Kuba schmerzt

Montevideo, im April. Die letzten Festnahmen und Hinrichtungen in Kuba sind ausgezeichnete Nachrichten für die universelle Supermacht, die verzweifelt den hartnäckigen Makel loszuwerden versucht.
Es sind sehr schlechte Nachrichten – traurige und sehr schmerzende Nachrichten – für uns alle, die wir den Mut dieses kleinen Landes bewundern und an seine Fähigkeit zur Größe glauben. Wir glauben aber auch, dass Freiheit und Gerechtigkeit entweder zusammengehen oder überhaupt nicht.
Gegenwärtig sind die Nachrichten überhaupt schlecht – als hätten wir nicht schon genug mit der hinterlistigen Straflosigkeit der Schlächterei im Irak, da begeht die kubanische Regierung diese Taten, die man nur noch als ‘Sünden gegen die Hoffnung’ bezeichnen kann.
Rosa Luxemburg, die ihr Leben für die sozialistische Revolution gegeben hat, war uneins mit Lenin über das Projekt einer neuen Gesellschaft. Sie schrieb prophetische Sätze über das, was sie nicht wollte. Sie ist vor 85 Jahren in Deutschland ermordet worden und hat noch immer Recht: „Die Freiheit nur für die Parteigänger der Regierung, nur für die Mitglieder der Partei, so zahlreich sie auch sein mögen, ist keine Freiheit. Freiheit ist immer die Freiheit des Anders Denkenden.“ Oder auch: „Ohne allgemeine Wahlen, ohne Pressefreiheit und ohne uneingeschränkte Versammlungsfreiheit, ohne einen Kampf von freien Meinungen, vegetiert das Leben dahin und es verwelkt in allen öffentlichen Institutionen, und die Bürokratie wird zum einzig aktiven Element“.

Geboren um anders zu sein

Das zwanzigste Jahrhundert und was schon vom Einundzwanzigsten läuft, geben Zeugnis ab über den den doppelten Verrat am Sozialismus: Der Verfall der Sozialdemokratie, was gerade in diesen Tagen der Unteroffizier Blair zur Spitze getrieben hat, und das Desaster der kommunistischen Staaten, die zu Polizeistaaten konvertiert sind. Viele dieser Staaten sind zusammengebrochen, sang- und klanglos eingegangen und ihre wiederverwerteten Bürokraten dienen nun mit pathetischem Enthusiasmus dem neuen Herrn.
Die kubanische Revolution war geboren, um anders zu sein. Dem ständigen Druck imperialer Bedrohung ausgesetzt, überlebte sie so gut es gerade ging, aber nie wie sie es sich wünschte. Das Volk hat viele Opfer gebracht, mutig und großzügig, um in einer Welt der Geduckten aufrecht zu stehen. Aber auf dem harten Weg, den sie über viele Jahre zurücklegte, hat die Revolution den Wind der Spontanität und der Frische, der sie seit Beginn antrieb, immer mehr verloren. Ich sage das unter Schmerzen. Kuba schmerzt.
Kein schlechtes Gewissen verbietet meiner Zunge das zu wiederholen was ich auf der Insel und auswärts bereits gesagt habe: Ich habe nie an die Demokratie einer einzigen Partei geglaubt (auch in den USA nicht, wo es auch eine einzige Partei gibt, die sich als zwei verkleidet). Ich glaube auch nicht an die Allmacht des Staates als Antwort auf die Allmacht des Marktes.

Die Eigentore der Regierung

Die langen Gefängnisstrafen sind, so glaube ich, lauter Eigentore. Sie verwandeln einige Gruppen in Märtyrer der Meinungsfreiheit. Es handelt sich um Personen, die offen aus dem Hause von James Cason, Bushs Interessensvertreter in Havanna, agierten. Das Sendungsbewusstsein Casons war so weit gediehen, dass er höchstpersönlich die Jugendbewegung der Liberalen Partei Kubas (Partido Liberal Cubano) gründete, immer mit dem typischen Feinsinn und Schamgefühl, die auch seinem Chef eigen sind.
Die kubanischen Behörden agierten als wären diese Gruppen eine akute Bedrohung, ehrten sie eigentlich damit und man schenkte ihnen das Ansehen, welches Worte erlangen, wenn sie verboten sind.
Diese „demokratische Opposition“ hat nichts mit den grundlegenden Erwartungen der aufrichtigen, kubanischen Bürger zu tun. Wenn die Revolution ihnen den Gefallen nicht getan hätte, sie zu unterdrücken, und wenn es in Kuba eine vollwertige Presse- und Meinungsfreiheit geben würde, dann würde sich diese so genannte Dissidenz selbst disqualifizieren. Sie würde die ihr verdiente Strafe bekommen, nämlich die Strafe der Einsamkeit für ihre notorische Nostalgie der kolonialen Zeiten in einem Land, das den Weg der nationalen Würde gewählt hat.

Nachhilfe für Todesstrafen

Die USA, die unermüdliche Fabrik von Diktaturen in der Welt, haben keine moralische Autorität, um irgendwem Lektionen über Demokratie zu geben.
Sicher könnte Präsident Bush Lektionen über die Todesstrafe geben, er der als texanischer Gouverneur 152 Todesurteile unterschrieben hat und sich zum Champion der Staatskriminalität ausrufen liess.
Aber die wirklichen Revolutionen, die von unten und von innen gemacht werden – wie die kubanische Revolution – haben die es nötig, die schlechten Gewohnheiten des Feindes zu übernehmen den sie bekämpfen? Die Todesstrafe hat einfach keine Berechtigung, ganz egal wo sie angewandt wird.
Wird Kuba die nächste Beute in der angetretenen Länderjagd des Präsidenten Bush sein? Sein Bruder Jeb, Gouverneur von Florida, hat Derartiges angekündigt, als er sagte: „Nun müssen wir uns in der Nachbarschaft umsehen“, während die exilierte Zoe Valdés im spanischen Fernsehen laut verlangte, „den Diktator zu bombardieren“. Der Verteidigungsminister, oder besser gesagt, der Angriffsminister Donald Rumsfeld erklärte: „Jetzt noch nicht“.
Es scheint so, als ob der ‘Gefahrenmesser’ und der ‘Schuldmesser’, die beiden kleinen Maschinen, die jeweils die Opfer des universellen Scheibenschießens bestimmen, eher auf Syrien gerichtet sind. Aber wer weiß. Oder wie Rumsfeld sagt: Jetzt noch nicht.
Ich glaube an das heilige Recht der Selbstbestimmung der Völker, überall und jederzeit. Ich kann es sagen und keine Fliege kann meinem Gewissen etwas zu Leide tun, denn ich habe es auch dann bei jeder Gelegenheit öffentlich gesagt, wenn dieses Recht im Namen des Sozialismus unter Applaus weiter Kreise der Linken verletzt worden ist – so wie zum Beispiel 1968, als sowjetische Panzer in Prag eindrangen oder 1979 als sowjetische Truppen in Afghanistan einmarschierten.
In Kuba mehren sich die Zeichen einer fortgeschrittenen Dekadenz des zentralistischen Modells der Macht. Ein Modell, das fälschlicherweise den Gehorsam gegenüber den Befehlen von oben – sozusagen unter Leitung der Machtspitze – zum revolutionären Verdienst gemacht hat.
Die Blockade und tausend andere Formen der Aggression verhindern die Entwicklung einer Demokratie kubanischer Art, nähren die Militarisierung der Macht und liefern Ausreden für die erstarrte Bürokratie. Allem Anschein nach ist es heute schwieriger als jemals zuvor, diese Festung zu öffnen, die sich aus der Notwendigkeit heraus, sich zu verteidigen, immer mehr verschlossen hat. Tatsache ist aber auch, dass die demokratische Öffnung unabdingbar geworden ist. Die Revolution, die in der Lage gewesen ist, die Wut von zehn US-Präsidenten und von zwanzig CIA-Direktoren zu überleben, braucht diese Energie, die Energie der Partizipation und der Vielfalt, um den schweren Zeiten die sich ankündigen entgegenzutreten.
Es müssen die KubanerInnen sein – und nur die KubanerInnen, ohne dass irgend jemand von außen eingreift – die sich neue demokratische Räume öffnen und die fehlenden Freiheiten erobern müssen. Im Rahmen der Revolution, die sie gemacht haben und aus der Tiefe ihres Landes – das solidarischste Land, das ich kenne.

Der Autor ist uruguayischer Schriftsteller und Journalist, Verfasser von „Die offenen Adern Lateinamerikas“ und „Erinnerungen ans Feuer“.


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Vom Putsch zur Transformation

Alles begann und endete zugleich mit dem Auftritt des Kapitäns eines sinkenden Schiffes, der seinen letzten Monolog an das Volk richtete. Nur wenige Stunden nach dem Auftritt wurde Oscar Castro, der den Kapitän im Theaterstück Y al principio existía la vida (Und am Anfang war das Leben) spielte, von der politischen Polizei verhaftet: die Figur des Kapitäns erschien dem Regime wohl als zu gefährliche Anspielung auf den gerade gestürzten Präsidenten Allende.
Der Regisseur und Schauspieler Castro, eine der zentralen Persönlichkeiten der kritischen Theaterszene in Chile, wurde in ein Gefangenenlager gesperrt, wo er trotz der schwierigen Bedingungen seine Arbeit fortsetzte. Nach zweijähriger Gefangenschaft flüchtete er 1976 ins Exil nach Paris.
Ähnlich erging es zu Beginn der Militärdiktatur in Chile zahlreichen KünstlerInnen und Intellektuellen, die versuchten gesellschaftliche oder politische Themen anzusprechen. Viele von ihnen verschwanden nach der Inhaftierung spurlos. Die kulturelle Arbeit frei von staatlicher Kontrolle, Zensur und sozialer Ausgrenzung fortzusetzen, war für sie nur im Exil möglich.
Doch die Theaterleute, die im Land blieben, lernten mit den radikalen Einschränkungen der öffentlichen Rechte und dem Risiko umzugehen. In Abgrenzung von den etablierten kommerziellen Theatern fanden sie Wege und Mittel eine unabhängige Theaterszene aufzubauen, die in den achtziger Jahren zu einem Höhepunkt gelangte.

Theater unter der Militärdiktatur

La Troppa ist eine der wichtigsten Gruppen, die in dieser turbulenten Zeit entstand und bis heute durch ihren unverwechselbaren Stil national und international für Aufsehen sorgten. Anfang der achtziger Jahre lernten sich Laura Pizarro, Jaime Lorca und Juan Carlos Zagal während ihres Schauspielstudiums an der Universidad Católica kennen und gelten seitdem als unzertrennliche Gruppe. Anfangs traten sie auf als Los que no estaban muertos, also als „die, die nicht tot waren“. Der Name bezeichnete ihre Generation, die sich beständig von den Älteren erzählen lassen musste, wie phantastisch alles vor dem Militärputsch gewesen sei. Die Suche nach eben diesem Verlorengegangenen konfrontierte das Trio mit einem schier aussichtslosen Weg: „Es war, als ob man von weitem die Lichter der Stadt betrachtet und sagt: ‘Schau mal, was da hinten passiert.’“, erinnert sich Juan Carlos Zagal. „Dann gehst du da hin und siehst wie sich die Lichter wieder ganz weit entfernen.“
In ihren ersten drei Inszenierungen El santo patrono (Der heilige Patron 1987), Salmón-Vudú (1988) und El Rap del Quijote (Der Rap des Quijote 1988) entwickelten die drei eine poetische und kreative Bild- und Szenensprache, die bei den ZuschauerInnen längst verloren geglaubte phantastische Assoziationen und Visionen hervorriefen. Viele DramaturgInnen fühlten sich durch die institutionalisierte Stille der Diktatur herausgefordert, eine neue Art von Bühnenkunst zu entwickeln, die sich von den vorherrschenden Merkmalen einer allgemeinen Ästhetik abgrenzte. Das Theater brauchte einen Wechsel des Stils, der Technik und Vorgehensweisen, um einen anderen Blickwinkel auf die Welt zu erreichen. Los que no estaban muertos gelang dies insbesondere dadurch, dass sie Gestik, Bewegung, Musik, Tanz, Poesie und Akrobatik auf eine neue Art und Weise nutzten und verbanden. In ihren Stücken erforschten sie grausame Realitäten, entdeckten aber auch neue magische Welten und fingen so an, zu träumen und zu hoffen.

Rückkehr zur Demokratie

Nach der Diktatur nahm sich das Theater der Aufgabe an, die politische Vergangenheit auf der Bühne zu verarbeiten. Die Gruppe, die von nun an unter dem Namen La Troppa (Die Truppe) auftrat, knüpfte an ihre früheren Ideen an. Theater machen war und ist ihrer Meinung nach ein „spiritueller Krieg“, um sich gegen hierarchische Strukturen zu behaupten. Als erklärte Feinde der machtvollen, zentralen Position des Regisseurs lehnten sie die Zusammenarbeit mit anderen Gruppen und insbesondere die Arbeit für das Fernsehen strikt ab. La Troppa widmete sich stets ausschließlich der Theaterarbeit im Kollektiv und hielt selbst in den schwierigsten Momenten an diesem Prinzip fest.
1990 errang die Gruppe mit dem Stück Pinocchio den ersten großen Erfolg. Es folgten die Inszenierungen von Lobo (Wolf 1992) und Viaje al centro de la tierra (Reise in den Mittelpunkt der Erde1995). Mit großer technischer Perfektion, neuen Verknüpfungen von Licht, Raum und Zeit sowie kineastischen Stilmitteln beeindruckten sie das Publikum jeden Alters.
Für internationales Aufsehen sorgten sie dann nach einer längeren Pause mit dem Stück Gemelos (Zwillinge 1999), einer Adaption des Romans Das Große Heft von Agota Kristof. Gemelos erzählt die Geschichte zweier Zwillingsbrüder, die während des Zweiten Weltkrieges bei der Großmutter aufwachsen, die im ganzen Dorf als Hexe verschrieen ist. Das Szenario glich einem Puppentheater mit Masken und Marionetten, in dem die AkteurInnen durch ihre abgehackten Bewegungen und Sprache selbst zu Puppen wurden. Sie beeindruckten durch eine pantomimische und emotionslose Darstellung der üblen Lebensbedingungen der Zwillinge im Kontrast zu einer verspielten Kinderwelt voller Humor und Ironie. Gleichzeitig verarbeiteten die AkteurInnen auch einen Teil ihrer eigenen Kindheit und Vergangenheit in der Inszenierung.
Ihr neuestes Stück Jesús Betz, das auf einem Kinderbuch von Fred Bernard und François Roca basiert, ist seit März diesen Jahres in Frankreich zu sehen. Es erzählt die Geschichte von einem Menschen ohne Arme und ohne Beine, der sein Leben lang erniedrigt wird. Als auch noch sein Sehkraft nachlässt, muss er seine Arbeit als Späher auf dem Ausguckmast eines Schiffes aufgeben und als Attraktion im Zirkus auftreten. Die Inszenierung ist eine Koproduktion verschiedener französischer Theater, in denen La Troppa in den nächsten vier Monaten auftreten wird.
Auch in dieser Aufführung finden sich die Elemente wieder, die ihre Kollektivarbeit über Jahre gekennzeichnet haben: die ungewöhnlichen Ausdrucks- und Sprachmittel, die extravaganten Bühnenbilder, Masken, Puppen, die selbst produzierte Musik und die nie erschöpfte Suche nach dem Verlorengeglaubten. Und so beweist La Troppa auch 30 Jahre nach dem Putsch La immer noch eine Ausnahmestellung in der chilenischen Theaterszene.

KASTEN:

Junge chilenische Theatergruppen:

Teatropan
Die Gruppe Teatropan (Paulina Casas, Jaime Reyes und Erico Vera) entwickelte in ihrer neuesten Inszenierung Alicia en el espejo (Alicia im Spiegel 2003) ein Szenario, wie aus einem Comic oder einem Computerspiel. Die drei DarstellerInnen agieren mit Hilfe von Masken, Puppen, Gestus und Stimme in dreizehn verschiedenen Rollen. Die Bühne gleicht einem Bild des holländischen Künstlers M.C. Escher und spielt laut DarstellerInnen die Hauptrolle in dem Stück. Teatropan arbeiten genau wie ihr großes Vorbild La Troppa ausschließlich im Kollektiv und sind für Dramaturgie, Regie, Bühne und Musik selbst verantwortlich. Schon früh entwickelten sie eigene ästhetische Positionen und eine Theaterideologie. Das Stück Alicia en el espejo bescherte ihnen nun den ersten großen Erfolg.

Teatro enSímenor
Das junge Ensemble Teatro enSímenor um Alvaro Viguera (Regisseur), Francisca Ortiz, Marion Acuña, Cristóbal Muhr, Matías Oviedo, Pilar Becerra und Natalia Grez arbeitet seit 1999 zusammen. Zuletzt waren sie mit einer adaptierten Fassung Saint-Exupérys Der Kleine Prinz in Berlin zu sehen. Ideen und Stücke kommen aber hauptsächlich von ihnen selbst: Alvaro Viguera und der Schauspieler und Dramaturg Andrés Kalawski schreiben die Dramentexte, die ihnen als Vorlage dienen. Viele Ansätze entstehen in Gemeinschaftsproduktion innerhalb der Gruppe, die zusammen nachdenkt und diskutiert, bis dann eine konkrete Idee im Raum steht. „In unseren eigenen Stücken versuchen wir das zu finden, was uns fordert: die eigenen Gefühle. Wir wollen eine eigene Sprache entwickeln, um eigene Wörter hervorzubringen”, erzählt Pilar Becerra.
Verlassene Minen, leer stehenden Lagerhallen oder Häuser dienen ihnen als Bühne: Nur hier können sich die Geschichten voll entfalten, denn diese Orte erzählen parallel zu den Stücken bereits ihre eigene Geschichte, an die Teatro enSímenor anknüpfen wollen. Im Vordergrund stehen Themen wie zwischenmenschliche Beziehungen, Tabus, Einsamkeit oder mangelnde Zärtlichkeit – nur politische Themen finden keinen Platz. Natalia Grez erklärt: „Es gab eine Zeit, in der alles gesagt werden musste, was während der Diktaur nicht gesagt werden konnte. Kino, Theater und Tanz, alle Kunstformen entdeckten im Politischen und in den Themen, die das Militärregime zerstört hatte, eine neue Sprache, die sie erleichterte. Aber auch hier kam es bald zu einer Sättigung. Und obwohl es unmöglich ist, unsere Geschichte zu vergessen, das Theater bewegt sich weg vom politischen Thema und schlägt verschiedene neue Richtungen ein.


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„Ich bin ein Outsider”

Frau Lizarazu, wenn Sie sich in der Theaterszene Argentiniens einordnen müssten, wo wäre dann Ihr Platz?

Ich bin schrecklich unruhig. Meine Ausbildung habe ich in den Reihen des unabhängigen Theaters erhalten, obwohl ich an staatlichen Schulen studiert habe. Mein erstes Stück wurde am Staatstheater aufgeführt, aber meine beste Schule war die Schaubühne in Berlin. Zurzeit arbeite ich an einem Stück, das niemand produzieren will, weil es so „seltsam” ist. Mein Weg ging immer Hin und Her, deswegen kann man mich nicht in eine Schublade stecken. Zuhause gehöre ich nicht einmal zu den „Unabhängigen”, denn dafür müsste man sich zumindest mit der Akademie gut stellen – aber ich habe deren Wege nie verfolgt. Vielleicht bin ich einfach ein Outsider.

Ist das unabhängige Theater aber nicht mehr dem Theater an sich verpflichtet?

Es gab immer schon ein Theater, das von den Schauspielern, Regisseuren und Autoren selbst gemacht wurde. 1983, nach der Militärdiktatur, nach den langen Jahren der Zensur, fing eine neue Generation an, Theater zu machen. Ein engagiertes und anklagendes Theater. Auch damals war es zuerst das unabhängige Theater, das anfing, von den Verschwundenen zu sprechen. Bei der argentinischen Bevölkerung fand die Kunst, welche das Thema berührte, regen Zuspruch.

Was passierte in den 90er Jahren mit dem unabhängigen Theater?

Irgendwann war die Form der Anklage erschöpft, ein Wandel wurde nötig. In den 90er Jahren fingen Künstler an, auf eine neue Art Theater zu machen. Sie schreiben und inszenieren selbst, ihre Arbeitsweise ist die kollektive Kreation. Das Theater bekam eine neue Ästhetik, die sich von den politischen Inhalten löste und mit der Sprache experimentierte. Natürlich gab es auch hier einen Prozess der Professionalisierung. Was als spontane Schöpfung begann, forderte bald wieder die klassischen Funktionen des Regisseur und des Dramaturgen. Jener Geist des kollektiven Schaffens lebt aber fort in der neuen Figur des Schauspieler-Dramaturgen, der sein Stück von der Improvisation der Schauspieler ausgehend schreibt. Viele der neueren Theaterautoren fingen so an: Sie schrieben Stücke für ihre Schauspielerkollegen. Mittlerweile inszenieren die Autoren ihre Stücke selbst. Das ist eine der Besonderheiten des zeitgenössischen argentinischen Theaters.
Die neue Dramaturgie wagt sich viel weiter vor als die klassischen Genres, Realismus, Sittengemälde oder Naturalismus. Sie sorgt sich mehr um die Form als um das Thematische, sie entwirft ein Theater, das keine Antworten mehr kennt, aber Fragen aufwirft.

Gibt es so etwas wie ein lateinamerikanisches Theater? Tauschen sich die Theatermacher in Lateinamerika untereinander aus?

