönlich und für Ihren Widerstand gegen die Pläne von ENDESA?

N.Q.: Ich denke, dass wir diesen Preis für die Verteidigung unserer Mutter Erde erhalten. Weil wir nicht aufhören zu kämpfen, wir kämpfen seit elf Jahren und werden immer kämpfen! Bis zum Ende werden wir kämpfen, denn es gibt keinen Grund, nicht für die Mutter Erde zu kämpfen. Wir müssen zusammen mit der Mutter Erde sterben. Wir sind in ganz Chile für unseren Widerstand bekannt, und auch international waren wir bereits an vielen verschiedenen Orten. Der Preis und unsere Präsenz hier sind besser als jede Zeitungsnotiz.
S.I.: Ich möchte mich zunächst für den Preis bedanken. Ich glaube, dass dieser Preis eine Art Vitamin für die wenigen kämpfenden Frauen sein wird.

Seit einem Jahrzehnt bedroht der Konflikt um die Staudämme am Bío Bío das Volk der Pehuenche. Der erste Staudamm, Pangue, ist bereits fertig gestellt, aber fünf weitere Staudämme sind geplant. Können Sie die aktuelle Situation am Bío Bío und am zweiten sich im Aufbau befindenden Staudamm Ralco kurz erläutern?

S.I.: Die aktuelle Situation ist sehr konfus, sowohl seitens ENDESA und der Regierung sowie innerhalb der Pehuenche. Für den 22. Dezember erwarten wir die gerichtliche Entscheidung zu den Widersprüchen von Energie- und des Indigenengesetz. Dies ist unsere letzte Chance, auf legalem Weg etwas zu erreichen. Danach würden wir in den tatsächlichen Konflikt treten, d.h. Mobilisierungen und andere Mittel einsetzen. Leider haben wir bisher nichts auf legalem Wege erreicht. Ich finde es sehr traurig, sagen zu müssen, dass in einem Land wo es eine Gesetzgebung gibt, diese nicht respektiert wird. Dieselben, die heute von Demokratie sprechen, haben diese Gesetze geschrieben, nur respektieren sie sie nicht.

Nur eine Minderheit der 400 betroffenen Pehuenche beteiligt sich am Widerstand gegen die Überflutung ihres Landes und die Umsiedlungsmaßnahmen im Zusammenhang mit dem Bau von Ralco. Wie erklären Sie sich diese Situation?

S.I.: Ja, das ist so, weil sich die Männer für die Arbeit (bei ENDESA, d. Red.) verkauft haben. Als ich anfing, mit dieser Organisation zu arbeiten, waren wir vierzig Frauen. Mit der Zeit gaben viele Frauen wegen des starken Drucks von ENDESA gegen ihre Männer und Söhne auf. Die betroffenen Ehemänner und Söhne fingen schließlich selbst an, ihre Mütter oder Ehefrauen von den Protesten abzubringen, denn es gibt keine alternativen Arbeitsangebote seitens der Regierung.

Wie verhält sich ENDESA konkret gegenüber den noch nicht umgesiedelten Anwohnern?

S.I.: Vor kurzem erst kamen sie zu Berta Quintreman C., um sich ihr Land anzuschauen, und sie zur Unterschrift des Umsiedlungsvertrages zu bringen. Endesa wendet inhumane Methoden an, sie haben sogar analphabete Leute zum Unterschreiben gebracht. Sie machen Versprechungen und halten sie dann nicht ein. Zum Beispiel haben sie den Leuten, die nach El Barco umgezogen sind, gesagt, man könne dort gut überleben, aber das ist nicht so. Dort schneit es viel und die Tiere werden keine Chance zum Überleben haben. Außerdem gehen die Leute von Endesa umher und versuchen die Leute durch Lügen auseinander zu bringen. Das führt so weit, dass sogar einige Pehuenche, von Endesa bestochen, ihre eigenen Nachbarn belügen und sie zur Unterschrift bewegen wollen.
N.Q.: Ja, es sind vor allem die Söhne, die Druck auslösen. Wer weiß was wieder passiert während wir hier in Deutschland sind.

Die Küstenautobahn von Temuco bis Chiloé und der so genannte By Pass um die Stadt Temuco sind zwei andere Megaprojekte, die die Lebensgrundlagen der Mapuche bedrohen. Gibt es eine Kooperation mit den indigenen Organisationen dieser Regionen?

S.I.: Ja, dazu gehört auch die Bedrohung, die von der Forstwirtschaft ausgeht. Ein Teil der Küstenautobahn ist schon fertig gestellt, das ist der Abschnitt bei Temuco, dort kann man nichts mehr machen. Aber ich leite eine andere Mapuchefrauengruppe in Osorno, wo wir uns auf Aktionen gegen die Küstenautobahn vorbereiten, die jetzt schon durch indigene Gemeinschaften führt und heilige Orte zerstört hat. Ich bin aus Osorno, denn ich bin Huilliche (Mapuche des Südens, d. Red.) und bin zu Nikolasa und Berta gekommen, weil ich gesehen habe, dass es notwendig ist für den Alto Bío Bío zu arbeiten. Aber es wird nicht mit vielen Mapucheorganisationen zusammengearbeitet, weil es an Geld fehlt. Deshalb kam es auch zu der großen Spaltung der indigenen Organisationen – wegen des mangelnden Geldes und wegen der CONADI (staatl. Indianerbehörde, d. Red.), die die communidades auseinander gebracht hat. Mit kleinen „Trost“-Projekten „kauft“ die CONADI die Menschen. Das ist ihre Form, die Mapuchegemeinschaften zu spalten, so können sie sie besser regieren, denn die Mapuche haben dann keine Stimme mehr, um sich gegen die illegalen Machenschaften aufzulehnen.

Wie reagiert die chilenische Öffentlichkeit auf den Staudammbau am Bío Bío?

S.I.: Es gibt viele Chilenen, die den Widerstand gegen Ralco unterstützen und einzelne Organisationen sind ebenfalls sensibler geworden. Aber da man keinen konstanten Kampf erkennen konnte, glaubt man eben mehr an Formen des organisierten Kampfes wie der von Arauco-Malleco (radikale Mapucheorganisation, d. Red.). Deshalb glaubt man, dass Nicolasa und Berta, die sehr pazifistisch eingestellt sind, damit nichts erreichen werden. Aber das ist nicht wahr, jeder Ort hat seine Form des Kampfes und es ist nicht einfach für diese Frauen, die durch das Schicksal dazu gekommen sind; sie konnten sich nicht darauf vorbereiten.

Seit mehr als einem halben Jahr hat Chile eine neue Regierung. Haben Sie die Perspektive, dass es eine andere Politik hinsichtlich der indigenen Völker Chiles geben wird?

S.I.: Es gibt nur die eine Hoffnung, dass die indigenen Völker sich zum Kampf vereinigen, denn die Regierung denkt wie der alte Präsident. Das einzige was die Regierung heute tut, ist zu verhandeln, nichts weiter. Die Regierung ist einverstanden mit dem Staudammbau.

