ROTE ERDE

Mitte Dezember fuhr der 13-jährige Isaías mit seinem Fahrrad die Straße von Collipulli in der südchilenischen Region La Araucanía entlang. Mit ihm unterwegs war sein Bruder, der 17-jährige Brandon. Collipulli ist Mapudungún, die Sprache der Mapuche, und bedeutet so viel wie rote Erde – wenig später wurde der Name bittere Realität. Ein Stück weiter die Straße runter trafen sie auf eine Gruppe Polizist*innen, die gerade dabei war, die Insassen eines Fahrzeugs zu kontrollieren. Einer der Polizisten hielt Isaías fest, der erschreckt zu schreien begann. Sein Bruder Brandon kam dazu, aber der Polizist hielt auch ihn fest, warf ihn zu Boden und schoss ihm aus einem halben Meter Entfernung mit einer Schrotflinte Kaliber 12 in den Rücken. Normalerweise ist ein Schuss aus dieser Entfernung tödlich, wochenlang musste Brandon im Krankenhaus behandelt werden.

Der Polizist Cristian Rivera, der auf Brandon geschossen hat, ist nach wie vor im Dienst. Von seinen Kolleg*innen wird er gedeckt, bei der Polizei spricht man von einem Unfall. Brandons Mutter, Ada Huentecol, glaubt das nicht. „Ich habe eine Erklärung verlangt und sie sagten mir, es sei ein Unfall gewesen. Aber wieso haben sie denn auf ihn geschossen, wenn er schon am Boden lag? Meine Söhne sind keine Verbrecher. Ich bin wirklich wütend!“ Das Institut für Menschenrechte in Chile (INDH) erstattete im Januar Anzeige wegen versuchten Mordes gegen die Polizei.

Die Liste der gewaltsamen „Zwischenfälle“ in jüngster Zeit ist lang. Die Territorien der indigenen Mapuche, die ihre Autonomie südlich des Bío-Bío-Flusses über die gesamte Kolonialzeit bewahren konnten, wurden erst in der sogenannten „Pacificación de La Araucanía“ 1861 von Chile besetzt. Damals verteilte der Staat das Land an weiße Siedler*innen. Viele Mapuche verlangen, dass der chilenische Staat ihrem Volk gegenüber seine historische Schuld begleicht. Von den verschiedenen Regierungen Chiles fühlten sie sich immer wieder hintergangen. Bei den vielen lokalen Konflikten geht es meist um die Rückgabe oder Schutz von indigenem Territorium, das sich heute in Privatbesitz befindet und für die Energie-, Forst- und Agrarwirtschaft genutzt wird oder genutzt werden soll. Neben Demonstrationen und Protesten versuchen die Mapuche ihren Forderungen auch mit Landbesetzungen und Brandanschlägen auf Fahrzeuge und Maschinen der Unternehmen Nachdruck zu verleihen. Die Regierungen reagierten darauf mit Repression, sodass sich der Konflikt zusehends verschärfte.

Das Institut für Menschenrechte erstattete Anzeige wegen versuchten Mordes gegen die Polizei.

In jüngster Zeit häufen sich wieder die Zwischenfälle: In Ercilla stürmten Ende Januar über hundert Polizist*innen mit gepanzerten Fahrzeugen, die Tränengas versprühten, eine Mapuche-Gemeinde während einer kulturellen Feier. Für die Aktion gab es keinen richterlichen Beschluss. Die Polizist*innen schossen auf die Anwesenden und nahmen elf Personen fest, darunter fünf Minderjährige und zwei Neugeborene, wie ein anwesender Reporter von werken.cl berichtete.

In Freire, südlich der Stadt Temuco, nahmen Sicherheitskräfte Mitte Januar bei einer weiteren Personenkontrolle drei Mapuche-Frauen wegen Störung der öffentlichen Ordnung fest, eine von ihnen war minderjährig. Die Anwältin der Frauen, Manuela Royo, erklärte gegenüber Radio Villa Francia, Polizist*innen hätten die drei geschlagen, beleidigt und ihre Waffen auf sie gerichtet, auch nach der Festnahme, im Inneren des Polizeiautos: „Die Situation dort war extrem gewalttätig, die Polizisten wollten insbesondere der Jüngsten Angst einjagen. Auch die Informationen über ihren Aufenthaltsort wurden über mehrere Stunden zurückgehalten. Die Frauen wurden mittags festgenommen und tauchten erst wieder gegen 18 Uhr auf der Polizeistelle in Temuco auf. Die Polizei hat sie geschlagen und einer der Frauen den Arm umgedreht, das verstehen wir ganz klar als Folter.“

In Tirúa, etwa 150 Kilometer westlich von Collipulli in der Region Bío Bío schossen Polizisten Ende Dezember auf ein Fahrzeug mit einer Gruppe unbewaffneter Mapuche. Zwei der Insassen wurden von den Kugeln getroffen und schwer verletzt. Nach Angaben von Radio Villa Francia behauptet die Polizei, das Auto hätte trotz Aufforderung der Beamt*innen nicht gehalten, woraufhin diese das Feuer eröffnet hätten. Isaac Neculqueo, Präsident der indigenen Gemeinschaft, versicherte jedoch das Gegenteil: „So eine Polizeikontrolle hat niemals stattgefunden, die Polizisten haben aus dem fahrenden Auto geschossen und sind dann abgehauen.”

Die Liste ließe sich beliebig fortführen. Durch die hohe Polizeipräsenz und die zunehmende Militarisierung der Region wird der Konflikt immer schärfer. Laut einem Polizeibericht des vergangenen Jahres sind allein in der Region La Araucanía knapp 1400 Polizist*innen stationiert und 50 gepanzerte sowie über 90 halbgepanzerte Fahrzeuge im Einsatz. Neben den ständigen Personenkontrollen werden auch geheimdienstliche Aktionen durchgeführt und raumbezogene Datenverarbeitungssysteme wie Radaranlagen, Drohnen, Flugzeuge und Helikopter eingesetzt. Mit dem Schutz der Bevölkerung hat das erhöhte Polizeiaufgebot jedoch nichts zu tun. Es dient in erster Linie dem Schutz von Unternehmen. Im Süden Chile existieren 77 große Forstindustrieanlagen in drei Regionen: 47 in Los Ríos, sieben in La Araucanía und 23 in Bío Bío. 15 stehen unter dauerhaftem Polizeischutz. Neun davon gehören zu Forestal Mininco. Das Unternehmen ist Teil der Matte-Gruppe. Matte ist eine der einflussreichsten Familien Chiles. Der Konzern steht unter  dem Verdacht der Korruption und Preisabsprache und gilt als wichtiger Akteur, der maßgeblich den Konflikt mit den Mapuche polarisiert.

Durch die zunehmende Militarisierung der Region wird der Konflikt immer schärfer.

Auch juristisch geht der chilenische Staat gegen die Indigenen des Landes vor. Ein emblematischer Fall ist der der Machi (Heilerin und religiös-spirituelle Autorität) Francisca Linconao, die sich neun Monate in Untersuchungshaft befand. Ihr wird vorgeworfen, an einem Brandanschlag auf das Anwesen der Familie Luchsinger im Januar 2013 beteiligt gewesen zu sein, bei dem die Großgrundbesitzer*innen Werner Luchsinger-Mackay und seine Frau Vivianne Mackay ums Leben kamen. Das Ehepaar befand sich seit Jahren in direkter Konfrontation mit den indigenen Gemeinden der Zone, Francisca Linconao war daran jedoch nicht beteiligt. Sie streitet ab, etwas mit den Geschehnissen zu tun zu haben und die Beweislage gibt ihr recht. Die Beweise, die die Staatsanwaltschaft vorbrachte, waren nicht nur nicht ausreichend, sondern stützten sich auch auf falsche und unter Folter erbrachte Zeugenaussagen. Im Umfeld der Machi glaubt man, dass man sie mit dem Fall in Verbindung bringen will, um Rache dafür zu nehmen, dass sie sich seit Jahren unermüdlich für die Rückgabe ehemalig indigenen Territoriums an die Mapuche-Gemeinden einsetzt. Und sie ist kein Einzelfall: 2014 wurde bereits der Machi Celestino Córdova im Fall Luchsinger-Mackay nach einseitigen Ermittlungen und einer zweifelhaften Beweislage wegen Brandstiftung mit Todesfolge zu 18 Jahren Haft verurteilt.

Dass auch die Machi Francisca Linconao trotz mangelnder Beweise einem so langen Freiheitsentzug ausgesetzt wurde, liegt am chilenischen Anti-Terror-Gesetz aus Diktaturzeiten. Es räumt der Staatsanwaltschaft umfangreiche Möglichkeiten bezüglich Ermittlung und Anklage ein, wenn es sich um des Terrorismus Verdächtige handelt. „In der Region Araucanía herrscht ein anderes Recht. Eines, das auf Mapuche und ihre Anführer*innen angewendet wird und demzufolge die Staatsanwaltschaft keine Beweise für begangene Verbrechen vorlegen muss, um Angeklagte einsperren zu lassen. Es reicht, sie anzuklagen. Der Angeklagte und seine Verteidigung müssen dann die Unschuld des Angeklagten beweisen. “Verkehrte Welt“, schrieb der unabhängige Abgeordnete und Mitglied der Menschenrechtskommission Gabriel Boric in einem offenen Brief.

Bereits vor drei Jahren verurteilte der Interamerikanische Gerichtshof (CIDH) den chilenischen Staat für begangene Menschenrechtsverletzungen am Volk der Mapuche. Die chilenischen Gerichte hätten das Legalitätsprinzip und das Recht auf Unschuldsvermutung in mindestens acht Fällen verletzt, so der Gerichtshof in San José, Costa Rica. Dennoch erlebt die Machi Francisca Linconao heute wieder genau das. Zwar konnte sie mit einem 14-tägigen Hungerstreik kürzlich bewirken, dass die vorbeugende Haft in einen Hausarrest umgewandelt wurde, aber der eigentliche Prozess steht noch aus. Das Urteil des Interamerikanischen Gerichtshofes scheint keinerlei Effekt gehabt zu haben.

RADIO FÜR DIE REVOLUTION

 

 

Foto: Caroline Kassin

Es ist ruhig am Lago Budi. Das lärmende Santiago de Chile fühlt sich weit weg an: Fast 800 Kilometer liegen zwischen der Hauptstadt und dem See in der südchilenischen Region Araucanía. Vom Ufer aus sieht man, wie eine Gruppe Rinder schwimmend den See durchquert um eine der kleinen Inseln zu erreichen. Von irgendwo hört man Schafe, und im flachen Wasser am Ufer sucht ein Schwein nach Essbarem. Die Tiere laufen frei herum, Zäune sieht man hier selten. Es ist eine ungewöhnliche Landschaft. Der See ist nur durch eine schmale Landzunge vom Pazifik getrennt. Jahreszeitlich bedingt werden immer wieder große Mengen Salzwasser in den See gespült. Nicht alle Fische und Tiere vertragen das salzige Wasser. Den hunderten von Schwarzhalsschwänen scheint die Wasserqualität allerdings nichts auszumachen. Sie tauchen nach Wasserpflanzen, die im flachen Wasser des Budis gut zu erreichen sind. Der See ist höchstens acht Meter tief, an den meisten Stellen sogar noch flacher. Bei einer Fläche von fast 60 Quadratkilometern wirkt er ein bisschen wie eine riesige, salzige Pfütze.

Die meisten Menschen, die hier leben, sind Mapuche. Außerhalb der Orte Puerto Saavedra und Puerto Domínguez wohnen sie in Familien oder kleinen Gemeinschaften, viele von ihnen ziemlich abgeschieden. Zu bestimmten Zeiten gibt es einen Bus, aber die meiste Zeit ist man hier auf sich selbst gestellt. Einige Familien besitzen Autos, andere nehmen den Viehwagen oder gehen einfach zu Fuß, wenn sie irgendwohin müssen. Bis in den nächsten Ort kann das mehrere Stunden dauern. Wer von einem der Pick-Ups auf den staubigen Schotterpisten mitgenommen wird, hat Glück. Große Einnahmequellen gibt es hier nicht. Manchmal kommen ein paar Touristen, aber die meisten leben von kleinbäuerlicher Landwirtschaft und Tauschgeschäften.

Ivonne González und Julio Chehuin betreiben hier ein Radio. Ein paar Meter von ihrem Haus am Ufer des Lago Budi steht das  Häuschen mit Wellblechdach, von dem aus das kleine Team Werken Kurruf sendet. Ohne die Antenne wäre ein Radio mitten im dünn besiedeltem Mapuche-Land wohl undenkbar. Genau hier soll es stehen, nirgendwo würde es mehr Sinn machen, finden Ivonne und Julio.

Werken Kurruf ist Mapudungun, die Sprache der Mapuche, und bedeutet so viel wie Botschafter des Windes. Seit 2004 gibt es das indigene Radio. Damals, sagt Ivonne, seien die über hundert Mapuche-Gemeinschaften um den Lago Budi noch besser organisiert gewesen. Zu viele hätten sich seitdem vom Staat und seinen Angeboten für Mapuche einlullen und gegeneinander ausspielen lassen, der Zusammenhalt zwischen den Gemeinschaften sei nicht mehr derselbe. Aber das Radio gibt es noch, und Ivonne und Julio hoffen, dass ihre Arbeit etwas zur erneuten Solidarität zwischen den Gemeinschaften beiträgt.
Dass es den beiden um mehr geht, als um Musik und Entertainment wird schnell klar: „Über das Radio erzählen wir, wie sich der chilenische Staat unseren Gemeinschaften gegenüber verhält. Die normalen Medien berichten über uns Mapuche ja nur als Terroristen. Das glauben dann sogar viele unserer eigenen Leute“, sagt Ivonne. „Wir wollen zeigen, mit welchen Problemen es unser Volk zu tun hat, dass wir eine lebendige Kultur sind und dass wir kämpfen.“

Ivonne und Julio sind Mapuche, haben aber viele Jahre in Santiago gelebt. Jetzt wohnen sie in einem bescheidenen Häuschen mit Plumpsklo im Garten, wenige Meter vom Ufer des Lago Budi entfernt. Sie haben ein paar Hühner, ein Pferd läuft durch den Garten. Das könnte aber auch einer der Nachbarsfamilien gehören, denn auch hier sieht man keine Zäune.

Während er Mate aus einem Becher mit der Mapuche-Fahne trinkt, erzählt Julio, wie er selbst zu seiner indigenen Sprache zurückfand. „Eines Tages hörte ich, wie mein Vater mit jemandem auf Mapudungun sprach. Ich war völlig überrascht. Ich wusste, dass er Mapuche war, aber Mapudungun hatte ich zu Hause nie gehört.“ Dies sei die Geschichte vieler Mapuche-Familien, erzählt Julio. Besonders in der Region um den Lago Budi. Denn hierhin seien Ende des 19. Jahrhunderts, während der Besetzung des Mapuche-Territoriums durch den chilenischen Staat viele Familien geflüchtet. „Die Gewalt und Brutalität waren unglaublich. Unser Volk wurde so terrorisiert, dass es ein richtiges Trauma davongetragen hat“, berichtet er und reicht den Mate-Becher weiter. „Und aus diesem Trauma entstand eine Stille, in der sehr viel Wissen und Weisheit verloren gegangen ist. Dass mein Vater mit mir kein Mapudungun sprach, lag daran, dass er mich schützen wollte. Er sagte zu mir ‚Warum sollte ich dir Mapudungun beibringen, wenn sie uns deswegen töten?‘ Er wollte, dass ich mich chilenisiere, und entschied, mir kein Mapuche-Wissen weiterzugeben“.

Julio ist kein Einzelfall. Viele Mapuche haben die Sprache und das Wissen ihres Volkes nie kennen gelernt. Ivonne und Julio wollen nun das kimun mapuche, das Wissen der Mapuche vergangener Generationen, wiederbeleben. So sind viele der Programme und Beiträge des Radios auf Mapudungun oder erklären die Bedeutung bestimmter Wörter und Konzepte aus der Kosmovision der Mapuche. „Ich spreche im Radio auch über Ökologie, Landwirtschaft und Ernährung“, sagt Ivonne. „Und vom Buen Vivir und darüber, wie wir unser Land, das walmapu, schützen.”

