VERERBTE GEWALT

Was wäre passiert, hätten die Entführungen, die Massaker, der Krieg nicht stattgefunden? Was, wenn dieser Mord nicht geschehen wäre, der Mord an dem linken Präsidentschaftskandidaten Jorge Eliécer Gaitán?

Der Tag seiner Ermordung, der 9. April 1945, „ist ein schwarzes Loch in der kolumbianischen Geschichte“. El Bogotázo, der darauf folgende Aufstand in der Hauptstadt, kostete mindestens 3.000 Menschen das Leben und stürzte das Land ins Chaos. Zehn Jahre lang kämpften Konservative und Liberale in einem offenen Bürgerkrieg um die Macht. Der Mord an Gaitán war der Auslöser einer „kollektive(n) Neurose“, schreibt Vásquez. Es war das Wiederaufflammen des bis heute andauernden Krieges zwischen progressivem und reaktionärem Denken in Kolumbien.

Juan Gabriel Vásquez geht in Die Gestalt der Ruinen nicht der Frage nach, wie das Land ausgesehen hätte, wäre Gaitán nicht ermordet worden. Der Schriftsteller fantasiert nicht über Utopien, sondern beschäftigt sich mit den dadurch zum Leben erweckten Verschwörungstheorien. Hat der 27-jährige Mörder, Juan Roa Sierra, an jenem Mittag allein gehandelt? Was sagen die Bilder, Erinnerungen und sogar Überreste Gaitáns über dessen Tod und den vieler anderer Politiker aus?

„Das Buch ist ein Exorzismus“, sagt der Autor im Interview mit der kolumbianischen Zeitung El País. In dem 520-seitigen Roman erhalten die Leser*innen Einblicke in das Leben von Vásquez, der mit 45 Jahren bereits als einer der wichtigsten lateinamerikanischen Schriftsteller der Gegenwart gilt. Sein Buch ist eine persönliche Auseinandersetzung mit der Gewalt der 1980er Jahre, als der Drogenkrieg das Land mit aller Wucht traf: „Wir alle erlebten, wie unsere Häuser abbrannten, wir alle waren in diesen Bürgerkrieg verwickelt, der natürlich kein Bürgerkrieg war, sondern ein Massaker, feige, unbarmherzig, tückisch, an verletzlichen und zudem unschuldigen Menschen.“ Der Roman ist gleichzeitig eine Auseinandersetzung mit der nicht erlebten, sondern erzählten Gewalt, mit den Lebensgeschichten der Großeltern während des Bürgerkrieges nach dem Mord an Gaitán – Geschichten, die über die Zeit zu Legenden in jeder kolumbianischen Familie wurden.

Vásquez erzählt, wie er auf einer Party des Arztes Francisco Benavides die Bekanntschaft von Carlos Carballo machte. Carballo ist ein Verschwörungstheoretiker, der von der Geschichte um und von Gaitáns Ermordung besessen ist. Die Beziehung zwischen dem Schriftsteller Vásquez, dem Arzt Benavides und dem Verschwörungstheoretiker Carballos wird zum roten Faden im komplexen Geflecht von realen und fiktiven Detektivgeschichten.

Die Gestalt der Ruinen, drei Jahre nach dem Erscheinen nun auf Deutsch übersetzt, ist meisterlich geschrieben. Mit journalistischem Stil nimmt Vásquez mal die Perspektive des Schriftstellers, mal die des Historikers, des Kriminologen oder die seiner Zeug*innen ein. Im stetigen Wechsel der Erzählperspektiven führt der Autor die Leser*innen im zweiten Teil des Romans zurück in die Vergangenheit, an einen Tag im Jahr 1914, als Rafael Uribe Uribe, General und Politiker der Liberalen Partei, getötet wurde – ein weiterer angekündigter Tod in der kolumbianische Politik mit viel verschwörungstheoretischem Potenzial.

„In dem Roman habe ich versucht, mich mit einer meiner Sorgen auseinanderzusetzen, nämlich der, dass wir Kolumbianer die Verbrechen vererben, die Gewalt in unserem Leben”, sagte Vásquez weiter im Interview mit El País. Sein Vorhaben gelingt ihm: Der erzählte Weg dorthin macht den Roman höchst aktuell und sehr lesenswert.


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VERFRÜHTE MIDLIFE-CRISIS

Sie waren zu viert: Aurora, Emiliano, Antero und Andrei „Duke“ Dukelsky. Ein Quartett, das um die Jahrtausendwende das digitale Fanzine Orangotango publizierte, Wegbereiter des Internets, Millennials, bevor man von Millennials sprach. Jung, wild, populär, belesen und provokativ erleben sie die intensivste Zeit ihres Lebens gemeinsam in Porto Alegre. Doch was bleibt, wenn junge Wilde älter werden? Aurora hat trotz ihres Erfolgs als Bloggerin den Journalismus geschmissen und schlägt sich als Doktorandin mit bahnbrechenden Forschungen zu Zuckerrohr und misogynen Professoren herum. Andrei veröffentlichte drei Romane und wird „eines der vielversprechensten Talente der zeitgenössischen brasilianischen Literatur“; gleichzeitig begeht er „digitalen Selbstmord“, indem er alle seine Internet-Accounts löscht. Antero berät die ganz großen Firmen zu Kommunikations-Strategien, hat Geld, Frau, Kind und eine Reihe Online-Affären. Emiliano, sieben Jahre älter als die anderen, wird mäßig erfolgreicher freier Journalist und Autor, der offen schwul lebt.

Viel miteinander zu tun haben sie, 15 Jahre nach der Zeit mit Orangotango, nicht mehr. Dann stirbt Andrei völlig überraschend, erschossen bei einem Raubüberfall auf seiner Joggingrunde. Anlass für Aurora, Antero und Emiliano den Freund zu beerdigen, auf Spurensuche in die Vergangenheit zu gehen und die Frage zu beantworten, wer der immer rätselhafte „Duke“ eigentlich war.

Der Autor Daniel Galera – auch er ist 1979 geboren, lebt in Porto Alegre und gilt als großes Talent der zeitgenössischen brasilianischen Literatur – wählt die eher konventionelle Ausgangssituation eines plötzlichen Todesfalles, um viele kleine und einige größere Geschichten aus den „Nullerjahren“ zu erzählen, immer wieder durchbrochen von Ausflügen in das heutige Brasilien: die Streiks der Busunternehmen, die großen Proteste von 2013, die immer weiter zunehmende Gewalt auf den Straßen. Er bleibt dabei ganz in seinem Universum der brasilianischen Mittelklasse, ihren Aufstiegsnöten und Abstiegsängsten. Das große Thema des Romans So enden wir (im Original „Zwanzig nach zwölf“), atmosphärisch und sprachlich überall angedeutet, ist aber eine irgendwie drohende Apokalypse: „Ich kann mir nicht vorstellen, dass sich irgendwas bessern wird. Jeder weiß doch, was falsch läuft und was man besser machen könnte, aber was gemacht werden könnte, wird nicht gemacht, und deswegen kann man sich gar nicht mehr vorstellen, dass es gemacht werden könnte. Ich fürchte, ich gehöre allmählich zu den Leuten, die an das Ende der Welt glauben. Dabei fand ich das immer so lächerlich“, sagt Aurora, als sie zu dritt nach der Beerdigung in „ihrer alten“ Bar sitzen.

Aurora als Biologin übernimmt den Part der Mahnerin in der Wüste, zieht auch die radikalsten Konsequenzen aus ihrer Kritik. Doch mit dem Fortgang der Handlung wächst das deutliche Gefühl, dass es den dreien nicht wirklich um eine drohende ökologische Katastrophe oder fehlende gesellschaftliche Veränderung geht, sondern sie ganz einfach von „Lebensüberdruss“ geplagt werden. 15 Jahre nach den intensiven, wilden Zeiten ist ihr Leben schal geworden. Am Ende folgt Aurora einem Fabelwesen in den Wald und Emiliano macht eine gänzlich neue sexuelle Erfahrung: „Es war ein neues, unerschlossenes Terrain, etwas, das ich noch nicht kannte und das mich mit einer Energie erfüllte, die ich mir für später aufbewahren würde. Für einen Moment in der Zukunft, der alles sein konnte, nur nicht langweilig. Solange diese Art von Energie existierte, dachte ich, bevor ich einschlief, solange ein paar von uns sie noch in sich spürten, auch wenn wir sie gerade nicht nutzten, würde unsere Welt weiterbestehen.“ Liest man den Roman als aktuelles Psychogramm der aufgeklärten brasilianischen Mittelklasse, dann ist an Verbesserungen wirklich nicht zu denken.