Glauben Sie, dass es möglich ist den Bau des Staudamms Ralco aufzuhalten?

N.Q. Ich glaube ja. Das Projekt muss gestoppt werden, denn sie (Endesa, d. Red.) sind nicht von dort! Ich werde nicht weggehen, und wenn sie kommen wollen, sollen sie kommen, ich werde im Wasser stehen, für meine Mutter Erde! Und dort wird mein Geist bleiben, dass sage ich immer! Der Präsident sollte zu uns kommen und die Situation kennen lernen oder wir werden ihm weitere Botschaften schicken, denn er öffnet den Mapuche die Türen. Deshalb habe ich den Glauben. Ich habe Vertrauen in Füta Chao (den großen Gott), aber ich habe nicht die geringste Hoffnung bei Endesa, mein Glaube ist oben und unten. Mein Land hat keinen Preis und Schluss!
S.I.: Ich denke, unser Erfolg hängt auch von den europäischen, skandinavischen Ländern ab. Ich bitte im Namen der Mapuchefrauen, nicht nur der vom Bío Bío, dass sie uns unterstützen. Wenn wir unsere Kräfte zusammen bringen, glaube ich, dass wir gewinnen können!

Interview: Tanja Rother

Information und Unterstützungsmöglichkeiten unter http://riap.de5.de; www.irn.org


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Am Rande der Sehnsucht

Mit hervorragenden Fotos und kurzen Begleittexten entsteht ein Bild vom Leben in Patagonien, dieser Region am Ende der Welt. Große Farbfotos von stillen und gewaltigen Landschaften, von den Naturkräften Wind und Wasser, von surrealen Gletschern in Türkis, von Walen, Seelöwen und Pinguinen an der Atlantikküste, von Menschen, die heute in dieser Landschaft leben und arbeiten, zusammen mit historischen Aufnahmen der ehemaligen Bevölkerung dieser Region am Anfang des 20. Jahrhunderts vermitteln beim Betrachten ein facettenreiches Bild.
Tosende Naturgewalten bannte der Fotograf Hubert Stadler in den kurzen Moment einer klickenden Kamera. Begriffe wie Einsamkeit und Weite bekommen für die Person, die dieses Buch in den Händen hält und sich die Zeit nimmt, die Fotos auf sich wirken zu lassen, eine ursprüngliche Bedeutung.
Ein Auto auf einer uferlosen Schotterpiste scheint auf der Straße ins Nirgendwo. Dort, in diesem Nirgendwo, in Patagonien, leben auf einer Fläche doppelt so groß wie Deutschland gerade einmal so viele Menschen wie in Berlin. Die Weite des Landes wirkt trostlos.
Wie ein Don Quijote auf der vergeblichen Suche nach den Windmühlen, gegen die er kämpfen könnte, so erscheint der Gaucho in der endlosen Steppe unter einem tiefblauen Himmel.
Hinter dem Horizont, hinter den wilden Felsformaltionen des Cerro Torre, geht es da weiter? Diese Frage stellt man sich beim Betrachten der Landschaftsfotos.
Die legendären Bankräuber Butch Cassidy und Sundance Kid hielten sich in diesem Nirgendwo versteckt.
Eine Fahrt mit dem alten Patagonien Express ist bestimmt keine gemütliche Kaffeefahrt. Der amerikanische Autor Paul Theroux beschrieb diesen Zug als einen wildgewordenen Samovar, der jeden Moment zu explodieren scheine.
In kurzen Begleittexten wird die Einwanderungsgeschichte und der Genozid an den indianischen UreinwohnerInnen beschrieben. Selbst in den nur kurzen Texten werden die indianische Urbevölkerung differenziert dargestellt und die verschiedenen Ethnien benannt. Die Geschichte der Mapuche wird dabei etwas eingehender betrachtet.
Die Tourismusindustrie wird als eine Möglichkeit für die wirtschaftliche Entwicklung dargestellt, ohne jedoch die ökologischen Gefahren dieser oft gar nicht so „sauberen“ Wirtschaft außer Acht zu lassen. Riverrafting, Klettern an den wilden Felswänden des Fitz Roy, Skilaufen in Bariloche, dieser Outdoor-Tourismus sei eine Chance für Patagonien und gleichzeitig eine Gefahr.
Ein chilenischer Bergführer beklagt die starken Verschmutzungen der Cordillera Blanca in Peru und weist auf die Mentalität der Touristen hin. Mit ihrem Geld lassen sie gleichzeitig eine Menge Müll zurück.

Das weiße Gold: Wolle

Die Schafzucht ist nach wie vor die wichtigste wirtschaftliche Einnahmequelle auf Feuerland, doch seit dem Synthetikfasern auf dem Markt sind, ist der Preis für ein Kilo Wolle von sechs auf zwei US-Dollar gefallen.
Mit Zitaten von Charles Darwin, Bruce Chatwin und Pablo Neruda werden die Fotos illustriert.

Stadler/Allhoff: Patagonien. Bucher, München 1998. 205 S., 98,- DM.


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Die Mapuche finden ihre Sprache wieder

Wenn Sie Chilene sind, be-
trachten Sie sich als zugehörig zu einer der folgenden Kulturen ?“ So lautete die Frage nach der ethnischen Zugehörigkeit bei der letzten Volkszählung 1992. Mögliche Antworten: „Mapuche, Aymara, Rapa Nui oder keine der genannten“. Sind also alle Chilenen, einige jedoch ein bisschen anders? Die Volkszählung, die nach 1929 erstmals wieder nach der ethnischen Selbstbezeichnung fragte, ergab die Zahl von knapp einer Million Mapuche (über 14 Jahre), womit die größte indigene Gruppe Chiles immerhin etwa 10 Prozent der Gesamtbevölkerung ausmacht. Dies überraschte, verstand sich Chile doch immer als ein Land der Weißen, in dem die Frage der ethnischen Minderheiten kaum relevant schien.
Bis 1881, bis zur so genannten „Befriedung der Araucanía“, führte das Volk der Mapuche praktisch ein eigenständiges Leben. Natürlich veränderte sich ihre Kultur auch schon während des drei Jahrhunderte langen Krieges gegen die Spanier bzw. Chilenen, nur setzte mit der endgültigen militärischen Unterwerfung eine systematische Indígenapolitik ein, die noch bis vor kurzem vor allem auf die Negation der Indianervölker Chiles abzielte.
Die Mapuche, die sich traditionell vor allem über eine enge Verbundenheit zur „Erde“ (mapu) definieren, sehen sich heute, durch die argentinisch-chilenische Grenze geteilt, im Konflikt zwischen dem Anpassungsdruck an die „moderne“ chilenische Gesellschaft und ihrer indigenen Tradition, die immer mehr Mapuche bewusst lebendig erhalten wollen.
„Zuerst war ich dagegen, weil ich nicht wollte, dass meine Kinder so leiden wie ich gelitten habe“, kommentiert ein Mapuche die Einführung des zweisprachigen Unterrichts an der Schule seiner Kinder. Wie er stehen auch andere Eltern der Gemeinde Piedra Alta in der IX. Region, der Araucanía, dem neuen interkulturellen Bildungsprogramm, das vom Bildungsministerium in Zusammenarbeit mit der Indígenabehörde CONADI und der Universidad Católica in Temuco entwickelt wird, eher skeptisch bis ablehnend gegenüber. Der chilenische Staat versucht hiermit den Anschluss an ein pluralistisches Bildungsmodell zu finden, das beispielsweise in Peru und Bolivien schon seit den Siebzigerjahren diskutiert und praktiziert wird. Nur die Betroffenen selbst sind von diesem Programms nicht sehr überzeugt. Ein gutes Spanisch halten die meisten für wichtiger, sollen doch ihre Söhne und Töchter in der chilenischen Gesellschaft bessere Lebens- und Arbeitschancen als sie haben. Die eigene Sprache, das Mapudungun (Mapu=Erde, Dungun=Sprache), zu pflegen und Traditionen, Werte und Normen der Mapuche lebendig zu halten ist eher ein Hindernis für die Mapuche, die sich „chilenisieren“ und es wirklich „zu etwas bringen“ wollen. Nur so glauben sie sich vor der Diskriminierung und Intoleranz schützen zu können, die ihnen außerhalb ihrer Gemeinschaft entgegenschlägt.