Es gibt einen Austausch bei den Formen, aber die Texte wandern hier nicht so wie zwischen Deutschland, Polen, Frankreich, England und den USA. Im Allgemeinen organisieren die Autoren diesen Austausch selbst, denn das argentinische Publikum interessiert sich nicht so sehr für das Theater aus Lateinamerika. Vor kurzem nahm ich an einem Treffen teil, das verschiedene Dramaturgen aus Lateinamerika zusammenführte. Das Teatro Nacional Cervantes organisierte diese Begegnung. Ich war sehr beeindruckt davon, wie sehr einige Autoren eine Haltung zum Ausdruck bringen wollten, die für Lateinamerika Partei ergreift. Ich glaube, viele Künstler fühlen sich jedes Mal verpflichtet, bestimmte ideologische Haltungen einzunehmen, wenn sie ihr Land verlassen. Das hat zum einen mit ihrer Rolle als Intellektuelle zu tun, zum anderen mit den Erwartungen, die man im Ausland an sie stellt. Man müsste also erst einmal definieren, was Lateinamerika ist. Argentinien ist zwar geografisch Teil des südamerikanischen Kontinents, aber das bedeutet für die Argentinier noch lange nicht, dass sie Lateinamerikaner sind.

Das lateinamerikanische Theater überschreitet immer mehr seine geografischen Grenzen, oft weil es sich die wohlhabenden Länder leisten, die neuen Regisseure ins Land zu holen. Was halten Sie von den dabei entstehenden Produktionen?

Ich kenne einige Autoren, deren Stücke von europäischen Theatern gefördert wurden und die sehr gut wurden. Natürlich beinhaltet dieses Mäzenatentum immer die Gefahr, ein Theater „für den Export” hervorzubringen. Das meinte ich, als ich sagte, dass einige lateinamerikanische Künstler, wenn sie im Ausland sind, sich bestimmte Diskurse aneignen, um ihr Land zu repräsentieren. Eine Sache ist es, den Vorteil jener Mittel für das beste künstlerische Ergebnis einzusetzen, eine ganz andere, ihn dafür einzusetzen, um einen Vertrag vor Ort zu erheischen.

Im Jahr 2002 waren sie mit eigenen Theaterprojekten unterwegs – in Berlin, Groningen und London. Wie war Ihr Eindruck vom europäischen Theater?

In jeder Hinsicht war diese Erfahrung für mich höchst positiv und bereichernd. Für eine Theater-macherin stellt die Begegnung mit dem „Theater der Welt“ immer eine Möglichkeit zu wachsen dar. Ich habe sehr genaue Erinnerungen an jedes einzelne dieser Theater, ich erinnere mich an die Leute, das Publikum, die Säle, ihre Wände, ihre Gerüche. Ich glaube, jedes Theater ist eine Gesellschaft in Miniatur, durch die man das Draußen, das Makro wahrnehmen kann. Meiner Meinung nach ist das europäische Theater sehr unterschiedlich. Auch wenn wir von einem europäischen Theater sprechen könnten, möchte ich lieber vom Werke von Christoph Marthaler oder Sasha Waltz sprechen – sie sind Künstler, die mich interessieren.

In vielen Ihrer Stücke – Pornosotros, Agua und Considera esto – beschäftigen Sie sich auch mit politischen Themen. Sehen Sie die Aufgabe des Theaters darin, sich politischer Anliegen anzunehmen, ohne gleich politisches Theater zu machen?

Pornosotros ist ein Stück von Contanza Macras, ein langes Stück, bei dem die thematische Achse die Pornografie ist. Das Stück ist in vier Teile gegliedert, den Ersten davon, Woman in window, habe ich geschrieben und inszeniert. Darin gibt es ein politisches Element, aber ich bin mir nicht so sicher, ob es das auch in Considera esto gibt, auf jeden Fall in Agua. In keinem dieser drei Stücke sind aber politische Themen zentral.

Wie gestaltet sich dann aber das Verhältnis von Theater und Politik?

Ich will Theater eigentlich gar nicht aus dieser Perspektive betrachten, auch nicht von einer akademischen Warte aus. Ich bin eine Phantasiearbeiterin. Ich habe Spaß daran, Bilder zu haben. Von denen – nicht von Ideen – will ich auszugehen, um Welten zu entwerfen. Die Politik kommt ins Spiel, wenn die Theatergruppe auftaucht, der menschliche Faktor. Hier wende ich eine Politik der Arbeit und der Schöpfung an, auch wenn ich zugeben muss, dass ich im Grunde meines Herzens ein bisschen anarchistisch bin.

Bei Women in the Window fiel auf, dass die beiden Hauptfiguren, zwei Prostituierte in einem Schaufenster eines Etablissements, über die Situation in Argentinien sprechen, über Ereignisse, die damals im Sommer 2002 noch ganz aktuell waren – kann das Theater also näher an der Gegenwart sein als die Literatur?

Die Literatur ist unmittelbarer, aber weniger medial. Ich meine, das Vorlesen als Initiationsakt, als kultische Handlung. Das Theater hat den Vorteil der Darstellung: Es reicht schon aus, dass eine Schauspielerin einige sexy Posen mit einem Magnum-Eis spielt, und der Zuschauer weiß sofort, woher jenes Zeichen genommen ist. Zweifellos ist dabei die Theatralik aus einem alltäglichen Ereignis entstanden. Die Literatur erlaubt es sich im Allgemeinen nicht, solche banalen Referenzen zu verwenden. Sie will für die Ewigkeit geschaffen sein. Das Theater zwar auch, aber die Instanz der Darstellung schützt sie davor.

Was war der dramatische Konflikt, den Sie in Agua, einem Stück, das auch die Problematik der Menschenrechte in Argentinien aufgreift, bearbeiten wollten? Was war die Ausgangsidee?

Es gab schlichtweg keine Ausgangsidee, sondern nur ein Bild: das Bild einer Alten, die ins Leere starrt und sich die Lippen anmalt. Der dramatische Konflikt entwickelte sich, als ich anfing, ihre Welt zu erforschen. Ich will in dem Stück vom Argentinien von heute sprechen, in dem die Straflosigkeit sich immer noch auswirkt. Die Straflosigkeit zeigt sich in Argentinien aber nicht nur im Befehlsnotsstandsgesetz – also dem Bereich, der die Alten betrifft –, sondern auch in der Korruption der politischen Klasse, die das Land in den Bankrott geführt hat. Doch dieses dunkle Element besteht fort. Agua spielt im Sommer zwischen 2001 und 2002 – und es zeigt ein Argentinien, in dem diese Straflosigkeit immer noch allgegenwärtig ist. Die zweite thematische Achse des Stücks versucht, ein Bild der jüngeren Generation zu entwerfen. Und dieses fällt vielleicht noch trostloser aus, als das der Alten.

Was hat sich durch die argentinische Krise am Theater verändert? Gehen die Menschen überhaupt noch ins Theater?

Die Regierung zahlt weniger Subventionen. Aber gab es jemals genügend Subventionen? Und war die Verteilung der Mittel gerecht? Natürlich sind die Säle zurzeit weniger gefüllt. Aber das letzte Tanzfestival, das die Stadt Buenos Aires organisierte, war sehr gut besucht und der Eintritt war umsonst. Die Regierung soll an der Förderung der Kultur festhalten, auch wenn das natürlich nicht verhindern kann, dass außerhalb von Buenos Aires die Leute verhungern.


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Schreiben, wenn es verboten ist

Vor fünf Jahren machte der argentinische Autor Piglia seine Leser mit dem Roman „Brennender Zaster“ zu Kumpanen einer verrückten Verbrecherbande. In seinem Roman „Künstliche Atmung“ nimmt er uns nun mit in das geistige Exil des Argentiniens der Militärdiktatur.
Der junge, argentinische Schriftsteller Emilio Renzi veröffentlicht einen Roman über seinen Onkel Professor Marcelo Maggi. Dieser hatte in seiner Jugend eine wohlhabende Frau geheiratet und sich sogleich mit ihrem Vermögen wieder verabschiedet. Denn sein Interesse galt dem einflussreichen Vater der zukünftigen Braut, den er als Anhänger eines Flügels der Radikalen Bürgerunion (UCR) werben wollte. Mit dessen Unterschrift bekam er auch die Tochter, tauchte jedoch nach der Hochzeit alsbald unter und verpasste schließlich neben der Ehe auch das Finale der politischen Auseinandersetzungen 1945. Er landete nämlich im Gefängnis.
Und selbst nachdem der Onkel seine Strafe abgesessen hatte, hörte die Familie nichts mehr von ihm. Mythen und Märchen entstanden über ihn und veranlassten seinen Neffen schließlich, ein Buch über ihn zu schreiben. Dieses findet der Onkel dann mehr als zwanzig Jahre später, wieder im Exil – und räumt mit dieser Version seines Lebens gründlich auf.
Neben der Klarstellung der Legenden über sein Leben berichtet er seinem Neffen von seiner Arbeit an einer Biografie Enrique Ossorios. Dieser war 1837 Privatsekretär des Diktators Juan Manuel de Rosas und mit Onkel Maggi verwandt. Obwohl Rosas ihm wohl gesonnen war, nahm Ossorio alsbald Kontakt zu einer Gruppe von Verschwörern auf. Um einer Haftstrafe zu entgehen, musste er schließlich ins Exil.

Vom Schreiben der Utopie

Dort begann auch er an einem Buch zu schreiben: „Ich werde also über die Zukunft schreiben, weil ich mich nicht an die Vergangenheit erinnern will. Ich habe daran gedacht, eine Utopie zu schreiben. Ich werde darin erzählen, wie ich mir die Zukunft der Nation vorstelle. Ich bin in einer Position wie sie besser nicht sein könnte: von allem abgeschnitten, außerhalb der Zeit, ein aus dem Stoff der Verbannung gewebter Ausländer. Wie wird das Vaterland in 100 Jahren sein? Wer wird sich an uns erinnern? Wer? Über diese Träume schreibe ich.“
Und genau diese Schriften sind es, die Onkel Maggi faszinieren, „als wären es Spuren, die es ermöglichen, das Unglück seines Lebens zu verstehen.“ Und vielleicht auch das eigene Schicksal. Damit weckt er das Interesse seines Neffen, der sich schließlich aufmacht, seinen Onkel zu treffen. Drei Generationen, jeweils eine auf den Spuren der anderen.
„Künstliche Atmung“ ist eine Achterbahnfahrt durch Themen wie Idealismus, Zensur und Exil. Anhand verschiedenster Briefe der Protagonisten führt der wohl renommierteste argentinische Schriftsteller der Gegenwart im ersten Kapitel durch die junge Geschichte Argentiniens und lässt dabei keine Militärdiktatur aus.
Im zweiten Kapitel schließlich folgen wir den langen philosophischen Gesprächen des exilierten Polen Tardewski, eine literarische Spiegelung des Dichters Witold Gombrowicz, und Renzis, der bei seinem Onkel angekommen ist und doch nur auf dessen besten Freund stößt. Maggi ist abgereist. Zurückgelassen hat er nur die fertig gestellte Biografie Ossorios, deren Bedeutung ihm schließlich von Tardewski erklärt wird: „In einem gewissen Sinn, sagte er dann, war dieses Buch die Autobiografie des Professors. Das war seine Art über sich selbst zu schreiben. Deshalb denke ich, dass sie in diesen Papieren alles finden, was Sie über ihn wissen müssen, vor allem das, was ich Ihnen nicht sagen kann.“ Alle Fäden laufen also am Ende zusammen.
Geschichte wiederholt sich und es verwundert nicht, dass Marcelo Maggi fasziniert war von der Person Ossorios, ihrer Wandlung, ihrem Geheimnis. Beide verband die innere Ruhelosigkeit, im Geiste und auf ihrer Odyssee durch Lateinamerika.
Der Autor Ricardo Piglia verlangt dem Leser einige Mühen ab. Der Roman ist äußerst anspruchsvoll. Dies macht jedoch Sinn. Denn der Roman ist 1980 erschienen und musste drei Jahre vor Ende der letzten Militärdiktatur noch dem Verbot entkommen. Der in dem Roman auftauchende Zensor, der die Briefe nach geheimen Nachrichten durchsucht, ist sicherlich auch eine Aufforderung, die versteckten Botschaften des Romans zu entschlüsseln.
Die Rätselhaftigkeit des Romans ist es schließlich, die seine Faszination ausmacht. Einerseits in der Form, in der der Roman Dimensionen überspringt und andererseits in der Tiefe des Gespräches zwischen dem Literaten Renzi und dem exilierten Polen Tardewski.
Dass sie ihren Geist bewegen müssen, allein das entscheidet. Besonders deutlich wird dies bei einer weiteren Idee Onkel Maggis und Tardewskis. Es ist der Vorschlag, das Schachspiel zu revolutionieren: „Man muss ein Spiel entwickeln, sagte er, bei dem die Positionen nicht immer gleich bleiben, bei dem die Funktion der Figuren sich ändert, nachdem sie sich eine Weile am selben Platz befinden, so dass sie stärker oder schwächer werden. Bei den aktuellen Regeln, schreibt Maggi, entwickelt sich das nicht, es bleibt immer mit sich selbst identisch. Sinn hat nur das, sagt Tardewski, was sich ändert, was sich verwandelt.“
Ricardo Piglia, geboren 1941 in Androgué, lehrte in Buenos Aires, Princeton und Harvard Literatur. Angesichts dessen verwundert die Komplexität seines erst jetzt ins Deutsche übersetzten Werkes nicht. Ein herausragendes und herausforderndes Werk. Jedoch, gerade bei Piglia gilt: je tiefer man dringt, desto mehr offenbart sich einem und desto intensiver wird das Lesevergnügen.

Ricardo Piglia: Künstliche Atmung. Roman. Aus dem argentinischen Spanisch von Sabine Giersberg. Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2002, 220 Seiten, 19,50 Euro.


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Das Unvorstellbare vorstellen

Den Fluchtinstinkt kennt jeder: ich will es gar nicht so genau wissen. Ich weiß, es ist unvorstellbar, unmenschlich, unfass-bar. Und doch: die Abwehrhaltung zeigt, dass man sich genug vorstellen kann, um in Schreckensstarre zu verfallen. Ein Weg, dieser Starre zu entkommen, ist, der Öffentlichkeit auf künstlerischem Wege das Unvorstellbare näherzubringen, um eine Auseinandersetzung mit dem Geschehenen zu erreichen.
Die Diktaturen im südlichen Amerika der sechziger bis achtziger Jahre haben die Folter in den Blickpunkt auch des europäischen Diskurses gerückt. Von Argentinien und Chile über Uruguay und Paraguay bis nach Brasilien herrschte im südlichen Teil des Kontinents der „Condor“. Die repressiven Regime arbeiteten Hand in Hand und der Austausch und/oder die Entführung von Gefangenen war institutionell abgesegnete, gegenseitige Amtshilfe. Die „Operation Condor“ hat spätestens seit dem Archiv–Fund in Paraguay ihren Eingang in die Welt der anerkannten historischen Wahrheiten gefunden.
Bezüglich der Foltermethoden nahm Brasilien zunächst die Vorreiterrolle des Exporteurs ein, wenngleich es später insbesondere von Argentinien bezüglich eines flächendeckenden, die gesamte Gesellschaft durchdringenden Terrors bei weitem überholt wurde. Zurück blieben traumatisierte Gesellschaften, in denen sich Op-fer und Täter auf der Straße und im Parlament, wenn nicht gar zu Hause, begegnen. Einige machen sich schneller und deutlicher, andere langsamer und vorsichtiger an die Aufarbeitung der bleiernen Jahre.
In dieser individuellen und kollektiven Trauerarbeit nehmen die Künste eine nicht zu gering zu schätzende Rolle ein. Im Folgenden soll anhand einiger Stücke gezeigt werden, wie die verschiedenen Dimensionen der Folter auf der Bühne ausgelotet wurden.

Kollektive Traumata

Die Folter stellt den Fassungslosen vor viele Fragen.
Die Erste ist sicherlich: was genau verbirgt sich hinter der Folter?
Dann: wie kann jemand etwas Derartiges durchstehen? Und wie kann er danach mit dieser Erfahrung weiterleben?
Aber auch: Wie kann ein Mensch einem anderen so etwas antun? Und wie kann er danach mit seinen Taten weiterleben?
Nach diesen – aus Mitleid oder Abscheu motivierten – psychologischen Fragen richtet sich der Blick aber auch auf Fragen nach der politischen Funktion der Folter: Wem dient die Folter und wer zieht seinen Vorteil aus ihr?
Diese Fragen interessieren den Einzelnen wie die Gemeinschaft, denn die Gesellschaft, in der Folter stattfindet, ist als Ganze daran beteiligt – als Opfer, als Täter, aber auch als scheinbar „unbeteiligte“ Mitbürger – und daher auch als Ganze traumatisiert.
In Deutschland haben wir erfahren, wie Aufarbeitung und Trauerarbeit des Nationalsozialismus zunächst verdrängt wurden, dann aber als Notwendigkeit hervorbrachen und dieser Prozess bis heute anhält. Und wir haben erfahren, dass da nicht etwa ein „Ausnahmezustand“ seine langen Schatten wirft, der abgetrennt von der Gesellschaft betrachtet werden könnte, sondern ein Teil unserer identitätsbildenden Genese darauf dringt, als solcher aufgenommen zu werden.
Für Lateinamerika können wir analog von der Notwendigkeit sprechen, das kollektive Trauma zu verarbeiten. All diesen Fragen sind Theaterleute bereits in den Jahren der Diktatur nachgegangen und haben Zensur und Repression mit metaphorischen und parabelhaften Formen zu überlisten versucht. Dem Verhältnis von Unterdrücker und Unterdrücktem wurde beispielsweise in Familiendramen nachgegangen. Doch insbesondere die Zeiten der politischen Öffnung bereiteten den Boden für eine öffentliche Beschäftigung mit diesem Thema.

Die Opfer

Die lateinamerikanischen Diktaturen setzten die Folter gegen den „inneren Feind“ ein. Dieser innere Feind, die vornehmlich linke, sozial engagierte, gewerkschaftliche, kirchliche, in weiten Teilen jugendliche Bewegung, die sich gegen die wachsende Repression mit wachsender Gewaltbereitschaft zu wehren versuchte, bestand zu einem nicht geringen Teil aus Söhnen und Töchtern aus gutem Hause. So diente die Folter zunächst dem altbekannten Zweck, Informationen über „subversive Pläne“ und den Verbleib der noch nicht verhafteten GenossInnen zu erpressen.
Aus dieser Auffassung resultiert die Konzentration vieler Stücke einerseits auf Überlebensstrategien der Gefangenen und andererseits auf Strategien, der Folter zu begegnen, ohne Genossen Preis zu geben, ohne zu kollaborieren: schweigen, Geschichten erfinden, Wahres aber Irrelevantes mitteilen, Informationen so lange zurückhalten bis sie veraltet sind, sich das eigene Leben nehmen um nicht andere zu gefährden. Heldentum ist in dieser Konzeption möglich. Der Gefangene kann selbst bei Verlust des eigenen Lebens andere retten und die Folterknechte symbolisch besiegen.
In Mario Benedettis Pedro y el Capitán erklärt der Folterer: „da finde ich nur eine einzige Rechtfertigung für das, was ich tue: erreichen, dass der Häftling spricht, ihn so weit bringen, dass er uns die Information gibt, die wir brauchen. […] ich [kann] mich den Kindern gegenüber nur freisprechen durch das Bewusstsein, dass ich wenigstens das uns gestellte Ziel erreicht habe, nämlich Informationen zu bekommen. Auch wenn wir euch vernichten müssen. […] Aber damit hast du mich auch daran erinnert, dass ich dich zum Sprechen bringen muss. Denn nur so fühle ich mich gut vor meiner Frau und den Kindern.“ Mit dieser Erklärung begibt sich der Folterer moralisch in die Hände seines Häftlings, der ihm eben diese Information verweigert. So endet das Stück mit der flehentlichen Bitte des Hauptmanns „um eine halbwegs passable Rechtfertigung meiner Tätigkeit“ (…) „nicht eine Information, um das Regime zu retten, sondern eine Angabe, um mich zu retten, oder […] wenigstens ein kleines Stück von mir“. Pedro aber stirbt, ohne seinem Henker diese Genugtuung zu erweisen.
In diesem Kontext sollte neben Jorge Andrades Milagre na Celaauch Jean Paul Sartres Morts sans Sépulture / Tote ohne Begräbnis erwähnt werden. Sartres Stück ist im Kontext der französischen Resistance angesiedelt und lotet systematisch den Handlungsspielraum der Figuren aus.
Die Tatsache, dass Folter gegen andere Häftlinge schon vorher existierte, fand ihren Ausdruck höchstens in Nebenfiguren. Allerdings merkte Ruy Guerra bereits 1979 anlässlich seiner Inszenierung von Mario Pratas Fábrica de Chocolate in einer Fußnote an, dass das Verb “Foltern” manchmal dazu tendiere, in der Vergangenheitsform konjugiert zu werden. Es sei wichtig, daran zu erinnern, dass es auch in der Gegenwart – nun eher allgemein Häftlinge denn politische im Besondeen betreffend – konjugiert werde.