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BEGEHREN NACH CORTÁZARS ART

„‚Sie sind wie die Katzen… wie zankende Katzen.‘ Carlos María dachte an das fürchterliche Geschrei nachts auf den Dächern. Aber er wusste auch, dass Katzen sich unter dem Vollmond nicht zanken.“ Was machen wohl Katzen nachts unter dem Vollmond? Und was ist das für eine Beziehung zwischen Marta und Carlos María, den Katzen in dieser Geschichte? Das fragen sich nicht nur die beiden selbst, sondern auch die Leser*innen. Als Cousin und Cousine wachsen Carlos María und Marta in der Familie Hilaire in Buenos Aires auf. Sie spielen zusammen, sie ziehen sich gegenseitig auf, sie mögen sich, sie hassen sich. So wie das Geschwister eben tun. Doch mit der Zeit verwandelt sich ihr Verhältnis in etwas Anderes. Für die Leser*innen ist die sexuelle Spannung spürbar, für die Hauptpersonen sind die Gefühle des*r jeweiligen Anderen ungewiss. Dann findet Carlos María einen Brief, der alles zu ändern scheint. Und als er seine Eltern damit konfrontiert, stiften sie noch mehr Chaos.


In Die Katzen behandelt Cortázar die Themen des Erwachsenwerdens und des verbotenen Begehrens. Auf fesselnde Weise schildert er die Zerrissenheit zweier junger Menschen zwischen ihren Gefühlen und den Tabus ihrer Umgebung. Deutlich ist auch der Konflikt mit den Eltern, die mit ihrer Geheimnistuerei das Leben der beiden ruinieren.
Form und Stil des Werks erinnern an andere Erzählungen Cortázars wie El Perseguidor (Der Verfolger) und die übrigen in dem Band Las armas secretas (Die geheimen Waffen). Man findet seine lakonischen und ironischen Kommentare wieder, das Ende ist offen. Nach typischer Art des Autors sollen die Leser*innen viele Leerstellen füllen. Was eine mehrfache Lektüre erlaubt, die jedes Mal anders ist.

Die Katzen ist die bisher einzige auf Deutsch erschienene Erzählung unter den 2009 in Cortázars Nachlass überraschend aufgefundenen papeles inesperados. Die Übersetzung ist innerhalb eines Mentoringprojekts der Kunststiftung NRW entstanden, die die Zusammenarbeit einer herangehenden Übersetzerin mit einem erfahreneren Kollegen erlaubt hat. Die Ausgabe ist zweisprachig, man kann den Text also wunderbar im Original genießen und auf die Übersetzung zurückgreifen, wenn verzwickte argentinische Wörter auftauchen. In der Theorie. In der Praxis empfinden das wohl die meisten Menschen mit nicht allzu perfekten Spanischkenntnissen schon nach kurzer Zeit als nervig und lesen einfach auf Deutsch weiter, weil der Text sie in seinen Bann zieht.

Überhaupt endet die Lektüre viel zu schnell, und es bleibt ein kurioses Gefühl der Nostalgie zurück, ein Bedauern, sich dafür nicht mehr Zeit genommen zu haben. Genau dann bietet es sich an, nochmal zurückzublättern und sich auch die Originalversion vorzunehmen.


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GEFANGEN IM SCHLEIER AUS BLUT


Das Motiv der Blindheit spielt schon seit der Antike eine bedeutende Rolle in Kunst und Literatur. Homer war angeblich blind. Bei Max Frisch, Ingeborg Bachmann, Peter Handke und vielen anderen deutschen Nachkriegsautor*innen spielen blinde Figuren wichtige Rollen. Jorge Luis Borges malte nach seiner Erblindung gar ein Selbstportrait. In vielen Büchern sind Blinde geradezu mythologische Figuren, die ein Hauch von Weisheit, Heldenhaftigkeit und überirdischer Kraft umweht. Lina Meruane, geboren 1970 in Santiago de Chile, zerschmettert diesen Mythos mit derselben Kraft und Geschwindigkeit, mit der das Blut in die Augen der Protagonistin ihres Romans Rot vor Augen schießt.

Meruane, die momentan im Rahmen des Künstlerprogramms des DAAD in Berlin lebt, ist für die spanische Originalversion, Sangre en el ojo, bereits 2011 mit dem Anna-Seghers-Preis ausgezeich-net worden. Es ist ihr erster Roman, der nun ins Deutsche übersetzt wurde.

Eines Abends, inmitten einer Par-ty in New York, geschieht es: Die Protagonistin Lina, die genauso heißt wie ihre Autorin – nur einer von vielen autobiographischen Zügen des Romans –, erblindet. Ihr Augenarzt, ein grummeliger, älterer Herr namens Lekz, hatte sie aufgrund ihrer Diabetes schon lange davor gewarnt. Linas Verhalten nach ihrer Erblindung ist alles andere als heldenhaft. Mit medizinischer Präzision beschreibt Meruane die Besuche bei Lekz, die plötzliche Tollpatschigkeit Linas, die Verletzungen, die sie sich in der eigenen Wohnung zuzieht, weil sie sich nicht mehr zurechtfinden kann. Ihre Blindheit hat nichts Metaphorisches, wie wir es aus anderen Büchern vielleicht gewöhnt sind. Sie ist geradezu unheimlich real.
Ihrem Partner Ignacio begegnet sie bisweilen mit Boshaftigkeit, fordert ihn ständig heraus und ist vor allen Dingen besitzergreifend. „Ignacio, flüsterte ich und blies dir ins Gesicht, wiederholte deinen Namen dann lauter und drückte deinen Arm. Aber du hast nicht geantwortet, dein Wille war betäubt, du warst wie ein Toter, aber ein Toter, der ganz und gar mir gehörte.” Lina ist in ihrer Verzweiflung unberechenbar, doch sie ist auch liebevoll und verletzlich. Sie, eine Schriftstellerin, kann nun weder schreiben noch lesen, und damit kann und will sie nicht zurechtkommen. Sie ist bereit alles zu tun, um ihr Augenlicht zurück zu erlangen und erwartet, dass die Leute um sie herum, allen voran Ignacio, ebenso alles dafür tun.

Die kurzen Kapitel prasseln mit spitzer und vernichtender Sprache auf uns ein und rechnen knallhart mit einer Gesellschaft ab, in der versucht wird, Krankheit zur Privatsache zu machen. Manchmal ironisch und manchmal bitterernst konfrontiert uns Rot vor Augen mit einer Sackgasse, in der kein Raum für Neuverhandlungen der Identität geschaffen werden kann, obwohl der Versuch, genau dies zu tun für Lina die einzige Chance ist zu überleben. Sprache und Gefühle der Protagonistin sind in Meruanes Prosa eins. Ist Lina unbeholfen, ist es auch ihre Sprache, ist sie berechnend und kalt, treffen uns ihre Worte messerscharf. Nicht zuletzt deswegen ist Meruanes Stil unverkennbar und einzigartig, und das Leseerlebnis, insbesondere das fulminante Ende, eine schonungslose Konfrontation mit den dunkelsten Tiefen des menschlichen Körpers und seiner Psyche.


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SIEBEN LEERE SEELEN

Nichts ist sicher, nicht die Vergangenheit oder die Erinnerung, nicht die Gegenwart, erst recht nicht die Zukunft. Und schon gar nicht das eigene Zuhause. Sieben leere Häuser heißt Samanta Schweblins Band mit sieben Erzählungen, doch es geht auf den ersten Blick gar nicht so sehr um die Häuser selber, sondern darum, wie ihre Protagonist*innen die Häuser verlassen, einem unerklärlichen Drang folgend, dem sie sich nicht widersetzen können.