In der Anfangszeit ging es viel darum, bei den Mapuche selbst um Akzeptanz zu werben, erzählt sie. Mit der Ratifikation der ILO-Konvention 169 konnte durchgesetzt werden, dass an den Schulen in der Region Mapudungun unterrichtet wird, doch viele waren damit zunächst nicht einverstanden. „Unsere eigenen Leute wollten nicht, dass man mit ihren Kindern auf Mapudungun spricht. Über das Radio haben wir dann zusammen mit den Lehrern versucht zu erklären, welche Bedeutung die Sprache für unsere Kultur hat und welche Vorteile es für die Kinder hat, ihre Sprache zu können. Wenn sie sich etwa auf Stipendien für Indigene bewerben wollen, ist das Sprechen einer indigenen Sprache oft Voraussetzung. Ich weiß nicht, ob es wegen der Stipendien geklappt hat, aber irgendwie haben wir sie überzeugt.“

Werken Kurruf ist ein Radio von Mapuche für Mapuche, um das indigene Selbstbewusstsein zu stärken. „Vielen hier war es nicht nur unangenehm, ihre Sprache zu sprechen und sich als Mapuche zu bezeichnen. Die Mädchen färbten sich sogar die Haare blond. Ein indigenes Gesicht und blonde Haare, das hat doch nichts miteinander zu tun! Dass das Quatsch ist, haben wir auch im Radio so gesagt“, erzählt Ivonne weiter. „Mit den Namen ist es dasselbe. Wir fragen unsere Zuhörer, was Namen wie Brian und Jonathan bedeuten. Warum gebt ihr euren Kindern keine Namen mit einer Bedeutung, die ihr versteht und die etwas mit euch zu tun hat? Mit der Zeit hat sich da wirklich etwas verändert und das Selbstbewusstsein der Leute ist gewachsen. Heute gibt es hier keine blonden Mädchen mehr und viele Kinder haben Mapuche-Namen.“

Es sind kleine, aber wichtige Erfolge. „Das Volk der Mapuche kämpft ununterbrochen für unser Fortbestehen als lebendige Kultur mit eigener Sprache, Bräuchen und Religion“, erklärt Ivonne. „Vieles ist schon verloren gegangen, infolge der Besetzung durch den chilenischen Staat und durch das Auftreten der katholischen und evangelikalen Kirchen. Die Evangelikalen wollen uns Mapuche glauben lassen, Mapudungun sei die Sprache des Teufels.“

Ivonne und Julio gehören auch zu denjenigen, die für die politische Unabhängigkeit der indigenen Gemeinschaften auf einem Teil ihres ursprünglichen Territoriums kämpfen. Vielen erscheint das aussichtslos; angesichts der langwierigen Prozesse, der wenigen Erfolge und dem immer noch repressiven und gewaltsamen Vorgehen des Staates gegen die Mapuche (siehe LN 503) ist das nicht erstaunlich. Dennoch kämpfen viele Gemeinschaften und Organisationen weiter. So auch das Radio Werken Kurruf. Für diese Bewegung ist die Rückgewinnung von Land und Autonomie der einzige Weg, ihre Identität dauerhaft zu verteidigen – der chilenische Staat, so meinen viele, versuche ja doch nur, sie zu assimilieren oder zu bekämpfen.

Die staatliche Repression richtet sich auch direkt gegen die Mapuche-Radios. Immer wieder kommt es zu Durchsuchungen, bei denen die technischen Gerätschaften von der Polizei mitgenommen und Mitglieder der Radios verhaftet werden. Der Staat macht es ihnen schwer, wo er kann. Der Weg bis zu einem legalen Radio ist lang und schwierig, es gibt keine finanzielle Unterstützung und bei kleinsten Gesetzesverstößen wird die Sendeerlaubnis wieder entzogen. „Der Staat versucht meistens, uns auf legalem Weg dran zu kriegen. Wenn ein Radio mit nur einem Watt mehr sendet als erlaubt, muss es dafür bezahlen. Dabei ist das Problem nicht das eine Watt mehr, es sind die Themen, über die wir reden und die dem Staat nicht passen“, sagt Ivonne.

Aber die Bewegung hält zusammen. „Als wir mal eine Landbesetzung gemacht haben, kamen viele unserer Leute mit Lebensmitteln zum Radio, damit wir bei der Besetzung versorgt waren“, erzählt Ivonne. „Das war ein wichtiger Schritt. Endlich wurden wir von unseren eigenen Leuten nicht mehr verurteilt. Es kamen sogar viele evangelikale Familien, die unseren Kampf unterstützen.“ Es ist Ivonne anzusehen, wie viel ihr das bedeutet.
Radio Werken Kurruf finanziert sich, wie viele der Mapuche-Radios, über Spenden und Einnahmen von Soli-Veranstaltungen in den Gemeinschaften. Das war nicht immer so, lange Zeit war einfach kein Geld da, um die Kosten des Radios zu decken. Julio ging deshalb 2011 nach Santiago de Chile, um dort Geld zu verdienen. Bei einer Bildungs-Demonstration raste jemand mit einem Auto in die Menschenmasse, Julio wurde eingeklemmt und verlor ein Bein. Die medizinischen Kosten und Julios eingeschränkte Beweglichkeit in den folgenden Jahren reduzierten auch die Aktivitäten des Radios. Nur mit Hilfe der venezolanischen Regierung, die wegen Julios Bekanntheit als Aktivist und indigene Führungspersönlichkeit von dem Unfall erfuhr und ihn für eine Behandlung und Reha ins Land holte, konnte er diesen Schicksalsschlag überwinden. Seit zwei Jahren sind Julio und Ivonne nun zurück. Doch die Probleme hören nicht auf. Erst vor Kurzem konnten sie die defekte Antenne ersetzen und sind nach einer erneuten Zwangspause wieder auf Sendung. Ans Aufgeben scheint dennoch keiner von beiden zu denken, zu wichtig sind ihnen das Radio und ihre politischen Ziele. „Das Radio ist ein sehr wertvolles Instrument. Kommunikation ist ein wichtiger Bestandteil jeder Strategie, denn Revolutionen können heute über die Medien gewonnen oder verloren werden“, sagt Julio und blickt sich nach seiner Krücke um. Die liegt mehrere Meter entfernt am Seeufer, wo sein Enkel Aukan – Mapudungun für Krieger – sie nach dem Spielen hat liegen lassen. Alleine wird Julio sie nicht zurückbekommen. Für Menschen, die auf eine Gehhilfe angewiesen sind, ist diese Gegend nicht gerade ideal.

Es ist eine schwierige Situation. Sowohl für Julio und Ivonne persönlich, als auch für das Radio und die Mapuche-Bewegung in Chile. Bei Radio Werken Kurruf versucht man, es möglichst leicht zu nehmen und das Beste daraus zu machen. „Es muss auch nicht immer alles Kampf sein“, sagt Ivonne mit einem Lachen. „Es muss auch Spaß und Unterhaltung geben, nicht wahr? Auch darum geht es bei unserem Radio. Wir senden viel Musik und Programme, einfach nur, damit die Leute eine gute Zeit haben. Das mögen sie eh am liebsten.”

MAPUCHE IM VISIER

Foto: Arturo LedeZma / El Ciudadano
Foto: Arturo LedeZma / El Ciudadano

Die Aktion war groß angelegt. Etwa hundert Polizist*innen dursuchten in den frühen Morgenstunden des 30. März zwanzig Häuser in den indigenen Gemeinschaften von Lleupeco, Tres Cerro und Rahue, nahe der südchilenischen Stadt Temuco. Die Bewohner*innen berichten von heftigen Schlägen gegen die Türen, von Schreien und Beleidigungen und den Taschenlampen, mit denen die Polizist*innen ihnen direkt ins Gesicht leuchteten. Man habe sie zum Teil an den Haaren aus ihren Betten gezerrt. Elf Mapuche wurden festgenommen. Hintergrund des Einsatzes sind neue Ermittlungen im Fall des Großgrundbesitzers und Agrarunternehmers Werner Luchsinger und seiner Frau Vivianne Mackay, die vor drei Jahren bei einem Brandanschlag auf ihr Haus ums Leben kamen. Die aus der Schweiz stammende Familie Luchsinger besitzt Land, auf das Mapuche-Gemeinschaften Anspruch erheben, weigert sich jedoch, dieses zu verkaufen.
In den heute umstrittenen Besitz der 1.200 Hektar kam Familie Luchsinger Anfang des 20. Jahrhunderts durch das indigenenfeindliche Kolonisationsprojekt Chiles, in dessen Rahmen europäische Siedler*innen Land vom Staat geschenkt bekamen. Die Mapuche, die bis Ende des 19. Jahrhunderts ihre Autonomie im Süden Chiles verteidigen konnten, wurden dafür enteignet und vertrieben. Für jeden Siedler gab es 70 Hektar, plus 30 weitere Hektar für jeden Sohn und zehn für jede Tochter. Aber Familie Luchsinger zog Zäune und erweiterte ihr Areal stetig. „Früher gab es hier keine Zäune. Aber weil sie Geld hatten, konnten die Luchsinger Zäune und Markierungen ziehen, wie es ihnen gefiel. Danach wurde vermessen und die entsprechenden Dokumente wurden ausgestellt“, erklärt Moisés Quidel, Mitglied der Mapuche-Gemeinschaft.
Den angrenzenden Mapuche-Gemeinschaften sprach der chilenische Staat im Rahmen der sogenannten Barmherzigkeitstitel etwa 50 Hektar pro zehn Familien zu – zu wenig für die von der Landwirtschaft lebenden Gemeinschaften. „Die Alten sagen, der Landverlust war so immens und der ganze postkoloniale Prozess so gewalttätig, dass viele Menschen völlig verarmt sind. Es blieb ihnen weder Land, noch Vieh. Auch die Saat wurde ihnen weggenommen, sodass sie nichts mehr anbauen konnten”, erzählt comunero Moisés Quidel. Die Familie Luchsinger nutzte die Armut der Mapuche für sich: Schulden, die Mapuche in einem Lebensmittelgeschäft der Luchsinger machten, um nicht zu verhungern, wurden in Form von Landüberschreibungen beglichen.
Im Rahmen des chilenischen Indigenengesetzes wäre es heute möglich, dass die Familie Luchsinger Teile ihres Landes zu Marktpreisen an den Staat verkauft, der diese dann den Mapuche überschreiben würde. Doch dazu sind die Luchsingers nicht bereit. Nachdem auf legalem Weg nichts zu erreichen war, begannen die Mapuche Ende der 1990er Jahre unter anderem mit Landbesetzungen und Brandanschlägen gegen ihre immer noch prekäre Situation vorzugehen. Bei einer Besetzung eines der Luchsinger-Areale am 3. Januar 2008 wurde der Mapuche-Aktivist Matías Catrileo von einem Polizisten mit einer Maschinenpistole  erschossen. Der Fall ist einer der am häufigsten zitierten Fälle von exzessiver Polizeigewalt in Chile. Der Polizist, der Catrileo erschoss, wurde lediglich zu einer Strafe von drei Jahren Hausarrest verurteilt. Genau fünf Jahre nach dem Mord an Catrileo, am 3. Januar 2013 ging das Haus des Ehepaares Luchsinger-Mackay in Flammen auf.
2014 wurde der Machi (Heiler und religiös-spirituelle Autorität) Celestino Córdova wegen Brandstiftung mit Todesfolge zu 18 Jahren Haft verurteilt. Er wurde noch in derselben Nacht verhaftet, knapp 1800 Kilometer vom Haus Luchsingers entfernt. Der angebliche Beweis: Eine Schussverletzung, die ihm Werner Luchsinger vor seinem Tod zugefügt haben soll. Córdova bestreitet, bei der Tat vor Ort gewesen zu sein. Andere Spuren wurde jedoch nie verfolgt. Präsident Sebastián Piñera, das Innenministerium und die Staatsanwaltschaft forderten eine Verurteilung Córdovas nach dem Antiterrorgesetz. Dieses Vermächtnis der Militärdiktatur erlaubt unter anderem deutlich höhere Haftstrafen. Die Richter*innen konnten den terroristischen Charakter jedoch nicht feststellen. Möglicherweise ein Grund für die Staatsanwaltschaft, den Fall jetzt neu aufzurollen.
Denn obwohl das Urteil für Córdova 18 Jahre lautete, war es eine Niederlage für die einflussreiche Familie Luchsinger. Dass Celestino Córdova in so einem emblematischen Fall für den Konflikt zwischen Mapuche, Staat und Privatwirtschaft nicht als Terrorist verurteilt wurde, war für sie wohl eine Enttäuschung. Jorge Luchsinger-Mackay, Sohn des verstorbenen Paares, hatte nach dem Urteil gegen Córdova bereits weitere Schritte angekündigt: „Wir werden nicht zulassen, dass sie ihren Kurs ungestört fortführen können. Ich bin bereit für alle kommenden Gerichtsverfahren, ich will wissen wer diese Straftaten finanziert, organisiert, wer mitmacht und wer vertuscht.“
Dass der Fall Luchsinger-Mackay jetzt wieder aufgenommen wird, liegt laut Staatsanwaltschaft an einer neuen Zeugenaussage. Ein am Brandanschlag beteiligter Mapuche habe im Oktober auf Grund seines schlechten Gewissens ausgesagt und die Ermittlungen in Richtung der nun verhafteten Mapuche geführt. Bei der gerichtlichen Anhörung am Tag der Verhaftung gab der angebliche Schlüsselzeuge vor der Richterin jedoch an, diese Aussage unter Drohungen und massivem Druck von Seiten der Polizei und der Staatsanwaltschaft gemacht zu haben. Ein*e Anwält*in war offenbar auch nicht anwesend.
Für Innenminister und Vizepräsident Jorge Burgos ist das neue Verfahren trotzdem „eine gute Sache“. Es sei immer gut, wenn es bei Verbrechen solchen Ausmaßes nicht zu Straflosigkeit komme. „Das ist gut für das Land“, meint er. Über die Straflosigkeit in den vielen Fällen, in denen Mapuche verletzt und getötet wurden, sprach er nicht.
Unternehmer*innen wie Familie Luchsinger üben seit Jahren Druck auf die Regierung aus; sie fordern mehr Polizei in der Region und härtere Strafen für Mapuche-Aktivist*innen. Letztes Jahr drohten die Transportunternehmen aus Protest gegen das Inbrandsetzen von Lastwagen mit Straßenblockaden das ganze Land lahmzulegen (LN 495/496). Dass Innenminister Burgos kurzerhand alle seine Termine absagte, um Vertreter*innen der Transportunternehmen im Regierungspalast L zu empfangen und Zugeständnisse zu machen, zeigt welchen großen Einfluss die Privatwirtschaft aus La Araucanía auf die Regierung hat.