Die heutigen Mapuche
sind Städter
Für viele junge Mapuche ist die vielversprechendste Variante auf der Suche nach Arbeit und Wohlstand, in die Städte zu gehen. 1992 lebten bereits 80 Prozent aller Mapuche in Städten, insbesondere im Großraum Santiago. Auch dort gehören sie zu den marginalisierten Gruppen, sie wohnen in den Randbezirken, sind meist nur schlecht ausgebildet und haben eher einfache, unterbezahlte Jobs. So machen die Mapuche in der Bäckerbranche Santiagos 60 bis 70 Prozent der Angestellten aus; Mapuchefrauen arbeiten häufig als Dienstmädchen oder Putzfrau.
Auf dem Weg vom Land in die Stadt passen sich die meisten Mapuche an die nicht indigene chilenische Gesellschaft an und bauen auf diese Weise Schutzmechanismen gegen den alltäglichen Rassismus auf. Sie kleiden sich nicht mehr traditionell, manche legen ihre Mapuche-Namen ab, andere distanzieren sich – vielleicht nur vorübergehend – von ihren Familien.
Die Alternative zur Assimilierung ist, sich nach außen abzuschotten, wodurch in manchen Vierteln eine fest in sich geschlossene Subkultur entstanden ist. Beispiel dafür sind die Mapuche-Bäcker, die nach der täglichen Lohnauszahlung zu einem fast ritualhaften Trinken zusammenkommen. Aber auch Feste und Traditionen, die selbst auf dem Land nicht mehr gepflegt und gefeiert werden, leben wieder auf. Einige machis (traditionelle Heilerinnen), heutzutage die zentralen Trägerinnen und oft auch Sprecherinnen der Mapuchekultur, kommen regelmäßig vom Land in die Stadt und behandeln mit ihren überlieferten Heilmethoden nicht mehr nur ausschließlich Mapuche.
Die sozialen, politischen und kulturellen Mapuche-Organisationen haben ihren Sitz in der Regel in den Städten, ihr zentrales Thema jedoch ist die Landfrage. 1979, als Pinochet die Aufteilung des gemeinsamen Landbesitzes der Mapuchegemeinschaften anordnete und dort das Privateigentum an Boden erzwang, erhielt die Mapuche-Bewegung starken Auftrieb. Heute ist sie ein Konglomerat zahlreicher Organisationen mit Konzentration in Temuco, der heimlichen Hauptstadt der Mapuche. Allerdings wird die Arbeit selbst in den wichtigsten Fragen durch die Spaltung innerhalb der Indígenabewegung erschwert. Die Trennung verläuft zwischen den extremen, nach Autonomie strebenden Gruppierungen und den gemäßigteren Initiativen der „kleinen Schritte“, die im Dialog mit dem chilenischen Staat und der Gesellschaft eine Verbesserung für ihr Volk erreichen wollen. Natürlich besteht auch eine Kluft zwischen der indigenen Elite, also der wenigen, die es in der Stadt zu höherer Ausbildung und einer besseren wirtschaftlichen Situation gebracht haben, und der „Basis“, wo manche ums nackte Überleben kämpfen müssen. Und von der allgemeinen Spaltung der chilenischen Gesellschaft in ein rechtes und ein linkes Lager bleibt auch das Volk der Mapuche nicht verschont.
Trotz der Skepsis, die den Mapuche oft entgegenschlägt, hat das gewachsene Engagement erreicht, dass sich das Bewusstsein der Mapuche als Ärmste unter den Armen und als eigenständige kulturelle Gruppe in der chilenischen Gesellschaft verändert hat. Der Wunsch nach Veränderung ist vielerorts zu spüren, auch wenn sie wegen der Uneinigkeit nur langsam an Fahrt gewinnt. Hinzu kommen die kulturellen Unterschiede innerhalb des Mapuchevolkes, das sich aus vier verschiedenen Gruppen zusammensetzt. Die verschiedenen Lebensräume der Huilliche, Pehuenche, Lafkenche und Mapuche bewirken nicht nur eine Differenzierung des Mapudunguns, sondern beinhalten ebenso eine andere Geschichte und Gegenwart.
Hinderlich bei der Suche nach einem neuen inneren Zusammenhalt ist jedoch auch und insbesondere der chilenische Staat, der erst langsam die überkommene Repressionspolitik zu lockern scheint.