Schweblin, 1978 in Buenos Aires geboren, lebt zurzeit in Berlin. Nach dem Erzählband Die Wahrheit über die Zukunft (2010) und dem Roman Das Gift (2016; s. LN 503) ist Sieben leere Häuser nun ihr drittes Buch in deutscher Übersetzung. Die Erzählstimmen sind die von sechs Frauen unterschiedlichen Alters und eines Mannes. Da ist zum Beispiel die offenbar demente Lola, die auf der Suche nach dem Tod ist und ihn nicht finden kann, weil sie glaubt, von dem Nachbarsjungen terrorisiert zu werden. Da ist der Mann, der sich vor seiner Ex-Frau für seine nackt durch den Garten tanzenden Eltern rechtfertigen muss, und die Frau, die nur mit einem Bademantel bekleidet ihre Wohnung verlässt, um einem Gespräch mit ihrem Partner aus dem Weg zu gehen und schließlich im Wagen des Hausmeisters eine Spazierfahrt durch Buenos Aires beginnt. Und da ist ein achtjähriges Mädchen, das sich an seinem Geburtstag die Aufmerksamkeit der mit dem Notfall der kleinen Schwester beschäftigten Eltern zurückerkämpft, indem es mit einem fremden Mann ausbüxt, um eine Unterhose zu kaufen.

Einige Figuren suchen die Grenzüberschreitung, um sich lebendig fühlen zu können. Andere wiederum klammern sich auf der Suche nach dem Sinn ihres Daseins an irgendeine Art von Ordnung – wie die der Lebensmittel im Kühlschrank oder des perfekten Zuschnitts der Pinien im Garten – oder legen repetitive Verhaltensmuster an den Tag, werfen zum Beispiel regelmäßig die Klamotten des verstorbenen Sohnes in den Nachbargarten oder fahren in reichen Vierteln herum, um sich dort die Häuser anzusehen und wertvolle persönliche Dinge zu stehlen, nur um diese dann im eigenen bescheidenen Garten vergraben zu können.

Manche der Erzählungen eskalieren am Ende, andere lassen uns im Ungewissen. Die Sprache, im Einklang mit der unterschwelligen Spannung, ist auch in der Übersetzung lakonisch, schlicht und geradlinig. Die Gefahr lauert in allen Ecken, doch wir wissen meistens gar nicht, worin sie besteht oder warum sie überhaupt gefährlich ist. Wir wissen nur, dass alle Figuren etwas verloren haben oder etwas zu verlieren glauben, dass sie trotz der Gesellschaft der Familie oder der Partnerschaft, in der sie sich allesamt befinden, schonungsloser Einsamkeit ausgesetzt sind und dieser zu entkommen versuchen, indem sie durch die Straßen ziehen und sich Fremden anvertrauen, ohne jedoch je wirklich etwas preiszugeben. Namenlos die meisten Erzählstimmen, namenlos die Fremden. Er, sie, die Frau, mein Mann, meine Mutter. Schweblin führt uns rücksichtslos in die Hölle der zwischenmenschlichen Beziehungen des 21. Jahrhunderts und lässt nichts als leere Häuser und leere Seelen zurück. Und das auf äußerst virtuose Art und Weise.


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HOFFNUNG IN EINER HOFFNUNGSLOSEN WELT

Contreras Castro nimmt uns mit in eine Geschichte, in welcher sich die Grenzen zwischen der harschen sozialen Realität eines Bordells und dem scheinbar Unvorstellbaren ständig verschieben und sogar ganz zu verschwinden scheinen. In bildreicher Sprache hat Contreras eine Erzählung geschaffen, in der die Figuren des Romans versuchen, sich der Gewalt, der Ohnmacht und schlussendlich auch der Absurdität des Alltags mit bedingungsloser Liebe, mit Zusammenhalt und Akzeptanz entgegenzustellen.

Wir lernen Consuelo kennen, die seit dem Arbeitsunfalls ihres Mannes als Köchin in dem Bordell lebt und arbeitet und als gute Seele das Haus zusammenhält.

Ihr Bruder Jerónimo, ein wohl verrückter Ex-Mönch, befindet sich auf ständigen ziellosen Streifzügen durch die Stadt und nimmt die Welt auf seine ganz eigene Weise war. Er erklärt sich die Welt anhand eines Wissens, welches aus Büchern des 16. Jahrhunderts stammt, was ihn jedoch nicht davon abhält seine bisweilen kruden Anschauungen in der Realität bestätigt zu finden.

Im Mittelpunkt des Buches steht aber das Leben des kleinen Polyphem. Als Sohn eines von zu Hause verstoßenen Mädchens wird er in dem Bordell in San José geboren. Er wäre wohl ein ganz normales Kind, – wäre da nicht das große, tiefschwarze und leuchtende Auge auf seiner Stirn.

Während sich alle vor dem kleinen Monster fürchten, nimmt sich Jerónimo ihm liebevoll an, um ihm später all das, sprichwörtlich Ungeheuerliche, beizubringen, was er über das Leben weiß.

Behütet und vor den Augen Fremder versteckt, wächst der kleine Polyphem im Hof des alten Hauses auf – bis ihn eines Tages die Neugierde packt. Das Auge unter einer großen Mütze versteckt, begleitet er Jerónimo auf einen seiner Streifzügen durch die Stadt, um die Welt mit seinem eigenen Auge zu sehen. Schnell schließen die beiden Freundschaften und so nehmen uns der Mönch und das Kind, in den vielen darauf folgenden Anekdoten mit – in ihre Stadt.

Contreras überzeugt durch großes Wissen, eine noch größere Phantasie und erzählerisches Talent.

Besonders in den genialen, wie naiven, aber immer bizarren und skurrilen Anschauungen Jerónimos, spielt Contreras geschickt mit dem Spannungsverhältnis von Glauben und Wissen, welches unsere Perspektiven und somit unsere Wahrnehmung der Welt mitbestimmt. Jerónimos Zugang zur Welt erweitert die harsche Realität des Alltags um magische Elemente– und lässt die Lesenden nicht selten schmunzelnd, lachend, andere Male ungläubig und traurig zurück.

Mit einem kritischen Blick stellt Contreras in diesem teils komödienhaften, teils bedrückenden Buch Fragen von großer gesellschaftlicher Relevanz und schafft eine Geschichte der Hoffnung in einer hoffnungslosen Welt. Auf Deutsch zuerst erschienen 2002 im Maro Verlag. Seit 2011 erscheint es im Unionsverlag.


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LIEDER DES AMAZONAS

Wie kann man einen Film über den Amazonas machen, der fast vollkommen schwarzweiß ist? Bei all den blühenden Farben, die dieser faszinierende Dschungel zu bieten hat? Bei El abrazo de la serpiente (deutscher Titel: Der Schamane und die Schlange – Eine Reise auf dem Amazonas), kann man fast glauben, der Dschungel sei zu Anfang des 20. Jahrhunderts schwarzweiß gewesen, so sehr passt seine monochrome Ästhetik in seine Geschichte, so eindrucksvoll sind die Totalen der Natur, so lebendig seine Bildsprache trotz fehlender Farben: Schlüpfende, schleimige Schlangenbabys, tanzende Schmetterlingsschwärme, das glänzende Fell eines Jaguars strahlen schwarz-weiße Farbenpracht aus.

Der Film ist eine Wucht. Er handelt von dem Weltenbeweger Karamakate, einem Schamanen der Cohiuano, der allein, ohne sein Volk, das fast völlig durch die Kolonisator*innen ausgerottet wurde, in einer Hütte im Amazonasgebiet lebt. Mit Karamakate begeben wir uns auf eine Reise; durch den Dschungel, über die Flüsse, in die Träume, in den Rausch. Der Film springt hin und her zwischen dem jungen und dem alten Karamakate. Beide sind faszinierende und auf beeindruckende Art und Weise integere Charaktere.