Der Forderung seitens der Unternehmer*innen nach mehr Polizeipräsenz kommt die Regierung zusehends nach. In Ercilla, einer ca. 100 km nördlich von Temuco gelegenen Gemeinde, wurde kürzlich eine ehemalige Schule zu einer Polizeikaserne umgebaut. Bis zu 300 Sondereinsatzkräfte sollen hier stationiert werden. Die Mapuche wurden vor vollendete Tatsachen gestellt. Als sie auf dem Gelände mit einer symbolischen Besetzung gegen den Umbau protestierten, wurden sie von den Polizist*innen vor Ort gewaltsam festgenommen. Einer schrie: „Was glaubt ihr, wer ihr seid, diese Schule haben wir gekauft! Greift euch diese Indios und bringt sie rein!“, erinnert sich Mapuche Matías Huentecol. „Wir sind eine der ärmsten Kommunen des Landes, aber statt die Schule wieder aufzumachen, setzt die Regierung uns eine Polizeistation hier hin. Wenn sie klüger wäre, würde sie Bildung fördern und nicht Gewalt!“
Auch in Ercilla ist die Erinnerung an einen Mord an einem Mapuche noch lebendig. 2002 wurde der 17-jährige Schüler Alex Lemun von einem Polizisten bei einer Landbesetzung ermordet. Lemun starb an den Folgen eines Kopfschusses, sein Mörder wurde freigesprochen.
Die Polizeiausgaben in der Araucanía haben sich in den vergangenen Jahren dramatisch erhöht. In der Provinz Arauco haben sich die Ausgaben zwischen 2010 und 2015 versiebenfacht. Arauco ist geprägt von Konflikten zwischen Mapuche und Forstunternehmen – das erhöhte Polizeiaufgebot dient in erster Linie dem Schutz der Unternehmen vor Brandstiftung und angeblichem Holzklau. Mit dem Schutz der Bevölkerung vor Terror hat das nichts zu tun, zumal bei den Aktionen der Mapuche in diesem Fall nur materieller Schaden entsteht. Im Gegenteil, dass in der Region massenweise Polizist*innen stationiert werden, die schwer bewaffnet in gepanzerten Fahrzeugen patroullieren, soll die Menschen einschüchtern. Genauso wie die immer häufigeren, teilweise illegalen Dursuchungen von Mapuche-Gemeinschaften.
Diese finden momentan im Wochenrhythmus statt. 200 Polizist*innen durchsuchten Ende April ein Haus in der Comunidad Nicolás Calbullanca. Ein Helikopter kreiste ununterbrochen über der Comunidad. Die Einsatzkräfte zerstörten Fenster und Türen und schlugen so lange auf einen der Bewohner*innen ein, bis er so schwer verletzt war, dass sie selber einen Krankenwagen riefen. Sie zeigten weder einen Durchsuchungsbefehl, noch nannten sie Gründe für die Durchsuchung. „Es ist genau wie in der Diktatur: Wir wissen nur, was passiert, aber nicht warum“, sagt einer der Bewohner*innen.
Präsidentin Michelle Bachelet hatte in ihrem Wahlkampf zwar angekündigt, keinen Gebrauch vom Antiterrorgesetz aus Diktaturzeiten zu machen, aber bei den elf, momentan im Gefängnis von Temuco inhaftierten Mapuche, handelt es sich wohl wieder um eine „Ausnahme“: Die Regierung klagt nun wegen Brandstiftung mit Todesfolge und terroristischem Charakter. Es ist bereits das fünfte Mal in Bachelets zweiter Amtszeit und das vierte Mal in der Region La Araucanía, dass die Präsidentin ihr Versprechen bricht. „Ich und meine Familie haben für Sie gewählt“, schreibt die im Fall Luchsinger-Mackay festgenommene Machi Francisca Linconao aus dem Frauengefängnis in Temuco in einem offenen Brief an Präsidentin Bachelet. „Ich hatte gehofft, die Lage würde sich dann verbessern.“ Ihre Erwartungen wurden enttäuscht.

UNERMÜDLICHE KÄMPFERIN

Denken wir an Berta Cáceres, dann sehen wir sie als erstes auf einem Pickup mit einem Megafon, inmitten einer Demonstration, wie sie kämpferisch ruft: „La tierra no se vende, la tierra se defende!“ – Das Land verkauft man nicht, das Land verteidigt man! Sie war nicht nur die unbestrittene Führungspersönlichkeit der indigenen Organisation COPINH (Ziviler Rat der Völker und Indigenen von Honduras), sondern auch eine unermüdliche, kompetente und motivierende Kämpferin vieler sozialer Bewegungen in Honduras. Nach dem Putsch von 2009 musste sie zeitweise im Untergrund leben, weil die Morddrohungen gegen sie immer zahlreicher wurden. Als Mitbegründerin von COPINH wählten sie die mehr als 200 indigenen Lenca-Gemeinden zur Generalkoordinatorin. In dieser Rolle förderte sie Basisdemokratie und Partizipation. Junge Frauen und Männer trugen im Leitungsteam von COPINH gemeinsam mit den Älteren die Verantwortung für den politischen Widerstand gegen die zerstörerischen Umweltprojekte der honduranischen Regierung.
„Wann auch immer Berta in die Gemeinden kam, wurden spontane Versammlungen einberufen“, berichten Paola Reyes und Domingo Marin, internationale Menschenrechtsbeobachter*innen, die COPINH 2013 und 2014 begleiteten. „Sie war eine mitreißende Rednerin, die komplexe Inhalte in einfachen, aber klaren Worten erklären konnte. Ganz gleich, ob sie über den Artikel 169 der Internationalen Arbeitsorganisation oder den Zusammenhang zwischen Minenkonzessionen und Privatisierung der Flüsse sprach. Dabei hat sie es verstanden, den Lenca zu vermitteln, dass sie stolz auf ihre Identität sein können, auf ihre Weltsicht und Lebensweise, ihren Widerstand gegen Rassismus und gegen die Ausbeutung der Natur.“
Berta Cáceres selbst schöpfte Kraft aus ihrer tiefen Verwurzelung in der Kultur der Lenca und ihrer spirituellen Verbindung zu Land und Natur. Zuletzt kämpfte sie gegen die Errichtung des Wasserkraftwerkes Agua Zarca am Fluss Gualcarque, ein Kampf gegen die Oligarchie ihres Landes, gegen transnationale Unternehmen und internationale Banken. Dieser Fluss ist für die Lenca heilig: „Nach unserer Kosmovision wird er von femininen Geistern bewohnt, sie verkörpern die Spiritualität, sie schenken und bewahren Leben“, betonte Berta Cáceres, als sie 2015 den renommierten Goldman Umweltpreis entgegennahm.
Geprägt wurde sie in ihrer Kindheit und Jugend von der Arbeit ihrer Mutter Austra Bertha Flores, Hebamme und zeitweise Bürgermeisterin in La Esperanza. Das repressive politische Klima im Honduras der 1980er Jahre und die Situation der vor dem Krieg in El Salvador Geflüchteten beeinflussten sie. Als junge Erwachsene wurde sie zur Aktivistin gegen eine US-amerikanische Militärbasis. Sie engagierte sich in den sozialen Kämpfen in Honduras und in anderen Ländern, mit den Mapuche gegen Staudämme oder beim Kampf um Autonomie in Kurdistan. Nicht zuletzt durch diese internationale Ausrichtung inspirierte sie Menschen auf der ganzen Welt.
Berta Cáceres hinterlässt vier Kinder. Tausende begleiteten ihren Sarg in Tegucigalpa und trugen sie in La Esperanza zu Grabe. Der Welt hinterlässt sie die Mahnung, die Zerstörung der Umwelt aus Profitgier zu beenden: „Lasst uns erwachen, Menschheit, wir haben keine Zeit mehr!“

Unter Generalverdacht

Vor dem Schauspielhaus in Santiago hat sich eine Menschenmenge gebildet. 200 gut gekleidete, in Anzügen und Kostümen steckende Personen stehen herum und blicken gen Eingang des Theaters. Eigentlich soll dort das Ballettstück „Der Nussknacker“ aufgeführt werden. Doch der Eingang ist von Polizist*innen abgesperrt. „Ein Irrer hat sich einen Spaß erlaubt und gesagt, es gebe eine Bombe im Theater“, sagt einer der vielen Schaulustigen, die nicht wegen des Ballets, sondern wegen des Schauspiels vor dem Theater gekommen sind. Trotz der Bombendrohung ist die Stimmung entspannt, man wartet eben, wie man es in Chile eben gewöhnt ist – Alltag. Nach einer guten Stunde kommt die Entwarnung: Die Spezialeinheit der carabineros, der chilenischen Militärpolizei, verlässt mit ihren Bombenspürhunden das Gebäude. Wenig später gehen erst die Angestellten, dann die Gäste ins Theater.
Bombendrohungen und Bombenanschläge sind in Chile, vor allem in der Hauptstadt Santiago, keine Seltenheit. Seit Jahren vergeht in Santiago kaum ein Monat, in dem nichts in die Luft gejagt wird. Die Ziele sind meist Geldautomaten, Banken, Polizeistationen und Regierungsgebäude. Sofern es keine Verletzten gibt, sind diese Anschläge kaum eine Nachricht wert. Noch öfter als tatsächliche Anschläge gibt es Bombendrohungen. Mal wird eine Metrostation gesperrt, mal ganze Plätze lahmgelegt, weil angeblich ein Sprengsatz in einem Bus platziert worden sei. Viel heiße Luft, viele Polizeieinsätze.
Seit allerdings im September 2014 eine Bombe 14 Menschen in der Metrostation Escuela Militar verletzt hat, ist die Anspannung merklich gestiegen. Bis dahin verliefen die bombazos immer nach einem ähnlichen Muster. Ein lauter Knall in der Nacht, ein beschädigtes Gebäude oder Fahrzeug – ansonsten fast nichts. Verletzte wurden von den Attentäter*innen generell vermieden. Wenn es welche gab, dann waren es Menschen, welche die Bomben selbst legten, wie Mauricio Morales. Er starb, nachdem eine Bombe am 22. Mai 2009 in seinem Rucksack explodierte. Oder es sind sozial Ausgegrenzte, die medial nicht oder kaum als Opfer wahrgenommen werden, wie der obdachlose Sergio Landskron. Er kam am 25. September 2014 ums Leben, als sich ein Karton, den er auf der Straße gefunden hatte, als Bombe entpuppte.

 

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Schlechter Scherz: Bombendrohung im Theater Santiagos Foto: David Rojas-Kienzle

 

Der Anschlag auf die Metrostation unterscheidet sich dabei von den üblichen bombazos, weil dabei Verletzte billigend in Kauf genommen wurden. In der Konsequenz verschärfte sich der Sicherheitsdiskurs in Chile. Die erst Anfang 2014 wieder ins Amt gekommene Präsidentin Michelle Bachelet hatte noch im Januar festgestellt: „Es gibt in Chile keinen Terrorismus.“ Nun versicherte sie eilig, dass nach dem umstrittenen Antiterrorgesetz ermittelt werde. Bisher allerdings ist die Bilanz der Ermittlungsbehörden, was die Bombenanschläge angeht, nicht nur in diesem Fall mehr als dürftig.Sie zeichnet sich vor allem durch zahllose Fehlschläge und falsche Beschuldigungen aus.
Große Wellen schlug in der Hinsicht der sogenannte „Caso Bombas“. 2011, nach mehr als fünf Jahren Ermittlungen, wurden 14 Männer und Frauen festgenommen. Nach Ansicht der Staatsanwaltschaft waren sie für mehr als 100 Anschläge zwischen 2005 und 2011 verantwortlich. Im Laufe des Gerichtsprozesses stellte sich allerdings heraus, dass die gesammelten Beweise gegen die Angeklagten mehr als dürftig waren. Die Beschuldigten waren allem Anschein nach weniger wegen eines konkreten Verdachts, als wegen ihrer politischen Einstellung verhaftet worden. Dass bei Durchsuchungen anarchistische Texte und Fahrräder gefunden wurden und dass die Angeklagten teilweise in besetzten Häusern lebten, war Grund genug für eine monatelange Untersuchungshaft. Am Ende wurden alle Angeklagten freigesprochen. Die Beweislage war selbst der chilenischen Justiz, die sich sonst nicht durch übermäßige Milde auszeichnet, zu dünn.

 

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Verhängnisvolle Vorurteile: Polizei stellt linke Subkultur unter Generalverdacht (Foto: David Rojas-Kienzle)

 

Auch in anderen Fällen hat der offenbar politisch motivierte Ermittlungseifer von Polizei und Staatsanwaltschaft keine Früchte getragen. Victor Montoya, ein 24-jähriger, war zwischen Februar 2013 und Juni 2014 16 Monate in Untersuchungshaft, weil ihm vorgeworfen wurde, er habe versucht, eine Polizeistation zu sprengen. Auch gegen ihn wurde nach dem Antiterrorgesetz ermittelt, auch er wurde am Ende freigesprochen. Die einzigen Beweise gegen ihn waren zwei anonyme Zeug*innen, die sein Auto in der Nähe der Station gesehen und deswegen sein Nummernschild aufgeschrieben haben wollen. Die Möglichkeit anonyme Zeug*innen heranzuziehen, ist eine der Absurditäten des Antiterrorgesetzes. Wird nach diesem ermittelt, kann die Identität von Zeug*innen geheim gehalten werden, sodass nur die Ermittlungsbehörden Zugang zu diesen haben. Das Gesetz stammt noch aus der Zeit der Diktatur und wird vor allem gegen die indigenen Mapuche im Süden des Landes angewandt. Chile wurde wegen der Anwendung dieses Gesetzes schon mehrfach von interamerikanischen Gerichtshof gerügt, vor allem, weil mit seiner Hilfe rechtstaatliche Grundsätze außer Kraft gesetzt werden.
Der Fall von Victor Montoya zeigt neben den Abgründen der chilenischen Justiz auch, mit welchem Misstrauen staatliche Stellen kritischem Denken und alternativen Lebensformen gegenüberstehen. „Bei der Hausdurchsuchung fand die Polizei Infomaterial, das ich von Demos mitgenommen hatte und Broschüren über Veganismus,“ so Montoya über die Ermittlungen. „Ein Polizist sagte zu meiner Mutter: ,Ihr Sohn ist also Anarchist.‘ – ‚Nein, er ist Veganer.‘ – ‚Das ist doch dasselbe!‘“
Wie bei dem Verfahren im „Caso Bombas“ waren auch hier Vorurteile der Polizei gegenüber Subkulturen sowie die vermeintliche politische Position Montoyas, der sich selbst nicht als Anarchist bezeichnet, entscheidend für den Verfolgungswillen der Behörden. Nachdem Montoya zuerst freigesprochen wurde, wurden die Ermittlungen gegen ihn zwei Tage nach dem Anschlag auf die Metrostation wieder aufgenommen – nur damit er am Ende wieder freigesprochen werden konnte. Die gesamten Verfahrenskosten muss er selbst aufbringen.

 

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„Ihr Sohn ist also Anarchist.“ – „Nein, er ist Veganer.“ – „Das ist doch dasselbe!“ Victor Montoya geriet unter die Räder des fragwürdigen Antiterrorgesetzes (Foto: David Rojas-Kienzle)

 

Wer die tatsächlichen Attentäter*innen sind, ist immer noch fraglich. Für die Bombe in der Metrostation werden nun zwei Männer und eine Frau verantwortlich gemacht, allerdings trifft es mit ihnen wieder Menschen aus der linken Subkultur, was in Anbetracht der bisherigen Ermittlungsmisserfolge wenig glaubhaft wirkt. Angesichts der vergleichsweise starken anarchistischen Bewegung in Chile, die auch vor militanten Aktionen nicht zurückschreckt, erscheinen die Vorwürfe aber auch nicht ganz abwegig. Dennoch gibt es auch Vermutungen, dass es das Militär oder der Staat seien, die die Anschläge verüben, um die Bevölkerung zu verunsichern und somit die Zustimmung zu verschärften Sicherheitsmaßnahmen zu gewinnen – eine bewährte Taktik aus der der Pinochet-Diktatur. Diese Theorie erhält dadurch Auftrieb, da für viele die staatlichen Stellen bisher zu oft erfolglos gegen Linke vorgegangen sind.
Unabhängig davon, wer die Anschläge begeht, führt die Hysterie um die vielen Bomben zu einer Überreaktion der staatlichen Stellen, die in jeder Form von alternativem Lebensstil eine Bedrohung sehen. Der von der Militärdiktatur quasi unverändert übernommene Sicherheitsapparat mit seinen Gesetzen und Akteur*innen schlägt am Ende dann eben doch vor allem nach links aus. Die repressiven Instrumente, die durch die Anschläge scheinbar legitimiert werden, werden sich am Ende wieder gegen die sozialen Bewegungen richten.