Der Terror

Nun dient die Folter auch dem Ziel, Terror zu verbreiten. Dazu gehört neben der zielgerichteten auch die willkürliche Misshandlung quer durch alle Teile der Gesellschaft. Insbesondere die argentinische Junta hat von Anfang an darauf gesetzt, massiv Menschen aller Altersgruppen und sozialen Schichten zu verhaften, zu foltern, zu töten, „verschwinden zu lassen“. Und da es sich um eine systematisch von Staats wegen eingesetzte Unterdrückungsmethode handelte, wird deutlich, dass dies mehr die Regel als die Ausnahme war.
Die Willkür nicht auf Information abzielender Folter gibt keinen Spielraum mehr zu heroischem Handeln. Die Willkür führt dazu, dass das Verhalten des Häftlings nicht mehr mit dem Handeln des Folterers dialogiert und ihm auch keine Illusion auf eine solche letzte Freiheit mehr möglich scheint.
Hier soll ein Hinweis auf das Stück des Briten Harold Pinter One For the Road / Noch einen Letzten erlaubt sein. Pinters Stück seziert in einem bewusst offen gehaltenen, modernen Kontext erbarmungslos genau die Macht des terroristischen Willkürstaates über seine Bürger und die Funktion des menschenverachtenden Terrors zum Machterhalt.

Die Folterer

Sehr früh schon beschäftigten sich die Autoren mit den Folterern, der Dynamik unter ihnen und ihrer „Menschlichkeit“. Was bringt einen Menschen dazu, andere zu misshandeln, zum Folterer qua Amt zu werden? Das Bild des pathologischen oder sadistischen Folterers tritt in den Hintergrund und der Folterer wird als der freundliche Nachbar von nebenan aussondiert, als Mensch wie du und ich.
Es wird hervorgehoben, dass Folterer aus dem selben Stoff sind wie andere Menschen auch, dass sie aus der Bevölkerung rekrutiert werden. Folter wird gelehrt und gelernt. Und zur Wahrung des Korpsgeistes wird penibel darauf geachtet, dass auch keiner sich drückt und etwa sauber bleibt („Besudelungstheorie“).
Mit der Dynamik der Folterer untereinander beschäftigen sich neben Eduardo Pavlovskys El Señor Galíndez auch Carlos Verezas Transaminases und Mario Pratas Fábrica de Chocolate. In letzterem wird zudem die beratende Rolle der USA thematisiert. So doziert ein Folterer seinem Kollegen: „Man nennt es die englische Methode, aber es ist natürlich eine Erfindung der Amerikaner. Die Amerikaner sind in diesen Dingen unübertrefflich. Eigentlich in allem. Letztes Jahr haben wir eine Gruppe Anfänger hin geschickt, damit sie die englische Verhörmethode lernen. Irgendwann, wenn wir bei dir zu Hause beim Whisky zusammensitzen, erzähle ich dir, wie die englische Verhörmethode funktioniert. […] Die Amerikaner übertreffen sich immer wieder selbst. Und bald werden wir schon auf einer Stufe mit ihnen stehen. Und der Tag wird kommen, das wir know–how exportieren werden“.

Die Gesellschaft

Zur Vermeidung einer zwangsneurotischen Wiederholung des immer Gleichen bedürfen traumatisiertes Individuum wie traumatisierte Gesellschaft der Trauerarbeit, verstanden als seelischer Vorgang, bei dem gelernt wird, einen Verlust mit Hilfe eines wiederholten, schmerzlichen Erinnerungsprozesses langsam zu ertragen und durchzuarbeiten.
„Und weißt du, worauf ich gekommen bin, was letztlich das einzige ist, was ich wirklich will? – Ich will, dass er gesteht. Ich will, dass er vor diesem Kassettenrecorder sitzt und mir erzählt, was er getan hat – nicht nur, was er mir angetan hat, sondern jedem, alles – und dann soll er es eigenhändig niederschreiben und es unterzeichnen, und ich hätte für immer eine Abschrift – mit allen Informationen, mit Namen und Daten, allen Einzelheiten. Das ist es, was ich will.“ – Soweit das Folteropfer Paulina in Ariel Dorfmans La Muerte y la Donazella / Der Tod und das Mädchen als sie Jahre später ihrem Folterknecht begegnet und ihn nun in ihrer Gewalt hat. Nicht physische Rache will sie, denn sie spürt, dass dies ihr Leid nicht aufwiegen wird, sondern Anerkennung ihres Leidens durch den Täter und durch die Gemeinschaft Im vorliegenden Fall verdichtet in der Figur ihres Ehemannes und gleichzeitigem Mitgliedes der Kommission zur Aufklärung der Verbrechen der Militärdiktatur. Der Tod und das Mädchen feierte gleich nach Erscheinen Anfang der neunziger Jahre weltweit Erfolg. Es verhandelt die Zeit danach. Der Rausch der Gewalt ist vorbei. Die Gesellschaft muss sich zusammenraufen. Opfer und Täter sitzen in einem Boot. Wie aber den Opfern Genugtuung erweisen ohne einen nicht geringen Teil der Mitbürger wegzusperren?
Dieses Problem treibt mit der Auflösung der ehemaligen Ostblockstaaten, dem Ende der Apartheid in Südafrika und jüngst wieder in Ost–Timor Gesellschaften an vielen Ecken und Enden der Welt um. Die Lösungsansätze für den bestmöglichen Umgang variieren, sei es das Stasi – Akten – Gesetz oder aber die südafrikanische Wahrheitsfindungskommission.
In Lateinamerika haben die Staaten verschiedene Wege aus den diktatorialen Regimen gefunden und die Zivilgesellschaft ist von Fall zu Fall recht unterschiedliche Kompromisse bezüglich der Amnestie eingegangen.
Die Frustration der Opfer, nicht zuletzt über diese im Namen einer versöhnlichen Rekonstruktion der Gesellschaft eingegangenen nationalen Kompromisse hat den Ruf nach einem internationalen Gerichtshof verstärkt. Den Opfern Recht widerfahren zu lassen, ohne dabei den konsensualen Einigungsprozess der jeweiligen Gesellschaft zu gefährden, hierum geht es in Ariel Dorfmans Analyse.
Die einzige Frage, die auf der Bühne umgangen wird, ist die erste: was man sich konkret unter Foltermethoden vorzustellen habe. Natürlich wird insbesondere per Botenbericht andeutungsweise auf gewisse Praktiken hingewiesen. Die physische Folter findet in den meisten Stücken im Nebenraum, zwischen den Szenen, im Rückblick statt, oder aber wird per Lichttechnik, Choreographie und Ähnlichem in stilisierter Form angedeutet. Der Kunstgriff der Stückeschreiber besteht darin, das Publikum nicht mit naturalistischer Darstellung zu verschrecken, sondern es in eine gefasste, konzentrierte und offene Haltung zu bringen, die ihm ermöglicht, sich den verschiedenen schmerzlichen Dimensionen des Themas Folter wirklich zu öffnen. Und so wird per Auslassung die Folter zur Hauptperson der Stücke.


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“Die Regierung soll die Grundversorgung sichern, wir kümmern uns um die Kultur!“

Welche Auswirkungen hat die Krise in Argentinien auf ihre persönliche Situation?

Sie ist über mich gekommen, sie bestimmt meinen ganzen Alltag. Mein Mann hat seine Arbeit verloren. Ich gehe nach draußen, sehe Menschen den Müll durchwühlen. Das hat es bisher, zumindest in Buenos Aires, nicht gegeben. Die Gewalt in den Straßen hat zugenommen. Die Arbeitslosigkeit ist inzwischen so hoch, dass sie das soziale Netz zerstört. Ich bin, wie viele andere, mit der Idee groß geworden in einem Land zu leben, in dem es immer genug zu Essen und Arbeit gibt. Heute haben viele Kinder nicht genug zu essen, um sich körperlich normal zu entwickeln. All das beeinflusst mich persönlich, ganz unabhängig davon, ob ich nun Autorin, Journalistin oder Schneiderin bin.

Und schlägt sich die aktuelle Situation in ihrer Arbeit nieder?

Ich bin der Überzeugung, dass sich Schriftsteller aus dem nähren, was um sie herum passiert. Allerdings kann die Literatur die Gegenwart kaum unmittelbar widerspiegeln. Wenn man jetzt beispielsweise über die Kochtopfdemonstrationen schreibt, kommt das Buch vielleicht erst in fünf Jahren raus. Manchmal ist es auch unmöglich, die Gegenwart direkt zu bearbeiten. In meinem Buch Das Ende der Geschichte habe ich über die letzte Diktatur in Argentinien geschrieben. Während jener Zeit hätte ich diesen Roman allerdings nie schreiben können. Ich hätte keine Form gefunden, das zu erzählen, was in diesem Moment mein Leben beherrschte: den Schrecken der Militärdiktatur. Dennoch war es mir ein tiefes Bedürfnis darüber zu schreiben. Lange Jahre verbrachte ich mit Nachforschungen. Und erst 1994 fand ich einen Weg dem Ganzen eine Form zu geben. Am 24. März 1996 schloss ich die Arbeiten ab, also genau zum 20. Jahrestag des Putsches. Ganz sicher ist es so, dass die Kreativität einem Menschen gerade in Momenten der Krise Halt geben kann. Auch heute gibt es immer mehr Menschen, die sich künstlerisch betätigen, zum Beispiel in den zahlreichen populären Veranstaltungen auf der Straße. Sie suchen neue Formen des Ausdrucks, die dem von oben diktierten Dahinsiechen etwas entgegensetzen. Man könnte vielleicht sagen, es entsteht so etwas wie eine Kultur von unten.

Ist das eine neue Entwicklung in Argentinien?

Nein, beispielsweise in den 60ern und 70ern gab es eine fruchtbare, unabhängige Kulturlandschaft. Mit Abelardo Castillo brachten wir mehrere Literaturzeitschriften heraus, in denen neue AutorInnen und neue Ideen veröffentlicht wurden. Sie finanzierten sich weitestgehend selbst und fanden großen Widerhall in der Bevölkerung. Ähnlich funktionierten auch die Kinoclubs, in denen neue Filme gezeigt wurden. Und das unabhängige Theater.

Und das lief alles ohne staatliche Zuschüsse?

Ja, das bedeutete, dass wir mit minimalen finanziellen Mitteln arbeiten mussten. Mit dem Verkauf einer Ausgabe finanzierten wir die nächste. Wenn das Geld nicht reichte, baten wir einen befreundeten Maler um ein Bild, das dann zu Gunsten der Zeitschrift versteigert wurde. Oder wir veranstalteten ein Kinofestival. Ähnlich sah es bei den unabhängigen Theatern aus. Sie waren als Kooperativen organisiert. Man machte alles – Schauspielen, Regie, Eintrittskarten verkaufen und den Boden fegen.

Was geschah mit dieser Bewegung unabhängigen Kulturschaffens während der Zeit der Diktatur?

Die Hyperinflation machte die Selbstfinanzierung dieser Projekte praktisch unmöglich. Dennoch gelang es uns trotz und gegen die Diktatur 1976 eine neue Zeitschrift, El ornitorrinco (das Schnabeltier), herauszubringen.Es gab auch andere kulturelle Entwicklungen, wie das teatro abierto (das offene Theater). Und es kam zu Reaktionen, wie der Bewegung der Mütter der Plaza de Mayo. Es war also auch möglich gegen Zensur, Tod und Terror schöpferisch tätig zu sein.

Wie sind die Bedingungen für das argentinische Kulturleben heute?

Die ökonomische Lage ist fatal, es gibt immer weniger Mittel. Eine Zeitschrift herauszugeben ist praktisch unmöglich.

Im Oktober 2001 gab es noch staatliche Unterstützung für kleine Verlage. Diese Subventionen fielen dann dem corralito (der Kontensperrung) zum Opfer.

Es ist schon außergewöhnlich, dass es überhaupt Subventionen gab. Bis auf einen Wettbewerb der nationalen Kunst- und Kulturstiftung, gibt es kaum staatliche Unterstützung. Einige kleine Verlage, zum Beispiel Adriana Hidalgo, haben es geschafft, der Krise bis jetzt zu trotzen. Es ist so wichtig für die Kulturlandschaft Argentiniens, dass sie weiter bestehen. Die großen Verlage wurden inzwischen alle von multinationalen Firmen übernommen, die keine jungen AutorenInnen veröffentlichen. Es gibt keine aufeinander aufbauende Kulturpolitik.

Wie sollte Kulturpolitik heute aussehen?

Ich vertraue nicht auf die Kulturpolitik der Regierung. Die Kulturförderung ist miserabel. Im Moment sehe ich die Aufgaben der Regierung ohnehin eher im wirtschaftlichen und sozialen Bereich, etwa darin die Grundversorgung der Menschen zu sichern. Wir, die Kulturschaffenden, kümmern uns um die geeigneten Mittel und Ausdrucksformen. Es kommt darauf an, weiter zu schaffen. Heute spricht man nur von der Bedeutung des Marktes. Viele der Werke jedoch, welche die lateinamerikanische Literatur begründet haben, verkauften sich anfangs schlecht. Kleine Theater, kleine Kinosäle, kleine Verlage sind Teil des Kulturerbes Lateinamerikas, die weiter bestehen und Gewicht haben. Heute gibt es neue Zeitschriften im Internet, in denen junge SchriftstellerInnen publizieren. Es gibt Theateraufführungen, in denen die Leute ihre persönlichen aktuellen Probleme zum Ausdruck bringen und vermehrt Straßentheater. Was sich momentan verändert, ist die Art wie die Kultur die Menschen erreicht. Ich veranstalte zum Beispiel eine Literaturwerkstatt. Die Teilnehmerzahl nimmt ständig zu. Ich denke hier entwickelt sich eine starke Generation junger SchriftstellerInnen, wie es sie zuletzt in den sechziger Jahren gegeben hat.

Interview:
Anne Fahß und Timo Berger

KASTEN:
Zur Person

Die argentinische Journalistin und Schriftstellerin Liliana Heker wurde 1943 in Buenos Aires geboren. Bereits mit 17 Jahren arbeitete sie als Redakteurin für die Literaturzeitschrift „El grillo de papel“. Später wurde sie Chefredakteurin zweier weiterer Literaturzeitschriften, „El escarabajo de oro“ (1961-1974) und „El Ornitorrinco“ (1977-1986). Mit nur 23 Jahren veröffentlichte Liliana Heker 1966 ihren ersten Erzählband Los que vieron la zarza und erhielt dafür den Preis des kubanischen „Casa de las Américas“. Für ihren ersten Roman Zona de Clivaje erhielt sie 1987 den „Primer premio municipal“. Mit ihrem 1996 erschienenen Roman El fin de la historia, in welchem die Autorin verschiedene Stimmen und politische Positionen zu Wort kommen lässt, setzt sie sich mit dem Argentinien der siebziger Jahre auseinander. In ihrem bisher letzten Werk Las hermanas de Shakespeare beleuchtet sie in einer Sammlung von Essays kritisch die Situation von Schriftstellerinnen. Heute lebt und arbeitet Liliana Heker in Buenos Aires.


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„Vergessen, Ignoranz und Verachtung”

Seit eineinhalb Jahren ist die rechtskonservative PAN nun nach 70-jähriger Herrschaft der PRI an der Macht. Wie würden Sie das Kulturverständnis der PAN charakterisieren? Und was bedeutet das für die Kulturpolitik unter Fox ?

Ich fürchte, ich bin nicht fähig, bis in diese dunklen Gefilde vorzudringen. Ich habe nicht die leiseste Ahnung, was die Regierung Fox für eine Vorstellung von Kultur hat. Wenn ich mich an ihre Erklärungen halte, hat sie gar keine Vorstellung von ihr. Wenn ich mich daran halte, was die Regierung macht, ist ihre Kulturpolitik eine Wiederholung des Bestehenden, was ja nichts Herausragendes ist. Wenn ich die PAN sehe, so steht eine ultrarechte Partei vor mir, die nur tote Formen von Kultur und Repression kennt. Hinzu kommen kontinuierliche Haushaltskürzungen und ein Angriff auf das, was man eine freie Entwicklung nennen könnte. Wenn es nach der Regierung ginge, sollte jeder sehen, wie er oder sie sich selbst „kultivieren”, sie der Markt „kultiviert”. Für die Kultur bedeutet das Vergessen, Ignoranz und Verachtung.

Können Sie ein Beispiel nennen für diese Politik?

Kürzlich wurde der Bildungsplan „Für ein Land der Leser” und der Plan für den Bau einer Nationalbibliothek vorgestellt. Eine Woche später beschließt das Finanzministerium, alle steuerlichen Vergünstigungen für Publikationen abzuschaffen. Für die kleinen und mittleren Verlage bedeutet das das Aus, und auch der Presse versetzt es einen harten Schlag. Darüber hinaus legt es offen, dass der Regierung die Idee eines Landes der Leserinnen und Leser egal ist. Auch ist die veranschlagte Summe für den Bau der Nationalbibliothek so groß, dass kein Geld mehr da sein wird, um Bücher zu kaufen. Am Ende wird es ein riesiges Gebäude ohne Bücher geben, denn der Kulturetat ist nicht besonders groß. Auch den Universitäten haben sie systematisch so viel Geld gestrichen, dass die öffentlichen Unis in ihrer Existenz bedroht sind. Die Lohnsituation der GrundschullehrerInnen ist verheerend. Wenn man alle diese Punkte zusammen nimmt, würde ich sagen, dass der Kultursektor sich durch Routine auszeichnet und die Haushaltspolitik ein einziges Katastrophengebiet ist. 85 Prozent des Kulturetats fließt in Gehälter, da kann man sich ausmalen, wie die Dinge liegen. Zu Ehren des Präsidenten Fox muss man noch sagen, dass er niemals auch nur das geringste Interesse für Kultur aufgebracht hat, so dass er noch nicht mal in der Lage ist, Demagogie zu betreiben. Unter Kultur kann er sich wohl einfach nichts vorstellen.

Das scheint kein Einzelfall innerhalb der PAN zu sein. Ich denke da nur an den Vorfall, dass kürzlich der Arbeitsminister erfolgreich Druck auf die Schulleitung der Schule seiner Tochter ausgeübt hat, damit die Lektüre von Aura, einer Kurzgeschichte von Carlos Fuentes, wegen einer erotischen Szene eingestellt werde. Ist das die traurige Karikatur des kulturellen oder intellektuellen Horizonts der PAN?

Das ist keine Karikatur. Aber es ist ein Extremfall. Übrigens war es nicht nur Aura, sondern auch eine Geschichte von García Márquez. Dieser Arbeitsminister hat in seiner Arbeit für das Anwaltsdiplom den Franquismus beglückwünscht, weil das Blutvergießen dazu gedient habe, Spanien zu reinigen. Das ist ein Grenzfall. Es ist eine Freakshow dieses Arbeitsministers.

Erhält die christliche Moral also keinen Einzug in die Kulturpolitik? Die PAN ist ja schließlich eine sehr christliche Partei?

Sehr christlich? Na, ich weiß nicht. Wenn ich das Christentum diffamieren wollte, dann würde ich wohl sagen, dass die PAN eine sehr christliche Partei sei. Nein, ich glaube die PAN ist ein sehr konfessionelle Partei, die strikt den Richtlinien des Vatikan folgt. So ist für sie zum Beispiel Abtreibung unter keinen Umständen erlaubt. Noch nicht einmal dann, wenn die Frau vergewaltigt worden ist, wenn das Leben der Mutter in Gefahr ist oder wenn der Fötus schwer missgebildet ist.
Der oberste Gerichtshof hat Abtreibungen unter diesen drei Indikationen als legal befunden, die PAN aber ficht dieses Urteil vor der Interamerikanischen Kommission für Menschenrechte an. Natürlich ist die PAN auch eine homophobe Partei. Sie haben Ausstellungen schließen lassen, haben Theaterstücke verboten, und führen regelmäßig Razzien gegen Jugendliche, durch mit dem Vorwand, dass sie Drogen konsumieren könnten, als Präventivmaßnahme sozusagen. Das ist schon der Gipfel der „Bürgerfürsorge”. Auf der anderen Seite haben sie einfach gar keine Ahnung von Kultur. Sie ist ihnen einfach unwichtig und da wollen sie auch keine Diskussion. Die PAN ist eine sehr rückständige Partei der repressiven Rechten. Ich sage nicht, dass sie sehr repressiv ist, denn dafür hat sie nicht die ausreichende Macht.

Für eine allgemeine Ausweitung der Zensur hat die PAN nicht die Macht?

Nein, auch wenn Zensur ihr sehr am Herzen liegt. Das Kontrollministerium hat zum Beispiel neulich eine Vorschrift vorgestellt, welche es Funktionären verbietet, sich in der Umgangssprache an ihre Kollegen zu wenden.

Oh, das wird aber schwierig.

Ja, es ist undenkbar. Sie haben noch mehr solcher Zensurregelungen im Geiste der 40er und 50er Jahre verabschiedet. Doch sie werden sie nicht umsetzen können, denn das lässt die Gesellschaft nicht mehr zu. Die PAN hätte gerne, dass die Zeit sich zurückdrehen ließe, aber sie sind einfach zu spät dran.

Die Gesellschaft ist also wesentlich toleranter und offener?

Ja, absolut.

Wo zeigt sich das?