Schlechter als ihr Ruf –
Chilenische Indígenapolitik
Die Indígenapolitik Chiles ähnelt einem schlechterzogenen Kind: Ist Besuch da, sprich: die Weltöffentlichkeit, gibt sie sich lieb, also modern, offen und pluralistisch, der multikulturellen Idee im Zuge der Globalisierung zugewandt; ist man unter sich, spielt sie jedoch wie gehabt mit den alten Werkzeugen der Gleichmachung.
Gerade beim interkulturellen Bildungsprogramm, das in Chile anders als in anderen Ländern nicht aus der Indígenabewegung hervorging, sondern Teil der staatlichen Politik ist, wird deutlich, wie der Staat seine Dominanz wahrt. Ziel des Programms sind, wie es das Indígena-Gesetz von 1993 vorschreibt, die Anerkennung und Rettung der indigenen Kultur und Identität. Die Mapuchekinder sollen deshalb lernen, die positiven Elemente aus der eigenen und der chilenischen Kultur miteinander in Einklang zu bringen. Anwendung findet der neue Lehrplan allerdings nur in den so genannten „Entwicklungsgebieten“, ländlichen Regionen mit sehr hohem Anteil an indigener Bevölkerung. Interkulturalität zu erlernen wird also auf die Indígenas abgeschoben und nicht als Aufgabe für die gesamte Gesellschaft behandelt.
Das halbherzige Programm birgt weitere Widersprüche in sich. Die Kinder lernen das Mapuche-Verständnis von der Erde als dem Mittelpunkt ihrer Kultur kennen, sie müssen aber später oft aus ihrer Heimat abwandern, weil ihr Landbesitz nicht zum Überleben aller ausreicht und durch die Ausbeutung der Naturressourcen im großen Maßstab, wie beim Staudammbau am Oberlauf des Bío-Bío-Flusses und der systematischen Rodung des ursprünglichen Waldes durch Forstkonzerne, weiter eingeschränkt wird. Ebenso fehlt es an geeignetem Lehrmaterial und vor allem Personal. Einen Gewinn aus dem Förderprogramm können die Mapuche deshalb bisher nur durch Improvisation und Eigeninitiative ziehen.
In Chiles nicht indigener Öffentlichkeit hingegen ist von den Mapuche kaum die Rede. Verrufen als flojos y borrachos, faul und besoffen, werden Rückständigkeit und Passivität mit ihnen assoziiert. In den allgemeinen chilenischen Schulbüchern ist von den Araucanos, den Ureinwohnern auf dem heutigen Staatsgebiet, nur in der Vergangenheitsform die Rede.
Allenfalls als Stimmvieh werden sie interessant, so im Wahlkampf 1999, als der ultrarechte Präsidentschaftskandidat Joaquín Lavín sich bei den Mapuche in deren Tracht zeigte und an traditionellen Tänzen teilnahm. Mit Erfolg: In der IX., der “Mapuche-Region” gewann er mit Abstand die Mehrheit, ganz im Gegensatz zum allgemeinen Kopf-an-Kopf-Rennen gegen den Links-Kandidaten Ricardo Lagos.

Suche nach
gemeinsamer Sprache
Mit dem Ziel, eigene Wege innerhalb des chilenischen Staates zu gehen — integriert, aber nicht assimiliert —, suchen engagierte Mapuche verstärkt nach Handlungsmöglichkeiten. So auch im Oktober 1999, als sich in Temuco Vertreter von Mapuche-Gemeinschaften, der Universität und staatlicher Institutionen trafen, um sich über „Entwicklung und Selbstbestimmung des Mapuchevolkes“ zu beraten. Im Vordergrund stand dort, die Mapuche endlich als eigenständiges Volk anzuerkennen und ein Indígena-Parlament zu schaffen, das als Erstes die Aufgabe hätte, die gespaltene Mapuchebewegung zusammenzubringen.
Noch sind es wenige, aber immer mehr Mapuche kehren nach einer Ausbildung oder einem Studium von der Stadt auf das Land zurück und arbeiten dort in selbst organisierten und verwalteten Projekten und schaffen, etwa im Tourismusbereich, Alternativen für die bisher ausschließlich agrarische Region.
Einer dieser Rückkehrer ist Jorge Calfuceo, der Direktor der Grundschule von Piedra Alta, die im letzten Jahr Teil des interkulturellen Bildungsprogramms wurde. Durch viel Enthusiasmus und Engagement hat er, der einzige Mapuche und Muttersprachler des Lehrerteams, es geschafft, dass sowohl die Kinder als auch die Kollegen Sprache und Kultur der Mapuche nicht nur als zusätzliches Unterrichtsfach verstehen, sondern auch als ein Medium, mit der Vergangenheit und Gegenwart der Indígenas auf eine andere, neue Weise umzugehen. „Wir sind Mapuche, und unsere Sprache, die können wir nicht außer Acht lassen.“ Auch wenn diese Aussage eines dreizehnjährigen Schülers von Don Calfuceo sicherlich nicht repräsentativ für seine Altersgenossen ist, weist sie auf einen Interessenwandel in der neuen Mapuche-Generation hin.
Sprechen die Mapuche ihre Sprache wieder, können sie zeigen, dass sie als Volk durchaus nicht der Vergangenheit angehören, sondern hier und jetzt bereit sind, für ihre Rechte zu kämpfen.
Tanja Rother


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Nazi-Treffen mit schnellem Ende

Kurz vor Beginn des Nazi-Treffens hatten in der Hauptstadt Santiago 4.000 Chilenen gegen diese nationalsozialistische Initiative demonstriert. Sonst stieß die Zusammenkunft bei den meisten Chilenen auf wenig Interesse. Verschiedene Juristen erinnerten an das Recht auf Meinungsfreiheit, während sich die neue Regierung unter Ricardo Lagos bemühte, das Treffen zu verhindern. Auf konkrete Gesetze konnte sie sich dabei allerdings nicht berufen und so konnte sie im Vorfeld nicht mehr tun, als eine Liste mit 50 international bekannten Nazi-Vertretern zu erstellen, denen die Einreise verweigert wurde.
So wurden andere Wege gesucht, um die Realisierung dieses Kongresses zu verhindern: Zwei Tage vor dem offiziellen Beginn wurde „zufällig“ der Organisator Alexis López von der chilenischen nationalsozialistischen Patria Nueva Sociedad auf der Strasse wegen ungedeckter Schecks verhaftet. Jeglicher Zusammenhang wurde von Regierungsvertretern jedoch dementiert: „An dieser Verhaftung war die Regierung in keiner Weise beteiligt.“ Claudio Huepe, Generalsekretär der Regierung, besteht darauf, dass es sich um eine „Routinemassnahme der Polizei“ gehandelt habe und es „nicht mehr als ein Zufall“ sei, dass der Kopf der Nazi-Organisation so kurz vor Beginn des Treffens verhaftet worden sei. Arnel Epulef, ebenfalls Mitglied von Patria Nueva Sociedad, besteht hingegen darauf, dass Alexis López der „erste politische Gefangene“ der neuen Regierung ist, da er wegen seiner Ideen verhaftet worden sei.
López war gegen 23 Uhr auf der Strasse im Zentrum von Santiago verhaftet worden. Ihm wird vorgeworfen, seit 1998 seine Schulden nicht bezahlt und mit ungedeckten Schecks gezahlt zu haben. Insgesamt geht es um umgerechnet etwa 20.000 Mark.