Unverdientes Vertrauen

Warum ist die Nichtregierungsorganisation Defensoría Popular so wichtig für Chile?
Rodrigo Román: In den chilenischen und internationalen Medien wird oft versucht, Chile als ein sich entwickelndes, modernes Land darzustellen, in dem eigentlich alles in Ordnung ist. Dabei sind in Chile viele grundlegende Rechte nicht garantiert. Soziale Sicherheit, Gesundheit, Bildung, Wohnung – alles ist dem Markt überlassen. Sogar das Wasser, eine elementare Ressource, ist zu fast 90 Prozent privatisiert. Dass es gravierende Missstände gibt, äußert sich in den verschiedenen sozialen Protesten; und diese werden in Chile massiv kriminalisiert. Das wird zum einen an der Polizeigewalt sichtbar, mit der gegen die Proteste vorgegangen wird, und zum anderen an der strafrechtlichen Verfolgung der Aktivisten. Sozialer Protest wird wie eine Straftat und die Aktivisten werden wie Kriminelle behandelt.
María Rivera: Vor einigen Tagen wurden in Santiago fünf Personen festgenommen, die ein lange leerstehendes Gebäude besetzt hielten. Das Gebäude wurde geräumt und diese Personen, die es als Wohnraum nutzen – auch weil ihnen kein anderer zur Verfügung stand – werden nun als Kriminelle in Haft gehalten. Menschen wie sie, die sich der Regierung entgegenstellen und deswegen strafrechtlich verfolgt werden, verteidigt die Defensoría Popular. Dazu gehören Studierende, Mapuche, aber auch Arbeiter im Streik, sexuelle und ethnische Minderheiten, Umweltaktivisten und Bewohner der Elendsviertel, die sich im sozialen Kampf befinden.

Michelle Bachelet ist noch kein ganzes Jahr im Amt, viele Versprechen der Regierung sind noch einzulösen. Konnten Sie hinsichtlich der sozialen Proteste schon Veränderungen feststellen?
MR: Es gab einen Wandel nach der Wahl, aber für die sozialen Proteste war es ein negativer. Die Regierung von Sebastián Piñera wollte die sozialen Bewegungen bremsen, indem sie Proteste in Form von Straßenblockaden, Besetzungen von Schulen, Universitäten oder öffentlichen Gebäuden mit dem Hinzpeter-Gesetz (benannt nach dem damaligen Innenminister; Anm. der Red.) zu kriminalisieren versuchte. Die Ablehnung und die Mobilisierung gegen dieses Vorhaben waren extrem groß, sodass es gestoppt werden konnte. Michelle Bachelet hingegen genießt in der Bevölkerung großes Vertrauen. Viele Leute denken: Jetzt haben wir Michelle, jetzt wird es sicher besser. Und widersetzen sich der Regierung nicht mehr. Dabei gibt es allen Grund dazu. Die von der Regierung beschlossene Steuerreform ist absolut unzureichend und ihr Wahlversprechen, eine Bildungsreform anzustoßen, die eine öffentliche und kostenlose Bildung garantiert, hat sie nach der Machtübernahme vergessen. Die Politik vergangener Concertación-Regierungen (linkes Parteienbündnis, Anm. d. Red.) – mehr Freiraum für Unternehmen und transnationale Konzerne – bleibt weiter bestehen.

Ein anderes Versprechen kam zu Beginn der Legislaturperiode von Innenminister Peñailillo: Das Anti-Terrorgesetz, das vor allem im Konflikt mit den Mapuche eine Rolle spielt, sollte unter Bachelet nicht angewendet werden…
RR: In Chile gibt es ein Sprichwort: Die Politiker wischen mit dem Ellenbogen weg, was sie vorher mit der Hand geschrieben haben. Statt das Anti-Terrorgesetz nicht anzuwenden, wird momentan sogar dessen Erweiterung diskutiert. Die Anzahl der Gruppen und Personen, auf die es angewendet werden kann, soll vergrößert werden, Telefonate sollen abgehört, Organisationen und Gruppen durch verdeckte Ermittler infiltriert werden. Und das alles, um den „Terrorismus in Chile“ zu bekämpfen. Dabei gibt es in Chile gar keinen Terrorismus! Gesetze wie dieses dienen allein dazu, die sozialen Bewegungen und jegliche Opposition zu kontrollieren.
MR: Zwischen 2010 und heute kam es zu sechs Prozessen auf Grundlage des Anti-Terrorgesetzes. ln vier davon waren wir als Anwälte der Defensoría Popular vertreten. In keinem einzigen kam es zur Verurteilung nach dem Anti-Terrorgesetz. Die Richter konnten in keinem der Fälle den Terrorismus erkennen.

Sind Sie der Ansicht, dass es in Lateinamerika insgesamt eine Tendenz zu mehr Polizeigewalt und Kriminalisierung sozialer Proteste gibt?
MR: Natürlich bleiben die Diktaturen der 1970er Jahre und die damit einhergehende systematische Verfolgung, Folter, Ermordung und Verschwindenlassen von politischen und sozialen Aktivisten unvergleichbar. Dennoch: Heute wird die Entwicklung vieler lateinamerikanischer Länder gelobt. Die Regierungen können ihre Programme aber nur durch Repression und Verfolgung der Bevölkerungsteile durchsetzen, die nicht mit ihnen einverstanden sind. Sowohl in Chile als auch in Argentinien und Brasilien sind deswegen Personen in Haft und ich sehe nicht, dass es weniger werden – im Gegenteil. Auch die Art der Repression ist in vielen Ländern ähnlich, egal ob sie von Regierungen der Linken, Mitte-Linken oder Rechts-Konservativen geführt werden. Die Ereignisse in Mexiko, wie das Verschwinden der 43 Studenten, sind ein Beispiel für die zunehmende Repression und gleichzeitig eine erschreckende Ausnahme. Auf noch grausamere Weise kann ein Staat kaum gegen seine Bevölkerung vorgehen.

Wenn es keinen Unterschied macht, welchem politischen Lager die Regierungen angehören, was würde einen tatsächlichen Unterschied machen?
MR: Die Institutionen, die Gesetze, die Verfassung sind in Chile seit der Diktatur immer noch dieselben. Wir haben eine Demokratie, die sich nur durch den Wahlgang alle vier Jahre als solche zeigt. Diese Demokratie kommt bei der Bevölkerung aber nicht an, die Chilenen nehmen nicht teil an der Ausarbeitung von Gesetzen, der Aufstellung von Wahlkandidaten, den Entscheidungen über Steuern. Wir brauchen mehr als neue Regierungen oder Gesetzesänderungen. Solange wir uns nicht endlich von der Verfassung der Pinochet-Diktatur verabschieden, sind alle Reformen, ob Bildungsreform, Gesundheitsreform oder Steuerreform, nur kosmetische Korrekturen.
RR: Schon vor 25 Jahren hatte die Concertación eine Reform der Verfassung versprochen. Trotzdem hat sich seitdem nicht viel verändert. Während ihrer letzten Präsidentschaft war es noch die Regierung Bachelets, heute ist es die von „Michelle“ und es regiert nicht mehr die Concertación, sondern der Nueva Mayoría („Neue Mehrheit“). Aber eigentlich entscheidet immer noch die vieja minoría („alte Minderheit“), die die Interessen der chilenischen Bevölkerung heute genauso wenig vertritt wie früher und sozialen Protest kriminalisiert und verfolgt.

„Nur über meine Leiche!“

Was hat es mit dem Wasserkraftwerk am Pilmaiquén-Fluss auf sich?
In das Mapucheterritorium, aus dem ich stamme, fallen heute verschiedene transnationale Firmen ein. Unter ihnen die Pilmaiquén S.A., die vier Staudammprojekte am selben Fluss in Planung hat, von denen eins ein heiliges Territorium der Mapuche bedroht. Diese Invasion wird vom chilenischen Staat verschwiegen. Ich bin Repräsentantin derjenigen, die von diesem Projekt betroffen sind. Wir wollen, dass diese Vorgänge öffentlich werden und dass eine politische Lösung für dieses Problem gefunden wird.

Das Recht indigener Gemeinden, vor der Genehmigung eines solchen Projektes konsultiert zu werden, wurde also nicht respektiert?
Nein, die indigenen Gemeinden wurden bei der Genehmigung nicht konsultiert, wie es eigentlich hätte getan werden sollen. Wir waren die letzten, die Wind von diesem Projekt bekommen haben. Es wird so getan, als gebe es keine indigenen Gemeinden auf dem Gebiet. Die CONADI, eine öffentliche Institution, die eigentlich die Aufgabe hat, die Interessen der Indigenen zu vertreten, geht in Gemeinden wie Ilihue, Reinahue oder Llanquihue, wo es traditionelle indigene Autoritäten gibt, und bestimmt Vertreter, die nicht von den Gemeinden bestimmt wurden. Dadurch soll die Mapuchebevölkerung gespalten werden.
Die CONADI setzt sich für die Unternehmen ein, was nicht so sein sollte. Dabei wird die Organisation in ihrem Handeln durch die bestehende Verfassung der Diktatur behindert. Unsere indigenen Autoritäten in den Gemeinden werden weder konsultiert noch respektiert.

Und im Moment organisieren Sie sich gegen diese Wasserkraftprojekte?
Wir sind schon organisiert! Diese Projekte laufen schon seit langem und wir haben es geschafft, dass die Firma acht Jahre lang nicht bauen konnte. Jetzt sind wir in einer finalen Etappe, zwischen September und Januar wird gebaut. Was heute auf dem Spiel steht, ist die Spiritualität der Mapuche. Unser Land und unsere spirituellen Stätten werden überfallen. Das Problem ist, dass dieses Entwicklungsmodell weder für uns Menschen noch für die Umwelt gesund ist, sondern selbstzerstörerisch und individualistisch. Und dieses Modell wird mit Hilfe von Repression gegen alle Widerstände durchgesetzt. Was wir fordern, ist Gerechtigkeit für die indigenen Völker, aber auch, dass einfach die Gesetze angewendet werden.

Welche Repression hat es schon gegeben?
Es gibt Hausdurchsuchungen, Kinder werden festgenommen und in Handschellen gesteckt, Frauen und alte Leute werden verprügelt, Leute werden von Projektilen der Polizei verletzt. Sie suchen Waffen, wo es keine gibt. Leute werden ungerechtfertigterweise angeklagt, wie der Machi Celestino Córdova, eine spirituelle Autorität, der als Terrorist verurteilt wird, weil er angeblich ein Ehepaar, Großgrundbesitzer, ermordet haben soll, was aber nicht bewiesen werden kann. Sie haben Gemeinden angegriffen und besetzt. Leute mussten über Monate im Freien leben, sich von Beeren ernähren, weil sie, wenn sie zu ihren Häusern zurückgegangen sind, verprügelt wurden. Die Proteste der Mapuche werden kriminalisiert, die Forderungen nach Land werden kriminalisiert. Was würde denn passieren, wenn alle Leute wüssten, dass wir Gerechtigkeit fordern und dass sich die Situation unseres Territoriums klärt? Man muss sich das vorstellen: Erst überfallen sie dein Haus und hinterher wollen sie dir dein eigenes Haus verkaufen! Für uns ist das respektlos. Wir hatten unendliche Geduld, aber das geht nicht mehr.

Warum ist es so wichtig, diese heiligen Orte zu beschützen?
Zum einen, weil es fast keine mehr gibt. Zum anderen wissen wir, was die Folgen sind, wenn es diese Orte nicht mehr gibt: Depression und Loslösung von deiner Kultur. Und mit dem Verschwinden der Kultur verlieren wir auch unsere Spiritualität. Sie ist das Wichtigste, was wir haben. Ohne Spiritualität gibt es keine Identität. Und das verteidigen wir: Die Identität von uns Mapuche. Und diese ist ist mit den spirituellen Stätten verbunden. Es ist eine andere Form uns zu verteidigen, Widerstand zu leisten. Wir haben die Pacificación (die militärische Eroberung des Mapucheterritoriums durch den chilenischen Staat zwischen 1861 und 1883; Anm. d. Red.), die Missionierung durch die katholische Kirche ausgehalten. Aber heute dekolonisieren sie und diese Dekolonisierung braucht Territorium.

Was ist dafür noch notwendig?
Schulen! Die Schule hat nie aufgehört zu kolonisieren. Es gibt keine Mapucheschulen. Es gibt keine interkulturelle Bildung. Und wenn von interkultureller Bildung gesprochen wird, ist damit gemeint, dass die chilenische Gesellschaft die Mapuche assimiliert. Der Staat meint, den Mapuche sagen zu können, wie ein Mapuche zu sein hat und ob du Mapuche bist oder nicht. In den Mapuchegemeinden gibt es nur chilenische Schulen und der Staat forciert das weiter, weil er kein Interesse daran hat, dass wir uns unsere eigene Kultur beibringen und erkennen wer wir sind, denn dann hätte er ein noch größeres Problem als er es jetzt schon hat. .

Denken Sie, dass sich die Situation für die Mapuche verändern wird?
Ja, auf jeden Fall, ob im Guten oder im Schlechten, weiß ich nicht. Aber ich denke, dass wir gegen das Wasserkraftwerk gewinnen werden, daran habe ich immer geglaubt. Ich werde auf keinen Fall zulassen, dass sie es bauen werden. Nur über meine Leiche! (lacht) Und von da an werden wir Schritt für Schritt weiter arbeiten. Aber dafür brauchen wir auch die Unterstützung derjenigen, die keine Mapuche sind.

„Musik ist für mich politischer Aktivismus“

Wer hat dich am meisten beeinflusst bei dem, was du heute machst?
Vermutlich hatte den größten Einfluss mein Vater. Er ist Dichter und hat mir die ersten Akkorde auf der Gitarre beigebracht. Mein Vater ist in einem Kinderheim aufgewachsen. Er stand ganz unten in der Gesellschaft. Trotzdem hat er es geschafft, an die Uni zu gehen und ein Intellektueller zu werden. Für seine Umgebung hatte er künstlerisch und politisch, aber auch in Bezug auf die Familie eine antiautoritäre Einstellung. Ich war es gewohnt, dass mein Vater mit mir spricht wie mit einem anderen Erwachsenen. Aber sehr schnell bemerkte ich, dass am Ende doch er das letzte Wort hatte. Zum Beispiel beim Thema Schule: Ein guter Vater aus dem Armenviertel will unbedingt, dass seine Kinder gute Noten bekommen, um aus dem Ghetto rauszukommen. Mein Vater war sehr auf meinen Schulerfolg fixiert. Aber ich wollte selbst entscheiden, ob ich lerne oder nicht. Das war traurig, weil ich sehr gern gelernt habe. Lesen war eigentlich meine Lieblingsbeschäftigung. Obwohl ich immer gute Noten hatte, war mein Vater von mir enttäuscht, weil ich nicht immer der Beste sein wollte. Und ich war enttäuscht von ihm, dass das für ihn so wichtig war. Das hat uns zu großem Streit geführt.
 
Wie ging es danach weiter?
Mit zwölf habe ich die Schule abgebrochen und bin in ein zweites Gebäude umgezogen, das zu unserem Haus gehörte und wo wir die Leute aus dem Viertel unterrichtet haben. Dort habe ich sehr viel Zeit alleine verbracht. Für mich war es sehr wichtig und schön, so lange einsam zu sein. Dadurch habe ich bei anderen Leuten bemerkt, wie schnell sie sich an bestimmte gesellschaftliche Automatismen gewöhnten. Als ich in den USA studierte, war ich so lange Zeit nicht in der Schule gewesen, dass Disziplin für mich besonders schwer war. Aber nicht nur das, auch die verschiedenen Rollen, die Geschlechter, die Gewinner, die Verlierer, alles war fremd für mich.
 
Du spielst oft bei politischen Veranstaltungen. Wie bringst du Musik und politischen Aktivismus zusammen?
Ich bin niemand, der gerne vorne steht. Meine Rolle ist eher die des Künstlers im Hintergrund. Es gibt einen Unterschied zwischen politischer Musik und soziologisch-analytischer Musik. Ich schreibe keine propagandistische Musik, sondern Musik, die über ein bestimmtes Thema zum Nachdenken anregt, wobei man meine politische Richtung erkennt. Für mich ist die Musik selbst eine Art politischer Aktivismus. Ich habe ein Bedürfnis, an den gesellschaftlichen Bewegungen teilzunehmen und die Lage nicht nur vom Schreibtisch aus zu betrachten.
 
Was ist dir dabei wichtig?
Kritisch an die Denkstrukturen heranzugehen. Ich könnte mich nicht durch eine bestimmte politische Richtung definieren, aber zum Beispiel denke ich wirklich, dass eine sozialistischere Gesellschaft viel besser wäre als das, was wir gerade haben. Aber ich würde niemals sagen, ich bin Trotzkist oder Anarchist oder dies oder jenes. Das ist eine sehr zerstörerische Diskussion unter Linken, ein Dogmatismus, der nichts bringt, weil sich die Gesellschaft immer weiter entwickelt. Was mich interessiert, ist mehr Partizipation und eine wirkliche Demokratie. Die Institutionen sind total ideologisiert, zum Beispiel die Uni, die Arbeit, im Allgemeinen unsere Lebensziele im Kapitalismus. Wenn uns bewusst werden würde, dass sehr viele Denkweisen in uns erzwungen sind, würden wir uns vielleicht für andere Ziele entscheiden.