Überall. Für die Jugendlichen ist Pluralität noch nicht einmal mehr Thema, es ist ihre Welt. Die letzte Schwulendemonstration in Mexiko-Stadt hat 50 000 Leute auf die Straßen gebracht. Auch in Teilen des mexikanischen Kinos kann man sehen, dass Zensur heute nicht mehr so einfach funktionieren kann. Amores perros und Y tu mamá también (Lust for Life) sind zwei Beispiele, aber es sind nicht die einzigen. Es gibt heute den Wunsch, das auszudrücken, was man lebt. Das Urteil des obersten Gerichtshofs gegen das generelle Verbot von Abtreibung zeigt, dass die Gesellschaft ihre Akzente setzt. Jedes Mal wenn es heute einen Repressions-Versuch gibt, gibt es auch eine Reaktion. Die Rechte hat Erfolg in der Umsetzung ihres ökonomischen Programms, aber sie scheitert total in der Umsetzung ihres moralischen Programms. Natürlich hätte ich auch gerne, dass sie in ihrem ökonomischen Programm scheitern würde, aber das ist nicht der Fall.

Die Pluralität der Lebensformen auf der einen Seite und die Homogenisierung durch den Markt auf der anderen?

Es sind die kulturellen Einstellungen, die sich geändert haben. Was jetzt aber zum Beispiel die Literatur angeht, wird diese vom Markt beherrscht und mit dem Steuerdesaster ist es auch noch wahrscheinlich, dass die kleinen und mittleren Verlage eingehen. Die Ideologie des Marktes ist allgegenwärtig. Alles dreht sich um Bestseller. Hinzu kommt, dass die spanische Verlagsindustrie immer mehr den lateinamerikanischen Markt beherrscht. Die haben natürlich erstklassige Literatur, aber sie vermarkten auch massiv die Lebenshilfe- und esoterische Literatur. Es gibt für die nicht wenigen kritischen und experimentellen Werke – in der Musik junger Leute, im Theater oder der Literatur – kein ausreichendes Publikum. Genau wie es keine bedeutenden Bibliotheken und vor allem keine bedeutende Benutzung der Bibliotheken gibt. Ich würde sagen, es gibt eine kulturelle Explosion, das Publikum hinkt hinterher und die Regierung ist schlicht und ergreifend nicht da.

Ist da die PRD-regierte Hauptstadt eine Ausnahme? Es wird doch immer gesagt, die eher linke Stadtregierung hätte sehr viel im Kultursektor getan und auch die Zugangsmöglichkeiten zu kulturellen Veranstaltungen oder Projekten für ärmere Teile der Bevölkerung öffnen können?

Also ich würde sagen, sie haben etwas gemacht. Viel ist meiner Meinung nicht der passende Begriff. Sie sind natürlich wesentlich offener als die Rechte. Sie haben eine großmütigere Haltung, aber sie haben keine großmütigere Idee. Die Linke ist in dieser Hinsicht nicht so sehr viel weiter. Die Leute aus dem Kultursektor haben für die PRD ihre Stimme abgegeben, aber die politische Linke ist darauf nicht angemessen eingegangen.Vor kurzem hat die PRD beschlossen, dass es nur ein Paradigma in der Welt geben kann, und das heißt Fidel Castro. Das überzeugt mich persönlich überhaupt nicht und so kann ich mich nicht mehr als PRD-Wähler fühlen. In einem Moment politischen Konflikts hat die PRD beschlossen, dass Bildung und Gesundheit ohne Demokratie einer mangelhaften Demokratie (democracia fraudulenta) vorzuziehen sei. Ich glaube, dass beide Alternativen falsch sind, es somit auch kein Dilemma zwischen beiden geben kann. Aber alles, was die PRD jetzt macht, das macht sie vor dem Hintergrund einer klaren Position: Das was uns wichtig ist, ist nicht Demokratie, sondern Bildung und Gesundheit, auch ohne Demokratie. Dass Fidel Castro schon 43 Jahre an der Macht ist, ist unerheblich, denn er hat ja seinem Volk alles gegeben. Ich weiß nicht, was diese Alles sein soll und ich weiß nicht, ob man in einer demokratischen Auseinandersetzung sagen kann, dass die Demokratie unwichtig ist.

Das klingt nach großer Enttäuschung?

Ja, für mich ist diese Entwicklung eine herbe Enttäuschung. Wenn die Rechte so gestört, sektiererisch, repressiv und moralisch kleinwüchsig ist, wundert mich das nicht, aber von der Linken habe ich eine andere Haltung erwartet. Wenn ich mir außerdem anschaue, was auf Kuba mit den staatsbürgerlichen Freiheiten und Menschenrechten passiert ist, so glaube ich, dass es eine Wahl zwischen Gesundheit, Bildung und Demokratie nicht geben kann.

Vor zwei Jahren haben Sie Aires de Familia herausgebracht. Was hat Sie als mexikanischer, lokal orientierter Chronist dazu bewegt, ein Buch über Kultur und Gesellschaft in ganz Lateinamerika zu schreiben? Hatte das einen speziellen Grund?

Ja. Die Prozesse in den einzelnen Ländern unterscheiden sich nicht mehr so sehr. Wenn man auch nicht davon sprechen kann, dass sie ganz einheitlich werden, so kann man doch feststellen, dass sie sich ähnlich werden. Es ist dieselbe spanische Verlagsindustrie, die den Charakter dessen, was Neues gelesen wird, bestimmt. Es sind dieselben Städte. Der städtische Vereinheitlichungsprozess zeichnet sich überall eindeutig ab. Es ist derselbe Neoliberalismus, der die selben Antworten sucht. Nicht überall mit der Tragik wie in Argentinien, nicht überall mit der monströsen Gewalt wie in Kolumbien, aber man kann nicht mehr sagen, dass jedes Land seinen eigenen Weg geht. Ich fand es interessant, als ich durch Lateinamerika gereist bin, zu merken, dass man Gefangener ein und derselben Stadt ist, egal ob es sich nun um Mexiko-Stadt, Buenos Aires, Bogotá, Caracas, Quito, Guatemala-Stadt oder San José de Costa Rica handelt.

Glauben Sie, dass diese Entwicklung, die Chance mitbringt, dass die Kommunikation zwischen den lateinamerikanischen Staaten zunimmt?

Nein. Die Gleichzeitigkeit der Prozesse bewirkt eher, dass es immer weniger Kommunikation geben wird. Was es aber doch immer mehr gibt, ist Information. Dafür hat die Globalisierung genützt. In Mexiko ist man gut darüber informiert, was in Argentinien passiert oder in Kolumbien. Man weiß mehr, aber die Kommunikation zwischen den Ländern ist sehr armselig.

Könnte das ein zukünftiges Projekt für die Intellektuellen sein?

Das wird dauern. Falls das ein Projekt sein soll, wird es auf sich warten lassen, weil alles sich darauf konzentriert, wie der neu entstehende Markt, die nationalen Bedürfnisse bedienen kann. Ich sehe nicht, dass sich irgendwo die Idee eines lateinamerikanischen Marktes konkretisiert. Ich denke, dass es hier an Vision gefehlt hat. Ohne einen lateinamerikanischen Buchmarkt, ohne eine lateinamerikanische Kraft, die vereinigt, die Projekte entwickelt, wird alles immer weiter den Bach herunter gehen. Keiner weiß, was in den anderen Ländern produziert wird.

In diesem sehr pessimistischen Bild der Industrialisierung der Kultur und des Neoliberalismus, sehen Sie hier auch irgendwelche Chancen für eine vielseitige und kritische Kultur in einer globalisierten Zeit, die es vorher vielleicht nicht gegeben hat?

Ja sicher. Es gibt heute mehr Information als je zuvor. Das Internet bietet ein enormes Informationsangebot. Die Jugendlichen sind heute viel informierter, als es die Generationen davor waren. Man hat Zugang zu DVD, zu Video, zu CD´s, zu Kulturproduktionen, die früher fast esoterisch waren. Es gibt einen großen Enthusiasmus der Jugendlichen in Bezug auf diese Entwicklung. Was es aber nicht gibt, sind die finanziellen Mittel. Es gibt die Angebote, aber es gibt keine Mittel, damit diese Angebote auch weitläufig genutzt werden könnten. Dasselbe Kulturprojekt, was man in Mexiko in den 50er Jahren hatte, regiert auch heute mit einer dreimal so großen Bevölkerung. Im besten Falle erreicht man im kulturpolitischen Sinne eine halbe Million Menschen in einem Land mit 110 Millionen EinwohnerInnen. In Argentinien ist gerade alles in gewisser Hinsicht suspendiert, in Kolumbien kann man nur in Bogotá von einer eigentlichen Kulturproduktion sprechen, in allen anderen Regionen verhindert die Gewalt jede Entwicklung, angefangen bei der Einschüchterung der Presse. In Venezuela ist die Situation chaotisch und hoffnungslos und so weiter und so fort. Aber in den beiden Ländern mit dem intensivsten kulturellen Leben, Brasilien und Mexiko, sehe ich sehr wohl Jugendkulturen, die wirklich neu sind, voller Energie, Hoffnung und Widerstand gegen jegliche Idee von Zensur.

Interview: Anne Becker/Johanna Richter
Übersetzung: Anne Becker


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Neue Fronten tun sich auf

Der Mann hatte das Zeug zum Kanonenfutter. Oberst der venezolanischen Luftwaffe, der immer schon General werden wollte und laut Armeeangaben nie durfte, sah seine Chance am 7. Februar für gekommen. Pedro Luis Soto erklomm am Abend dieses Tages das Podest auf einem Pritschenwagen, der eiligst zu einem Platz voll mit Tausenden Oppositionellen gekarrt wurde, und begann gegen den „totalitären Staat“ unter Hugo Chávez zu wettern. „Hier herrscht keine Meinungs- und Pressefreiheit, weil die Medien eingeschränkt werden. Venezuela ist kein demokratisches Land“, wiederholte Soto seine Anklagen, die er bereits zuvor auf einer überraschenden, jedoch geplanten Pressekonferenz vor den so eingeschränkten oppositionellen Medien im Hilton Hotel von Caracas gegeben hatte. Während mehrere Kanäle die Demonstration live übertrugen, war wohl den meisten klar, dass mit diesem Mann kein von der Opposition erhoffter „pazifistischer Umsturz“ zu machen sei. Offenbar hatte die kopflose Opposition jemanden gesucht, der ihrem Protest gegen Chávez ein Gesicht geben könnte.
Das einzige Glück des venezolanischen Präsidenten liegt derzeit allein darin, keinen ernsthaften persönlichen Gegner zu haben. Der Opposition fehlt der Caudillo, mit dem sie das Phänomen Chávez endgültig entzaubern könnten, nachdem dieser in den letzten Wochen immer mehr Rückhalt in der Bevölkerung verloren hat. Soto, der vor zwei Jahren mit einer juristischen Klage gegen den damaligen Verteidigungsminister ohne Erfolg seine angestrebte Generalität durchpauken wollte, muss sich nun selber vor Gericht verantworten. Genauso wie zwei weitere ranghohe Militärs, die sich in der Folgezeit ebenfalls öffentlich gegen Chávez gewandt hatten.
Verteidigungsminister José Vicente Rangel nannte es „normal, dass auch Militärs in schwierigen Zeiten versuchen, ihrem Unmut Luft zu machen,“ setzte aber nach, dass „in allen Garnisonen absolute Ruhe herrscht.“ Für Wirbel hatten die rebellierenden Militärs mit ihrer Aussage gesorgt, dass bis zu 90 Prozent der Soldaten nicht mehr hinter Chávez stünden. „Ich kenne die Armee. Ich weiss, wer in den Kasernen ist“, bügelte dieser diverse Putschgerüchte trocken ab.

Demontage eines Präsidenten

Die Geschehnisse der letzten Wochen machen deutlich, dass die Opposition, von Chávez unter dem Begriff „Oligarchie“ zusammengefasst, an einer Demontage des Präsidenten feilt. Für Zündstoff hatte dieser selber gesorgt, nachdem er seine Maßnahmen nicht der venezolanischen Öffentlichkeit schmackhaft machen konnte. Neben einer quasi Verdoppelung der staatlichen Steuereinnahmen für privat gefördertes Öl stand ein neues Landgesetz auf Platz Eins der Kritik am im November verabschiedeten Gesetzespaket. Dieses sieht kaum mehr als eine Regulierung des Großgrundbesitzes nach Produktivitätskriterien vor, von großflächigen Enteignungen war nie die Rede. Jedoch Anlass genug für die betroffene Oberschicht, gegen den als „Kommunisten“ gebranntmarkten Chávez Sturm zu laufen.
Am 10. Dezember legte ein Generalstreik das ganze Land lahm, hinter dem auch der größte Gewerkschaftsverband des Landes CTV stand. Mitte Januar teilten sich zehntausende Anhänger und Gegner des Präsidenten bei Großdemonstrationen die Straßen von Caracas auf, die in den letzten drei Jahren ausschließlich Chávez-Sympathisanten vorbehalten waren.
„Chávez hat fast nichts erreicht, nur eines: die Opposition zu einen.“, umschrieb ein Analyst die derzeitige Politik in Venezuela. Dass offenbar immer weniger Venezolaner ihrem Präsidenten Vertrauen schenken und den alten abgewirtschafteten Parteien wieder als Zugpferde dienen, liegt an dessen undefinierbarem Kurs. Hatte er im Dezember noch eine Überarbeitung und Kompromisssuche mit der Opposition zu den umstrittenen Gesetzen angekündigt, verschärfte er im Januar den Konfrontationskurs. Im Blickfeld standen dabei besonders die oppositionellen Medien, allen voran die einflussreiche Tageszeitung El Nacional, welcher der Staatschef „Lügen über seine Politik“ vorwarf. Eine Karawane von aufgebrachten Chávez-Anhängern demonstrierte am 7. Januar vor verschiedenen Redaktionsgebäuden gegen die Journalisten wegen Parteinahme für die Opposition. Ein Sprengsatz explodierte Ende Januar vor dem Eingang einer Fernsehanstalt, dessen Urheber jedoch nach wie vor unbekannt sind. Die Interamerikanische Menschenrechtsorganisation (IACHR), die zur Organisation Amerikanischer Staaten (OAS) gehört, warf der Regierung daraufhin vor, eine Anfang Januar ausgesprochene Mahnung zur Einhaltung der Pressefreiheit nicht zu beachten. Außenminister Alfonso Dávila erklärte, dass es keinen Grund zu der Annahme gäbe, von einer laut IACHR herrschenden „Einschüchterung” der Presse zu sprechen. Wirklich unabhängige und unparteiische Medien lassen sich, wie in anderen lateinamerikanischen Ländern auch nicht in Venezuela finden. Fast alle Presseorgane befinden sich in der Hand der Opposition.

Kontakte zur kolumbianischen Guerilla

Einen folgenreichen Skandal, zum offenbar richtigen Zeitpunkt, deckte ein Anfang Februar erschienenes Video auf, dass venezolanische Militärs in Gesprächen mit kolumbianischen Guerilleros der kommunistischen FARC (Revolutionäre Streitkräfte Kolumbiens) zeigt. Aufgenommen im Juni 1999 und ausgestrahlt von dem Sender der Opposition Así es la noticia, wird es nun zur Nagelprobe für das internationale Ansehen des venezolanischen Präsidenten. Darauf war kein minderer als der aktuelle venezolanische Innenminister Ramon Rodríguez Chacín zu sehen, welcher damals Chef des Geheimdienstes war. Laut venezolanischen Angaben handelte es sich bei dem Treffen in der FARC-Zone um Gespräche für eine Freilassung entführter Staatsbürger durch die kolumbianische Guerilla. Ein 1999 entwickelter Plan „Projekt Grenzen“ durch die Chávez-Regierung sah vor, dass diese in begrenztem Umfang Kontakt mit der Guerilla aufnehmen könne, um sofort den teils grenzübergreifenden Konflikt zu mildern und mittelfristig Entführungen und Erpressungen beenden zu können. Allerdings sah dieser Prozess eine für die kolumbianische Regierung transparente Umsetzung vor. Von einem Besuch der hochrangigen Funktionäre in der FARC-Zone wusste das Nachbarland jedoch nichts, scheinbar genauso wenig wie Hugo Chávez selbst. Nach tagelangen Untersuchungen räumte er am 8. Februar ein, dass die Kontakte zur Guerilla ein Fehler waren. Sein Stigma als Guerilla-Sympathisant wird ihm dennoch weiter anhaften.
Denn damit nicht genug: Um dem Verdacht der Guerilla-Unterstützung noch Nachschub zu leisten, wurde Ende Januar eine venezolanische Cessna über kolumbianischen Territorium zur Landung gezwungen, da sie illegal in den Luftraum eingedrungen war. An Bord befanden sich ein Dutzend Kisten mit 15.000 Schuss Munition für Ak-47-Gewehre, welche die FARC benutzen. Der venezolanische Pilot Julio González sagte gegenüber der kolumbianischen Staatsanwaltschaft aus, bereits zuvor rund 38.000 Schuss Munition über der entmilitarisierten FARC-Zone abgeworfen zu haben.
Ein gefundenes Fressen, um die Chávez-Regierung weiter in den Verdacht der Terrorismusunterstützung zu stellen. Kritik kam umgehend aus Washington. US-Außenminister Colin Powell hinterfragte die „Meinung der venezolanischen Regierung, was ein demokratisches System bedeutet“. In zwei weiteren US-Rüffeln wurde Chávez aufgefordert, „die demokratischen Spielregeln zu beachten“. Busenfreund Fidel Castro nannte Chávez zwar „den größten Demokrat Südamerikas“, in der aktuellen weltpolitischen Situation eher ein hinderliches Lob von einem so genannten Schurkenstaat. Zu einem Treffen der Länder des Andenpaktes am 23. März in Lima mit der Anwesenheit Bushs wurde Venezuela vorsorglich ausgeschlossen. Venezolanische Medien verbreiteten das Gerücht, dass man im US-State Department nun überlege, das Land wegen der Geschehnisse auf die Liste der „Terrorgruppen unterstützende Länder“ zu setzen. Diese wird im April aktualisiert.
Der venezolanische Außenminister Alfonso Dávila relativierte den Vorfall mit der Cessna und bezeichnete ihn als „illegalen Handel mit Munition“. Tatsächlich beziehen die kolumbianischen Guerillagruppen ihre Ausrüstung überwiegend über die brasilianische, peruanische und venezolanische Grenze, die weitgehend unbewacht sind. Eine direkte Verstrickung der Chávez-Regierung ist daher unwahrscheinlich, reiht sich aber in die Vorfälle ein, die den venezolanischen Präsidenten schier verrückt werden lassen müssten.

Amtsenthebungsverfahren gegen Chávez

Dieses Stadium habe Hugo Chávez laut Opposition bereits erreicht. Sie beantragten in der ersten Februarwoche vor dem Obersten Gericht des Landes die Amtsenthebung des Präsidenten, weil er angeblich geistig nicht zur Amtsführung in der Lage sei. Darin wird ihm vorgeworfen, er sei autoritär, extrem aggressiv und ein Lügner.
Eine weitere Klage reichten bereits im Januar Vertreter der gemäßigten linken Partei, der Bewegung zum Sozialismus (MAS), ein. Der Vorwurf: Veruntreuung von Staatsgeldern, die Chávez für parteipolitische Zwecke eingesetzt haben soll. Noch vor einem Jahr gehörte die MAS zur Unterstützerkoalition der Regierung im Parlament, schlug sich dann aber wegen Meinungsverschiedenheiten auf die Seite der Opposition. Laut MAS-Generalsekretär Leopoldo Puchi, ehemaliger Arbeitsminister in der Chávez-Regierung, habe der Präsident „systematisch und wiederholt die Verfassung verletzt“. In sieben Anklagepunkten wird ihm unter anderem vorgeworfen, vor der Wiederwahl vor zwei Jahren Gelder aus der Staatskasse sowie öffentliche Gebäude und Schulen für Wahlveranstaltungen seiner Partei benutzt zu haben.

Wirtschaft auf Talfahrt

Ein weiterer Klotz am Bein des Präsidenten ist eine wirtschaftliche Krise, einhergehend mit einer rapiden Abwertung der Landeswährung. Kalkulationen für diesjährige staatliche Einnahmen gehen von einem Ölpreis bei 20 US-Dollar aus. Dieser befindet sich jedoch seit Wochen fast bewegungslos bei 16 US-Dollar, so dass die Staatsausgaben, dem Öltropf ausgeliefert, revidiert werden müssen, um ein Defizit zu verhindern.
Um der anhaltenden Kapitalflucht aus dem Land entgegenzuwirken, erlaubte die Regierung am 8. Februar einen freien Tauschhandel mit dem Dollar im Inland. Nur zehn Tage später hatte der Bolívar zehn Prozent seines Wertes eingebüßt, weil nach einer Zentralbankinitiative zur Stützung der Landeswährung die Venezolaner verunsichert waren, wieviel ihr Erspartes noch wert sei. Eine Flucht in den Dollar setzte ein. „Krieg gegen die Spekulanten“ kündigte Chávez am 17. Februar an. Gemeint waren Industrielle und mittelständische Händler, welche seiner Ansicht nach als Folge der Inflation die Preise übertrieben erhöht hätten. Ihnen drohte er Gefängnisstrafen an. Eine neue Front, gegen die Chávez kämpfen will.