Pünktlich zum Führergeburtstag

Das für 17. bis 22. April geplante Primer Encuentro de Nacionalidad y Socialismo wurde am Montag trotzdem in einem privaten Strandhäuschen in der Nähe von Valparaiso, in dem kleinen Ort Concon, eröffnet. Von den angekündigten 30 Teilnehmern waren schließlich sieben ausländische Vertreter aus Bolivien, Peru, Argentinien, Uruguay und Ecuador angereist, pünktlich zu „Führers Geburtstag“. Dieses Datum habe für die ausländischen Gäste, die Hitler und seine Politik im Dritten Reich verteidigen, eine besondere Bedeutung, erklärten die Veranstalter. Patria Nueva Sociedad bestehen hingegen darauf, keine Nazis zu sein: „Wir sind nicht rassistisch, wir sind nicht fremdenfeindlich, wir glauben nicht an eine Herrenrasse und respektieren die Grundrechte der Menschen.“
Dem Geist der Zeit folgend haben die chilenischen Nationalsozialisten im vergangenen Jahr ihr Image geändert, weg vom „typischen Nazi“ hin zum „aufgeklärten Patrioten“. Im Rahmen dieser Kosmetik wurde das Hakenkreuz durch das vom Ku-Klux-Klan verwendete Sonnenrad (ein Kreuz im Innern eines Kreises) ersetzt. Auch Hitlers Idee von einer einzigen Herrenrasse machte wenig Sinn innerhalb einer internationalen Bewegung. Patria Nueva Sociedad besteht deshalb darauf, dass jede Rasse für sich wertvoll ist, aber es komme eben darauf an, sie möglichst rein zu halten, also die Rassen zu trennen. Innerhalb dieser Logik ist es dann auch möglich, dass sich nationalsozialistische Vertreter beispielsweise auf den Demonstrationen der Mapuche-Indianer wiederfinden und deren Rechte verteidigen.

Austausch im Strandhaus

Viel weiter als bis zu einem allgemeinen Austausch über ihre Situation sind die Teilnehmer bei ihrem Treffen in Chile allerdings nicht gekommen, da nach 24 Stunden die Polizei auftauchte und den Versammlungsort umstellte. Die Ermittler hatten die Grenzübergänge und die Mitglieder von Patria Nueva Sociedad überwacht und so nach verschiedenen vergeblichen Polizeiaktionen im Süden Chiles schließlich das Strandhäuschen als Versammlungsort ausgemacht.
Mit der Aktion folgten die Ermittler einer Regierungsanweisung. Dort war man schließlich auf das Abkommen von San José in Costa Rica gestoßen, in dem sich unter anderem auch Chile zur Bekämpfung der Verbreitung von jeglicher Ideologie, die Gewalt oder Rassenhass fördert, verpflichtet. Zu Hausdurchsuchungen oder Verhaftungen kam es dabei nicht. Noch in der Nacht verliessen die Kongressteilnehmer freiwillig das Gebäude und wurden unter Polizeibegleitung nach Viña del Mar gebracht, von wo aus sie umgehend in ihre Heimatländer zurückkehrten.
Warum dieses Treffen ausgerechnet in Chile stattfand, haben die Veranstalter offengelassen. Für Yoram Rovner, Herausgeber der jüdischen Zeitschrift Der Ruf eignet sich Chile für ein solches Treffen wegen der „Duldsamkeit der chilenischen Gesellschaft gegenüber solchen Phänomenen, der Apathie gegenüber der öffentlichen Debatte um nationalsozialistische Ideen, ohne dass es jemand stört und der Apathie der Chilenen im allgemeinen, wenn es um Menschenrechte geht.“
Für Rovner hat dieses Nazi-Treffen wegen seiner strategischen Bedeutung für die Zukunft Gewicht. „Es geht nicht um die Anzahl der Teilnehmer, es geht um die Organisationen, die hinter ihnen stehen.“ Und er erinnert daran, dass 1962 in England ein Treffen von Vertretern nationalsozialistischer Ideen unter ähnlichen Bedingungen stattfand, aus dem die „Weltweite Union der Nationalsozialisten“ entstand, in der sich schliesslich 80 nationalsozialistische Organisationen aus 40 Ländern zusammengeschlossen hatten.
Ein erstes Ergebnis des Treffens, das hinter verschlossenen Türen stattfand, wurde inzwischen bekannt. Patria Nueva Sociedad wollen sich als Partei einschreiben, um an Wahlen teilnehmen zu können.

KASTEN:
Zum Nazi-Treffen eingeladene Organisationen:
Partido Nuevo Triunfo (Argentinien), Juventud Nacionalista Socialista (Argentinien), Frente Nacionalsocialista (Ecuador), Proyecto Colombia 88 (P.88, Kolumbien), Partido Nueva Sociedad Venezolana (Venezuela), Movimiento Nueva Guardia Española (Spanien), Frente Nacionalista Socialista (Peru), Movimiento Nacional Socialista (Bolivia), Movimiento Zapatista Chiapaneco (Mexico), Movimiento Socialista Nacional (Paraguay), Movimiento Integralista Brasileño (Brasilien), Partido por la Libertad (Österreich)… und weitere Organisationen, die bisher noch keine politische Kraft in ihren Ländern darstellen und nun eine gemeinsame Strategie suchen wollen.


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„Pinochet vor Gericht!“

Noch während Pinochet im Flugzeug saß, wurde beim zuständigen Richter Juan Guzmán die Aufhebung seiner parlamentarischen Immunität beantragt. Erst damit würde Pinochet, der am 11. März 1998 quasi übergangslos vom Oberbefehlshaber der Streitkräfte zum Ehrensenator auf Lebenszeit wurde, zum Normalbürger, der sich auch vor Gericht verantworten muss. Doch das wird noch dauern, denn das Gericht wird frühestens im Juni über die Immunität entscheiden.
Inzwischen hat Guzmán medizinische Gutachten zur physischen und psychischen Gesundheit des Generals angefordert. Schon die Ärzte in London hatten Pinochet unter anderem geistige Unfähigkeit attestiert (mentalmente incapacitado). Trotz seiner vitalen und stockschwingenden Ankunft in Chile heißt es aus Pinochet-Kreisen, er habe Schwierigkeiten, sich zu konzentrieren und wirke gelegentlich abwesend. Beste Voraussetzungen, den alten Mann als nicht mehr zurechnungs- und prozessfähig zu erklären. Ungewiss ist, wann die Verteidigung diese Karte ausspielen wird. Während die Pinochet-Anhänger “ihren General” so bald wie möglich für die Gerichte unantastbar wissen möchten, wird es der Regierung Lagos schwerfallen, der Welt zu zeigen, dass in Chile eine ernsthafte Auseinandersetzung mit den Menschenrechtsverbrechen stattfindet, wenn Pinochet nicht einmal die Immunität aberkannt wird.