Welche Einflüsse gibt es in deiner Musik?
Es gibt keine Musikrichtung, die mir grundsätzlich nicht gefällt. Ich habe einen sehr starken Einfluss von La Trova, chilenischer Musik, Víctor Jara, Violeta Parra, und ganz klar von Silvio Rodríguez. Aber dann habe ich auch Rock gehört, Punk, Hip Hop und natürlich immer klassische Musik, die ich fast zehn Jahre meines Lebens studiert habe. Wer mich an der Gitarre sehr stark beeinflusst hat, ist Leo Brouwer, ein kubanischer Komponist für Gitarre, den man der sogenannten Neuen Musik zurechnet. Er war ein Pionier, weil er Stücke für Gitarre komponierte, die nicht romantisch waren. Lange Zeit wurde die Gitarre als klassisches Instrument nicht sehr ernst genommen.

Du bist während der Diktatur in Chile geboren. Was bedeutet es für dich, in dieser Zeit aufgewachsen zu sein?
Ich bin aufgewachsen an einem Ort, der offensichtlich faschistisch war. Ich kann mich an bestimmte Sachen erinnern, die man als Kind nicht sagen durfte, Musik, die man leiser hören musste. Ich glaube, mein Vater hat uns, als ich ganz klein war, geschützt, zum Beispiel hat er mir einen Helm geschenkt und mit mir Soldat gespielt. Danach hat er mir gesagt, er wollte, dass wir nicht so auffällig wären, weil damals alle Kinder wegen der Propaganda Soldat werden wollten. Später hat mein Vater ganz offen über die Diktatur gesprochen, und über die Zeit davor. Denn darüber hat man überhaupt nicht mehr gesprochen. Ich habe einen Hass gegenüber Sachen, die ich gar nicht hassen sollte, aber die ich mit der Diktatur identifiziere, zum Beispiel bestimmte Popmusik. Die Kultur war sehr oberflächlich, weil die Musik und Kunst von davor verboten und zerstört waren. Und das war eigentlich die einzige interessante Kultur. 
 
In deinem Lied „Desde Alemania“ –„Von Deutschland aus“ – sagst du, du tätest nichts lieber, als in Chile dabei zu sein und für Veränderungen einzutreten. Inwieweit bist du im aktuellen Geschehen in Chile involviert?
Durch meine Musik versuche ich die Sachen, die ich für gut halte, zu unterstützen. Das machen wir durch verschiedene Organisationen von Chilenen. Zum Beispiel nehme ich an Veranstaltungen der Kommunistischen Partei teil, obwohl ich ihnen nicht immer zustimme. Normalerweise mache ich das ehrenamtlich, aber mein Preis ist, dass ich sagen darf, was ich will. Ich spreche auch hier über die Lage in Chile. In linken Kreisen wird sehr schnell idealisiert, was in Lateinamerika passiert, und ich finde es wichtig zu sagen, dass nicht alles so ist, wie man es sich vorstellt.

Wie schätzt du die aktuelle Lage in Chile ein?
Jetzt gibt es diese sozialistische Regierung von Michelle Bachelet. Sie diskriminiert zum Beispiel die Mapuche: Schon in ihrer ersten Regierungszeit benutzte Bachelet das Anti-Terror-Gesetz von Pinochet gegen sie – als Konsequenz sind zwei gestorben. Das ist eine Militarisierung. Diese
Regierung ist außerdem gefährlich für die sozialen Bewegungen. Es gab eine große Bewegung in den 80er Jahren, die zum Sturz Pinochets führte. Aber nachdem die Concertación an die Regierung gekommen war, hat die Bewegung aufgehört und der Neoliberalismus war so stark wie nicht einmal unter Pinochet. Zwanzig Jahre später hatten wir nochmal diese Situation, dass die Leute gegen einen wirklich rechten Präsidenten, Piñera, demonstrierten: Die Opposition war stärker, weil sie von Mitte bis Links reichte, man konnte Forderungen stellen und Druck auf die folgende Regierung ausüben. Daher kommen alle Reformen, die Bachelet – wie sie sagt – durchführen will. Aber jetzt ist die Opposition wieder gespalten.

Du bist nicht nur Musiker, sondern hast von klein auf Gedichte geschrieben. Schon als Dreizehnjähriger hast du einen Gedichtband veröffentlicht…
Manche Sachen habe ich nie wieder so gut und mit so viel Leidenschaft  ausgedrückt wie damals, weil ich immer noch diese Euphorie vom ersten  Eindruck von den Dingen hatte. Das war das erste Mal, dass ich mir existenzielle Fragen gestellt habe. Kinder werden oft unterschätzt. Auch andere Kinder in meiner Umgebung haben sich interessante philosophische Fragen gestellt. Das Buch handelt hauptsächlich von der Schule, von Religion – denn damals fühlte ich mich sehr einsam als nicht christliches Kind in der Schule, weil alle christlich waren. Ich habe immer ganz offen gesagt, dass ich Atheist bin. Außerdem habe ich absurde Geschichten immer sehr gerne gehabt. Zum Beispiel heißt das Hauptgedicht „Cabeza, manos, tronco y cuello“ („Kopf, Hände, Rumpf und Hals“) und es geht darum, dass der Kopf eines Menschen wegläuft und dieser Mensch seinen Kopf über die Straße verfolgt und mit ihm diskutiert. Als Kind waren meine Gedichte immer wie Prosastücke, sehr schlicht, ohne große Metaphern, sehr modern. Ich bin sehr froh, dass die Fragen der Kindheit durch das Buch festgehalten werden, weil ich glaube, dass viele Menschen vergessen, wie glücklich sie als Kinder waren.

Am 14.11.2014, 20 Uhr, gibt Nicolás Miquea ein Konzert im Bayouma-Haus, Frankfurter Allee 110, in Berlin-Friedrichshain.

Infokasten:

Nicolás Rodrigo Miquea

Der Liedermacher, Dichter und klassische Gitarrist wurde 1981 in Talcahuano in Chile geboren. Mit 18 Jahren ging er mit einem Stipendium in die USA, um klassische Gitarre an der Eastman School of Music in Rochester im Bundesstaat New York zu studieren. Ab 2004 setzte er sein Studium an der Hochschule für Musik Franz Liszt in Weimar sowie an der Hochschule für Musik und Theater in Rostock fort, für das er ein Stipendium der Rosa-Luxemburg-Stiftung erhielt. Seit Anfang 2014 lebt Nicolás Miquea in Berlin.

Liedtext:

Diskussion mit einem Europäer
Es ist gut, klar. Gott denkt nicht wie wir, die Geschichte und die Natur beweisen es. Lass uns also ohne ihn weiter machen (und er darf über uns sagen, was er will).
   Du sagst sogar, dass Gott von den Menschen erfunden wurde. Sicher. Sie haben auch die Wissenschaft, die Philosophie, die Kunst und die Massenvernichtung erfunden. Jetzt lass uns bitte das Thema wechseln.
   Im Fernsehen kam vor, dass die Menschheit schrecklich gewesen ist, bis endlich die Gegenwart gekommen ist. Gut, mindestens hat sie es bis Europa geschafft. Und du, Europäer: Du glaubst ihnen noch? Dass der Krieg den Frieden bringt und die Sonne sich um die Erde dreht?
   Du hast gelernt, dass die Geschichte eben gerade geendet hat, dass uns nur bleibt, uns hinzusetzen und fett zu werden, bis die Erde sich mit Knochen füllt. Darüber möchte ich mit dir nicht diskutieren. Denk aber daran, wer dir das erzählt hat. Weißt du es noch? War es dein Papa? War es ein Lehrer? Der History Channel? Ein Magazin? War es ein Buch?
   Ehrlich gesagt, denke ich wie du, der politische Kampf kann nutzlos wirken. Aber was bitte willst du, dass ich mit meinen Ideen mache? Und wohin werfen wir die Toten? Die Erde ist schon angefüllt mit Knochen. Die Toten gehen schon über die Erde. Sie sind sogar als billige Arbeitskraft tätig. Guck, sie haben dir das Obst eingepackt. Hoffentlich bekommst du nicht eines Tages Angst vor ihnen und nimmst ihnen den Tod weg, der ihnen noch bleibt.
Komm näher. Ich will dir was sagen. Nur dir. Der Rest der Fußgänger muss nicht unbedingt hören, was ich dir sagen will. Es ist Folgendes: Ich verstehe dich. Du glaubst an nichts, denn du hast alles. Du vergisst immer wieder den Tsunami aus Knochen, der sich unter deinen Grenzen verbirgt. Für dich dreht sich die Geschichte um die Gegenwart. Vorsicht: Sie bewegt sich doch.
// Nicolás Miquea, Übersetzung: Nicolás Miquea, Anna von Rohden

Mit Musik vereinen

Das Konzert zur offiziellen Präsentation Ihrer CD in der venezolanischen Botschaft kam zweifellos gut an beim Publikum. Was wird Ihnen von dieser Feier in Erinnerung bleiben?
Mateo: Die Worte des Botschafters haben mich inspiriert, denn ich hatte zuerst über unsere Idee gesprochen, mittels der Musik Lateinamerika in einer Band zu vereinen. Danach ergänzte er, dass es bis heute starke Repression und Hass gegenüber den Indigenen gebe. Und nun ja, unser Name kommt aus einer indigenen Sprache. Es gefiel mir zu hören, dass durch die Band die Indigenen unterstützt würden. Jetzt, wo ich nach 20 Jahren nach Chile zurückkehre, möchte ich mit Mapuche-Organisationen, mit denen meine Mutter arbeitet, in Kontakt kommen.

Wie ist es zu dem Namen Huepil Che gekommen?
Damián: Huepil Che sind zwei Wörter aus der Sprache der Mapuche. Huepil bedeutet „Regenbogen“, che bedeutet „Menschen“. Damit lassen sich eine Reihe von Dingen in Verbindung bringen: dass sich alles vereinen lässt, dass alle Farben zusammen harmonieren können. Wir wollen dieses Konzept in Berlin anwenden, weil hier diese Menge von Leuten aus aller Welt zusammenkommt. Je größer die Verschiedenartigkeit, desto reicher, das ist die Botschaft unserer Musik.
Mateo: Angela Merkel hat gesagt: „Multikulti ist gescheitert.“ Wir möchten Frau Merkel durch unser Projekt sagen, dass sie sich mit diesem Satz vielleicht geirrt hat. Letzten Endes leben wir hier und teilen verschiedene Perspektiven und Kulturen. Anscheinend geht sie zum Essen in ein Restaurant in Bayern und nicht hier in Berlin aus [lacht].

Können Sie noch etwas mehr über den Stil von Huepil Che erzählen? Welche Elemente sind darin enthalten, wie entsteht ein Lied?
Mateo: Ich habe neun Jahre, von acht bis 16, in Miami gelebt. Deshalb bringe ich großen Einfluss von dort mit, kubanischen, zentralamerikanischen. Selbstverständlich habe ich auch Rock und viel Hip Hop gehört. Als mich die Liebe zur Musik ergriff und ich Musiker wurde, lernte ich die Musik von Django Reinhardt kennen. Dadurch hab ich mich auf den Weg zu Jazz, Swing, Gypsy-Swing und Balkan begeben. Mein Part ist also eher etwas, was sich nach Jazz anhört.
Damián: Klar, der Rock ist eher mein Part. Ich komme aus Buenos Aires und dort ist die Rockkultur sehr, sehr stark. Aus gesellschaftlichen Gründen, wegen der Diktaturen, wegen der Entwicklung der Stadt, der Rock war immer eine Form der Äußerung. Daneben gibt es natürlich den Tango, zusammen mit folkloristischer Musik wie Candombe, Murga und Musik aus dem Landesinneren, zum Beispiel Chacarera. Mit dem allen bin ich aufgewachsen und das bringe ich bei Huepil Che ein. Erickson und Hiula haben immer sehr viel zentralamerikanische Musik gehört. Dann haben wir zwei französische Bläser, die Swing und Gypsy-Jazz, spielen. Und außerdem einen deutschen Trompeter, aber er ist fast so latino wie wir.
Erickson: Wir nehmen die traditionelle Musik und verwandeln sie in zeitgenössische Musik. Das wurde zwar schon oft gemacht, aber wir machen es aus unserer Perspektive, auf unseren Wurzeln aufbauend. Einer sagt mir: zeig mir den Rhythmus von dort, wo du aufgewachsen bist. Also zeige ich ihm den venezolanischen Walzer und es ist genau der Rhythmus, der zum Lied passt, obwohl ich mir das Lied mehr als Popsong vorgestellt habe.

Wie ist das Projekt Huepil Che denn entstanden?
Damián: Mateo und ich lernten uns vor einigen Jahren in Berlin kennen. Wir begannen im berühmten Kunsthaus Tacheles zu spielen, das leider nicht mehr existiert. Wir machten Jams mit vielen anderen Leuten und bemerkten, dass wir ähnliche Ideen hatten. So begann Huepil Che mit einem sehr kleinen Repertoire an Jazzstandards und brasilianischer Musik von Hermeto Pascoal.
2012 hatten wir die Gelegenheit, auf dem Myfest [Festival zum 1. Mai in Berlin-Kreuzberg; Anm. der Red.] auf einer ziemlich großen Bühne zu spielen. Da stellten wir fest, dass wir nur zu zweit waren [lacht]. Und so haben wir mit Leuten geprobt und am 1. Mai 2013 war das erste offizielle Konzert von Huepil Che als Band, mit Erickson am Schlagzeug, mit Percussion und einer Trompete. Im Oktober 2012 haben wir drei eigene Lieder aufgenommen, unsere erste Demo-CD…
Mateo: …und 2013 begannen wir mit Hiula zu spielen, der jetzt unser Percussionist ist, und mit Daniel, unserem Altsaxophonisten. Mit ihnen haben wir unsere erste CD aufgenommen.
Damián: Das Album hat viel mit uns selbst zu tun. Das Design der CD stammt von einem Freund aus Buenos Aires, der auch die Demo entworfen hatte. Das Cover ist ein bisschen psychodelisch, aber das Reisen ist sehr präsent.

Was wollen Sie als Nächstes unternehmen?
Damián: Jetzt gerade versuchen wir so viele Konzerte wie möglich für den nächsten Sommer zu bekommen, um uns bekannt zu machen. Vor allem müssen wir die Menge an Festivals in Europa und Deutschland nutzen.
Mateo: Für nächsten Oktober haben wir schon die nächste CD in Aussicht. Wir arbeiten mit einem Soundtechniker zusammen, der bereit ist, die Risiken mit uns zu tragen. Und klar, wir würden gern ein Plattenlabel finden und einen Vertrag machen. Aber heutzutage passiert so etwas sehr selten. Einer der größten Pläne ist deswegen, so viel wie möglich über das Marketing zu lernen, das man allein über das Internet machen kann. Selbstverständlich träume ich davon, dass wir eine Tournee durch Lateinamerika machen. Jeder von uns wird jetzt nach Lateinamerika gehen, um die CD zu promoten. Ich gehe nach Chile, Dam nach Argentinien.
Erickson: Ich fliege noch nicht nach Venezuela. Ich würde gern, aber ich war schon letztes Jahr in Caracas. Ich habe auch ein Interview über Huepil Che gegeben, für einen nationalen Radiosender. Jetzt seid ihr dran. Ich verspreche mehr Lieder zu komponieren.

Mehr Infos: https://soundcloud.com/huepil-che

„Chile braucht eine neue Verfassung“

Sie wurden bei den Parlamentswahlen am 17. November in den Kongress gewählt. Welches sind die Projekte, die Sie verfolgen werden?
Wir von der Neuen Mehrheit haben ein Programm, das das Ergebnis der Arbeit der Kommissionen und aller politischen Akteure der Neuen Mehrheit ist. Dieses Programm hat drei zentrale Punkte: eine neue Verfassung für Chile, eine Bildungsreform, die die Forderungen der Studenten nach einer öffentlichen, kostenlosen und guten Bildung aufgreift, und eine Steuerreform, da die Bildungsreform finanzielle Mittel benötigt.