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Katastrophenprävention:

El Salvador, 1. November 1998: „Wo kriegen wir bloß Trinkwassertanks her? Die Leute in den überschwemmten Gebieten leiden Durst!”, so eine Vertreterin einer lokalen salvadorianischen NGO per Telefon an diesem fatalen Samstag, als Mitch auch in El Salvador Einzug hielt. Tagelang hatte Mitch in Honduras und Nicaragua gewütet, Alarmbotschaften aus beiden Ländern hatten kaum Beachtung gefunden – bis denn das Wasser buchstäblich zum Hals stand.
Tausende von Todesopfern waren in Nicaragua und Honduras neben immensen Sachschäden zu beklagen. Die Regierungen waren unfähig (oder gar unwillig) zu reagieren. Das Klagen der Verletzten in der Schlammlawine am Casitasvulkan in Nicaragua war auch noch am zweiten Tag zu hören, aber als die Rettungstrupps am dritten Tag endlich eintrafen, waren sie für immer verstummt.
In El Salvador wurden die Kleinbauernfamilien im Mündungsgebiet des Lempaflusses nicht einmal informiert, dass die Schleusen des Stauwehrs komplett geöffnet wurden, um einen Dammbruch zu verhindern. Um sich in Sicherheit zu bringen und die ersten Tage zu überstehen waren sie auf sich selbst und die lokalen Basisorganisationen angewiesen. Statt vorsorglich Wasser aus den vollen Staubecken abzulassen, wartete die staatliche Elektrizitätsbehörde, bis zur Überflutung weiter Gebiete keine Alternative mehr blieb.
Auch rund fünf Monate nach dem Hurrikan waren die zentralamerikanischen Länder auf der Geberkonferenz in Stockholm nicht in der Lage, koherente und bedürfnisorientierte Wiederaufbaupläne vorzulegen. Parteipolitische Günstlingswirtschaft, Korruption und die Unfähigkeit Aufbauprogramme umzusetzen, erschweren den Wiederaufbau, und noch heute wohnen tausende von Familien in provisorischen Unterkünften.
Kuba, 4. November 2001: Der Wirbelsturm Michelle durchquert die Karibikinsel von Süden nach Norden. Rund 45 Prozent des Landes waren fünfzehn Stunden lang Windböen von bis zu 250 Stundenkilometern ausgesetzt. Im Vorfeld des Unwetters wurden knapp eine Million Personen evakuiert und die gesamten staatlichen Institutionen in Alarmbereitschaft versetzt. Die vorläufige Bilanz sind fünf Todesopfer und große Sachschäden.
Keine Woche ist vergangen und erste Wiederaufbaupläne werden bekannt gegeben. Bildungs- und Gesundheitsinstallationen genießen höchste Priorität und werden – ebenso wie Kommunikationseinrichtungen – noch vor Weihnachten wieder instandgesetzt. „Niemand wird fallen gelassen, nichts wird vergessen. Nicht alle Probleme können gleichzeitig gelöst werden, aber alle werden beachtet werden”, versichert Carlos Lage, Sekretär des Ministerrates der kubanischen Regierung knapp eine Woche nach dem Sturm übers Fernsehen im Rahmen einer detaillierten Schadensauflistung und der jeweils getroffenen oder zu treffenden Gegenmaßnahmen.
Während in Zentralamerika Vorbeugung ein Fremdwort zu sein scheint und Maßnahmen jeweils erst dann getroffen werden, wenn das Wasser schon bis zum Hals steht, befand sich Kuba bereits Tage vor dem Wirbelsturm in einer Art Ausnahmezustand. Knapp eine Million Personen und ganze Viehherden wurden an sichere Orte evakuiert. Die Bevölkerung deckte sich mit dem Nötigsten ein und schützte Fenster und Dächer gegen die Sturmböen. Gesundheitspersonal, LehrerInnen, Armeeangehörige, ElektrizitätsarbeiterInnen, Wasserwerksbeamte, etc., sie alle befanden sich bereits in Alarmbereitschaft.

Niemand wird fallen gelassen…

Deshalb waren statt tausenden „nur” fünf Todesopfer zu beklagen, deshalb kam es nicht zu Überschwemmungen, sondern sind die Stauseen nun prall gefüllt, deshalb litten die Obdachlosen nicht zwei Tage Hunger und Durst, sondern waren Nahrungsmittel und Trinkwasserversorgung gesichert, deshalb waren die Aufräumarbeiten ab dem Morgen nach Michelle bereits Teil des Wiederaufbaus, deshalb wurde nicht primär auf internationale Hilfe gewartet, sondern mit den verfügbaren knappen Ressourcen der Wiederaufbau begonnen und darüber diskutiert, wie kurzfristig schnellwachsende Nahrungsmittel angebaut werden können, um die Verluste im Bereich Zitrusfrüchte und anderer Anbauprodukte wettzumachen.
Heerscharen von WahlbeobachterInnen, Staatsmännern und -frauen und JournalistInnen werden nicht müde, die demokratischen Fortschritte und die weit gehende Respektierung der Menschenrechte in Zentralamerika zu preisen und würdigen und gleichzeitig auf das „Demokratiedefizit” und die „Verletzung der Menschenrechte” in Kuba hinzuweisen.
Vergleiche zwischen den Auswirkungen des Wirbelsturms „Juana”, 1988, der in Nicaragua neun Todesopfer forderte, gerade weil die sandinistischen Behörden im Vorfeld zehntausende an sichere Orte evakuierten, und den tausenden von Toten anlässlich Mitch 1998, als die Regierung die Hände in den Schoß legte, müssen genauso gezogen werden, wie Vergleiche zwischen Mitch in Zentralamerika und Michelle in Kuba. Das Recht auf Leben in Würde ist die Basis der gesamten Menschenrechte. Wenn eine Regierung dieses Ziel so offensichtlich nicht verfolgt, wie die nicaraguanische, die hunderte von verletzten BürgerInnen in einer Schlammlawine umkommen lässt, oder die salvadorianische, die bewusst in Kauf nimmt, Felder und Häuser von hunderten von Familien zu überschwemmen, dann sind dies elementarere Gradmesser für Demokratie und Respektierung der Menschenrechte als so genannte Pressefreiheit und korrumpierte Mehrparteiensysteme.

…nichts wird vergessen

Anlässlich von Katastrophen zeigt sich der Unterschied zwischen Regierungen, welche die Mehrheit „ohne Stimme belassen“, wie Monseñor Romero bereits vor 20 Jahren anprangerte und solchen, die „niemanden vergessen”, wie es Carlos Lage in Kuba formuliert, mit besonderer Deutlichkeit. Ein Unterschied, der sich tagtäglich im Zugang zum Bildungswesen und Gesundheitsversorgung, Altersversorgung und Grundnahrungsmitteln ausdrückt. All diese sind in Kuba im Rahmen des Möglichen gewährleistet und für die Mehrheit der BewohnerInnen in Zentralamerika ein Fremdwort. Dafür leben sie in Freiheit und Demokratie. Nur ist davon leider noch niemand satt geworden, außer denjenigen, die diese heren Vorsätze predigen.


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Die vergessenen Rocker

Ist von kubanischer Musik die Rede, werden damit im Allgemeinen afro-kubanische Rhythmen, wie Son, Salsa, Merengue, auch Trova, verbunden. Es überrascht, auf Kuba auch eine alternative Musikszene anzutreffen. Jugend- und Subkultur wurden bislang lediglich in Ansätzen untersucht; empirisches Material ist kaum vorhanden. Dabei lassen sich an dem scheinbaren Randphänomen Rockmusik nicht nur die Rolle von Kultur und Kunst im heutigen Kuba verdeutlichen, sondern auch die Veränderungen im politischen System und ein Wertewandel innerhalb der Jugend beschreiben.

Weg vom Recycling angelsächsischer Musik

Rockmusik in Kuba hat eine lange Tradition. Schon in den 60er Jahren gab es eine breite Rockbewegung auf Kuba, die sich aber vor allem durch das starke Recyceln angelsächsischer Musik und eine Antihaltung und Abgrenzung vom Staat kennzeichnete. Mit Zensur und Verboten belegt, war sie in den 70ern fast verschwunden und feierte erst in den 80ern ihre Wiederauferstehung, mit ersten Anzeichen der Konsolidierung zum Ende desselben Jahrzehnts. Die Bedingungen hatten sich aber nicht groß verändert. Bis in die späten 80er Jahre hinein bedeutete rockero (Rockmusiker) sein, lange Haare zu haben, auf englisch zu singen und sich mit der Entscheidung für Rockmusik seine künstlerische Zukunft verbaut zu haben. Bis auf wenige Ausnahmen gab es damals weder Rockproduktionen noch Konzerte, noch Radio- oder TV-Programme. Nichts schien dem Rock zu helfen, aus seiner Isolierung und Marginalisierung herauszukommen.
Doch spätestens seit dem Zusammenbruch der sozialistischen Verbündeten in Osteuropa und der erzwungenen Öffnung für den Weltmarkt und den Tourismus änderte sich einiges. Im Jahr 1987 verband die Gruppe Síntesis erstmals Rockmusik mit kubanischer Perkussion und Gesang auf Yoruba, einer für die kubanische Kultur wichtigen westafrikanischen Sprache. Vielerorts wurde dies als die Geburtsstunde nationalen Rocks und wegweisend für den heutigen kubanischen Rock bezeichnet. Tatsächlich schälte sich als logische Folge der Öffnung in den folgenden Jahren eine große stilistische Bandbreite heraus. Über verschiedenste Kanäle gelangten nun Informationen über das, was außerhalb geschah, nach Kuba.
Ein weiteres einschneidendes Ereignis war 1994 – dem Jahr des Höhepunkts der ökonomischen Krise – das Rockkonzert Despertar Rockero im Teatro Carlos Marx in Havanna, einer der wichtigsten kulturellen Einrichtungen in Kuba. Erstmals war durch die Unterstützung staatlicher kultureller Institutionen Rockmusik einer größeren Öffentlichkeit zugänglich. Gleichzeitig wurde der Mythos vom mutmaßlich antisozialen Verhalten des Rockpublikums zerstört. Die Einstellung des Staates gegenüber der Rockmusik wandelte sich von Repression und Verteufelung in den 70ern und 80ern hin zu einer abwartenden Duldung oder gar vorsichtigen Unterstützung in den 90ern. In der Folge gab es nun auch eine Reihe von Konzerten, Festivals und Radiosendungen.

Schwarze Kleidung, Tatoos und Piercings

Rock in Kuba ist heute sicher nicht mehr so offen gegen das System gerichtet wie in den 70ern und 80ern, als die Szene größer, und die Repression stärker war. Damals wurden viele rockeros verhaftet und eingesperrt, und auf dem Weg zu Festivals gab es regelmäßig Reibereien mit der Staatsgewalt. Es passierte nicht selten, dass bei Bandproben oder Konzerten die Polizei auftauchte und den Veranstaltungen ein Ende bereitete. Heute ist die Haltung des Staates toleranter, die Szene aber auch weniger subversiv.
Es ist vor allem das Erscheinungsbild (die oftmals langen Haare, die überwiegend schwarze Kleidung sowie Tätowierungen und zunehmend auch Piercings), welches die NormalbürgerInnen abschreckte und die rockeros als asozial, dreckig, antirevolutionär oder kriminell erscheinen ließ.
Die Szene an sich ist recht klein und überschaubar und konzentriert sich vor allem auf die Hauptstadt Havanna und die Provinzhauptstädte. Dabei ist kurioserweise Metal als einzige Stilrichtung in allen Provinzen vertreten. Wenn hier von Rockmusik oder rockeros die Rede ist, bezieht sich das also vor allem auf die Metal-Szene, die, sowohl was Anzahl aber auch Erscheinungsbild angeht, die dominierende Gruppe unter den rockeros in Kuba darstellt.

Ökonomische und technische Hindernisse

Die vielfältigen Gründe für die Diskriminierung der Rockmusik sind zum einen in der Szene und ihrer Musik selbst, zum anderen aber auch bei den staatlichen Kulturbehörden zu suchen. Für die Popularisierung von Musik sind technische und wirtschaftliche Faktoren entscheidend, wie etwa die Verbreitung von Kassettenrecordern, Walkmen und Tonträgern, die individuelles und unkontrolliertes Hören erlauben, sowie die Existenz einer entsprechenden Kaufkraft und auch ein freier Markt, auf dem diese Güter entsprechend ihrer Nachfrage angeboten werden. Diese Voraussetzungen werden in Kuba jedoch nicht oder nur teilweise erfüllt. Außerdem fehlen als Folge des allgemeinen Mangels während der período especial, der Periode nach dem Zusammenbruch der sozialistischen Verbündeten, auch die technischen Voraussetzungen für Musikproduktionen und Konzerte; Instrumente, Verstärker und sonstiges Zubehör sind teuer und nur sehr schwer zu beschaffen. Hinzu kommen – wer schon mal in Kuba war, wird es wissen – Transportprobleme.
Die kubanische Kulturbehörde Associación Hermanos Saiz (AHS), in der fast alle MusikerInnen organisiert sind, versucht jedoch trotz aller Schwierigkeiten, Konzerte und Festivals auf die Beine zu stellen. So gibt es mit ihrer Unterstützung jedes Jahr eine Reihe von Rockveranstaltungen in den verschiedenen Provinzen, die aber immer wieder mit den erwähnten Problemen zu kämpfen haben und deshalb oft ausfallen.
Ebenso fehlt eine Werbeagentur, Musikläden oder Parallelmedien wie etwa Video-Clips. Staatliche Produktionen sind im Bereich Rock minimal und beschränken sich weitgehend auf Pop-Rock. Deshalb wird versucht, vor allem auf privater Ebene über Kontakte mit TouristInnen oder ausländischen MusikerInnen den internationalen Austausch zu fördern. Ausländische Bands wie zum Beispiel „Die Toten Hosen“ haben schon in Kuba gespielt, während andererseits verschiedene kubanische Rockbands bereits Auftritte im Ausland hatten.
Rock cubano ist zwar immer noch im Werden begriffen und auf der Suche nach eigenen Ausdrucksformen. Eine enge Verbundenheit unter den rockeros und eine große stilistische Bandbreite kennzeichnen ihn ebenso wie die Versuche sich zum internationalen Markt hin zu öffnen, und zunehmend auch Rock mit Elementen traditioneller kubanischer Musik zu verbinden.

Rockmusik und sozialer Wandel

Die mit dem Zusammenbruch der realsozialistischen Staaten zusammenhängende Einführung der período especial hat neben dem ökonomischen auch einen sozialen Wandel in Gang gesetzt, der die Entstehung neuer Eliten und eine soziale Differenzierung hervorgerufen und begünstigt hat. Der musikalische Wandel mit dem Eindringen der Rockmusik in die kubanische Jugendkultur ist wichtiger Ausdruck dieses gesellschaftlichen Veränderungsprozesses. Einheitliche, Generationen- oder Schichten übergreifende Wertvorstellungen beginnen sich aufzulösen; für den Zusammenhalt der Gesellschaft positive Werte verlieren ihre Wirkung zugunsten individualistischer, wettbewerbsorientierter Wertvorstellungen. Dies betrifft insbesondere die Jugend sowie die städtische Bevölkerung. Eine wichtige Rolle spielen dabei die zur Zeit entstehende Privatwirtschaft und vor allem die Dollarisierung. Es ist zu beobachten, dass mit zunehmender Individualisierung und dem Aufkommen von Einkommens- und damit sozialen Unterschieden auch in der Metal-Szene der starke Zusammenhalt und die Solidarität untereinander zu bröckeln beginnen.

Eher Musiker als Rebellen

Die mit der Dollarisierung zunehmenden sozialen Ungleichheiten, die von den TouristInnen vorgelebte, scheinbar sorglose, bessere Welt, haben den Wunsch nach einem materiell besseren Leben geweckt, wie es viele zum Teil vor der Spezialperiode kannten. Aber viele wissen auch, mit Blick auf Russland, dass politische Veränderungen nicht automatisch eine Verbesserung ihrer Lebensbedingungen bedeuten. Im Mittelpunkt des Interesses der rockeros steht deshalb die eigene ökonomische Situation. Im Gegensatz zu vielen westlichen Bands singen kubanische Metalbands jedoch nicht nur über Tod und Hölle, sondern beispielsweise über ihre Situation als BürgerInnen eines Landes der Dritten Welt, über die Perspektivlosigkeit oder soziale und mit der Dollarisierung zusammenhängende Probleme; aber auch kubanisches Selbstbewusstsein, das selbstherrliche Auftreten von TouristInnen, Prostitution und der Traum vom materiellen Wohlstand werden thematisiert. Der Anspruch ist kein politischer, die Wirkung aber durchaus, allein durch die Beschreibung von Realitäten ebenso wie durch die Ablehnung aller Konventionen und Normen, die von der Gesellschaft aufgedrückt werden. Es ist eine Protesthaltung gegen den Staat, nicht unbedingt gegen die Ideen, die er vertritt, sondern gegen deren Umsetzung. Viele rockeros sind Anhänger Che Guevaras, und im Gegensatz zu vielen Jugendlichen in Europa, die mit Che-T-Shirts herumlaufen, auch mit seinen Ideen vertraut. Dennoch sind sie heute weniger Rebellen denn Musiker. Im Gegensatz zu anderen lateinamerikanischen Ländern gibt es in Kuba beispielsweise auch keine explizit politische Hardcore- oder Punkszene.

Toleriertes Ventil und privater Freiraum

Allerdings ist die Öffentlichkeitswirkung von Rockmusik weiterhin eher gering, was an der fehlenden Medienpräsenz liegt. Der Staat gewährt jedoch den rockeros zunehmend einige Freiräume, da man erkannt hat, dass die Musik ein Ventil ist, an dem die Jugend ihre aufgestaute Wut, Aggression, aber zum Teil auch Perspektivlosigkeit herauslassen kann. Solange sie bestimmte, von der Partei gesetzte Grenzen und Sensibilitäten nicht verletzt, wird sie deshalb geduldet. Aber trotz der Tolerierung ist sie auch immer wieder der Gefahr von Verboten und Eingriffen der Zensur ausgesetzt, wenn auch nur zum Teil, da sie sich überwiegend im Untergrund abspielt und nur äußerst selten öffentlich in Erscheinung tritt. Der gesellschaftliche Einfluss dieser Musik beschränkt sich jedoch auf die Städte, wo das Lebensgefühl der Jugendlichen getroffen wird, sowie die Touristenzentren, wo gesellschaftliche Unterschiede, die Diskrepanz zwischen der Lebenswelt der KubanerInnen und derjenigen der AusländerInnen, am ehesten aufeinanderprallen. Der Einfluss beschränkt sich aber auch hier auf die Kreise, die Zugang zu Konzerten beziehungsweise den von Hand zu Hand verbreiteten Musikkassetten haben.
Als Subkultur stellt Rockmusik vor allem eine Nische in der sozialistischen Gesellschaft dar. Sie dient als Rückzugsgebiet und privater Freiraum, auf den der sonst in fast alle Lebensbereiche eindringende Staat keinen oder nur begrenzten Zugriff hat. Der Zusammenhalt innerhalb der Szene macht das (Über-)Leben in ökonomisch schwierigen Zeiten einfacher und wird entsprechend betont.

Implizite politische Botschaften

Die Szene ist in dreifacher Hinsicht implizit politisch. Zuerst einmal allein durch die Tatsache ihrer Präsenz, durch die Verkörperung eines alternativen Lebenskonzepts mit zum Teil neuen (westlichen) Wertvorstellungen; zum zweiten durch bewusste und unbewusste Normbrüche wie beispielsweise ihr äußeres Erscheinungsbild, sowie drittens durch die Beschreibung von Realitäten in den Liedtexten, die indirekt die derzeitige wirtschaftliche, aber auch politische Lage anprangern. Rockmusik ist in Kuba einerseits Ausdruck des durch die politischen, wirtschaftlichen und sozialen Umbrüche stattfindenden Wertewandels, wirkt aber gleichzeitig auf die Gesellschaft zurück.
Leider gibt es bisher kaum wissenschaftliche Untersuchungen zu kubanischer Jugendkultur, weshalb die Analyse des Generationenkonflikts und die Rolle der Jugend für die Zukunft zu den Hauptaufgaben der kubanischen Sozialwissenschaften gehören wird. Dabei gilt es, nach neuen Partizipationsmöglichkeiten zu suchen, um es den Jugendlichen zu ermöglichen, ihr Lebensgefühl auszudrücken.


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Kubas Schriftsteller leben an vielen Orten…

Kuba ist stolz auf seine Literatur, auf seine Autoren und seine Leser. „Hier kann jeder lesen und schreiben“, heißt es immer wieder. Denn zu den großen Erfolgen der kubanischen Revolution zählen eine niedrige Analphabetenrate und ein hohes Bildungsniveau. Lesen ist auf Kuba eine beliebte Freizeitbeschäftigung, die nicht als Privileg einiger Weniger, sondern als soziale Errungenschaft empfunden wird. Doch weil der Staat die Literatur nicht nur fördert, sondern auch reglementiert, verlassen immer mehr Schriftsteller das Land. „In Kuba kann jeder lesen und schreiben – aber nicht, was er will“, entgegnen sie.
Anfang der 90er Jahre war es mit dem Anspruch auf „Literatur für alle“ auch aus ökonomischen Gründen erst einmal vorbei. In der allgemeinen Mangelsituation gab es für die Verlagsbranche nicht genügend Papier und Strom. Um Material und Energie zu sparen, wurde die Produktion drastisch
zurückgefahren – auf unter zehn Prozent des Niveaus der 80er Jahre –, geplante Buchprojekte eingefroren. Damit war die Branche auf den Stand vor 1959 zurückgefallen. Erst seit Mitte der 90er erholt sich die Buchindustrie langsam wieder. Während 1994 ungefähr 200 Titel erschienen, kündigte der Kulturministers Abel Prieto für dieses Jahr rund 900 Titel an. Zum Vergleich: Früher waren es circa 1500 Titel. Die Auflage liegt derzeit im Durchschnitt bei 2.000 Exemplaren. Die Gesamtzahl gedruckter Exemplare hat sich von 5 Millionen im Jahr 1995 auf die doppelte Menge im laufenden Jahr gesteigert.