24 Richter entscheiden über die Immunität

Über die Immunität werden die 24 Richter der Corte de Apelaciones in einfacher Mehrheit abstimmen. Diese Richter sind auch Aspiranten für die höchsten Richterposten am Obersten Gerichtshof, für die sie vom Präsidenten ernannt und von einer Zweidrittel-Mehrheit im Senat bestätigt werden müssen. Bei aller richterlicher Unabhängigkeit gewinnt die Entscheidung über Pinochets Rechtsstatus hierdurch eine politische Dimension und verlangt geschicktes Manövrieren in der Karriereplanung, denn im Senat sind die Rechtskonservativen und das Mitte-Links-Regierungsbündnis fast gleich stark vertreten; qualifizierte Mehrheiten können nur durch koalitionsübergreifende Absprachen erreicht werden.
Augusto Pinochet war der erste, der in Chile dank der von ihm geschaffenen Verfassung als Ex-Präsident in den Genuss der Ehrensenatoren-Würde kam. Zwei Jahre später folgte ihm nun, am 21. März 2000, Eduardo Frei. Außen vor blieb bei dieser Regelung Patricio Aylwin, der erste Präsident nach dem Ende der Diktatur, der für eine Übergangszeit von nur vier anstatt sechs Jahren regierte. Um diese Ungleichheit etwas wett zu machen, beschloss das Abgeordnetenhaus im vergangenen Jahr eine Verfassungsänderung, nach der alle ehemaligen Präsidenten die Immunität über ihre Amtsperiode hinaus behalten und zudem eine lebenslange Abgeordnetendiät beziehen. Diese Verfassungsänderung muss nun am 25. März – mitten in der Debatte zu Pinochets Immunität – noch einmal im Senat ratifiziert werden. Das hat bereits zur ersten Spaltung der Abgeordneten der Regierungskoalition geführt. Denn was eigentlich dem Christdemokraten Aylwin nutzen sollte, könnte sich nun als Rettungsanker für Pinochet erweisen. Als ehemaliger Präsident hätte er Immunität auf Lebenszeit, auch nach einem Ausscheiden aus dem Senat. Was den Spielraum für einen von der Rechtsaußenpartei UDI geforderten “würdigen Rückzug” Pinochets aus dem politischen Leben erweitern würde. Die Sozialisten und die Partei für die Demokratie (PPD) haben deshalb angekündigt, gegen die Verfassungsreform zu stimmen, während die Mehrheit der Christdemokraten Aylwin die Stange halten und vermutlich auch die Rechtskonservativen der Verfassungsänderung zustimmen werden. Allerdings hat deren Partei der „Nationalen Erneuerung“ (RN) ihren Abgeordneten parteiunabhängiges Abstimmen zugestanden, so dass schwer zu sagen ist, wie die Auszählung ausgehen wird.

Eine der Klagen: die Todeskarawane

Von diesem Ergebnis und der daraus folgenden rechtlichen Garantie für Pinochet als ehemaligen Präsidenten wird dann auch die weitere Strategie der Pinochet-Anwälte abhängen. Die Juristen, die zu den besten Chiles zählen, werden sich mit den 76 Klagen auseinandersetzen müssen, die inzwischen in Chile gegen den einstigen Capitán General vorliegen. Dabei geht es unter anderem um die Caravana de la Muerte. Die so genannte Todeskarawane, eine landesweite „Säuberungsaktion“, bei der 1973, kurz nach dem Militärputsch, unter der Leitung des Generals Arellano Stark über 70 Gewerkschafter und Funktionäre linker Parteien exekutiert wurden. Stark handelte im Auftrag des Oberbefehlshabers Pinochet. Im Fall “Pisagua” geht es um ein Massengrab in der Wüste im Norden Chiles, in dem Anfang der 90er Jahre Dutzende von Leichen von Verschwundenen gefunden wurden. Vom Wüstenklima konserviert, wiesen die Körper noch Folterspuren auf, selbst Augenbinden und Fesseln waren noch erhalten.
Diese Verbrechen werden in Chile heute nicht mehr bestritten. Das Problem ist jedoch, die Verantwortlichen auszumachen, denn alle Beteiligten schieben sich gegenseitig die Schuld zu. Da es sich allerdings bei der Caravana de la Muerte um so viele Exekutionen in kurzer Zeit handelt, so argumentieren die Kläger, müsse eine offizielle Anweisung des damaligen Staatsoberhauptes Pinochet vorgelegen haben.
Diese Verbrechen fallen in die Zeit der Amnestie, die die Junta für die Jahre 1973 bis 1978 verordnete. Allerdings gilt nach jüngsten Interpretationen das Verschwindenlassen, so lange der Körper nicht auftaucht, als „unbeendetes“ Verbrechen, das noch andauert und deshalb nicht unter die Amnestie fällt.
Konkreter und – nach Angaben aus Pinochet nahestehenden Kreisen – kritischer könnten für den ehemaligen Diktator die Verfahren im Zusammenhang mit zwei anderen Fällen werden: der Ermordung des Gewerkschafters Tucapel Jiménez im Jahr 1982 und der Operación Albania, bei der 1987 der Geheimdienst CNI fünfzehn Widerstandskämpfer in einer konzertierten Aktion erschoss. Beide Verbrechen wurden also nach 1978 begangen und fallen damit nicht unter das Amnestiegesetz. Nachdem der Fall „Tucapel Jiménez“ 17 Jahre lang von der Justiz untersucht worden war, ohne dass irgendetwas geschehen wäre, wurde er 1998 auf öffentlichen Druck hin einem anderen Richter, Sergio Muñoz, übergeben. Dieser machte in Rekordgeschwindigkeit nicht nur Verdächtige aus und ließ diese festnehmen, sondern er war auch der erste chilenische Richter , der Pinochet in England verhören ließ.
Auch wenn seit der Verurteilung des ehemaligen Geheimdienstchefs Manuel Contreras und des Brigadiers Pedro Espinoza wegen der Ermordung von Allendes Außenminister Orlando Letelier in Washington noch keine weiteren Militärs verurteilt wurden, so werden doch immer mehr Militärangehörige zu Zeugenaussagen vor Gericht zitiert oder in Untersuchungshaft genommen. Etwas, was die Streitkräfte zunehmend beunruhigt. Der Oberbefehlshaber des Heeres, Pinochets Nachfolger Ricardo Izurieta, zeigte sich “besorgt über die Aggressivität einiger Kommentare über das Heer”.
Die Pinochet einst treu ergebene UDI forderte im Gespräch mit Präsident Lagos, die seit zehn Jahren andauernde Übergangsphase zur Demokratie, die so genannte transición endgültig zu beenden und Pinochet einen “würdigen Rückzug” zu ermöglichen. Was im Klartext heißt, einen Schlusspunkt hinter die Diktatur zu setzen und alte Geschichten nicht wieder aufzuwärmen. Die UDI verfolgt damit weiterhin die Linie des gegen Lagos knapp unterlegenen rechten Präsidentschaftskandidaten Joaquín Lavín, die Vergangenheit und Pinochet nicht zu verleugnen, sie aber hinter sich zu lassen und „gemeinsam nach vorne zu blicken“, anstatt immer neue Konflikte um die Person Pinochets auszutragen.
In diesem Sinne unterstützte die Rechte auch den Dialog am mesa de diálogo, des unter Eduardo Frei eingerichteten Runden Tisches, über die Menschenrechtsverletzungen in Chile, an dem VertreterInnen von Menschenrechtsorganisationen, der Regierung und des Militärs teilnahmen. Ziel war es, die Wahrheit über die Menschenrechtsverbrechen und über den Verbleib der seit über 25 Jahren Verschwundenen herauszufinden. Fast hätte Eduardo Frei auch hier noch einen glorreichen Schlusspunkt hinter seine Amtszeit setzen können. Die gemeinsame Erklärung war Anfang März schon aufgesetzt, doch wenige Tage vor dem offiziellen Unterzeichnungstermin wurde Pinochet plötzlich mit Marschmusik und militärischen Ehren empfangen. Für die Menschenrechtsvertreter ein Schlag ins Gesicht, die sich hierauf von der Erklärung distanzierten, da die konkreten Tatsachen der militärischen Unterstützung für Pinochet offensichtlich mehr Gewicht hatten als die versöhnlichen Worte am Dialogtisch. Auf Seiten der Opfer der Diktatur waren diese “Verhandlungen” von Anfang an zwiespältig aufgenommen worden und beispielsweise von der Organisation der Angehörigen der Verhaftet-Verschwundenen nie anerkannt worden, da ihr Ziel die Herbeiführung von Wahrheit und Gerechtigkeit sei: Und diese Werte ließen sich nicht verhandeln.
Ricardo Lagos wird diesen Dialog über Menschenrechte auch unter seiner Regierung weiterführen und hat gleichzeitig im Zeichen des Dialogs Runde Tische mit Gewerkschaftern und Unternehmern, sowie mit den Mapuche eingerichtet. Pinochet ist für ihn seit seiner Rückkehr nach Chile ein rein juristisches Problem, für das Richter Guzmán zuständig ist. Dieser hat unlängst die Exhumierung der Massengräber auf dem Zentralfriedhof in Concepción, im Süden Chiles, angeordnet. Dort wurden einige Leichen mit Gewaltspuren wie Einschusslöcher, gebrochene Knochen und Schädel gefunden, die vermutlich von Verschwundenen stammen. Auch auf dem Zentralfriedhof in Santiago wurden in den letzten Jahren die anonymen Gräber aus den 70er Jahren geöffnet und darin während der Diktatur verhaftete Männer und Frauen gefunden, so dass sich nach und nach einige der symbolisch leeren Grabnischen neben dem Mahnmal für die Opfer der Diktatur auf dem Zentralfriedhof füllen. Auf Hinweise von Seiten der Militärs, wo weitere seit Jahrzehnten verschwundene Verhaftete verscharrt worden sind, warten deren Angehörige allerdings auch zehn Jahre nach Ende der Diktatur weiterhin vergebens.