Erzählt wird die auf echten Tagebuchaufzeichnungen basierende Geschichte zweier Reisen, in einer Zeit ohne Zeit, auf der Suche nach der heiligen Pflanze Yakruna. Der deutsche Forscher und Anthropologe Theodor von Martius und sein treuer Reisebegleiter Manduca bitten Karamakate, dem kranken Forscher zu helfen und ihn mit der Yakruna zu heilen. Widerwillig lässt sich Karamakate darauf ein, denn „weiße Wissenschaft führt nur zu Gewalt und Tod.“ 30 Jahre später bittet ihn erneut ein Forscher, der auf den Spuren von Von Martius‘ Tagebüchern wandert, ihm zu helfen, die Yakruna zu finden („Ich bin ein Mensch, der sein Leben den Pflanzen widmet“ – „Das ist das Vernünftigste, was ich je von einem Weißen gehört habe“). Und so springen die beiden Geschichten vom alten zum jungen Karamakate, von Theo zu Evan, und vermischen sich, denn Zeit stellt sich in dieser Art, die Welt zu verstehen nicht als fortlaufende Linie dar, sondern als Serie multipler Universen, die sich gleichzeitig abspielen. So ist der junge Forscher Evan für den alten Karamakate der gleiche wie Theodeor von Martius, das gleiche Leben und Erleben, was sich im Körper zweier Menschen abspielt. Karakamate scheint hingegen zwei Figuren in einem Körper zu sein. Als junger Mann strahlt er eine eindrucksvolle Standfestigkeit und Willensstärke aus, gleichzeitig Stolz und Verletzlichkeit. Im Alter hat er seine Kräfte und seinen Zugang zum Wissen verloren und befindet sich in einer „Sinnkrise“, um es in städtischem Vokabular auszudrücken. „Ich erinnere mich nicht mehr“, sagt der alte Karamakate voller Trauer. „Die Sterne sprachen früher zu mir. Sterne, Bäume, Tiere, alles schweigt. Ich bin nur ein Chullachaqui, eine leere Hülle.“ Und so wird auf einmal der junge Forscher zu dem, der dem alten Schamanen den Weg leiten soll.

Die beiden weißen Forscher, deren Leben über viele Dinge verbunden sind, sind zwar vergleichsweise respektvoll gegenüber dem Wissen der Indigenen, aber vor allem, um es für sich selbst zu nutzen. Das „Konservieren“ von Kultur und Wissen wird einerseits zur geschätzten Tugend, zeigt aber auch dessen potentielle paternalistischen Züge, wenn Entwicklungsmöglichkeiten nur manchen vorbehalten bleiben sollen. Dies wird zum Thema, als Theo um keinen Preis seinen Kompass als (erzwungenes) Gastgeschenk zurücklassen will – die Indigenen würden sonst ihr Wissen, Wind und Sterne zu lesen, verlieren. „Du wirst nicht verhindern, dass sie lernen“ lehrt Karamakate Theo, „das Wissen gehört allen“.

Und so sprechen die passionierten, wissbegierigen Forscher die indigenen Sprachen, lernen Rituale, aber bleiben dennoch Weiße und ihre geschäftigen Bewegungen im Dschungel wirken lächerlich, die Versuche Karamakates Wissen mit „viel Geld“ (zwei Dollar) zu kaufen, erbärmlich, ihre Fixierung auf materielle Dingen absurd. „Warum hängen die Weißen so an ihren Objekten?“ fragt Karamakate Manduca, Theos Begleiter, der zu einer Art Mittler zwischen den beiden Männern geworden ist und als Indigener in europäischer (Ver-)Kleidung zunächst bei Karamakate nur Verachtung auslöst. Sogar die Liebe in der Welt der Weißen wird als Form von Besitz entlarvt, als die Liebesbekundungen, die Von Martius voller Sehnsucht und Wehmut in Manducas Feder an seine Frau diktiert, durch das schallende Gelächter über die „Gefühle“ des Weißen von Karamakate zu einer etwas unverständlichen Sinnlosigkeit verkommen. Wenn der Weltenbeweger vor Lachen fast aus dem Kanu fällt, muss man unweigerlich mitlachen.

Auf ihrer Reise passieren die Gefährten neben überwältigenden Schauplätzen der Natur immer wieder auch die brutalen Vermächtnisse des Kolonialismus, die sich wie ein unheilvoller Fluch und düstere Orte des Wahnsinns präsentieren. Die zerstörerische Macht ist greifbar, bedrückend, bedrohlich – und effektiv gewesen. Von vielen der Kulturen, die im Amazonas lebten, sind die Aufzeichnungen in Von Martius‘ Tagebüchern das einzige Zeugnis, das noch existiert. „Wo sind die Lieder, mit denen Mütter ihre Kinder trösten? Wo sind die Erzählungen der Ahnen, ihr Liebesgeflüster, ihre Kriegsgeschichten? Wohin sind sie gegangen?“ klagt der alte Karamakate, nachdem Kolonialisierung und Kautschukbarone längst ganze Völker seines Amazonas ausgelöscht haben. „Lasst nicht zu, dass unser Lied verstummt“, mahnt der junge Karamakate dann auch die Kinder, denen in der Mission der Teufel ausgetrieben werden soll.

Es sind die Lieder des Amazonas, denen seine Besucher*innen zuhören lernen müssen. „Lass dich von deinen Träumen führen“, rät Karamakate seinem Begleiter. „Ich bin ein Mann der Wissenschaft, der realen Fakten“ erklärt Evan, während er mit Karamakate einer Platte auf seinem tragbaren Plattenspieler lauscht und überzeugend klarmachen will, warum er weiß, dass der Fluss zwei Ufer hat. „Der Fluss hat tausend Ufer. Das weiß jedes Kind.“ entgegnet ihm Karamakate. „Träume sind viel echter als Deine Wirklichkeit. Die Welt spricht. Ich muss nur zuhören. Hör ganz zu. Nicht nur mit Deinen Ohren.“

Zuhören sollte man auch diesem Film, sich auf ihn einlassen. Dann wird er einen mitnehmen auf eine berührende Reise in den Amazonas, für die es, wenn man es mit Von Martius‘ Tagebucheinträgen hält, „keine Sprache gibt, in der sich die Schönheit und Pracht […] ausdrücken ließe“, die sich einem in diesen „verzauberten Stunden“ bieten wird.


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ENDZEITSTIMMUNG IM GEISTERDORF

Juan Rulfos einziger Roman wurde in den 61 Jahren seit seinem Erscheinen vielfach rezipiert: mehrere Verfilmungen, eine davon nach einem Drehbuch von Carlos Fuentes, ein kathedralenfüllender Haufen Sekundärliteratur, unzählige Doktorarbeiten. Eigentlich, so müsste man denken, kann über ein so dünnes Büchlein unmöglich noch mehr gesagt werden. Und dennoch: In Mexiko werden Neuauflagen mit Vorworten Intellektueller und auch die Doktorarbeiten immer noch wie am Fließband produziert.

Rulfo, geboren 1917 in Sayula im mexikanischen Bundesstaat Jalisco, gestorben 1986 in Mexiko-Stadt, hat zu Lebzeiten nicht mehr als knappe 300 Seiten Text an Verlage geschickt, von denen jede einzelne jedoch umso bemerkenswerter ist. Pedro Páramo ist einer der ersten Romane der künstlerischen Strömung des Magischen Realismus, der auf der einen Seite kategorischer Imperativ war, der die Literatur des lateinamerikanischen Kontinents auf der Weltbühne zu jahrzehntelangem Exotismus und Lokalkolorit verdonnerte, und andererseits Werke wie Pedro Páramo hervorbrachte, das so gar nicht farbenfroh ist und welches Gabriel García Márquez nach eigener Aussage auswendig aufsagen konnte. Pedro Páramo ist, schlicht gesagt, Anfang und zugleich Kulmination dessen, was die Essenz eben jenes berühmt-berüchtigten Magischen Realismus ausmacht: Es scheint, als würden Worte nicht ausreichen, um dieses Buch zu beschreiben, und trotzdem wird dies immer wieder versucht.

Die einzelnen, nicht unbedingt chronologisch angeordneten Fragmente des Romans handeln von dem Aufenthalt des Protagonisten Juan Preciado in Comala, dem Dorf in dem seine Mutter einst lebte und in dem sich laut dieser auch Juans Vater, der Großgrundbesitzer Pedro Páramo aufhält. Comala, ein verwahrlostes und verlassenes Dorf, an dem die mexikanische Revolution scheinbar spurlos vorbeigerauscht ist und das von der monstruös großen Hacienda Pedro Páramos, der Media Luna, eingekesselt ist, „liegt auf glühender Erde, geradewegs am Eingang zur Hölle“. Pedro Páramo selber ist „der wandelnde Groll“. Es dauert nicht lange bis Juan bemerkt, dass die wenigen Menschen, die Comala noch bevölkern, tot sind, als Geister umherwandeln, und sich dennoch mit denselben Problemen herumschlagen wie zu Lebzeiten: mit der Boshaftigkeit Pedro Páramos, der selbst zwar längst verstorben, doch auch im Tode noch Tyrann. Comala ist ein Dorf voller Klagen, ein Ort, der die Leser*innen trotz der flimmernden Hitze immer wieder erschaudern lässt. Es ist außerdem Schauplatz einer der wohl eindrucksvollsten Szenen der Weltliteratur: die Dialoge zwischen Juan und den Toten Comalas sind Ausdruck einer tief sitzenden Verzweiflung und erfahrenen Ungerechtigkeit, die über das Leben selbst hinausgehen und eins zu eins auf Kontexte des 21. Jahrhunderts übertragbar sind.