Aber Ihre Sitze im Parlament reichen nicht aus, um diese Reformen ohne die Stimmen der Rechten durchzuführen.
Für einige Schritte haben wir die notwendige Mehrheit, aber für die wirklich tiefergehenden Reformen müssen wir durch klare und transparente Vorschläge und in Zusammenarbeit mit den sozialen Bewegungen vor allem die unabhängigen Abgeordneten überzeugen.

Was ist der Unterschied zwischen der Koalition Neue Mehrheit und dem vorherigen linken Parteienbündnis Concertación?
Die Neue Mehrheit umfasst mehr politische Kräfte: die Kommunistische Partei, die Partei Breite Soziale Bewegung und die Partei Bürgerliche Linke. Und das ist gut. Man muss Kräfte vereinen. Je mehr politische Akteure an der Ausarbeitung eines Programms arbeiten, desto besser. Diversität und Meinungsverschiedenheit sind wichtig und man muss debattieren.

Während der Präsidentschaft von Michelle Bachelet wurden viele Dinge versprochen, unter anderem eine Bildungsreform. Passiert ist dann am Ende aber wenig. Warum sollte das in dieser Legislaturperiode anders werden?
Die Reform, von der Sie sprechen, war nicht Teil eines Programms und ich bin mit den Ergebnissen, die sie gebracht hat, auch nicht zufrieden. Das Programm für diese Wahlen wurde breit diskutiert, von allen politischen Kräften der Neuen Mehrheit und auch einigen Unabhängigen. Das darf man nicht vergessen! Auch unabhängige Kandidaten saßen in den Kommissionen! Nun können die Bürger überwachen, ob das Programm umgesetzt wird. Dementsprechend hat es eine größere Verbindlichkeit.
Eine Legislaturperiode dauert nur vier Jahre und nicht alles wird sich in dieser Zeit umsetzen lassen. Aber man kann Fortschritte erzielen und vor allem einen klar definierten Weg vorgeben, wohin dieser Fortschritt gehen soll. Chile befindet sich in einem neuen politischen Zyklus und das ist der Moment, um das Vertrauen in die Politik und die Institutionen wiederherzustellen.

Aber hat sich das mangelnde Vertrauen in die Institutionen nicht auch daran gezeigt, dass 51 Prozent der Chilen_innen nicht zur Wahl gegangen sind?
Es ist schwierig, den Grund zu finden, warum die Leute nicht wählen gegangen sind. Es gibt verschiedene Gründe, der größte ist wahrscheinlich, dass das Vertrauen fehlt oder dass es vielen Menschen egal ist, wer gewinnt. Es gibt aber noch viele andere Gründe, warum viele Chileninnen und Chilenen nicht wählen gegangen sind. Weil der Bus zum Wahllokal zu teuer ist, weil Leute nicht dort wohnen, wo sie gemeldet sind…
Glauben Sie, dass der Fortschritt innerhalb der engen Grenzen, die die Verfassung von 1980 setzt, erfolgen kann?
Ich spreche mich für eine neue, demokratische und partizipative Verfassung aus. Wir können nicht mit einer Verfassung weitermachen, die während der Militärdiktatur installiert wurde, die nicht demokratisch ist, die keinen Rechtsstaat garantiert. Wir müssen uns vom binomialen Wahlrecht trennen, wir müssen bindende Bürgerentscheide schaffen, die indigenen Völker anerkennen und Umweltthemen berücksichtigen. Das alles muss in eine neue Verfassung.

Welche Rolle werden die ins Parlament gewählten Studierendenvertreter_innen haben? Verändert das die Dynamik im Parlament?
Es ist wichtig, dass die Studenten ins Parlament eingezogen sind. Politische Kämpfe müssen auf der Straße von sozialen Bewegungen, aber auch in den Parlamenten, in den Institutionen geführt werden. Denn wenn sich die Studierendenvertreter nur auf die Straße beschränken, werden immer wieder dieselben Leute wie vorher gewählt. Deswegen ist es gut, dass glaubwürdige Führungspersönlichkeiten aus sozialen Bewegungen, die das System verändern wollen, auch innerhalb der Institutionen arbeiten.

Werden die Mobilisierungen weitergehen – jetzt, da eine linkere Regierung an die Macht kommt?
Das ist schwierig zu beantworten. Das wäre, als würde ich für die Studenten sprechen. Aber ich denke nicht, dass die Mobilisierungen aufhören müssen. Ich glaube, Chile ist dabei sich zu verändern. Die Demonstrationen waren ja auch nicht nur von der Studierendenbewegung, es gab Demonstrationen für die Gleichstellung von Homosexuellen, für die gleichgeschlechtliche Ehe, es gab sogar eine große Demonstration für die Legalisierung von Marihuana.

Die Mapuche sind enormen Repressalien ausgesetzt, ihre Gemeinden werden militarisiert, es gibt unzählige politische Gefangene. Wird sich daran etwas ändern?
Das muss sich in der Gesellschaft verändern. Wir können nicht darüber entscheiden, was das Volk der Mapuche will. Die Mapuche sind sehr vielseitig, es gibt verschiedene Gemeinden mit unterschiedlichen Ansichten. Ich glaube, dass die wesentlichen Politikentwürfe aus der Gemeinschaft der Mapuche kommen müssen. Ich denke, Chile hat sich verändert, wir wollen kein Antiterrorgesetz mehr, wir wollen keine Repression gegen die Mapuche mehr. Wir wollen eine Verfassung, die die indigenen Völker anerkennt. Und ich denke, da müssen wir als Gesellschaft Fortschritte erreichen.

Zur gleichen Zeit geht aber die Repression gegen die Mapuche weiter. Und es gibt auch Teile der Gesellschaft, die Machtpositionen besetzen und die nicht mit dem einverstanden sind, was Sie sagen.
Ja, das stimmt. Chile ist eine vielseitige Gesellschaft. Wir müssen daran arbeiten, dass das, was ich eben gesagt habe, umgesetzt wird. Politische Prozesse gehen nicht immer den direkten Weg. Ich werde nie für Repression sein, weder gegen die Mapuche noch gegen ein anderes indigenes Volk.

Infokasten:

MAYA FERNÁNDEZ ALLENDE
Die Tierärztin Maya Fernández Allende wuchs im kubanischen Exil auf und kehrte Anfang der 1990er Jahre nach Chile zurück. Für die Sozialistische Partei gewann sie bei den Parlamentswahlen die Hauptstadtbezirke Ñuñoa und Providencia. Diese gelten eigentlich als Hochburg der Rechten. Bereits 2012 kandidierte sie für das Bürgermeister_innenamt in Ñuñoa, wo sie dem Kandidaten der rechten Partei Nationale Erneuerung äußerst knapp unterlag.

Die Versprechen der Michelle Bachelet

Für die Medien war es eine schöne Steilvorlage: Das Duell der Generalstöchter Michelle Bachelet und Evelyn Matthei. Erstere trat für die Mitte-Links-Koalition Neue Mehrheit an, Zweitere für das rechte Parteienbündnis Allianz für Chile. Töchter von Vätern, die befreundet waren und die der Putsch gegen Salvador Allende 1973 entzweite. Bachelets Vater wurde zum Opfer der Pinochet-Diktatur, Mattheis Vater machte unter Pinochet weiter Karriere. Michelle Bachelet hatte den Wettstreit um die Wähler_innenstimmen im ersten Wahlgang am 17. November klar gewonnen und bekam 46,7 Prozent der gültigen Stimmen. Matthei konnte lediglich 25 Prozent der Stimmen für sich behaupten. Die Ausgangslage für den zweiten Wahlgang war damit klar: Alles andere als ein Sieg von Bachelet wäre eine Sensation.
Auch wenn die klare Stimmenverteilung beeindruckt, bleibt festzuhalten, dass die Wahlbeteiligung bei lediglich 49 Prozent lag. Damit hat mehr als die Hälfte der wahlberechtigten Chilen_innen nicht teilgenommen. Die im Vergleich zu den Wahlen 2009 äußerst geringe offizielle Beteiligung – diese lag damals bei 86,7 Prozent – hängt auch damit zusammen, dass nun zum ersten Mal alle Wahlberechtigten automatisch in das Wahlregister eingetragen wurden und zudem keine Wahlpflicht herrschte. Aber auch in absoluten Zahlen nahm die Beteiligung um etwa 500.000 Wähler_innen ab. Chile ist damit das lateinamerikanische Land mit der geringsten Wahlbeteiligung. Neben dem klaren Vorsprung bei den Präsidentschaftswahlen konnte das Mitte-Links-Bündnis Neue Mehrheit auch bei den Parlamentswahlen Erfolge verbuchen. Im Senat stellt sie nun 20 der 38 Senator_innen und im Abgeordnetenhaus 67 der 120 Parlamentarier_innen. Die uneindeutigen Mehrheitsverhältnisse sind dem in Chile gültigen binomialen Wahlrecht geschuldet, bei dem pro Wahlkreis die Kandidat_innen mit den meisten und den zweitmeisten Stimmen ins Parlament einziehen. Dies führt dazu, dass es äußerst schwierig ist, klare Mehrheiten im Parlament zu erlangen.
Neben den Abgeordneten, die für Parteien kandidierten oder sich als unabhängige Kandidat_innen einem Parteienbündnis anschlossen, sind auch drei unabhängige Kandidat_innen ins Abgeordnetenhaus eingezogen: Alejandra Sepúlveda, Giorgio Jackson und Gabriel Boric. Boric und Jackson bilden zusammen mit Camila Vallejo und Karol Cariola den Block der ins Parlament gewählten Studierendenvertreter_innen, die sich bei den seit 2011 andauernden Protesten einen Namen gemacht haben. Dabei ist die Wahl des unabhängigen Boric eine kleine Sensation: „Entgegen aller Prognosen haben wir es geschafft gegen beide Bündnisse zu gewinnen und das binomiale Wahlrecht zu brechen“, so Boric. Vallejo und Cariola traten hingegen für die Kommunistische Partei an, die Teil der Neuen Mehrheit ist. Der innerhalb der Studierendenbewegung als moderat geltende Jackson wurde von der Neuen Mehrheit dadurch unterstützt, dass diese in seinem Wahlkreis keine_n Kandidat_in aufstellte.
Wenn alles wie erwartet läuft und Michelle Bachelet Präsidentin wird, hat sie sich mit ihrem Programm große Aufgaben gegeben: Die zentralen Punkte ihres Programms, eine Bildungsreform, eine Steuerreform und eine neue Verfassung sind die Versprechen, mit denen sie antrat. Vor allem bei der Umsetzung der Bildungsreform ist sie allerdings auf die Stimmen der unabhängigen Abgeordneten angewiesen. Ob und wie sich die versprochenen Reformen verwirklichen lassen, ist fraglich. Schon 2006, während ihrer ersten Amtszeit, versprach sie als Reaktion auf die Proteste der Sekundarschüler_innen eine Bildungsreform. Diese entpuppte sich jedoch als absolut unzureichend. Von Seiten der Studierendenbewegung, die die Beteiligung am Wahlprozess teilweise kritisch betrachtet, ist bereits jetzt Skepsis zu vernehmen. Melissa Sepúlveda, Präsidentin der FeCh, der Organisation der Studierenden der Universidad de Chile äußerte im Interview mit der Zeitschrift Punto Final: „Die guten Absichten von Michelle Bachelet und der Kommunistischen und Sozialistischen Partei sind wenig wert. Um zu wissen, was sie wirklich wollen, müssen wir abwarten und beobachten wie sie agieren.“
Auf die Frage, wie denn die Erarbeitung einer Verfassungsreform ausehen könnte, hat Bachelet bisher auch keine konkrete Antwort gegeben. Im Zuge der Wahl forderte eine Kampagne, auf den Wahlzettel ein „AC“ für „Asamblea Constituyente“ zu schreiben und dadurch dem Wunsch nach einer Verfassunggebenden Versammlung Ausdruck zu verleihen. Die derzeit geltende Verfassung, die für viele Probleme verantwortlich gemacht wird, wurde 1980 von der Militärdiktatur geschaffen. Auf die Frage, ob Bachelet eine solche Verfassunggebende Versammlung befürworte, antwortet sie stets ausweichend, dass sie für eine neue Verfassung sei. Ob dies im Rahmen der Institutionen möglich ist, wird sich noch zeigen. Sicher ist, dass es bei diesem Thema auch innerhalb der Neuen Mehrheit Konflikte geben wird. So hat Camila Vallejo ein Positionspapier veröffentlicht, in dem sie sich ausdrücklich für eine solche Versammlung ausspricht.
Teile der sozialen Bewegungen betrachten eine potenzielle Regierung Bachelet kritisch. Während der Gewerkschaftsdachverband CUT das Mitte-Links-Bündnis unterstützt, sind die Stimmen aus der eher syndikalistischen Gewerkschaft CGT verhaltener: „Die Neue Mehrheit ist nicht die Stimme der Arbeiter“, so deren Präsident Manuel Ahumado. Auch die Fraktionen innerhalb der Studierendenbewegung, die sich wie Melissa Sepúlveda gegen eine Institutionalisierung der Bewegung aussprechen, betrachten die neue Regierung mit Skepsis. Aus ihren Reihen war eine Kampagne gestartet worden, die dazu aufrief, nicht an den Wahlen teilzunehmen.
Von Seiten der linken Mapuche-Organisationen ist ebenfalls wenig Begeisterung über eine zukünftige Präsidentin Bachelet zu hören. In ihre erste Amtszeit fallen unzählige Verfahren gegen Mapuche, bei denen das aus der Militärdiktatur geerbte Antiterrorgesetz Anwendung fand. Außerdem wurden während ihrer Amtszeit die jungen Aktivisten Matías Catrileo, Jaime Mendoza und Johnny Cariqueo von der Polizei ermordet, ohne dass die dafür verantwortlichen Polizeibeamten zu Haftstrafen verurteilt wurden. Im Rahmen der Veröffentlichungen von Wikileaks ist zudem ans Licht gekommen, dass die Regierung von Bachelet den US-Geheimdienst FBI um Hilfe gebeten hatte, um Verbindungen zwischen Mapuche-Organisationen und der kolumbianischen Guerilla FARC sowie der baskischen Untergrundorganisation ETA zu ermitteln. Damit wurde klar, dass die Regierung den Konflikt lediglich unter dem Aspekt der Repression betrachtete.
Sollte Bachelet wie zu erwarten den zweiten Wahlgang gewinnen, die gemachten Versprechen allerdings nicht einhalten, könnte eine unruhige Regierungszeit auf sie zukommen – oder wie es Melissa Sepúlveda ausdrückte: „In Chile müssen Veränderungen passieren oder Michelle Bachelet wird ein Land mit steigender politischer Instabilität regieren müssen.“

// DOSSIER: CHILE – DAS ERBE DER DIKTATUR

Demonstration für das NEIN bei Pinochets Referendum, Santiago, 01. Oktober 1988 // Foto: José Giribás

(Download des gesamten Dossiers)

Chile spielt auf der politischen Weltkarte eine überwiegend zu vernachlässigende Rolle. Das 17 Millionen-Einwohner_innenland, das sich im äußersten Südwesten der Amerikas auf einer Länge von 4.300 Kilometern eingeengt zwischen den Anden und dem Pazifik befindet, taucht in den europäischen Medien nur selten auf.