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Der Pakt ist ein Deal

Am 5. August holte sich der Präsident Frei ein wenig Farbe ins graue und smoggebeutelte Santiago: Im Innenhof des Moneda-Palastes, einem beliebten Ort für staatstragende Feierlichkeiten, wurde ein Llelipún, eine Gemeinschaftszeremonie der Mapuche veranstaltet. Umringt von alten Frauen im traditionellen Silberschmuck und unter dem Klang von Kultrún-Trommeln fand der Würdenträger hehre Worte: „Wir können noch viel voneinander lernen – wenn wir unsere Unterschiede und Gemeinsamkeiten zu schätzen wissen und die Reichhaltigkeit unserer Diversität feiern.“
Sprach`s und unterzeichnete zusammen mit Mapuche-VertreterInnen einen „Pakt für den bürgerlichen Respekt“, ein Schriftstück, das die „historische Schuld an der Urbevölkerung“ anerkennt und zu Frieden, Dialog, Respekt und Nichtdiskriminierung aufruft. Gleichzeitig kündigte er einen kommenden Geldsegen für die vernachlässigten indigenen Gemeinden im Süden des Landes an. Rund 140 Milliarden chilenische Pesos, also 500 Millionen DM, sollen bis Ende des Jahres 2002 in Projekte investiert werden, die mehr oder weniger direkt den Mapuche zugute kommen: Infrastrukturmaßnahmen, landwirtschaftliche Förderprogramme, Leistungen für indigene Gemeindezentren und vieles mehr.