Übersetzt wurde Pedro Páramo in mehr als dreißig Sprachen, ins Deutsche zunächst im Jahr 1958 von Mariana Frenk-Westheim, einer gebürtigen Hamburgerin mit sephardischen Wurzeln, die 1930 ins mexikanische Exil emigrierte und zu einer der wichtigsten Übersetzerinnen Mexikos avancierte. Trotz der Popularität innerhalb Lateinamerikas hat es einige Jahrzehnte gedauert, bis die deutsche Übersetzung neu aufgelegt wurde. Die neueste deutsche Ausgabe ist 2010 im Suhrkamp Verlag erschienen und wurde von Dagmar Ploetz neu übersetzt. Was hier natürlich nicht fehlen darf: das Nachwort von García Márquez, dem größten Fan Rulfos.


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EIN GEWISSER BLUES

„Du trägst das Abbild der Nostalgie im Gesicht“ heißt es, als sich zwei Menschen in einem Hauseingang begegnen. Habana Light von Lien Carrazana Lau ist eine von sieben zeitgenössischen Erzählungen aus Kuba, die gerade in der zweisprachigen Ausgabe Unbekanntes Kuba erschienen sind.

Ein gewisser Blues entspringt der Sammlung zweifellos. Mal geht es um ein Havanna, das vom dichten Qualm einer Zigarette verschleiert wird, mal um das Havanna eines Exil-Kubaners, der zurückkehrt, einen „Friedhof vorsintflutlicher Saurier“ vorfindet und eben jenen Schleier der Nostalgie verzweifelt sucht.

Surreales und Realität mischen sich, wobei sich fragen lässt, was von beidem mehr Absurdität beinhaltet. In jeder der Erzählungen taucht Gesellschaftskritik auf, mal mehr, mal weniger subtil, nicht zuletzt jedoch häufig mit einem gewissen Witz. „Als vorbeugende Maßnahme gegen eine starke Reizung meiner Kopfhaut, meiner ach so empfindlichen Epidermis, schlafe ich an den Nationalfeiertagen“ heißt es zum Beispiel bei Lia Villares in Eine halbe Minute westlicher Stille. Oder so werden in Erick J. Motas Erzählung nach und nach ganze Stadtviertel von funktionierenden Zombies bevölkert, die man nur noch als Expert*in des „Zentrums für die Erforschung und Entwicklung der Zombies“ von Normalsterblichen unterscheiden kann.

Aus den Erzählungen sprechen Kummer, Perspektivlosigkeit und politischer Verdruss, aber auch Komik und Erotik. Wenn beispielsweise über mehrere Seiten hinweg der gewaltige Hintern einer Liebhaberin beschrieben wird. Oder die uralte Großmutter den Zombie, der sich als Beamter ausgegeben hat, wortlos mit einem gezielten Schlag ihres berüchtigten Spazierstocks erschlägt, um sich sogleich wieder, ebenso stumm, in den Fernsehsessel fallen zu lassen.

Alle Geschichten handeln von persönlichen und gesellschaftlichen Grenzen, vom Stagnieren eines politischen Systems und dem damit verbundenen Stillstand der Protagonist*innen. „Ein Engel, gefangen in einem Gesellschaftssystem ohne Himmel (Die Justiz ist menschlich, allzu menschlich in Kuba)“. Obgleich sie fiktiv sein mögen, könnten alle Figuren genauso existieren: Der Exil-Kubaner, der auf seinem Rückflug nach New York feststellt, dass er das verhasste Kuba liebt. Die Studentin, die über den Dächern von Havanna eine Stadt im Rauch ihrer Zigarette verschwinden lässt, und deren Freund, der der „Krankheit der Nostalgie“ zum Opfer fällt.

Dtv hat die Ausgabe mit „Texte für Könner“ betitelt, was durchaus zutrifft. Praktisch sind die beigefügten Anmerkungen und Kurzbiographien zu den Autor*innen. Aber nicht nur um Spanischkenntnisse aufzufrischen, sondern vor allem der Poesie wegen ist diese Sammlung zu empfehlen. Ein lesenswertes Nachwort des Übersetzers Enno Petermann rundet den Band ab.


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DIE EINSAME KUH

Den Anfang macht ein frühmorgendlicher Anruf in Buenos Aires. Von seinem Vater erfährt Federico Souza, dass Pajarito Lernú tot in einem Wassergraben gefunden wurde und ihm „einige Stunden vor seinem Tod eine Kuh geschenkt“ habe. „Das Tier ist in keinem guten Zustand, sagt er. Er hat es dem alten Soto geklaut.“ Also fährt der Drehbuchautor erstmals nach zwölf Jahren wieder nach Chivilcoy, sein Heimatstädtchen in der Provinz, wo früher einmal die Bahnlinie endete.

Nur einen kurzen Absatz braucht der argentinische Autor Hernán Ronsino, um die Leser*innen in seinen neuen Roman Lumbre („Glühen“) hineinzuziehen. Wer nun aber eine von den Rätseln um Lernús Tod und die mysteriöse Kuh getragene Spannungsgeschichte erwartet, wird überrascht. Zwar versucht der Erzähler Souza akribisch, den Umständen von Lernús Tod auf den Grund zu gehen. Doch Ronsino verwebt in diesen Rahmen unzählige Nebenstränge, die den vermeintlichen Hauptstrang an den Rand drängen. Immer wieder schweift der herumtreibende Souza in persönliche Erinnerungen ab, sei es an seine verstorbene Mutter, deren Grab er sucht, oder an seine in Buenos Aires zurückgebliebene Freundin Hélène. „Sich an etwas zu erinnern bedeutet, es – jetzt erst – zum ersten Mal zu sehen“, lautet einer der zentralen Sätze des Buches.

Seiner Heimatstadt begegnet der Erzähler mal liebevoll, mal distanziert. Er beobachtet präzise alltägliche Szenen, beschreibt die von latenter, struktureller Gewalt durchzogenen Lebensumstände und spickt seine Erinnerungen mit zahlreichen Anspielungen auf die argentinische Geschichte. Eine zentrale Rolle spielen die Aufzeichnungen des verstorbenen Lernú und ein verschollener Film über den modernistischen Dichters Carlos Ortiz, der 1910 in Chivilcoy ermordet wurde. Das Drehbuch hat kein geringerer als der große argentinische Schriftsteller Julio Cortázar verfasst, der in jungen Jahren eine Zeit lang als Spanischlehrer in Chivilcoy gelebt hat.

Lumbre ist der dritte Roman Ronsinos, der ebenso wie seine Vorgänger in dem Geburtsort des Autors angesiedelt ist. Auch die Figuren sind teilweise schon bekannt. So ist der Vater von Federico Souza einer der vier Erzähler aus dem meisterhaft konstruierten Kurzroman Letzter Zug nach Buenos Aires, der in deutscher Übersetzung ebenfalls im bilgerverlag erschienen ist.

Ronsino bedient sich filmischer Stilmittel und erzeugt starke Bilder. Nach und nach entsteht so ein großes gesellschaftliches Panorama, verortet in der Provinz im Jahr 2002, kurz nach dem Staatsbankrott Argentiniens. Von politischer Mobilisierung ist in Chivilcoy nichts zu spüren, aber der über Jahrzehnte vollzogene wirtschaftliche Niedergang ist allgegenwärtig. Sinnbildlich dafür fallen während der drei Tage die Getreidesilos des Ortes der Abrissbirne zum Opfer. Statt des einstigen Wohlstands bleibt nur eine einsame, gestohlene Kuh zurück.