Insel der Leser

Dieser Aufwärtstrend schlägt sich natürlich auch positiv im Umsatz der Verlage nieder. Das Instituto Cubano del Libro gibt für das Jahr 1994 Einnahmen von 200.600 US-Dollar an, vier Jahre später sind es bereits 1,7 Millionen US-Dollar. Dementsprechend optimistisch blickt das Institut in die Zukunft und strebt für die kommenden Jahre unter anderem eine Anhebung der jährlichen Titelproduktion um 10-15 Prozent, eine Verbesserung der Vertriebsstruktur auf nationaler Ebene und eine Intensivierung des Rechteverkaufs und der Exportaktivitäten an.
Diese positive Entwicklung darf aber nicht darüber hinweg täuschen, dass der Bedarf an Lesestoff noch längst nicht gedeckt ist. Bereits in den „guten“ Zeiten der Buchindustrie kamen die Verlage der Nachfrage nicht nach; interessante Bücher waren meist schnell vergriffen. Man behalf sich, indem man Bücher auslieh, tauschte oder gebraucht kaufte. Das gegenwärtige Engagement ausländischer Verlage hängt auch mit dem
hohen Bildungsniveau und der Lesebegeisterung der Bevölkerung zusammen, denn sie wittern in Kuba ein Riesengeschäft. Bereits jetzt erzielen die Verlage auf der mittlerweile jährlich stattfindenden Buchmesse in Havanna gewaltige Umsätze. Im Jahr 2000 zählte man rund 150.000 Besucher, die allein ausländische Bücher zum Gesamtpreis von über 100.000 Dollar kauften. Inzwischen werden in größeren Mengen Bücher aus dem Ausland, vor allem aus Europa, importiert (1996 zu einem Wert von 133.000 US-Dollar) und in den Buchhandlungen des Instituto Cubano del Libro verkauft, doch nur wenige Kubaner können sich die hohen Dollar-Preise der Bücher leisten.

Hoffnungsschimmer

Durch das Interesse des kubanischen Staates, dem Bedürfnis der Leser nach Büchern und der Schriftsteller nach Publikationsmöglichkeiten nachzukommen, und durch das ausländische Interesse an einer Beteiligung am kubanischen Buchmarkt, sind in den letzten Jahren vermehrt Jointventures zwischen kubanischen und ausländischen (vor allem spanischen und lateinamerikanischen) Verlagen entstanden. Auch internationale Institutionen unterstützen finanziell einzelne Projekte. Dabei legen die kubanischen Verlage Wert darauf, die Kontrolle über ihre Programme nicht zu verlieren. Sie kümmern sich daher um die Betreuung der Manuskripte, während der ausländische Partner für den Druck der Bücher zuständig ist, also den rohstoffintensiven Abschnitt des Produktionsprozesses übernimmt.
In der Kulturpolitik scheint sich die Einsicht durchgesetzt zu haben, dass es wichtig ist, den auf Kuba lebenden Autoren Alternativen zu den Publikationsmöglichkeiten im Ausland zu bieten. Dafür sprechen neben gesellschaftspolitischen Überlegungen auch marktwirtschaftliche Gründe: Sind kubanische Autoren national oder international erfolgreich, so kann der kubanische Staat viel größere Gewinne abschöpfen, wenn deren Literatur von einem kubanischen Verlag herausgebracht wird. Auf dem internationalen Markt winken zusätzlich Devisen aus dem Export- und Lizenzgeschäft.
Ein Signal in diese Richtung hat der Fondo Cubano del Desarrollo para la Educación y Cultura gesetzt, indem er seit ein paar Jahren eine neue Publikationsreihe des wichtigsten Literaturverlags, Letras Cubanas, fördert:: In der Reihe “La Novela” sollen jährlich sechs bis acht neue Titel publiziert werden. Dahinter stehe der Gedanke, so die Lateinamerikanistin Michi Strausfeld, dass in einigen Jahren marktwirtschaftliche Kriterien in den Verlagen vorherrschen werden und man die Gewinne dann in Neuerscheinungen oder Neuauflagen investieren kann. Dieser Ansatz sei auf der Buchmesse Havanna 2000 häufig geäußert worden und könnte das Ende des staatlich kontrollierten und finanzierten Verlagswesens bedeuten.
Dem Bedürfnis nach Einbindung der kubanischen Verlage in den internationalen Literaturbetrieb versuchen seit dem Jahr 2000 die Internetseiten des Instituto Cubano del Libro und ihr elektronischer Verlag Editorial CubaLiteraria (www. cubaliteraria.cu) nachzukommen. Dort erhält man Informationen zu den einzelnen Verlagen, ihren Neuerscheinungen und zu kubanischen Autoren, darunter auch einige, die im Ausland leben. So zum Beispiel Eliseo Alberto, dessen kritische Auseinandersetzung mit der Revolution, Rapport gegen mich selbst, jedoch verschwiegen wird.
In der aktuellen Lage, in der das Verlagswesen nur langsam wieder auf die Beine kommt, spielen Zeitschriften eine besondere Rolle. Sie bieten wegen des fortdauernden Papiermangels und der großen Flut von Manuskripten für Schriftsteller häufig die einzige Möglichkeit, die eigenen Texte publiziert zu sehen und sich einen Namen zu machen. Eine bedeutende Rolle übernimmt zur Zeit La gaceta de Cuba, das Organ der UNEAC (Verband der Schriftsteller und Künstler
Kubas). Seit 1993 ist ein neues, junges Redaktionsteam verantwortlich, und insbesondere für die junge Autorengeneration, die während der „Spezialperiode“ zu schreiben anfing, ist die Gaceta eine der wichtigsten Publikationsmöglichkeiten. Bekannt für das hohe Niveau der in ihr veröffentlichten Literatur, wird ihren Autoren eine besondere Aufmerksamkeit zuteil. Jedoch kann die Gaceta als Fachzeitschrift nur ein relativ kleines Publikum erreichen.

Öffnung und Zensur

Hoffnung verbindet sich auch mit dem seit 1997 amtierenden Kulturminister Abel Prieto. Der ehemalige Vorsitzende der UNEAC ist bei den Schriftstellern relativ angesehen, weil er Einladungen und Reisen von Autoren ins Ausland unterstützt und sich allgemein für Veränderungen im Literaturbetrieb einsetzt. Ein Zeichen für eine langsame Öffnung ist zum Beispiel, dass in den letzten Jahren zunehmend Werke von im Ausland oder im „inneren Exil“ lebenden Schriftstellern publiziert und ausgezeichnet werden, die zuvor in Kuba verschwiegen wurden. Zu ihnen gehören unter anderen Severo Sarduy und Lydia Cabrera, die bereits in den 60er Jahren das Land verlassen haben, aber auch im Land lebende Schriftsteller wie Antón Arrufat. Seit dem „Fall Padilla“ 1968 (vgl. LN 317) wurde er von offizieller Seite verleugnet; erst Ende der 90er Jahre begann seine schrittweise Rehabilitierung. Während der Buchmesse Havanna 2000 überreichte ihm das Instituto Cubano del Libro für seinen jüngsten Roman den Premio Alejo Carpentier, in diesem Jahr folgte der Premio Nacional de Literatura. Inzwischen hat Arrufat gleich zwei Literaturagenten: einen für Kuba, einen fürs Ausland. Weitere, durch Neuerscheinungen rehabilitierte Autoren waren dieses Jahr Gastón Baquero und Enrique Labrador Ruiz. Zudem erschien Paradiso, einer der wichtigsten und polemischsten Romane Kubas, dessen Autor José Lezama Lima lange Zeit marginalisiert wurde, dieses Jahr gleich in zwei Neuausgaben. –Man darf gespannt sein, wer nächstes Jahr diesen nachträglichen Segen erhält.
Doch trotz aller Entspannungen im kubanischen Literaturbetrieb: Es gibt weiterhin Zensur in Kuba, nur ist sie heute nicht mehr so greifbar, vorhersehbar. Über ihre Reichweite herrschen ganz unterschiedliche Meinungen. Manche wollen sie auf die „Schere im Kopf“ beschränken, die Redakteure dazu bringt, Texte von vornherein auszuschließen. Andere, unter ihnen der Essayist Iván de la Nuez, halten dem entgegen, dass Meinungsäußerung in der Literatur nur solange erlaubt sei, wie sie sich nicht in das staatliche Revier der Politik einmische, und kritisieren die unpolitische Haltung mancher Autoren als Bestechlichkeit. Gegen diesen Vorwurf wehren sich einige der angesprochenen Autoren: Sie wollen sich von der Politik befreien und endlich ihre Literatur um der Literatur willen schreiben können. Dementsprechend möchten sie nach ästhetischen und nicht nach ideologischen Kriterien beurteilt werden. Der Forderung nach engagierter Literatur wird deshalb vermehrt die nach Emanzipation von der Politik entgegengestellt.

Der Blick ins Ausland

Die Schwierigkeiten, im eigenen Land veröffentlicht und anerkannt zu werden, lässt viele Schriftsteller Publikationsmöglichkeiten im Ausland suchen – auch, wenn sie selbst in Kuba bleiben. Sie nutzen dafür die verschiedensten Wege, schicken ihre Texte per Email oder Diskette ins Ausland, versuchen zu Lesungen und Tagungen eingeladen zu werden oder ein Stipendium zu bekommen. Eine bedeutende Rolle kommt dabei den Literaturagenten zu, die über die notwendigen Kontakte im Ausland verfügen und Erfahrungen im Umgang mit Verlagen haben. Die Buchmesse in Havanna hat sich zu einem wichtigen Treffpunkt für Autoren, Agenten und Verleger entwickelt.
Das große Los in der Literaturtombola ist ein Vertrag mit einem spanischen Verlag. Wenn ein Autor noch dazu in einem der großen, renommierten Verlage publiziert wird, dann erhöhen sich seine Erfolgschancen gewaltig: Buchhandlungen, Rezensenten und Leser lassen Neuerscheinungen aus diesen Verlagen mehr Aufmerksamkeit zukommen, Verlage in anderen Ländern sind stärker an Lizenzen interessiert. Und durch die Übersetzungen steigen Bekanntheitsgrad und Renommee noch einmal. Zu den glücklichen Gewinnern gehören unter anderem die Pionierin internationalen Erfolges, Zoé Valdés, desgleichen Eliseo Alberto, Abilio Estévez, Mayra Montero und Jesús Díaz. Aber auch kleinere Verlage wie Editorial Casiopea und Editorial Colibrí, die ihr großes Engagement in die literarische Waagschale werfen, sind ein gutes Los, vor allem für solche Autoren, die den marktorientierten Standards der großen Verlage nicht entsprechen (wollen).
Doch von den oben genannten Autoren lebt nur einer – Abilio Estévez – noch auf Kuba. Man schätzt, dass sich ungefähr ein Drittel der kubanischen Intellektuellen im Ausland aufhält. Die Hälfte von den rund zwei Millionen Kubanern, die nicht auf der Insel leben, wohnt in Miami, der zweiten Hauptstadt Kubas. Die Situation der Autoren im politischen Exil, unter ihnen Carlos Victoria und Guillermo Rosales, ist vor allem deshalb schwierig, weil sie nur ein kleines Publikum erreichen können. In Kuba existieren sie offiziell nicht, und in Lateinamerika und Europa sind sie weitestgehend unbekannt. Zudem gibt es in den USA nur sehr begrenzte Möglichkeiten, Literatur auf Spanisch herauszubringen. Lange Zeit konnten die Miami-Schriftsteller nur im Exilverlag Ediciones Universal und ein paar anderen kleinen Verlagen veröffentlichen. Inzwischen bekunden zwar Universitätsverlage und auch einige Mainstream-Verlage Interesse an der in den USA entstandenen Literatur, jedoch akzeptieren sie nur in seltenen Fällen spanischsprachige Manuskripte. Leichter haben es in diesem Sinne die Cuban-Americans (US-Bürger kubanischer Herkunft, die als Kinder in die USA kamen oder dort geboren wurden) die überwiegend auf Englisch schreiben und vor allem ein US-amerikanisches Publikum ansprechen. Zu ihren bekanntesten Autoren gehören Oscar Hijuelos, der 1990 mit Die Mambo Kings spielen Songs der Liebe den Pulitzer Preis gewann, und Cristina García, der zwei Jahre später mit Träumen auf Kubanisch der Durchbruch gelang.
Ähnlich wie die Exilautoren sehen sich die in der Diaspora lebenden Schriftsteller mit dem Problem konfrontiert, ihr kubanisches Publikum nur sehr begrenzt erreichen zu können. Dabei ist in den 90ern das Bedürfnis nach einem Dialog über räumliche und ideologische Grenzen hinweg immer stärker geworden. Der in Madrid lebende Schriftsteller Jesús Díaz gründete deshalb 1996 die Kulturzeitschrift Encuentro de la cultura cubana, die in Kuba (dort inoffiziell), Miami und der Diaspora verteilt wird. Für sie schreiben sowohl auf der Insel als auch im Ausland lebende Kubaner,
denen allen der Wunsch nach einem encuentro (Zusammenkommen) gemein ist. Hinzugekommen ist eine Internetausgabe, die tagesaktueller konzipiert ist (www.cubaencuentro.com).

Literarische Lager

Trotz aller Dialogbereitschaft zwischen Schriftstellern im Ausland und auf der Insel löst die Frage nach dem Verhältnis zum revolutionären Kuba immer wieder hitzige Debatten aus. Denjenigen, die in Kuba geblieben sind, wird schnell Duckmäusertum unterstellt, und denjenigen, die gegangen sind, wird vorgeworfen, ihnen sei der Wohlstand wichtiger ist als Familie und Freunde. Und mit der veränderten Publikationssituation für Schriftsteller in Kuba zeichnet sich auch eine Spaltung ab zwischen denjenigen, die im Ausland publizieren und denjenigen, die bisher nur auf Kuba veröffentlicht wurden. Wer zum Beispiel in Spanien einen Roman herausgebracht hat, der wird auch in Kuba als Schriftsteller anerkannt; umgekehrt ist das leider nur selten der Fall. Noch immer sind die Autoren, die nur in kubanischen Verlagen veröffentlicht haben, im Ausland kaum bekannt und erhalten deshalb viel weniger Anerkennung als ihre international vernetzten Kollegen.
Hinzu kommt, dass die meisten ausländischen Verlage nur nach erfolgversprechender, marktgerechter Literatur suchen. Verkaufen lässt sich vor allem eine Literatur, die den exotischen, klischeebehafteten Kubavorstellungen der europäischen oder US-amerikanischen Leser entspricht. Inzwischen scheinen einige Romane, wie zum Beispiel Havanna Blues von Daína Chaviano, bewusst für ein europäisches oder US-amerikanisches Publikum geschrieben worden zu sein. Dieser Marktinstinkt einiger Autoren hat Abilio Estévez 1999 in einem Artikel in El País wünschen lassen, dass man die kubanische Literatur für eine Weile vergesse, damit sie wieder zu einem eigenen Ausdruck finden könne. Was in der kubanischen Literatur jedoch zur Zeit passiert, ist viel zu spannend, um ihm diesen Wunsch erfüllen zu können.

Besonders hinweisen möchte ich auf Michi Strausfelds Artikel in Janett Reinstädler/Ottmar Ette (eds.): Todas las islas la isla. Nuevas y nuevísimas tendencias en la literatura y cultura de Cuba. Vervuert/Iberoamericana, Frankfurt a.M./Madrid 2000.

KASTEN:
Literatur der erwähnten Autoren

Reinaldo Arenas: Rosa. Edition Día 1996; Reise nach Havanna. Edition Día 1994; dtv 1999
Joaquín Baquero: Cuba. Distel 1992; Malecón. Distel 1996;
Ich bin von einer Insel. Gedichte aus Cuba. Distel 1996
Lydia Cabrera: Die Geburt des Mondes. Schwarze Geschichten aus Kuba. Suhrkamp Verlag 1999
Daína Chaviano: Havanna Blues. Lichtenberg 1999
Jesús Díaz. Die Haut und die Maske. Piper Verlag 1997 (Tb. 1999); Die verlorenen Worte. Piper Tb 1998; Erzähl mir von Kuba. Piper Verlag 2001
Eliseo Alberto: Rapport gegen mich selbst. Mein Leben in Kuba. Rotpunkt 1999; Caracol Beach. dtv 2000; Die Geschichte von José. Kindler Verlag 2000
Abilio Estévez: Dein ist das Reich. Luchterhand 2000
Cristina García: Träumen auf kubanisch. Fischer Verlag, 1995 (Tb 2000); Die Schwestern Agüero. Fischer Verlag 1997 (Tb 2000)
Oscar Hijuelos: Die Mambo Kings spielen Songs der Liebe. Fischer Verlag 1990 (Tb 1995); Die vierzehn Schwestern des Emilio Montez OBrien. Fischer Tb 1995
Lezama Lima: Paradiso. Suhrkamp Tb 1997
Mayra Montero: Wo Aida Caruso fand. Fretz & Wasmuth 2000
Severo Sarduy: Kolibri. Edition Día 1991
Zoé Valdés: Das tägliche Nichts. Ammann 1996; btb 1998;
Dir gehört mein Leben. Ammann 1997; btb 1999; Geliebte erste
Liebe. Ammann 2001
Mirta Yáñez: Havanna ist eine ziemlich große Stadt. Atlantik Verlag 2001

Außerdem sehr zu empfehlen:
Cubanísimo. Junge Erzähler aus Kuba. Herausgegeben und mit einem Vorwort versehen von Michi Strausfeld. Suhrkamp Verlag 2000
Wespennest. Zeitschrift für brauchbare Texte und Bilder, Nr. 123, Juni 2001 (Schwerpunkt Kuba)

Empfohlene Sekundärliteratur

Ottmar Ette/Martin Franzbach (Hrsg.): Kuba heute. Politik, Wirtschaft, Kultur. Vervuert, Frankfurt a.M. 2001
Bert Hoffmann: Kuba. C.H. Beck, München 2000
Iván de la Nuez. Das treibende Floß. Kubanische Kulturpassagen. Edition Suhrkamp, Frankfurt a.M. 2001
Janett Reinstädler/Ottmar Ette (eds.): Todas las islas la isla. Nuevas y nuevísimas tendencias en la literatura y cultura de Cuba. Vervuert/Iberoamericana, Frankfurt a.M./Madrid 2000


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…doch es gibt nur eine kubanische Literatur

Sie waren zwölf Jahre alt, als die Revolution begann. Wie haben Sie diese Zeit erlebt?

Ich begeisterte mich für den Wandel, für all die Hoffnungen der 60er Jahre auf Veränderungen, auf mehr Gerechtigkeit in der Welt. Es waren wirklich großartige Jahre, nicht nur wegen der Revolution, auch wegen anderer Dinge, die auf der Welt geschahen. Es gab dabei Gutes und Schlechtes, Kriege, aber auch die Hippies und eine außergewöhnliche kulturelle Explosion von Kuba ausgehend hin zur Welt und von der Welt hin zu Kuba. Ich glaube, das waren besondere Jahre. Und ich habe sie mit aller Intensität erlebt.

Können Sie uns etwas über Ihre ersten Jahre als Schriftstellerin erzählen? Wie haben Sie den Literaturbetrieb wahrgenommen?

Meine erste Geschichte wurde 1974 abgedruckt, aber ich habe schon ein paar Jahre früher mit dem Schreiben begonnen. Während meines Literaturstudiums hatte ich sehr engen Kontakt mit meinen ProfessorInnen, die gleichzeitig SchriftstellerInnen waren. Ich habe die 60er also nicht als Schriftstellerin erlebt, sondern als Lernende. Es war eine Zeit voller Begeisterung, Polemik, vitaler Kreativität. Dann, in den 70er Jahren, begann die graue, die schwarze Phase. Das war die Zeit der Zensur, in der das kulturelle Leben auf ein Mittelmaß sank.
Und in eben jener Zeit begann ich zu schreiben und zu publizieren. Ich hatte Glück, denn mein erster Gedichtband hatte nichts mit Politik zu tun, es waren Gedichte über die Stadt und die Liebe. Um das verständlicher zu machen: Es gibt meiner Meinung nach drei verschiedene Gruppen von SchriftstellerInnen. Da sind die offiziellen SchriftstellerInnen, die an all den Veranstaltungen, die der Staat organisiert, teilnehmen und hohe politische Ämter innehaben. Auf der anderen Seite gibt es die DissidentInnen, und dazwischen ist eine Gruppe von SchriftstellerInnen, die weder offiziell noch dissident sind, die aber trotzdem am kulturellen Leben teilnehmen.
In den 70ern gab es eine schreckliche Repressionswelle gegen Homosexuelle, wobei weniger einzelne Werke zensiert, sondern vielmehr die SchriftstellerInnen selbst unterdrückt wurden. Nicht die Literatur von Lezama Lima wurde verboten. Diese SchriftstellerInnen wurden vergessen oder verleugnet. Es gab schreckliche Momente, wie ich sie auch erlebt habe, als man mich nicht in das Wörterbuch der kubanischen Literatur aufnahm. Es gab bereits zwei Bücher von mir, und ich hatte meines Wissens nichts getan, außer dass ich nicht zur offiziellen Welt gehörte, nicht orthodox war, und mit einem gewissen übertrieben „offiziellen“ Benehmen nicht übereinstimmte. Aber anderen Menschen sind viel schlimmere Dinge passiert. Ich konnte wenigstens publizieren.

Wie ging es für Sie weiter?