Frei-Regierung unter Handlungsdruck

In das harmonische Zusammenspiel zwischen Regierung und Mapuches, das Frei mit Sinn fürs Symbolische hatte arrangieren lassen, mischten sich allerdings auch ungeliebte Mißtöne: Weder die großen autonomen Indígena-Organisationen noch die chilenischen Unternehmerverbände waren am „Pacto“ beteiligt. Erstere, weil sie schlichtweg nicht eingeladen worden waren, letztere, weil sie sich nicht an einem Deal beteiligen wollten, bei dem sie ihre Interessen nicht gewahrt sehen. „Es gibt nur einen Pakt, der das gesellschaftliche Leben in Chile regelt, und das ist die Verfassung“, distanzierte sich Felipe Lamarca, der Präsident des größten Unternehmerverbandes Sociedad de Fomento Fabril (Sofofa) vom Ansinnen der Regierungsparteien, und sein Kollege Juan Eduardo Correa, der stellvertretende Vorsitzende des Verbandes der Holz- und Zellulosewirtschaft (Corma) legte noch einen drauf: „In dem Konflikt, der hier beigelegt werden soll, betrachten sich die Regierung und die Mapuche als Protagonisten. Unsere Unternehmen sind dabei nur die Opfer der herrschenden Gewalt.“
Daß der chilenische Staat seine Indígenas auch einmal hofiert und ihnen ein pralles Subventions-Füllhorn zumindest verspricht, ist durchaus strategisch motiviert. Eduardo Frei und seine christlich-sozialdemokratische Allianz stehen unter enormem Handlungsdruck, seit das Thema „Indígena-Konflikt“ in den Wintermonaten die Schlagzeilen und Nachrichtensendungen eroberte und zeitweilig mit dem „Fall Pinochet“ konkurrierte. Nach Jahren der enttäuschten Hoffnungen auf einen echten Politikwandel, der mit dem Übergang zur Demokratie angekündigt worden war, hatten etliche regionale Zusammenschlüsse von Mapuche-Gemeinden damit begonnen, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen: Gruppen in einer Stärke zwischen 20 und 200 AktivistInnen „besetzten“ Grundstücke, die teils dem Staat, teils privaten Eignern, vor allem aber den großen Forstunternehmen gehören. Die verfügen im Süden Chiles inzwischen über riesige Flächen, holzen dort die noch vorhandenen Reste des ursprünglichen Waldes ab und legen schnellwachsende Eukalyptus- und Fichtenmonokulturen an. Die Mapuche-Gemeinden – allein in der Region Araucanía sind es 1500 mit über 250.000 Mitgliedern – sehen sich inzwischen regelrecht von den Holzplantagen eingekreist. Eine Mischnutzung dieser Forste ist praktisch unmöglich: sie sind lückenlos umzäunt und bieten ohnehin keine Subsistenzgrundlage mehr wie die noch verbliebenen Araukarienwälder, deren Früchte, die piñones, einst eine wichtige Ernährungsgrundlage für die Indígenas darstellten.
Eigentlich hatte bereits die erste demokratisch gewählte Regierung nach Pinochet unter dem Christdemokraten Patricio Aylwin eine Behörde geschaffen, die unter anderem für die „Rückgabe“ von Gebieten zuständig ist, auf die die Mapuche unter Verweis auf jahrtausendealtes Gewohnheitsrecht Anspruch erheben. Die CONADI (Corporación Nacional de Desarrollo Indígena), die durch das „ley indígena“, das 1994 in Kraft getretene Indígena-Gesetz, geschaffen wurde, soll als Wiedergutmachung der unter Pinochet durchgeführten Privatisierung des kommunitären Mapuche-Landes Rückkäufe tätigen und den Gemeinden Grund und Boden für ihre wirtschaftliche Absicherung und den Erhalt ihrer Kultur übergeben. Dies ist auch durchaus geschehen – die Mapuche-Organisationen sind aber der Ansicht, daß der Umfang der Landrückgabe nicht im entferntesten ihren Bedürfnissen entspricht.
Spätestens seitdem der damalige Leiter der CONADI, der Mapuche Mauricio Huenchulaf Anfang 1997 geschaßt und durch den nicht-indigenen Rodrigo González ersetzt wurde, betrachtet eine wachsende Zahl von Mapuche-Organisationen die Behörde ohnehin eher als Gegnerin denn als Verbündete. Huenchulaf hatte offen gegen das Staudammprojekt Ralco des größten chilenischen Stromerzeugers ENDESA im Biobío-Tal protestiert, für das über 100 Pehuenche-Familien zwangsumgesiedelt werden sollen.
Von April bis Juli kam es in den Regionen Biobío, Araucanía und Los Lagos wiederholt zu Besetzungen von Grundstücken, die nicht immer gewaltlos vonstatten gingen: Maschinen und Verwaltungsgebäude wurden zerstört, Straßen mit gefällten Bäumen blokkiert, Brände in Schonungen gelegt. Etliche Forstarbeiter mußten stellvertretend für ihre Arbeitgeber, die riesigen Holz- und Zelluloseunternehmen wie Forestal Mininco oder Bosques Arauco, Prügel einstecken. Nach anfänglicher Zurückhaltung setzte dann die ebenso gewaltsame Repression ein: Bei den Räumungen der besetzten Grundstücke wurden insgesamt mehrere hundert Mapuche festgenommen, gegen einige sind Prozesse wegen Landfriedensbruch anhängig.
Es gab auch friedlichere Protestformen: Fast vier Wochen war ein Marsch von Mapuche-AktivistInnen von der über 700 Kilometer entfernten Regionalhauptstadt Temuco nach Santiago unterwegs, um dort auf die prekäre Situation ihres Volkes aufmerksam zu machen. Mehrere tausend Menschen nahmen zum Abschluß an einem nguillatún, einer magischen Mapuche-Zeremonie im Herzen der Metropole, teil.

Spaltung der Indígena-Bewegung

Es war jedoch nicht nur dieser Druck, der die Regierung zu Zugeständnissen bewegte. Ein Ziel des angekündigten Maßnahmenpakets dürfte auch sein, einen weiteren Keil in die ohnehin schon gespaltene autonome Indígena-Bewegung jenseits der offiziösen CONADI zu treiben. Die Trennlinie verläuft zwischen den BefürworterInnen einer Verhandlungsstrategie und der Minderheit, die jede Kooperation mit dem Staat ablehnt. So unterstützten zwar die Organisationen Consejo de Todas las Tierras (Rat aller Erden) und Entidad Territorial Lafquenche (Territoriale Einheit Lafquenche), die zusammen mehr als 120 Mapuche-Gemeinden repräsentieren, die Besetzungen, sie erklärten sich jedoch nach einem Dialogangebot der Regierung gesprächsbereit und forderten ihre Mitglieder auf, die umstrittenen Aktionen vorerst beizulegen.
Im Gegensatz dazu sprach sich die dritte größere Vereinigung, die Coordinadora Mapuche Arauco-Malleco (Koordination der Mapuche Auraco-Malleco), für „alle denkbaren Formen des Kampfes“ aus und wollte nicht ausschließen, daß einige ihrer Mitglieder in Zukunft in den Untergrund gingen. „Unsere Bewegung sieht sich in direkter Konfrontation mit dem Staat und der transnationalen Wirtschaft“, heißt es in einer Verlautbarung der Coordinadora, „unser Ziel ist die Wiedererlangung von Grund und Boden,die Schaffung von autonomen Gebieten. Wir halten nichts von Gesprächen, die die Regierung ohnehin bis zu den nächsten Wahlen hinauszögern wird.“
Autonomie für die Mapuche-Gebiete fordern auch die anderen beiden Organisationen, sie sind aber weitaus vorsichtiger mit der Definition des Begriffes; eine rechtliche Eigenständigkeit jenseits der kulturellen Autonomie fordern sie realistischerweise nicht.
Innenminister Raúl Troncoso brachte die Sicht der Regierung auf den Punkt: „Die gewaltsamen Besetzungen sind das Produkt einer Konkurrenzsituation der unterschiedlichen Organisationen, die jeweils einen Führungsanspruch in den betroffenen Provinzen erheben.“ Darin sehen er und seine Kollegen letztlich die Chance, die lachenden Dritten zu sein und das angeschlagene Prestige der CONADI bei der indigenen Bevölkerung wieder zu flicken.
Im August flackerten freilich erneut Unruhen in einigen Gebieten auf. So reibungslos, wie es sich die Frei-Administration wünscht, wird der Konflikt nicht beizulegen sein. Insbesondere, weil nach den Jahren der politischen und kulturellen Repression unter Pinochet und den schleppenden Fördermaßnahmen der beiden demokratischen Regierungen seit 1990 die Mapuche sich zunehmend ihrer widerstandsfreudigen Geschichte entsinnen und sich teilweise offensiv gegen den Integrationsgedanken wehren. Der Vergleich mit Chiapas bietet sich an; Aldolfo Millabur, der Vorsitzende der Identidad Territorial Lafquenche und einziger Mapuche-Bürgermeister Chiles zieht eine vielleicht überraschendere Parallele. „Die chilenische Geschichtsschreibung verleugnet das Schicksal der Mapuche bei der Entstehung der chilenischen Gesellschaft. Sie spricht von der im letzten Jahrhundert vollzogenen „Befriedung“ der indigenen Gebiete, als ob es damals ein freundschaftliches Zusammentreffen gegeben hätte. In Wirklichkeit war es eine grausame Schlächterei an unserem Volk, genau wie die ‘ethnischen Säuberungen’, die jetzt die Serben an den Albanern vollzogen haben. Die pacificación war unser Kosovo.“


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