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MEXIKOS VERDRÄNGTER VÖLKERMORD

Sein Ruhm als Krimiautor mag seinen Ruhm als Historiker überstrahlen. Es besteht jedoch kein Zweifel: Paco Ignacio Taibo II ist in beiden Bereichen ein Meister seines Fachs. In Sachen Geschichte hat er das mit seinen beiden Biografien über den argentinischen Revolutionär Che Guevara und den mexikanischen Revolutionär Pancho Villa unter Beweis gestellt. In seinem neuesten Werk Die Yaqui – Indigener Widerstand und ein vergessener Völkermord gelingt es ihm erneut. Mit diesem Sachbuch rekonstruiert Paco Ignacio Taibo II anhand von Archivmaterial, aber auch anhand von Gesprächen mit Nachfahren der Yaqui die Geschichte dieses widerständigen Volkes. Die Indigenen aus dem nordwestlichen mexikanischen Bundesstaat Sonora hatten dafür einen hohen Preis zu zahlen. Sie wurden in einer über 40-jährigen Verfolgung von 1868 bis 1909 fast ausgelöscht. Alles nach offizieller mexikanischer Lesart im Namen des Fortschritts oder, nach Lesart von Taibo II, um große agro-industrielle Projekte voranzubringen. Der Kapitalismus „reitet das Pferd des Teufels, auch wenn er im Gewand der Moderne daherkommt, unter juristischem Mantel und ideologischer Maske“, schreibt er. Das traditionelle Siedlungsgebiet der Yaqui, ihre acht Dörfer, liegt ausgerechnet um den Río Yaqui, der wegen seiner fruchtbaren Auswirkungen auf den umliegenden Boden auch mit dem Nil verglichen wird. Die Denkweise der Yaqui, die Kollektiv-, aber kein Privateigentum kennt, stand der kapitalistischen Landnahme von Anfang an im Weg. Rassistische Begründungen über die Minderwertigkeit der unzivilisierten Yaqui wie vom spanischen Kolonialisten Vicente Salvo bereiteten den Weg: „… ihre Faulheit ist so groß, dass wenn sie eine Tür öffnen, sie diese nie schließen.“ Dass diese Einschätzung nicht nur rassistisch ist, sondern auch von Unkenntnis strotzt, macht Taibo II klar: „Calvo wusste nicht oder wollte nicht wissen, dass die Türen in der Yaqui-Gemeinschaft nicht geschlossen wurden, weil sie weder Schlösser noch Schlüssel hatten, und zwar deshalb, weil sie sie nicht brauchten.“ In dieser treffenden Art kontert Taibo II an vielen Stellen die offiziellen Verlautbarungen, die er den Archiven entnommen hat.

1868 massakrierte die mexikanische Armee in einer Kirche eingesperrte Yaqui, einschließlich Frauen und Kinder. Seitdem kursiert unter den Indigenen ein Gedicht bis heute: „Der Yori ist derjenige, der uns immer geschadet hat mit Krieg, uns das Land genommen hat, die Ernte, das Vieh, die Weiden und das Holz; uns jeder Art von Folter und Qual unterzog.“ Der Yori, unschwer zu erraten, ist der Eindringling: als „die Fremden, Weißen, Kreolen, Mestizen, Angelsachsen, Europäer“, beschreibt sie Taibo II. Wörtlich heißt Yori, „der nicht respektierte.“
Taibo II lässt an seiner Sympathie und seiner Bewunderung für die Yaqui keinen Zweifel. Ein Volk, das sich über Jahrzehnte an Waffenkraft deutlich unterlegen, mit Guerilla-Taktik gegen einen übermächtigen Feind gewehrt haben. Neben zahlreichen detaillierten Schilderungen von größeren Schlachten, widmet Taibo auch herausragenden Persönlichkeiten auf beiden Seiten einzelne biographische Kapitel und Abschnitte, vor allem Cayeme. Er war ein Offizier der Yaqui-Kavallerie, der von Gouverneur Pesqueira 1874 die Zuständigkeit für die Yaqui- und Mayo-Territorien, eines weiteren indigenen Volks in Sonora, übertragen wurde. Ein Yaqui, der in der mexikanischen Armee ausgebildet wurde. Der Plan, so den Widerstandsgeist der Yaqui zu brechen, ging gründlich schief. Cayeme griff auf die traditionelle demokratische Struktur der Yaqui zurück, statt hierarchisch Macht auszuüben. Diesem Ansatz blieb er bis zu seiner Ermordung 1887 treu. Auch wenn sich nach seinem Tod die Landnahme beschleunigte, der Widerstand blieb, bis sich die Regierung entschloss, „die Yaqui-Indios vollkommen auszulöschen.“ Das gelang nicht ganz, aber fast. 1868 lebten rund 30.000 Yaqui, nach der Endphase mit Massendeportationen und Massenexekutionen waren es 1909 noch rund 6000. Heute leben nur noch wenige Yaqui in den Bergen von Sonora rund um den Río Yaqui. Taibo schließt mit: „Ich beende das Buch in der Hoffnung, dass seine Lektüre diese bittere Mischung aus Abscheu und Bewunderung erzeugt, die ich empfunden habe.“ Diese Hoffnung dürfte sich in den allermeisten Fällen erfüllen.

 


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DER REBELLION NICHT MÜDE

Als „punk reggae party“ bezeichnen die Musiker von Che Sudaka ihren eigenen Stil. Und unter diesem Motto steht auch das neue Album der Band aus Barcelona (siehe LN Interview). Die meisten Stücke darin sind nicht neu: Es enthält viele bekannte Klassiker wie „Mentira Polítika“, „La risa bonita“ oder den Titelsong „Almas Rebeldes“. Jedoch ist das Album weit ab von einem schnell zusammengewürfelten Best-of Album, für das sich Künstler*innen entscheiden, wenn sie plötzlich knapp bei Kasse sind. Almas Rebeldes verfolgt mit viel Aufmerksamkeit für jedes Detail ein Gesamtkonzept: In neuen Versionen eingespielte, alte Stücke sind mit neuen Liedern bewusst aufeinander abgestimmt. Jeder Song geht flüssig in den nächsten über, sodass Übergänge manchmal gar nicht zu merken sind.

Bei vielen Liedern sind andere Musiker*innen zu Gast: So etwa der deutsche Ska- und Reggae-Künstler Dr. Ring Ding, die ehemalige Frontfrau der Band Amparanoia Amparo Sánchez oder Manu Chao. Mit manchen der Künstler*innen haben Che Sudaka schon häufiger zusammengearbeitet und wurden von ihnen in ihrem musikalischen Werdegang beeinflusst. Viele der Features sind aber auch zum ersten Mal dabei und geben den Liedern einen ganz neuen Charakter.

Almas Rebeldes ist, sowie auch die bisherigen CDs von Che Sudaka, ein politisches Album. Es handelt von sozialen Bewegungen und Protest, Polizeigewalt und Repression, sozialer Ungleichheit und fehlendem Vertrauen in Politik und Staat. Vor allem die Themen Saatgut und bäuerliche Autonomie stehen im Mittelpunkt und werden von Anfang bis Ende des Albums immer wieder angesprochen. Der Aufruf zum Widerstand („almas rebeldes levántense“) zieht sich wie ein roter Faden durch das gesamte Album. Sogar das CD-Cover, das von dem Künstler Pablo Kalaka entworfen wurde, spiegelt diese Nachricht wider und ist Aussagen der Band zufolge eine Hommage an alle Bäuerinnen und Bauern, welche für sie die Hoffnung auf eine bessere Welt repräsentieren.

Dieser ernsthafte Charakter wird aufgelockert von Stücken, die die Freude am Leben feiern, wie etwa „La risa bonita“ oder „El libro de los abrazos“. Mal haben die Songs mehr Cumbia- oder Rumba-Rhythmen, mal geht es rockiger zu, öfters sind Hip-Hop Elemente dabei. Das ganze Album wirkt sehr energisch, die neuen Auflagen der Klassiker sind meist schneller und werden durch elektronische Komponenten dem neueren Stil der Band angepasst. Die Musik von Che Sudaka lässt sich noch immer schwer in feste Genres einordnen und hat sich über die Jahre zu einem ganz eigenen Stil mit verschiedenen Einflüssen entwickelt. Gesungen wird auf fünf Sprachen, überwiegend auf Spanisch, aber auch Portugiesisch, Französisch, Englisch und Kibunda.