Selbst der Besuch des chilenischen Präsidenten in Deutschland ist kaum eine Nachricht wert. Das war allerdings nicht immer so. In der Geschichte der Linken in Deutschland war Chile einer von vielen Bezugspunkten, an dem sich nach der Wahl von Salvador Allende 1970 Revolutionsträume von einem demokratischen Sozialismus orientierten. Doch die vielen unter der Regierung der Unidad Popular begonnenen Projekte fanden ein jähes Ende. Der Militärputsch am 11. September 1973 begrub den Traum eines gerechteren Chiles. Der Regierungspalast La Moneda wurde von Kampfflugzeugen der chilenischen Streitkräfte bombardiert, Salvador Allende kam ums Leben – ob durch Mord oder Selbstmord ist bis heute strittig. Tausende Chilen_innen wurden in den folgenden Tagen und Wochen inhaftiert, gefoltert und ermordet, am Ende der Militärdiktatur sollten es mehr als 3.000 Tote und Verschwundene sowie zehntausende Gefolterte sein. Während dieser 17 Jahre waren die Menschenrechtsverletzungen der Regierung, nicht zuletzt wegen der vielen Exilierten, auch in der deutschen Linken ein wichtiges Thema. Insgesamt 500.000 Chilen_innen verließen ihr Heimatland. Während Pinochet auf die freundliche Unterstützung von deutschen Politiker_innen wie Franz-Josef Strauß zählen konnte, wurde von Bewegungsseite die chilenische Militärregierung kritisiert und die Opposition unterstützt.

Die damalige Solidarität mit der vorangegangenen Unidad Popular-Regierung führte unter anderem zur Gründung der Lateinamerika Nachrichten. Am 28. Juni 1973 erschien unter dem Namen Chile-Nachrichten die erste Ausgabe. Etwa 15 bis 20 Personen, die in Chile zuvor Faszination und Probleme des sozialistisch-demokratischen Aufbruchs miterlebt hatten, hatten in Deutschland zunächst das Komitee Solidarität mit Chile ins Leben gerufen. Anfangs sollten für die Kommunikation innerhalb des Komitees alle zwei Wochen aktuelle Informationen über die sich zuspitzende politische Lage zusammengetragen werden, die erste Nummer bestand aus acht eng bedruckten Seiten. Insgesamt 50 Exemplare davon wurden von Matrizen gezogen und an einige Freund_innen geschickt. Nach dem Putsch stieg das zuvor geringe Interesse an Chile innerhalb der westdeutschen Linken sprunghaft an, die Solidaritätsbewegung erhielt enormen Zulauf. In vielen Städten der BRD gründeten sich Chile-Komitees, die unter anderem Demonstrationen, Proteste und Hilfsaktionen für exilierte Chilen_innen organisierten. Ende 1973 betrug die Auflage der Chile-Nachrichten bereits 6.000 Stück, später erreichte sie zeitweise bis zu 8.000 Exemplare. Der Umfang der einzelnen Ausgaben stieg rasch auf 60 Seiten, die Zeitschrift erschien fortan monatlich. Um die vielen angesammelten Dokumente zu archivieren und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, wurde 1974 das Forschungs- und Dokumentationszentrum Chile-Lateinamerika (FDCL) gegründet, das mit den LN bis heute eng kooperiert.

Thematisch drehte sich zunächst fast alles um Chile. Mit der Zeit gerieten mehr und mehr Nachbarländer Chiles in den Fokus, in denen ebenfalls das Militär regierte und ganz ähnliche politische Bedingungen herrschten. Spätestens nach dem Putsch in Argentinien am 24. März 1976 wurde die Berichterstattung der Chile-Nachrichten zunehmend breiter und der Anteil an Chile-Artikeln kleiner. Als Konsequenz erschien die Zeitschrift ab der Nummer 51 im September 1977 unter dem bis heute bestehenden Namen Lateinamerika Nachrichten, zunächst mit dem Zusatz „5. Jahrgang der Chile-Nachrichten“. Elf Jahre später verschwand der alte Name auch aus dem Untertitel.

2013 jährt sich der Putsch zum 40. Mal, genauso wie das Bestehen der Lateinamerika Nachrichten. Grund genug, einen etwas genaueren Blick auf Chile zu werfen. 40 Jahre Putsch in Chile bedeuten auch 40 Jahre neoliberale Reformen. Während in Europa beim Stichwort Neoliberalismus die Namen Thatcher, Reagan und vielleicht auch Schröder und Blair fallen, war Chile unter Federführung der sogenannten Chicago Boys, in den USA ausgebildeten Wirtschaftwissenschaftler_innen, das Experimentierfeld für neoliberale Politiken.

Die in der Militärdiktatur umgesetzten Reformen, die die sozialen Errungenschaften ihrer Vorgängerregierungen zunichte machten, sind bis heute maßgeblich für das politische und wirtschaftliche Leben in Chile. Die Privatisierungen im Gesundheits- und Bildungssektor, die Rücknahme der Landreformen, die Arbeitsgesetze, die strafrechtlichen Mechanismen, das Wahlrecht, dies und vieles mehr sind auch heute, 23 Jahre nach dem Ende der Diktatur, Eckpfeiler chilenischer Institutionalität. Denn entgegen vieler Erwartungen hat das linke Parteienbündnis Concertación, dem auch Salvador Allendes Sozialistische Partei angehört, in 20 Jahren Regierungsverantwortung von 1990 bis 2010 das neoliberale Modell und die von der Pinochet-Administration 1980 verabschiedete Verfassung nicht angetastet. Ähnlich steht es um die Vergangenheitsbewältigung. Die juristische Aufarbeitung der Verbrechen verläuft bruchstückhaft und nur wenige Mörder und Folterer mussten bisher in Haft.

Die Kontinuitäten zwischen Militärdiktatur und der aktuellen Politik wurden lange Zeit unwidersprochen hingenommen. Nicht zuletzt aus Angst vor dem übermächtigen Militär, dem auch heute noch zehn Prozent der Einnahmen des riesigen chilenischen Staatskonzerns Codelco zustehen. Gerade in der Anfangszeit der neuen Demokratie stellte die Armee ihre Macht zur Schau. In Erinnerung geblieben ist hierbei vor allem der Boinazo, bei dem Augusto Pinochet Ermittlungen wegen Korruption gegen sich und seinen Sohn dadurch verhinderte, dass er am 28. Mai 1993 bewaffnete Spezialeinheiten 200 Meter vom Regierungssitz auflaufen ließ. Aber auch nachdem die Bedrohung durch das Militär nicht mehr so virulent war, zeigten die gewählten Regierungen keine Bestrebungen, etwas an der Situation Chiles zu verändern, was auch lange ohne großen Widerstand der Bevölkerung funktionierte.

Neben den Mapuche, die sich immer in Konflikt mit dem chilenischen Staat befanden, waren es die Schüler_innen, die sich mit moderaten Forderungen gegen die neoliberale Bildungspolitk richteten. Sie waren die ersten, die, wenn auch erfolglos, auf die vielen Widersprüche im neoliberalen Musterland Chile hinwiesen.
Während Tomás Hirsch, Präsidentschaftskandidat für die Wahlen 2009 im Interview mit den LN zu den sozialen Bewegungen noch sagte, in Chile gäbe es „immer weniger solcher Organisationen und sie bluten aus“, hat sich die Lage vier Jahre später dramatisch verändert. Nachdem im April 2011 erstmals groß gegen HidroAysén, ein Megastaudammprojekt im Süden Chiles, demonstriert wurde, etablierte sich kaum einen Monat später die auch in den LN viel diskutierte Studierenden- und Schüler_innenbewegung, die sich zunächst auf Bildungsthemen beschränkte, mittlerweile aber eine gänzliche Abkehr vom neoliberalen System fordert.

Das Aufkommen dieser Bewegung weckte die chilenische Zivilgesellschaft aus der Jahre währenden Apathie. Mittlerweile regt sich an allen Ecken und Enden Widerstand gegen die Regierungspolitiken. Im nördlich gelegenen Freirina wurde so eine riesige Schweinemastfarm verhindert, die Bewohner_innen der abgelegenen Provinz Aysén erkämpften sich Zugeständnisse von der Regierung, und selbst wenn das Bildungssystem in Chile immer noch kaum verändert besteht, müssen sich die Herrschenden mit konstanter Mobilisierung arrangieren. Dieses Arrangieren geschieht allerdings weniger mit dem Versuch, die Forderungen zu integrieren und die Proteste zu befrieden. Vielmehr wird die Repression über die versuchte Verabschiedung neuer Gesetze verschärft. Allerdings zeichnet sich bis jetzt nicht ab, dass die vielfältigen neuen sozialen Bewegungen sich von der Repression einschüchtern lassen.

Mit dem vorliegenden Dossier möchte die Redaktion der Lateinamerika Nachrichten die Hintergründe der heutigen Situation beleuchten. Zunächst zeigt LN-Mitbegründer Urs Müller-Plantenberg die Kontinuitäten des unter der Militärdiktatur eingeführten neoliberalen Wirtschaftssystems auf. Markus Thulin beleuchtet in seinem Beitrag exemplarisch die konkreten Folgen des Neoliberalismus für das chilenische Gesundheitssystem.

Anschließend beschreibt Oliver Niedhöfer einige Absurditäten des ebenfalls noch aus Diktaturzeiten stammenden binominalen Wahlsystems. Über die schwache Position der Gewerkschaften schreibt Nicolás Véliz Rojas. Auch wenn sich die Menschenrechtslage im Vergleich zur Diktatur deutlich gebessert hat, reagiert der chilenische Staat auf Proteste mit Repression, wie David Rojas Kienzle in seinem Beitrag aufzeigt. Insbesondere trifft die Repression die Studierendenbewegung, die Steve Kenner vorstellt und die indigenen Mapuche im Süden des Landes. Über die Hintergründe des Mapuche-Konliktes berichtet Llanquiray Painemal.

Dass es die LN ohne die Solidarität mit Chile gar nicht gäbe, liegt auf der Hand. Was aber hat die internationale Solidaritätsbewegung mit Chile sonst gebracht? Das haben wir verschiedene Protagonist_innen der damaligen Zeit aus Chile und Deutschland gefragt. Bei einem Thema, zu dem Teile der Solibewegung in der BRD gearbeitet haben, gab es einen direkten Bezug zu Deutschland. Über die abstoßende Sektensiedlung Colonia Dignidad, die der deutsche Kinderschänder Paul Schäfer 1961 gegründet hatte, schreibt Friedrich Paul Heller. Dieter Maier geht anschließend der Frage nach, warum sich Pinochet so lange an der Macht halten konnte. Interviews mit einer Exilchilenin, die in die BRD kam und einem Exilchilenen, den es in die DDR verschlug, geben Einblicke in das Leben im Exil. Dass sich Chile mit der Aufarbeitung der Vergangenheit noch immer schwer tut, während das Nachbarland Argentinien bedeutende Fortschritte zu verzeichnen hat, beschreibt Maja Dimitroff. Schließlich wirft Leonor Abujatum einen Blick auf chilenische Literatur, in der die Vergangenheit deutlich besser aufgearbeitet wird als auf politischer ebene in Chile.

Bei der Fülle möglicher Themen kann kein Anspruch auf Vollständigkeit bestehen.Wir hoffen, inhaltliche Lücken durch eine kontinuierliche Berichterstattung zukünftig ausfüllen zu können. Mit diesem Dossier starten wir in den 41.Jahrgang der einstigen Chile-Nachrichten. Viele weitere der LN werden folgen.

Paradies der Kaltherzigkeit

Herr Skármeta, Chile hat eine Reihe großer Autor_innen hervorgebracht: Mistral, Neruda, Donoso, Bolaño, Edwards, Sie selber, Zurita und andere. Kann man sagen, dass diese chilenischen Autor_innen eine Art „Chilenischer Literatur” geprägt haben? Wie könnte man diese Literaturströmung charakterisieren?
Einige ihrer Themen sind obsessiv chilenisch. Insbesondere die Darstellung des Verhältnisses zwischen den sozialen Klassen zeigt bei einigen dieser Autoren eine geradezu frontal direkte oder auch metaphorische Lesart auf. So dramatisch bis tragisch die Auseinandersetzungen zwischen den Klassen in Chile war und ist, so allgegenwärtig ist sie in der zeitgenössischen Literatur – sowohl in der Poesie als auch in Prosa, Kino und Theater. Einige Autoren haben eine eher konservative und etwas apathische Vision dieses Dramas, während andere sich mit enormer Vorstellungskraft in schmerzhaften und libertären Visionen ergehen.

Wie würden Sie Ihre Rolle als Schriftsteller in der Gesellschaft definieren? Hat sich diese Rolle seit dem Ende der Diktatur verändert?
Als Schriftsteller versuche ich, die Gefühle meiner Helden mit dem Rhythmus der chilenischen Gesellschaft zu synchronisieren. Meine Literatur ist weder emblematisch noch symbolisch noch programmatisch. Ich bringe meine Protagonisten lediglich in Situationen, in denen sie ihr Leben zu meistern haben: Das kann während des Versuchs des demokratischen Sozialismus von Allende sein (Ich träumte, der Schnee brennt), die Flucht ins Exil (Nixpassiert), die Repression unter Pinochet (Die Tage des Regenbogens) oder die Rückkehr zur Demokratie. Einige dieser „chilenischen” Obsessionen haben auch Werke von mir beeinflusst, die von der europäischen Vergangenheit handeln, wie zum Beispiel Die Hochzeit des Dichters.

In Ich träumte, der Schnee brennt haben Sie den Alltag in Chile kurz vor dem Militärputsch beschrieben. Welche Bedingungen träfe ein erfolgshungriger Jugendlicher vom Land heutzutage in Santiago de Chile an?
Optimale Bedingungen: In der chilenischen Gesellschaft, die mit der Genauigkeit eines Schweizer Uhrwerks eingestellt ist, triumphieren hauptsächlich individualistische Jugendliche. Rücksichtslos wurde hier eine Politik in die Praxis umgesetzt, die ihre Kinder zu Produzenten oder Konsumenten erzieht. Der ganze Rest – Kunst, Philosophie, Literatur – wird als überflüssig betrachtet. Immerhin hat die inspirierende Studentenbewegung die konservative und lächerlich pragmatische Agenda der Politiker und ihrer schlafenden Institutionen aufgewühlt.

2011 und 2012 wurde Chile von verschiedenen Protesten erschüttert; nicht nur in Santiago, sondern auch in Araukanien und Aysén im Süden des Landes. Einige dieser Proteste, wie die Studierendenbewegungen, wurden durch große Teile der chilenischen Gesellschaft unterstützt. Andere, wie die Erhebung der Mapuche im Süden, erhielten weniger Unterstützung. Denken Sie, dass diese Konflikte auf eine Spaltung der chilenischen Gesellschaft hinweisen, oder zeigt sich hier eher der Graben zwischen Gesellschaft und politischer Klasse?
Beides. Grundlegende Staatspolitik sollte sein, den Mapuche die Möglichkeit zuzugestehen, in ihrer traditionellen Kultur zu leben. Die verschiedenen Regierungen haben sich den Forderungen der Mapuche lediglich sporadisch angenommen, und auch nur als Reaktion auf deren Proteste. Es wurde eine Politik der „kalten Umschläge” angewandt, welche die Temperatur absenken, aber nicht das Fieber beenden. Die Mapuche wiederum müssen wachsam, aktiv, vereint sein und ihre überlieferte Weisheit nutzen, um nicht in terroristische Akte verwickelt zu werden. Diese könnten früher oder später dazu führen, dass die wachsende Unterstützung durch die chilenische Bevölkerung schwindet.

Was halten Sie als Schriftsteller für das größte Hindernis einer Einigung der chilenischen Gesellschaft?
Die zynische und leichtfertige Ignoranz, mit welcher die Bedürfnisse der anderen nicht anerkannt werden, da wir uns im Paradies der Kaltherzigkeit eingerichtet haben. Nach dem Putsch von Pinochet hat das Juwel „Solidarität” in Chile seinen Glanz verloren. Die jüngsten sozialen und studentischen Bewegungen haben nun dazu beigetragen, dessen „schlafende Seele” wieder zu wecken.

Warum haben die großen Proteste der letzten Jahre erst jetzt begonnen, obwohl sich die sozialen Bedingungen seit der Regierungszeit der Concertación nicht verändert haben?
Die „sozialen” Bedingungen haben sich kaum verändert, dafür aber der politische Rahmen. Das chilenische Volk, das während der Diktatur unter Pinochet als Oberbefehlshaber der Streitkräfte und auch unter deren „spiritueller” Erbschaft enorm gelitten hat, bewies viel Fingerspitzengefühl, um die noch ungefestigte Demokratie nicht zu riskieren. Als die Demokratie allerdings etabliert war, brachen die sozialen Bewegungen während der Regierungszeit von Michelle Bachelet hervor.
Es wurde weniger Pragmatismus und die Vertiefung der erkämpften Demokratie gefordert, die mit Änderungen der Verfassung beginnen sollten. Diese beherrscht uns nach wie vor, da sie vom Diktator festgeschrieben wurde, um zu verhindern, dass durch progressive Kräfte Gesetze zugunsten des Volkes verabschiedet würden.