Ich unterrichtete in der Universität und schrieb gleichzeitig, bis ich in den 80ern endlich aus dem Universitätsbetrieb aussteigen und zu Hause arbeiten konnte. In dieser Zeit gewann ich zweimal den Premio de la Crítica (Kritikerpreis). Ich schätze diesen Preis sehr, weil er nicht einer einzelnen Person verliehen wird, sondern man die zehn besten Bücher des Jahres auswählt. Da kann es keinen Schwindel geben, kein Schriftsteller bevorzugt werden. Diese Preisverleihungen freuten mich sehr, weil ich mit ihnen einen Platz in der Literatur bekam, mein Name mehr respektiert wurde. Anfang der 90er Jahre zog ich mich dann aus der Literatur zurück, vor allem aus privaten Gründen aber auch wegen der allgemeinen Lage. Ich war vollkommen blockiert. Ich schrieb zwar weiterhin Gedichte, aber keine Prosa mehr, und ich widmete mich vor allem der Essayistik und der Förderung der Literatur von Frauen. Erst in den letzten Jahren habe ich angefangen, mit meiner Literatur wieder mehr in die Öffentlichkeit zu gehen.

Was sind für Sie die wichtigsten Veränderungen in der gegenwärtigen Literatur?

In den 90ern kam es in der kubanischen Literatur zum Boom der ganz jungen Literatur, die sehr stark und sehr kritisch ist, und zum Boom der Schriftstellerinnen. Ein drittes Phänomen ist das wachsende Bewusstsein, dass es nur eine einzige kubanische Literatur gibt. Die, die drinnen leben, und die, die draußen leben, werden in hundert Jahren alle kubanische Autoren sein. All die Dinge, die uns zu trennen und zu isolieren pflegen, sind ein Irrtum. Die draußen behaupten, dass wir drinnen nicht existieren. Das ist ein literarischer Fundamentalismus. Und die drinnen wollen diejenigen nicht publizieren, die draußen sind. Das ist literarischer Fundamentalismus. Aber es findet bereits ein Wandel statt. In den Anthologien, die ich herausgegeben habe, stehen Autorinnen von drinnen und draußen nebeneinander.
Ein weiteres für die 90er typisches Phänomen ist, dass viele Schriftsteller aus einer ökonomischen Notwendigkeit heraus den Markt außerhalb Kubas suchen.

Wie stehen Sie zu dieser Entwicklung?

Das Gute daran ist, dass die kubanische Literatur nun im Ausland bekannter wird, es herrschte ja eine große Unkenntnis. Aber schlecht ist, dass einige SchriftstellerInnen jetzt schreiben, um zu verkaufen. Das ist nicht allein ein kubanisches Phänomen. Auch unter den SpanierInnen gibt es welche, die diese kommerzielle, banale, dumme Literatur schreiben. Das gibt es überall. Meiner Meinung nach ist eine Literatur, deren Fundament nicht die Literatur selbst ist, immer zum Scheitern verurteilt. Du kannst ein politisches Werk schreiben, aber das Fundament muss literarisch sein, denn wenn es aus Politik besteht, wird man es erkennen. Oder wenn Geld das Ziel ist, wird man das auch sehen. Immer wenn es in der Literatur ein sehr plumpes Ziel gibt, geht die Literatur verloren.

Wenn man sich die Zahlen des Instituto Cubano del Libro anschaut, dann könnte man meinen, dass es mit dem Literaturbetrieb auf Kuba bergauf geht. Wie ist Ihre Sicht als Schriftstellerin?

Den SchriftstellerInnen geht es wesentlich besser. Die Bücher sind schöner, man muss nicht mehr vier Jahre warten, bis ein Buch herauskommt. Es gibt folgenden Witz: Der einzige Vorteil von kubanischen Verlagen ist, dass man auf den Fotos immer fünf Jahre jünger aussieht. Außerdem werden die AutoreInnen jetzt besser von den Verlagen behandelt. Und hinzu kommt, dass die KubanerInnen große LeserInnen sind. Doch eine Zeit lang gab es so gut wie keine Bücher. Dieses Jahr sah man auf der Buchmesse eine gewaltige Masse an Büchern! Ganz Havanna ging dorthin, um Bücher zu kaufen, obwohl die Preise etwas höher sind als früher.

Gibt es also keinen Papiermangel und andere Probleme mehr?

Doch, es gibt weiterhin Schwierigkeiten mit dem Papier und andere ökonomische Probleme. Aber man hat begriffen, dass ein Land seine Literatur braucht. Sonst beginnen alle, im Ausland zu publizieren. Ich bin keine Spezialistin, aber ich glaube, es gibt staatliche Unterstützung für die Verlage. Dies sind sehr positive Veränderungen.

Wie sehen Sie die Zukunft der kubanischen Literatur?

Wenn man sich vor der Gefahr retten kann, nur um des Gefallen willens zu schreiben… Aber zum Glück gibt es große kubanische SchriftstellerInnen auf der Insel und außerhalb der Insel. Auch unter den AutorInnen, die auf Englisch schreiben. Alles ist kubanische Literatur. Die kubanischen Autoren sind sehr verstreut, aber in der Zukunft wird es uns gelingen, alle in einem einzigen Ganzen zu integrieren.

Interview: Ann-Catherine Geuder


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“Ich bin hier in dreihundert Kriege und vierhundert Schlachten verwickelt”

Anfang Dezember vergangenen Jahres übernahm Vicente Fox als erster Kandidat der Opposition nach mehr als 70 Jahren die Präsidentschaft in Mexiko. Bei den Wahlen am 2. Juli 2000 war das Unglaubliche geschehen, „die perfekte Diktatur“ der laizistischen Staatspartei PRI (Partei der Institutionalisierten Revolution) hatte ihr Ende gefunden. Der neue Präsident, ehemaliger Coca-Cola-Manager, kandidierte für die erzkonservative Partei der Nationalen Aktion PAN, deren Bürgermeister auch gerne Miniröcke verbieten und Gefängnisstrafen auf zu liebevolle Küsse in der Öffentlichkeit verhängen möchten. Welche Bedeutung hat der Wahlsieg des bekennenden Katholiken Fox für den Kultursektor Mexikos?

Zunächst muss gesagt werden, dass es sich hier um einen sehr besonderen Übergang handelt: Jene die ihn verursacht haben, haben nicht gewonnen. Dieser Übergang hatte seine Grundlage in 20 Jahren sozialen Kämpfen und einem vom Cuauhtémoc Cárdenas angeführten Wahlbündnis. Das hat den Spielraum und die Durchsetzungsfähigkeit der PRI langsam untergraben und zerstört. Aber plötzlich taucht ein konservatives Mitte-Rechts-Projekt auf, das alle programmatischen Fahnen der Linken an sich reißt und sich als machbar darstellt.

Wie kommt das?

Die Bevölkerung folgt der Logik der „nützlichen Stimme“ und schenkt Fox den Sieg, das heißt sie folgt der Losung mehrerer linker und liberaler Intellektueller, Fox zu wählen, um die PRI zu schlagen und die eigene Stimme nicht „nutzlos“ der linken PRD zukommen zu lassen. Mit dem Wahlsieg von Fox beginnt der Zerfall der PRI, der weder unumkehrbar noch endgültig ist. Hier heißt es, wachsam zu sein. Die PRI kann sich ausgehend von den Gouverneuren der Bundesstaaten, die sie stellt, wieder konsolidieren. Aber das ist ein anderes Thema.

Wie konnte Fox soviel Zuspruch finden?

Die Grundlage seiner Regierung ist ein Berg von Versprechen. Sie hat alles versprochen, sie hat die Programme der Linken, der PRI und aller anderen ausgeschlachtet. Doch es ist eine Regierung mit sehr wenig Kadern und sie befindet sich im Widerspruch zwischen ihrem Willen, einen extremen Neoliberalismus durchzusetzen und den Versprechungen, die sie gemacht hat, um einen gesellschaftlichen Konsens zu erzielen. Sie versprach unter anderem die Korruption zu bekämpfen, das Land zu redemokratisieren, politische Freiheiten zu gewährleisten, Frieden in Chiapas zu erreichen und keine Privatisierungen vorzunehmen. Diese Versprechungen stehen natürlich im Widerspruch zu den Grundlagen des neoliberalen Projekts, das sie eigentlich verfolgen.

Was bedeutet dieser Wahlsieg für den Kulturbereich?

Die Leute von Fox sind geprägt von Analphabetismus, mangelnder Initiative und wenig Vorstellungskraft. Sie entstammen einem Sektor der Wirtschaftsoligarchie, der niemals irgend etwas im Kulturbereich getan hat. Er folgt der neoliberalen Logik, welche den Staat schlanker, seinen Einfluss auf die Kultur senken und sie wirtschaftlich rentabel machen will. Das, was noch übrig ist, wird weiter eingeschränkt, denn die neoliberale Logik hatte ja schon in den letzten Jahren der PRI-Regierung wichtige Infrastruktur zerstört.

Können Sie ein Beispiel für die Kommerzialisierung der Kultur und den daraus entstehenden Folgen nennen?

Wenn es nach dem Willen der Finanz- und Wirtschaftsminister ginge, dann würden sie die Pyramiden von Teotihuacan in ein Disneyland verwandeln. Sie wollen „anthropologische Parks“ schaffen, die an das Hotelgewerbe gekoppelt sind. Das erzeugt einen schwerwiegenden nationalen Widerspruch, denn die Ausgrabungsstätten sind eine Art laizistische Pilgerstätte. Der gewöhnliche Mexikaner besucht das Museum von Chapultepec oder die Pyramiden von Teotihuacan, er folgt der Logik einer Begegnung mit herausstechenden Symbolen der Vergangenheit. Wenn privatisiert wird, Barrieren und Mauern gebaut werden und Eintritt verlangt wird, verursacht das Erregung, da es sich gegen eine in der Bevölkerung weit verbreitete Tradition richtet. In dieser Hinsicht müssen sie also sehr vorsichtig sein.

Außer diesem neoliberalen Kulturverständnis findet sich aber auch noch eine starke reaktionäre Strömung in der PAN…

Ja, der Foxismus hat im ganzen Land hunderte von konservativen und ultrakonservativen Vorstellungen wiederbelebt, die aus der PRIistischen Gedankenwelt ausgeschlossen waren. Sie sehen die Regierung als ihr politisches Projekt und ihre Vorstellungen sind mit dem Konservativismus, dem Traditionalismus und den reaktionären Teilen der katholischen Kirche verbunden. Diese Sektoren haben sich im vergangenen Jahr als sehr kämpferisch bezüglich kultureller Themen gezeigt: Fotoausstellungen wurden zensiert, ein Gemälde wurde zerstört, weil es angeblich obszön war, Filme wurden verboten, in einer Schule wurden Jugendliche rausgeschmissen, weil sie sich ihre Haare blau gefärbt hatten.

Warum gehören diese Leute dennoch nicht zum Kulturapparat der Fox-Regierung?

Bei der Ernennung neuer Mitarbeiter des Kulturapparates hat Fox das Problem, dass er nicht über konservative Kader verfügt, er greift also auf die Reste der alten PRI-Kulturbürokraten aus den Strömungen von Salinas, der 1988 bis 1994 Präsident war, und dem PRI-Präsidentschaftskandidaten von 2000, Labastida, zurück und bildet mit ihnen sein Team. Einige von ihnen sind wirklich absolutes Mittelmaß, wie etwa die Leiterin des Rates für Kultur und Künste, der höchste Ausdruck des staatlichen Kulturapparates. Sie war vorher Interviewerin in einer Fernsehsendung und hat nicht viel Ahnung von Kultur.

Wird Fox nicht versuchen die Künstlergemeinde ruhig zu stellen?

Wenn es die PRI nicht geschafft hat, diese Künstlergemeinde zu domestizieren und es immer eine kritische Szene geblieben ist, trotz der Gelder, der Subventionen und Geschäfte, die die PRI ausschüttete, so wird dies jetzt noch viel weniger gelingen. In dieser Hinsicht ist Mexiko-Stadt ein wunderbares Schlachtfeld, hier sind Kino, Theater und Ballett und 25.000 – 30.000 Kulturschaffende konzentriert. Viele von ihnen haben jahrelang gekämpft, sie werden ihren Raum nicht aufgeben, und sie sind sich bewusst, dass ihr Raum der einer wechselseitigen Beziehung mit den Konsumenten von Kultur, mit dem Publikum und den Intellektuellen ist. Es wird eine vielseitige Debatte zur Kulturpolitik geben: Beispielsweise wenn an einem Tag konservative Gestalten aus dem Unabhängigkeitskrieg in die Schulbücher eingeführt werden sollen, wenn am nächsten Tag Theater oder ein Jugendclub geschlossen werden sollen, wenn im Bundesstaat Mexiko Rockkonzerte verboten werden, während sie in der Hauptstadt stattfinden, oder wenn zum Beispiel eine Ausstellung in Puebla zensiert wird.

Das Vorgehen scheint mir aber nicht immer so einheitlich zu sein: im Bundesstaat Mexiko, in den Vorstädten von Mexiko-Stadt, organisiert die Jugendorganisation der PAN jedes Wochenende Punk und Hardrock-Konzerte auf Fußballplätzen…

Ja, der Foxismus ist keine homogene Angelegenheit, er ist ein Konglomerat aus Elementen, die an die Oberfläche gekommen sind, als die Scheiße umgerührt wurde, da gibt es alles mögliche. Ich war gerade in Baja California, im Norden Mexikos, ich bin dorthin geflogen und habe eine Debatte organisiert. Auf meiner anschließenden Pressekonferenz habe ich den dortigen Kulturminister als Faschisten bezeichnet. Der Typ hatte ein Regelwerk für die Mittelschulen verabschiedet, in dem den Jugendlichen verboten wurde, sich die Haare zu färben, kurze Röcke oder hohe Absätze zu benutzen, die Augenbrauen in Form zu zupfen und einiges mehr. Sie hatten schon drei Jugendliche von einer Schule geschmissen. Ich bin also hin und habe gesagt, dass das gegen die Verfassungsrechte verstößt und was sie denn mit mir machen würden, wenn ich mir die Haare grün färbte.

Wie reagierten die Verantwortlichen?

Es entstand eine breite Debatte unter der Beteiligung von Lehrern und Intellektuellen. Der Kulturminister des Bundesstaates reagierte auf Seite eins der Zeitungen und beschwichtigte, es sei ja nicht so schlimm und wir sollten uns mäßigen und ich habe noch härter reagiert. Der Typ hatte nicht die mindeste Sensibilität, um zu verstehen, dass Identitätssymbole für Heranwachsende grundlegend sind, wenn du die Elemente der Rebellion ausradierst, dann bildest du unterwürfige Jugendliche.

Fox konnte einige namhafte Intellektuelle, teilweise ehemalige Linke, in sein Projekt integrieren, wie etwa Carlos Fuentes oder Aguilar Zinser…

Fuentes nicht, es gab eine Annäherung, aber er wurde nicht integriert. Aber es lief so mit Aguilar Zinser und Castañeda, die Linke waren, als sie jung waren. Ihre Entscheidung, sich auf diese Seite zu stellen, verwandelt sie in Intellektuelle der neuen Rechten. Sie haben versucht, eine Brücke zu bauen und viele Leute anzuziehen, sie sind die Erfinder der berühmten „nützlichen Stimme“. Ihre Rolle ist es, diese Brücke zu bauen, aber sie sind gescheitert, sie hatten so viel Erfolg wie ein paar Frösche.

Unter der PRD-Regierung in Mexiko-Stadt, mit Cuauhtémoc Cárdenas und dann Rosario Robles als Bürgermeister, wurde sehr viel im Kulturbereich getan. Hat das etwas im Bewußtsein verändert?

Ich glaube, dass sich ein großer Teil der Bevölkerung das Konzept der Linken, dass es sich bei der Kultur nicht um ein sekundäres Gut, sondern um ein grundlegendes Recht handelt, zu eigen gemacht hat, und wenn du die Grundrechte aufzählst, dann gehören Arbeit, Gesundheit, Wohnung, Erziehung und Kultur in die Liste. Wenn du jemandem, der eine schlechte Arbeit hat, sich schlecht ernährt und einen erschwerten Zugang zu Bildung und Gesundheitsversorgung hat, auch noch den Club wegnimmst, wo er kostenlos Gitarre spielen lernen kann, dann bringst du ihn um. Ich glaube, die Vorstellung, dass Kultur ein Recht ist, hat sich schon durchgesetzt.

Was bedeuten die bisherigen drei Jahre PRD-Regierung in der Hauptstadt in kultureller Hinsicht? Vorher waren ja zum Beispiel sogar Rockkonzerte an öffentlichen Plätzen verboten. Heute werden sie gefördert.

In Mexiko-Stadt gibt es eine große Anzahl kostenloser und qualitativ hochwertiger kultureller Aktivitäten. Der große Unterschied insgesamt ist, dass es keinerlei Zensur mehr gegeben hat. Es hat interessante Experimente gegeben, vor allem bezüglich der Verbreitung von Kultur auf der Straße. Die größte Schwachstelle lag hingegen im Wiederaufbau der Basiskultur, da ist kein Projekt gelungen. Aber es hat in den vergangenen Jahren wirklich sehr positive Sachen gegeben: der Zócalo, der Hauptplatz der Stadt, war ein ständiges Fest, es verging nicht ein Tag, ohne dass dort etwas los war. Es ist eine Wonne, Einwohner des DF, der Hauptstadt zu sein, einer vitalen Stadt, voller Aktivitäten, du musst nicht dafür bezahlen zu leben.

Sie haben ja auch einige kulturelle Aktivitäten der PRD-Stadtverwaltung unterstützt …

Ich bin hier in dreihundert Kriege und vierhundert Schlachten verwickelt, die damit zu tun haben. Ich leiste Unterstützung ohne Gehalt, ohne Chauffeur, ohne Geld, ich behalte meine ökonomische Unabhängigkeit gegenüber der Stadtregierung. So habe ich das Projekt „Um in Freiheit zu lesen“ geleitet und bei einigen anderen mitgeholfen. Wir haben in den Randbezirken von Mexiko-Stadt 300.000 Romane unter Jugendlichen verteilt. Das hatte einen spektakulären Erfolg, es haben sich Schlangen von 15.000 Leuten gebildet. Es waren alles nicht-traditionelle Romane von Schriftstellern wie Ray Bradburry, Raymond Chandler, Emilio Pacheco – Bücher, die nicht in der Schule empfohlen werden – die reine Subversion, wie etwa John Reed, und das mit einem bemerkenswerten Erfolg.

Arbeiten Sie an einem neuen Roman?

In den letzten Monaten seit meiner Rückkehr von der „Semana Negra“, einem Kulturfestival, das ich immer in Gijon, Spanien, organisiere, arbeite ich an einem Roman der schon relativ weit gediehen ist und den Titel Wir kehren zurück wie Schatten tragen wird.

Worum geht es in dem Roman?

Es ist ein politischer Abenteuer-, Kriminal- und Spionageroman. Ich bin der Versuchung erlegen, ganz nach meinem Geschmack einmal einen totalen Abenteuerroman zu schreiben.

Können Sie etwas zu der Geschichte sagen?

Mexikanischer Kaffee, Hitler der sich morgens Koffein spritzt, die Personen aus Schatten im Schatten, die zwanzig Jahre später zurückkehren, Irrenhäuser, der betrunkene Hemingway, der plötzlich im Golf von Mexiko auftaucht, Nazis im mexikanischen Kaffeeanbaugebiet, korrupte Innenminister, die sich auf ein großes Geschäft vorbereiten, Graham Greene als deutscher Spion. All das und noch viel mehr in einem Roman… Ich werde den Roman Ende des Jahres in Europa veröffentlichen.

Interview: Dario Azzelini


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„Marcos ist absolut verzichtbar“

Es gibt von Seiten der mexikanischen Regierung, aber auch von Seiten der Medien den Versuch, die zapatistische Bewegung zu umarmen um sie damit unschädlich zu machen. Welche Strategie haben die Zapatisten, um sich gegen diese Umarmungsversuche zu wehren?

Auf jeden Fall ist die Haltung der Medien gegenüber den Zapatisten sehr komplex. Zum einen haben sie sich stets bemüht, die Bevölkerung im Unklaren darüber zu lassen, was in Chiapas passiert. Jetzt sehen sie sich aber gezwungen, über das Thema zu berichten.

Woran liegt das?

Zum einen blieb ihnen nichts anderes übrig. Vor allem gibt es seit einigen Jahren Streitereien innerhalb der Medien. Es gibt ein paar Journalisten, die sich gegen die staatliche Kontrolle der Medien wehren. Sie versuchen häufig, sich mit Humor, Ironie und Zweideutigkeit über die Zensur hinweg zu setzen. Und dann gibt es noch den Versuch, alternative Medien aufzubauen. Den wichtigsten Beitrag zur Liberalisierung der Medien hat jedoch ihr Publikum geleistet. Es hat einen sehr kritischen Blick auf die Medien und hat gelernt, wie viele Aussagen umzuinterpretieren sind.

Könntest Du ein Beispiel nennen?

Ja. Wenn der Präsident ankündigte, die Benzinpreise nicht zu erhöhen, bildeten sich abends große Schlangen vor den Tankstellen.

Wie beurteilst Du, dass die Medien versucht haben, dem zapatistischen
Marsch im Vorfeld mit massiver Friedenstauben-Symbolik die Zähne zu ziehen?