Almas Rebeldes reißt einen beim Hören mit und regt zum Tanzen, zum Abschalten, aber auch zum Nachdenken an. Es ist ein rundes und sehr gelungenes Album einer Band, die sich seit ihrer Gründung immer weiterentwickelt hat und sich kontinuierlich neu ausprobiert. Diesen Prozess mit zu verfolgen und sein vorläufiges Ergebnis auf diesem Album zu erleben macht Spaß – und vor allem bekommt man Lust auf mehr von dieser Band, die auch nach 15 Jahren nicht müde wird, sich und die Welt immer wieder neu erfinden zu wollen.

 


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KEIN FUNKEN REUE

Das Geheimnis lüften, um es in den Akten seiner Institution verschwinden zu lassen: Die Mission Padre Garcías ist so zwielichtig wie die Atmosphäre des kleinen Orts am Meer, wo die Sonnenstrahlen auf eine gewaltig düstere Wolkenfront treffen. Dass dieser Ort La Boca heißt und an der chilenischen Küste 160 Kilometer südlich der Hauptstadt Santiago liegt, ist unwichtig; wesentlich ist vielmehr die Tatsache, dass er abgelegen ist, überschaubar und wenig Abwechslung zu bieten hat. Hierher kommt Padre García als Abgesandter der katholischen Kirche Chiles, Seelsorger und Psychologe mit europäischen Diplomen, der für eine „neue Kirche“ eintritt. Der kriminellen Vergangenheit der vier Priester in dem so harmlos wirkenden gelben Haus am Hang will er auf die Spur kommen, herausfinden, ob sie sich ihrer Verfehlungen bewusst sind.
Nachdem sich Pablo Larraín in vorhergehenden Filmen – darunter sein bekanntester No! (2012) – mit der chilenischen Geschichte auseinandergesetzt hatte, behandelt El club ein Thema, das in der Öffentlichkeit vieler Länder seit einigen Jahren verstärkt diskutiert wird. Durch den diesjährigen Oscar für den US-amerikanischen Film Spotlight wurde den sexuellen Vergehen von Priestern an Minderjährigen gerade wieder umso mehr jener medialen Aufmerksamkeit zuteil, der die Kirche jahrzehntelang zu entkommen suchte: Anstatt die staatliche Justiz walten zu lassen, zog sie es vor, ihre straffällig gewordenen Mitglieder in eigenen Einrichtungen vor der Außenwelt zu isolieren, zu verstecken. Die Existenz zahlreicher solcher „Häuser der Buße“ überall auf der Welt habe für El club den Anlass gegeben, so Larraín im Interview. Bei der 65. Berlinale 2015 feierte sein Film Weltpremiere, er erhielt den Großen Preis der Jury zusammen mit einem Silbernen Bären und gewann in der Folge weitere Preise bei internationalen Festivals.
„Es ist ein schönes Leben. Den Brüdern geht es gut. Sie sind gesund und rein im Herzen.“ So versichert es Schwester Mónica gegenüber Padre García bei einem Gespräch unter vier Augen am Strand. Als einzige Frau bei den Priestern nimmt sie die Rolle einer Haushälterin ein und sorgt für die Einhaltung der strengen internen Regeln. Unberechenbar in ihrer Art, aber besorgt in der Beschaulichkeit ihres Alltags behelligt zu werden, geht Schwester Mónica sogar noch weiter: „Wir führen ein heiliges Leben. Es ist wirklich sehr schön.“ Da mag Padre García mit seiner Erwiderung vom „Ort der Reue“ der Wahrheit zwar näher kommen – aber bereuen diese Priester wirklich die Verbrechen, die sie begangen haben? Kann eine immer gleiche Abfolge von Beten, Essen, Singen, Schlafen, in der auch Alkohol und Hunderennen ihren Platz haben, wirklich angemessene Strafe sein?
El Club möchte ausdrücklich nicht den moralischen Zeigefinger erheben, wie Schauspieler Roberto Farías, der im Film in der Figur des Sandokan als einziges Opfer auftritt, bei der Pressekonferenz zur Berlinale klarstellte, sondern es dem Publikum überlassen, was es mit den Eindrücken aus dem Film anfängt. Dabei wirken Musik und visuelle Ästhetik so eindringlich mit der vielfach als „Kammerspiel“ bezeichneten Handlung zusammen, dass die Suche wenigstens nach einem Funken Reue in der Redeweise und im Mienenspiel der Priester in ihrer abgekapselten Welt für das Publikum zu einer verzweifelten, ungläubigen Aufgabe und der Film doch zu einer klaren Anklage der Straflosigkeit von Kirchenleuten wird. Die Abscheu gegen die Bewohnerschaft des gelben Hauses wächst mit der Gewissheit, dass diese Padres immer noch eine Gefahr darstellen. Der schwer traumatisierte und gesellschaftlich vollkommen marginalisierte Sandokan, der seinem Peiniger bis nach La Boca gefolgt ist und dessen schonungslose Sprache auf Interviews mit realen Opfern basiert, muss den Beweis dafür liefern.
Fahles Licht und fortwährende Beklemmung – verstärkt durch sowjetische Linsen aus den 60er Jahren – und kein einziger Sympathieträger. Dafür nimmt der Film die Zusehenden besonders in den Verhördialogen und mit seiner Kameraführung gefangen, wenn sie geduldig forschend über Gesichter und Landschaft streift. Zugleich zeigt El Club nicht, was die Menschen im Dorf über das Priesterhaus denken, was sie womöglich ahnen oder wissen. Da wäre zu fragen, ob diese nicht wir selbst sind, die es hinnehmen, dass die katholische Kirche sich hinter ihre Mauern zurückziehen kann, sodass nur ein Kunstwerk wie El club es schafft, einen vagen Blick dahinter zu werfen.

 


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IM RYTHMUS EINES GENIALEN MUSIKERS

Chico Buarque ist einer der bekanntesten Musiker und Komponisten Brasiliens, eine international anerkannte Größe der Música Popular Brasileira. Weniger bekannt ist er in Deutschland als Autor von Romanen, die er in großen Abständen seit Anfang der 1990er Jahre veröffentlicht. Mein deutscher Bruder von 2014 erschien in deutscher Übersetzung im S. Fischer Verlag und bietet für Leser*innen hierzulande etwas ganz Besonderes: Chico Buarque, eigentlich Francisco Buarque de Hollanda, erzählt darin den lange verschwiegenen, deutschen Teil seiner Familiengeschichte. 2013 kam er nach Berlin, um nach dem unehelichen Sohn seines Vaters Sergio de Hollanda zu suchen, den dieser in den 1930er Jahren während eines Studienaufenthaltes gezeugt und nie gesehen hatte. Und – soviel sei verraten – auch ihm ist es nicht mehr gelungen, den Halbbruder lebend zu treffen.
Basierend auf dieser realen Familiengeschichte gestaltet Buarque eine fiktive Version der Entdeckung des Familiengeheimnisses und der Suche nach dem unbekannten Halbbruder, in der sich, wie in einem Vexierspiegel, reale Geschehnisse und erzählerische Verfremdung mischen. So ist der Vater der Hauptfigur, wie der Vater von Chico Buarque, ein Intellektueller, der nie über den in Deutschland gezeugten Sohn spricht.
Auch Nino selbst liebt die Bücher, spricht mehrere Sprachen und verdient so seinen Lebensunterhalt. Anders als der Autor, hat Nino nur einen, sehr verhassten, älteren Bruder, den – vermutlich – eine seiner Frauengeschichten in die Fänge der brasilianischen Militärdiktatur treibt. Auch Nino leidet unter der brasilianischen Diktatur und beschreibt die Veränderungen genau, die im Laufe der Jahre jeden Protest unmöglich machen. Anders als Chico Buarque aber, dessen politisches Theaterstück Roda Viva ihm 1967 nur die Wahl zwischen dem italienischen Exil und dem Gefängnis ließ, findet Nino eine Nische im Institut Français, das ihn vor politischer Verfolgung bewahrt. Das „Verschwinden“ seines Bruders treibt Nino immer tiefer in die Auseinandersetzung mit der deutschen Diktatur der 1930er Jahre, als sein Vater versuchte, den unehelichen Sohn aus Berlin nach Brasilien zu holen und am fehlenden Ariernachweis scheiterte. Unklar ist daher selbst der Name des Bruders – ein schlechter Ausgangspunkt für die Suche, bis Nino, auch als Nichtmusiker, ihn endlich an der wieder lebendig gewordenen Stimme des Vaters erkennt. Wie sehr ist die eigene Familiengeschichte von der Weltgeschichte bestimmt, wo berühren sich das Politische und das Private? Haben Diktaturen zu unterschiedlichen Zeiten etwas gemeinsam? Diese großen Fragen stellt diese Familiengeschichte. Doch während bei anderen Romanen, die auf realen Geschehnissen beruhen, die Fiktion oft interessanter ist als die Realität, entsteht in Mein deutscher Bruder der Verdacht, die „eigentliche“ Geschichte wäre letztlich spannender gewesen als die sehr konstruierte – und oft skurrile – fiktive Familiengeschichte. Dennoch besitzt der Roman große literarische Qualitäten. Da ist zuerst die Sprache Chico Buarques, der Rhythmus seiner oft halbseitenlangen Sätze, die den genialen Musiker verraten. Der Autor spielt mit Begriffen, mit deutschen Passagen, mit Zitaten großer Klassiker und dem Portugiesisch der Straßen von Rio de Janeiro. Kongenial übersetzt wurde er von Karin von Schweder-Schreiner, mit der er intensiv zusammengearbeitet hat. Nicht zuletzt ist angesichts der aktuellen Situation in Brasilien die Auseinandersetzung des bis heute politisch engagierten Chico Buarque mit der Militärdiktatur äußerst spannend.