Sie kennen sowohl Chile als auch Deutschland. Was könnte Deutschland von Chile in der momentanen europäischen Krise lernen?
Nichts. Deutschland kann in dieser Krise nichts von Chile lernen, da das unbarmherzige neoliberale Rezept lautet, den Sozialstaat zu pulverisieren, wie es in unserem Land geschehen ist. Ich würde dem schönen Deutschland trotz der Krise nicht empfehlen, den mit viel Anstrengung und Disziplin vieler demokratischer Generationen erlangten Sozialstaat zu verletzen. Denn trotz seiner hohen Kosten ist es unerlässlich, diesen zu erhalten.

Und was könnte Chile von Deutschland lernen?
Die Deutschen könnten uns Chilenen erklären, wie sie es schaffen, sich in einer Krise zu befinden und gleichzeitig den Motor der europäischen Wirtschaft zu bilden.

Infokasten:

Antonio Skármeta

ist Autor zahlreicher Romane und Erzählungen. Sein bekanntester ist Mit brennender Geduld, der in der Verfilmung Il Postino (1994) weltbekannt wurde. 1973 musste Skármeta als Anhänger Salvador Allendes nach dem Militärputsch Chile verlassen und lebte im Exil in Westberlin. Er kehrte 1989 wieder nach Chile zurück.

„Die Regierung fördert schlechte Arbeitsbedingungen“

Was ist das Ziel und das Arbeitsfeld von Anamuri?
Wir haben die Aufgabe, die Interessen von Bäuerinnen und indigenen Frauen zu vertreten. Das machen wir gegenüber privaten als auch öffentlichen Akteuren. Dabei bearbeiten wir verschiedene Bereiche: Wir machen Bildungsarbeit, Öffentlichkeitsarbeit und Kampagnenarbeit, wobei unsere letzten beiden Kampagnen die Saatgutkampagne und eine gegen ländliche Gewalt an Frauen waren.

Was ist die Saatgutkampagne?
Diese Kampagne wurde 2001 auf dem Weltsozialforum von Via Campesina, der internationalen Landarbeiterbewegung, gestartet. In dieser Kampagne werden verschiedene Themen miteinander verknüpft: Das des Saatguts, weil es eine Gesetzesvorlage gibt, die die Privatisierung des Saatguts vorsieht, die Problematik des Wassers und die Landfrage – das ist alles miteinander verbunden.
Was wir machen ist, Saatgutaustausch zu organisieren. Das verbinden wir mit politischen Forderungen: der Forderung nach Ernährungssouveränität, nach einer Agrarreform und den Forderungen der indigenen Völker nach Territorium.
Das alles wird durch das Gesetz der Privatisierung des Saatguts bedroht, weil dadurch Saatgut Eigentum von Unternehmen wird, also jeder Samen einen Eigentümer hat. Wenn man also Saatgut einsetzen will, muss man um die Erlaubnis eines großen Unternehmens bitten. Das ist somit auch eine Frage des Widerstands, da ohne diesen das Gesetz verabschiedet wird, was wiederum enorme Konsequenzen für Bauern und vor allem indigene Frauen mit sich bringen wird.

Was ist Ihre Aufgabe als Koordinatorin indigener Themen?
Meine Aufgabe ist es, die verschiedenen indigenen Organisationen, die in Anamuri vertreten sind zu koordinieren, von Arica im Norden bis Coyhaique im Süden. Dabei sind Frauen der Aymara, Kolla, Diaguitas und Mapuche vertreten.
Anamuri ist eine nationale Plattform, die aus vielen verschiedenen Organisationen besteht. Allein in Arica zum Beispiel sind es drei regionale Organisationen, die auch aus verschiedenen lokalen Organisationen zusammengesetzt sind. In Copiapó gibt es die Vereinigung der Frauen indigener und ländlicher Bevölkerung Atacama, die aus weiteren 54 Basisorganisationen besteht. Wir sind in fast allen Regionen vertreten.
Was wir in diesem Rahmen machen, ist das Thema der Rechte der indigenen Völker und insbesondere der indigenen Frauen sichtbar zu machen und den Frauen Werkzeuge zu geben, um ihre Rechte verteidigen zu können.

Was sind die größten Probleme, die indigene Frauen in Chile haben?
Zum Beispiel haben sie kaum Zugang zu Krediten. Im Normalfall werden diese nur Männern gewährt. Frauen haben nur dann Zugang zu Krediten, wenn sie sich verpflichten, Kleinunternehmerinnen zu werden. Das heißt, dass sie anders als gewohnt, nicht nur für die Eigenversorgung produzieren sondern sich mit ihren Waren dem Wettbewerb auf dem Markt stellen müssen. Das mag eine Zeit lang gut gehen, aber wenn sie dann scheitern, bleiben sie auf den Schulden sitzen.

Und wie steht Anamuri zur Forderung der Mapuche nach Land?
Anamuri hat die Forderungen der Mapuche in der Vergangenheit über Erklärungen unterstützt. Zudem haben Vertreterinnen Gefangene besucht. Das wird auch weiterhin getan. Nun ist es unser erklärtes Ziel, die Forderung nach einer Landreform aufzunehmen und auf den Tisch zu bringen. Ich bin aber der Ansicht, dass sich die Organisation klarer positionieren sollte, nicht nur über Erklärungen, sondern indem sie die Leute vor Ort besuchen und die Forderungen langfristig und nicht voneinander isoliert unterstützt. Kürzlich hat sich eine Menschenrechtskommission gegründet, die genau das macht und die Fälle von Kriminalisierung, die Forderungen der Mapuche dokumentiert.

Werden andere Probleme ähnlich bearbeitet?
Es gibt eine Kommission von Agrararbeiterinnen, die alle Fälle, in denen Frauen gesundheitsschädigenden Pflanzenschutzmitteln ausgesetzt sind dokumentieren. In Copiapó beispielsweise sind zwei Frauen umgekommen, weil sie dauerhaft Ammoniak ausgesetzt waren.
Es gab bisher drei ethische Tribunale gegen Unternehmen, die Agrargüter exportieren und auch Gerichtsverfahren. Aber diese ziehen sich in die Länge und bis jetzt sind noch keine Urteile gefällt worden.

Welche Probleme haben Agrararbeiterinnen noch?
Sie arbeiten generell unter schlechten Bedingungen. Die Belastung durch Pflanzenschutzmittel ist riesig, weil sie ohne Schutzkleidung arbeiten. Manche Frauen haben deswegen Kinder mit Behinderungen bekommen. In einigen Fällen gibt es keine Sitzmöglichkeiten für die Arbeiterinnen und sie haben nicht einmal das Recht darauf, sich in Gewerkschaften zusammenzuschließen.
Und der Staat unterstützt diese Situation mit der Förderung der Agrarexportproduktion. Deswegen versuchen wir hier in Europa, interkontinentale Bündnisse zu bilden. In Schweden beispielsweise haben wir uns mit einer Gruppe getroffen, die zum Weinmonopol arbeitet.
Es gab durchaus Fortschritte. So haben Arbeiterinnen, die länger als drei Monate arbeiten, mittlerweile Zugang zur Gesundheitsversorgung.

Würden Sie Anamuri als feministisch bezeichnen?
Anamuri ist Teil des World March of Women, und einige Organisationen, die in ihr vertreten sind, definieren sich feministisch. Nach außen hin also ja. Allerdings ist die Situation kompliziert. Innerhalb der indigenen Gemeinschaft bezeichnen sich Frauen zumeist nicht als feministisch, weil dies als gleichbedeutend mit der Trennung von den Männern angesehen wird. Der Diskurs erscheint vielen zu aufgedrängt. Aber es gibt eine Debatte darüber. Wir werden darüber ein Treffen abhalten und diskutieren, ob wir uns als feministisch bezeichnen und was das für uns bedeutet.

Infokasten:

MILLARAY PAINEMAL
ist Mapuche und Koordinatorin für indigene Fragen des Nationalen Verbandes ruraler und indigener Frauen Anamuri. Anamuri ist eine Nichtregierungsorganisation, die die Interessen ruraler und indigener Frauen vertritt und ist Mitglied in der Via Campesina.

Duopol für den Neoliberalismus

„Das Land kann stolz darauf sein, über Jahrhunderte eine aufmerksame, polemische und kämpferische Pressetradition entwickelt zu haben, die es immer geschafft hat, sich gegen staatliche oder private Interessen durchzusetzen, wenn versucht wurde, sie zum Schweigen zu bringen oder anderen Interessen unterzuordnen“. Das schrieb die Zeitung El Mercurio in ihrem Leitartikel zum 200-jährigen Bestehen der Presse in Chile am 15. Februar 2012. Dass diese Aussage angesichts der Medienlandschaft während der Militärdiktatur, als lediglich die Tageszeitungen El Mercurio und La Tercera erlaubt waren, blanker Hohn ist, ist offensichtlich. Aber auch heute ist ein Großteil der Presse in Chile weder aufmerksam, noch unabhängig von staatlichen oder privaten Interessen.
Besonders problematisch ist in Chile, wie Reporter ohne Grenzen in ihrer Rangliste der Pressefreiheit 2013 anmerkt, die Medienkonzentration. Den Zeitungsmarkt teilen sich zwei große Medienkonzerne: die Gruppe El Mercurio und das Consorcio Periodístico de Chile Sociedad Anónima (COPESA). Wenn man lediglich die Tageszeitungen – ohne gratis erscheinende Zeitungen – betrachtet, hat die Gruppe El Mercurio einen Marktanteil von 53 Prozent, COPESA einen Anteil von 46 Prozent. Das restliche Prozent Marktanteil hat die Tageszeitung La Nación, deren Hauptaktionär der chilenische Staat ist.
Die vier Subunternehmen von El Mercurio gehören alle der Familie Edwards, weswegen in Bezug auf die Zeitungen der Gruppe auch vom „Imperio Edwards“, dem Imperium der Edwards, gesprochen wird. Präsident der Firma ist Agustín Edwards, der diesen Posten seit dem Tod seines Vaters 1956 innehat. El Mercurio hatte im Vorfeld des Putsches gegen Salvador Allende im Jahr 1973 von der CIA finanzielle Unterstützung erhalten, um gegen die Regierung zu arbeiten, wie der Church-Report zur Aufarbeitung der Verwicklungen der CIA in Chile feststellte.
Agustín Edwards selbst gilt als politisch rechts-konservativ, was sich auch daran zeigt, dass er der Stiftung Paz Ciudadana (Bürgerlicher Frieden) vorsitzt, die sich auf die Fahne geschrieben hat, die Kriminalität zu mindern, indem sie Einfluss auf die öffentliche Meinung und politische Entscheidungsträger_innen nimmt. Diese persönliche Fokussierung auf sicherheitspolitische Themen findet sich auch in der redaktionellen Arbeit der Zeitungen wieder. In ihren Leitartikeln werden regelmäßig Aufrufe zur Verschärfung der Maßnahmen gegen Kriminalität gefordert, was sich auch auf „politische Kriminalität“, wie Vergehen auf Demonstrationen, bezieht.
Der zweite Riese im chilenischen Printmediengeschäft, die Aktiengesellschaft COPESA, hat eine kompliziertere Besitzstruktur als das Familienunternehmen El Mercurio. Das Unternehmen, das La Tercera die zweitgrößte kostenpflichtige Tageszeitung des Landes herausgibt, ist auf sechs Eigentümergesellschaften verteilt, die jeweils 16,6 Prozent der Aktien des Unternehmens halten. Einer Studie der beiden Wissenschaftler Osvaldo Corrales Jorquera und Juan Sandoval Moya der Universidad de Santiago zufolge fällt auf, dass die Einzelpersonen, die hinter den Gesellschaften stehen, ihre Anteile an COPESA über ihre guten Kontakte zur Militärdiktatur erhalten haben.
Dass nur zwei Medienkonzerne die chilenische Printpresse dominieren, ist kein Zufall. Während es bis zum Militärputsch 1973 eine große Vielfalt an Zeitungen und Zeitschriften gab, die mit unterschiedlichen politischen Strömungen oder Parteien verbunden waren, wurde die Presse unter Pinochet gleichgeschaltet und bis auf El Mercurio und La Tercera verboten. Allerdings gab es einige in der Klandestinität oder teilweise in Europa produzierte Zeitungen und Zeitschriften, wie Análisis, Apsi, Mensaje und Hoy, die gegen die Diktatur anschrieben. Nach dem Ende der Diktatur, zu dem auch die oppositionelle Presse ihren Teil beitrug, sahen sich die Zeitschriften mit ökonomischen Schwierigkeiten konfrontiert, die durch die Regierungspolitik des christdemokratischen Präsidenten Patricio Aylwin noch verschärft wurden. Sämtliche öffentlichen Einrichtungen und die Regierung belegten die vier kritischen Zeitschriften mit einem Werbeembargo und beschränkten sich darauf, in der konservativen Presse, die die Militärdiktatur unterstützt hatte, zu inserieren (s. LN 426). Gleichzeitig verbot sie die Finanzierung der kritischen Presse durch die niederländische Regierung, da diese eine Einmischung in innere Angelegenheiten darstelle. Der chilenische Journalist Juan Pablo Cárdenas beschreibt dies in seiner Autobiografie treffend: „Die Übergangsregierung hat sich ganz elegant, ohne Zensur oder Verbot, unliebsamer Kritiker entledigt.“
Ein immer wiederkehrender Kritikpunkt an den großen Medien im heutigen Chile ist, dass sie ihre Aufgabe zu informieren zugunsten des Zugewinns von Leser_innen aufgeben. „Letzten Endes geht es den journalistischen Projekten in Chile nicht darum, Leser für ein ideologisches oder politisches Projekt zu gewinnen, sondern darum, in Übereinstimmung mit dem neoliberalen ökonomischen Modell, mit dem sich die großen Medien identifizieren, Konsumenten zu gewinnen“, so der Journalist Gustavo González Rodríguez.
Inhaltlich betreiben El Mercurio und La Tercera in Bezug auf die sozialen Bewegungen Chiles Hofjournalismus der Regierung. Was die Forderungen der Mapuche betrifft, beschränkt sich beispielsweise El Mercurio darauf, die Pressemitteilungen der Regierung wiederzugeben. So zitierte die Zeitung anlässlich des am 18. Februar begonnenen Hungerstreiks des gefangenen Mapuche Emilio Berkhoff – ohne Gegenüberstellung der Position Berkhoffs oder einer anderen oppositionellen Stimme – den Pressesprecher der Regierung: „[Berkhoff] wurde nicht wegen seiner politischen Ideen festgenommen, sondern wegen illegalen Waffenbesitzes und Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte.“ La Tercera steht El Mercurio in diesem Punkt in nichts nach. Die einseitige Berichterstattung über die Studierendenbewegung 2011 veranlasste die damalige Präsidentin der Studierendenorganisation der Universidad de Chile, Camila Vallejo dazu, La Tercera keine Interviews mehr zu geben.
Diese Beispiele verdeutlichen die Tendenz innerhalb der Zeitungen dieser Gruppe, soziale und politsche Konflikte einerseits nur aus der Perspektive der staatlichen Akteure darzustellen und andererseits – ganz auf Linie der Stiftung Paz Ciu-dadana – dadurch zu entpolitisieren, dass sie als Kriminalitätsproblem gezeigt werden. Oder, um es in den Worten der chilenischen Journalistin Alejandra Matus zu sagen, die 1999 wegen ihrer Recherchen zum chilenischen Justizapparat ins US-amerikanische Exil gehen musste: „22 Jahre nach der Rückkehr zur Demokratie herrschen die Laster der Parteilichkeit, der Willfährigkeit gegenüber offiziellen Quellen und die Nachlässigkeit in Bezug auf offenkundige Ungerechtigkeiten bei den traditionellen Medien immer noch vor.“