Das gehört zu ihrer Kriegsstrategie. Der Gebrauch von Symbolen in der politischen Auseinandersetzung hat in Mexiko eine wichtige Bedeutung und eine lange Geschichte. Schon das aztekische Imperium hat damit operiert. Aber worum es den Medien heute geht, ist den Frieden zu banalisieren und der zapatistischen Bewegung die Legitimität und ihr soziales Prestige zu rauben. Schließlich spielen die Medien innerhalb der revolutionären Politik der Zapatisten eine wesentliche Rolle, und selbst der militärische Schlag vom 1.1.1994 sollte vor allem medienwirksam sein. Es ist also logisch, dass ihre Gegner versuchen, sie auf dem gleichen Schlachtfeld zu schlagen. Also versucht Fox, sich an die Spitze der Bewegung zu stellen. Fox behauptet, er freue sich darauf, mit den Zapatisten Frieden zu schließen. Währenddessen gehen die Aufklärungsflüge über den zapatistischen Gemeinden weiter, und das Indígena-Abkommen von San Andrés harrt seiner Umsetzung. Es hat sich nichts Konkretes getan.

Und was machen die Zapatisten, um sich gegen diese Form der Demagogie zu wehren?

Sie versuchen, direkt mit der Bevölkerung in Kontakt zu treten.

Und wie funktioniert das?

Die Kommunikation findet auf mehreren Ebenen statt. Zum einen während des Marsches selbst, auf den Plätzen, im Gespräch mit den Menschen und den Vertretern verschiedenster Organisationen aus der Zivilgesellschaft.
Zum anderen richtet man sich an die internationalen Medien, wobei die Zapatisten natürlich nicht kontrollieren können, wie über sie berichtet wird. Hier besteht das Problem, dass die internationalen Medien ihre Aufmerksamkeit auf Subcomandante Marcos konzentriert haben, der zweifelsohne eine charismatische Führungsfigur darstellt. Aber trotz allem nützt es den Zapatisten, wenn überall in der Welt über sie gesprochen wird.
Bereits die Ankündigung des Marsches hat eine unglaubliche Polemik hervorgerufen. Dürfen die Zapatisten Chiapas überhaupt verlassen? Dürfen sie maskiert sein? Die konservative Seite hat sehr vehement und ablehnend reagiert. Teilweise kam eine regelrechte Lynchstimmung auf, und von einem PAN-Abgeordneten wurde gar die Todesstrafe gefordert. Auch Vicente Fox meinte, es sei nicht nötig, dass die Zapatisten nach Mexiko-Stadt kämen. Aber damit hatten die Zapatisten eines ihrer wichtigsten Ziele schon erreicht: Es wurde wieder über sie gesprochen. Der Versuch, die Bewegung zu vereinnahmen, kam erst später auf. Das hat die Regierung von Fox irgendwann verstanden.

In deutschen Medien wurde diese politische Auseinandersetzung als Inszenierung zweier charismatischer Führungsfiguren gesehen: Vicente Fox als Caudillo und Marcos als Guerillero. Wie beurteilst Du diese Interpretation.

Ich finde sie absolut oberflächlich. Diese Leute verstehen nicht was bei der zapatistischen Initiative auf dem Spiel steht. Von Beginn an hatten die westlichen Medien eine sehr rassistische und eurozentristische Vision der zapatistischen Bewegung. Es dominierte das Bild von Marcos als einer Art Robin Hood. Und die internationalen Medien haben dieses Bild benutzt, weil es sich gut verkauft. Das Gleiche ist mit Fox passiert, der die Figur des Cowboy repräsentiert. Was sie nicht verstehen ist, dass die zapatistische Bewegung viel mehr ist als Marcos, während die Strategie von Fox durch eine sehr alte autoritäre Struktur getragen wird, die mit dem Regierungswechsel keineswegs verschwunden ist.

Ich glaube, dass Marcos einiges versucht, um nicht als charismatischer Führer gesehen zu werden, auf den die zapatistische Bewegung reduziert werden könnte. Mit seiner metaphorischen und poetischen Art zu sprechen zieht er jedoch immer wieder die Aufmerksamkeit auf sich. Steht das nicht den oben genannten Versuchen entgegen?

Marcos spielt die Rolle des Übersetzers, der die Sprache der Mayas in die Sprache des Westens übersetzt. Aber in den westlichen Gesellschaften kann sich einfach niemand vorstellen, dass eine indigene Bewegung ein eigenes Denken hervorbringen kann. Also heißt es: „Da ist dieser Weiße, der die Mayas mit seiner Philosophie beeinflusst und fasziniert.“ Nun ist Kommunikation ein sehr komplexer Prozess. Man weiß zwar, was man sagen will, aber nicht, was am Ende dabei heraus kommt. Wenn Du einen Roman schreibst oder einen Film machst, und ihn zur Kommunikation frei gibst, gehört er nicht mehr dir. Umberto Eco hat diesen Prozess ausführlich beschrieben. Du verlierst als Autor die Oberhoheit über dein Produkt, und jeder Leser oder Zuschauer macht seine eigene Interpretation. Die Zapatisten waren zwar beim Aussenden ihrer Botschaften sehr geschickt, aber sie müssen auch damit leben, dass sie diesen Prozess nicht mehr kontrollieren können.
Marcos selbst ist auch ein Opfer dieses Kommunikationsprozesses geworden, wie ich ihn oben beschrieben habe. Marcos will kein Protagonist sein, er hat sein Gesicht verhüllt und es interessiert nicht, wer er wirklich ist. Doch paradoxerweise hat er so die Aufmerksamkeit und Faszination der ganzen Welt auf sich gezogen.

Ich bin völlig Deiner Meinung, dass es demagogisch ist, zu behaupten, Marcos hätte den Indígenas das Gehirn gewaschen. Ich glaube vielmehr, er fasziniert die städtische, westlich orientierte Mittelklasse. Leute wie uns also. Und es ist gerade sein ganz eigener Stil, mit dem er das erreicht. Glaubst Du, die Zapatisten könnten auf Marcos verzichten?

Auf jeden Fall. Sicherlich hat sein Stil eine ganz persönliche Note. Aber die Formeln, die er verwendet und der poetische Stil kommen von den chiapanekischen Indígenas. Er übersetzt diesen Stil lediglich in eine Alltagssprache die auch die Städter, von Ciudad Juárez über Mexiko Stadt bis Mérida verstehen können. Und was die Metaphern angeht, die er verwendet, wäre es oberflächlich, diese nur als rhetorische Figuren zu verstehen. In Wirklichkeit handelt es sich um philosophische Kategorien aus dem Denken der Mayas. Ein Indígena aus Chiapas versteht Marcos’ Kommuniqués auf einer ganz tief liegenden Ebene, während ein junger Italiener vielleicht meint, es handle sich um pure Poesie.
Marcos Kommuniqués sind nicht lediglich das Produkt eines Mannes mit schriftstellerischer Inspiration. Sie sind das Produkt einer sozialen und kulturellen Bewegung, die viel älter ist als Marcos. Was die Leute vergessen ist, dass Marcos zum Beispiel bei dem Dialog von San Andrés nie anwesend war. Es waren ausschließlich Indígenas dort und zwar mit einer Sprachgewandtheit und einem politischen Gespür, das uns wirklich imponiert hat. Aber niemand sieht, was er nicht sehen will.

Aber was wäre gewesen, wenn es keinen Marcos gegeben hätte, der die Sprache der Indígenas in die der städtischen Bevölkerung übersetzt hätte?

Möglicherweise wäre der zapatistische Diskurs dann nicht so effektiv gewesen. Es war sicherlich sehr wichtig, diesem Diskurs eine persönliche Note zu geben und ihn in einer so einzigartigen Person zu konzentrieren. Denn ein zentraler Aspekt der Aufstandsbekämpfungsstrategie des mexikanischen Staates ist, politische Diskurse zu verfälschen. Der Staat sprach selbst im Namen revolutionärer Bewegungen mit dem Ziel, sie zu bekämpfen. Und um dieser Gefahr entgegenzuwirken, mussten die Zapatisten ihrem Diskurs einen unverwechselbaren Stempel aufdrücken.

Eine deutsche Kommentatorin hat vorgeschlagen, Marcos solle dem Medienspektakel um seine Person ein Ende bereiten und sich zurückziehen. Was hältst Du davon?

Offensichtlich sind die Zapatisten mit dieser Marcos-Manie nicht sehr glücklich, und Marcos selbst noch viel weniger. In der kritischen mexikanischen Öffentlichkeit ist völlig klar, dass der Zapatismus viel mehr ist als Marcos. Für die Mehrheit, die keinen Zugang zu kritischen Medien wie La jornada hat und ausschließlich die Desinformation aus den großen Fernsehstationen kennt, ist Marcos bereits zu einem Mythos geworden. Zu einer Figur die neben Helden wie Emiliano Zapata und Pancho Villa einen Platz in der mexikanischen Geschichte erobert hat. Diese Wahrnehmung ist die Antwort auf ein schlichtes Bedürfnis nach Symbolen. Marcos ist Teil unseres symbolischen Kapitals. Aber daraus die Konsequenz zu ziehen, zurückzutreten, würde ja gerade bedeuten, dass man denjenigen zustimmt, die behaupten, dass Marcos ein Medien-Caudillo ist.
Aber eines ist sicher: Sobald die Zapatisten sicher sein sollten, dass Marcos ihrem politischen Kampf abträglich ist, werden sie ihn zurückziehen.


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Der einsame Demokrator

Der neue Fidel Castro“ titelte die Washington Post Anfang November. Gemeint war der venezolanische Präsident Hugo Chávez Frías. Wenige Tage später legte die New York Times nach: „Hugo Chávez will offensichtlich ein Symbol für den Widerstand gegen die Vereinigten Staaten sein.“ Anlass für die in Chávez’ Augen „respektlosen“ Kommentare war der mit Pomp begangene offizielle Staatsbesuch des kubanischen Regimechefs Fidel Castro in Venezuela. Auch wenn sich selbst US-Außenministerin Madeleine Albright beeilte zu versichern, die Beziehungen zwischen ihrem Land und Venezuela seien stabil und die Leitartikler würden Einzelmeinungen vertreten – die Einschätzung der führenden Tageszeitungen im Osten der USA sind aufschlussreich für das Bild, das der seit rund zwei Jahren amtierende Präsident des nördlichsten aller südamerikanischen Länder seinen westlichen Partnern bietet.
Es ist das diffuse Bild eines Mannes aus dem Nichts, der bislang außer metaphernbeladener Reden und einiger Aufsehen erregender Auslandsreisen – wie zum irakischen Diktator Saddam Hussein – kaum eine stringente Vision von der Zukunft seines Landes hat durchblicken lassen. So ist es verständlich, dass die Meinungsmacher in den USA den Besuch Fidel Castros brauchten, um endlich zu beginnen, Konturen in die Politik von Hugo Chávez zu schleifen. Zumal Kuba in der direkten geostrategischen Interessensphäre der Vereinigten Staaten liegt und die Vorstellung eines erstarkenden USA-feindlichen Bündnisses in unmittelbarer Nähe trotz des fehlenden Rückhalts einer mächtigen sozialistischen Alternative alte Ängste weckt.
Was in Washington jedoch schwerer wiegt als die sozialistische Rhetorik Chávez’, sind die riesigen Ölreserven Venezuelas. Für die USA ist der zweitgrößte Rohölproduzent der Welt das wichtigste Energiebecken im eigenen Hinterhof. Chávez’ Bewusstsein über diese Ressourcenmacht ist vielleicht auch der Grund für seine scharfe Replik auf die Angriffe aus den regierungsnahen Zeitungen: „Diese Leitartikel zeigen das tiefe Unverständnis der Verantwortlichen über die wahren Verhältnisse in Venezuela.“
Doch wahrscheinlich war der Präsident nicht als Herrscher über ein Ölimperium der missliebigen Kritik entgegen getreten, sondern einfach beleidigt. Chávez ist kein abgeklärter Polit-Stratege, auch wenn der lange Weg vom unbedeutenden Fallschirmspringer zum mächtigsten Mann Venezuelas das vermuten ließe. Allein die überflüssigen Angriffe auf den Herausgeber der größten venezolanischen Tageszeitung El Universal, den Chávez mitverantwortlich machte für sein schlechtes Image in den Vereinigten Staaten, machen vielmehr deutlich, dass der Präsident wünscht, in seinen Geschäften nicht gestört zu werden. Es handelte sich nur um eine von unzähligen Attacken gegen die Pressefreiheit. Nicht gerade ein Zeichen von Demokratiefreundlichkeit.
Als Kind wollte der heutige Präsident noch Baseballstar werden. Der einzige Weg dorthin führte über die Armee, denn der Vater Chávez’, ein mittelloser Lehrer aus dem ländlichen Barinas, hätte es sich nicht leisten können, seinen Sohn in die Hauptstadt zu schicken, wo die Baseballarenen sind – und die Militärakademie. Als der junge Chávez nach Caracas kommt, beginnt er sich für Politik zu interessieren. Er schließt ein Studium der Politikwissenschaft ab und diskutiert mit seinen Kommillitonen die Politiktheorien von Marx über Rousseau bis Sartre.
Weil er die Situation der Armee, die Korruption und die Frustration, aus nächster Nähe erlebt, reift der Gedanke an einen Umsturz. 1982 gründet er die Revolutionäre Bolivarianische Bewegung (Movimiento Bolivariano Revolucionario) und wählt dafür den Geburtstag seines Vorbilds, des venezolanischen Unabhängigkeitskämpfers Simon Bolívar. Weder der Sinn für Symbolik, noch der Ärger über Politiker und Funktionäre, die ihren persönlichen Vorteil über den des Volkes stellen, ist Chávez abhanden gekommen. Nach seinem misslungenen Putschversuch von 1992 sann er im Gefängnis und – früh amnestiert – zurück in der Armee über einen Weg nach, die Geschicke Venezuelas in die eigene Hand zu nehmen.
„Eure Köpfe sollen in der Pfanne brutzeln“, rief der Präsidentschaftskandidat Chávez im Wahlkampf 1998 seinen Widersachern zu. Gekocht wurde nach seinem Wahlsieg freilich niemand. Aber seine martialische Rhetorik und das Wissen um Chávez Rückhalt in weiten Teilen des Militär ängstigte die alte Elite, so dass viele ihre Sachen – und vor allem ihr Vermögen – packten und außer Landes schafften. Chávez sieht darin wohl keinen Verlust. Nur ist er nun nach all den Jahren des Kämpfens von unten ein einsamer Demokrator. Kaum jemand aus den eigenen Reihen setzt ihm Widerstand entgegen. Die Vision von einem gerechteren Venezuela rückt in immer weitere Ferne.

Lebende politische Ambivalenz
Nicht zuletzt die Persönlichkeit Chávez’ macht den diplomatischen Umgang mit ihm zum Problem. Er ist die lebende politische Ambivalenz. Viele skeptische Landsleute nennen ihn „das Chamäleon“. Und tatsächlich: Der 46-Jährige wechselt die Couleur wie andere Staatsmänner ihre Feinripp-Unterhemden. Mal gibt er sich vor US-amerikanischen Wirtschaftsvertretern unternehmerfreundlich und wirbt für Investitionen „in unserem wunderbaren Land mit ungeheurem Wachstumspotenzial“. Nur ein paar Tage später ruft er im Fernsehen den verarmten Venezolanern zu, er werde ihre Ausbeutung nicht weiter zulassen und auf eine „gerechtere“, will sagen: sozialistischere Wirtschaftsordnung hinarbeiten. So verunsichert er die Wirtschaftsvertreter und wundert sich, wenn diese ihre Investitionen zurückhalten. Chávez will mit allen gut Freund sein und tritt doch – oder vielleicht gerade deshalb – von einem Fettnapf in den nächsten. Kolumbiens Präsident Andrés Pastrana ist sauer, weil Chávez sich so gut mit der Guerilla versteht. Dabei wollte er doch nur vermitteln, beteuert Chávez. Vertrauensbildende politische Handlungen brauchen eben Zeit, die Chávez sich selten lässt. So kommt auch seine erklärte bolivarianisch inspirierte Vision von einem lateinamerikanischen Vereinigungsprozess nicht in die Gänge.
In seinen ausufernden, stets philosophisch inspirierten Reden bricht Chávez eine Lanze für die „wahre Demokratie“ und beschwört die Gemeinschaft des venezolanischen Volkes. Er beteiligte die WählerInnen am größten Projekt seiner ersten Amtszeit, der neuen Verfassung für Venezuela, die mit einer Umbenennung des Staates einher ging: „Bolivarianische Republik Venezuela“ heißt er nun. Doch der „neue Staat“ ist nicht demokratischer geordnet. Im Gegenteil sind die Befugnisse des Präsidenten stark erweitert, die Gewaltenteilung geschwächt. Weitere Zweifel an der Demokratietauglichkeit Chávez’: Gegen demonstrierende Studenten in Mérida wird wie einst unter dem von Chávez beinahe gestürzten Präsidenten Carlos Andrés Perez das Militär eingesetzt. Dabei hatte Chávez noch Anfang letzten Jahres geschworen: „Niemals wieder werden Panzer, Soldaten und die Flugzeuge dieser Soldaten wie damals unser Volk unter Beschuss nehmen. Niemals wieder. Niemals.“
Die Pressefreiheit sollte per Verfassung beschnitten werden. Die Teilnehmer der Verfassunggebenden Versammlung, die den neuen Verfassungstext erarbeiteten, waren zum größten Teil Chávez-Getreue. Trotzdem konnten die Chavisten sich in diesem Punkt nicht durchsetzen. Auch in anderen wichtigen Institutionen wie dem Obersten Gerichtshof wurde die alte Elite schrittweise durch Gefährten aus alten Putsch-Tagen und durch solche ersetzt, die sich nach der Machterlangung Chávez’ auf dessen Seite geschlagen hatten.

Mil Bolívares – Diez Mil Chávez’

Der Ex-Offizier scheint die notorische Korruption dieser alten Elite, die Venezuela 40 Jahre lang regierte und von einem prosperierenden Land an der Schwelle zur „Ersten Welt“ ins Armenhaus manövrierte, bisweilen als Totschlagargument gegen Zweifel an seiner demokratischen Gesinnung zu missbrauchen. Wann immer sich Kritik aus der Ecke der alten – und innerhalb von nur zwei Jahren in der Bedeutungslosigkeit versunkenen – Parteien Acción Democrática und Copei rührt, weist Chávez sie mit einer lässigen Geste zurück: „Ihr könnt von Glück sagen, dass ihr die Revolution so unbeschadet überstanden habt. Für das neue Venezuela ist eure Meinung aber unerheblich.“
So ambivalent sich Chávez in den um Planungssicherheit bemühten Kreisen der westlichen Diplomatie präsentiert, so ambivalent fallen auch seine Erfolge aus. Sicherlich hat er die Beziehungen Venezuelas zum Irak, zu den meisten OPEC-Staaten, zu Kuba verbessert. Doch auch das jüngste Wirtschaftsabkommen zwischen Castro und Chávez, das Venezuela Medizin im Gegenzug für Öl garantiert, ist nicht mehr als ein symbolischer Akt und für die desolate Situation der meisten VenezolanerInnen der sprichwörtliche Tropfen auf den heißen Stein. Und bei den „Geberstaaten“, speziell den USA und der Europäischen Union, beäugt man die Anbandelung an „Schurkenstaaten“ und die kompromisslose Haltung Chávez’ bei den OPEC-Verhandlungen mit wachsender Skepsis.
Doch nicht nur im Ausland, auch in Venezuela sinkt der Stern des ehemaligen Fallschirmspringers. Chávez wurde gewählt von den armen Bevölkerungsteilen, die in ihm eine Chance sahen, das alte korrupte System hinter sich zu lassen und die ihn beinahe zum Heilsbringer stilisierten. „Er ist einer von uns“ war das Credo nach dem sensationellen Wahlerfolg vom Dezember 1998. Das rote Barrett des „Comandante“, der selbst aus ärmsten Verhältnissen stammt, avancierte zum Symbol für den Glauben an ein neues, gerechtes Venezuela ohne Korruption und mit steigendem Wohlstand. Die Leute trugen ihre roten Militärmützen stolz in den Straßen der Armenviertel zur Schau. Nun, nach zwei Jahren Amtszeit, werden die Fragen lauter nach den konkreten Ergebnissen der „Revolution“, die Chávez versprochen hatte. Die Wirtschaftsdaten zeigen zwar wegen des hohen Ölpreises leicht nach oben, aber die Umverteilung will nicht recht funktionieren. Und das größte Problem bleibt die Kapitalflucht, die mit dem Niedergang der alten Elite einsetzte und deren Lücke die verunsicherten ausländischen Investoren nicht schließen mögen. Wegen der hohen Inflation werden schon Stimmen für eine Dollarisierung nach dem Vorbild Ecuadors laut.
Der Dichter Chávez wird sich in seiner politischen Situation wohl manchmal an Rilkes Panther erinnert fühlen. Hinter einem Meer von „realpolitischen“ Gitterstäben faucht er nach allen Seiten aus seinem Palast. Wer sich zu nah heran wagt, bekommt vielleicht einen Tatzenhieb zu spüren. Doch auf längere Sicht stumpft sich Chávez an den Eisenstäben die Krallen ab. Im Gegensatz zu Rilkes Raubtier hat Hugo Chávez die Möglichkeit, seinen Käfig zu öffnen. Nur wenn er diese Chance wahrnimmt, sich Verbündete in den Palast holt statt sie zu vergraulen und ihnen Innenansichten gewährt, wird er als demokratischer Präsident bestehen und die ungelösten wirtschaftlichen Probleme wirkungsvoll angehen können.


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