 


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AUF DEM RÜCKEN DER BESTIE

Was ist exakt 1,58 Meter lang und schwarz weiß? Nein, es handelt sich nicht um ein südamerikanisches Tier, das sich in den Wäldern des Amazonas tummelt – es ist eine Besonderheit ganz anderer Art. Von einem Buch soll hier die Rede sein.
Beinahe mystisch mutet das in schwarzes Leinen gebundene Buch an. Öffnet man es, faltet sich ein exakt 1,58 Meter langes Wimmelbild und ein Text auf der linken Seite wie eine Ziehharmonika auseinander. Zu sehen sind kleine Männer und Frauen, die auf dem Feld arbeiten. Tiere zwischen Bäumen und kleine Häuser, die sich aneinander reihen. Weiter unten ein Zug, Zäune, Hunde, Polizeiautos und Menschen, die sich vor bewaffneten Männern verstecken. Es sind Flüchtende, die nicht sicher sein können, was sie auf der anderen Seite erwartet.
Jedes Jahr treten viele Mexikaner*innen eine gefährliche Reise an: Die Überquerung der Grenze zu den USA. Diesem Thema widmen sich José Manuel Mateo und Javier Martínez Pedro in ihrem Buch Migrar. Weggehen. Der Erste sprachlich, der Zweite in Zeichnungen.
Auf beiden Ebenen nehmen sie ihre Leser*innen mit auf die gefährliche Reise eines Jungen, der gemeinsam mit seiner Mutter nach Los Angeles flüchtet. Sie sind auf der Suche nach dem Vater, der schon früher dorthin gegangen war und plötzlich aufhörte, Geld in das kleine mexikanische Heimatdorf zu schicken. Die Flucht gestaltet sich nicht einfach: Sie müssen auf den Rücken der Bestie springen, wie sie den Zug Richtung USA in Mexiko oft nennen. Außerdem gibt es Hunde, die nach ihnen schnappen und dunkle Erdlöcher, in denen sie sich verstecken müssen.
Das Buch ist ein Meisterwerk auf beiden Ebenen. Auf der einen Seite ist da der junge Ich-Erzähler, der klug und kindlich zugleich seine Erlebnisse und Ängste schildert. Auf der anderen Seite gibt es die Zeichnung, die aus der Vogelperspektive die Geschichte vieler flüchtender Menschen zeigt. Der Illustrator José Martínez Pedro schafft es, altaztekischen Zeichenstil mit aktueller Thematik zu verbinden und schafft damit ein einzigartiges Werk.

 

Vom Feldbauern zum Preisträger

Interview mit dem Kleinbauern und Buchillustratoren Javier Martínez Pedro

Warum haben Sie sich dazu entschieden, das Buch Migrar zu illustrieren?
Der Verlag lud mich dazu ein, dieses Buch zu machen. José Manuel Mateo stellte seinen Text zur Verfügung, in dem er über einen Jungen schreibt, der aus Mexiko in die USA flieht.
Sie leben in dem kleinen Dorf Xalitla in Mexiko. Wie kam der Verlag auf Sie ?
Der Sohn der Verlegerin kannte mich, da ich für ihn Zeichnungen gemacht hatte. Daher kam es, dass sie mich dazu einlud, eine Zeichnung zum Thema Migration anzufertigen. Natürlich spielte José Manuel Mateo eine Rolle, da sein Text ja die Basis für meine Zeichnungen war. Mir gefiel an der Idee vor allem, dass ich selbst Teile der Geschichte Migrar erlebt habe: Ich machte mich auch auf den Weg in die USA und überquerte die Grenze. Ich denke, mir ist das Buch einigermaßen gut gelungen. Das liegt bestimmt daran, dass in meinen Zeichnungen etwas von meinem Leben steckt.

Sie leben zum Teil vom Verkauf Ihrer Zeichnungen. Welche Themen stellen Sie dar?
Die Traditionen meines Dorfes. Dort widmen sich die Leute der Erde: Wir säen, wir ernten die Früchte, pflanzen Kürbisse und Wassermelonen. Die Hochzeiten, zum Beispiel, sind in meinem Dorf etwas ganz Besonderes. Die Menschen heiraten zur Musik des Windes, sie tanzen und es gibt Musiker, die auf der Trommel spielen. All das zeichnen wir, meine drei Söhne und ich.

Wo verkaufen Sie Ihre Zeichnungen?
Meistens auf der Straße. Manchmal klopfen wir aber auch an Türen und fragen: „Brauchen sie nicht eine Zeichnung?“ Ab und zu kaufen die Leute die Zeichnungen dann, oft aber auch nicht. Ehrlich gesagt, ist die Situation gerade sehr hart. Es gibt viel Konkurrenz und leider auch viele Leute, die unsere Arbeit nicht mehr schätzen.

Sie müssen ja wirklich viel Zeit mit Zeichnen verbringen!
Ha! Ja, viel Zeit. Ich fing auch schon mit zwölf Jahren damit an, jetzt bin ich 52!
Zurück zu Ihrem Buch. Haben Sie eine Lieblingsszene in dem Buch und wenn ja, welche?
Ja, zum Beispiel gefiel es mir, den Zug zu zeichnen. Das war nämlich auch nicht ganz einfach. Normalerweise machen wir ja eher schlichte, hm, sagen wir, einfachere Zeichnungen. Als sie zu mir sagten, ich solle das machen, meinte ich: Wie soll ich das tun? Ich zeichne normalerweise nicht einmal Autos. Das sind ja ganz moderne Dinge!

Das war bestimmt eine Herausforderung.
Ja. In Mexiko nennt man den Zug übrigens „die Bestie“, weil dieser Zug alle Leute mitnimmt, die beispielsweise von Guatemala oder El Salvador kommen, um die Grenze zu überqueren. Es gefiel mir, Leute auf das Dach des Zuges zu zeichnen, die sich festhalten oder versuchen aufzuspringen.

Sie zeichnen auf Baumrindenpapier. Warum ist dieses Papier so besonders?
Das Baumrindenpapier wird aus der Rinde des Amatl-Baumes gemacht. Deswegen gab man ihm auf Spanisch auch den Namen papel amate.Interessant ist auch, dass dieses Papier eigentlich braun ist und dann erst mit Chlor gebleicht wird.
Das Thema der Flucht aus Mexiko ist ein politisches. Würden Sie sich daher auch selbst als politischen Illustrator sehen?
Ich möchte den Menschen verständlich machen, was es heißt, sein Land zu verlassen. Auswandern bedeutet für uns, wo anders bessere Lebensbedingungen zu suchen. Wir nehmen viele Risiken auf uns. Manchmal misshandeln sie uns an der Grenze. Manche, die werden sogar umgebracht. Und genau deshalb möchte ich vor allem den Kindern eine wichtige Botschaft mitgeben: Sie sollten lernen und dafür kämpfen, etwas aus ihrem Leben zu machen. So müssen sie nicht irgendwann ihr Leben riskieren, um eine Grenze zu überqueren.

 


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